Da ihm ein schlimmes Gefühl von der Szene mit Hedwig Schönwieser
geblieben war, machte sich Dietrich am andern Tag ziemlich früh schon
auf, sie zu besuchen und wenn auch nicht abzubitten, so doch um Finks
willen, den er beleidigt glaubte, eine Versöhnung herbeizuführen. Aber
alles, was er tat und sich vornahm, verwirrte ihn in gleicher Weise. Die
peinigende Unzufriedenheit mit sich selbst, das leidenschaftlich
friedlose Sinnen und Hinstürmen verdüsterte nachgerade sein Gemüt.
Fink und Hedwig waren noch in ihren Zimmern. Er ließ sagen, er sei da
und warte. Fink schickte Botschaft, er möge hinaufkommen. Es war nicht
die Rede von dem gestrigen Vorfall. Fink war ziemlich aufgeregt
beschäftigt, seinen Koffer zu packen. Er habe ein Telegramm erhalten,
das ihn nach München rief, erzählte er. Hedwig bleibe hier, wie lang es
dauern werde, bis er sie abholen könne, wisse er noch nicht. Sie wolle
nicht im Hotel bleiben, es sei ihr zu ungemütlich; das verstehe er; sie
wolle nach Mannenbach hinaus, in den Pfauenhof, ganz in der Nähe der
Villa Oberlin; das Haus und seine Lage überm See hätten ihr gefallen.
»Weiber lieben es, sich zu verändern«, sagte Fink, der hemdärmlig hin
und her rannte und was ihm gerade zwischen die Finger kam, in den Koffer
warf; »du wirst dich hoffentlich ein bißchen um sie kümmern, Oberlin.
Ich verlasse mich in dem Punkt ganz auf dich. Dummheiten wirst du ja
nicht machen, dazu bist du zu fischblütig und natürlich auch zu
anständig. Und sie, wenn sie bloß ihre Ration Amüsement hat, läßt sie
sich um den Finger wickeln. Versprichst du mir, daß du dich ihrer
annehmen wirst, Oberlin?« Er blieb vor Dietrich stehen, legte ihm beide
Hände auf die Schultern und sah ihn treuherzig und zugleich mit kaum
verhehlter Pfiffigkeit an.
»Ich bin nicht der Richtige für ein solches Amt«, erwiderte Dietrich
ausweichend. Es war ihm ein ärgerlicher Gedanke, daß das Mädchen in
seiner unmittelbaren Nachbarschaft wohnen sollte, und es schien ihm
etwas wie Bosheit in dem Plan zu liegen, von der Zudringlichkeit
abgesehen.
Fink ließ sein schepperndes Lachen hören. »Du, Hedwig,« schrie er auf
einmal durch die Tür, »Oberlin kann sich gar nicht fassen vor Wonne über
deine Idee mit dem Pfauenhof.«
Dietrich sagte durch die Zähne: »Fühlst du denn nicht, wie taktlos und
wie geistlos du bist?«
Fink zog die Brauen in die Höhe, und in seinem Gesicht ging eine
häßliche Veränderung vor. Er antwortete giftig: »Sag mir, warum du dich
eigentlich so aufplusterst? Wofür hältst du dich eigentlich? Hältst du
dich etwa für einen Edelmann? Wie viel Stockwerke über uns ist Euer
Erlaucht geboren? Aber ohne Spaß, Oberlin, und auch ohne Groll, sag mir:
was bist du für ein Mensch? Wir haben jetzt wochenlang wie zwei
Kameraden verkehrt, du warst mein Gast, ich der deine, aber ich weiß
wahrhaftig nicht, was du für ein Mensch bist. Ein Dummkopf oder ein
Narr? Ein Schwächling oder ein Verräter? Möcht es gerne wissen. Nur
damit man sich danach richten kann.«
»Ich glaube,« entgegnete Dietrich langsam, »ich glaube, daß wir zwei
beide nichts miteinander zu schaffen haben sollten. Ich glaube, daß
jeder von uns beiden durch den anderen schlechter wird. Ob ich ein
Schwächling oder ein Verräter bin? fragst du. Beides. Ein Verräter, weil
ich dich trotz unserer Intimität mit allen meinen Gedanken verabscheue
und immer verabscheut habe, und ein Schwächling, weil ich zu feige und
zu ehrlos war, daraus die Konsequenz zu ziehen. Somit weißt du es und
darfst mich ruhig verachten. Denn siehst du, Fink, ich habe vor mir
selber die Achtung verloren. Wie es zugeht, kann ich mir nicht erklären,
aber ich versichere dir, daß ich es ganz gerechtfertigt finde und daß
ich mich nicht einmal wehren würde, wenn mir irgend ein Mensch auf der
Straße ins Gesicht spucken würde. Könnte mir nur einer sagen, was ich
tun soll.«
Fink hatte sich verfärbt. In seinen Augen flimmerte Wut. Aber es lag in
Dietrichs Worten solche Seelenqual, daß er sein Aufbrausen zurückhielt
und in wegwerfendem Ton sagte: »Du bist einfach nicht zurechnungsfähig.
Sonst hättest du mir einzustehen für dein windiges Gerede. Ich halte
dich für krank. Was du tun sollst? Na schön, wenn du einen
freundschaftlichen Rat hören willst, so leg den Keuschheitsgürtel ab.
Such dir eine barmherzige Fee, die den Schlüssel dazu verwahrt. Wir sind
allesamt eines Fleisches, Mensch, und wer das Fleisch kasteien will, dem
wird das Blut zu Galle. Derlei Popanze, ich kenne sie, mit ihrer
Überheblichkeit und ihrer Heuchlerstrenge. Insgeheim haben sie sich dem
lüsternsten von allen Teufeln verschrieben und verkohlen innerlich wie
die Späne in einem Meiler. Folge mir und geh zu einem Weib.«
»Das ists nicht,« murmelte Dietrich; »nein. So simpel ist es nicht. Da
bist du auf dem Holzweg.«
»Was ists denn? Gehörst du zu denen vielleicht, die das Ideal für sich
verlangen?« höhnte Fink, der aus einem unklaren Grund wieder in Wut
geriet; »schlechtweg und ohne Rabatt das Ideal? die Madonna? die
Jungfrau mit dem Glorienschein? Möchtest du Pygmalion spielen, he? den
Pygmalion des Traums, wie ich mal irgendwo gelesen habe? So siehste aus,
Jungchen. Das gibt nen höllischen Kladderadatsch, sag ich dir; da häng
dich nur lieber gleich am nächsten Baume auf.«
Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich, und auf die Schwelle trat Hedwig
Schönwieser, mit nichts bekleidet als einem lilaseidenen Überwurf, durch
den die Formen ihres stengelschlanken Körpers wie durch gefärbtes Glas
sichtbar waren. Die feuerroten Haare hingen aufgelöst über die Schultern
bis zu den Hüften herab. Mit beiden gekreuzten Händen hielt sie das
Gewand vor der Brust zusammen, schüttelte den Kopf und fragte
unzufrieden: »Was zankt ihr euch denn, ihr zwei?«
»Wir haben unsere Weltanschauung kritisch gemustert«, brummte Fink
verdrossen.
Hedwig trippelte nacktfüßig bis dicht vor Dietrich hin, beugte Kopf und
Hals vor und sagte: »Wirst du nett sein mit der kleinen neuen Freundin,
keuscher Oberlin? Wirst du ihr manchmal ein paar Rosen aus deinem Garten
schenken und ihr beim Konditor eine Schokoladetorte kaufen? Oder wirst
du sie schlecht behandeln und nicht mehr kennen wollen?«
Das war nicht ohne Grazie und echte Schelmerei und hauptsächlich nicht
ohne Gutmütigkeit, die Dietrich beinahe entwaffnete und ihn seinen
Widerwillen vergessen ließ. Aber die Nähe ihres kaum verhüllten Leibes
bewirkte, daß er darüber weghörte und es sich wie Gewölk um seine Lider
legte. Etwas Schamloses in Haltung und Miene verletzte ihn; er wich
zurück, einen Schritt und noch einen, Hedwig folgte ihm und brach in
Gelächter aus, und während sie lachte, ob es unabsichtlich oder in
dirnenhafter Berechnung geschah, war nicht zu entscheiden, schlug sie
den Überwurf auseinander, und er sah einen Augenblick lang ihren Körper
nackt, porzellanweiß fast; wie eine weiße Flamme kam es ihm vor.
Lachend und sich schüttelnd kehrte sie sich ab und ging in ihr Zimmer
zurück; auch Fink lachte aus vollem Halse.
»Adieu, Fink«, sagte Dietrich gepreßt und stürzte zur Tür.
»Adieu, Pygmalion«, rief ihm Fink lachend nach.
Er ging zu Fuß nach Hause. So wenig achtete er auf den Weg und die
Menschen, daß er sich einmal vor einem Auto stehend fand, das der
greulich schimpfende Chauffeur in der letzten Sekunde noch anzuhalten
vermocht hatte, das andere Mal in einer spielenden Schar zwei Kinder
umstieß. Als er beim Pfauenhof vorüberkam, blieb er unwillkürlich
stehen. Das Gebäude lag in halber Höhe des Hangs; der hölzerne Giebel
eines langgestreckten Pavillons war von einer Girlande aus Tannenzweigen
umwunden, und darunter prangte in roten Lettern auf weißer Tafel die
Ankündigung: Morgen Abend findet große Tanzunterhaltung statt.
Zu Hause fand er einen Brief von Georg Mathys. Er las ihn ohne Anteil.
»Ich habe erst jetzt eine annähernde Vorstellung davon gewonnen, wie
viel Arbeit auf uns junge Leute wartet«, schrieb der Hemmschuh unter
anderm. »Vor allem ist mir klar geworden, daß wir uns entschlossen ins
Verhältnis zu den Tatsachen zu setzen haben. Das bedingt eine gewisse
Härte und eine gewisse Kälte, und allerdings um die geht es. Vergangene
Epochen haben mit Vorliebe das Abseitige und Irreale bewundert und
gehegt, wenigstens platonisch; sie haben zum Beispiel den Träumer, oder
besser gesagt, den Traumbefähigten auf ein Piedestal gehoben. Mich
dünkt, daß das für lange vorbei ist. Ich meine damit nicht, daß der
Traum aus der Welt geschafft sei oder der Träumer ausgerottet werden
soll; ich bin sogar der Ansicht, daß es etwas gibt, was ich die
Erziehung durch den Traum nennen möchte, das so tief und hintergründig
ist wie die geheimnisvolle Untermalung auf manchen Meisterwerken, aber
die Frage ist dann eben, ob es zur Figur reicht, ob Figur entstehen
kann. Wir werden unsere Hände rühren müssen, Oberlin. Sieh zu, daß du in
deiner Weise vom Fleck kommst. Neulich ging ich durch den Wald, und da
hatten sie einen mehr als tausendjährigen Baum umgesägt. Herrgott, dacht
ich mir, mein Leben und das von fünfzig meiner Kameraden da hinein, und
es ist noch immer nicht dieses wunderbar und ungeheuer Verdichtete an
Kraft, an Wuchtigkeit und an Bedeutung für das Ganze ...«
Dietrich legte den Brief mit der Empfindung beiseite: ich werde es
später zu verstehen suchen.
Warum klassifizieren sie und stellen Rangordnungen auf? dachte er
feindselig. Warum fordern sie, daß man gerade so und so sein soll? wenn
man nun anders ist und mit dem Anderssein zu existieren hat? Ist man
dann ausgestoßen aus dem wirklichen Leben? Kommt man dann nicht mehr in
Betracht, wie eine Wanze, wie eine Laus? Und was ist das: das wirkliche
Leben? was ist das: der Traum? Wer entscheidet: dies ist wirklich, dies
ist unwirklich? Wer verwirft? wer verdammt? wer hält Gericht? Die Zeit?
Was ist die Zeit? wo ist sie? Sie spricht nicht, sie kennt mich nicht,
sie liebt mich nicht, ich spür sie nicht, was soll sie mir?
So sank er mit dem vergehenden Tag in Schwermut. Der Abend tröstete
nicht, gab nichts. In der Nacht lag er auf dem Marmorrondell beim
Springbrunnen und lauschte auf das Rieseln des Wassers. Der große Hund
kauerte zu seinen Füßen, über ihm flammte, zwischen den Kronen zweier
Kastanien, das Sternbild des Wagens. Es kam ihm vor, als seien seine
Adern in Gold verwandelt und die Glieder verwunschen. Die Welt war
ausgetilgt und ihr Süßes und Bitteres ganz in ihn hineingeschlüpft wie
in einen Fruchtkern. Er schlummerte ein, aber es war kein Schlaf, es war
banges Glosen in einem brausenden Element. Als der erste Tagschein
rosig-kühl aufschimmerte, erhob er sich, ging ins Haus, warf sich ins
Bett wie in einen Abgrund und schlief steinern bis zum Mittag.
Gegen sechs Uhr am Nachmittag saß er in dem kleinen Bibliotheksraum am
Schreibtisch und versuchte seine Gedanken zu einem Brief an Mathys zu
sammeln, als sich leise die Tür öffnete und Hedwig Schönwieser eintrat,
lächelnd, den Finger auf dem Mund. Erst hatte sie den Kopf
hereingesteckt und nachdem sie Dietrich gewahrt, hatte sie es sehr eilig
gehabt, die Tür wieder zu schließen. »Es hat mich niemand gesehen,«
flüsterte sie; »ich bin die Stiege herauf und habe mindestens schon in
drei Zimmern nachgeschaut. Na, und da bist du ja endlich, kleiner
Oberlin. Ich dachte schon, du wärst über alle Berge.«
Sie trug ein weißes Leinenkleid mit schmalen blauen Litzen; der Strohhut
hing am Band an ihrem Arm. Sie schien sehr aufgeräumt, hatte die
»diebische Lustigkeit« an sich, wie es ihr Freund Fink nannte, und
bewegte sich mit einer ihr sonst nicht eigenen Freiheit, als wären
unbequeme Fesseln von ihr genommen.
Dietrich vermochte kein Wort hervorzubringen. Er war aufgestanden, hatte
sie angesehen, bestürzt, düster, beinahe hilflos, hatte sich wieder
gesetzt, und sein Herz hämmerte tobend.
»Es ist dir wohl nicht recht, daß ich da bin?« fragte sie gekränkt.
Er stammelte etwas und gab sich Mühe, zu lächeln.
»Ach, es ist mir gleich, ob dirs recht ist oder nicht, ich wollte nur zu
einem Menschen gehn«, sagte sie seltsam und setzte sich auf ein
niedriges Bänkchen am Fenster.
»Wie schwül es heute ist,« seufzte sie; »das Blut gerinnt einem vor
Schwüle.«