Am zweitfolgenden Tag kam Dietrich aus Konstanz zurück, wohin er mit dem
Motorboot gefahren war und sagte lebhaft: »Fink ist hier. Ich bin ihm
zufällig begegnet. Er wohnt im Inselhotel. Er wollte mich nachmittag
besuchen, aber ich treffe mich lieber mit ihm in der Stadt.«
Aus Dietrichs Erzählungen erinnerte sich Dorine, daß Fink einer von
seinen Hochlindener Kameraden war; sie erinnerte sich auch, daß er mit
einiger Abschätzigkeit von ihm gesprochen. »So? dieser?« entgegnete sie
leichthin und etwas verwundert über seine unverhohlene Freude; »ist er
mit seinen Eltern da?«
»Ich weiß es nicht genau; ich glaube nicht. Es war immer schon seine
Absicht, ein paar Wochen in unserer Gegend zu verbringen.«
»Wenn er allein ist, könntest du ihn ja einladen, bei uns zu wohnen.«
»Sehr liebenswürdig von dir, Mutter; aber es wird wohl nicht gehen. Er
erwartet nämlich seine Braut.«
»Seine Braut? Er ist verlobt? Ist er denn nicht gleichen Alters mit
dir?«
»Nein; zwanzig denk ich.«
»Und schon verlobt? Das erstaunt mich. Mit wem reist denn die junge
Dame, und wer ist sie?«
»Das weiß ich alles nicht, Mutter. Das heißt, den Namen hat er mir mal
gesagt; Schönwieser, glaub ich, Hedwig Schönwieser.«
»Nun, wir werden ja sehen, was es damit für eine Bewandtnis hat,« schloß
Dorine das Gespräch.
Am nächsten Tag, nach Tisch, kam Fink, um Dietrich zu einer Segelpartie
abzuholen. Dorine hatte sich bereits zurückgezogen und ließ den jungen
Leuten sagen, sie erwarte sie zum Tee. Sie blieben drei Stunden auf dem
Wasser; der Teetisch war im Garten gedeckt; als sie munter plaudernd
erschienen, saß Dorine in einem Strandsessel, ganz in Weiß, das blasse
Gesicht von einem Panamahut mit Kornblumenkranz beschattet.
Fink veränderte ihr gegenüber wie auf Kommando seine saloppe Haltung. Er
verbeugte sich wie ein deutscher Korpsstudent, schlug die Hacken
zusammen, küßte ihr die Hand, alles vollkommen artig, aber mit dem etwas
lächerlichen Ernst eines neugebackenen Weltmanns von zweifelhafter
Erziehung. Dorine war sich darüber gleich im Klaren, und auch sonst
mißfiel er ihr gründlich. Die berlinische Suada, das unruhige Auge, das
blecherne Lachen, der lasterhafte Mund, die Sucht, mit Wortwitzen zu
glänzen, das Besserwissen und spöttische Abtun von Gesprächsthemen, die
sich über das Bequeme erhoben, sie kannte es, es war ein gefürchtet
Typisches. Übrigens sah er gut aus, die Züge waren angenehm, die Gestalt
schlank, das Wesen von sorgloser Lebhaftigkeit.
»Deine Mutter ist famos,« sagte er zu Dietrich, als sie allein waren,
»famose Frau. Könnte ohne weiteres eine Fürstin abgeben. Famos, wie sie
sich trägt und wie schlicht sie dabei wirkt.«
»Wozu Fürstin? es genügt ihr, eine Oberlin zu sein«, erwiderte Dietrich
trocken.
Fink lachte. »Freilich; ihr Patrizier mit eurem autochthonen Hochmut. Da
kommt unsereins nicht gegen auf, und wenn wir die fünfzackige im
Schnupftuch hätten.« Er schaute sich um und redete weiter, die Zigarette
im Mundwinkel, was Dietrich unsympathisch war. »Prachtvoller Besitz.
Herrschaftlich gradezu. Werde mal Hedwig herausführen, wenn du
gestattest. So was kennt sie nicht, denn in Berlin, weißt du, da bauen
wir auf Sand, trotz vorhandenen Gottvertrauens.«
»Wann kommt das Fräulein?« erkundigte sich Dietrich etwas betreten.
»Spätestens Ende der Woche. Ich erwarte Telegramm. Lustig wird das
werden, so zu dreien, meinst du nicht, Oberlin? Sie ist nämlich ein
reizender Käfer, kann ich dir sagen, von Spielverderben nicht die Spur.«
Dietrich fragte schüchtern: »Reist sie wirklich allein und ist allein
bei dir?«
»Na hör mal, warum denn nicht? Wen kümmert das denn? Ist doch ganz
unsere private Angelegenheit.«
»Gewiß; aber üblich ist es im allgemeinen nicht. Wenigstens nennt man es
dann anders. Meine Mutter zum Beispiel könnte sie unter solchen
Umständen nicht empfangen, das wirst du begreifen.«
»Mutet ihr auch kein Mensch zu«, antwortete Fink. »Die Hedwig, die will
ihren Urlaub genießen, alles andere läßt sie kalt. Muß denn empfangen
werden? Das klingt so großartig. Und wenn sich eine Begegnung nicht
vermeiden läßt, mußt du denn deiner Mutter gleich den juristischen
Tatbestand auseinandersetzen?«
»Ihr kann man nichts vormachen. Und was sie nicht selber merkt, wird ihr
zugetragen. Wir sind Provinzleute.«
»Schön, halte das, wie du willst; wir haltens nach unserer Fasson.
#Vogue la galère# steht in meinem Stammbuch, auf der allerersten Seite.
Leben, leben, leben, Mensch. Was nachher kommt, ist mir totalement
gleichgültig. Meinetwegen Reue, meinetwegen Armut, meinetwegen
Zuchthaus, heut ist heut, und heut will ich leben. Ah, wie wunderbar die
Luft schmeckt, wie gesund man ist und wie viel Kraft man hat! Du,
Oberlin, schleppst wie die Gefangenen in den mittelalterlichen Kerkern
Zentnerkugeln an den Füßen. Du tust mir leid, aber ich hab dich gern,
und irgend was in dir, weiß der Teufel was, zwingt mich zum Respekt. Wir
müssen wieder mal ringen, Oberlin. Das wird dir aus den Skrupeln und mir
aus der Faulheit helfen.«
Dieser Prahlruf: leben! mitsamt seinen frechen und heroischen
Verbrämungen machte geringen Eindruck auf Dietrich. Mit natürlichem
Instinkt spürte er, daß nichts dahinter war, und daß sogar die
Verzweiflung und Herzensleere, die solche glitzernde Blasen aus dem
Sumpf der Zeit emportrieb, hier ins Modische und Eitle verdünnt war. Zu
seiner eigenen Verwunderung stand er überhaupt Fink voller Kritik und
abwartender Ruhe gegenüber, als ob nicht fünf Wochen, sondern ebensoviel
Jahre seit ihrem Zusammensein in Hochlinden verflossen wären und er den
andern währenddessen weit hinter sich gelassen hätte.
Trotzdem hielt er sich zu ihm. Trotzdem ließ er sich bereden, jede freie
Stunde mit ihm zu verbringen. Sie fischten, ruderten, segelten, badeten
miteinander. Fink lud ihn zum Essen ins Hotel, wo er als splendider
Kavalier in hoher Schätzung stand, mietete ein Auto, erhandelte
Antiquitäten, besichtigte Schlösser und Landsitze, weil er daran dachte,
sich in der Gegend ansäßig zu machen. Alles war ein wenig
aufschneiderisch, ein wenig hochstaplerisch, hatte aber keine
verletzende Form. Nur über der Quelle des luxuriösen Wandels lag
verdächtiges Zwielicht.
Der so rasch intim gewordene Umgang war für Dietrich ein Mittel, sich
selber auszuweichen, und er wußte es sogar. Er betrog sich selbst mit
dem neu gefundenen Gefährten, er überlistete seine anders erfüllte
Seele. Deshalb ging er innen nicht ganz so weit mit, als er außen
mitging und war stärker durch Vorbehalte als jener durch seine
entschlossene Genußgier. Fink war ein Maßloser; er wurde erbittert, wenn
er den Gemessenen an seiner Seite nicht über die Grenze zu ziehen
vermochte, die er sich selbst zog. Am Abend vor der gemeldeten Ankunft
Hedwig Schönwiesers wollte er, berauscht von Wein, berauscht von
unbeschränkter Freiheit, Dietrich dazu bringen, daß er mit ihm ein
Mädchenhaus besuche, das man ihm bezeichnet hatte. Dietrich weigerte
sich. Weder Bitten, noch Drängen konnten ihn bewegen. Fink machte sich
über seine Tugendhaftigkeit lustig, er antwortete, die Tugend habe damit
nichts zu schaffen, es sei ihm einfach unappetitlich. Philisterausflucht,
um die Feigheit zu bemänteln, erklärte Fink, wenn Dietrich nicht mittun
wolle, gehe er allein. »Ich brauche mir nichts zu beweisen,« antwortete
Dietrich, »aber ich werde dich bis an das Haus begleiten und auf dich
warten. Ich bin neugierig, ob dus wirklich über dich gewinnst.« Fink
kicherte. »Deine Neugier kann belohnt werden. Ziehen wir los.«
Sie gingen hin, Fink trennte sich ärgerlich von Dietrich, und dieser
wanderte an der gegenüberliegenden Stadtmauer im dunklen Schatten auf
und ab. Seine Betrachtungen waren nicht angenehm. Eine halbe Stunde
mochte vergangen sein, da kam Fink zurück und wollte sich ausschütten
vor Lachen über die Kleinstadthetären, ihre Betteleleganz und ihre
bescheidenen Verführungskünste. Dietrichs Blick war aber so ernst,
beinahe finster, daß er innehielt und fragte, was mit ihm geschehen sei.
»Gute Nacht,« sagte Dietrich und reichte ihm widerstrebend die Hand,
»ich hab noch einen weiten Weg.« Verblüfft sah ihm Fink nach, als er
sich entfernte. »Ich könnte ja ein Stück mit dir gehen, Oberlin«, rief
er hinter ihm her. Dietrich beschleunigte seinen Schritt. »Esel«,
murmelte Fink und drehte sich auf dem Absatz um.
Am anderen Nachmittag ließ Fink Dietrich ans Telephon rufen und sagte
ihm, er und Hedwig erwarteten ihn zum Fünfuhrtee im Hotel. Er zögerte
mit der Antwort und hielt sie dann im Unbestimmten. Aber um halb fünf
setzte er sich aufs Rad und fuhr hinüber, nachdem er mehr Sorgfalt als
sonst auf seinen Anzug verwendet hatte.
Er lernte in Hedwig Schönwieser ein mageres, langaufgeschossenes Mädchen
kennen, im Alter zwischen zweiundzwanzig und fünfundzwanzig, mit
fuchsfeuerrotem Haar und Sommersprossen. Alles war ein wenig spitz an
ihr, die Nase, die Finger, der Blick und die Rede. Sie trug englisches
Kostüm nach der letzten Mode, sichtlich vom teuersten Schneider, aber
wie die Stiefel, die Strümpfe, die Handschuhe, der Hut, sogar der Ring
mit der Perle an der Hand von einer in die Augen fallenden Neuheit. Auch
sich selber war sie ohne Zweifel neu, was in ihrem Betragen merkbar
wurde, das von Unsicherheit jäh in anmutlose Ungebundenheit umschlug.
Wie die meisten Großstadtkinder war sie spottsüchtig, aber dieser Spott
beruhte auf einem Mangel an Bildung und Bescheidung. Da sie sich in
keiner Weise zurückhaltend gab, war Dietrich bereits nach einer halben
Stunde in ihre Familienverhältnisse eingeweiht, und ob sie sich schon
nicht in allen Stücken zur Wahrheit bekannte, wie er vermutete, lag doch
das Nüchterne und Armselige der Existenz spürbar hinter dem Erzählten.
Ihr Vater sei Beamter im Ministerium, erwähnte sie nebenbei; es klang so
sehr nach Erfindung, daß Dietrich die Augen niederschlug und garnicht
nötig hatte, auf die Verräterei zu achten, die Fink durch ein
schalkhaft-verwundertes In-die-Luft-Starren beging. Sie hatte die
Gewohnheit, beim Zuhören die Lippen mit der Zungenspitze zu lecken und
dabei die Lider zuzukneifen, was ihrem Gesicht einen listigen und
zugleich sinnlichen Ausdruck verlieh, der in Dietrich ein Gefühl des
Unbehagens erweckte.
Er wurde inne, daß er sich, ehe er sie gesehen, mehr mit ihr beschäftigt
hatte, als ihm bewußt war. Ein Name verheißt oft viel, scheint Schicksal
zu enthalten; dieser war einst, als er ihn zum erstenmal vernommen, wie
ein Gestirn an einem fernen Himmel der Sehnsucht aufgeflammt; voll Scham
war er sich darüber klar, jetzt wo die lästige Gegenwart ein so
entschmücktes Bild bot, ein Antlitz ohne Feinheit, eine Stirn ohne
Traum, Gebärden ohne mitgeborne Kraft und Lieblichkeit, eine Stimme ohne
Musik. Daß er Erwartungen gehegt, fühlte er als Schuld und wurde
schweigsamer und schweigsamer.
Fink schlug einen Spaziergang vor; er hatte nicht den Mut, sich zu
weigern. Die beiden gingen eine Weile Arm in Arm, gaben sich keine Mühe,
ihre Verliebtheit zu verbergen, lachten beständig, trieben harmlosen
Scherz, auch minder harmlosen, ersannen Vergnügungen für die ersten
Tage, und je weiter sie sich von der Stadt entfernten, je ausgelassener
wurden sie. Dietrich hätte ein Hund sein können, der neben ihnen
trottete; sie beachteten ihn kaum. Nach einer Weile erinnerte sich
Hedwig Schönwieser seiner und lockte ihn ins Gespräch. »Ich freue mich,
daß du einen so hübschen Freund hast«, sagte sie zu Fink. Dieser
antwortete: »Nimm dich bloß in acht vor Oberlin; stilles Wasser, tief
wie der Rhein.« Mit den kobaltblauen Augen, einem Blau, wie es nur die
Rothaarigen haben, schaute sie Dietrich prüfend ins Gesicht; er lächelte
errötend, aber von der Sekunde an empfand er einen ihm selbst nicht
verständlichen Widerwillen, einen unhemmbar wachsenden Haß gegen das
junge Mädchen.
Er haßte ihr Gehen, ihr Sprechen und ihr Lachen, die eckigen
Bewegungen, die anmutlose Ungebundenheit. Er haßte die Spur, die ihr
Schritt im Wegsand hinterließ; den Gedanken an ihren Fuß im Schuh; den
Atem, mit dem sie ihn streifte, wenn sie sich zu ihm wandte. Es machte
ihn bestürzt, aber er konnte sich nicht wehren. Er fragte sich nach dem
Grund, er konnte ihn nicht finden. Zuviel Gewicht enthielt es für eine
Beliebige, die ihm zufällig entgegentrat aus einer Millionenzahl von
Frauen und Mädchen. Es gibt eine Antipathie der Körper, Antipathie der
Atmosphären; kaum die wäre bei der Nachgiebigkeit und Billigkeit, die
ihm sonst eigen waren, in ihrer Wirkung verblieben, denn die junge
Person tat ihm kein Leids, im Gegenteil, sie schmeichelte ihm, sie warb
um seine günstigen Blicke, sie anerkannte ihn als Sendling einer Welt,
die über der ihren stand und war bereit, sich zu verkleinern und
unterzuordnen, alles, weil sie seine Abneigung spürte und sofort ihren
ganzen Ehrgeiz daran setzte, sie zu besiegen. Hie und da loderte, jetzt
schon, in ihren Augen ungeduldige Entschlossenheit auf wie ein
heimlicher Strahl; etwas Böses kam zutage, eine Kraft, die geschlummert
hatte; dann verdoppelten sich die Ausbrüche ihrer Lust und der
Zärtlichkeit gegen ihren Geliebten.
Durch nichts aber war der quälend-rätselhafte Haß in Dietrichs Brust zu
beschwichtigen. Man kann der Sache auf sehr einfache Weise Herr werden,
überlegte er; ich brauche ja nur ihre Nähe zu meiden; ein Wort an Fink
oder ein paar Briefzeilen, eine Bitte an die Mutter; man verreist für
ein paar Tage und alles ist vorüber. Aber gerade dazu fühlte er sich
nicht fähig, und er wußte, daß er es nicht tun würde. Warum nur? Auf dem
Heimweg, den ganzen Abend, die halbe Nacht dachte er darüber nach. Er
war an dieses ihm völlig gleichgültige, völlig fremde, völlig
uninteressante Wesen gebunden durch Haß. Wie war das zu erklären?
Vielleicht so: weil sie nicht eine andere war, der Verehrung, der
Anbetung, der Verherrlichung Würdige; weil das Schicksal aus der
Millionenzahl gerade die und keine andere ausgewählt hatte, um sie
seinen nach einer Erscheinung durstigen Augen zu zeigen. In jedem
menschlichen Herzen ist ein Vorrat von Verehrung, von Anbetung und
Verherrlichung; von hinausgreifendem Verlangen danach; in seinem war
nicht nur Vorrat, sondern Überfluß; er konnte viel hergeben, er konnte
verschwenderisch sein; er war dagestanden und hatte gewartet; einer
Erscheinung hätte es bedurft, und seine Seele wäre zerschmolzen; ja, so
war es, so empfand ers, eine Erscheinung hätte sein müssen, damit man
sich beugen konnte, alles wäre hell geworden, verheißend, in den Bereich
des Möglichen gerückt, sogar Fink wäre ein Verwandelter gewesen, ein
Gereinigter, unbeneidet begnadeter Freund.
Nun aber band ihn der Haß mit Stricken an die beiden; er mußte ihm
täglich, stündlich frische Nahrung reichen und sich aus Redlichkeit
beständig vergewissern, ob er nicht Opfer einer Täuschung sei. Er war
unzertrennlich von ihnen. Schon am Vormittag fand er sich im Hotel ein
und blieb meist zum Essen; er fuhr mit ihnen in seinem Motorboot auf die
Reichenau, nach Meersburg und Radolfszell, wanderte mit ihnen auf die
Berge und in die Wälder, und in den Tagen, die seine Mutter in Basel
verbrachte, lud er sie ins Haus, bewirtete sie, und sie saßen bis spät
in den Abend bei einer Bowle im Garten. Hedwig Schönwieser sang Lieder;
sie hatte eine nicht üble Altstimme; oder sie haschte nach den
Leuchtkäfern, mit denen die Büsche übersät waren; der Tisch stand voller
Rosen, die Grillen zirpten, die Frösche quakten, es war der
beglückendste Sommer, und Dietrich trug in ihm ein empörtes Herz.
Zwietracht herrschte zwischen ihm und der Mutter; Zwietracht in ihm
selbst.
Fink wünschte, daß er und Hedwig sich duzen sollten. Durch alle
erdenklichen Ausreden wußte Dietrich die Zeremonie hinauszuschieben. Als
es sich nicht mehr vermeiden ließ, an einem der Abende in der Villa,
verweigerte er doch den brüderlichen Kuß. Es müsse sein, erklärte Fink,
wenn Hedwig und auch er sich nicht schwer beleidigt finden sollten.
Dietrich wich mit verlegenen Scherzen aus; dann sagte er, er sei statt
dessen bereit, jede Buße zu entrichten, die man verlange; er schützte
ein Gelübde vor, das er geleistet; er behauptete, seit Knabenzeit, seit
einem gewissen Vorfall mit einer jungen Magd, habe sich in ihm ein
unüberwindlicher Abscheu dagegen festgesetzt; man möge es krankhaft oder
albern nennen, aber er könne sich nicht helfen.
Sein Eifer, seine Beredsamkeit, seine Angst waren kindlich und
mitleiderweckend. Hedwig maß ihn mit Erstaunen; Fink lachte, daß ihm die
Tränen in die Augen traten. »Na, Oberlin, und wie war das mit Lucian
damals beim Wettlauf?« fragte er boshaft und mit neugieriger Miene, als
ginge ihm ein Licht auf über Dietrichs wahre Natur. Dietrich erblaßte
und sah ihn zornblitzend an. Indessen flüsterte Fink dem Mädchen etwas
ins Ohr, und sie hielten sich dabei herausfordernd umschlungen.
Schon lange bemerkte Fink den stummen Kampf, der sich zwischen Dietrich
und dem Mädchen entsponnen hatte. Das Schauspiel ergötzte ihn, und er
mißverstand es; was er an ihm begriff, schmeichelte seinem
Besitzerstolz. Innerlich des Mädchens bereits müde, hätte er nichts
dawider gehabt, wenn es Hedwig gelungen wäre, den unfaßlich Spröden zu
umgarnen und zu verführen, wenigstens ihn bis zu dem Punkt zu bringen,
wo er fallen mußte, so wie alle fielen. Er kannte Hedwigs
Verschlagenheit und hatte sie gelehrt, sich ihrer Machtmittel zu
bedienen. Jedenfalls ertrug er nicht mehr Miene und Blick dieses
Unberührten, nicht mehr die eher geahnte als geglaubte Reinheit eines
unbefleckten Körpers, nicht mehr die diamantne Sehnsucht, vor der ein
Etwas in ihm sich neidisch krümmte, und die er höhnen und herabziehen
mußte, um sich vor schlimmeren Gelüsten zu retten.
So war es mit Fink bestellt.
Plötzlich sprang Hedwig vom Stuhl empor, warf die Arme um Dietrichs Hals
und schickte sich an zu rauben, was ihr nicht freiwillig gewährt wurde.
Dietrich aber, durch das verschwörerische Wispern der beiden wachsam
gemacht, kam ihr zuvor, als schon ihre blutroten Lippen dicht an seinen
waren. Mit einer Hand packte er sie bei der Schulter, die andere stemmte
er gegen ihre Brust; und so erbittert roh stieß er sie zurück, daß sie
taumelte und gefallen wäre, wenn sie Fink nicht aufgefangen hätte. Sie
war bleich geworden, grünliches Feuer sprühte in den entsetzt geöffneten
Augen. Dietrich hatte sich erhoben, hielt mit beiden Händen die
Stuhllehne umklammert und atmete zitternd. »Gehen wir, Kurt«, sagte das
Mädchen, raffte Schal, Handschuhe und Täschchen zusammen und schritt zum
Gartentor.
»Was bist du für ein querer Bauer, Oberlin«, sagte Fink mit bedauerndem
Achselzucken und folgte ihr.
In dem Augenblick, in dem er durch den Stoff des Seidenkleides hindurch
die Brust des jungen Weibes gespürt hatte, war ihm traumartig die Szene
mit dem Spiegel aufgestiegen, die ihm Fink vor langer Zeit geschildert:
wie sie sich entkleidet hatte, vor dem Spiegel, dem Geliebten sich
gezeigt hatte, nicht wirklich und ehrlich, nur im Spiegel. Diese
seltsam jähe Erinnerung hatte seinen wühlenden Haß aufs äußerste
getrieben und ihm war zumut gewesen, als müsse er sie zu Boden
schmettern und zerfleischen, als könne die Bahn erst frei werden und
Ruhe in ihn einkehren, wenn sie unschädlich zu seinen Füßen lag.
Aber er spürte noch immer die warme, feste, erschreckend vibrierende
Brust; gleich einem mysteriösen Tier hatte sie sich angerührt, und ihm
graute vor seiner Hand, die er wieder und wieder betrachtete. Das
Geschehene peinigte ihn mit jeder Minute nachhaltiger, die es in Abstand
rückte. Heiß irrte er durch die Gartenwege, ans Ufer hinunter, in die
Höhe, dem abendschwarzen Wald zu, der wie ein Zyklop aufstand, und vor
der Kapelle, unter riesigen Ulmen, warf er sich hin und drückte das
fieberflammende Gesicht in die Halme, die vom Tau trieften.
Wie sinnlos alles, wie dunkel; wie feindselig die Nacht um ihn herum
schauert; wie bilderlos und kalt es in seinem Innern ist.