Der Brief Rottmanns und der mitgesandte Zeitungsartikel flößten ihr wohl
Schrecken ein, doch faßte sie nicht die Anklage. Unerläßlich erschien es
ihr, Dietrich zurückzurufen, und ebenso unerläßlich, genaueren Aufschluß
zu erhalten, als der Brief ihn gab. Daher schickte sie zugleich mit dem
Telegramm an Dietrich eines an Rottmann und ersuchte ihn, zu einer
persönlichen Unterredung nach Basel zu kommen. Einen entsprechenden
Geldbetrag wies sie telegraphisch an. Es war eine Reise von zwei
Stunden, und er traf noch am selben Nachmittag ein.
Der Mann mißfiel ihr. Sie fand ihn verschlagen, ärgerliche Mischung von
Untertänigkeit und Insolenz. Aber das wollte nichts bedeuten gegenüber
seinen Eröffnungen, die den Stempel der Wahrheit trugen.
Es war außerordentlich peinvoll. Sie hatte an die bloße Möglichkeit von
Dingen nie hingedacht, die dieser schilderte, als seien sie in seinem
Beruf alltäglich. Er wählte die Worte mit Vorsicht und errötete sogar
vor der strengblickenden Frau, als er von dem Nacktlauf und der mit
einem Kuß besiegelten Umarmung notgedrungen sprechen mußte; er schien
durchaus nicht zu fühlen, wie niedrig ihn seine Betretenheit machte. Nur
zögernd nannte er die Gründe, die ihn bewogen hatten, sich wider die
Verfügung aufzulehnen, daß die Knaben sich in völliger Blöße im Freien
tummeln sollten. Worüber er sich vornehmlich ausließ, war der
verhängnisvolle Geist der Entfesselung, mit dem Lucian von der Leyen
seine Schüler erfüllte, die beständige verderbliche Lehre, mit dem
Herkommen zu brechen, nichts gelten zu lassen, was bisher unantastbar
gewesen, die Schranken des Egoismus und der Genußsucht niederzureißen
und sich zu befreien, das heißt kein anderes Gesetz anzuerkennen als das
von den eigenen Leidenschaften diktierte.
Da aber Dorine Fakten zu erfahren begehrte, beweisbares Einzelnes,
Worte, Handlungen, Geschehen, zitierte er Gespräche und Reden, deren
Zeuge er gewesen, erbot sich, Tagebuchnotizen vorzuweisen, schilderte
die Art des Umgangs von Lucian mit den Zöglingen, die fangende,
verfängliche, Neugier und Wißbegier aufreizende, den jugendlichen
Enthusiasmus mit schlauester Herzenskenntnis weckende; wie ein Ausspruch
über Eltern, Häuslichkeit, Religion, Staat als ätzender Tropfen in die
jungen Seelen träufelte, unlöslich vermengt mit Freundschaft, Zutrauen,
Interesse, und wie durch ein Lächeln, ein Achselzucken zunichte gemacht
werde, was Liebe und redliche Bemühung der Angehörigen aufgebaut. Darum
sei es ihm gegangen, sagte er zum Schluß, daß diese wenigstens zu wissen
bekämen, wo der Verwüster zu suchen sei, wenn sie eines Tages
entdeckten, daß ihre Hoffnung in Scherben vor ihnen läge; in einer Welt,
in der der Idealismus ohnehin zum Tod verurteilt sei, habe er sichs zur
Pflicht gemacht, sich gegen die Henker zu stemmen, auch gegen so
geschickt vermummte wie von der Leyen einer sei.
Dorine ging im Zimmer auf und ab wie eine Tigerin. Weshalb man ihr denn
die Anstalt empfohlen habe? Gebe es also solche, die das leichterdings
auf ihr Gewissen nähmen? Ob er glaube, daß die Folgen unabänderlich und
unheilbar seien? Ob er es einer besonderen Anlage Dietrichs zuschreibe,
daß er nach so kurzer Frist in den Mittelpunkt des abscheulichen
Treibens getreten sei? Was sie tun, wie sie sich ihm gegenüber verhalten
solle?
Sie redete eigentlich laut mit sich selbst, erschrak auch über sich
selbst, faßte sich, schnitt die gewundenen, mit Philosophie und
Schmeichelei verbrämten Trost- und Beileidsfloskeln des Mannes schroff
ab, dankte ihm für seine Willigkeit und guten Dienste, fragte, ob sie
sich bei Gelegenheit seiner erinnern dürfe und entließ ihn.
»Den Jungen wieder auf die rechte Bahn zu bringen, wird keine
Schwierigkeit haben, der ist aus prächtigem Stoff,« war sein letztes
Wort, auf das sie nur ein höfliches Kopfnicken hatte. Als er draußen
war, zeigte ihre Miene Widerwillen. Nein, dachte sie verächtlich, jetzt
keinen mehr von euch Seelenquacksalbern, jetzt heißt es, Aug in Aug mit
ihm sein und sehen, was verdorben ist und was zu retten ist.
Hierüber grübelte sie den Rest des Abends: was verdorben sei und was zu
retten sei. Sie versuchte, sich den Knaben in den Situationen
vorzustellen, die der von ihr im Innersten beargwöhnte Mensch teils
geschildert, teils hatte ahnen lassen. Es war nicht möglich. Im
ziellosen Spähen schauderte sie schon. Die Welt wurde Kloake.
Den Knaben: ihren Knaben; Dietrich. Dietrich ohne Scham. Oder nur Opfer
von Schamlosen. Oder, wenn dies Tun auch vor minder strengem Blick hätte
bestehen können, in einer Auffassung bestehen, die sie nicht zu
begreifen fähig war, dann doch Schritt um Schritt weitergetrieben, der
Verführbare verführt, der Ehrfürchtige sich erfrechend, der Gehorsame
widersetzlich, der Offene verstockt. Und wie ihn gewinnen, wie ihn zur
Mitteilung stimmen, damit sein Wort am Wort jenes andern zu messen war,
der nicht gelogen haben mußte, um doch Lügner zu sein? - Und wie ihm
Unbefangenheit zeigen, die natürliche Scheu überwinden, wenn sie
genötigt war, ihn zur Rede zu stellen, den Trotz niederhalten, in dem
er, auch er vielleicht, zum Lügner wurde, zum Verheimlicher,
Beschöniger?
Es ging um alles. Die Stunde will bedacht, zehnmal bedacht sein, in der
ein Wesen abspenstig werden kann für immer. Da entscheidet ein Hauch,
eine unüberlegte Gebärde. Schlimm, wenn er ahnte, um was es ging;
schlimmer noch, wenn er ohne Ahnung war. Schlimm, wenn es zum Austausch
von Meinungen kam; schlimmer noch, wenn sie zum Geständnis überreden
sollte. In jedem Fall war ein Geisterband zerrissen und etwas
herabgezogen ins Für und Wider, ins Nein und Ja, was hoch darüber
geschwebt hatte, schlummernd.
Gegen Morgen hatte sie einen Traum. Sie hörte eine Stimme, die ihr
zurief: Mutter! Dann hörte sie eine andere Stimme, die ihr zurief: Frau!
Jene war eine erstickte und verhallende Stimme, diese eine lebendige und
nahe. Aber stets, wenn sie der einen lauschte und sich dorthin kehrte,
von wo sie kam, rief die andere sie um desto dringlicher an, bis sie
schließlich voll Angst, die Hände an die Ohren pressend, entfloh.