In einem Tropfen Blut

Der Tag der Rückkehr erschien Oberlin dunkelschächtig wie ein Brunnen.

Die Mutter sei ausgegangen und käme vor Abend nicht nach Hause, wurde

ihm gesagt. Dies zu hören, war ihm nicht unlieb; es verzögerte das

Mißliche und Ungewisse der Begegnung, und er durfte ihr etwas verübeln,

was von Kälte, wenn nicht Feindseligkeit zeugte, denn er hatte sie von

seiner Ankunft benachrichtigt.

Er packte seinen Koffer aus und legte Bücher, Wäsche, Kleider

ordnungslos herum. Dann erwachte die Ungeduld und trieb ihn durch die

eigentümlich starren Prunkräume des Geschosses. Daß sie kleiner waren

als noch gestern die Vorstellung von ihnen gewesen, verlieh ihm

Sicherheit.

Die Frage: was wird mit mir geschehen? beschämte, weil sie ihm zu spüren

gab, daß über ihm ein fremder und stärkerer Wille war. Beim

königlich-sonoren Schlag der Florentiner Uhr, die die sechste Stunde

meldete, war sein Gedanke: so ist dieser Wille, unüberhörbar,

unwiderleglich. Eingedrungen wie der Ruf der Uhr war er in das Haus,

teilte die Zeit, thronte richterlich. Aber ich habe einen neben mir,

hinter mir, der auch ein Wort mitreden wird, sagte er sich.

Im Vorübergehen öffnete er ein Album, und das erste Bild, das ihm in die

Augen fiel, war das der Mutter. Er betrachtete es verwundert. So hübsch

kann sie doch nicht sein, dachte er, das war vor langer Zeit. Da vernahm

er ihren Schritt, wandte sich um, die Tür ging auf, freundlich-rasch

eilte sie auf ihn zu und reichte ihm die Hand. Mit einer Art von

Bestürzung nahm er wahr, daß sie wirklich eine noch jugendliche Frau von

besonders geprägter Schönheit war, schlank, elegant, geschmeidig. Er

hatte es nicht gewußt. Er hatte es nie gesehen. Die Mutter, obwohl

jahrlos, war das Alte gewesen, stets im nämlichen Kreis, in der

nämlichen Würde und Ferne.

Die Schwierigkeit des ersten Beisammenseins zu besiegen, ohne ihn zu

überfallen und sich überfallen zu lassen, hatte Dorine Mittel genug. In

allem, was sie tat und sagte, war sie klug bemüht, Spannung zu

beseitigen. Kein Blick von ihr ließ merken, wie sie ihn im Auge hielt,

jede Bewegung verfolgte, jeden Tonfall behorchte. Sie wollte ihn

verändert finden und fand ihn verändert: geschlossener, verborgener.

Dann wieder nicht; dann wieder freier, lebhafter. Beides war nicht das

Gewünschte. Ihr Forschen bezog sich auf den Verlust von Kindlichkeit; da

berührte sie schon die rauher gewordene Stimme, der dichtere Flaum auf

der Oberlippe ängstlich. Auf den Verlust von Leitbarkeit; da war ein

Lachen, ein fertiges Urteil, eine allzu runde Bemerkung, die ihr nicht

gefallen wollten. Er hatte früher mehr Distanz gehabt, mehr wartende

Unterordnung. Oder täuschte der brodelnde Argwohn?

Ihn harmlos zu machen, erwies sich als überflüssig. Er war harmlos. Sie

hatte geglaubt, ein wenig gehofft sogar, daß er von schlechtem Gewissen

bedrückt vor sie treten werde. Davon war keine Spur; im Gegenteil, eine

neugierige Erwartung wich nicht aus seinen Mienen, als sie jeden Versuch

zur Aussprache vorsätzlich, wie er genau spürte, vereitelte. Schließlich

war sie selbst die Bedrückte, und um nicht noch mehr Boden zu verlieren,

sah sie sich genötigt, ihm entgegenzukommen. Es war schon spät am Abend,

und ihre leicht hingeworfene Frage nach seinem Leben in der

Schulgemeinde klang mehr wie der Abschluß als wie der Beginn eines

Gesprächs.

Dietrich atmete befreit auf. Ohne zu antworten, stellte er hastig die

Gegenfrage, weshalb sie ihn zurückgerufen, so jäh und drohend, zwei

Wochen vor Semesterschluß. Sie war erstaunt. Daß er sich völlig

unwissend geben würde, darauf war sie nicht gefaßt; dennoch wollte sie

ihn nicht der Heuchelei bezichtigen; so konnte ein Heuchler nicht fragen

und blicken. Seine Offenheit, der dringliche Vorwurf in seinen Augen

ließ sie an der Wahrheit der Anklage zweifeln. Sie wurde irre und fühlte

sich erleichtert. In Kürze und mit kühlen Worten berichtete sie von der

Denunziation, verhehlte auch nicht, daß sie sich, um sicherer zu gehen,

bereits mit Rottmann ins Vernehmen gesetzt und obwohl sie, in

unüberwindlicher Scheu halb, halb in politischer Absicht, die Vorgänge

kaum andeutend streifte, deren Kenntnis sie Rottmann verdankte,

durchtränkte doch das Unbehagen und der Widerwille dagegen jede Silbe.

Nicht minder klar malte sich auf Dietrichs Gesicht die Empörung über das

Spiel hinter der Wand, den Verrat Rottmanns, in den er die Mutter

verstrickt sah. Er hatte den Zusammenhang freilich erraten, dazu war

kein Scharfsinn vonnöten, und niemand in Hochlinden war in Ungewißheit

gewesen, wer den tückischen Streich geführt. Aber die Bestätigung gab

ein anderes Bild als die Vermutung.

Eine Weile schaute er denkend vor sich nieder. Dorine beobachtete ihn

aufmerksam. Zu ihrer Überraschung gewahrte sie ein Lächeln auf seinen

Lippen, helles, herzliches Lächeln. Plötzlich packte er ihre beiden

Hände und sagte: »Du, Mutter, wenn du eine Ahnung hättest, wie es war!«

Dorine entzog ihm ihre Hände, unwillkürlich fast; sie kreuzte die Arme

über der Brust und erwiderte freundlich: »Nun also, wie war es?

Erzähle.«

Der Aufforderung hatte es nur bedurft, damit der verhaltene Strom

hervorbrach. Dorine traute ihren Ohren nicht. Was für Worte; woher die

Worte? woher die Kühnheit, sie ihr gegenüber zu gebrauchen? Redete man

über Menschen so, wie er über diesen Lehrer? Es hätte einer ein Halbgott

sein müssen, um nur den geringsten Teil dessen zu verdienen, was der

unerschöpflich begeisterte Knabenmund an ihm zu preisen hatte: Wissen

und Geistesmacht, Verstehen und Größe der Seele, Führertum und Genie der

Freundschaft, Fülle des Erlebens und kristallene innere Welt, ruhige

Würde und vertraulichsten Umgang.

Die Gespräche; wie Unterricht gemeinsames Wirken war; wie an jeder

Tätigkeit die Natur Anteil hatte und Buchstabe und Regel nichts mehr

galten; wie das Wirre sich von selber ordnete, jedes Ding sein richtiges

Maß und Gewicht erhielt und ursprünglichen Sinn; wie man bloß das hatte

achten müssen, was Achtung erheischte; wie reinlich sich das Gute vom

Bösen schied, das Unnütze vom Nützlichen; Lucian brauchte nur eins gegen

das andere zu halten, und es fiel einem wie Schuppen von den Augen, so

daß man von Vorurteil und Aberglauben entlastet wurde. Er hätte es bald

gemerkt, wie viel Vorurteil und Aberglauben er gedankenlos mit sich

geschleppt, und sein Gehirn sei ihm wie ein Kehrichthaufen erschienen.

Wie man den Tag verbracht; planvoll, in froher Zuversicht von einer

Stunde zur nächsten. Nichts häßlich Befohlenes, keine Fußangeln,

Predigten, Strafmandate, alles Lockung, Versprechung, Lohn, Wetteifer,

williger Beschluß. Da er das kennen gelernt, fürchte er, jedes andere

Dasein werde ihn unbefriedigt lassen, ihm traurig und zwecklos vorkommen

wie Krebsgang. Er könne sich des Gefühls nicht erwehren, als habe man

ihn aus der einzig förderlichen Bahn gerissen, und er wisse nun nicht

wohin, zumal ihm ganz und gar nicht einleuchte, weshalb man so mit ihm

verfahren.

Dorine bezwang sich, ihm ohne Gereiztheit zu antworten. Sie sagte, die

Beurteilung dessen, was sie zu seinem Besten verfügt, stehe ihm nicht

zu, auch was seine Zukunft anlange, könne er getrost ihrer Einsicht

vertrauen. Er habe ja mit viel Eifer und Beredsamkeit die in Hochlinden

verbrachte Zeit geschildert; sie freue sich, daß er alles in so schönem

Licht sehe, obgleich sie mit seiner Schwärmerei, die schon ans

Ausschweifende grenze, nichts Rechtes anzufangen wisse; wundern müsse

sie sich aber doch, daß er über die Bezichtigung, den dunklen Fleck in

dem rosigen Bild, in geschicktem Bogen hinwegvoltigiert sei. Ob er sich

da nicht einer Unehrlichkeit schuldig gemacht habe? Er möge mit sich

selber darüber ins Gericht gehen, denn hören wolle sie jetzt nichts

mehr, heute nichts mehr. »Nur so viel,« und sie beugte sich mit

großaufgeschlagenen Augen näher zu ihm, »ehrlich will ich dich wieder

haben, ehrlich vor allem.«

Sie endete mit einem Lächeln und nickte ihm lächelnd zu. Er erhob sich,

um gute Nacht zu sagen, zögerte aber. Sein Blick war ratlos. Er verstehe

nicht genau, was sie meine, stammelte er. Oder doch, freilich; auch dort

sei ja schließlich von nichts anderem gesprochen worden; er verstehe

trotzdem nicht, was daran schimpflich sein solle, weshalb man so viel

Wesens davon mache. Er habe sich den Kopf zerbrochen und verstehe es

nicht. Er wurde flammend rot und schwieg, dann auf einmal, unter dem

musternden, bohrenden Blick der Mutter, glaubte er es zu verstehen, es

zu ahnen wenigstens, und seine Augen senkten sich in Scham.

Auch Dorine verfärbte sich. Das Zwiegespräch dünkte ihr unerträglich.

Der Raum drehte sich im Kreis. Der Knabe hatte das Gesicht eines

Verworfenen; sie selbst erschien sich als das Opfer boshafter und

schmutziger Umtriebe. »Geh,« sagte sie mit mühsamer Gelassenheit, »es

ist spät, ich bin müde.«

Schuldgefühl und Grollgefühl waren in ihr. Lange saß sie allein. Sie

schob den Ring mit dem Smaragd an ihrem Goldfinger hundertmal über die

Gelenke, endlich schmerzte die Haut und ein Blutstropfen quoll neben dem

Knöchel hervor. Während sie darauf niederschaute, wurde er groß und

größer, wie eine Seifenblase, wie eine Schusterkugel, und im hohlen und

durchsichtigen Innern sah sie eine widrige Vision: den Unbekannten, den

Verführer, nackt; neben ihm Dietrich, nackt, und in Umschlingung beide.

Versteinerndes Grauen rann ihren Leib entlang, eilig wischte sie das

Blut mit dem Taschentuch ab. Aber das Bild war ihrem Geiste eingebrannt;

es fruchtete nicht, daß sie es mit Zorn, mit Haß und Häßlichkeit belud,

und wie es aus dem Blut entstiegen war, so blieb es im Blute drinnen.

Ehe sie sich schlafen legte, ging sie durch die Zimmerreihe bis zu

Dietrichs Stube, machte an der Tür Halt, ging wieder weg, kehrte zurück,

drückte die Klinke leise nieder, öffnete und lauschte.

Sie hörte ihn tief und ruhig atmen.

Am nächsten Morgen fuhr sie nach Glarus, denn sich in der Höhe oben zu

sammeln und zu besinnen, war Bedürfnis. Auch hatte sie seit drei Nächten

nicht mehr geschlafen. Als Dietrich zum Frühstückstisch kam, war sie

schon fort, und das Mädchen händigte ihm einen Zettel ein, auf dem sie

ihm in ein paar herzlichen Zeilen mitteilte, daß sie zum Sonntag wieder

zuhause sein würde und ihn anwies, sich für die baldige Übersiedlung

nach Ermatingen vorzubereiten. Einerseits freute sich Dietrich der

Aussicht, andererseits wehrte er sich gegen diesen Willen, der ohne

vorherige Übereinkunft befahl und immer nur befahl.

Der Wendekreis - Zweite Folge : Oberlins drei Stufen, Sturreganz · 第 14 / 51 题