Sommertag und -abend

Von dem Tag ab schritt sie wissender auf dem Weg weiter, den sie durch

Dickicht schlug.

Sie schmückte sich für ihn. Sie verwendete überlegteste Sorgfalt auf

ihre Toilette, die Wahl jedes Kleidungsstücks, den Einklang der Farben,

Art und Haltbarkeit der Frisur. Was sie früher nur selten vermocht, sie

saß vor dem Spiegel, prüfte ihr Gesicht und beobachtete ängstlich die

Zeichen des Alterns.

Sie wollte jung sein für ihn, stark, mutig, ausdauernd, Gefährtin. Sie

wollte ihm gefallen, und sie entdeckte die Gabe in sich, zu gefallen. Es

sollte ihm Vergnügen bereiten, mit ihr unter die Menschen zu gehen,

seinen Ehrgeiz wecken, mit ihr zu wandern, zu schwimmen, zu segeln. Sie

machte sich so viel wie möglich frei von täglichen Obliegenheiten,

Pflichten der Korrespondenz, des Verkehrs, unterdrückte ihr Verlangen

nach Alleinsein und botanischen Gängen, war voll von Plänen,

Vorschlägen, Unternehmungslust. Häufig entzog sich Dietrich unter

irgendeiner Ausrede; das Wetter sei zu unsicher; er sei müde; er wolle

arbeiten. Häufig verschwand er am Morgen, war nicht mehr auffindbar und

kam erst am Abend zurück, in sich gekehrt, schweigsam, unfroh. Bisweilen

aber stimmte er in gehobener Laune zu, riß sie dann selbst mit, statt

sich mitreißen zu lassen, und einmal geschah es, daß er während eines

Ausflugs innerlich ganz trunken war, wie sie ihn nie gesehen, von

feuriger Gesprächigkeit, lachender Freude, Bereitschaft des Mitteilens,

vertrauender Offenheit, glücklicher und beglückender Hingabe in Blick

und Rede, so daß Dorine glaubte, das Schwere sei vollbracht und sie habe

ihn sich errungen.

In früher Nachmittagsstunde waren sie den See entlang nach Steckborn

gefahren und hatten den Weg über Muren, Engerswylen, Gonterswylen,

Helsighausen angetreten. Wolkenloser Himmel; die Luft frappiert,

schmeichelnd-kühl und erregend-durchsichtig; die Erde liebte den Fuß,

der über sie schritt, Bild um Bild der Landschaft wurde dem Auge

leuchtende Fülle, die es weiter trug, ungesättigt und ruhig staunend.

Mitten im Wald fing Dietrich an, von seinem künftigen Beruf zu sprechen,

der Bestimmung, die er für sich ahnte, einem Ziel, das er dunkel

empfand, und zwar wie in neuem Bewußtsein von Zuversicht und

Erwähltheit. Man möge ihn nur gewähren lassen, ihn nicht vor der Zeit

binden, weder an ein Programm, noch an praktische Rücksicht; er erblicke

Möglichkeiten nach vielen Seiten, als stehe er im Mittelpunkt eines

lodernden Kreises; bald dränge es ihn dahin, bald dorthin, doch störe

ihn die Anziehung des Gegensätzlichen nicht, eher spanne sie und gebe

das Gefühl von Reichtum. Freiheit der Entscheidung müsse er haben, und

nicht schon beim ersten Mal mit der vollen Bürde der Verantwortung,

sondern Freiheit, wieder und wieder entscheiden zu dürfen, abwerfen, was

sich hinderlich und falsch erwiesen und wieder und wieder versuchen, bis

sich ein Glied zum andern gefügt und ein Organismus entstanden sei. Nur

so, wenigstens sei er überzeugt davon, könne man die in der Seele

zerstreuten und vergrabenen Gaben einheitlich bilden, ein gesammelter

Mensch werden, einer der echt ist und echt handelt. Ob es nun die

Geschichte sei, oder die wirtschaftliche Existenz der Völker, oder die

Rechtszustände, oder die Repräsentation des eigenen Volks nach außen,

oder der Wunsch und Trieb, zu lehren, all dieses könne sich erst in dem

Maß gestalten, wie man sich selber finde, sich selber zu gestalten Muße

und Spielraum habe. Mit ihm, leider müsse er es bekennen, sei es

vorläufig noch so, daß es ihn den einen Tag dünke, er könne fliegen, den

anderen aber sei er lahm; das gebe ihm zu schaffen, das mache ihn zu

often Malen irre.

Dorine hörte mit großer Aufmerksamkeit zu. Ihr war, als lerne sie ein

unbekanntes Land kennen. Hie und da warf sie ein Wort ein, Frage,

Zweifel, Bedenken, aber sie wollte ihn nicht einschüchtern, und er ging

auch, je stiller der Pfad wurde, je mehr aus sich heraus. Auf einmal

wurde er kindlich-zutraulich, mitten in seinen Freiheitsphantasien, und

erklärte, heiraten wolle er niemals; er könne sich gar nicht vorstellen,

daß eine Frau das Leben des Mannes zu teilen vermöge, im schönen, tiefen

Sinn zu teilen (dabei schob er seinen Arm abbittend unter den der

Mutter, und sie wanderten weiter wie Freunde im Glück der ersten

Geständnisse); er fürchte überhaupt, daß es ihm versagt sei, zu lieben,

ja, wenn er ganz aufrichtig sein solle, so glaube er gar nicht an die

Liebe zwischen Mann und Weib. Es sei ein tragischer Wahn, dem die

Geschlechter durch grausamen Machtwillen der Natur verfielen, eine Idee

bloß, an die keine Erfahrung hinreiche und deren verhängnisvollen

Einfluß sich zu entziehen sein Vorsatz sei. Es werde ihm gewiß nicht

schwer werden, denn im Grunde sei er hart, skeptisch, ablehnend, nicht

besonders gutmütig, und wenn auch einerseits ziemlich leidenschaftlich,

so doch dafür sehr egoistisch.

Dorine lachte. Aber ein köstlicher Frieden war in ihrem Gemüt, und ein

Gefühl der Jugend blühte auf, wirklich nun, und nicht erbangt und

erfeilscht, das den Tag in goldenes Licht tauchte, Blätter, Wurzeln,

Steine und den verdämmernden Weg mit. Sie erwiderte einiges, doch es war

ohne Gewicht und Anspruch, es versummte im aufgeglühten Abend. Sie

gingen rasch talabwärts, die Seefläche schimmerte bläulich-silbern mit

scharlachnen Flecken, der Westen war eine flammende Schmiede-Esse, über

den schon nahen Häusern lags wie fließender Brokat, farbige Segel

glitten schwanhaft, Schwalben flogen in einem Gewebe aus Rubinstaub; da

sang Dorine ein Lied, und Dietrich begleitete sie im Knabenbaß.

Als sie in den Ort herunterkamen, war die Gasse, durch die sie mußten,

durch dichtes Menschengedränge versperrt. Erregte Gesichter waren einem

Haus zugewandt, vor welchem Schutzleute und Männer mit Sanitätsbinden am

Arm standen; ein grüner Spitalswagen hielt vor dem Tor, und nach kurzer

Weile wurden drei verdeckte Bahren herausgetragen, denen weinende Kinder

folgten und ein Weib, das sich rasend gebärdete. Ein weißbärtiger

Schlossermeister, den Dorine kannte, trat grüßend zu ihr und Dietrich

und erzählte ihnen, was sich begeben. In dem Hause hatte ein

leichtfertiges Mädchen gewohnt, eine gewisse Karoline Kranich, die beim

Theater gewesen und dann immer tiefer gesunken war. Sie hatte zwei junge

Leute in ihre Netze verstrickt, mit beiden gleichzeitig ein

hinterlistiges Spiel getrieben; der eine war Arbeiter bei den

Friedrichshafener Werften, der andere Advokatenschreiber in Konstanz.

Sie bevorzugte scheinbar keinen, wollte aber aus beiden ihren Profit

schlagen und stachelte sie zur Eifersucht auf, namentlich den jungen

Arbeiter, der aus einem ordentlichen Menschen zum Lüderjahn geworden

war. Heute nun hatte sie den Schreiber mit sich in ihre Wohnung

genommen; der andere hatte Argwohn geschöpft, den Aufpasser gemacht, war

ins Haus geschlichen, hatte unter wüstem Lärm den Eintritt in ihr Zimmer

erzwungen, den Revolver hervorgezogen, erst die Kranich und ihren

Liebhaber niedergeknallt und dann sich selber durch einen Schuß in den

Kopf getötet.

Während der Alte dies mit ruhiger Stimme und ernstem Wesen berichtete,

dachte Dorine bedauernd an die vergangenen Stunden und ihre nun getrübte

Schönheit, und ohne ihn anzusehen, spürte sie, welche niederschlagende

Wirkung das Geschehnis auf Dietrich hatte. Das Kostbarste ihres Besitzes

hätte sie opfern können, um es wegzuwischen von der Tafel dieses Tages.

Indessen gewahrte sie, daß Dietrich, mit einem Gesicht voll Blässe, das

ihre Ahnung bestätigte, den Blick nach einem bestimmten Punkt gerichtet

hatte; seine Augen glänzten bestürzt und erstaunt; stammelnd deutete er

auf einen Mann, der inmitten der Menge die ihn Umgebenden stirnhoch

überragte; einen schlanken, bärtigen, düster-schauenden Mann; der

breitrandige Hut, den er trug, verschattete sein Gesicht; der abendrote

Himmel am Ende der Gasse verstärkte die Konturen der Gestalt; »er ist

es, er muß es sein«, drängte es sich halb jubelnd, halb zagend aus

Dietrichs Lippen, und schon war er in die Richtung hingeeilt, schob sich

durch die Menschen, verschwand zwischen ihnen.

Dorine stockte das Herz, und der verworrene Sturz ihrer Gedanken riß die

Zeit, die es dauerte, bis Dietrich wieder neben sie trat, in tönende

Stücke. Er war beklommen, schüttelte den Kopf und sagte: »Daß man sich

so täuschen kann; es war wie eine Erscheinung, freilich, zu wunderbar

wärs gewesen: Er!« Noch hingenommen von dem Wunsch- und Augentrug,

zweifelnd noch, obwohl er sich Gewißheit über den Irrtum verschafft, in

einen Widerstreit häßlicher Empfindungen durch die Erzählung des alten

Mannes und die Erregung der Menschengesichter versetzt, in denen sich

der blutige Vorgang spiegelte, so schritt er endlich an der Seite der

Mutter weiter, und es gelang ihnen, sich durch das Gewühl Bahn zu

machen.

Das fanatisch geflüsterte »Er« hatte langen Widerhall in Dorine. Wie muß

ihn das Bild erfüllen, wie gegenwärtig muß es ihm beständig sein, dachte

sie mutlos, daß eine ungefähre Ähnlichkeit solche Wirkung hervorbringen

kann. Das Überhitzte seines Gebarens hatte ihr außerdem mißfallen, und

als sie nach einer Erklärung tastete, fühlte sie den tückisch

verknüpfenden Anteil, den die Mordtat des jungen Arbeiters, und was sich

zwischen den drei Menschen abgespielt, daran hatte. Zuhause warf sie

sich müde in einen Sessel, kreuzte die Arme, ließ den Kopf sinken und

wehrte sich kaum gegen die anflutende Furcht.

Das Abendessen verlief schweigsam, Dietrich ging danach in sein Zimmer,

Dorine prüfte mit der Köchin die Rechnungen und hatte dann mit dem

Gärtner zu verhandeln. Anderthalb Stunden mochten verflossen sein, sie

war längst wieder allein, als sie Dietrichs Schritt zu hören glaubte,

über den Flur, die Treppe hinunter, über den Kies im Garten. Es verdroß

sie, daß er sich noch so spät entfernte, sie wollte sich überzeugen und

ging in seine Stube. Es war finster dort. Sie drehte die elektrische

Flamme auf, trat an den Schreibtisch, und keineswegs neugierig oder

spähsüchtig, eher in trauriger und abgekehrter Gleichgültigkeit, öffnete

sie eine große Ledermappe und sah einen Brief liegen.

Sie las: Lieber einziger Freund.

Sie las weiter, hastig zuerst wie in Angst, ertappt zu werden, dann

langsamer, betroffen von der Reife des Ausdrucks, der Nüchternheit der

äußeren Fassung bei solchem Inhalt. Sie setzte sich auf den Stuhl,

stützte die Stirn auf die Linke, nahm Blatt um Blatt mit der Rechten,

wurde bleich und bleicher, las und las:

Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz · 第 16 / 51 题