Dorine

Dorine Oberlin war vierzig Jahre alt. Sie hatte eine Jugend im Sinn von

Freiheit und Überschwang nicht gelebt, daher fühlte sie dieses Alter

nicht als Abstieg und nicht als Verarmung, sondern als Ergebnis eines

natürlichen Prozesses, der sie weder zur Rückschau zwang, noch zum

Bedauern. Unbestrittene Gebieterin in ihrem Kreis, hielt sie sich im

Verhältnis zu Menschen und Dingen an die bewährte Regel. Nichts was von

außen zu ihr drang, von der Welt der Gleichgeordneten nicht und von der

der Untergebenen nicht, hatte bisher vermocht, sie zu beunruhigen. Das

Dasein war vollkommen durchsichtig für sie gewesen.

Mit einundzwanzig Jahren hatte sie den um zwanzig Jahre älteren Mann

geheiratet, der ihr gesicherte Umstände, glänzende gesellschaftliche

Stellung und ein Miteinanderleben ohne Konflikte versprach. In der Tat

war die Ehe niemals durch einen Zwist, einen Wortwechsel, eine

Verstimmung getrübt worden. Beide Partner waren gleichgerichtet in ihren

Neigungen, Anschauungen, Gewohnheiten und äußeren Beziehungen. Die

gänzliche Leidenschaftslosigkeit der Führung bewirkte in den gemeinsamen

Fragen einen Ausgleich ohne Rest. Es konnte kaum von Sich-fügen die Rede

sein, von Nachgeben auf der einen oder der andern Seite, da Wunsch und

Wille stets aus der nämlichen Wurzel kamen und Übereinkunft sich ergab

wie bei zwei Reisegefährten, die weder über den Weg noch über das Ziel

ein Wort zu verlieren brauchen.

Hieran änderte sich nichts mit der Geburt und dem Aufwachsen des Sohnes.

Wie das Verhalten zueinander so stand auch das zu dem Knaben unter einem

Gesetz, das freilich bei den konservativsten Familien der Stadt seine

ursprüngliche Geltung nicht mehr besaß und von modernem Geist, moderner

Schwäche etwa seit der Wende des Jahrhunderts angekränkelt war. Man

mochte es patriarchalisch nennen oder bürgerlich-patrizisch, es war

Frucht von altüberbrachten Lehren und Erfahrungen, die im Blut wirkten

und der profanierenden und entkräftenden Aussprache nicht bedurften.

Der Ratsherr Oberlin, bis in die Faser den Interessen der Gemeinschaft

ergeben, zu deren vornehmsten Hütern er gehörte und sich zählte, brach

vielleicht daran, daß er die Heraufkunft neuer Welt und Zeit voraussah

und im ahnungsvoll erschütterten Innern spürte, daß seine und seiner

Geschlechter Uhr abgelaufen war. Bei einem politischen Anlaß hielt er in

der Ratsversammlung eine Rede, die einigen Teilnehmern durch das

schmerzlich-aufrüttelnde Geständnis davon unvergeßlich geblieben war.

In der wachsenden Schwermut dann quälten ihn hypochondrische

Befürchtungen in bezug auf den Knaben, und er suchte grüblerisch nach

Mitteln, wie er vor dem Unheil zu retten wäre, als ob der Brand, der den

Besitz der Menschheit bedrohte, vor diesem allein hätte Halt machen

sollen. Einige Tage vor seinem Tod hatte er eine Unterredung mit Dorine,

in der es sich ausschließlich um die Richtlinien handelte, nach denen

Dietrichs Erziehung zu vollenden sei.

Es lag an der Atmosphäre von Dorines Leben, dem spröden Sichtragen,

nüchternen Erscheinen, erzogenen und kühl-heiteren Selbstsein, daß

sichtbare Zärtlichkeit gegen Dietrich nie hervorgetreten war. Das

einzige Kind; der erfüllte Sinn ihrer Frauenexistenz; ein wohlgeratener

Mensch, fügsam, bildsam, erfreulich anzusehen, angenehm im Umgang; alles

das war selbstverständlich. Schicksal war selbstverständlich. Daran, daß

einer war wie er war, hatte er kein Verdienst; fuhr er doch in einem

tüchtigen Fahrzeug auf breitem Strom, und das Wesentliche war ihm, als

Erben vieler Trefflichkeit und edler Art, bereitet und gebaut. Man ließ

sich auch selbst nichts durchgehen, hatte acht auf den Tag und diente

Gott zu seiner Stunde. Da hätte Weichlichkeit dem frevlen Aufdröseln

eines dauerhaften Gewebes geglichen.

Eines freilich ruhte in ihrem Gemüt als Grundstein von Denken und

Fühlen, und nach dem Tod des Gatten noch tiefer darin versenkt denn

zuvor: dieser Sohn war ihr Eigentum; nicht zu schmälerndes, von ihm

nicht, von andern nicht; unbedingt ihr gehörig wie kein Ding auf Erden

sonst, Teil von ihr, Fleisch von ihr. Daß er auch eines Sinnes und

Wesens mit ihr war, dünkte ihr über jeden Zweifel und Argwohn erhaben.

Es hatte den Anschein, als habe die Witwenschaft verjüngend auf Dorine

gewirkt. Manche versicherten es ihr taktlos schmeichelnd. Ihr Gesicht

hatte Festigkeit und frische glatte Haut. Die Form des Kopfes war

anmutig schmal, die Stirn von einer gutrassigen Flachheit. Die Nase war

ein wenig gestülpt, mit nervös-beweglichen Flügeln; die Lippen traten

leicht hervor, und die obere, entschlossene, zwang die untere, etwas

bedächtige, ihr im Schwung zu folgen. Das stark entwickelte Kinn deutete

auf Herrschsucht. Die langwimprigen Augen waren von intensivem Blaugrau;

sie hatten einen kalten Blick im Vordergrund, einen unbestimmteren, fast

fragenden dahinter. Die Lider, umschattet und gelblich verfaltet wie bei

Menschen, die wenig und schlecht schlafen, verrieten am merklichsten die

vierzig Jahre; im übrigen hätte sie für dreißig gelten können.

Sie besaß einen gesunden Organismus, ruhige Nerven, und ihre

Lebensgewohnheiten waren so anspruchslos wie gleichmäßig. Doch führte

sie auch nach dem Ableben des Ratsherrn das Haus im selben Stande

weiter, niemand vom Gesinde wurde entlassen, und zu jeder Frist konnten

Gäste eintreffen, ohne irgend Ungelegenheiten zu verursachen. Sie war

Sammlerin und Kennerin von altem Porzellan. In der Ermatinger Villa

waren kostbare Schätze davon aufgespeichert; sie hatte ihre

Korrespondenten, und bisweilen besuchten sie Händler, um ihr ein

kostbares Stück anzubieten. Daneben trieb sie ziemlich ernsthafte

botanische Arbeiten, legte Herbarien an, las die einschlägigen Werke und

gelehrten Fachschriften, und ihr Spezialstudium war die hochalpine

Flora.

Wenn der Föhn einbrach und die Schlaflosigkeit, die zu Zeiten wie

Krankheit über sie kam, folternd wurde, packte sie den Rucksack, fuhr

ins Oberland und stieg auf die Berge. Sie konnte zehn Stunden wandern,

ohne zu ermüden, hatte Führer, die sie bevorzugte und schreckte vor den

schwierigsten Gletscherpartien und Felsklettereien nicht zurück. Davon

machte sie aber kein Aufhebens, es war ihr sogar unangenehm, wenn es

beredet wurde, und hauptsächlich um diese Liebhaberei zu bemänteln,

hatte sie sich von ihrem Arzt heuer das Leuckerbad verordnen lassen.

Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz · 第 12 / 51 题