Was zur Abhilfe geschah

Es wurde zunächst unter lärmenden Verkündigungen das genuesische Lotto

eingeführt. Bewährtes Schröpfmittel anderswo, hier versagte es. Erstens

war die allgemeine Verarmung zu weit fortgeschritten, zweitens war das

Mißtrauen zu groß. Kam hinzu, daß der Hauptprämieneinnehmer eines Tages

mit dem Monatserlös, einer erheblichen Summe, auf Nimmerwiedersehen

verschwand.

Sonach ward im Staatsrat beschlossen, die Grafschaft Sayn-Altenkirchen

zu verpachten. Dem Pächter sollte verstattet werden, ein Stück des

dazugehörigen Westerwaldes zu schlagen. Nach umständlichen Verhandlungen

wurde das Projekt durchgeführt. Fünfzigtausend rheinische Gulden: eine

Maus im Magen eines Mastodonts.

Hierauf wurde veräußert: das Gut Ringstetten im Tauberkreis; Schloß

Villingen bei Weißenburg samt Gärten, Äckern, Wiesen; ein halbes Dutzend

Höfe im Mainkreis; das Fischereiprivileg in der Rezat; das Jagdrecht im

Altmühlgrund: Brocken, um einen gähnenden Schlund zu stopfen.

Herr Stein zu Altenstein, Hofmarschall, riet untertänigst zur

Verauktionierung einiger der wertvollen Gemälde im Schloß. Besaß man

doch die Medea des Vanloo; bewundertes Meisterwerk. Den blutigen Dolch

in der Hand, den Blick voll Wut und Verzweiflung, mit dem feuerspeienden

Ungeheuer hinter dem von Drachen gezogenen Wagen, hing sie im

Schlafzimmer des Markgrafen, seltsames Ergötzen für die hohe Siesta,

entschuldbar vielleicht durch eine gewisse Ähnlichkeit zwischen dieser

Medea und der zu allen Tageszeiten tragisch gestimmten Mademoiselle

Clairon, von Schmeichlern ausfindig und zum Gegenstand scharmanter

Huldigungen gemacht. Man besaß schöne Stücke von Salvatore Rosa und den

berühmten Zentauren aus Bronze, Geschenk des weiland Königs von Polen.

Zu diesem Vorschlag schüttelte der Markgraf finster den Kopf. Abgesehen

davon, daß man Kunstwerke nicht ohne Schmälerung des fürstlichen

Ansehens unter den Hammer bringen konnte, waren es Embleme, farbige

Tapeten des auserlesenen Daseins, Bestätigung sublimer Führung,

Ahnengut. Herr Stein zu Altenstein wurde bei den Einladungen zum

nächsten Galadiner übergangen.

Minder glimpfliche Behandlung erfuhr der Rat des Herrn von Seckendorf,

Landoberjägermeisters; er deutete an, wenn Ihre Gnaden Lady Craven sich

großmütig bereit fände, einen Teil ihres kostbaren, aus dem

markgräflichen Schatz ihr zugewandten Schmucks für das Wohl des Staates

zu opfern, könne man davon erklecklichen Zufluß in den leeren Säckel

erhoffen. Trauriges Gefasel; der Markgraf brauste auf. Herr von Bibra,

Obristhofmeister, und Marchese Pescanelli, die Günstlinge der Lady,

konnten ihre Entrüstung nicht unterdrücken. Der Landoberjägermeister

wurde für sechs Monate vom Hof verbannt.

Nun schritt man in der Verzweiflung dazu, neue Abgaben auszuschreiben.

Den Mut zu Einwänden hatte niemand, obwohl es klar am Tage lag, daß das

Volk schon die alten nicht mehr tragen konnte; ohnehin stockte die

Arbeit; wollte der Landmann leben, nur kärglich leben, so mußte er jeden

Fleck des Bodens nutzen, in aufreibender Fron der ermatteten Erde ihr

Letztes abringen; Salz, Zucker, Gewürz, alles fremde Produkt, alle

einheimische Hervorbringung, mobiles und immobiles Eigentum waren über

das Erdenkliche und Vernünftige hinaus besteuert und belastet. Die

blutpresserische Daumenschraube tat schließlich auch nur die Wirkung,

daß die Amtsschreiber für den Verbrauch von Tinte und Papier und die

Gerichtsvollzieher für ihre Henkergänge mehr aufrechneten, als mancher

Gewerbetreibende von rechtswegen zu zahlen hatte.

In dieser Not wurde der Marchese Pescanelli zum Retter.

Fragt nicht nach Wiege und Heimat des Mannes. Sie waren unerforschlich.

Lästermäuler und Neidlinge nannten ihn einen dunklen Quidam, in die Welt

gesetzt von einem noch dunkleren und geadelt vom heiligen Geist. Doch

hatte er die Strahlen der Gunstsonne auf sich zu lenken gewußt, und das

Mittel hierzu war so simpel wie erprobt: er war niemals anderer Meinung

als irgendein im Rang über ihm Stehender, und den ununterbrochenen

Feuereifer der Zustimmung und Bekräftigung gegen die Allvermögenden kann

man sich daher leicht vorstellen. Er war der Jasager des Markgrafen, er

war der Jasager der Lady; er hatte einen ganzen Schwanz von

unbedeutenderen Jasagern um sich gebildet und war sozusagen deren

ermächtigte Zunge. Als Anerkennung für verschwiegene Dienste hatte ihm

der Markgraf die oberste Leitung des Balletts übertragen, ein seinen

Talenten angemessenes Amt, in welchem er durch die ingeniösesten

Reformen den Beifall seines Herrn erwarb. So hatte er unter anderm eine

Drill- und Zuchtanstalt für Tanzelevinnen begründet, eine durchtriebene

Sache. Es wurden darin elternlose junge Mädchen und solche, deren sich

die Erzeuger gegen das Versprechen dauernder Versorgung entledigen

wollten, bis zum kindlichen Alter herab aufgenommen und für das spätere

Vergnügen des Fürsten erzogen. Nicht bloß für das Vergnügen seiner

Augen. Der weitblickende Marchese sagte sich, daß auch die

bezauberndsten ausländischen Favoritinnen mit den Jahren Rost ansetzen,

und daß eine billige Venus aus Wunsiedel oder Gunzenhausen einer

anspruchsvollen und runzlig werdenden aus Großbritannien am Ende

vorzuziehen sei.

Eines Morgens ließ sich der Marchese beim Markgrafen zur Audienz melden,

und nachdem er vor den Herrn beschieden war, sprach er in heiterer

Bescheidenheit ungefähr wie folgt. Der Sorgenalp quäle den Erlauchten

allzu sichtlich; die erhabene Stirn sei umschattet, das Herz des treuen

Dieners bewegt. Seine Gnaden verkaufe Schlösser, Wälder, Flüsse, Land,

Jahrhunderterbe, um den väterlichen Pflichten gegen ihre Völker zu

genügen; sie werde keinerlei Dank dafür ernten. Weshalb wolle Seine

Gnaden nicht Menschen verkaufen? Schlösser, Wälder, Flüsse, Land seien

unersetzlich; unwiederbringlich Mühlen, Sägewerke, Fischteiche,

Steinbrüche. Menschen hingegen gebe es im Überfluß; wäre es nicht an

dem, so hätte Seine Gnaden mindere Mühe und Last; sie vermehrten sich

ohne Zutun, was man von keinem andern Besitz behaupten könne, und je

geringer das Volk, je reichlicher der Zuwachs. Worauf er Seine Gnaden in

aller Submission bringen wolle, und zwar unter Hinweis auf das

gleichgerichtete Unternehmen Seiner herzoglichen Gnaden von Hessen sei

dies: England in seinem Kampf wider das aufständische Amerika brauche

Soldaten, fahnde nach Soldaten und zahle für jeglichen Mann vier- bis

sechshundert Gulden. Es koste Seine Gnaden nur ein Wort, und dero

unwürdige Kreatur mache sich erbötig, als leichten Gewinn aus dem

Geschäft Monat um Monat hunderttausend Taler auf den Tisch des

Finanzeinnehmers zu legen. Er schloß mit dem Satz: »So lange es demnach

Untertanen in Ihren Staaten gibt, sehe ich nicht ein, wie es

Geldverlegenheiten geben sollte.«

Der Markgraf hörte die Rede des Trefflichen in gedankenvollem Schweigen

an. Seine Überlegungen waren schon einmal denselben Weg gegangen; sie

hatten jedoch eine halb abergläubische, halb empfindsame Scheu nicht zu

besiegen vermocht. Er geriet in Verwirrung. Aberglauben, schimpfliches

Überbleibsel barbarischer Läufte, hatte in dieser aufgeklärten Epoche

keinen Raum; man streifte ihn ab wie einen schmutzigen Handschuh.

Ernstere Skrupel bereitete hingegen das Dogma von der Menschenwürde, auf

das man eingeschworen war, Gegenstand profunder Gespräche und

philosophischer Lektüre. Man schwärmte für den Helden Lafayette, für die

Befreiung der Kolonien vom tyrannischen Joch des englischen Krämers; war

es würdig, war es human, war es fürstlich, dem Büttel und Pfeffersack

die Waffe zu liefern, mit der er seine Macht befestigte?

Der schlaue Marchese erriet die Bedenken und kannte die Schwächlichkeit

ihrer Stützen. Darin erwies er sich als Südländer von Geblüt, daß er den

verhehlten wie den geäußerten Gegenargumenten mit unerschrockener

Rabulistik zu Leibe ging. Er maß das gesprochene Wort am heimlichen

Wunsch, und hätte er es nicht zustande gebracht, diesen über jenes

triumphieren zu lassen, so wäre er eben nicht der geübte Jasager

gewesen, der er war. Jasager, auch Neinsager; es ist im Wesen das

nämliche; wie der Herr befiehlt; man stellt sich an den Kreuzweg und

zeigt nach links, wenn man genau erforscht hat, daß das Verlangen des

Herrn nach links geht; mag er auch flau und zaghaft sich noch so oft

nach rechts wenden; er wird folgen, denn er will folgen.

Zudem: das Wasser stieg bis an den Hals; das gebotene Hilfsmittel

widerstritt weder dem Rang, noch enthielt es eine Gefahr, noch war es,

wie der einsichtige Ratgeber dargelegt hatte, ohne Vorbild in deutschen

Landen. Der Markgraf zögerte an diesem Tage noch; er zögerte auch am

zweiten und dritten; er ließ sich in lange Disputationen mit dem

Marchese ein, nannte ihn unmutig einen häßlichen Verführer und schien zu

grollen. Pescanelli war über alle Maßen betrübt, verschwor seinen

Vorwitz und seine überkühne Dienstbeflissenheit und wollte, um die

Verantwortung nicht allein tragen zu müssen, andere Stimmen gehört

wissen, unparteiische Stimmen, vernünftige, besonnene und

unverdächtige. Es wurden also die kleinen Jasager gerufen, die

Neben-Jasager, der Schwanz: Herr von Bibra, Herr von Schlemmerbach, Herr

von Menzingen, Herr Trechsel von Teufstetten, Herr von Freudenberg, Herr

von Pirkensee. Von diesen Stimmen wurde der Markgraf eines Bessern

belehrt und submissest überstimmt. Er gab seine Einwilligung, fügte aber

hoheitsvoll hinzu, daß er mit der Affaire nichts zu tun haben, keine

Klagen, keine Beschwerden, keine Berichte entgegennehmen wolle und es

den ausübenden Amtsorganen anheimgebe, nach ihrem eigenen Ermessen zu

schalten.

Die Jasager verbeugten sich tief.

Wenige Tage später begann die Treibjagd auf alle Sorten von Männern, die

Waffen zu tragen fähig waren, und durch deren Abfangung und Verschickung

man nichts aufs Spiel setzte. An Bürgersöhne, Bauernsöhne und zünftige

Handwerker wagten sich die mit Menschenraub beauftragten Sendlinge

vorerst nicht. Sie machten Beute unter den Obdachlosen, den Vaganten und

mit dem Felleisen über die Landstraße Wandernden; sie griffen auf:

beschäftigungsuchende Gesellen, des Bettels überwiesene Fremdlinge oder

solche, in denen man Bettler argwöhnte, allerlei fahrendes Volk,

Zigeuner, Scholaren, Jahrmarktskünstler; jeden, der bei Holz- und

Wildfrevel betroffen wurde, die notorischen Trunkenbolde, junge

Studenten ohne Anhang, Musikanten, die in den Dörfern zum Tanz

aufspielten; sie durchstöberten die Gefängnisse, die Fronfesten, die

Irrenhäuser, die Spitäler, die Garküchen. Als das Geschäft in die

Hochblüte kam und die Behörden erst ein, dann beide Augen zudrückten,

wurden sie frecher, drangen nächtlicherweile in die Wohnungen und

stahlen Personen, die als Freigut geeignet schienen und von bezahlten

Angebern denunziert worden waren. So wurden junge Leute aus ihren

Berufen gerissen, junge Ehemänner von der Seite ihrer Frauen,

halbwüchsige Burschen aus dem Familienkreis; auch Männer in gesicherter

Lebensstellung verschwanden da und dort, nachdem man sie durch

gefälschte Briefe und Botschaften an heimliche Orte gelockt hatte.

Keiner von ihnen sah Haus und Heimat wieder, von keinem kam ein Zeichen,

sie waren wie vom Erdboden verschluckt.

Der Jammer im Lande, anfangs schüchtern, wurde laut und lauter. Die

Kanzleien wurden von Petitionen und Klageschriften überschwemmt. Aus den

Gemeinden pilgerten Menschen in die Residenz, um vom Landesherrn

Gerechtigkeit zu verlangen oder nur für die ihnen widerfahrene schwere

Unbill ein gnädig geneigtes Ohr zu finden. Niemand wurde durchs Tor des

Schlosses gelassen. Die Gardes du Corps standen wie eine eiserne Mauer.

Da sammelten sie sich auf dem Platz, verweilten vom Morgen bis zum

Abend, oder hockten unter den Kastanienbäumen der Promenade, und Weiber

mit geflickten Kopftüchern und kotbespritzten Röcken flennten

erbärmlich. Das Murren unter den Bürgern der Stadt wurde im Keim

erstickt. Patrouillen zogen Stunde für Stunde durch die Gassen.

Müßiggänger, die sich nicht ausweisen konnten, wurden eingelocht, um auf

den sichern Weg verschickt zu werden. Angst lähmte die Gemüter.

Der Markgraf, blind und taub, wie er sich vorgenommen, verbrachte die

meiste Zeit in schützender Ferne auf seinem Jagdschloß Triesdorf.

Zuweilen befahl er die Akteurs und Aktricen sowie das Opernpersonal

hinaus, widmete sich dem geliebten Weidwerk, spielte mit Lady Craven und

dem inzwischen zum Oberstkämmerer erhobenen Marchese Tricktrack oder

Piquet.

Denn die Versprechungen des Marchese hatten sich erfüllt. In den Kassen

stieg die Talerflut bis an den Rand. Das Gold läutete, köstliche

Ohrenspeise, wie die Domglocken von Bamberg. Es läutete den Müden in den

Schlaf, es läutete den Gestärkten aus dem Schlummer, es läutete zur

Schäferstunde, es läutete zur reich besetzten Tafel. Unvergleichliches

Behagen, ohne Pein und Beklommenheit genießen zu dürfen, was zum Genusse

sich bot. Woher der Segen kam, das brauchte nicht gewußt zu werden. Das

langerstrebte Glück dünkte dem Herrschergeist, da es erreicht war,

Pflicht des Schicksals, auf seinem guten Recht erwachsen, und so

selbstverständlich erschien ihm der Reichtum, so sehr vergaß er das

einstige Sträuben gegen seine Quelle, daß er in großen Zorn geriet, als

ihm eines Tages Herr von Schlemmerbach, dem nur wohl war, wenn er Unheil

künden konnte, mitteilte, daß unter den dingfest gemachten Rekruten

immer häufiger Fluchtversuche und Entweichungen stattfänden, wodurch der

Fiskus empfindlich geschädigt wurde. Der Markgraf erklärte, den nächsten

Transport wolle er in eigener Person an der Spitze seiner Leibkompagnie

bis Stefft am Main begleiten und Zeuge und Wächter bei der Überführung

auf das Schiff sein. Das werde die Kerle hinlänglich in Respekt setzen.

Die Jasager lächelten entzückt.

Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz · 第 36 / 51 题