Er sprach nicht. Sie verstummte gleichfalls. Sie schaute ihn eine ganze
Weile ruhig und forschend an. Er hatte die Augen gesenkt und sein
Gesicht wurde allmählich bleicher und immer bleicher. Sein Schweigen
schien sie nicht zu stören, es war, als finde sie es selbstverständlich,
und wie sie ihn so anschaute, wurde aus dem ruhigen und forschenden
Blick ein neugieriger, ein mitleidig-messender, ein verlangender. Sie
umschränkte die Knie mit den Händen, entstraffte die Muskeln des
Körpers, und auf ihren Lippen war der Ausdruck von Durst. »Hast du einen
Brief geschrieben?« fragte sie. »Zeig mir, was hast du geschrieben?«
Sie erhob sich, trat an seine Seite, beugte sich über den Tisch und
lachte. »Aber da steht ja nichts!« rief sie.
Da legte sie den linken Arm um seine Schulter und drückte die Wange auf
sein Haar. In einer Mischung von Grauen, Schrecken, angstvoll lähmender
Erregung und Bewußtlosigkeit verschwammen Dietrich alle Dinge
ringsherum. Der Zustand eines trüben Halbgefühls von Geschehen und Sein
war von dieser Minute an der herrschende in ihm. Ich muß sie erwürgen,
fuhr es ihm wie kalter Stahl durch den Kopf, ich muß sie unbedingt
erwürgen; zugleich erzitterte er in einer schwindelnden, erstickenden,
gehaßten, häßlichen Begehrlichkeit.
Hedwig, sich dichter an ihn schmiegend, nun ohne Furcht, zurückgestoßen
zu werden, ergriff mit der Rechten einen Bleistift und schrieb auf das
leere Blatt: Ich erwarte dich punkt neun Uhr bei der Kapelle.
Sie sah ihn fragend an, stieß einen Vogellaut aus, drückte seinen Kopf
an ihre Brust, schrieb wieder: Wirst du bestimmt kommen?
Sie sah ihn abermals an; da sagte er mit einer ihm völlig unbekannten
Stimme: »Ich werde kommen.«
»Sicher?« jubelte sie leise.
»Sicher.«
Ein gehauchter Ruf von den Lippen des Mädchens; sie richtete sich empor,
Dietrich hob den Kopf: die Ratsherrin stand im Zimmer. Im Reiseanzug
stand sie da, den Blick wie zerstreut in die Richtung gekehrt, wo die
beiden waren, mit den Zähnen an der Unterlippe nagend, was der Miene
etwas Grüblerisches gab, und scheinbar gleichmütig die Handschuhe von
den Fingern streifend. Dietrich langte nach dem Blatt, auf das Hedwig
ihre großen Buchstaben geschrieben, zerknüllte es krampfhaft in der
Faust und wünschte, daß es drin zerschmelze oder zu Asche werde, denn
ihm war, als drängen die Blicke der Mutter durch seine Hand und könnten
die Worte lesen. Hedwig, in peinlicher Verlegenheit, sich scheu duckend
unter den Augen dieser Frau, die sie als Luft behandelten, wußte nicht
recht, was sie tun sollte, endlich faßte sie einen Entschluß, ging mit
einem hastigen Knix an Dorine vorüber und huschte hinaus, was Dietrich
ungeachtet seiner Verwirrung als albern und ungeschickt empfand.
Auch das Verschwinden des Mädchens schien Dorine nicht zu bemerken. Sie
legte den Hut mit dem langen Schleier ab und ging lässig hin und her.
Sie erzählte von der Eisenbahnfahrt, vom Baseler Haus, von einem jungen
Professor, den Dietrich kannte und den sie vor der Abreise am Bahnhof
gesprochen. Wie sie von allem Vorherigen keine Notiz genommen, schien
ihr auch Dietrichs Stummheit nicht aufzufallen, seine Blässe und beengte
Haltung nicht. Ehe sie sich in ihr Zimmer begab, um sich umzuziehen, bat
sie ihn, ihr sogleich die Abschrift eines Dokuments anzufertigen, das
sie aus ihrem Täschchen nahm und ihm reichte. Es war ein
Gerichtsbeschluß über die Vormundschaft und über den Nachlaß des
Ratsherrn, gespickt mit Ziffern und Paragraphen. Dietrichs Miene zeigte
Beflissenheit; er setzte sich hin und fing an zu schreiben, ohne die
Worte zu verstehen, geschweige ihren Sinn. Nur das eine begriff er, und
es beunruhigte ihn fieberhaft, daß ihn die Mutter hier festhalten
wollte, daß sie sein Vorhaben ahnte und nach einem bestimmten Plan
handelte.
Nach einer halben Stunde kam sie wieder, rückte den Ledersessel ans
Fenster, nahm ein Buch, eines ihrer pflanzenwissenschaftlichen Werke und
begann zu lesen. Bis zum Dunkelwerden fiel kein Wort zwischen ihnen;
nur einmal sagte sie: »Ich habe angeordnet, daß wir heute in diesem
Zimmer zu Abend essen; es ist mir heimlicher als drunten im Saal.«
Dann erschien das Mädchen, räumte die Bücher und Zeitschriften vom
Mitteltisch, deckte auf, machte Licht; inzwischen hatte Dietrich die
Kopie beendigt; man setzte sich zum Essen, Dietrich sah auf die Wanduhr;
es war zehn Minuten nach acht. Er berührte die Speisen kaum; fortwährend
hämmerte tobend das Herz. Als es auf der Uhr fünf Minuten nach halb neun
war, erhob er sich und sagte, er gehe jetzt.
Dorine richtete zum erstenmal den Blick voll in sein Gesicht. Mit einem
sonderbar heitern Ausdruck, indem sie sich vorbeugte und die Hände flach
auf das Tischtuch legte, sagte sie: »Du bleibst.«
Er erbebte. Sehr leise antwortete er: »Es wäre besser, du würdest das
nicht von mir verlangen. Ich sage dir gleich, daß ich in diesem Fall
nicht gehorchen kann.«
Ohne daß der heitere Ausdruck ganz aus Dorines Gesicht verschwand, schob
sich der Unterkiefer langsam hervor, wodurch die Züge etwas
Unerbittliches, ja Wildes bekamen, das Dietrich neu war. »Du bleibst«,
wiederholte sie. Auch sie flüsterte bloß. »Du bleibst in diesem Zimmer,
bis ich es für gut finde, dich zu entlassen.«
»Es tut mir leid, Mutter,« antwortete er mit der Impertinenz, die ein
Gegenkrampf des besinnungslosen Blutsturms war, »ich bin dein Sklave
nicht, ich habe mich verpflichtet.« Damit ging er zur Tür.
Dorine sprang auf und kam ihm zuvor. Sie stellte sich mit dem Rücken zur
Tür, streckte gebieterisch den Arm aus und rief, totenfahl. »Keinen
Schritt mehr und kein Wort mehr oder es ist aus zwischen uns. Sklave
oder nicht, verpflichtet oder nicht, durch die Tür gehst du mir nicht.
Aus dem Haus gehst du mir nicht. Keinen Schritt und kein Wort!«
Dietrich starrte wie in beizenden Rauch hinein. »Gib den Weg frei,«
röchelte er; »Mutter, gib den Weg frei, oder beim allmächtigen Gott, es
geschieht etwas ...«
»Du bleibst«, rang sichs als Wehschrei von ihren weißen Lippen, denn das
Gräßliche war ihr schon geschehen, eh es geschah.
Im Qualm seiner Raserei stürzte er zum Tisch, ergriff das silberne
Vorschneidemesser und wandte sich wider sie. Seine Lippen sprudelten
sinnlose Laute. Er schleuderte das Messer zu Boden, hob die Arme,
umklammerte mit den Händen ihren Hals. Da geisterte sie ihn mit
entleerten Augen an; der Körper glitt am Türrahmen herab und brach
zusammen, wie wenn die Knochen geborsten wären. Er hörte noch, vom Flur
draußen, ein langgedehntes Aufseufzen. Dann rannte er die Stiege
hinunter, aus dem Haus, aus dem Garten, die Straße entlang, den Hang
hinauf, wie von Fäusten gejagt, die ihn in den Nacken hieben.
Als er die Kapelle erreicht hatte, schlug es neun Uhr von der Ermatinger
Kirche.
Er stand da in der Nacht, steif und still, und ließ sein Keuchen
verebben.
Schwarze Wolken, wie Klötze, hingen tief. Vom Pfauenhof herauf klang
widrig die Tanzmusik. Aus einer Unterwelt. Er spähte nach den
schimmernden Schatten. Keine Begierde war je so übergewaltig in seiner
Seele gewesen, so flehend und alle Hüllen zersprengend wie die, daß sie
jetzt kommen möge, ohne Verzug, jetzt in dieser Minute des reifen
Geschicks: damit er sie vernichten konnte, an sich reißen und das Herz
in ihr zermalmen. Nur das nicht, Gott, bettelte es in ihm, nur das
nicht, daß sie jetzt nicht kommt!
Aber die Minute verfloß, und dann die andern Minuten; und die
Viertelstunde und dann die andern Viertelstunden: kein Geräusch, kein
Schritt, kein Mensch. Sie kam nicht. Er irrte am Waldesrand; sein Auge
durchbohrte die Finsternis links und rechts, oben und unten; sie kam
nicht. Da dünkte ihn, er werde aus einem kochend heißen Raum plötzlich
in einen eisigen gestoßen. Da verdarben Blut und Hirn; da starben
Stimmen in ihm und Geister; da überflutete ihn ein unsägliches Gefühl
von Wesenlosigkeit. Noch irrte er herum, noch wartete er; aber das war
schon Schwäche, traurige, geschlagene Geduld.
Es schlug zehn und halb elf. Es begann zu regnen; er nahm es nicht wahr.
Taumelnd verfolgte er den Weg hangabwärts. Unweit irisierten die Lichter
vom Pavillon des Pfauenhofs. Er steckte die nassen Hände in die Taschen
und lachte wie ein Idiot. Was ihn zur Lachlust reizte, war die Musik,
der er sich näherte. Schon unterschied er die tanzenden Paare einzeln.
Er wußte, daß auch sie drinnen tanzte. Dann sah er es.
Er gewahrte sie am Arm eines stämmigen Menschen, der eine Brille trug
und in angestrengter Weise den Kopf zurückgeworfen hatte, wobei seine
Miene befehlend und hochmütig war. Das Gesicht des Mädchens hatte einen
schwärmerischen Ausdruck, bisweilen schloß sie sogar selbstvergessen die
Augen. Er sah es genau, während sie an der offenen Brüstung
vorübertanzte, um hierauf wieder im Gewühl dahinter unterzutauchen.
Es hatte aber keinen Bezug mehr. Er empfand weder Zorn noch Scham noch
Verwunderung noch sonst eine Erregung. Es war ein fertiggelebtes Stück
Leben, das seinen eigenen Tod gehabt hatte; die Frage war nur, was man
mit dem machen sollte, das weiterging, und ob es überhaupt möglich war,
sich mit ihm abzufinden.
Er überquerte die Landstraße und kam an den See. Sich auf das Geländer
lehnend, hörte er zu, wie der Regen aufs Wasser plätscherte, wie kleine
Wellen lallend ans Ufer stießen, und schauerte in der Nässe seiner
Kleider, von denen Bäche herabtroffen. Im Gehen zusammengekauert schlich
er am Ufer hin, gelangte zur Gartenpforte der Villa, stand unschlüssig,
ging hinein, ging ins Haus, schüttelte sich im Flur, daß es spritzte,
ging im Finstern die Treppe hinauf, tastete sich nach demselben Zimmer,
das er vor Stunden, am Ende jenes andern Lebens, verlassen hatte, schloß
leise die Tür, als er drinnen war, drückte die Stirn an die Wand und
begann unaufhaltsam still zu weinen.
Es war eine bescheidene Art von Weinen, wenn auch eine schmerzliche, und
dauerte lange. Es hatte eine gewisse Verwandtschaft mit dem nächtlichen
Sommerregen draußen, der der Landschaft nach der wetterbeladenen Schwüle
die Ruhe ihrer Wurzeln und ihrer fruchtbaren Tiefen geschenkt hatte. Als
er sich umkehrte, sah er mit den an die Dunkelheit gewöhnten Augen eine
Gestalt, die regungslos am Fenster saß, den Kopf auf den Arm gestützt.
Sonst war nichts zu unterscheiden.
Er machte zwei, drei Schritte, gehemmt durch Ahnung und Erinnerung. Die
Gestalt erhob sich. Er stürzte auf die Knie und umschlang ihre Knie mit
seinen Armen. Er preßte sein Gesicht in den Schoß, aus dem er stammte;
er preßte es so fest hinein, als wolle er wieder dorthin zurückkehren.
Er sprach nicht, rührte sich nicht, auch das Weinen war ihm vergangen.
Er preßte nur, angstvoll über die Maßen, Kind, Sohn, Mann in einem, den
Kopf in ihren Schoß.
Da legten sich zwei Hände auf seine Haare, deren Nässe von stundenlangem
Ausgesetztsein zeugte. Die Hände blieben liegen. Sie hatten eine
beglückende Schwere für Dietrich. Er löste das Gesicht aus der
dunkelwarmen Kleidhülle und schaute schüchtern empor. Es zeichnete sich,
über dem Haupt der Mutter, in der Luft ein Wesen ab, deutlich
wahrnehmbar, so zart, so schimmernd, ein Antlitz so verheißend, so rein,
so liebreich, daß wie von aufgebrochener Quelle her freudige Zuversicht
über ihn strömte.
Aber wie es hervorzaubern aus dem Unwirklichen, dieses Wesen? wie es
herausmeißeln aus dem Traum?