Hochverehrte Frau Ratsherrin, es geschehen in der Schulgemeinde
Hochlinden schlimme Dinge, vor denen Eltern ihre Söhne zu schützen
verpflichtet sind. Wenn in einer Zeit der hemmungslosen gedanklichen
Ausschweifungen in willensschwachen Jünglingsseelen der Keim der
Verführung aufschießt, trifft es nur diejenigen überraschend, die zuvor
die Augen in gutmütiger Blindheit geschlossen hatten. Beifolgender
Zeitungsausschnitt wird Ihnen einen Begriff davon geben, bis zu welch
bedenklichem Grad das Unwesen gediehen ist. Die Öffentlichkeit nimmt
Anstoß, der Stein kommt ins Rollen, man wird sich mit den erzieherischen
Grundsätzen des Doktor von der Leyen an maßgebender Stelle
auseinandersetzen und den Stachel zu entgiften suchen, den er in leider
allzu empfängliche Gemüter zu senken weiß. Wobei ich mir und andern
nicht verhehle, daß man es mit einem Mann von hohen Gaben zu tun hat,
von einer ungemeinen Kraft der Beeinflussung, der aber in der Hoffart
und Rücksichtslosigkeit des entschlossenen Theoretikers keine Grenze
achtet, auch die heiligste nicht, und lieber das ihm anvertraute
Menschengut zugrunde richtet, als von dem einmal beschrittenen Wege
abweicht. Um die gebotene Ehrerbietung nicht zu verletzen, darf ich in
meinen Andeutungen nicht ausführlicher werden; nur so viel will ich
erwähnen, daß ich mit offenem Visier auf den Plan trete, mich der
Verantwortung in keinem Punkt entziehen werde und mich, was den
unzüchtigen Vorfall betrifft, der die letzte Ursache meiner Trennung von
Doktor von der Leyen war, auf das freie Eingeständnis Ihres Sohnes
Dietrich mir gegenüber und vor einem Zeugen berufen kann. Legen Sie es
einem fernstehenden, aber ergebenen Freund nicht zur Last, hochverehrte
Frau, daß er es wagt, Sie mit solchen Widrigkeiten zu belästigen. Seine
Erwägung ist, eher das Odium des Angebers auf sich zu nehmen, als unter
dem Gewissensvorwurf zu leiden, er habe das äußerste nicht getan, um
eine würdige Familie vor Schande zu bewahren und einen jungen Menschen,
der ihm trotz verzeihlicher Charaktermängel wert ist, einer mit jedem
versäumten Tag drohender sich gestaltenden Gefahr zu entreißen. In
besonderer Hochschätzung Alfred Rottmann, Lehrer, zur Zeit Freiburg,
Domgasse 8.