Nach allem, was zwischen uns vorgegangen ist, wirst du es begreiflich
und verzeihlich finden, daß ich mich in meinem jetzigen Zustande einer
recht ernsthaften Bedrängnis an dich wende wie an einen älteren und
erfahreneren Bruder, wobei ich aber freilich noch nicht weiß, ob ich
diesen Brief, so wie er geschrieben ist, auch abschicken werde.
Jedenfalls ist er für dich gedacht, ob er dir nun vor Augen kommt oder
nicht, und da ich mir vorgenommen habe, in ihm, soweit meine Fähigkeit
dazu reicht, die Wahrheit darzustellen, kann ich mir keinen andern
Menschen als Empfänger und Leser denken.
Wir haben einmal darüber gesprochen, daß jedes Individuum drei
verschiedene Arten von Existenz habe, nämlich eine geistige, eine
soziale und eine animalische. Du sagtest, keine für sich könne eine
Lebensgestaltung herbeiführen, sondern müsse korrigierend und
bereichernd auf die andere wirken, und je edler einer veranlagt sei, je
höher er auf der Stufenleiter der Geschöpfe stehe, je sicherer werde er
es zu einer Verschmelzung dieser Kräfte bringen.
Mir klang das sehr einleuchtend und scheint mir auch heute noch richtig.
Nur frage ich dich: was kann man zu dieser Verschmelzung tun? Ich
erinnere mich, ich habe schon damals eine ähnliche Frage an dich
gerichtet, darauf hast du gelacht und hast geantwortet, Apothekenrezepte
gebe es dafür nicht und es sei am ratsamsten, sich dem zu überlassen,
was man den guten Instinkt nenne und sonst Augen und Herz offen zu
halten.
Gewiß, das leidet keinen Zweifel. Grübelei und Aufpassen auf sich selber
macht einen schwach und feig. Aber siehst du, Lucian, es gibt ein
Übermächtiges, und eben das letzte von den dreien, das Animalische, ist
das Übermächtige. Du verstehst mich, nicht wahr? ich brauche dir darüber
nicht viel Worte zu sagen, und dennoch muß ich dir meine Verfassung
etwas eingehender schildern, wenn ich erwarten soll, daß du mir hilfst
oder wenigstens einen Ausweg aus der Klemme zeigst. Etwas Extraordinäres
wird es ja nicht sein bei meiner sonstigen Dutzendbeschaffenheit, aber
schmerzlich und niederdrückend ist es, oft so, daß ich nicht mehr ein
noch aus weiß.
Wie du dich entsinnen wirst, haben wir auch einmal über das Verhältnis
zwischen den Geschlechtern gesprochen, und was du von dir sagtest, daß
du ein Anhänger und Verfechter der unbedingten Keuschheit seist, hat
mich sehr ergriffen, ich weiß nicht warum. Die Enthaltsamkeit in diesem
Punkt, so sagtest du ungefähr, beruhe auf Zucht der Phantasie, Strenge
der Gedankenhaltung, Unterdrückung der leisesten Regung von
Naschhaftigkeit; die sei immer der erste Keim. Du sagtest, die
Fortpflanzung der Menschheit sei nicht vornehmlich das Wünschenswerte
für die Gesellschaft, wie man allgemein zu Nutz und Frommen des Staates
doziere; das Wünschenswerte sei die Erziehung des Einzelnen zu einem
Edeldasein und zur Überwindung der Furcht, der Knechtschaft und des
Leidens. Auch darin habe ich dir beigestimmt, umsomehr, als ja deine
Anschauung durch die Lehren großer Denker bestätigt wird.
Alles das hindert nicht, daß meine Natur unterliegt. Ich habe mit mir
gerungen, hart gerungen, schon in Hochlinden, obwohl deine Nähe den
beginnenden Aufruhr immer wieder im Zaum gehalten hat. Mit einem
bestimmten Augenblick hat es angefangen, ich will ihn nicht bezeichnen,
denn das hieße zugleich ein unvergeßliches Erlebnis besudeln, das eine
Gnade war. Dann flogen Worte zu und flogen Bilder zu und etwas, das
dicht gewesen war, wurde ausgehöhlt. Es war nichts deutlich
Beschreibbares, nichts, was im Willen wurzelt, im Wunsch sich meldet. So
weit durfte es nicht kommen, so weit ist es auch heute noch nicht.
Sieh, Lieber, die Vorstellung, mich in den Armen eines Weibes zu wissen,
flößt mir den unüberwindlichsten Abscheu ein. Vielleicht trifft das Wort
nicht ganz, ich kann die Empfindung nicht definieren; Kapitulation, nie
mehr gutzumachender Verlust liegt darin, aber auch das trifft nicht. Das
Bild wagt sich nicht an mich, es verzischt früher als ichs sehe wie
glühende Kohle im Wasser, aber dann wühlt es unterirdisch, dann kommt
das Brausen im Blut, und die von unheimlichem Spuk ins Ohr gebrüllten
Worte, und die ungewisse Erinnerung, das Alleinsein und
Nichtalleinseinwollen, das Zerflattern der Arbeit, die Nächte, die
Träume.
Du weißt, ich bin kein Mucker. Ich bin jetzt alt genug, um die
natürlichen Vorgänge unbefangen zu beurteilen. Auch fühle ich mich wie
gesagt nicht als Ausnahmewesen und möchte nicht bei dir in den Verdacht
geraten, daß ich, was andern so gut beschieden ist wie mir, übermäßig
wichtig nehme. Das alles muß wahrscheinlich erlebt und durchgekämpft
werden, und wenn es mir schwerer fällt als andern, so sind meine
besonderen Umstände daran schuld, die Art, wie man mich behütet hat, die
Kargheit aller Mitteilung, die Entfernung vom Leben, die Strenge in der
Auffassung alles dessen, was außerhalb des Befohlenen und Akkreditierten
liegt. Sollte meine unbedeutende Person dazu bestimmt sein, Rache zu
nehmen für die Zurückhaltung und den Puritanismus ganzer Generationen?
frag ich mich bisweilen. Bin ich die Entartung, der Rückschlag, durch
den die Natur sich entschädigt für das, was man ihr ein paar
Jahrhunderte lang an Tribut der Leidenschaften versagt hat? Solche
Selbstüberschätzung ruft vielleicht deinen Spott hervor, aber ich kann
dir versichern, daß mich der Gedanke manchmal ernstlich beschäftigt.
Möglicherweise erblickst du darin das, was du geistige Unzucht nennst,
Verwahrlosung der Eigenliebe, aber sage mir, wie du dir die Zucht und
Eindämmung der Phantasie in der Praxis denkst, denn eben die Phantasie
erscheint mir als furchtbare, tyrannische Elementargewalt, je
unbändiger, je mehr man sie zu knebeln versucht. Sie erlauert die
Wehrlosigkeit des Menschen, um ihn zu peinigen.
Ich schlafe bei offenen Fenstern, zugedeckt mit einem dünnen Tuch, in
der letzten Zeit meide ich sogar das Bett und richte mir mein Lager auf
dem Fußboden. Es schützt mich nicht vor widerlichen Träumen. Diese
Träume, obwohl sie nichts unmittelbar Häßliches und Beschämendes an sich
haben, sind doch derart, daß sie mich durch den Tag verfolgen wie Gift,
das man mir eingegeben; das Schmähliche liegt oft mehr in der Farbe und
in der Wirkung als im Vorgang, der an sich sinnlos ist. Ein Traum ist,
da klebt alles was ich anfasse; Fleisch und Knochen an mir sind eine
heiße, weiche, zähe Masse; dabei fühl ich, ich bins garnicht, ein
fremdes Wesen durchsickert mich, ein fremder Leib; es wird mir
eigentümlich wohlig matt, die feurige Luft wird dunkelblau, alles rinnt
und rieselt um mich herum, schmeichelt und rührt mich an, will mich
packen und höhnt, und wenn ich aufwache, sind meine Augen wie zwei
Stücke Eisen. Dann ist da ein Traum voller Schlangen, gelb-weiße, mit
schlüpfrig zarter Haut und grünen Augen; sie ringeln sich an einem
glatten Turm hinauf, von oben hängen Haare herab wie aufgelöste Haare
einer Frau, ich muß hingreifen, der Schauder verwandelt mich, ich bin
selber Schlange, das Haar flutet über mich, der Turm fängt an zu
brennen, ich stürze maßlos tief hinunter, über mir ein feuriges Rad, das
dann mitten durch meinen Körper hindurchfährt.
Ich laufe stundenlang, tagelang durch die Wälder. Bin ich gleich müd,
Frieden erring ich nicht. Wenn alle im Haus schon schlafen, stehl ich
mich oft an den See, lös das Boot von der Kette, rudere hinaus. Weit vom
Ufer, laß ich die Ruder fallen, leg mich flach auf den Rücken, Hände
hinterm Kopf, und schau in den Himmel hinein. Die Herrlichkeit, Lucian,
die erhabene Herrlichkeit! Das Boot schaukelt mit der schwachen Dünung,
leis surrt der Wind, die Nacht ist dunkler Purpur. Aber wenn ich mich so
in den Anblick der Sterne verliere, ergreift mich Wahnsinn. Könnt ich
dirs nur schildern! Ich habe es schon als Kind gehabt, das
Sternengrauen, hast dus nie empfunden? Ich frage mich dann: gibt es
einen Zusammenhang zwischen dem Niedrig-Sinnlichen in mir und der
Überwelt da droben? Ists denn erlaubt, den verbrecherischen Blick
dorthin zu richten, den blutgebundenen, der den Jammer meines Fleisches
in die Unendlichkeit trägt und sie ansteckt mit Begierden? Daß ich das
ewig versperrte größere Leben nur ahnen darf, verfinstert mir die Seele
und verwirrt den Verstand; ich möchte nicht mehr sein, es ist, als
ließen mich Arme fallen, und unten sind Arme, die wollen mich auffangen,
der Raum dazwischen ist das reine Entsetzen. Kann der Tod so schrecklich
sein, wie ihn die Menschen sehen? Wäre man nicht ein viel wirklicherer
Mensch, wenn ihn der Geist konzipieren könnte?
Ich bin bis jetzt mit meiner Mutter allein. Du müßtest diese Frau
kennen. Sie erscheint mir von Tag zu Tag besonderer. Sie hat seltene
Eigenschaften, und ich habe außerdem entdeckt, daß sie schön ist. Das
macht mich kindischerweise oft ganz glücklich. Aber trotzdem wir uns gut
vertragen, ist von innerer Beziehung, wie ich sie momentan nötig hätte,
keine Rede. Was mag wohl die Ursache sein? Geh ich sehr fehl in der
Vermutung, daß zwischen Mutter und Sohn eine Schranke des
Unaussprechlichen besteht und bestehen muß? So nah sie einander durch
das Blut sind, so fern sind sie einander durch das Wort. Es kommt in
meinem Fall noch hinzu, daß ich das Gefühl habe, als dürfe sie gar nicht
verstehen, als könne sies nicht, als sei sie in diesem Punkt
erfahrungslos, auch als Weib, trotzdem sie Ehegattin war und Kinder
geboren hat, ja daß ichs grade heraus sage, als sei sie noch unschuldig,
als sei sies zu meinem Refugium und zu meinem Stolz, und folglich von
mir zu behüten, nicht ich von ihr. Dadurch aber wird vieles doppelt
schwer, wie du begreifen wirst ...
An dieser Stelle brach das Schreiben ab.
Die ganze Nacht über lag Dorine angekleidet auf ihrem Bett, die Hand
wider das Herz gedrückt, dessen unaufhörlich tobende Schläge nicht zu
beschwichtigen waren.