Die Bedrängnis

Es gab in der Zeit zwischen dem Siebenjährigen und dem bayrischen

Erbfolge- oder Kartoffel-Krieg einen souveränen deutschen Herrn, der

nach einer etwa zwanzigjährigen Regierung die nicht eben geringe, aber

immerhin noch erträgliche Schuldenlast, die er von seinem Vorfahr

übernommen, derart in die Höhe gebracht hatte (während sonst alles

jämmerlich bergab ging), daß ihm schließlich kein ruhiger Tag und keine

freundliche Stunde mehr beschieden war.

Dieser unglückselige Fürst war der Markgraf Alexander von Ansbach und

Bayreuth, aus uraltem Geschlecht, wie man weiß, in der Blüte des

Mannesalters, stattlich, gesund, in kinderloser Ehe vermählt mit einer

Koburgerin, einem beklagenswerten Weib nebenbei, und Geliebter der

ebenso großartigen als kostspieligen Damen Lady Craven und Mademoiselle

Hyppolite Clairon.

Sachverständige sind der Meinung, daß vier Millionen

siebenmalhunderttausend Taler für jene Zeit eine gewaltige Summe

vorstellten, und bis zu dieser furchteinflößenden Ziffer war das

Schuldenthermometer nach und nach gestiegen. Das lawinenhafte

Anschwellen zu stauen, sahen auch die geriebensten Köpfe keinen Weg, und

alle Arten von Finanzoperationen bewiesen bloß, daß der Hydra immer neue

Köpfe wuchsen. Zu dem einfachen Mittel, den Haus- und Hofhalt zu

beschränken und in der Verwaltung zu sparen, hätte nur ein Ignorant

raten können, der nicht in Betracht zog, daß die Verschwender und

Bankrottierer sich dadurch über Wasser halten, daß sie ihre Schulden mit

ihren Schulden zahlen und daß ein glänzendes Firmenschild die Dummen und

Gierigen noch anlockt, auch wenn der Kassenschrank so leer ist wie ein

Bethaus um Mitternacht.

Wer hätte es auch wagen dürfen und wem wäre es in den Sinn gekommen,

einem von seiner göttlichen Erwähltheit und seinen geheiligten

Machtbefugnissen durchdrungenen Dynasten zu einer Verminderung des Etats

und bescheidenerer Führung zuzureden? Das wäre vermessenstes Rebellentum

gewesen, beispiellos und strafwürdig. Wie dem wracken Schiff der

irdischen Regierung zu helfen sei, das ausfindig zu machen, mußte man in

Demut der himmlischen Regierung überlassen und hatte nur dafür zu

sorgen, daß der Untertan ohne aufzumucken seine Pflicht tue und seine

Steuern entrichte.

Die Kanzlei- und Geheimen Räte grübelten und meditierten daher

vergeblich über den heiklen Punkt. Worauf war zu verzichten? Was hätte

abgeschafft werden sollen? Der Markgraf war leidenschaftlicher Jäger.

Namentlich stand die ansbachische Falknerei von altersher in hohem

Ansehen, und für die standesgemäße und sonach äußerst zu respektierende

Passion des Fürsten wurden besoldet: ein Obristfalkenmeister, zwei

Falkenjunker, ein Falkenpage, ein Falkensekretär, ein Falkenkanzellist,

ein Reihermeister, ein Krähenmeister, ein Milanenmeister, vier

Meisterknechte, vierzehn Falkonierknechte, zwei Reiherwärter und

siebzehn Falkenjungen. Diese waren notwendig, man sage nichts; jeder

hatte sein Amt, seine Obliegenheiten, seine Sporteln, seine zu Recht

bestehenden Zulagen, und auf Abzug oder Wandlung zu dringen hieß sich

verdienter Ungnade aussetzen. Keine Möglichkeit.

Dann war da der Hof mit einhundertfünf Kammerherren, zwanzig

Hofjunkern, zwanzig Kammerjunkern, zwölf unbetitelten Kammerdienern und

fünf betitelten; mit hundertzwölf Husaren, denen ein Generalleutnant

vorstand, zweihundert Gardes du Corps, denen ebenfalls ein

Generalleutnant vorstand, einem Generalmajor, Generaladjutanten,

Obristen, Obristleutnant, von den Kapitänen und niedrigen Chargen zu

schweigen, und außerdem noch fünfhundert Mann Infanterie, junge,

hübsche, gut exerzierte, wohl angezogene Leute, für die sogar am obern

Tor eine eigene Kaserne gebaut war. Sollte man sie für entbehrlich

erklären? Soldaten entbehrlich, Alpha und Omega der Repräsentation, der

Legitimität, der Hoch- und Ebenbürtigkeit, der diplomatischen und

politischen Aktionsfreiheit? Es wäre Landesverrat gewesen, Frevel am

Ehrwürdigsten, Gefährdung des Staates, Entfesselung dämonischer Kräfte,

die im Dunkeln schliefen.

Dann war da das Theater mit Komödianten und Komödiantinnen, Sängern und

Sängerinnen, Tänzern und Tänzerinnen, mit Musikdirektor, Kapellmeister,

Konzertmeister, Aufwärtern, Logenschließern, Inspektoren,

Zettelanklebern. Dann war da der Tiergarten, der allerdings an

exotischen Bestien bloß zwei altersschwache Affen, ein melancholisches

Känguruh und ein lahmgeschossenes Zebra beherbergte, sonst aber an

Seltsamkeiten einen Hirsch mit zusammengewachsenen Geweih-Enden, eine

Sau mit fünf Beinen und eine Natter mit zwei Schwänzen aufwies; ferner

die Stuterei mit fünfhundert Pferden, die Ställe mit gehauenen Steinen

ausgelegt, Krippen und Geräte aus Metall, blitzblank alles, wie kaum

eine menschliche Behausung im Lande.

Nicht eine Uniform, nicht ein Roß, kein Türhüter, kein Koch, kein

Gärtner, kein Läufer, kein Kutscher war zu missen. Das Zeremoniell

forderte einen jeden zu seiner Zeit, die allerhöchste Notdurft mußte zu

jeder Frist des Geringsten versichert sein. Für jeden war Wohnung,

Kleidung, Nahrung und die seinem Rang angemessenen Diäten zu beschaffen.

Die Einkünfte des Landes reichten nicht hin; die bei Nürnberger und

Frankfurter Juden aufgenommenen Darlehen reichten nicht hin.

Anleihegesuche bei benachbarten, befreundeten, verschwägerten Herren

hatten keinen Erfolg mehr. Den Rechnungsräten stand der Verstand still.

Sie wurden von Gläubigern bedrängt. Es kamen Sendschreiben von

Advokaten, Wucherern, Lieferanten; Mahnungen der Gemeinden um zugesagte

Unterstützung, Invalidengelder, Beamtengehälter. Die Bürgermeister

wurden vorstellig. Die Landgendarmen liefen auf Stiefeln ohne Sohlen.

Schäden an öffentlichen Gebäuden konnten nicht behoben werden. Das im

Umlauf befindliche Münzgeld wurde in beängstigender Weise spärlich. Die

markgräfliche Auszahlungskanzlei blieb den größten Teil der Woche über

geschlossen; nur am Montag- und Donnerstagvormittag sah man einige

besorgt aussehende Funktionäre verstohlen hinter den eisernen

Fenstergittern huschen.

Von den verantwortlichen Würdenträgern getraute sich nur selten einer,

dem Markgrafen ungeschminkten Bericht zu geben. Sie schickten ihre

Akten, sie schickten ihre Listen: verzweifelte Gegenüberstellungen von

Soll und Haben. Der Markgraf saß davor und studierte sie. Er seufzte und

hatte ein gewichtiges Kopfnicken; oder die Stirnadern schwollen, und in

seiner Kehle entstand ein grimmiges Gurgeln, wie wenn ein Vulkan

unterirdisch grollt. Bisweilen ließ er den Hofrat Schlemmerbach holen

und beehrte ihn mit dem Anblick eines hochfürstlichen Wutanfalls.

Schlemmerbach nagte bleich an seiner Lippe und wartete, bis ihm der

obligate Fußtritt verabreicht wurde, eine gnädige Vertraulichkeit, die

aber weder ihm noch dem Lande aus der Klemme half.

Der Markgraf sagte, er sei von Einfaltspinseln und Lotterbuben umgeben.

Er war kein Menschenhasser, im Gegenteil; er huldigte in seinen Ideen

der damals üblichen Philanthropie, die ihm nicht erlaubt hätte, von der

Menschheit im allgemeinen anders als in Ausdrücken der Andacht und

Rührung zu sprechen, doch was die Einzelnen betraf, die Alltäglichen,

das klebrige Gewürm, den Soundso und Soundso, den Justizamtmann und den

Hofjuwelier, den Kommerzdirektor und den Leibmedikus, den

Superintendenten und den Kreiskommissarius, mit denen war es ein Elend

und ein Unsegen, und wenn sie ihm bloß vor Augen kamen, verzog sich

schon ekelnd sein Mund.

Es mußte Rat geschaffen werden. Unnütz, von nicht entdeckten

Goldbergwerken zu träumen, von Wünschelruten und vom Stein der Weisen.

Unnütz, mit verfinstertem Gemüt durch die hohen Säle zu schreiten.

Unnütz das Denken und Murren, die Drangsal mußte ein Ende haben. Seht

zu, ihr Schranzen und Schleppenhalter!

Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz · 第 35 / 51 题