Und Dietrich ließ Raum, wie sie befahl. Es war ihm selbst, als läge der
Schatten zwischen ihnen. Er lag still und rührte sich nicht. Er hörte
zu. Die Worte kamen ihm vor wie Tausende von Sprossen einer Leiter, auf
der er in einen unermeßlich tiefen Schacht hinuntergezogen wurde. Es war
ihm keine Einrede verstattet, keine Frage; er hätte auch beides nicht
gewagt, etwas Mächtiges hielt ihn gefaßt und verschloß ihm die Lippen.
Hanna erzählte, daß sie um halb acht Uhr schon gekommen sei, direkt vom
Bahnhof, wo sie ihr Reisegepäck gelassen. Sie hatte lange an seinem
Schreibtisch gesessen, um ihm zu schreiben. Es ging nicht. Man kann
nicht schreiben, wenn alles nur auf Aussprache Aug in Auge gestellt ist.
Sie wollte fort; aber wohin? Nach Hause wollte sie nicht, konnte sie
nicht, die Nacht bei Bekannten zu verbringen, davor graute ihr; übrigens
war es ja seinetwegen, daß sie gekommen war. Undenkbar, daß sie ihn
heute nicht mehr sehen sollte; fürs Heute war alles bestimmt und bereit,
da ließ sich nichts verschieben, morgen war wie übers Jahr. Sie beschloß
also zu bleiben und zu warten. Sie schaute zum Fenster hinaus und sagte
sich: wenn ich bis hundert zähle, wird er da sein. Sie zählte siebenmal
bis hundert, dann überwältigte sie die Müdigkeit. Eine Weile saß sie auf
dem Sofa, doch plötzlich fiel es ihr wie etwas Freudiges ein, daß sie
sich in sein Bett legen könne. Als sie es tat, wußte sie, was sie damit
tat. Es war ein Sichüberliefern, unwiderrufliche Handlung. Zuerst nahm
sie sich vor, nicht einzuschlafen, dann aber dachte sie: es ist besser,
er findet mich schlafend, es erspart Worte, und er weiß dann gleich, wie
es mit mir steht.
Sie hatte das Gesicht emporgewandt, die Hände lagen auf der Brust. Wie
es mit ihr stehe, das sei das Entscheidende. Sie habe ihm ja
geschrieben, sie sei nicht mehr dieselbe. Es hatte sich in
mannigfaltiger Weise geäußert, anfangs beunruhigend, untermengt mit
einem Wirrsal von Zweifeln, Ungewißheiten und Selbstanklagen; eines
Tages hatte nichts anderes Bestand in ihr gehabt als der Gedanke an ihn.
Es half nichts, daß sich Spott dawider auflehnte, daß sie seine Jugend
als Vorwurf empfand und ihr gegenüber die eigene Person als schlaue
Umstrickerin; sein redlicher Blick war nicht von ihr gewichen, seinen
vertrauenden Händedruck hatte sie gespürt, so oft sich eine fremde Hand
dargeboten, seine Stimme hatte sie verfolgt, der Nachhall seines Wortes
schon zufrieden gemacht. Indem sie dies berichtete, vermied sie jede
starke Bezeichnung; manchmal war es, als lese sie in eintönigem Tonfall
aus einem Buch vor, das geöffnet oben an der Decke hing. Sie habe sich
für unbrennbares Holz gehalten, sagte sie. Nicht als hätte sie das Ding,
das alle Welt so mundfertig Liebe nennt, für Einbildung und Schwäche
genommen; aber es sei zu fern gewesen, zu weit von ihr. Zeit ihres
Lebens war sie davon abgedrängt gewesen; in der Schwester allein war es
Ereignis geworden, aber nur von außen her, nicht von innen; nur das
Gefäß hatte sie gewußt, nicht den Inhalt. Sie konnte nicht von Liebe
reden hören; sie hatte es bei keinem für das Eigentliche, schon gar
nicht für das Wesentliche erkannt. Raserei; Gelegenheit;
Versponnenheit; kopflose Wut; Verfinsterung der Sinne. Dabei wurde sie
kalt; vor Abscheu kalt; alles war so töricht gewesen, die zarteste
Menschen- und Frauenwürde war beleidigt. »Darf man denn das Wort
aussprechen?« fragte sie; »wirds nicht unheilig und frech und gering und
abgegriffen, wenn man es sagt? Die meisten einigen sich darauf wie auf
ein schlechtes Geldstück; sie schieben es einander zu, ohne es zu
prüfen, und mit dem Minimum von Gefühl und Opfer glauben sie immer schon
das volle Maß beanspruchen zu dürfen. Und wenn auch Natur zum Vorschein
kommt, wer hat denn Natur, mehr davon als in eine zufällig gesteigerte
Stunde geht, und aus wem spricht sie groß und wahr? Wir müssen alle erst
das Selbstverständliche lernen; in den geheimsten Falten nistet noch
aufgepfropfter Kram und Flitter und darunter vegetiert das Herz wie ein
Krüppel.«
Sie hob die nackten Arme und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Daß
sie jetzt so denke und sich klar darüber geworden sei, das sei sein
Werk. Und daß sie hieraus die Konsequenzen gezogen habe, ebenfalls.
»Schau, ich liege doch in deinem Bett!« rief sie aus. Aber sei das schon
ein Verdienst? Sicherlich nicht, oder nur insoweit, als man die
Widerstände in Rechnung bringe; die wären freilich zuerst unüberwindlich
gewesen. Er könne es auch als einen Akt der Verzweiflung betrachten,
wenn er wolle, aber ein solcher sei es nur im Hinblick auf ihr ganzes
Leben und auf die Fügung, zu der es sich nun gestaltet. Sie schwieg
einen Augenblick, dann sagte sie langsam: »In jeder Menschenbrust ist
Eine gewaltig-göttliche Wahrheit; die muß herausgeschält werden aus der
schleimigen Lebens- und Lügenhülle. Ich will es tun. Aber vorher gib mir
noch einmal deine Hand.«
Sie nahm seine Hand und küßte sie inbrünstig. Dann fuhr sie fort: »Mein
ganzes Dasein ist innerlich und äußerlich bestimmt worden durch zwei
Menschen: durch meinen Vater und durch meine Schwester. Zwischen ihnen,
wie zwischen zwei Mühlsteinen, hab ich mich bewegt, hab ich gedacht,
empfunden und gehandelt. Von früh an stand der Vater gebieterisch über
allem. Er war der Meister, von ihm hatte der Tag seine Regel. Nach ihm
war der Dienst gerichtet, das Spiel, die Beziehung zur Welt. Er
verbreitete Respekt um sich und Schweigen. Wenn ich ihn als Kind kommen
hörte, schien mir immer, als würde der Raum, in dem ich war, finsterer
und enger. Man schrumpfte unter seinem Blick zusammen; das Auge wagte
sich nicht hinauf; er zwang einen zu sprechen, was er wünschte, daß man
sprechen sollte. Er wußte um die Gedanken, alles Verhehlte war ihm
bekannt. Nahm er mich um den Leib, um mich zu sich herzuziehen und
anzuschauen, so hatte ich keinen Willen mehr und nicht nur das, mir fiel
auch alles Schlechte ein, das ich gedacht und getan, und hätte er
gefragt, ich hätte es gestanden. Aber er fragte selten, denn er schien
sich selbst zu fürchten vor der Macht seiner Frage; es rührte einen an
wie kühler Stahl. Davor zitterte ich, davor zitterte die Mutter, davor
zitterten seine Untergebenen und seine Gehilfen. Doch begriff ich sehr
bald das Gewicht, mit dem er unter den Menschen stand, und wie er höher
und höher stieg in ihrer Meinung; es drückte sich in seiner Geste aus,
in seinem scharfen, schnellen Brillengläserblick, in seiner blockhaften
Unerschütterlichkeit. Er war beladen mit Menschengeschicken; ich kann es
nicht anders sagen, wenn ich zurückdenke; über und über beladen;
unheimlich klebte es an ihm, was sie ihm anvertrauten und verrieten, und
was er infolgedessen wußte. Das wurde in meiner Vorstellung ein Berg,
schwarzes Gebirg; ich weiß noch, ich war sechs Jahre alt, als ich mirs
zum erstenmal deutlich machen konnte, was das war: Arzt für die
Geisteskranken, für die Seelenkranken; so hatte man mir seinen Beruf
erklärt, und je näher ich dem Gedanken zu kommen suchte, je düsterer
wurde mein Eindruck. Ich will nicht bei allen Stationen dieses Wegs bis
zur vollen Erkenntnis verweilen. Es war wie ein Sichdurchwühlen durch
unterirdische Gänge. Ich wuchs heran; ich sah, was im Hause vorging; ich
sah, wie ers trieb; er hatte eine Rede für die Menschen, eine andere
Rede für uns. Draußen saugte er sich voll mit Schicksal, bei uns warf
ers ab und hatte selber keines mehr; ich entsinne mich an mein betäubtes
Staunen als Zehnjährige, als ich beobachten konnte, wie die Leute ihn
bewunderten, wie seine Patienten ehrfürchtig-gehorsam vor ihm standen,
gewärtig eines Winks von seinen Augen; das Gefühl von seiner
Herrschgewalt durchdrang mich wie was Religiöses. Als ich zwölf Jahre
alt war, entwendete ich ein Goldstück aus seiner Schreibtischlade, nur
weil ich zu erfahren begierig war, ob ers erraten, ob ers wissen würde.
Es wurde nicht entdeckt, und ich wartete enttäuscht; ich sagte es ihm;
er lachte; er sagte: Wenn ich einmal so arm bin, daß ich einer kleinen
Diebin auf die Finger schauen soll, werde ich auch wissen, wann sie mich
bestiehlt, auch wenn sies aus Ambition für mich tut. Damals war er noch
nicht so zerfetzt und von sich selber geblendet, wie ers später geworden
ist. Er hätte eine Frau haben müssen, die ihm gewachsen war. Mutter war
ihm nicht gewachsen. Sie fügte sich am falschen Ort, sie leistete
Widerpart am falschen Ort, sie konnte ihm die Stichworte nicht geben,
und darauf kommt es in Ehen sehr an. Aber was wollte das bedeuten
gegenüber diesem Beruf. Aufgraben von Seelen; fortwährendes Aufgraben
von fremden Seelen; eindringen in sie bis in die Fugen; schon als ich
die erste Kunde davon gewann und ihm heimlich auf seiner Bahn folgte,
sagte ich mir: das ist ein Erdrosselungsapparat für das ganze Glück der
Erde. Was da zutage tritt! wovon da die Hüllen fallen! die verwinkelten
Gänge, die schmutzigen Schlupflöcher; die Labyrinthe von Schuld und
Irrtum und Jammer und Betrug und Selbstbetrug und Wahn und Verfolgung
und ersticktem Neid und feiger Leidenschaft und gehemmtem Instinkt; wie
sich das häuft; was für ein Gespenstertanz da entsteht. Und es erfragen;
Stück für Stück aus der stummen Brust reißen, das Bewußtsein
unterminieren; Ader um Ader die Wunde betasten; Zurückkriechen in die
Höhlen der abgestorbenen Geschlechter und Spion sein der lebendigen; wem
fiele da die Welt nicht in Trümmer; wem sollte da das Herz nicht
versteinen; was für ein Mensch müßte einer sein, der dabei noch einen
Gott im Innern behielte, einen Abglanz von Gott nur! Und hätt ich das
nicht ahnen sollen? schon vor dem Wissen? Überträgt sich das nicht? Ists
zum Verwundern, daß man schließlich selber ohne Gott dastand, nein,
nicht ohne Gott, darüber hätte man hinwegkommen können, aber mit einem
zerfleischten Gott, mit einem gemordeten Gott, mit dem in Staub und Kot
geschleiften Leichnam eines Gottes? Es war wie in deinem Traum: wenn ich
emporflog bis zu der Scharlachwolke, erblickte ich ja am Ende Gott; war
er noch da für mich, so sah er mich doch nicht an, er würdigte mich
keines Blicks. Ich wußte zu viel; ich atmete in einer Luft, die durch zu
viel Wissen verpestet war; der, der mich gezeugt, hatte das himmlische
Geheimnis verraten.«
Sie drückte das Gesicht in den Ellbogen und schluchzte. Dann sprach sie
weiter: »Und nun Cäcilie. Du weißt es ja; ich habe dir begreiflich zu
machen versucht, wie sie war. Der Vater und sie, das war wie Ahriman und
Ormuzd. Deshalb seine fast abergläubische Angst vor ihr, als ob ihm ein
ohrenbläserischer Satan beständig zuraunte, so viel Unschuld, so viel
Reinheit, so viel Gelassenheit und reizende Würde dürfe er nicht dulden.
Er, den nur Besessene umgeisterten, denen er souveräner Richter war,
mußte toll werden wie die Magnetnadel über ihrem Pol beim Anblick eines
Menschen, der in solchem Grad sich selbst besaß. Sie war sein
Widerspiel, die geborene Feindin, um so mehr, weil aus seinem Fleisch
und Blut; an ihr wurde seine Macht und Selbstgewißheit zuschanden. Ich
konnte ihm noch spiegeln, was er galt und was er wirkte, sie nicht mehr.
Mußte da nicht der Wunsch in ihm entstehen, daß sie aus seinem Kreis
verschwand? mußte der Wunsch nicht bis ins Verbrecherische wachsen, bei
ihm, dessen Existenz auf Bändigung verbrecherischer Triebe gestellt war?
So ist vielleicht auch mein Wünschen krank geworden. Ich konnte kein
Lebensgut und Lebensglück erlangen, das Cäcilie nicht schon hatte. Wo
ich mich weh und blutig schürfte im Ringen und Wollen, da empfing sie.
Wo ich hätte rauben müssen, wurde ihr gegeben, und in Hülle und Fülle.
Unbegreiflich war mir diese Ungerechtigkeit des Schicksals, seit ich zu
denken anfing. Alle Blicke waren auf sie gelenkt; alles Lächeln schenkte
sich ihr; alle Herzen flogen zu ihr; wenn meines sich zaghaft öffnen
wollte, in der nächsten Sekunde krampfte es sich schon wieder zu; wie
durfte es sich nur rühren neben Cäcilies. Zwillingsschwester! Das ist
ein besonderes Ding. Gemeinsam sind wir im Mutterleib gelegen, geboren
in der nämlichen Stunde. Glied hat sich von Glied gelöst, Muskel von
Muskel, aus einem Geschöpf wurden zwei. Am Schoß der Mutter stand ein
Engel mit herrlichen Geschenken: Schönheit, harmonische Bildung,
Sanftmut, Gabe die Herzen zu erobern, Adel des Leibes und der Seele. Der
Engel wußte nicht, daß zwei den Schoß verlassen würden, und der ersten,
die ans Licht kam, verlieh er alles, für die andere blieb nichts. Er
wartete ihr Erscheinen gar nicht ab, er hatte alle Geschenke bereits
vergeben und war auf und davon, als sie hinter der Begnadeten
auftauchte. Das ist keine Fabel, kein Gedicht. Da ist meine Jugend drin,
mein Gestern, mein Vorgestern und mein Heute. Auch mein Heute. Wie faß
ichs nur, was mir geschehen ist, wie sag ichs nur. Einer ist doppelt auf
der Welt bis zu einem gewissen Tag, und von dem Tag ab ist er halb. Ein
Rechenexempel, um den Verstand zu verlieren. Doppelt, was hat das denn
geheißen? Gleich wie der Körper und der Schatten ein Doppeltes sind. Und
halbiert dann, das bedeutet: der Schatten bleibt allein. Was soll ein
Schatten allein anfangen? Er kriecht am Boden und kann sich nicht
aufrichten. Er erbettelt Kraft von der Erde und ringt mit ihr, aber er
kann sich nicht von ihr erheben. Als ich Hubert Gottlieben kennenlernte
und seine Vertraute wurde, war mir, als könnte ich ihn lieben. Aber mein
Herz hatte nicht Mut genug. Qual, von der man keinen Begriff geben kann.
Er gehörte Cäcilie; alles gehörte Cäcilie; alle gehörten Cäcilie.
Außerdem wußt ich doch: sie wartet; sie wartet auf den, der ihr bestimmt
ist. Und wenn es nun derselbe war, der mir bestimmt war? Wie dann? Dann
mußte eine von uns sterben; sie hatte es ja selbst zu mir gesagt. Ich
fühlte es voraus, daß es derselbe war. Ich wollte dem Grauen vorbeugen,
das uns beiden drohte. Ich wollte nicht länger Schatten sein. Ich wollte
Körper werden. Es war mir klar, daß der, der dann kam, sich trotzdem nur
nach ihr sehnen würde, nur nach ihr bangen und schmachten, und daß ich
auch als Körper, wenn sie nicht mehr war, nur Vorwand und Überbleibsel
sein würde; aber ich war dann doch allein mit ihm, eine Spanne
wenigstens, ich wurde gehört und gesehen, ich war da, ich war lebendig.
Und so hab ich sie getötet. So hab ich den Revolver an ihre Schläfe
gedrückt. So hab ich die Schwester getötet. Jetzt weißt du alles.«
Ein heiserer Aufschrei durchbrach die Stille. Darauf war Schweigen.
Abermals wollte Dietrich schreien, doch die Kehle war versperrt. Er
setzte sich im Bett empor. Er öffnete den Mund; fahl, mit geöffneten
Lippen, sah das Gesicht aus, wie eine Gipsmaske. Es warf ihn aufs Lager
zurück. Der Körper wälzte sich in Konvulsionen auf dem Linnen. Er preßte
die Fäuste in die Augen, in gräßlicher Angst, daß das Gehirn herausrann.
Hatte ers auch geahnt, als tödliches Geheimnis von purpurner Tiefe her
gefürchtet all die Zeit, in Herz und Eingeweiden gefürchtet seit ihrem
weißen Dastehen im Wald schon, seit dem klägerischen Gebell des Hundes,
seit Worte zwischen ihnen gefallen waren, was war die Ahnung anderes als
ein kaum verräterischer Streifen am Saum wohltätiger Nacht, was war sie
gegen die nun aufgeschossene welt- und sinnverschlingende Flamme des
donnernden Wissens? Er hatte es ja im Innersten nicht angenommen; es
hatte sich dem Begriff entzogen, dem Menschenglauben, der Wärme des
Lebens, dem Gedanken und dem Bild. Ordnung zerstäubte in Chaos.
Vergossenes Blut überströmte die elfenbeinerne Tafel der Erde. Zum
zweitenmal war es, doch endgültiger jetzt, als schlüge ein
Riesengespenst die Nacht in klappernde Scherben und den kommenden Tag
dazu, alle kommenden Tage dazu. Cäcilie! riefs; Cäcilie! Sie war da. Die
andere war zerstört. Sie war zerstört; die andere lag neben ihm.
Irrsinn, Wut des Irrsinns; Scheingebilde beide. Wohin mit der
aufrührerisch kochenden Liebe? Was beginnen in der zu Scherben
zerschlagenen Welt? Cäcilie! riefs aus der zermalmten Kehle. O Mund, der
du geküßt hast, die Andere geküßt hast, auf ewig verfluchter Mund!
Geliebter Leib, den du umarmt hast, du warst nicht Cäcilies Leib. Noch
einmal schrie er auf und hatte die Besinnung verloren.
Hanna erhob sich. Eine Weile stand sie nackt auf dem Teppich. Es gibt
ein Bild von Odilon Redon, #les yeux clos# genannt; diesem Bild ähnelte
sie. Es war eine schöne Gestalt von annähernd vollkommener Prägung und
kräftiger Rasse. Die Rundung der Hüften übertraf die Breite der
Schultern, die ziemlich stark abfielen. Es waren zarte weibliche Formen;
mehr Frau vielleicht als Mädchen, doch unendlich jung.
Vor dem Stuhl, auf dem ihre Gewänder lagen, kleidete sie sich langsam
an. Als sie fertig war, trat sie auf die andere Seite des Bettes und
schaute seltsam besorgnislos in das Gesicht des unbeweglichen, mit
geschlossenen Lidern daliegenden Jünglings. Sie beugte sich herab,
berührte mit den Lippen seine Stirn und die entblößte Brust, dann
schritt sie leise zur Tür und ging. Sie hatte den Torschlüssel. Draußen
war es schon Tag.
»Ich komme«
Erst am späten Vormittag betrat das Hausmädchen Dietrichs Schlafzimmer
und fand ihn in schwerem Fieber und phantasierend. Der Arzt wurde
geholt. Zufällig kam um die Mittagszeit auch Justus Richter, um dem
Freund ein versprochenes Buch zu bringen. Er benachrichtigte sogleich
telegraphisch die Ratsherrin. Am Abend traf Dorine ein.
Die Krankheit verschlimmerte sich mit jeder Stunde. Der behandelnde Arzt
berief einen Spezialisten. Es war eine bedenkliche Form von
Hirnhautentzündung. Das verheerende Fieber dauerte sechs Tage ohne
wesentliche Abschwächungen. Am siebenten Tag war die Krise. Sie verlief
günstig. In der achten Nacht konnte er als gerettet betrachtet werden.
In dieser Nacht schlief Dorine einige Stunden durch. Man hatte ihr im
Wohnzimmer ein Feldbett aufgeschlagen.
Als Dietrich aus der wie seit Ewigkeit währenden Bewußtlosigkeit
erwachte, war die an seinem Lager sitzende Mutter beruhigende
Erscheinung. Er schaute sie lange schweigend an. Sie legte stumm ihre
Hand auf seine.
Die Delirien hatten ihr Wissenschaft genug gegeben. Was an greifbarer
Wirklichkeit fehlte, hatten Justus Richters Andeutungen vervollständigt.
Dennoch war es zerbrochener Pfad für sie, auf dem ihr Schritt unsicher
stockte. Von da war kein Bogen mehr in ihr eigenes Leben gewölbt; es war
entlegenes, verwildertes Revier. Verweisend fremd blickten die Ahnen
herüber; in ihrem fürstlich geregelten Dasein hatte das Zerfallene
keinen Platz; und sie, die Mutter, befragt: was hast du getan, um es zu
verhüten? wußte keine Antwort. Ihr blieb nur Vertrauen zu einem noch
Werdenden; Hoffnung, daß die trübe Gor sich von innen aus kläre, daß der
Niedergestürzte sich schicksalsfrömmer wieder aufrichte und bescheidener
das Gesetz erkenne, nach dem ihm geboten war zu leben. Ihre Hand hatte
da keine Gewalt mehr: Führung und Herrschaft waren dahin für immer.
So war ihr der Erwachte und langsam Genesende in einem neuen Sinne
Sohn: abgelöst von ihr und ihr gegenüberstehend als Pflüger auf eigenem
Grund und Boden; ein Hinausgewanderter, der sein Erbteil erst in später
Zeit antreten will; vielleicht daß er es verknüpft mit dem frisch
Errungenen; vielleicht daß er es sondert; doch hat er sein Ur- und
Geistesrecht in sich selber.
Schon am zweiten Tag von Dietrichs Krankheit erfuhr Richter und teilte
es Dorine Oberlin mit, daß sich Hanna auf dem Grab ihrer Schwester
erschossen habe. Den Morgen darauf stand es in allen Zeitungen. Die
Nachricht wurde Dietrich sorgsam verhehlt, auch als die Genesung schon
weit fortgeschritten war. Möglich, daß er es ahnte. Er sprach nicht von
Hanna. Er fragte niemals. Aber er mußte wissen, wohin sie gegangen war,
mußte wissen, was sie getan, wenn anders Maß und Gewicht dieser Welt für
ihn nicht aufgehört haben sollten zu gelten.
Kein Wort von ihm deutete auf Vergangenes. Schwermütiger Ernst wich
nicht von ihm. Dorine suchte ihn zu zerstreuen und aufzuheitern, indem
sie ihm vorlas oder erzählte; er schien erkenntlich, doch ohne lebhafte
Teilnahme. Justus Richter stellte sich häufig ein und spielte Schach mit
ihm, was ihm das liebste war, weil er dabei schweigen durfte. Anfang Mai
kam Georg Mathys; als er ins Zimmer trat, zeigte sich zum erstenmal ein
heller Schimmer in Dietrichs Gesicht. Ein paar Tage darnach durfte er
ausgehen. Dorine und Mathys begleiteten ihn zuerst beide, dann Mathys
allein. Da brachte Dietrich das Gespräch auf Lucian und sagte, er wolle
zu ihm, sobald sein Zustand es erlauben würde. Dorine erschrak, als
Georg Mathys es ihr sagte, und wollte Einspruch erheben, aber Mathys
riet ihr, ihn gewähren zu lassen; wie die Begegnung auch ausfalle, die
Folgen könnten nur ersprießliche sein. Er erbot sich, mit Dietrich zu
fahren, und am gleichen Tag schrieb er einen ausführlichen Brief an
Lucian, worin er Dietrichs Gemütsverfassung schilderte, das Geschehene
delikat berührte und von seiner und Dietrichs Absicht sprach, ihn zu
besuchen. Er wohnte noch immer bei Pfarrer Langheinrich.
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten. Sie war kurz und forderte
die beiden Freunde an einem ihnen genehmen Tag zu kommen auf. Eine Woche
später gab der Arzt die Einwilligung zur Reise, die übrigens nur zwei
Stunden dauerte. An einem schönen Morgen im letzten Drittel des Mai fuhr
das gemietete Auto vor; den andern Abend wieder zurück zu sein,
versprach Georg Mathys Dorine.
Gegen Mittag kamen sie vor dem rebenumwachsenen Pfarrhaus an. Es wurde
ein Fest gefeiert: Pfarrer Langheinrich war heute siebzig Jahre alt. Die
Häuser des Dorfs waren beflaggt, Deputationen standen im Hof,
weißgekleidete Kinder, mit Kränzen von Wiesenblumen im Haar, sangen ein
Lied. Der älteste Sohn des Pfarrers begrüßte die fremden Gäste; nach
einer Weile trat auch Pfarrer Langheinrich auf sie zu, eine würdige, von
Freundlichkeit strahlende Gestalt, und schüttelte ihnen herzhaft die
Hände. Mathys drückte sein Bedauern über die Zufallsfügung aus, die sie
zu Feststörern gemacht, aber der alte Herr erklärte lachend, zwei mehr
an seiner Tafel, das könne höchstens eine Verlegenheit für die Pfarrerin
bilden, und bei der sollten sie mal Nachfrage halten, die würde ihnen
mit dem entrüstet geschwungenen Kochlöffel antworten.
Nun erschien auch Lucian unter dem geschmückten Tor: hager, groß,
streng. Mit einem Aufflammen in den zerarbeiteten Zügen ging er auf
Dietrich zu. »Da bist du ja endlich«, redete er ihn an mit der Stimme
aus Metall, packte seine Hand und hielt sie wie im Schraubstock fest.
Dietrich schaute zu ihm auf; seine Augen waren feucht. Sprechen konnte
er nicht.
Sie wanderten durch den Garten, er, Mathys und Lucian. Die Unterhaltung
war stockend und eigentlich ohne Gegenstand. Lucian blieb ziemlich
schweigsam. Auch Mathys und Dietrich verstummten. Um so lärmender
verlief das Mittagessen, mit Scherzen, Ansprachen und Lebehochs bei
köstlichem Aßmannshäuser. Die Tische waren im Freien aufgestellt, unter
drei uralten Eichen. Die Angesehenen des Orts und Freunde des Pfarrers
aus nah und fern waren geladen. Ein Amtsbruder rezitierte einen
gereimten Glückwunsch; ein Student in hohen Semestern, Langheinrichs
Jünger und Schüler, trank auf das Wohl des Jubilars den silbernen Pokal
bis auf die Neige. Neben dem Pfarrer saß beglückt lächelnd die
Pfarrerin, zwei Söhne rechts, zwei links, hübsche gesunde Leute.
Unergriffen blickte Dietrich vor sich hin. Er war beengt von dem
festlichen Treiben, und bisweilen suchte sein Auge Lucian, der,
ebenfalls wenig froh, zwischen Georg Mathys und dem Amtsrichter saß. Es
war Dietrich zur Bedingung gemacht worden, daß er den Nachmittag über
ruhe. Die Hausfrau führte ihn in ein Gemach unter dem Dache und sorgte
für alle Bequemlichkeit, Georg Mathys hielt dann prüfende Nachschau;
während er noch im Zimmer war, schlief Dietrich ein. Er schlief fest und
lang; erst als die Sonne im Untergehen war, erhob er sich. Er trat auf
den schmalen hölzernen Vorbau und schaute versonnen in das
blütenübersäte Land. Hatte eben sein Herz noch leichter geschlagen,
jetzt wurde es wieder schwer und dunkel. Seufzend kehrte er ins Zimmer
zurück. Da stand Lucian vor ihm.
»Bist du munter geworden, Oberlin?« fragte er; »wollen wir uns
zusammensetzen und ein wenig plaudern wie vorzeiten? Hast du meiner oft
gedacht? Bist du noch, der du warst?«
Er hatte sich auf das gebrechliche schwarze Ledersofa gesetzt und die
Arme verschränkt. Rotes Sonnenlicht fiel auf seine gewaltige Stirn.
Dietrich nahm am Tische Platz und stützte den Kopf in die Hand. »Nein,
der ich war, bin ich nicht mehr«, antwortete er.
Nach einem Schweigen dann: »Wie wäre das auch möglich? Du weißt ja
nicht ...«
Lucian rückte die Schultern. »Ich weiß«, sagte er. »So viel zu wissen
nötig ist, weiß ich.«
Scheu erhob Dietrich den Blick. »So brauch ich dir ja nichts zu
erzählen,« sprach er leise; »ich wollte dir erzählen; aber ich sehe
schon, daß ichs nicht gekonnt hätte. Gut, daß du es weißt.«
»Mich dünkt, du Lieber, du warst ein bißchen zu wehleidig«, erwiderte
Lucian stirnrunzelnd.
»Wehleidig? Ja; Weh hab ich gelitten, allerlei Weh«, sagte Dietrich mit
einem kränklichen Lächeln. »Es konnte mir keiner helfen; und nun, wo
alles vorüber ist, trostlos vorüber, wer kann mir nun helfen? Ich
dachte, du könntests vielleicht. Aber mir scheint, du kannsts auch
nicht. Was soll man tun? Wie soll man weiterleben, Lucian?«
»Keinesfalls so, wie dirs jetzt beliebt«, versetzte Lucian hart. »Du
hast meine Erwartungen bitter enttäuscht. Du hast unserm Vertrag zuwider
gehandelt. Du hast dich ins giftige Netz begeben und die Fäden kleben
noch an deinem Leibe. Du hast mich verleugnet, Oberlin; du hast deine
Seele verkauft.«
Dietrich ließ das Haupt sinken und schwieg.
»Der Mensch, den ich brauche und den ich formen kann,« fuhr Lucian
fort, »der darf mir nicht erliegen und zu Boden fallen, wenn der
trunkene Eros seine Arme um ihn schlingt. Was ist dann meine Existenz,
was bin ich wert, mir und euch, wenn die klug gebraute verführerische
Mixtur alles, was ich will und wirke, zunichte macht? Ich hatte gehofft,
daß du dich an den Fundamenten des Baues bewährst und nicht an seinem
Schnörkelschmuck die Zeit vergeudest und Kraft und Geist vertust. Alle
fallen. Alle. Keiner widersteht der Versuchung. Wie ich dich hielt,
Oberlin, wie ich dich trug! Du warst mir das Edelgestein auf dem
Werkplatz, nicht einmal Mörtel und Klammern glaubt ich bei dir vonnöten.
Der ist mir sicher, dacht ich, der wacht über meine Ernte mit der
geschliffenen Sense, dacht ich. Und das Ende? Hineingeschleudert den
ganzen Einsatz in ein Liebesspiel. Das heiß ich seinem Meister mit
abgehauenen Händen gegenübertreten. Schäm dich, Oberlin.«
»So verdammst du mich also? verwirfst mich?« hauchte Dietrich und
schaute Lucian groß an.
»Ich verdamme dich nicht, ich verwerfe dich nicht,« war die Antwort,
»dergleichen kommt mir nicht zu. Ich sehe bloß, daß der Ring eng und
enger wird, ich fange an, den Sinn des Wortes Einsamkeit in seinem
vollen Umfang zu begreifen.«
»Du irrst,« sagte Dietrich in demselben hauchenden Ton, »du irrst, wenn
du annimmst, daß ich den Einsatz verspielt habe. Du irrst, wenn du
meinst, ich hätte vergessen, was ich mir und dir schuldig war. Das steht
unverlöschbar geschrieben, es ist nicht ausgelöscht, es kann nicht
ausgelöscht werden. Was ich hinter mir habe, Lucian, das war mein
heiliger Anteil am Schicksal, nicht minder wahr und wirklich, als hätt
ich den gelebt, den du forderst. Laß es Hohlweg oder Brücke sein, aber
laß es mir gelten und rechne es mir zu als ehrlich gelebtes Stück. Du
siehst mich nicht. Schau mich doch an, fühl es doch, wie ich vor dir
stehe.«
Die Worte waren dringlich, flehend fast. Lucian, von dessen Stirn das
Rot der Sonne längst vergangen war, gehorchte der Aufforderung und sah
Dietrich an. Zu schauen vermochte er aber nicht. Und deshalb entgegnete
er: »Alles müßte von neuem beginnen. Doch dies ist unmöglich. Anfang hat
seinen eisernen Rahmen. Geh du, und finde dich zurecht. Auf mich kannst
du nicht zählen. Ich bin ein geschlagener Mann, beleidigt, entwürdigt,
entwurzelt; und verurteilt, am Geist der Gemeinheit und der Schwäche zu
verbluten. Vielleicht treffen wir uns einmal an einem andern Kreuzpunkt
unserer Wege. Vielleicht kannst du mir dann sagen, nicht: schau mich an,
fühl es, wie ich vor dir stehe, sondern: schau mein Getanes an und
erkenne, was es wiegt und was es ist. Bis dahin muß ich unerbittlich
sein, sonst könnt ich meinem Gott nicht mehr ins Auge blicken. Ein
Mensch ist nicht mehr da.«
Sein Gott? dachte Dietrich, auf einmal kühl bis in die Nieren, wer ist
sein Gott? Wo mag er weilen, dieser grausame und finstere Gott? Warum
nennt er ihn? Ich bin zu ihm gegangen, ihn um Brot zu bitten, und er
gibt mir Steine.
Die Dunkelheit war eingebrochen. Verworrene Musik ertönte vor dem Haus.
Dietrich stand auf, plötzlich quälte ihn die starre Nähe Lucians. Er
trat auf den Altan hinaus. Eine Schar junger Menschen, alle mit
brennenden Fackeln in den Händen, zog am Hause vorbei, an der Spitze die
vier Söhne des Pfarrers. Diese allein trugen keine Fackeln; drei
spielten im Gehen Violine, einer die Maultrommel, wodurch ein
wunderliches Tongemisch erzeugt wurde. Hinter ihnen schritt Georg
Mathys. Er richtete den Blick empor, gewahrte Dietrich, schwenkte seine
Fackel in der Luft und sagte laut: »Komm, Oberlin!« Da sahen auch andere
in die Höhe, und ein vielfacher, von frohem Lachen begleiteter Ruf
erschallte: »Komm, Oberlin! Komm, Oberlin!«
Dietrich spürte, wie die Last von Brust und Schultern fiel. Er
antwortete dem Ruf der Jugend mit einem dankbar leuchtenden Lächeln und
rief zurück: »Ich komme.«