Der Traum vom doppelten Ich und der Traum vom Weinen

Dietrich schrieb ihr, er sei wie gelähmt gewesen von der Nachricht ihrer

Abreise. Er habe es nicht zu begreifen vermocht. Er sei zu dem Schluß

gekommen, daß es Flucht sei. Warum sie vor ihm fliehe? Jetzt fliehe, wo

alles zwischen ihnen vollgerüttelt Maß von Fragen sei? Er könne sich

nicht darein finden; ihre Abwesenheit dünke ihn Verrat. Er horche auf

die Treppe hinaus, ob nicht der Schall von ihren Tritten erklinge. Von

seiner Mutter habe er einen Brief, doch sei er nicht imstande, ihr zu

antworten. Da er sich vorgenommen habe zu arbeiten, arbeite er auch,

aber es sei mit seinem Kopf, wie wenn man an die Dauben eines hohlen

Fasses schlage. Er habe nicht geahnt, daß Trennung etwas so

Herzbeklemmendes sei. In ihm sei das Unterste zu oberst gekehrt; ihr

Wort fehle ihm, der Ton ihrer Stimme fehle ihm; er sitze da und rede in

die Luft manchmal und warte auf ihr Wort. Wenn sie ein Fünkchen Gefühl

für ihn in der Brust trage, möge sie zurückkehren. Er verspreche, sich

des Fragens zu enthalten, falls sie es fordere; er wolle sich nach ihrem

Befehl und Gefallen richten; alles sei auf einmal schauderhaft leer, zu

viele Ungewißheit bedränge ihn.

Hanna antwortete, sie habe nicht aus Laune und Bosheit so gehandelt. Sie

sei nicht fortgegangen aus Furcht vor seinen Fragen. Es sei nicht

Flucht, wenn es auch so scheine, wenn sie auch der Entwicklung der Dinge

zwischen ihr und ihm mit Bangen entgegensehe. Über die Raschheit ihres

Entschlusses sei sie ihm Erklärung schuldig. Aber da sie das Vertrauen

habe, daß alles, was er tue, aus tiefem Antrieb seiner Natur geschehe,

müsse er gleiches Vertrauen fassen. Wie sie ihn keiner niederen Regung

für fähig halte, dürfe auch er nichts Schlechtes von ihr glauben, und

nur, was sie selbst ihm eröffne, dürfe er annehmen. Seine Achtung wolle

sie besitzen. Ohne die sei ihr das Leben leid. Der Gründe zu ihrer

plötzlichen Abreise seien so viele, daß sie Mühe habe, sie aufzuzählen;

zunächst hätten äußere Geschehnisse von einer Stunde zur andern den

Ausschlag gegeben. Im Hause habe wieder einmal das Geld zum Nötigsten

gefehlt, die Mutter habe eine bedeutende Summe zahlen sollen, und der

betreffende Gläubiger habe sie vor den Dienstleuten gröblich beschimpft.

Nach Dietrichs Weggehen habe sie eine heftige Szene mit der Mutter

gehabt, weil sie sich geweigert habe, dem Vater Mitteilung zu machen.

Der Vater sei unerwartet dazugekommen; sie, Hanna, habe ihn zur Rede

gestellt, ihm das gedemütigte Leben der Mutter, die frivole

Mißwirtschaft, seine Verschwendung vor Augen geführt. »Ich mußt es

herausschreien,« schrieb sie, »ich mußt es ihm sagen, ich mußte sein

Gesicht sehen, während ich es sagte. Er aber, er hat mir seine eiskalte

Verachtung entgegengesetzt; er zündete sich eine Zigarette an und

fragte, woher ich die Stirn nähme, in sein beanspruchtes Dasein zu

greifen, ob ich es nicht vorziehe, mit meinem Geliebten das Weite zu

suchen; ihn gelüste nicht nach der Nähe einer Tochter, die nicht willens

und nicht geschaffen sei, eine Existenz wie die seine zu begreifen. Mit

meinem Geliebten? Ich erschrak bis in die Seele. Damit meinte er dich,

Dietrich Oberlin. Er nannte dich auch. Er hatte von der geringsten

Einzelheit unseres Umgangs Kenntnis, er hat mich behandelt, daß selbst

die Mutter außer sich geriet. Und kalt, weißt du, immer eiskalt. Was ist

mir da anderes übrig geblieben als fortzugehen? möglichst schnell,

möglichst weit fort ...? Und die Verwirrung in meinem Gemüt all die Tage

vorher schon, das grenzenlose Treiben in einem dunklen Strom. Jetzt bin

ich also fort, die Wege sind zerbrochen. Aber ich denk an dich,

Dietrich, Tag und Nacht denk ich an dich.«

Dietrich antwortete in beschwingter Eile; heiße Bestürzung atmete aus

seinen Worten. Zehnmal in verschiedenen Wendungen wiederholte er

dasselbe: daß es die äußerste Pein für ihn sei, sie fern zu wissen, daß

sie zurückkehren möge. Nun klang die Sehnsucht schon lauter und kühner.

Ihrer Mahnung zum Vertrauen hätte es nicht bedurft, doch sei in seinem

Blut ein Tropfen Gift, in seinen Träumen eine finstere Bosheit; ohne das

lebendig getauschte Wort könne er beides nicht bewältigen. Er müsse ihre

Augen wieder vor sich sehen, ihre still und wahr versichernde Gegenwart

wieder haben. Wenn sie nicht da sei, schwinde auch Cäcilie sogleich im

Nichts hin, dann sei er so arm, daß ihn friere, dann ekle ihm vor dem

Licht des Morgens, dann werde das Buch, das er aufschlage, klebrig wie

Schlamm. Ob er nicht zu ihr kommen dürfe? Wovor sie denn bange sei? Ob

etwas an ihm sie verdrossen oder enttäuscht habe? Ob sie ihn anders

haben wolle, als er sei?

Darauf schrieb Hanna: »Lieber, herzenslieber Dietrich, kommen darfst du

nicht, sonst ist alles aus. Überlaß es mir, zu bestimmen, wann wir uns

wiedersehen dürfen. Wovor mir bangt, fragst du? Mir bangt vor meinem

Abbild in dir. Mir bangt vor meiner Schwester Bild in dir. Die

Schwester, denk es, faß es: sie liebst du, sie ist dein ein und alles.

Soll sich das vermischen? Tod und Leben unheilvoll ineinanderfließen?

Cäcilie und ich, dürfen wir uns in dir begegnen? Mir bangt, auch dieses

sollst du wissen, mir bangt vor deiner Jugend, und daß du dastehst mit

deinem reichen wilden Herzen. Ich kann dir nichts geben. Unsere Jahre,

sind sie auch annähernd gleich, öffnen doch eine Kluft zwischen uns; die

zwei oder drei, die ich voraus habe, machen mich verantwortlicher; ich

habe mehr erlebt, Schwereres erlebt, ich bin für dich schon alt. Ich

werde zaghaft, wenn mich dein redlich klarer Blick trifft, und oft

wieder möcht ich dich einschließen, wie man seltene Vögel in ein Bauer

sperrt, damit dir die Menschen nicht rauben können, was mir so teuer an

dir ist. Ich bin besser geworden durch dich, das ist fast ein Schmerz,

denn da geht man strenger mit sich ins Gericht und erschrickt vor der

Tiefe, in die man hätte sinken können und vor der, in die man schon

gesunken ist. Freunde stehen unsichtbar um dich und schützen dich, das

sind meine Feinde; denn all mein Inneres strebt zu dir. Aber ich darf

dir auch nichts anderes sein als die freundlichste Freundin, und so

sollst du mich in deinem Sinn bewahren.«

War dies darauf berechnet, die Glut zu schüren, so wurde der Zweck

erreicht. Es folgte gleich ein zweiter Brief Hannas mit der Mahnung zur

Arbeit, einem klugen Programm künftiger Lebensgestaltung. So weise sind

nur die, die heimlich wünschen, daß man ihnen die Entsagung aus dem

Herzen schmeicheln soll. Sie wußte um die richtunggebenden Ereignisse

aus Dietrichs Vergangenheit; sie wußte von Lucian und wies ihn auf den

Bewunderten hin, als ob er dessen Spruch sich erst zu fügen hätte und

als ob sie Dietrich erinnern müßte an die höhere Menschenpflicht.

Dietrich aber erwiderte, von Lucian sei er jetzt geschieden, von den

Freunden sei er geschieden, von der Mutter sei er geschieden. Es gäbe

kein Leben mit Menschen mehr, wenn sie sich ihm entziehe. Vor ein paar

Tagen sei er am Kornmarkt Justus Richter begegnet, der sei entsetzt

gewesen über sein Aussehen; ob er krank sei, habe Justus gefragt, ob er

zu ihm kommen könne. Dann sei er auch gekommen, habe erzählt, Lucian

befinde sich in einem Dorf bei Heilbronn beim Pfarrer Langheinrich, dem

Verfasser der Schwäbischen Laienpredigten, und arbeite an seiner

Verteidigungsschrift für die Verhandlung; Richter habe ihn besucht und

einen verbitterten Grämling gefunden; nach keinem Menschen habe er

gefragt, nur nach ihm, Oberlin. Das zu hören habe ihn stark betroffen,

aber er habe das Gefühl, der Weg zu Lucian sei jetzt so weit, daß er das

ganze übrige Leben brauche, um zu ihm zu gelangen. Einmal vielleicht

müsse er hin, das spüre er, aber dann sei kein Zurück mehr verstattet,

gnadenlos verstoßen werde er dann sein. »So hab ichs immer gefürchtet

und gehofft,« schloß der Brief, »daß ein Wesen da ist, nach dem ich

begehren muß wie nach der unerfüllbaren Seligkeit. Bist dus oder ists

Cäcilie? Ich weiß es nicht mehr. Schreib ich deinen Namen, so schallt

mir der andere entgegen; es ist wie verzaubertes Echo; denk ich Cäcilie,

so schaut mich Hanna an. Willst du mich zugrund richten, so bleib, wo du

bist; wenns noch lange dauert, bis du kommst, leg ich mich hin und

sterbe. Alle Farben werden mir schwarz, alle Sterne löschen aus, alles

Geredete wird Lüge.«

So war es also die Sprache der Leidenschaft geworden, und das

aufgeflammte Feuer ergriff die Beiden, die es genährt hatten. Hanna

beschwichtigte und mahnte, aber hinter den Worten war Jubel und

freudiger Schrecken. Dies erfaßte Dietrich nicht; er glaubte sich

geopfert; er mißverstand das Zögern, begriff nicht die Angst. Er

schmiedete abenteuerliche Pläne, versprach Gehorsam, forderte ungestüm,

was ihm die Natur befahl, doch daß er liebte, das wußte er nicht, das

Wort Liebe schrieb er nicht nieder, so wenig, wie er es bedachte oder

Maß und Gleichnis dafür in einem schon gelebten Gefühl hatte. Es war

neu, niemals empfunden und von keinem empfunden. Es war Wirrnis,

Zwiespalt, Auflehnung, Gebet, Ruhelosigkeit und Qual. Wo seine ganze

Seele beglückt und erschlossen weilte, war dem Leib der Eintritt

verwehrt; und wo der Leib sein durfte, sträubte sich in unnennbarer

Scheu die Seele; dort, auf der verbotenen Schwelle, stand mit rufend

gebreiteten Armen ein Schatten; hier war die lebendige Kreatur, doch in

rätselhafter Zweideutigkeit und Drohung.

Als ihm Hanna mitteilte, sie werde kommen, könne aber den Tag noch nicht

angeben, setzte vor Glück sein Pulsschlag aus. Sie schrieb, daß sie sich

auf einem einsamen Spaziergang dazu entschlossen. Sie habe sich

hingedacht an den See, wo sie ihm zuerst begegnet. Es sei Abend gewesen,

das Wasser schwarz und still, bloß am Gestade war verschlafenes

Klatschen und Blinzeln winziger Wellenlichter. Da habe sie sich ihn in

die Landschaft gedacht, in seine Landschaft, und ihn gesehen, wie er

sich zum Rohr eines fließenden Brunnens gebückt und in gierigen

Schlucken getrunken habe. Davon sei sie ergriffen worden, und nun müsse

sie wieder zu ihm.

Darauf schrieb ihr Dietrich, er habe in der letzten Nacht zwei Träume

gehabt, und er erzählte die Träume wie folgt.

Er ging durch ein vierbogiges Rundtor, das aussah wie eine Riesenhand,

die mit den Fingerspitzen gegen die Erde gesetzt ist. Keine Stimme

redete, aber er wußte, daß es entscheidend für ihn sein würde, durch

welchen der vier Bogen er ging. Das Tor war ganz aus grünem Stein. Ohne

sich lange zu besinnen, ging er geradeaus, und mit dem Augenblick, wo er

den Bogen durchschritten hatte, kam eine herzzerreißende Furcht über

ihn, denn ihn dünkte, er sei auf einmal außerhalb der Welt. Die

Landschaft, die sich vor ihm dehnte, war so grün wie jenes Tor; es war

nicht das Grün, wie es die Blätter haben, nicht das Grün des Mooses,

nicht das Grün von alten Kupfergefäßen, es war ein Grün, das er noch nie

gesehen, ein finsteres böses totenhaftes Grün. Darüber wölbte sich etwas

wie ein Himmel; aber es war kein Himmel, es war eine weißliche Blase,

aus deren unteren Rändern weißliches Licht strömte. Weit und breit keine

Seele, die vollkommenste Verlassenheit. Von Furcht bis in die Knochen

geschüttelt, dachte er: jetzt werd ich endlich wissen, woran ich bin. Zu

rasten war ihm nicht erlaubt, er mußte gehen, beständig vorwärts gehen.

Er wollte sich beschweren, daß er müde sei, aber das Wort müde fiel ihm

nicht ein, er dachte statt dessen bloß: grün. Der Furcht gesellte sich

ein eigentümlich wehes Hinziehen, das seinen Ausdruck fand in dem

Verlangen nach einem Versteck. Alles schien ihm davon abzuhängen, daß er

sich verstecken könne; aber, sagte er sich, es ist außerhalb der Welt,

wo ich bin, und außerhalb der Welt gibts kein Versteck. Doch ich bin ja

da, fuhr er zu überlegen fort, und wenn ich da bin, muß ich mich doch

auch finden. Finden? also bin ich nicht da! Diese Worte sprach er laut;

sie weckten ihn auf wie sechs Hammerschläge, er seufzte, hörte sich

seufzen und schlief im Seufzen sogleich wieder ein. Da sah er in großer

Ferne eine schwärzliche Figur; zuerst wars wie Ahnung, dann wuchs es aus

dem Grünen heraus, stellte sich schwarz gegen das niederrieselnde Weiß,

dieses Geisterlicht, das Himmel zu sein log, und bewegte sich, nicht auf

ihn zu, sondern von ihm weg. Er dachte: wohin geht er? Ihn nicht mehr

aus dem Auge zu lassen, war ihm plötzlich so wichtig wie das Leben

selbst, und mit starr hingehefteten Blicken folgte er dem Unkenntlichen,

Unbekannten, Weitentfernten. Da geschah das Grausige, daß er jeden

Schritt, den er vorwärts zu gehen glaubte, in Wirklichkeit zurück tat,

so als ob der Boden unter ihm enteile und ihn um sein Gehen bringe. Der

Andere hingegen näherte sich ihm gerade dadurch, nicht zu ergründen auf

welche Weise, und je näher er kam, je mehr wuchs die Furcht vor ihm,

unerträgliche, fieberhafte Furcht. Und nun, wie er schon ganz nah war,

der Unkenntliche, Unbekannte, bückte sich Dietrich und hob in

verzweifelter Wut einen Stein auf und schleuderte den Stein wider ihn.

Aber Grauen und Wunder; ihn selbst traf der Stein, und mit einem

furchtbaren Schmerz an der Schulter fuhr er aus dem Schlaf empor.

Er wagte lange nicht wieder einzuschlafen, schließlich übermannte es

ihn, und er entschlummerte doch. Da kam ein Traum, in welchem er flog.

Sanft und beständig flog er in azurne Höhe. Das Firmament öffnete sich,

ein Gewimmel von schönen Geistern war um ihn her; die geschmückten

Gestalten ordneten sich, eine Scharlachwolke wurde sichtbar, und auf der

Scharlachwolke saß Gott. In ergreifender Majestät ruhte er auf der

Wolke, und Dietrich schaute hin, aber Gott sah ihn nicht. Er hatte

Angst; schon während des Fluges war es sein angstvolles Bestreben

gewesen, wieder zur Erde herabgleiten zu dürfen, und jetzt schien ihm

die Erfüllung dieses Wunsches davon abzuhängen, daß Gottes Blick ihn

traf. Gott aber schaute über ihn hinweg in eine andere Richtung. Er

wechselte den Platz; er suchte eine Stelle, wo Gottes Blick ihn treffen

mußte. Doch wenn er dann emporsah, erwies es sich, daß Gottes Blick ihn

auch dort nicht traf; ja das Auge Gottes schien ihn zu meiden, und auch

als er sich genau in der Richtung des Blickes befand, ging der Blick

durch ihn hindurch, streng und fremd, ohne ihn zu gewahren. Da wurde er

von einem zermalmenden Kummer erfaßt, und er begann zu weinen. Als nun

Gott merkte, daß er weinte, lenkte er endlich den Blick auf ihn, und von

diesem Moment an sank er zur Erde nieder. Die Angst verwandelte sich in

das Gefühl seliger Befreiung; um rascher zu sinken, weinte er

absichtlich heftiger, und schluchzend wachte er auf.

Das waren die beiden Träume, scheinbar ohne Zusammenhang, dennoch einer

aus dem anderen geboren, einer in den anderen mündend, die er Hanna im

letzten Brief mitteilte. Und nun erwartete er sie.

Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz · 第 30 / 51 题