Die Erwartung war gepreßtes Leben, Faser bei Faser so dicht, daß kein
Blutstropfen versickern konnte. Die Tageszeiten waren ununterschieden,
die Nacht gab keinen Einschnitt; Schlaf war bewußtloses Eilen ans Ziel.
Er zählte die Stunden nicht, sie rauschten vorüber; Essen und Trinken
war, als befriedigte er die Bedürfnisse eines Fremden. Bald waren ihm
die Räume, in denen er hauste, wie ein Gefängnis verhaßt, bald hielten
sie ihn fest als Stätten der Entscheidung. In einer Schublade fand er
ein blauseidenes Band; ob es Bettine gehört hatte, ob Cäcilie? Er ließ
die Finger darüber gleiten und lauschte den Schlägen des Herzens ab, was
die ihm verrieten. Sehnsucht nach Zärtlichkeit durchschauerte ihn. Das
Häßliche und das Schöne der Welt stürzte von zwei Seiten her in einen
Feuertrichter und versengte ihm beim Hinabschauen das Auge. Mädchen
lächelten ihm zu, Knaben blickten verwundert, Kinder schlangen ihn in
ihren Reigen, die Wohnungen der Menschen schienen bis zum Rand gefüllt
mit Glück, von den Türmen jauchzten Glocken: er trug das seidene Band an
der Brust, das Cäcilies Finger vielleicht einmal umschlossen hatten. Und
wo war die Andere, die Lebendig-Tote, die sie geliebt? Es trieb ihn,
nach Bettine zu forschen; ihr Geschick war Vorwurf; zweimal ging er bis
zur Treppe von Doktor Kellings Wohnung und kehrte jedesmal um; er nahm
sich vor, durch Frau Landgrafs Vermittlung einen Weg ausfindig zu
machen, aber einen Schritt vor der Ausführung wurde ihm das Anmaßende
des Vorhabens bewußt. Konnte er Bettine heilen? Konnte er sie erwecken?
Was hatte er für Worte für sie? Wo war Gemeinsames mit ihr? Unvertrautes
Bild, sagenhaft und schon umdunkelt von gewesener Zeit.
Er wanderte durch Wälder und in Dörfer, sprach mit fremden Menschen,
wurde müd und wieder elastisch in der nämlichen Stunde. Eines
Nachmittags saß er in einer öffentlichen Vorlesung, die Professor
Landgraf in der Universität hielt. Der Saal war gedrängt voll. Als der
Professor erschien, durchlief das Schweigen in kurzer Zeit alle Grade
von der Neugierde zur Ehrerbietung und zur Andacht. An ihm selbst wurden
die Verwandlungen deutlich, die seine Stellung zur Welt und zu seiner
Sache bezeichneten. Redete anfangs der berühmte Gelehrte, dem Kühnheit
der Forschung und vielfaches Gelingen seinen Rang gewiesen, so war es
bald der Mann und der Mensch, der in dauerndem Bemühen Licht über die
unbekannten Reiche der Seele verbreitete und alle Frucht der Erkenntnis
und Entdeckung einer neuen Idee von Menschheitsheilung unterordnete. Das
Thema, über das er sprach, war in den Titel gefaßt: Kontur und Übergänge
im psychischen Leben.
Er führte aus, daß es Seelen gäbe, die ihren Umriß, ihre
Begrenzungslinie von Geburt an besäßen, mehr oder weniger scharf, mehr
oder weniger weit, aber ein für alle Mal gezogen; ferner andere Seelen,
die gegen Umwelt und Nebenbezirke unmerklich verschwämmen, die beständig
in Gefahr seien, die Zusammenhänge zu verlieren, und zwar nach innen
sowohl wie nach außen, nach der zerstörerischen Seite wie nach der
schöpferischen, wennschon nach dieser selten und dann stets in
verhängnisvoller Nähe des Untergangs und der Selbstvernichtung. Und wie
im individuellen Dasein, so ließen sich die Kategorien auch in der
Existenz ganzer Geschlechter und Familien, ganzer Nationen, ja im
sozialen Leben überhaupt nachweisen. Die Konturlosen seien die Auflöser
und Vermischer, die Anpasser und Entformer, die Dämmerwesen und
Blutverdünner, am Rand aller Ordnung, am Rand des Gesetzes, der Gnade
nicht mehr teilhaftig und von der organisch wirkenden Natur ausgestoßen.
Denn in der Natur stehen bedeute, immerdar um die Grenze wissen, und in
der Natur wirken, heiße nichts anderes, als um die Grenze ringen; hier
scheide sich Finsternis vom Licht, Verwesung von Entfaltung, die Hölle
vom Himmel. Der Arzt, der es erkannt habe, sei über seinen Weg nicht
mehr im Zweifel. Das Gebot der Grenzgebung beherrsche seinen Geist
ausschließlich, und von der festgesetzten Grenze erst erwüchsen die
schwierigen und tiefen Probleme, die diese verhältnismäßig noch junge
Wissenschaft heute zu lösen habe.
Dem Zauber der Beredsamkeit wie der Persönlichkeit des Mannes konnte
sich Dietrich nicht entziehen. Manches Wort mahnte; manches erinnerte an
mahnende Stimmen von früher. Er vernahm Sätze und Prägungen von
achtungeinflößendem Ernst und hoher sittlicher Würde. Aber unaufhörlich
sagte er sich: das ist ja dieser selbe Mann, von dessen Tun und Sein ich
weiß, ganz anderes weiß, als was er da droben kündet, dessen Gesicht mir
lemurisch entgegengegrinst hat, umschwelt von Unheil. Wie geht es zu,
daß man ihn trotzdem ehrt? Wie geht es zu, daß ich ihm trotzdem glaube?
Was ist das für ein Geist, der da sündigt, wo er sich nicht zu bekennen
braucht? Was ist das für ein Mensch, der sein edleres Wollen Lügen
straft, wenn er sich der Verantwortung enthoben wähnt? Was ist Gehäuse,
was ist Kern? Wo ist das Gesicht, wo ist die Maske? Ist denn die Welt
voller falscher Boten?
Zwei Tage später holte ihn Justus Richter ab, und sie gingen zum
Abendessen in eine Studentenkneipe hinter der Peterskirche. Dietrich
hatte sich ungern von der Arbeit losgerissen, die ihm Betäubung gewesen
in der krankhaften Ungeduld des Wartens, doch war er dem Freund gefolgt
aus Angst vor den vorgerückten Stunden dann, wenn die Gassen in Stille
versanken, das Haus mit seinen verlorenen Geräuschen wie ein einsamer
Turm war, und die Vernunft nicht mehr der doppelgesichtigen Visionen
Herr werden konnte.
Justus Richter erzählte, Rektor und Senat der Universität hätten sich
gezwungen gesehen, eine Disziplinaruntersuchung gegen Professor
Landgraf zu veranlassen; davon spreche seit gestern die Stadt. Das
Gerücht wollte wissen, daß Bettine Gottlieben schwere Beschuldigungen
gegen den Professor erhoben habe, Anklagen, die man die längste Zeit als
Erfindungen einer Geistesverwirrten ignoriert, bis man durch ein nicht
abzuleugnendes körperliches Symptom genötigt worden sei, ihre
Stichhaltigkeit zu überprüfen. Dabei habe sich eine Reihe von
Verdachtsmomenten ergeben, die den Professor bedenklich belasteten,
andere Umstände aus anderer Sphäre seien hinzugekommen, kurz, die Dinge
stünden nicht günstig für den großen Mann, und es heiße, er werde
Stellung und Ämter freiwillig niederlegen, um eine Berufung nach
Südamerika anzunehmen, wobei freilich vorausgesetzt war, daß es mit dem
disziplinaren Verfahren sein Bewenden habe.
Dietrich zeigte sich erregt über die Nachricht. Er ließ durchblicken,
daß sie in seinen Lebenskreis schnitt. Es drängte ihn sich mitzuteilen,
aber zu wißbegierig hing Richters Auge an ihm, und diese Wißbegier
enthielt zu wenig Unbefangenheit und Einfachheit. Zu reden aber, bloß um
es mit sich selber leichter zu haben, das war Dietrichs Art nicht. Sie
sprachen dann von Lucian, und Justus fragte, ob ihn Dietrich nicht bald
aufsuchen wolle. Nein, erwiderte Dietrich kopfschüttelnd, zu ihm wolle
er erst gehen, wenn er keinen Rat mehr wisse, den Schritt verspare er
sich auf zuletzt. Die Antwort bestürzte Justus Richter, das Enigmatische
darin und der Widerklang von Verzweiflung. Oberlin möge nicht zu hoch
auf den einen Menschen setzen, warnte er vorsichtig, damit gebe er fast
sich selber aus der Hand. »Lucian ist auch nur ein gejagtes Wild,« fügte
er hinzu, »und dort, wo er sich in seinem eisernen Trotz verschanzt hat,
ist für dich vielleicht nicht gut sein.« Darauf entgegnete Dietrich:
»Laß die vergeblichen Worte. Ich hab nun einmal auf ihn gebaut. Als ich
zu ihm kam, war ich ein Splitterding. Er hat mich in seinen Feuertopf
geworfen, daß ich geschmolzen bin und eine neue Gestalt angenommen habe.
Das Leben hätte mich sonst nicht brauchen können, und wies auch ist, ich
lebe. Soll ich ihm das nicht lohnen?«
Richter sagte: »Du bist ein feiner Kerl, Oberlin, ein mordsfeiner Kerl;
ich möchte, daß du mal mit mir zu meinen Freunden gehst; in unseren
Zirkel, weißt du; laß dir nicht von den gängigen Fabeln und Vorurteilen
Sand in die Augen streuen; wir greifen die Dinge eben bei einem Zipfel
an, den die Allzuflinken und Allzuraschfertigen nicht erwischt haben; es
ist nicht auf Umstürzlerei und nicht auf Sektiererei abgesehen, sondern
auf Trost und bescheidenen Herzensgewinn. Der einzelne Mensch ist ein
Staubkorn, das der Sturm in eine Mauerfuge wirbelt oder in den
Straßenschmutz; der einzelne Mensch ist verloren. Wir sind viele
unbekannte stille Leute, die einander bei den Händen halten und eine
Kette bilden, und durch die Kette läuft ein ehrfürchtiger Strom, und
einer verhilft dem andern zum Frieden.«
Dietrich antwortete: »Sehr schön, was du da sagst, aber ich kann nicht
mit dir gehen; ich muß allein sein, Richter, mag der Sturm mich wirbeln,
wohin er will. Ich biete mich ihm an; er soll mich nehmen, und wenn er
mich packt, ruf ich ihm zu: reiß mich nur in deine Höhn und Tiefen, da
spür ich mich doch unzerstückt und ganz.«
In Justus Richters Zügen malte sich Verwunderung, und er war um
Widerspruch verlegen.
Sie hatten eine Flasche Wein bestellt und saßen bis weit über
Mitternacht. Justus Richter begleitete Dietrich an sein Haus. Als er die
alten knarrenden Treppen emporstieg, überkam ihn beklommenes Vorgefühl;
in der Wohnstube blieb er eine Weile im Finstern stehen und lauschte,
ehe er Licht machte. Sein erster Blick galt dem Schreibtisch, ob nicht
Brief oder Depesche dort lag; nichts. Das Fenster war offen;
Märznachtkühle wehte herein, er schloß es fröstelnd. Er ging im Zimmer
auf und ab und wiederholte sich Justus Richters Worte, die ihm einfielen
wie eine Melodie: wir sind viele unbekannte stille Leute, die einander
bei den Händen halten. Er öffnete die Tür zum Schlafraum, da wehte es
ihn sonderbar an. Die Dunkelheit pulste so eigen; er fühlte sie rinnen
wie Flüssiges, er schmeckte sie wie Bitteres. Seine Hand tastete nach
dem elektrischen Schalter, doch ließ er sie wieder sinken; vom andern
Zimmer fiel genügend Helligkeit herein, es war, als dürfe er die
Zwielichtgeister nicht beunruhigen. Langsam entkleidete er sich und
schritt zum Alkoven. Als er den Vorhang zurückzog, sah er im Bette
jemand liegen. Es war Hanna.
Sie schlief.
Die Spuren großer Ermüdung in ihrem Gesicht erklärten die Festigkeit des
Schlafes, den Dietrichs Kommen und Hin- und Hergehen nicht hatte stören
können. Sie war zugedeckt bis an die Brust; erst jetzt sah Dietrich ihre
Gewänder auf einem Stuhl zu Häupten des Bettes liegen. Der Kopf war zur
Seite geneigt, die braunen Haarflechten fielen über den schlanken Hals,
in der ungewöhnlichen Blässe des Antlitzes, verstärkt durch die matte
Beleuchtung, erschienen die Lippen wie blutgefärbt, und der schwarze
Strich der Wimpern, die bisweilen zuckten, wie mit Kohle gezeichnet. Die
eine Hand hing vom Bettrand herab, schlaff, ungreifend, es war was
Ergebenes, was Verzichtendes in der Gebärde, die andere lag weiß, lang
und flach wie beteuernd auf der ruhig atmenden Brust. Beschlossenheit
war in dem Bild enthalten, unwidersprechliches Es-muß-so-sein, das alle
häßlichen und argwöhnischen Gedanken mit dem ersten Blick vertilgte. Die
schlafgebundene Bewegung verriet vieles: Füße, die geflüchtet waren; zur
einzigen Zuflucht geeilt waren; langes Wachen und Warten und endlich,
sei es in vorgesetzter List, sei es in hinschmelzendem Vertrauen, das
Aufsuchen des fremden Bettes und Sichbergen darin.
Dietrich hielt noch den Vorhang, und wie er erzittert war, als er sie
erblickt, so zitterte er jetzt noch, in Mark und Hirn hinein. Er holte
gewaltsam Luft durch die Zähne, die aufeinanderschlugen; er krampfte den
Kopf zwischen die Schultern, weil ihm war, als müsse der Wirbel brechen.
Das erste Gefühl war süßes Mitleid gewesen, das nächste schmerzliche
Neugier, kindlich-furchtsames Staunen. Kaum wagte er zu atmen, aus
Furcht sie aufzuwecken, kaum zu denken, als ob Gedanken Lärm
verursachten. Unhörbar schob er den Vorhang weiter weg; unhörbar glitt
er auf die Knie nieder; mit gefalteten Händen, am Augenschein noch
zweifelnd, sah er die Schlafende an.
Da erwachte Hanna und erwiderte seinen Blick: ohne Überraschung, ohne
Erröten, mit seltsamem, erschreckendem Ernst. Und als dies eine Weile
gedauert hatte, schlang sie den Arm um seinen Hals und zog ihn zu sich
nieder. »Einmal,« flüsterte sie erstickt, »einmal und zum letzten Mal.«
Und er lag neben ihr, und sie umarmte ihn, hingerissen, entseelt fast,
von kalt und heißer Welle überschwemmt, innerlich bebend, innerlich
weinend. »Einmal,« flüsterte sie, »zum letzten Mal.« Es war noch wie
Schlummer fast, eine geisterhafte, traumgehobene Art davon. Dann war es
wie Sturz und Erstarrung im Frost, als sie sich losrang, ihn
zurückstieß, auf den äußersten Rand des Lagers rückte und halb entsetzt,
halb beschwörend, mit der tiefgurrenden Stimme, die gepreßt klang wie
bei einer Läuferin, sagte: »Sie ist da; sie ist zwischen uns; spürst dus
nicht? laß Raum für sie zwischen uns. Lieg still; rühr dich nicht; hör
mich an.«