Die Lüge

Durch die Lektüre des Briefes an Lucian in einen fortdauernd beklommenen

Zustand versetzt, schmerzlich aus der Ungewißheit gerissen, hatte sich

Dorine vorgenommen, im Hinblick auf Dietrichs Tun und Treiben sich jedes

Einspruchs zu enthalten, jeder Maßregel und Warnung, die drückend oder

hemmend auf ihn wirken konnten, der stillen Mißbilligung auch. Der

Entschluß hatte schwere Stunden gekostet, in denen die Frage der

Verantwortung sie ernstlich bedrängte, die Furcht vor Versäumnis und

Verlust nie schwieg.

»Erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder

geboren hat. Unschuldig, zu meinem Refugium und meinem Stolz, und

folglich von mir zu behüten, nicht ich von ihr.«

Diese Sätze vor allem vergingen nicht aus ihrem Sinn. Sie ahnte eine

Wahrheit in ihnen, aber eine Wahrheit von der anderen Seite der Welt.

Ihr Staunen war tief und unverratbar, für ewig eingeschlossen in der

Seele und von verwirrender Beunruhigung begleitet. Es benahm ihr den

Mut, weiterhin zu entscheiden, was sie bis an diesen Tag für recht und

gut gehalten hatte, selbstsicher wie nur diejenigen sind, die ihre

Pflichten und ihr Vollbringen so klug wie bescheiden in das allgemeine

Lebensgetriebe verwoben haben. Nun war flammenhafter Zweifel

aufgewachsen; als wäre Wesentliches unerfüllt geblieben, ja, in der

Dumpfheit des Gemüts nicht einmal bis zum Wunsch gediehen; als wäre man

achtlos vorübergegangen an verzauberter Pforte, hinter der die Schätze

des Daseins lagen; als hätte man vergessen, das Antlitz dorthin zu

wenden, den Schritt dorthin zu lenken, wo ein Glück, wenn auch

unbekannt, so doch vorbereitet, wartete.

Glück. Sie fing an, dem Begriff nachzudenken, immer in ihrer

Fraueneinsamkeit, in der sie plötzlich das Licht und die Wärme

entbehrte. Es schien ihr, daß es frevelhaft sei, die Fundamente zu

untersuchen, auf denen sich ihr Schicksal in ehrenvoller Ordnung

zugetragen hatte. Sie wollte es auch nicht; sie widersetzte sich. Glück:

die Ausrede der Unzulänglichen, Ding ohne Maß und ohne Form, ohne Kern

und ohne Gesetz. Nur nicht eigenliebend und falsch bereuend sich ins

Ungemessene verlieren, das hieß die Altäre besudeln, vor denen man

gläubig gekniet. Und doch dieser Wahn mit seinem Geschmack nach

Verwesung; das Zurückirren über die Wege und bange Lauschen an ein für

allemal verriegelten Türen; törichtes, würdeloses Beginnen. Sogar mit

einem Hingegangenen geriet sie in Hader dabei, rief den Schatten empor

und verlangte Führung und Trost.

Er konnte sie nur auf den Menschen hinweisen, den er ihr als Vermächtnis

hinterlassen. Und an ihm krampfte sich ihr Wille von neuem fest. Er darf

mir nicht entweichen, war der letzte Schluß des Kämpfens und Grübelns,

und wenn ich die Seile locker lasse, ist es nur, damit er sich an ihnen,

in seiner Finsternis, wieder zu mir tasten kann; ich bleibe an meinem

Platze, und gibt es einen sichtbaren Beweis dafür, daß ich mir und

meinem Geschick treu war, so ist es sein Leben und sein Gewordensein.

Erschüttert und noch ungewiß, löste sie sich aus dem gefährlichen Netz.

Das Erscheinen Finks dünkte ihr wie der Anfang der Prüfung und

Erprobung. Sie zeigte Dietrich eine gleichmäßige Freundlichkeit auch

dann, als er tage-, abendlang vom Hause wegblieb. Ohne pedantische

Ermahnungen bewilligte sie seine erhöhten Geldforderungen. Sie vermied

es, ihn auszuholen oder ihm die Zerstreutheit und Lässigkeit in den

kleinen Alltagsgeschäften vorzuwerfen. Sie hörte ihm heiter zu, wenn er

Heiteres berichtete; sie war nicht ungehalten oder verletzt, wenn er

schlechter Laune war. Nur ein einziges Mal erzählte er von Hedwig

Schönwieser; es war am Tag ihrer Ankunft. Sie spürte sogleich, daß etwas

Besonderes mit ihm vorging, dann wurde es auffallender von Tag zu Tag.

Aus der Zerstreutheit wurde Geistesabwesenheit; aus der Lässigkeit

Vernachlässigung. In den wenigen Stunden, die er daheim zubrachte, trieb

es ihn von Zimmer zu Zimmer, vom Klavier zum Arbeitstisch, vom Kamin zum

Fenster, von einem Buch zu einem Schachproblem. Gequält von dem

unsteten Wesen wie von dem beobachtenden Auge der Mutter wollte er sich

rechtfertigen, klagte über Kopfschmerz, über die Hitze, über den starken

Blumengeruch im Hause. Ohne beschuldigt zu sein, verteidigte er sich. Er

sah angestrengt aus, bisweilen verstört. Sein Auge hatte den

aufrichtigen Kinderblick eingebüßt, es senkte sich häufig wie bei einem,

den man auf schlechtem Vorhaben ertappt, und verstohlen spähte es dann.

Bekannte sagten zu Dorine: »Was treibt der junge Mensch? Man sieht ihn

nur noch in Gesellschaft dieses zugereisten Paars. Zweifelhafte Leute,

sehr zweifelhafte Leute; leben in Saus und Braus, genießen übelsten Ruf.

Kein Umgang, der sich für einen Oberlin schickt.«

Die Folge war, daß Dorine Haus und Garten nicht mehr verließ, Besuche

nicht mehr annahm. Aber sie zog durch einen alten Freund des Ratsherrn,

Notar in Konstanz, Erkundigungen ein, und die Nachrichten stimmten sie

ernst. Es war sogar das Gerücht aufgetaucht, der junge Fink habe einem

Geschäftsfreund seines Vaters unter betrügerischen Vorspiegelungen eine

beträchtliche Geldsumme entlockt und nur mit vieler Mühe und nach rascher

Wiedergutmachung des Schadens sei die Anzeige verhindert worden. Das

Mädchen aber sei die Tochter eines Pförtners im Reichsmarineministerium

und in einem Kaufhaus als Probiermamsell angestellt gewesen.

Eines Abends kam Dorine aus dem Garten in den gepflasterten Flur, den

großen Neufundländer hinter sich, in dessen Begleitung sie ihre einsamen

Spaziergänge zu machen pflegte. Dietrich kam von oben herab; unter dem

Sommermantel trug er den Abendanzug. Wohin? fragte sie. Er gehe in die

Stadt. Jetzt noch, vor dem Essen? Er esse drinnen; man habe ihn

eingeladen. Wer? Kurt Fink. Kurt Fink und die Braut? Ja, Kurt Fink und

die Braut. Pause. Ob er nicht telephonisch absagen möchte und den Abend

mit ihr verbringen? Sie wünsche es heute. Er blickte verlegen, ja

bestürzt. Es sei unmöglich. Unmöglich? Was für eine Wichtigkeit habe es

denn? Keine besondere Wichtigkeit, aber es sei unmöglich. Wenn sie es

aber ausdrücklich verlange, wenn sie darauf bestehe? Der

verlegen-weichende Blick begann im Raum zu schweifen. Unmöglich, er

könne sich nicht entziehen, man habe eine kleine Feier veranstaltet,

Kameraden kämen aus Hochlinden herüber, Georg Mathys unter anderm,

vielleicht sogar Lucian, sicher Lucian auch, er habe telegraphiert, wie

solle er sich da ausschließen ohne triftigen Grund? »Nun ja, wenn dem so

ist«, sagte Dorine langsam. Die Mutter möge verzeihen, fügte er hastig

hinzu, aber er müsse sich beeilen, der Dampfer fahre in fünf Minuten.

»Beeile dich nur,« antwortete sie gelassen, »es wird bald regnen, ein

Gewitter hängt am Himmel.«

Sie sah ihn an, bevor sie weiterging. Seine Finger nestelten nervös an

der Schirmquaste. In seinem Gesicht war die Blässe der Übernächtigkeit.

Der Mund war unschön verzogen. Ein fremder junger Mensch, dachte sie.

Sie schritt die breite Treppe empor. Mechanisch griff sie nach dem

Halsband des Hundes, der den Kopf an ihrem Schenkel rieb. Oben öffnete

sie das hohe Dielenfenster und beugte sich hinaus. Der schwüle Sturmwind

zerzauste ihr Haar. Vom Landungsplatz schrillte die Glocke herüber, die

Bootsschraube durchwühlte zornig das Wasser. Knarrend bogen sich die

Bäume und zeigten die bleiche Unterseite ihrer Blätter, als entblößten

sie sich. Dorine schloß die Augen. Der Hund stellte sich empor, legte

die Tatzen auf das Fensterbrett und berührte mit der Schnauze ihre

Schulter.

Was ist mir? Was geschieht mit mir? fragte sie sich. Niemals im Leben

hatte sie ähnliches empfunden. Dieses ätzende, giftige, entehrende

Gefühl, was war es? Es dörrte den Hals aus, es schnürte den Atem ab, es

war wie eine Kralle und dann wie ein beschimpfend aufgerissenes Maul.

Keine Hilfe dagegen als vielleicht der Schlaf. Wer doch schlafen könnte,

ein Jahr lang schlafen. Hätte man doch einen Freund, einen weisen Kenner

der Dinge, einen liebenden Rater.

Gibt es Eifersucht einer Mutter? Eifersucht, weil ein Glaube wankt; weil

ein reines Bild beschmutzt wird; weil ein zugehöriges Herz, aus dem Nest

gestoßen, sich ans Nichtige und Böse verliert? Weil über ein geliebtes

Antlitz der Schleim und Aussatz der Lüge kriecht? Jugendlicher

Leichtsinn? Da ist keine Jugend und kein Sinn mehr, wo die Lüge, so

dumm, gedankenlos und schäbig sie sich auch führt, ihre widerwärtige

Fratze erhebt. Vor allem galt es, sich zu überzeugen. Lüge stinkt, aber

Augenschein war nötig, damit man sie packen konnte.

In den Zügen war ein Ausdruck von Kälte und Drohung, als sie das Fenster

schloß, in ihr Zimmer ging und dem Mädchen läutete. Der Eintretenden

befahl sie, bei dem benachbarten Fuhrwerksbesitzer einen Wagen zu

bestellen; sie müsse sogleich in die Stadt fahren. Sie zog sich um, und

im Seidenumhang über dem dunklen Straßenkleid trat sie vors Gartentor,

wo der Wagen bereits wartete. Staubwolken, mit Regen vermischt, trieben

ihr ins Gesicht. Eine halbe Stunde später stieg sie am Hotel aus. Sie

ging durch die Halle und hierauf durch die uralten Kreuzbogengewölbe, in

denen überall an gedeckten Tischen modern gekleidete Menschen saßen.

Neugierige und achtungsvolle Blicke richteten sich auf die stattliche,

schönschreitende Frau. Sie suchte. Der Hoteldirektor, der sie kannte,

eilte ihr nach, um sich ehrerbietig nach ihrem Begehren zu erkundigen.

Sie stellte eine Frage, er wollte sie führen, sie deutete mit einer

Kopfbewegung an, daß ihr dies unerwünscht sei, er wies nach einem

zellenartigen Gelaß am Ende eines größeren Saales. Dort saßen sie, Kurt

Fink, das junge Mädchen und Dietrich, dieser mit dem Rücken gegen den

Eingang, das Mädchen mit dem Gesicht Dorine zugewandt. Der Tisch war nur

für drei Personen berechnet. Neben Fink stand der Sektkübel; man war in

munterm Gespräch; die Stimme des Mädchens war die herrschende; während

sie das Kelchglas in der Hand hielt und in kleinen Pausen nippte,

erzählte sie irgend etwas, wozu Fink häßlich lachte.

Die Situation war derart, daß sich Dorine unauffällig fast bis an den

Mauerbogen nähern konnte, der den Raum abschloß, und die kurze

Zeitspanne genügte ihr, um das Mädchen ins Auge zu fassen, Gestalt und

Gesicht. Sie tat es ohne ein äußeres Zeichen von Interesse. Der erste

Eindruck war der der Unechtheit und einer gewissen Verwahrlosung, die

allerdings nicht in der absichtsvoll modischen und reichen Toilette

hervortrat. Die eigentümlich wächserne Haut, das hektische Lippenrot,

der umflorte, ja kahle Blick, die Stimme, die keine Begleittöne der

Seele hatte, die harten, dringlichen Gebärden, die niedrig-sinnliche

Erfahrenheit, die sich in der Bewegung jeder Körperlinie verriet und die

fast nur Frauen, auch die keuschesten, an Frauen zu wittern vermögen,

das alles wirkte in hohem Grad abstoßend auf Dorine.

Sie blieb jetzt stehen. Fink erblickte sie, stutzte; wollte grüßen, war

seiner Sache doch nicht sicher, sah Dietrich an, der drehte sich um,

sprang vom Stuhl auf, wurde kreidebleich.

Dorine nickte bloß. Als er einen Schritt auf sie zu machen wollte,

fügte sie eine abweisende Geste hinzu und entfernte sich. In tiefen

Gedanken und tiefer Unruhe nahm sie wieder im Wagen Platz.

In ihrem Haus dann erschien sie sich wie in einem riesigen Sarg. Kein

Buch lockte, kein Tun. Schlaf, wußte sie, war ihr versagt. Unerträglich

langsam krochen die Stunden.

Als es ein Uhr schlug, ging sie in Dietrichs Zimmer hinüber, machte

Licht und fing an, auf und ab zu wandern, die Arme über der Brust

verschränkt, die Stirn verfaltet, aufrecht und kampfbereit.

Man könnte auch darüber hinweggehen, dachte sie; aber dann wäre man von

anderer Zucht und aus anderm Holz. Wem die Wahrheit nichts mehr wiegt,

der kann auch die Lüge auf die leichte Achsel nehmen. Es ist kein Grund

vorhanden, daß ich die Ware, die ich teuer erworben habe, billig

hergeben soll. Will mir einer den Ablaß predigen, so hüte er sich, mir

Herzenstaubheit für läßliche Sünde aufzureden. Was für eine Welt wäre

das denn. Eher mit aller Liebe zuschanden werden, als sie in der

Bequemlichkeit nachsichtig verlottern lassen. Was fang ich an mit einem

Stoff, der im Gewebe reißt, sobald ich ihn benutzen will? Was tu ich mit

einem Sohn, der lügt? Freilich straft sichs nicht von innen aus, ist

Hopfen und Malz sowieso verloren. O Gott im Himmel, sag mir, was tu ich

mit einem Sohn, der lügt!

Sie preßte die Hände an die Wangen und schaute verzweifelt empor. Nach

einer Weile blieb sie am Schreibtisch stehen, öffnete die Mappe und sah

den Brief an Lucian noch liegen, wie er vor drei Wochen gelegen, kein

Wort war mehr hinzugefügt. Dies erfüllte sie, kaum wußte sie warum, mit

schneidender Sorge. Nachdem sie die Schriftzüge lange betrachtet hatte,

schloß sie die Mappe wieder und setzte ihre Wanderung fort.

Es wurde zwei Uhr, es wurde drei Uhr. Endlich das Geräusch von Schritten

auf dem Kies, des Schlüssels im Tor, von Schritten auf der Treppe. Er

trat ein. Er verharrte neben der Tür.

»Du bist noch auf, Mutter ...« klang es halb trotzig, halb beklommen.

Dorine antwortete nichts. Sie hatte sich auf das Sofa gesetzt und

blickte vor sich hin.

»Ich habe dich belogen,« begann er wieder, in demselben Ton; »ich weiß

keine Entschuldigung dafür, aber ich bitte dich, es zu vergessen.«

Dorine sagte kalt: »Einem Überführten bleibt nicht viel anderes übrig,

als zu gestehen. Ich lege keinen Wert auf dein Geständnis.«

»Soll es also in deinen Augen ein Verbrechen bleiben?«

Sie erwiderte: »Ich wünsche keine Erörterung darüber. Weshalb ich dann

hier bin, denkst du. Das will ich dir sagen. Ich habe dich gesucht. Denn

der, der dort beim Sekt gesessen ist, das warst du nicht. Und der, der

jetzt vor mir steht, das bist du nicht.«

Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz · 第 19 / 51 题