mit welcher sie allen früheren Schmutz verwischt. Daher wissen
Väter und Mütter nichts Besseres zu thun, als ihre Söhne zu
unterweisen, wie sie zu einer reichen Partie gelangen können,
einerlei auf welchem Wege, denn eine reiche Heirath ist die wahre,
bürgerliche Taufe, welche in den Augen der Oeffentlichkeit alle
Sünden abwäscht. Dieselbe öffentliche Meinung hat lange nicht diese
Nachsicht mit den anderen Parvenüs, denen sie ihre Schändlichkeiten,
durch die sie zu Vermögen gelangten, lange nachträgt.«
»Welche Aussicht auf Erfolg für die Ehe hat dagegen ein
Tugendhafter, welcher, gehorsam den bürgerlichen und religiösen
Vorschriften, erklärt, daß er seine Tugend bis zum dreißigsten
Jahre bewahren wolle, um sie seiner künftigen Frau als Geschenk in
die Ehe zu bringen? Der, getreu den Lehren jenes vortrefflichen
Buches, das sich »Einführung in einen gottergebenen Lebenswandel«
betitelt, sich bis zum dreißigsten Jahre enthält »aus dem Becher
der Unzucht den Wein der Prostitution zu Babylon« zu trinken?
Welche Aussicht hat er? Und wenn es ihm einfällt, eine solche
Erklärung abzugeben, welchen Dank findet er bei den Frauen? Mütter
wie Töchter werden dies scherzhaft finden und bei gleichem
Vermögen, gleichem Alter, gleich günstiger äußerer Gestalt werden
Mutter und Töchter einen »geübten« jungen Mann ihm, dem »Tölpel«,
der seine Tugend nach den Vorschriften der Religion und Moral
bewahrte, vorziehen.«
»Bei der Untersuchung über das Wesen der Ehe sind also alle
Vortheile auf Seiten der Intriguanten und Verderbten, woraus zu
schließen, daß dieses Band eine Lockspeise ist, sich persönlich zu
depraviren.«
Dieselbe üble Meinung, die Fourier hier durchschnittlich von den
Männern unter den gegebenen Verhältnissen hat, besitzt er auch von
den Frauen. Von ihnen rühmt er die Leichtigkeit, mit der sie die
Fehler ihrer Ehemänner annähmen, aber nicht ihre Tugenden.
»Verheirathet eine Heilige an einen Spitzbuben und sie wird ihm
bald in der Spitzbüberei nacheifern, seine Komplizin im Hehlen
sein. Besitzt sie einen tugendhaften Mann, weit entfernt, seine
Tugenden zu adoptiren, wird sie dagegen den Eindrücken eines
leichtfertigen Kourmachers zugänglich sein. Eine schöne Eigenschaft
der Ehe, die den Frauen nur die Laster der Männer, nie ihre
Tugenden mittheilt. Da es aber unter den Ehemännern der
Zivilisation 99/100 lasterhafte und nur 1/100 tugendhafte giebt, so
kann man nach diesem Maßstabe die moralische Vollkommenheit
schätzen, welche die Ehe bei den Frauen erzeugt.« ...
»Durchschnittlich betrachten die Männer die Ehe als eine Falle, die
ihnen gestellt wird, und so sind es die Väter selbst, welche ihre
Söhne veranlassen, das eheliche Band von diesem Standpunkt aus
anzusehen. Und warum? Weil sie aus eigener Erfahrung wissen, daß
der Reinfall unreparirbar ist. Und indem sie sich bemühen, ihre
Söhne von dieser Wahrheit zu überzeugen, machen sie dieselben für
den Ehehandel habgierig und verschlagen.«
»So kommt es, daß die »Dreißigjährigen« oder Ehestandskandidaten
sich in Berechnungen erschöpfen, ehe sie zum ersten Schritt sich
entschließen. Nichts spaßhafter, als die Unterweisungen zu hören,
die sie sich gegenseitig geben über die Art und Weise, der
künftigen Gattin das Joch aufzuerlegen und sie günstig für sich
einzunehmen. Nichts merkwürdiger, als diese vertraulichen
Zusammenkünfte (»consiliabules«) der Junggesellen, in welchen an
den zu heirathenden Mädchen die kritische Analyse vorgenommen wird,
und zu beobachten die Fallstricke der Väter, die sich ihrer Töchter
entledigen wollen. Der Schluß aller Debatten ist, daß man auf Geld
sehen müsse, daß, wenn man das Risiko trage, von der Frau betrogen
zu werden, man wenigstens nicht auch mit dem Heirathsgut betrogen
sein wolle. Nehme man einmal eine Frau, so müsse man sich eine
Entschädigung für die Unzuträglichkeiten sichern, die die Ehe mit
sich bringe. Das nennt man nach einem Kunstausdruck »die
Anhaltseile (»les attrapes«) fassen«.
Und wie die Männer räsonniren, so räsonniren ähnlich die Frauen.
Fourier hebt dann die Widersprüche in dem ehelichen Zustande
hervor, daß der Mann, der sonst alle Freiheit für sich beanspruche
und die Frau unterdrücke, im wichtigsten Punkt der Ehe öffentliche
Meinung und Gesetz gegen sich habe, wobei man wohl beachten will,
daß es sich um die Schilderung französischer Zustände handelt,
wonach noch bis in die neueste Zeit das Gesetz die Untersuchung
über die Vaterschaft untersagte. Dieses Gesetz, von der Männerwelt
zu ihrem Schutze entworfen, schlägt in den Fällen, die Fourier hier
im Auge hat, zu ihrem Schaden und ihrer Schande aus.
Er sagt: »Trotz des Unterdrückungssystems, das auf den Frauen
lastet, haben sie das einzige Privilegium, das ihnen verweigert
sein sollte, sich bewahrt, dasjenige, den Mann zu nöthigen, ein
Kind, das nicht das seine ist und auf dessen Angesicht die Natur
selbst den wahren Namen des Vaters geschrieben hat, als das seine
anzunehmen.«
»In dem einzigen Fall, wo die Frau sich mit schwerer Schuld
beladet, genießt sie den Schutz der Gesetze, und in dem einzigen
Fall, wo der Mann auf's Schwerste beschimpft ist, hat er die
öffentliche Meinung und das Gesetz übereinstimmend gegen sich, um
seine Schmach zu verschlimmern.«
Darüber gießt nun Fourier seinen Spott aus: »Oh!« ruft er. »Wie die
Zivilisirten, die so strenge Verfolger der Verletzung der
Keuschheit bei den Frauen sind, und diesen sie aufzwingen, so
gutwillig sich unter das schmachvolle Joch beugen und eine Frucht
offenbaren Ehebruchs bei sich aufnehmen und derselben ihren Namen
und ihr Vermögen gewähren. So sind also die Wünsche der Philosophen
erfüllt: In der Ehe ist es, wo die Männer wahrhaft »eine Familie
von Brüdern« werden, wo die Güter gemeinsam sind und das Kind des
Nachbaren auch das unsere ist. Die Edelmüthigkeit dieser braven
zivilisirten Ehemänner wird der Zukunft noch reichlich Gelegenheit
zu Gelächter geben, und man muß einige dieser ergötzlichen Vorgänge
aufbewahren, um die sonst schale Lektüre der Geschichte der
Zivilisation etwas genießbar zu machen ...«
»Diese sehr weitgehende Duldung der Ehemänner gegen die
schmachvollste Beleidigung und die Geschmeidigkeit der Gesetze über
das Vergehen den Mantel zu decken, steht in Uebereinstimmung mit
anderen Widersprüchen im Liebessystem der Zivilisirten. Die
Verwirrung ist solcher Art, daß man auf der einen Seite eine Kirche
und auf der anderen ein Theater sieht, zwei Anstalten, in welchen
die entgegengesetzten Moralanschauungen vertreten und ein und
denselben Personen gepredigt werden. In der Kirche lehrt man die
Verabscheuung der Galanterien und der Wollust, und im Theater
findet sich dasselbe Auditorium wieder, das man jetzt in die
galanten Schliche und Raffinements aller Sinnenlüste einweiht. Eine
junge Frau, die soeben eine Predigt hörte, in welcher ihr Achtung
vor dem Gemahl und den höheren Gewalten gelehrt wurde, geht eine
Stunde darauf in's Theater, um Unterricht in der Kunst zu
empfangen, wie man den Gatten oder Vormund oder sonst einen Argus
betrügt. Und Gott weiß, welche von den beiden Lehren bei ihr auf
den fruchtbarsten Boden fällt. Diese wenigen Widersprüche genügen,
um den Werth unserer Theorien von der Einheit der Handlung im
sozialen Mechanismus in das rechte Licht zu setzen.«
Fourier ergeht sich nun weiter in Auseinandersetzungen über die
Unnatur unserer sozialen Zustände, welche die Geschlechter mit
ihren Trieben und den bestehenden gesellschaftlichen Anschauungen
und Morallehren in fortgesetzte Widersprüche bringen und
demoralisirend wirken. Wenn unsere gesellschaftlichen Gewohnheiten
vorschreiben, daß der Mann durchschnittlich erst mit dem
dreißigsten, das Mädchen mit dem achtzehnten Jahre heirathe, so
liege auf der Hand, daß der Mann diese zwölf Jahre des Zölibats
benutze, um alle möglichen illegitimen geschlechtlichen
Verbindungen einzugehen. Rechne man auf jedes Jahr nur eine solche
Verbindung, und zwar sechs in Beziehungen zur Prostitution, sechs
im Ehebruch, so gewähre dieses einen traurigen Einblick in die
Moral der Zustände, und man brauche nicht erstaunt zu sein, wenn
junge Männer im mittleren Alter sich rühmten, schon mit mehr als
zwanzig für anständig geltenden Frauen in intimsten Beziehungen
gestanden zu haben.
»Der Zweck der Ehe soll sein, das häusliche Glück auf den guten
Sitten und der Einigkeit der Familie zu gründen und die Wahrheit
zur Geltung kommen zu lassen, denn Arglist und Perfidie müssen
Uneinigkeit und Unordnung erzeugen. Man wird ferner zugeben, daß
die Wahrheit in der Familie nicht herrschen kann, wenn sie nicht
auch in der Liebe vorhanden ist. Sagen doch die Lobredner der
zivilisirten Ehe selbst, »daß das häusliche Glück unzertrennlich
von der Wahrhaftigkeit in der Liebe ist und daß, wenn das
Gleichgewicht in den Beziehungen der Liebe mangelt, auch das
Gegengewicht in den Beziehungen der Familie fehlt. Herrscht die
Unwahrheit in der Liebe, herrscht sie nothwendig in der Familie und
in der Häuslichkeit.« Wie verträgt sich aber das Eheglück mit dem
Bestand der Serails in allen zivilisirten Ländern? Die christlichen
Kolonisten haben diese überall aus Negerinnen gebildet; die
ernsten, so moralisch scheinenden Holländer bilden sie in Batavia
mit Frauen aller Farben. Und wie viele heimliche Häuser giebt es
bei uns, die, äußerlich anständig aussehend, in Wahrheit niedliche
Serails sind, die im Geheimen jedem reichen und angesehenen Manne
offen stehen.«
»Der reiche Zivilisirte hat die volle Freiheit, sich sein Serail zu
bilden, eine intelligente Matrone in sein Landhaus zu setzen, die
ihm Frauen und Mädchen, sogar von hoher Geburt, beschafft. Und
neben diesem fixen oder geschlossenen Serail giebt es das vage oder
freie. Ueber dieses erzählt uns Ritter Joconde auf der Bühne. »Ich
bin nicht auf Treue versessen, ich eile von Liebschaft zu
Liebschaft. Ich liebe nie nur eine Schöne, auch liebe ich sie
selten länger, als einen Tag. Es ist nicht Unbeständigkeit,
vielmehr Klugheit, denn auf die Frauen, ich kenne ihren Leichtsinn,
darf man sich nicht verlassen, und so verlasse ich sie, um nicht
verlassen zu werden.« So stellt sich das Leben dar, das unsere
meisten reichen jungen Männer, die vom Glück begünstigt sind,
führen. Und dieser Joconde wird auf der Bühne von Frauen und
Männern beklatscht, wenn er solche Sitten rühmt. Man antwortet:
Aber wer applaudirt? Es sind die Schwelger, welche diese
Schauspiele besuchen. Darauf antworte ich: wenn Viele diese Sitten
nicht nachahmen, geschieht es, weil sie es nicht können. Die Einen
hält die Furcht vor Krankheiten, die Anderen das Interesse, der
Korpsgeist, die öffentliche Würde, der Mangel an Mitteln zurück.
Man lasse einmal Jedem die Zügel schießen, überlasse ihn der
gesunden Natur und man wird sehen, daß die größte Zahl sich beeilt,
das Beispiel von Salomo und Ritter Joconde nachzuahmen. Jeder junge
mit Mitteln ausgestattete oder von der Natur ein wenig begünstigte
Stadtbewohner besucht dieses freie Serail, ohne wie die Barbaren
(die in der Polygamie leben) auch für die Kosten der Unterhaltung
sorgen zu müssen, es giebt sogar eine gute Zahl dieser Herrchen,
welche die Frauen plündern und arm essen.«
»Und ferner: Wie viele Frauen von hoher Stellung sind zu dieser Art
Korruption geneigt! Es giebt Schriftsteller, die solchen Frauen ein
Recht dazu zusprechen. Warum auch nicht? Doch schweigen wir, wenn
wir von der guten Gesellschaft sprechen. Im Volke ist die
Käuflichkeit der Liebe kein Geheimniß, man kennt die Tarife, wie
die Preiskourante an der Börse. Man braucht darüber nicht erstaunt
zu sein, wenn Walpole sogar öffentlich erklären konnte, er habe in
seinem Portefeuille den Preiskourant für die Biederkeit des
englischen Parlaments.[19] Wie muß unter solchen Sitten das
häusliche Glück beschaffen sein, das auf die eheliche Treue und die
Wahrhaftigkeit in den gegenseitigen Beziehungen begründet sein
soll?«
[Fußnote 19: Robert Walpole, berühmter englischer Staatsmann, von
1721-1742 Kanzler der Schatzkammer.]
»Und nun die geheimen Liebschaften. Diese bilden ein sehr
umfängliches Kapitel, das für Paris allein sechs dicke Bände füllen
würde. Alle diese Schliche sind nur Verletzungen der bürgerlichen,
religiösen und Moralgesetze. Welche Auflehnung, welche Rebellion in
dieser galanten Welt gegen Alles, was die Gesellschaft für
unverletzbar erklärt. Wie kann man beim Anblick von so viel offenen
und geheimen Verletzungen aller festgestellten Ordnung zögern,
anzuerkennen, daß entweder das Regime der Liebe bei uns im
Widerspruch mit der Wahrheit und der Moral organisirt ist, oder daß
ein solcher Zustand unverträglich ist mit der Zivilisation, daß die
Zivilisation der Antipode der Moral und der Wahrheit.«
»In den niederen Klassen herrscht vollkommene Emanzipation, dort
existirt die freie Liebe offen. Und diese Klasse, die so offen die
religiösen und die Moralgesetze verletzt, umfaßt die Hälfte der
weiblichen Bevölkerung unserer großen Städte. Ich will nicht unsere
Zofen und Zimmermädchen zitiren, die im Rufe stehen, keine Kenntniß
von den Gesetzen der Enthaltsamkeit zu besitzen, wenigstens handeln
sie, als hätten sie nie davon sprechen hören. Und wie in der
kleinen, so ist es in der großen Welt. Bei den Leuten »comme il
faut« hat der Ehemann seine bekannten Maitressen und die Dame vom
Hause ihre anerkannten Liebhaber. Das gehört zur Harmonie der
Haushaltung und das heißt man: »man muß zu leben wissen« (»il faut
savoir vivre«). Manchmal entsteht allerdings eine kleine
Unzuträglichkeit daraus; man weiß nicht, von welchem Vater die
Kinder sind. Doch zum Glück verbietet das Gesetz, nach der
Vaterschaft zu forschen. Schlimmsten Falles erklärt der Hausarzt
bei dem Fehlen jeder Aehnlichkeit, wodurch der Ursprung des Kindes
verdächtig werden kann, daß die Frau während ihrer Schwangerschaft
von dem Anblick irgend einer fremden Physiognomie betroffen worden
sei. Schließlich hat auch der arme Ehemann schlechten Dank, wenn er
gegen den Wortlaut des Gesetzes und die Zeugenschaft des Arztes
aufkommen will. Das Eine ist so unfehlbar wie das Andere. Auch
gehört es in der guten Gesellschaft zum guten Ton, nicht
eifersüchtig zu sein. Man hat meist geheirathet eines guten
Heirathsgutes oder sonst eines Vortheils wegen, und man wurde darin
vielleicht nicht getäuscht, also muß man in anderer Beziehung
nachsichtig sein, und schließlich heißt es: »was Dir recht ist, ist
mir billig.«
»So giebt es in der Welt der Zivilisirten nur Lacher und Betrogene.
Die Moral und die Ehe werden benutzt, um die Orgie zu maskiren, und
Alle erreichen ihren Zweck. Unsere Kritik erscheint abgedroschen,
doch für die Partisane des Zwangs war eine Antwort am Platze, man
muß sie in Verwirrung setzen, indem man ihnen die Früchte ihres
Systems vor Augen hält.«
»Aber diese Engherzigkeit und Unwahrheit des Familienbandes hat
auch nach anderer Seite für die Entwicklung der Gesellschaft ihr
Schlimmes. Nichts ist in unserem sozialen Leben von Dauer. Der
zufällige Tod des Familienhauptes kann alle seine Unternehmungen in
Frage stellen. Die Theilung der Erbschaft, der Umstand, daß den
Söhnen die Eigenschaften des Vaters und seine Kenntnisse fehlen,
wie zwanzig andere Ursachen, können das ganze Werk des Vaters
stürzen. Seine Pflanzungen werden zerstückelt, an Andere
überlassen, oder sie verfallen; seine Werkstätten gerathen in
Unordnung, seine Bibliothek kommt in die Hände des Büchertrödlers,
seine Gemälde in die des Händlers. Genau das Gegentheil hat in der
Phalanx statt. Alles wird erhalten und vervollkommnet, der Tod
eines Individuums beunruhigt in nichts die industriellen
Dispositionen und das Gemeinwesen.«
»Ferner: Ein Industrieller wünscht sich einen Sohn, der ihn ersetzt
und seine Arbeiten weiter führt, aber das Schicksal giebt ihm nur
Töchter; sein Name erlischt. Er fände wohl geeignete Fortsetzer,
aber in Klassen, die durch Vermögen und Lebensstellung ihm nicht
zusagen. Ein ander Mal verweigern die Kinder ihm zu folgen, oder
sie sind gänzlich unfähig. Oft ist es wieder der überreiche
Kindersegen, der Erziehungsausgaben verursacht, welche die
Unternehmungen des Vaters schädigen; seine undankbare Arbeit genügt
kaum, die Kinder zu erziehen und ihnen eine Existenz zu gründen,
und zum Dank für so viel Anstrengungen merkt er, daß dieses oder
jenes seiner Kinder ihm den Tod wünscht, aus Ungeduld, in den
Besitz der Erbschaft zu kommen. Oefter treten andere eheliche und
häusliche Unannehmlichkeiten ein, deren Zahl eine sehr große ist.
Ein Geschäftsmann wird entmuthigt durch ungehöriges Betragen seiner
Frau oder seiner Kinder, durch Geldschneidereien von am Geschäft
Betheiligten, durch Verleumdungen und Prozesse seiner Neider, durch
den Verlust eines Kindes, auf dem seine ganze Hoffnung ruhte. Nicht
selten sieht man Eltern über den Verlust eines Lieblingskindes dem
Tiefsinn verfallen; sie haben kein Gegengewicht gegen solch ein
Unglück, noch gegen andere, die sie treffen. Solch ein
Familienleben ist ein stetes Straucheln, eine Pandorabüchse. Wie
kann man annehmen, daß Gott die Industrie und die menschliche
Thätigkeit auf einen so kritischen Boden für die, welche die Leiter
sind, und noch viel mehr für Diejenigen, welche die Untergebenen
sind und ausführen, hat gründen wollen?«
»Weder die Politik noch die Moral wissen die industrielle Anziehung
zu schaffen, sie nehmen nur die Arglist zu Hülfe; sie rühmen die
Freuden der Ehe, wenn auch ohne Vermögen, und bauen ihr ganzes
soziales System darauf, den Armen zur Ehe zu bringen, damit er
unter der Last der Kinderzahl, um die Hungernden zu nähren, zu
fleißiger Arbeit gezwungen werde. So kommt es, daß sieben Achtel
dieser Väter rufen: »Oh! in welche Galeere bin ich gerathen.« Es
war der geheime Zweck der Moralisten, mit ihrem Lob von der süßen
Ehe diese Falle zu legen; damit erreichen sie, daß sie einen
Ueberfluß an Rekruten für die Armee und an hungernden Arbeitern für
die Fabriken haben, die um niedrigen Preis arbeiten, damit die
Unternehmer sich bereichern können.«
»Die weitere Folge dieses ganzen Systems ist der Widerwille gegen
die Arbeit, der schon beim Kinde stark ausgeprägt ist; es arbeitet
nur aus Furcht vor Züchtigung. Aber die Unordnung steigert sich in
dem Maße, wie es zur Reife kommt. Die Liebe stellt sich ein und
vermehrt den Widerwillen gegen die Zwangsarbeit und verleitet zu
Ausgaben für Beziehungen, die den Wünschen des Vaters wie der
Harmonie der Familie sehr entgegen sind. Man sollte meinen, das
Aufbrechen der Liebe müßte, als eines neuen Hülfsmittels, den
industriellen Mechanismus verbessern, denn wo ein neuer Faktor
auftritt, sollte er das Spiel der Kräfte vervollkommnen. Das
geschieht im sozietären Zustand, aber nicht in der Zivilisation. In
der Harmonie wird die Liebe die industrielle Anziehung verstärken,
durch sie wird der Jüngling wie die Jungfrau für die Vereinigungen
der beiden Geschlechter in den Ateliers, den Gärten, den
Wirthschaftsanlagen, an der Tafel immer neue Anreize finden. Die
Wirkung in der Zivilisation ist die entgegengesetzte, sie erzeugt
Beunruhigung der Eltern, nöthigt zu fortgesetzter Ueberwachung,
verursacht Ausgaben für Putz und Geschenke und führt nicht selten
zu Schulden und anderen Ausschweifungen der Jugend. So wird die Ehe
für die Väter zu einem Pfad von Schwierigkeiten aller Art, mit
wenig Ausnahmen für die Reichen, und die Erwachsenen werden durch
die Liebe nur verdorben.«
»Ein anderes großes Uebel in der Familiengruppe ist, daß sie keine
Freiheit gestattet. Man kann nach freiem Willen Freunde,
Maitressen, Assoziés wechseln, aber man kann nichts an den Banden
des Blutes ändern. Das ist ein Uebel, das man noch nicht wahrnahm
und das so schwer ist, daß die Harmonie ihm viele es aufhebende
Gegengewichte gegenüberstellen muß, unter Anderem die industrielle
Adoption (wovon bereits gesprochen wurde) und die Theilnahme an der
Erbschaft. Das Uebel herrscht, und seit lange, aber seine
Herrschaft ist in unseren Tagen stetig gewachsen und zwar durch den
Sieg des Handelsgeistes, der die Zivilisirten immer mehr erniedrigt
und sie lügnerischer macht, als sie ursprünglich waren. Die
Sophisten stellen die Frage: ob der Mensch von Natur lasterhaft sei
und die meisten bejahen dies; man schließt also wie die
mahommedanischen Fatalisten, welche die Pest für ein unumgängliches
Uebel erklären, weil sie sich scheuen, Schutzmaßregeln gegen sie zu
ergreifen. Unsere Philosophen ziehen dieselbe Straße; um sich davon
zu befreien, ein Heilmittel zu suchen, erklären sie das Uebel als
unabwendbare Bestimmung. Man muß nur die Schöngeister in irgend
eine Angelegenheit sich mischen lassen und man kann sicher sein,
daß sie dieselbe in Unordnung bringen.«
»In allen übrigen Vereinigungen verlangt der Mensch Freiheit der
Bewegung und sucht die möglichste Ausdehnung seiner Verbindungen.
Unsere Philosophen selbst predigen, daß man die philanthropische
Freundschaft auf die ganze Menschheit ausdehnen und Alle als Brüder
betrachten müsse, der Ehrgeiz solle uns treiben, uns mit den
Freunden des Handels auf dem ganzen Erdboden zu verbinden, aber in
Sachen der Liebe und des Familienbandes zwingt man uns in den
möglichst kleinsten Kreis. Man überlasse die Liebe ihrem
natürlichen Hang und überlasse ihr selbst, sich ihre Grenzen zu
ziehen. Man wird sehen, daß ein Mann bald mit einer gleichen Zahl
von Frauen wird zu thun gehabt haben, wie der weise Salomo, und daß
die Frau ihrerseits es auch nicht an der Auswahl der Männer wird
haben fehlen lassen. Diese Vielheit in der Liebe ist so natürlich,
daß selbst ein altersschwacher Sultan sich nie auf eine einzige
Frau beschränken läßt. In einem zukünftigen Zeitalter wird man
diese Freiheit der Liebeswahl ganz natürlich finden, und ein Greis
wird direkte und indirekte Nachkommen, Adoptivkinder und Erben in
die hunderte haben. Dann wird das goldene Zeitalter der Vaterschaft
angebrochen sein und wird die Freuden genießen, die sie im
gegenwärtigen Zustand vergeblich sucht. Die Adoptionen und die
Legate werden in der Harmonie so zahlreich sein, wie sie in der
Zivilisation unmöglich sind; man wird die Fortsetzer
(»continuateurs«) aus Passion haben, die Mangels an eigenen, von
gleichen Trieben beseelten Kindern, das Begonnene weiter führen.
Außerdem, welcher Egoismus, welche Eifersucht herrscht in unseren
Familien, die nicht leiden, daß ein Außenstehender sich in die
Neigungen des Vaters theilt: gezwungen sich an die eigenen Kinder
zu halten, begegnet er nur zu oft in seinen Plänen und
Unternehmungen den Antipathien derselben, muß er in ihnen die
Zerstörer seines Werkes sehen. Es kann also kein Zweifel sein, daß
das Familienband die antiökonomischste Verbindung ist und den
Wünschen Gottes, welcher der höchste Oekonom ist, und mit
Aufwendung der geringsten Mittel das Vollkommenste zu erreichen
strebt, auf's Direkteste entgegensteht.«
* * * * *
Fourier erläutert jetzt die Art der Vertheilung der materiellen
Genüsse in der Phalanx. Die Uebereinstimmung in der Vertheilung sei
garantirt, wenn man zwei bestimmte Mittel, die mehr als genügten,
in Anwendung bringe: Das erste sei die Gierigkeit, die bei den
Menschen nie fehlen werde. Finde man ein Mittel, die Gier des
Einzelnen in ein Pfand billiger Vertheilung umzuwandeln, so werde
die Herrschaft der Gerechtigkeit schon gesichert. Das zweite
Mittel, um das Gleichgewicht der Vertheilung herbeizuführen, sei
die Generosität. Diese halte man wohl für unmöglich, sie sei aber
durchzuführen.
Jeder, der sich mit Anderen geschäftlich verbinde, wolle daraus
Vortheil ziehen. Trete ein solcher nicht ein, löse die Verbindung
sich auf. Diese Gefahr sei in der Phalanx nicht vorhanden, da die
Vortheile für das Wachsthum des Einkommens kolossale seien und
dieses im Vergleich zu heute sich wenigstens verdreißig- und
vervierzigfache. Zwei Beispiele möchten dies beweisen. Eine
Familie, die in Paris 60.000 Franken jährlich ausgebe und dafür
Pferde, Wappen, Diener und Wohnung in der Stadt und auf dem Lande
unterhalte, könne in der Phalanx mit 6000 Franken dasselbe haben.
Dieser zehnfache Vortheil werde ein zwanzigfacher, wenn man erwäge,
welch große Auswahl in Bezug auf Wagen aller Art man in der Phalanx
habe, daß man von den Streitereien mit Händlern und Kaufleuten, von
den Ausgaben für Lakaien und von ihren Diebereien und Betrügereien,
von der Spionage und anderen Widerlichkeiten, welche das Gesinde zu
einer Geißel der Großen machten, befreit sei. Man solle ferner an
die Verbesserung der Straßen und Wege denken, deren Zustand heute
auf dem Lande den Aufenthalt verbittere und sie einen großen Theil
des Jahres fast unpassirbar mache. Das Gegentheil in der Phalanx,
wo alle Straßen und Wege mit Trottoirs für Equipagen und leichte
Wagen, für Fußgänger wie für Pferde und Zebras versehen, die Wege
schattig und mit Fußsteigen, die man nach Bedürfniß besprenge,
ausgestattet seien. Dazu kämen die Annehmlichkeiten der überdeckten
Verbindungen zwischen den Wohnungen, Ateliers, Werkstätten,
Stallungen; für Kirche, Theater, Ballsäle u.s.w., und daß alle
diese verdeckten Passagen im Winter erwärmt seien, so daß man kaum
wissen werde, ob es draußen warm oder kalt sei. Es seien dies alles
Erleichterungen und Annehmlichkeiten, wie sie in der Zivilisation
selbst ein König sich nicht verschaffen könne. Das Wohlsein werde
sich also in der Phalanx in das unzählbar Vielfache steigern.
Dasselbe sei mit den Mahlzeiten der Fall. Die Raffinements, die aus
der stetigen Verbesserung der Materialien in Garten, Feld, Stallung
und Keller hervorgingen, in der Küche durch die verbesserten
Methoden der Fertigstellung sich steigerten, könne kein Einzelner,
und sei er der Reichste, herbei- und durchführen. Und an alledem
nähme der Aermste in der Phalanx Theil.
Fourier, der offenbar in den Dingen der Küche und was damit
zusammenhängt genaue Spezialstudien gemacht hat, führt dies im
Detail sehr anziehend und Lust erweckend aus; so wird es nach ihm
eine Kleinigkeit sein, daß man auf jeder Tafel bei jeder Mahlzeit
wenigstens dreierlei Arten Käse, jeden wieder in verschiedenen
Qualitäten, zum Nachtisch haben kann, so daß eine zwölffache
Auswahl gewöhnlich sei. Fleisch, Geflügel, Wild, Fische, Gemüse,
Kompots, Eier- und Mehlspeisen würden in einer Vielseitigkeit der
Herstellung und in einem Raffinement geliefert, von dem gegenwärtig
kaum Jemand eine Vorstellung habe. Die Tafel der Reichen in der
Phalanx sei täglich bei einer Mahlzeit mit mindestens dreißig
Gerichten bedeckt, und selbst die Armen dürften, wenn erst die
Phalanx in vollem Gange sei, auf mindestens zehn Gerichte zum
Mittagtisch rechnen. Es kann, ihm zufolge, daher auch gar nicht
fehlen, daß selbst die Könige, nachdem sie die Phalanx besucht und
sich von ihrer Opulenz nach allen Richtungen durch den Augenschein
überzeugt haben, sich beeilen werden, die Gründung der Phalanxen
nicht nur zu unterstützen, sondern selbst mit ihrem Hofstaat in
eine solche einzutreten.
Die Phalanx verbindet also, nach F. Ansicht, die sensuellen
Vergnügungen mit der Abwesenheit aller materiellen Sorgen, die
heute Vätern und Müttern so viel Kopfschmerzen verursachen. Sie
findet rasch die Zustimmung der Väter, die von den Kosten der
Haushaltung, der Erziehung und der Ausstattung der Kinder befreit
sind; sie findet die Zustimmung der Frauen, welche alle der vielen
Widerwärtigkeiten der Haushaltung, wo die Mittel fehlen, los und
ledig sind; sie findet die Zustimmung der Kinder, denen nur
anziehende Beschäftigungen, Vergnügungen und die besten Mahlzeiten
in Aussicht stehen; und sie findet endlich auch die Zustimmung der
Reichen, die erhebliches Wachsthum ihres Vermögens und das
Verschwinden aller Risikos und die Beseitigung des Aergernisses,
von dem, wie Fourier behauptet, sie stets umgeben sein sollen, zu
erwarten haben. Der Arme kann natürlich gar nichts Besseres thun,
als sofort mit beiden Händen zugreifen, denn er hat Nichts zu
verlieren, aber Alles zu gewinnen. So werden die Serien, die
Gruppen, die Individuen in der Phalanx alle in den edelmüthigsten
Entschlüssen übereinstimmen und werden selbst zu materiellen Opfern
entschlossen sein, die aber nicht einmal nöthig sind. Bei dem
Gedanken, wieder in die Zivilisation zurückzufallen, wird Jeder
erschreckt sein, wie bei dem Gedanken, in die Arme des Teufels zu
stürzen; Jeder würde bereit sein, lieber sein halbes Vermögen zu
opfern. So wird sich die Uebereinstimmung und die Aufrechterhaltung
der Einheitlichkeit in allen materiellen Dingen auf die höchste
Stufe erheben.
Wie nach Fourier in der Phalanx sich die materiellen Interessen zur
größten Zufriedenheit Aller ausgleichen, so wird auch die
Vermischung und aus Zuneigung entstehende Uebereinstimmung der drei
Klassen sich vollziehen. »Die reiche Klasse muß nur gewahr werden,
daß man sich ihr seitens der anderen Klassen höflich und ohne
persönliches Interesse und ohne Gefahr der Hintergehung nähert, und
sie wird bereitwilligst der Phalanx ihre Kräfte und ihr Vermögen
leihen. Damon, der ein großer Blumenfreund ist und in Paris wohnt,
macht jährlich bedeutende Ausgaben für seine Blumenbouquets, aber
er wird übel berathen und betrogen durch die Verkäufer, bestohlen
durch Gärtner und Diener. Dadurch wird ihm die Blumenzucht
verleidet und er entschließt sich, die Kultur derselben aufzugeben,
so sehr er sie liebt. Darauf besucht Damon die Versuchsphalanx, wo
er sieht, daß die Blumenzucht eifrig gepflegt wird und er
Unterstützung an Anderen findet, die gleich ihm dafür begeistert
sind. Statt Mißtrauen zu begegnen, sieht er, daß man seinen
Wünschen und Rathschlägen, als von einem Sachkenner kommend,
bereitwillig Folge leistet und alle Arbeiten ausführt. Ihn trennt
keine Verschiedenheit der Interessen von den Mitwirkenden, denn
alle Kosten trägt die Phalanx; er sieht sich geachtet und geliebt,
weil man seine Kenntnisse schätzt und ihn als eine Stütze der Serie
betrachtet. Namentlich sind es die Kinder, die sich um ihn drängen
und bei dem drohenden starken Regen Schutzzelte über die Beete
spannen. Er fühlt sich unter diesen Blumenfreunden wie in einer
zweiten Familie und entschließt sich zu mehreren Adoptionen. Da ist
Aminte, ein Mädchen ohne Vermögen, aber eine der geschicktesten
Seriesten, die für Damon begeistert ist; sie sieht in ihm, dem
Sechzigjährigen, die Stütze der ihr theuren Kultur; sie will sich
ihm erkenntlich zeigen, und da sie auch ein Mitglied einer Gruppe
der Zimmerordnerinnen ist, übernimmt sie die Sorge für Damon's
Zimmer und Garderobe. Sie dient Damon nicht aus materiellem
Interesse, denn er bezahlt sie nicht, und dies wäre überhaupt
unzulässig, sondern aus Dankbarkeit für seinen Eifer für die Kultur
der Blumen. Damon hat also doppelte Freude, er hat in Aminte eine
eifrige und gelehrige Schülerin und eine aufmerksame Gouvernante,
und zum Dank adoptirt er sie. Bei dieser industriellen Kooperation
war also die Freundschaft im Spiel, ein Trieb, der namentlich bei
den Kindern einen schönen Aufschwung nimmt, weil ihm weder durch
Liebe, noch durch Gewinnsucht, noch durch Familieninteresse
entgegengearbeitet wird.«
»Im Jugendalter ist's hauptsächlich die Liebe, welche den
Rangunterschied verwischt und selbst einen Monarchen auf die Stufe
einer Schäferin, die ihn gefangen genommen hat, stellt. Wir haben
also Keime zur Ausgleichung von Rang- und Standesunterschieden
selbst in der Zivilisation, aber sie kommen nicht zum Ausbruch.
Auch sehen wir, daß in Sachen des Ehrgeizes der Höhere den Niederen
unter Umständen nicht verschmäht. Zum Beispiel in Partei- und
Wahlkämpfen. Es sind nicht blos die Scipione und Catone, die, um
seine Stimme zu erhalten, dem Landbebauer die Hand drücken. Aber
hier wirkt nur die Sucht nach persönlichem Gewinn und Befriedigung
persönlichen Ehrgeizes. Vollziehen also diese niederen Mittel schon
die Annäherung verschiedener Klassen, dann ist dies viel leichter
durch edle Mittel, durch Bande freiwilliger Zuneigung, wie das
Beispiel zwischen Damon und Aminte zeigt.«
»Nun kann Damon, bei zwanzig verschiedenen Thätigkeiten
beschäftigt, überall ähnliche Bande knüpfen. Alle Serien und
Gruppen bestehen aus Gleichstrebenden, und da Jeder bei einer
speziellen Arbeit in einer Branche in Uebung ist und er darin
leicht sich auszeichnen kann, wird es ihm an Anerkennung der
Genossen nicht fehlen. Der Reiche genießt aber doppelte
Anerkennung, einmal wegen der Geschicklichkeit, durch die er sich
in irgend welchen Arbeiten auszeichnen kann, dann durch die
Munifizenz, die er den von ihm gewählten Industrien erweist. So
macht Damon Ausgaben für sehr werthvolle Pflanzen, die auf Kosten
der Phalanx anzuschaffen die Regentschaft sich weigert. Für diese
Dienste wird Damon seitens der Serie zum Chef der Zurüstungen
gewählt; so wird ihm sein Geschenk mit doppelter Zuneigung
vergolten; seine intelligenten und eifrigen Genossen erweisen sich
ihm dankbar und ihre Freundschaft und sein Ansehen steigt bei ihnen
und den rivalisirenden Nachbarn. Der Reiche kann also sich mit
vollem Vertrauen der Phalanx überlassen, er hat keine Falle zu
fürchten, kein ungehöriges Verlangen wird ihn beunruhigen. Kein
Zweifel, daß in der Harmonie die Ungleichheiten sich leicht
verbinden. Lustigkeit, Wohlbefinden, Höflichkeit und
Rechtschaffenheit der niederen Klassen werden den Reichen zum
Eintritt in die Vereinigungen verführen, dazu kommen die
prunkvollen Zurüstungen für die Arbeiten der Phalanx und die
Einigkeit der Sozietäre. Die Aermeren wieder werden auf ihre neue
Lage und die hohe Bestimmung ihrer Phalanx stolz sein und werden
Alles aufbieten, der neuen Stellung würdig zu erscheinen. Unter
solchen Verhältnissen werden Alle bemüht sein, die gerechte
Vertheilung des Einkommens der Phalanx, wovon die Aufrechterhaltung
der sozietären Ordnung abhängt, zu erleichtern. Man frage wohl, wie
könne die Habsucht, die Liebe zum Gelde, die in der Phalanx
fortbestehen solle, eine gerechte Vertheilung ermöglichen? aber man
werde sehen, daß in den Serien der Triebe gerade die Liebe zum
Gelde der Weg zur Tugend und zur Gerechtigkeit sei, so sehr die
Moralisten die Liebe zum Gelde verurtheilten.«
Fourier explizirt dieses also: Nichts sei leichter in einem
Unternehmen, als die Vertheilung des Ertrages nach dem Maßstab des
eingeschossenen Kapitals, das sei eine Jedermann wohlbekannte, rein
arithmetische Aufgabe; aber auch Arbeit und Talent gerecht zu
honoriren und zufrieden zu stellen, das sei eine Kunst, welche die
Zivilisirten nicht verständen, und so beklagten sie sich beständig
über Ungerechtigkeit und Uebelwollen. Wolle die Phalanx freilich
jedem Einzelnen, entsprechend seiner Theilarbeit, in vielleicht
dreißig oder mehr Serien und hundert Gruppen seinen Antheil
überweisen, so würde dies eine außerordentlich umständliche und
schwer zu lösende Aufgabe sein. Der Mechanismus der Vertheilung sei
nicht auf die Individuen, sondern auf die Serien berechnet, und
diese werden nicht nach ihrer speziellen Leistung, sondern nach
ihrer Bedeutung für die Phalanx in Betracht gezogen. Die Serien
gelten als die einzelnen Assoziés, und kraft des Rangs, den sie in
dem Tableau der Arbeiten einnehmen, wird die Dividende nach drei
Klassen vertheilt: 1. nach der Nothwendigkeit, 2. der Nützlichkeit
und 3. der Annehmlichkeit der Arbeit. Wird z.B. die Serie des
Wiesenbaues als solche von hoher Wichtigkeit anerkannt, so erhält
sie ein Loos erster Ordnung in der Klasse, in der sie figurirt. Die
Erzeugung von Körnerfrüchten ist Arbeit erster Nothwendigkeit, aber
die Serien darin bilden selbst wieder fünf Ordnungen, und so ist
wahrscheinlich, daß die Erzeugung von Korn, Weizen, Mais etc. auf
der Stufenleiter der Nothwendigkeiten erst in dritter Ordnung
kommen.
»Die höchste Dividende fällt den unangenehmsten Arbeiten zu und
diese erhalten in der Phalanx die kleinen Horden; darauf kommt die
Fleischerei in Rücksicht auf die damit verbundenen widerlichen und
übelriechenden Arbeiten. Die Pflege und Ernährung der Säuglinge und
Kinder in den niedersten Lebensaltern wird für eine schwerere
Arbeit anerkannt als die eigentliche Feldarbeit. Mediziner,
Chirurgen und die groben Handarbeiter rangiren in der ersten
Ordnung der Nothwendigkeit, werden also wie die Arbeit der kleinen
Horden am höchsten belohnt. Die Arbeit wird nicht nach dem Werth
bemessen, sondern nach dem Maß der Anziehung, das sie ausübt, je
höher die Anziehung, also auch die Annehmlichkeit, je geringer die
Belohnung.«
»Fragt man den Zivilisirten, was nach seiner Meinung die höhere
Belohnung verdiene, ob die Serien der Obstzüchter oder die der
Blumenzüchter, so wird er antworten: die ersteren, und zwar hätten
diese in der Klasse der Nützlichkeiten, die Blumenzüchter in der
Klasse der Annehmlichkeiten zu rangiren. Aber das ist ein ganz
falscher Schluß. Obgleich die Obstbaum- und Früchtezucht sehr
produktiv ist, rangirt sie in der Harmonie in die Klasse der
Annehmlichkeiten, weil sie außerordentlich anziehend ist. Die
Obstbaumzucht ist in der Harmonie eine der reizvollsten Erholungen.
Jeder Obstgarten ist mit Blumenaltären besäet, die von Zierstauden
umgeben sind; hier werden die Ruhepausen abgehalten, hier
vereinigen sich die Geschlechter, und so bietet diese Kultur neben
der Geflügelzucht die meiste Anziehung. Dadurch wird die Obstzucht
in die dritte Klasse, in die der Annehmlichkeiten gereiht, und
empfängt die niederste Belohnung. Was die Blumenzucht betrifft, die
im Allgemeinen in der Zivilisation nicht sehr geschätzt wird und
kaum die Kosten deckt, so erwecken zwar ihre Produkte Liebreiz,
aber die Arbeit erfordert große Pünktlichkeit, erhebliche
Kenntnisse und viele Sorgfalt und das Vergnügen ist von kurzer
Dauer. Aber diese Kultur ist, sowohl um die Kinder zu bilden, als
um die Frauen für das Erforderniß der Kultur und das Studium
agronomischer Verfeinerungen zu gewinnen, sehr werthvoll. Auch
eignen sich die Arbeiten der Obstzucht nicht immer für die Kinder,
wofür hingegen die Pflege der verschiedenen Blumensorten sehr
geeignet ist. Aus diesen Gründen werden die Serien der
Blumenzüchter in die zweite Klasse, die der Nützlichkeiten,
versetzt werden.«
»Wird also die Obstbaumzucht, die noch besonders werthvoll dadurch
wird, daß ihre Produkte, sei es in Natur, sei es als Kompot,
Marmelade u.s.w. für die Ernährung und Verfeinerung der Lebensweise
die wichtigsten Dienste leisten, in die dritte Klasse, des
Angenehmen, versetzt, so gelangt die Oper, die wir für rein
überflüssig anzusehen geneigt sind, in die zweite Ordnung der
ersten Klasse, die der Nothwendigkeiten. Man wird freilich sagen,
Müller und Bäcker sind nützlicher, aber das kann nur von einem
Gesellschaftszustand gelten, der die industrielle Anziehung nicht
kennt. Von letzterem Standpunkt aus ist aber die Oper für die
Harmonie sehr werthvoll, weil sie für die Kinder das mächtigste
Hülfsmittel ist, sie zur Gewandtheit und zur Einheitlichkeit der
industriellen Thätigkeiten zu erziehen. Von diesem Standpunkt aus
gehört sie in die erste Klasse, die der Nothwendigkeiten, soweit
hingegen sie den Erwachsenen als Mittel zum Vergnügen dient,
rangirt sie in die dritte Klasse, die der Annehmlichkeiten.«
»Maßstab der Vertheilung für die Arbeit ist also: 1. die direkte
Wirkung, die sie für die Bande der Einheitlichkeit der Phalanx im
Spiel des sozialen Mechanismus besitzt; 2. der Werth, den sie hat
für die Beseitigung widriger Hindernisse und 3. im umgekehrten
Verhältnisse steht zu der Stärke der Anziehung, die sie erweckt.
Unter den ersten Fall sind, wie schon bemerkt, die Beschäftigung
der kleinen Horden, unter den dritten die Oper für die Erwachsenen,
unter den zweiten unter Anderem die Beschäftigung in den Minen und
Bergwerken zu zählen.«
»In dieser Art gruppiren sich die verschiedenen Thätigkeiten, deren
Klassifizirung und Ordnung die Mitglieder der Phalanx selbst
bestimmen. Die Verständigung ist um so leichter, da jedes Mitglied
in einer ganzen Menge von Serien und in einer noch größeren Zahl
von Gruppen beschäftigt ist. Die Gunst, die ein Mitglied einer
Serie oder Gruppe in der Zubilligung der Dividende erwürbe, würde
es in den anderen Gruppen und Serien schädigen; sein eigenes
Interesse zwingt es also zur größten Objektivität; auch ist es
interessirt, daß die Harmonie nicht gestört wird, weil diese
Schädigung des Ganzen unfehlbar den größten Schaden für es selbst
brächte. Von diesen Gesichtspunkten aus vertheilt sich auch das
Einkommen auf Kapital, Arbeit und Talent.«
»Alippus ist ein reicher Aktionär, der bis dahin in der
Zivilisation für die Ausleihung seines Kapitals auf Güter 3-4
Prozent erhalten hat. In der Phalanx hat er Aussicht, 12-15
Prozent zu bekommen. Er ist sehr für gerechte Vertheilung des
Ertrages, doch drängt ihn seine Habsucht, als Kapitalist die Hälfte
der Dividende in Anspruch zu nehmen. Er muß sich aber sagen, daß
dann die beiden anderen zahlreichen Klassen, die Arbeit und Talent
aufwandten, sehr unzufrieden sein werden und wahrscheinlich binnen
wenig Jahren die Phalanx sich auflöse und dies sein größter Schade
sei. Diese Einsicht veranlaßt ihn, sich in seinem eigenen Interesse
mit weniger zu begnügen und eine Theilung zu akzeptiren, die dem
Kapital 4/12, der Arbeit 5/12 und dem Talent 3/12 zuweist. Er hat
nach diesem Maßstab noch drei- bis viermal mehr Einkommen, als die
Zivilisation ihm gewährte, er lebt viel billiger in der Phalanx,
als in der Zivilisation, und er sieht außerdem die beiden anderen
Klassen befriedigt und dies sichert den Bestand der Gesellschaft.
Was ihn außerdem bestimmt, sich zufrieden zu geben, ist, daß er
gleichzeitig als Mitglied einer Anzahl Serien, in denen er viel
Vergnügen genoß, freundschaftliche und Liebesbeziehungen anknüpfte,
seinen Antheil als Thätiger und, soweit er darin durch Talent sich
auszeichnete, auch dafür seinen Antheil erhält. Seine Habsucht
wurde also durch zwei Gegengewichte in der richtigen Mitte
gehalten, er hat die Ueberzeugung, daß im Interesse Aller er sein
eigenes Interesse wahrt und dafür die Zustimmung der Phalanx
findet, und daß der Fortschritt der industriellen Anziehung für ihn
zur Quelle großen Reichthums wird.«
Sehen wir weiter zu. Johannes hat kein Kapital und keine Aktien, er
wäre also als Zivilisirter sehr dafür, daß die Arbeit auf Kosten
des Kapitals und Talents den Löwenantheil erlangt und rechnet 7/12
für die Arbeit, 3/12 für das Kapital und 2/12 für das Talent.
Johannes, als Mitglied der Assoziation, denkt indeß anders. Wohl
hat er den lebhaften Trieb, der Arbeit den Hauptantheil zuzuweisen,
aber da er in einer Reihe von Serien und Gruppen durch Talent der
Erste ist, so verkennt er nicht, daß auch dem Talent sein
entsprechender Antheil gebühre. Außerdem begreift er als
einsichtiger Bürger die Bedeutung des Kapitals, welche Vortheile
der Arme aus den Ausgaben der Kapitalisten zieht, welche
Annehmlichkeiten reiche Angehörige ihren Serien und Gruppen
erweisen, endlich, daß seine Kinder Aussicht haben, mit Legaten
bedacht zu werden. Alles das genau erwogen, findet auch er, daß man
ein Einsehen haben und daß die Arbeit zu Gunsten von Kapital und
Talent ein wenig zurücktreten müsse. Er kämpft also auch gegen die
»unvernünftige Raubsucht« (»rapacité déraisonée«), deren ein
Zivilisirter fähig wäre und findet ebenfalls bei der Repartition
von 4/12 für das Kapital, 5/12 für die Arbeit und 3/12 für das
Talent seine Seele und sein Gewissen befriedigt.
Fourier glaubt mit besonderem Nachdruck auf dieser Art Vertheilung
beharren zu müssen, was man bei seinem Bestreben und seinem festen
Glauben, diese von ihm entdeckte und konstruirte ideale
Gesellschaft mit freiwilliger Zustimmung aller Klassen und zum
Wohlsein aller Klassen ohne irgend welche gewaltsame
Erschütterungen begründen zu können, begreifen wird. Wäre die
Fourier'sche Phalanx überhaupt möglich und keine Utopie, so wäre
unfaßbar, warum das Kapital, bei all den sich ihm eröffnenden
glänzenden Aussichten, sich nicht beeilte, Hals über Kopf diesen
neuen Gesellschaftszustand zu begründen. Fourier glaubt felsenfest
an diese Möglichkeit und die Richtigkeit der von ihm gemachten
Aufstellungen; er konstruirt sich die Prämissen und da müssen die
Konklusionen stimmen. Falsch sind nicht seine Voraussetzungen,
sondern falsch ist die Gesellschaft, die in ihrer Kurzsichtigkeit
und Verblendung den Weg, der sich ihrem Glück öffnet, nicht sieht
oder zurückweist. Er behauptet also mit Ueberzeugung, daß der Arme
in der Harmonie die reiche Klasse und den Antheil des Kapitals am
Ertrag bereitwillig unterstützen werde, weil ihm mit Hülfe des
Kapitals in der Phalanx so zahlreiche Chancen, zu Vermögen zu
kommen, sich darböten. Der Arbeiter der Phalanx sei nicht
entmuthigt, wie der Arbeiter der Zivilisation, der keine Aussicht
habe, selbstständiger Unternehmer zu werden. »Seine Kinder können
durch Kenntnisse, Talent, Schönheit zu hohen Würden und Stellungen
kommen, auch kann er, da er stets mehr erwirbt als er ausgiebt,
Ersparnisse machen, und so selbst allmälig Aktionär werden.« Nährt
ihm doch die Phalanx die Kinder, die vom dritten Lebensjahre ab
bereits selbst voll verdienen, was sie brauchen und später mehr
verdienen, als sie nöthig haben; liefert ihm doch die Phalanx alle
Werkzeuge und nicht weniger als drei Paradeuniformen für die Feste
und Aufzüge; auch besucht er weder Kneipen noch Café's, da er nach
fünf vortrefflichen Mahlzeiten und all den Abwechslungen und
Vergnügungen, die ihm die tägliche Beschäftigung bietet, für solche
Orte kein Bedürfniß mehr empfindet; endlich besteht überall die
volle Gleichberechtigung: er nimmt an allen Berathungen Theil, hat
das gleiche Stimmrecht und somit nach keiner Richtung einen Grund,
gegen die Reichen Abneigung zu empfinden. In der That, es gehört
viel Verbohrtheit dazu, all diesen Verlockungen zu widerstehen.
Fourier kommt natürlich nicht im Traum der Gedanke, daß, wenn all
diese schönen Ausmalungen und scharfsinnigen mathematischen
Berechnungen dennoch ihre Wirkungen verfehlen, das ganze System auf
falschen Voraussetzungen beruhen müsse, denn für ihr Interesse sind
die Menschen in allen Zeitaltern und bei allen Völkern sehr
empfänglich gewesen und namentlich die herrschenden Klassen. Aber
aller Widerstand und alle Feindseligkeit, die ihm begegneten,
machten ihn an der Richtigkeit seiner Theorien und seiner
Berechnungen nicht irre, diese sind für ihn unbestreitbar, und so
ist selbstverständlich, daß der einmal begonnene Faden sich ruhig
bis zu Ende spinnt, und ein Gebäude entsteht, in dem jeder Stein
genau auf den anderen paßt, bei dem Alles auf's Genaueste und
Scharfsinnigste berechnet und vorgesehen ist, dem aber die
Hauptsache fehlt, das reale Fundament. Die Erkenntniß der
eigentlichen Entwicklungsgesetze der Gesellschaft, welche zwar die
Gesellschaft einst zu einem ähnlichen Zustande, wie ihn Fourier als
scharfsichtiger Seher voraussetzt, führen werden, aber auf anderem
Wege und durch andere Mittel und -- wann die Entwicklung reif ist,
-- die Erkenntniß ihrer Entwicklungsgesetze blieb ihm und seinem
Zeitalter fremd.
Wie der Kapitalist und der Arbeiter sich zufrieden geben und genau
so schließen, wie es der Konstrukteur dieser idealen Gesellschaft
wünscht, so natürlich auch das Talent. Philint ist Mitglied von 36
Serien. In zwölf zeichnet er sich als alter erfahrener Serist durch
große Geschicklichkeit und durch Talent aus, in zwölf anderen ist
er nur mittelmäßiger Arbeiter und in den zwölf letzten Neuling.
Nachdem beim Jahresschluß die Inventur gemacht wurde und die
Mitglieder der Phalanx zur Entscheidung berufen werden, könnte er
in Anbetracht der Talente, die er in zwölf Serien entwickelte, sehr
geneigt sein, den Antheil des Talents besonders zu begünstigen.
Aber als überlegender Mann muß er sich sagen, daß damit weder sein
Interesse noch das der Phalanx gewahrt würde. Einmal stehen nicht
nur den 12 Serien, in denen er sich auszeichnet, 24 gegenüber, in
denen er nur mittelmäßiger Arbeiter oder gar Neuling ist, es findet
sich auch, daß von den 12 Serien, in denen er sich hervorthut, nur
vier in die erste, also höchst belohnte Klasse, die der
Nothwendigkeiten, fallen, vier andere in die zweite und die letzten
vier in die dritte Klasse. Daraus ergiebt sich für ihn von selbst,
daß er den einseitigen Maßstab der Bevorzugung des Talents nicht
zur Geltung kommen lassen kann. Ein anderer Umstand tritt bei all
diesen Erwägungen über die Vertheilungen hinzu. Da die Interessen
aller Mitglieder in den dutzenden von Serien und hunderten von
Gruppen persönlich voneinander differiren, in einer Serie oder
Gruppe, wo zwei oder mehrere harmoniren, diese wieder in allen
anderen Serien und Gruppen in ihren Interessen auseinandergehen,
ist ein Intriguenspiel zu Gunsten einzelner Serien oder Gruppen
unmöglich. In diesen hunderten durcheinandergehenden und sich
kreuzenden Interessen, wobei kein Einzelner etwas vermag und keine
Verbindung gleicher Interessen möglich ist, muß schließlich das
Allgemeininteresse, das damit das Interesse Aller wird, siegen.
Diese Idee ist ungemein geistreich und scharfsinnig, und die
Richtigkeit der Vordersätze, von denen Fourier ausgeht, zugegeben,
hat er vollkommen recht, triumphirend auszurufen, daß sowohl in den
Details wie im Ganzen bei der Vertheilung die distributive
Gerechtigkeit in der Phalanx herrscht. »Das Regime der Serien der
Triebe ist die gewollte Gerechtigkeit, die das angebliche Laster,
den _Durst nach Gold, in den Durst nach Gerechtigkeit umwandelt_.«
Die Habsucht, eines der schlimmsten Laster in der Zivilisation,
wird also auch in der Phalanx zur Tugend. Unsere heute als am
lasterhaftesten bezeichneten Triebe werden in der sozietären
Ordnung nützlich und gut, wie es die von Gott gewollte Bestimmung
ist. Die Bewegung der Organisation der Triebe wird nach der von
Schelling ausgesprochenen Idee »in jedem Sinn der Spiegel der
universellen Analogie«. Schließlich hat Fourier nichts dagegen
einzuwenden, wenn die Vertheilung auch derart stattfindet, daß die
Arbeit 6/12, das Kapital 4/12 und das Talent nur 2/12 erhält. Das
ganze Vertheilungsgesetz formulirt er also: »Es müsse die
individuelle Habsucht durch das Kollektivinteresse jeder Serie und
der gesammten Phalanx und die kollektiven Ansprüche jeder Serie
durch das individuelle Interesse eines jeden Seristen, als
Angehöriger einer Menge anderer Serien, absorbirt werden.« Und
dieses Gesetz wird erreicht »durch das direkte Verhältniß der Zahl
der frequentirten Serien im umgekehrten Verhältniß zu der Dauer der
Arbeit in den einzelnen Serien«. Mit anderen Worten: Je mehr Serien
der Einzelne angehört und je kürzer in Folge dessen die einzelnen
Arbeitssitzungen werden, um so leichter wird die ausgleichende
Gerechtigkeit in der Vertheilung des Arbeitsertrags sich
herstellen. Mit der Zahl der differirenden Interessen des Einzelnen
wächst die Möglichkeit der gerechtesten Ausgleichung und die
Einheitlichkeit des Ganzen.
Die Habsucht wirkt also schließlich ausgleichend in der Harmonie,
aber ihr steht noch ein zweiter Impuls zur Ausgleichung gegenüber,
die Edelmüthigkeit. Erstere wirkt direkt, letztere indirekt. Zum
Beispiel: »Es handelt sich um die Vertheilung eines Ertrags von 216
Frks. unter neun Mitglieder einer Gruppe, wobei sich zufällig
herausstellt, daß die Reichsten und Wohlhabendsten unter den neun
Gruppisten in Folge ihrer Leistungen das Meiste erhalten. Darauf
erklären die beiden Ersten, daß sie in Anbetracht ihres
Kapitaleinkommens und des Vergnügens, das ihnen die Arbeit
gebracht, sich mit dem Minimum begnügen -- auf das Ganze dürfen sie
nicht verzichten -- was vier Franken beträgt. In Folge dessen
bleiben 52 Franken an die Uebrigen weiter zu vertheilen. Aber dem
Beispiel der beiden Ersten folgen zwei Andere, nur daß diese
entsprechend ihrem geringeren Vermögen von dem ihnen zufallenden
Antheil nur auf die Hälfte verzichten, wobei weiter 20 Franken zu
vertheilen übrig bleiben. Diese 72 Franken werden nun dergestalt
unter die fünf armen Sozietäre vertheilt, daß sie je 24, 18, 12, 9
und 9 Franken erhalten, und zwar erhält davon eine schöne Vestalin,
nicht wegen ihrer Leistungen, sondern weil sie bei den Gebern wie
bei den übrigen Mitgliedern in Gunst steht, den höchsten Satz.
Diese Gunstbezeugung ist keine Ungerechtigkeit, denn sie schädigt
Niemand in seinen Rechten, sie wird aber in der Harmonie eine
Quelle der Uebereinstimmung. So werden auch eine große Zahl von
Würden und Szeptern, bis zu dem des Omniarchen des Erdballs, als
Gunstbezeugungen vergeben, weil alle diese Würden durch Wahl
erfolgen.
Wenn nun hieraus sich ergiebt, daß die reichsten Sozietäre nur den
möglichst geringsten Arbeitsantheil empfangen -- die
Verzichtleistung soll nach Fourier in Folge des Beispiels
allgemeine Regel werden -- und den größten Theil ihres Einkommens
nur nach Maßgabe ihrer Kapitalien beanspruchen, so resultirt
daraus, daß ihr Antheil am allgemeinen Benefizium im umgekehrten
Verhältniß zu der Entfernung (»distance«) der Kapitalien von
einander steht, denn für Arbeit und Talent tendiren sie nur den
kleinsten Theil in Anspruch zu nehmen. Dagegen steht ihr Antheil am
allgemeinen Benifizium bezüglich des Kapitalantheils im direkten
Verhältniß der Masse der Kapitalien. Es kommen also hier genau wie
in der physischen Welt zwei entgegenwirkende Kräfte in Betracht,
die zentripetale, welche hier die Habsucht ist, und die
zentrifugale, die Edelmüthigkeit.
Der Leser wird bereits erkannt haben, daß Fourier hier das von
Newton entdeckte Gesetz der Anziehung der Weltkörper, wonach diese
wirkt im graden Verhältniß zu ihrer Masse und im umgekehrten
Verhältniß zum Quadrat ihrer Entfernung, auf den Vertheilungsmodus
seiner Phalanx anzuwenden sucht. Alle Beziehungen der Menschen
unter sich und zum Weltall sind ja nach Fourier durch mathematische
Verhältnißzahlen zum Ausdruck zu bringen und nach Analogien
geordnet, also muß auch die Phalanx, welche im Kleinen das
Spiegelbild der Einheitlichkeit der Welt darstellt, diese
mathematischen Verhältnisse zum Ausdruck bringen. Freilich ist
dieser Versuch im vorliegenden Fall ein verunglückter, denn unter
dem Ausdruck Entfernung kann doch nichts Anderes als die Größe der
Kapitalien verstanden werden, und ihre Größe deckt sich wieder mit
ihrer Masse, mit dem Quadrat der Entfernung haperts überhaupt; und
was ist der Mittelpunkt, um den die Kapitalien gravitiren? Im
bürgerlichen Leben ist der Mittelpunkt, nach dem Alles strebt, das
Kapital selbst, in der Phalanx schwebt es in der Luft. Doch
vergessen wir nicht, daß es sich hier um ein geistreiches, mit
großem Scharfsinn aufgebautes Utopien handelt.
Fourier ist nun weiter der Ansicht, daß in seiner Phalanx die
Generosität, welche die reichen Leute üben, wenigstens 7/8 des
Betrags ihrer Dividenden, und bei den Mittelleuten die Hälfte
derselben umfassen werde, diese also den ärmeren Sozietären zu Gute
kommen. Das klinge freilich wie eine romantische Vision, weil man
sich in der Zivilisation ein solches Maß von Großmuth gar nicht
vorstellen könne. Mit den bereits hervorgehobenen Triebfedern für
eine solche Handlungsweise verbinden sich allerdings noch andere,
wie diejenigen, die aus den Liebesbeziehungen resultiren. Doch bei
den Vorurtheilen der Zivilisation gegen alles, was das Kapitel der
freien Liebe betreffe, sei er genöthigt, grade dieses für die
Harmonie so werthvolle und äußerst interessante Gebiet nicht weiter
zu berühren; so viel aber sei sicher, daß die freie Liebe und die
freie Vaterschaft seelische und physische Kraftquellen erschließen
werde, die der Lebensfreudigkeit und der Entwicklung der Menschheit
die glänzendsten Aussichten eröffneten.
Was schließlich den Loosantheil betreffe, der dem Talent zufalle,
so gewähre dies besonders den unbemittelten Alten in der Phalanx,
die in Folge einer langen Erfahrung in den verschiedensten
Arbeitszweigen und in der Leitung der Arbeiten hervorragten,
Aussicht auf Gewinn. In der Zivilisation sei die Arbeit des
Talents, die in der Harmonie eine Ausgleichung zwischen dem, was
dem Kapital und dem, was der Arbeit zufalle, herbeiführen solle,
nur eine Art Fußschemel, auf dem der Reichere auf Kosten des
Aermeren, dessen Kenntnisse er für sich ausbeute, in die Höhe
steige; der gesellschaftlich Begünstigte schmückte sich mit den
Federn des Armen. Die Handlungen aus Edelmuth in der Phalanx seien
es ferner, die hauptsächlich die Grenzen zwischen den Armen und
Reichen verwischten, daher werde ein Monarch in der Harmonie
mitleidig lächeln, wenn man ihm eine Schutzgarde anbiete. Alle, die
ihn umgeben, seien ihm von Herzen und nicht wegen der Bezahlung
ergeben, der Monarch genieße ohne alle Kosten eine Zuneigung, die
er sich in der Zivilisation nie zu erwerben vermöge, wo er seine
Sicherheit nur in der Umgebung von erkauften Söldlingen zu glauben
finde und doch nicht vor der Ermordung sicher sei.[20]
[Fußnote 20: Anspielung auf die verschiedenen Attentatsversuche
und Verschwörungen, denen trotz aller Sicherheitsmaßregeln Napoleon
I. wie Ludwig XVIII. und Louis Philipp ausgesetzt waren.]
Die große Ungleichheit der Vermögen werde es gerade sein, die in
der sozietären Gesellschaft die Harmonie gebäre; nur ein Schatten
von Gleichheit hierin würde sie zerstören. Kein mittelreicher Mann
werde deshalb den Anstoß geben, mehr zu überlassen, als was das
Minimum überschreite. Es genüge, um einen solchen Akt des
Wohlwollens begehen zu können, den Sozietären das beträchtliche
Einkommen, das ihnen die zugestandene Dividende aus den Aktien
einbringe. So werde, den moralischen Diatriben gegen die großen
Vermögen zum Trotz, die Phalanx, wo die Ungleichheit des Vermögens
die größte und best abgestufteste sei, die doppelte Harmonie, in
Folge des Spiels der Impulse der Habsucht und der Großmuth, am
besten erreichen. »Wie weit entfernt war doch die arme Moral, in
das Geheimniß der Harmonie der Vertheilung, die für alle anderen
Harmonien die Grundlage bildet, einzudringen.« Und da griffen die
Philosophen seine Theorie als bizarr und unbegreiflich an, die doch
im Gegentheil gar nichts Willkürliches habe, sondern auf
unerschütterlichen geometrischen Theorien aufgebaut sei. Man preise
Newton als das größte moderne Genie, weil er die Berechnung der
Gesetze der Anziehung begonnen habe, worin er sich aber nur auf
einen Zweig beschränkte; warum unterdrücke man da ihn, den Mann,
der diese Berechnung fortgesetzt und sie vom materiellen auf das
passionelle Gebiet, ein Zweig, der für die Menschheit sehr viel
nützlicher sei, als den, welchen Newton behandelte, übertragen
habe. Es sei nichts, als die Furcht, daß diese von ihm begründete
neue Wissenschaft das Handelsgeschäft mit den philosophischen
Systemen und Büchern schädige.
Neben den bisher angeführten Faktoren, die nach Fourier eingreifen,
um das Leben in der Phalanx zu einem möglichst angenehmen zu
gestalten, wirken noch solche, welche die gegenseitige
Uebereinstimmung und die Versöhnung der Klassen und
Standesunterschiede herbeiführen, so die Beziehungen, welche die
Freundschaften zwischen Armen und Reichen und die Liebe zwischen
Jungen und Alten herstellen wird. Die Zivilisation erzeuge zwar
auch ausnahmsweise die eine oder die andere dieser Beziehungen,
aber bei dem Mangel der Serien der Triebe könnten sie zu keinem
System werden. Wie Freundschaften zwischen Arm und Reich in der
Harmonie entstehen, ist schon ausgeführt worden. Die Beziehungen,
welche die freie Liebe hervorruft, müßten in Rücksicht auf die
ebenfalls schon erwähnten Vorurtheile der Zivilisirten unerörtert
bleiben, so sind nur die aus Ehrgeiz und der Vaterschaft sich
ergebenden Verhältnisse näher zu betrachten.
»In unserer Zivilisation herrscht unter den verschiedenen Klassen
und Standesabstufungen überall nur Haß und Feindseligkeit oder
Geringschätzung. Der hohe Adel sieht auf den niederen, der Adel
überhaupt auf die Bourgeoisie, die Bourgeoisie wieder auf das Volk
mit mehr oder weniger großer Feindseligkeit oder Geringschätzung
herab, und diese Gefühle werden von unten nach oben erwidert.
Innerhalb der einzelnen Schichten selbst giebt es wieder
verschiedene Abstufungen, zwischen denen ähnliche Gefühle
herrschen. Kurz, mit der süßen Brüderlichkeit, welche die Moral und
die Philosophie predigen, sieht es in der Wirklichkeit recht windig
aus. Da verachtet der große Kaufmann den kleinen, der Gelehrte den
Nichtgelehrten, der Bürger den Bauern und Arbeiter. Aber wo das
Merkenlassen dieser Gefühle den Interessen schadet, versteckt man
sie, und das nennt man dann Gewandtheit oder Klugheit (»savoir
faire«). Wo in der Zivilisation sich der Höhere dem Niederen
scheinbar freundschaftlich nähert, sind in der Regel Hintergedanken
im Spiel und sie führen zum Ueblen und zu Unordnungen. So, wenn der
Große einer Frau aus dem Volke sich nähert, die Folge ist
gewöhnlich ein Bastardkind; oder wenn wirklich Ehen stattfinden,
führen sie zu Ueberwerfungen in der Familie. Betrifft es hingegen
Sachen des Ehrgeizes, so handelt es sich um Wahlintriguen,
Parteistreitigkeiten, Bündnisse zur Unterdrückung. Und gleichwohl
ist der Ehrgeiz in der Harmonie ein sehr geeignetes Mittel, alle
widerstrebenden Elemente zu verbinden. Napoleon sagt man nach, er
habe in Moskau eine Medaille prägen lassen, welche die Inschrift
enthielt: »Der Himmel für Gott, die Erde für Napoleon.« Das ist
damals den Franzosen gar schrecklich vorgekommen. In Wahrheit hat
er damit eine sehr vernünftige Absicht, die Gründung einer
Weltmonarchie ausgesprochen. Dieser Gedanke ist durchaus korrekt
und es ist nur zu bedauern, daß Napoleon ihn nicht verwirklichen
konnte, er würde damit der neuen sozialen Ordnung wesentlich
Vorschub geleistet haben. Gleiche Sprache, gleiche Schrift, gleiche
Kommunikationsmittel, gleiches Geld, Maß und Gewicht zu schaffen,
gleiche Unternehmungen in Industrie, Handel und Verkehr,
Wissenschaft und Kunst zu begründen und zu vollbringen, einen
Weltmeridian aufzustellen, alles dem Menschen Schädliche und
Feindliche im Pflanzen- und Thierreich zu vernichten, das höchste
Wohlsein durch die Gründung der Phalanxen auf dem ganzen Erdboden
herbeizuführen und damit auch die Aenderung und Verbesserung der
Temperaturen zu bewerkstelligen, das ist das Ziel der sozietären
Ordnung, und es werden mit dieser Ordnung die Weltmonarchie und die
Territorialmonarchien über den ganzen Erdboden begründet werden.«
Künftig könnten also Mann wie Frau ihren Ehrgeiz darauf richten,
Herrscher oder Herrscherin der Welt oder einer der
Territorialmonarchien zu werden, und für einen politischen Eunuchen
gelte, wessen Ehrgeiz sich mit Geringerem begnüge. Diese Ansicht
scheine bizarr, sie sei es aber nicht, denn nichts sei leichter in
der sozietären Ordnung, »als Cäsar und Pompejus zu versöhnen«.
Cäsar und Pompejus könnten an demselben Ort in ganz verschiedenen
Würden nebeneinander regieren. Giebt es doch nicht weniger als
sechszehn verschiedene Szepter und eine große Auswahl von Würden
und Titeln. Da giebt es Würden und Titel für die Erblichkeit, die
Adoption, den Favoritismus, das Vestalat u.s.w. Alle diese Szepter,
Würden, Titel, Grade, eröffnen sich Jedem. »Kennt der Monarch in
der Zivilisation nur den legitimen Erben, in der Harmonie wird er
auch das Recht der Adoption haben, eine Freiheit, deren er bei uns
beraubt ist und ihm nicht selten den Lebensabend verbittert. Auch
kann der Souverän wie die Souveränin, um der Erblichkeit zu
genügen, sich eine Zeugerin oder einen Zeuger wählen; ferner jeder
Monarch kann Nachfolger bestimmen, welchen er nur bestimmte
Funktionen, also einen Theil seiner Regierungsgewalt überträgt. Die
Harmonisten können alle neu gegründeten Throne durch Wahl aus ihrer
Mitte besetzen, dagegen können die erblichen Throninhaber und
Throninhaberinnen ihre vollen oder Theilnachfolger, wie ihre
eigenen Gatten und Gattinnen nach Wahl sich aussuchen. Welche
Aussichten eröffnen sich da für Väter und Mütter, für junge Männer
und junge Mädchen! Und welcher Ausblick für schöne, liebenswürdige
Frauen, deren Aussichten, einen Thron zu erobern, in unserer
Zivilisation so geringe sind. Welche Mittel immer sie in Anwendung
bringen, ein gestecktes Ziel zu erreichen: Unschuld, Talent,
Schönheit, Liebenswürdigkeit, Gefälligkeit, alles ist ihnen
erlaubt, sie schaden Niemand damit. Welch mächtige Mittel, das Volk
an die Großen zum Anschluß zu bringen und alle Quellen des Hasses,
der Feindseligkeit, der Mißgunst zu verstopfen.
»Zu diesen Anziehungs- und Aussöhnungsmitteln zwischen Hoch und
Niedrig kommt in der Phalanx auch noch das Mittel der Vaterschaft,
ein Thema, das etwas schwierig zu behandeln ist, weshalb es sich
empfiehlt, die Thatsachen statt der Prinzipien sprechen zu lassen.
Man vergesse nicht, daß in Folge der vernünftigen und naturgemäßen
Lebensweise der Harmonisten auch die Langlebigkeit in der Phalanx
herrscht; unter je zwölf Personen giebt es _mindestens_ eine,
welche ein Alter von 150 Jahren erreicht. Nehmen wir des Beispiels
halber Einen dieser Aeltesten. Ithuriel, ein sehr reicher Mann, der
150 Jahre zählt, sieht auf sieben Generationen herab. Er hat 120
direkte Nachkommen, welche er in seinem Testament zu bedenken
gewillt ist. Die nächsten Nachkommen, ein Sohn und eine Tochter,
welche schon reich sind, bedenkt er nur mit einem kleinen Theil
seines Vermögens, die nächstfolgenden bedenkt er etwas mehr. Er
giebt aber auch der sechsten und siebenten Generation erhebliche
Antheile, damit sie nicht in Versuchung kommen, den Tod älterer
Verwandten zu wünschen. Er verbraucht für diese Vermächtnisse die
Hälfte seines Vermögens. Die anderen beiden Viertel legirt er
dergestalt, daß ein Viertel auf hundert Adoptirte kommt, das andere
Viertel an hundert Freunde und Seitenverwandte fällt, darunter
seine Frauen, die selbst reich sind und keiner größeren Erbschaften
bedürfen. Diese einzige Erbschaft umfaßt also direkt und indirekt
einen großen Theil der Mitglieder der Phalanx. Da viele Frauen und
Männer in der gleichen Lage wie Ithuriel sind, werden sie in
ähnlicher Weise testiren und es geht schließlich Niemand leer aus.«
»Da kommt die Moral und predigt, wir sollten uns Alle als eine
Familie von Brüdern und Schwestern betrachten. Leeres Geschwätz.
Kann Lazarus, ein armer junger Mann, den reichen Patriarchen
Ithuriel als seinen Bruder betrachten? Wenn er in der Zivilisation
auf ihn spekuliren wollte, bekäme er nichts. Aber in der Phalanx
ist er vielleicht einer seiner entfernten Nachkommen, oder ein
Seitenverwandter, oder einer der Adoptirten; sicher braucht er sich
nicht wie sein Namensvetter in der Bibel mit den Brosamen zu
begnügen, die von der Reichen Tische fielen. Es giebt in der
Phalanx für ihn eine Menge Gelegenheiten, zu Ansehen und
Beliebtheit und damit unzweifelhaft auch zu Wohlhabenheit zu
kommen. Schließlich ist in der Phalanx, wo die Arbeit Jedem sein
Wohlsein garantirt, Niemand auf die Erbschaftslungerei angewiesen,
wie dies in der Zivilisation so gewöhnlich ist, wo der Tod des
Erblassers nicht erwartet werden kann. Und andererseits, wie darf
ein Vater in der Zivilisation es wagen, auch den Gefühlen der
Philanthropie und der Freundschaft Rechnung zu tragen, ohne das
Mißfallen und selbst die Erbitterung seiner direkten Nachkommen zu
erregen?«
»In der sozietären Ordnung wird also auch die Frage gelöst, wie
kann zwischen Testator und Erben ein Verhältniß hervorgerufen
werden, das die Zuneigung der Erben dem Erblasser erhält, sie
veranlaßt, ihm die Verlängerung des Lebens zu wünschen, dessen Ende
heute in den meisten Fällen ungeduldig erwartet wird.«
* * * * *
Alle Schriftsteller, alte wie neuere, die sich bisher eingehend mit
den sozialen Fragen beschäftigten, konnten nicht umhin, auch die
Bevölkerungsfrage in den Kreis ihrer Erörterungen zu ziehen, so
auch Fourier. Fourier mußte dies um so mehr, als er einen in's
kleinste Detail ausgearbeiteten Organisationsplan für die ganze
Erde entwarf, eine Organisation, welche die Grundlage für alle
weitere Entwicklung der Menschheit bilden sollte. Wer so für die
Zukunft sorgt, muß auch die Bevölkerungsfrage seiner Prüfung
unterziehen und eine Lösung für sie finden. Wie in allen übrigen
Fragen, so geht auch hier Fourier seinen eigenen Weg. Seine
Ansichten sind um so interessanter, als in der Zeit seines ersten
schriftstellerischen Auftretens die Schrift von Malthus über die
Bevölkerungstheorie bereits erschienen war und pro und kontra in
den interessirten Kreisen lebhaft erörtert wurde. Malthus stellte,
sich anlehnend an ältere Schriftsteller, bekanntlich die Theorie
auf, daß die Menschheit die Tendenz habe, sich in geometrischer
Progression, also in dem Zahlenverhältniß 1, 2, 4, 8, 16, 32 u.s.w.
zu vermehren, dagegen die Nahrungsmittel die Tendenz hätten, sich
in arithmetischer Progression zu vermehren 1, 2, 3, 4, 5 u.s.w.
Aus diesen beiden sich widersprechenden Tendenzen folge, daß in
kurzer Zeit -- Malthus setzte einen Zeitraum von 25 Jahren voraus,
die genügten, um die Verdoppelung der Menschenzahl herbeizuführen
-- die Erde so übervölkert sei, daß die Menschen an Nahrungsmangel
zu Grunde gehen müßten. Malthus betrachtete es als »göttliche
Bestimmung«, daß Alle, die am Gastmahl des Lebens keinen Platz
fänden, zu verhungern hätten; das sei der natürliche Lauf der
Entwicklung, so nur werde Raum für die Nachkommenden geschaffen.
Diese brutale Theorie, welche der herrschenden Klasse das Gewissen
erleichterte, fand bei dem Einen ebenso lebhaften Anklang, als bei
dem Andern Widerspruch. Man wandte ein, daß die Erfahrung die
Theorie nicht rechtfertige, weder habe die Bevölkerungszahl in dem
angegebenen Maßstab bisher sich vermehrt, noch sei nachzuweisen,
daß die Vermehrung der Nahrungsmittel in den gezogenen Grenzen sich
bewege. Trete überhaupt einmal Uebervölkerung ein, dann geschehe es
in einer für die jetzigen und die nachfolgenden Generationen so
fernen Zeit, daß die Frage jedes akute Interesse verliere. U.s.w.
Fourier faßt die Frage an einem anderen Ende an. Zunächst wirft er
den Politikern und Oekonomen vor, daß sie durch ihre Inkonsequenzen
und Unbesonnenheiten überhaupt übersähen, das Verhältniß der
Bevölkerung als Konsumenten zu der Zahl der vorhandenen produktiven
Kräfte näher zu bestimmen, da es darauf vor Allem ankomme. Er
huldigt also dem Grundsatz, steigende Produktivkräfte schaffen
steigendes Produkt, beides steht im Verhältniß zueinander.
»Vergebens werde die Zivilisation Mittel zu entdecken suchen, eine
vier- selbst hundertfache Vermehrung des Produkts zu erzielen, wenn
die Menschen verurtheilt seien, sich unter dem bisherigen sozialen
Zustand zu vermehren, der in Folge unökonomischer Verwendung die
Gesellschaft zwinge, beständig das drei- und vierfache Produkt
aufzuhäufen, um das gewohnte graduirte Auskommen der verschiedenen
Klassen zu ermöglichen.«
Zu allen Zeiten sei in der Zivilisation die Ausgleichung der
Bevölkerung im Verhältniß zu den Nahrungsmitteln eine der Klippen
der Politik gewesen. Schon die Alten, die ringsum sich so viel
unkultivirte Regionen liegen sahen, die der Kolonisirung fähig
waren, hätten gegen die Uebervölkerung kein anderes Mittel als
Aussetzung, Kindestödtung, Erwürgung der überschüssigen Sklaven
gehabt.
»Darin zeichneten sich die tugendhaften Spartaner besonders aus.
Die römischen Bürger, die so stolz auf den Namen freier Männer,
aber weit entfernt waren, gerechte Männer zu sein, vergnügten sich,
ihre Sklaven in den Kampfspielen zu Grunde gehen zu sehen ...
Neuerdings haben sich Stewart, Wallace und Malthus über die Frage
ausgelassen. Stewart stellt die Frage, woher man auf einer Insel
die Lebensmittel nehmen wolle, wenn die Bevölkerung von 1000 auf
10.000 oder gar 20.000 sich vermehre, während die Insel gut
kultivirt nur für 1000 Nahrung habe. Darauf hat man geantwortet:
man müsse alsdann den Ueberschuß fortsenden und anderwärts weiter
kolonisiren. Damit ist aber die Frage umgangen. Wie dann, wenn der
ganze Globus so bevölkert ist, daß für den Ueberschuß nichts mehr
zu kolonisiren übrig bleibt? Man antwortete, und darin stimmen auch
die Owenisten ein, daß die Erde noch nicht übervölkert sei und es
noch wenigstens 300 Jahre dauere, ehe dieser Zeitpunkt komme. Das
ist ein Irrthum, denn schon nach 150 Jahren ist die Erde
übervölkert. Auf alle Fälle ist nach 150 oder 300 Jahren die Frage
brennend und nicht gelöst, wenn man bei den jetzigen Anschauungen
und Mitteln bleibt. Nun, die sozietäre Ordnung hat sehr wirksame
Mittel, die Uebervölkerung zu verhüten und sie auf dem rechten
Stande zu erhalten. Es sind ungefähr fünf Milliarden, die
auskömmlich existiren können, wenn der ganze Erdboden mit Phalanxen
bedeckt ist und die von mir vorausgesehenen klimatischen
Verbesserungen eintreten, im anderen Falle ernährt er nur drei
Milliarden.«
»Im sozietären Zustand stellt die Natur der exzessiven Vermehrung
der Bevölkerung vier wirksame Dämme entgegen: 1. die größere Kraft
und Körperentwicklung der Frauen; 2. die üppige Lebensweise; 3. die
phanegoramischen Sitten; 4. die gleichmäßige körperliche Uebung
aller Kräfte. Was die große Körperentwicklung bewirkt, das sehen
wir bei den starken Frauen in unseren Städten; auf vier Frauen, die
überhaupt unfruchtbar sind, kommen drei robuste, wohingegen die
zarten Frauen von der größten Fruchtbarkeit sind. Man antwortet,
daß die Frauen auf dem Lande meist robust und doch fruchtbar seien.
Das ist richtig, aber das ist nur ein Beweis mehr, daß alle vier
Mittel kombinirt angewendet und miteinander verkettet werden
müssen. Die Frauen auf dem Lande sind fruchtbar, weil sie mäßig
leben und eine grobe, hauptsächlich vegetabilische Nahrung zu sich
nehmen. Die Städterinnen leben üppiger und raffinirter und daher
kommt ihre größere Unfruchtbarkeit. Verbindet sich nun in der
Harmonie die körperliche Kraftentwicklung der Frauen mit üppiger
Lebensweise und Nahrung, so wird man zwei wirksame Mittel, die der
Fruchtbarkeit entgegenwirken, verbunden haben.«
Zu den phanegoramischen Mitteln übergehend, läßt Fourier aus
naheliegenden Gründen eine Lücke. Das vierte Mittel, die
gleichmäßige körperliche Uebung, werde durch den häufigen Wechsel
der Beschäftigungen und die kurzen Arbeitssitzungen in hohem Maße
bewirkt. Man habe nie beobachtet, wie auf Pubertät und
Fruchtbarkeit körperliche Uebungen einwirkten. Dies sei frappant.
Daher erlangten unsere Dörflerinnen später die Geschlechtsreife als
die Städterinnen oder die reichen Landbewohnerinnen. Die
Fruchtbarkeit sei den Einflüssen körperlicher Uebungen gleichfalls
unterworfen. Seien die körperlichen Uebungen gleichmäßig und würden
sie abwechselnd und proportionell auf alle Theile des Körpers
angewandt, so sei kein Zweifel, daß die Geschlechtsorgane sich
später entwickelten. Das sehe man überall, wo die Erziehung
vorzugsweise auf die geistige und wo sie hauptsächlich auf die
körperliche Entwicklung gerichtet werde. Kinder von hoher Geburt
übten den Geist mehr als den Körper, daraus resultire, daß ihre
geschlechtlichen Eigenschaften mächtig angefeuert würden und
frühzeitig sexuelle Eruptionen vorzeitige Geschlechtsreife
erzeugten.
In der Harmonie werde das Gegentheil eintreten. Die Harmonisten
würden noch später als die heutigen Landbewohner ihre
Geschlechtsreife erlangen, weil die fortgesetzten und abwechselnden
körperlichen Uebungen alle Glieder in Anspruch nähmen, lange Zeit
die Lebenssäfte absorbirten; sie würden also den Augenblick
verzögern, wo in Folge ermangelnder Absorption der Ueberschuß der
Säfte unvermuthet die Pubertät vor dem von der Natur gewollten
Zeitpunkt herbeiführe. Ebenso würden die gleichmäßig gehandhabten
gymnastischen Uebungen bei den Frauen die Fruchtbarkeit hemmen und
zwar in solchem Maße, daß eine Frau, welche die Empfängniß wünsche,
sich nun umgekehrt durch Enthaltung körperlicher Uebungen und
größerer industrieller Anstrengungen auf diesen Zustand vorbereiten
müsse. Die allzugroße körperliche Ruhe in der Lebensweise der
heutigen Städterinnen sei es hauptsächlich, welche den
Geschlechtstrieb und die Empfänglichkeit steigerten, es fehle das
Gegengewicht der körperlichen Anstrengungen und Uebungen.
Wende man also die vier bezeichneten Mittel in Verbindung
miteinander an, so würden die Chancen der Fruchtbarkeit im
Gegensatz zu heute sich wenden und es sei statt eines Ueberschusses
eher ein Defizit in der Bevölkerungsentwicklung zu fürchten, man
werde mithin die Mittel anwenden, wie die Umstände sie erforderten.
Man sei also in der Harmonie im Stande, ein Gleichgewicht zwischen
der Menge der Lebensmittel und der Menschenzahl herbeizuführen. Der
vernünftige Mann habe nur so viel Kinder, daß er ihnen das nöthige
Vermögen sichern könne, ohne welches es kein Glück gebe, nur der
unvernünftige setze die Kinder zu Dutzenden in die Welt, sich
entschuldigend wie jener Schah von Persien: »Gott schickt sie und
es kann nie zu viel rechtschaffene Menschen geben.« Der soziale
Mensch sinke auf die Stufe der Insekten, wenn er ameisenartig
Kinder zeuge, die schließlich in Folge ihrer Ueberzahl genöthigt
seien, sich gegenseitig aufzuzehren. Wenn sie dies nicht
buchstäblich wie die Insekten, Fische, wilden Thiere machten, so
zehrten sie sich politisch auf, durch Räubereien, Kriege und
Perfidien aller Art in der besten der Welten. Unter der
Zivilisation werde ein Land, wie bevölkert es auch sei, nie dazu
gelangen, es wahrhaft zu kultiviren, das zeige sich an Frankreich,
dessen Boden zu einem Drittel brach liege, an Irland, das zwar
nicht das bevölkertste Land, dessen Bevölkerung aber die ärmste und
verkommenste in Europa sei, trotzdem fruchtbares Land in Hülle und
Fülle vorhanden sei.
So zeige sich überall, daß das Gleichgewicht auf umfassender
Entwicklung und nicht auf Erstickung begründet sein müsse, daß alle
Neigungen wie der Hang nach Reichthum, nach Befriedigung des
Ehrgeizes, Herrschaftsgelüste, Habsucht, Gier nach Erbschaft,
Verlangen nach Befriedigung der Liebesbedürfnisse und was sonst
noch die Zivilisation Alles als Fehler und Uebel ansehe, welche die
Natur des Menschen erzeuge, ohne sie befriedigen zu können, in der
Harmonie eben so viel Wege der Tugend und des allgemeinen Glückes
würden. Das genüge wohl, um die sogenannten starken Geister, die
stets behaupteten, daß die Bewegung und die Triebe nur Wirkungen
des Zufalls seien, die man beliebig modeln und unterdrücken könne,
und die den Glauben erweckten, als bedürfe Gott der Unterweisungen
eines Plato und Seneka, um zu wissen, wie er die Welten zu schaffen
und die Triebe in Harmonie zu leiten habe, zu verwirren.
Unzweifelhaft liegt der Idee Fourier's in Bezug auf das
Bevölkerungsgesetz eine großartige und fruchtbare Auffassung zu
Grunde. Er erklärt mit vollem Recht, daß die Zivilisation, in
unserer Sprache ausgedrückt die bürgerliche Gesellschaft, wie sie
überhaupt unfähig ist, die sozialen Gegensätze aufzuheben, auch
unfähig ist, die Bevölkerungsfrage zu lösen. Das zeigt sich nicht
nur an dem auch von Fourier angeführten klassischen Beispiel, an
Irland, dessen Bevölkerung in demselben Maße ärmer wird, als sie an
Zahl im Lande abnimmt, während die Zahl der unter den Pflug
genommenen Acker Landes und die Häupterzahl der Viehherden wächst;
wir sehen ganz Aehnliches gegenwärtig auch in Ungarn und in Rußland
sich vollziehen, wo die bürgerliche Raubwirthschaft an Grund und
Boden die Massenverarmung, die steigende Verschuldung und die
Verminderung der ackerbautreibenden Bevölkerung, verbunden mit
Massenbankerotten im Gefolge hat. Und geht die Entwicklung in der
gegenwärtigen Richtung noch einige Jahrzehnte weiter, so werden die
Vereinigten Staaten, Ostindien und Neuholland dasselbe Bild uns
bieten. Die Raubwirthschaft an Grund und Boden begünstigt die
treibhausmäßige Entwicklung der Industrie und des Verkehrs, und so
erzeugt, wie Fourier vollkommen richtig und seiner Zeit weit
vorauseilend ausführte, »_die Zivilisation die Armuth aus dem
Ueberfluß_,« und macht »jedes Uebel und jedes Laster, das die
Barbarei nur auf einfache Weise ausübt, zu einem doppelseitigen,«
sie geht an ihrem »cercle vicieux«, an ihren inneren Widersprüchen
zu Grunde. Was Fourier vorausahnend in Bezug auf das
Bevölkerungsgesetz zu begründen versuchte, hat Karl Marx positiv in
den Satz formulirt: daß jede ökonomische Entwicklungsperiode auch
ihr besonderes, ihr eigenthümliches Bevölkerungsgesetz hat.
In der That wird Niemand, der die gesellschaftliche Entwicklung in
ihren verschiedenen Entwicklungsphasen einigermaßen verfolgte --
Wildheit, Barbarei, Patriarchat, Zivilisation, und hier wieder
antiker, feudaler, bürgerlicher Staat -- bestreiten können, daß die
jeweilige Entwicklung der Eigenthumsformen, der materiellen
Lebensbedingungen der Gesellschaft, auch in jeder Periode
entsprechende Bevölkerungszustände schaffte. So wird auch eine
sozialistische Gesellschaft mit von Grund aus veränderter
materieller Lage für die Gesammtheit und mit ihren Veränderungen in
den Beziehungen der Geschlechter ein von der bürgerlichen
Gesellschaft abweichendes Bevölkerungsgesetz für ihre Entwicklung
haben. Der Unterschied wird hauptsächlich sein, daß, während bisher
alle Gesellschaftsordnungen sich ihre Lebensbedingungen schufen,
ihrer eignen treibenden Gesetze unbewußt, aber auch die Bedingungen
ihres Untergangs unbewußt erzeugten, eine sozialistische
Gesellschaft sowohl ihr Entwicklungsgesetz wie ihr
Bevölkerungsgesetz erkennt und beide bewußt anwenden wird; sie wird
sich über ihre eigene Zukunft ebensowenig wie über den einstmaligen
Untergang des Menschengeschlechts täuschen.
* * * * *
Nach Fourier's Auffassung ist die Welt einheitlich organisirt,
Alles verbunden und in Beziehungen zu einander. Der Schöpfer dieser
Welt ist Gott, aber der eigentliche Mittelpunkt derselben ist der
Mensch. Zwischen Gott und dem Menschen bestehen die innigsten
Wechselbeziehungen, und will der Mensch das Glück, das seine
Bestimmung ist, erreichen, muß er Gott als den obersten Leiter der
Welt anerkennen. Diese Erkenntniß hat man aber von Alters her zu
verhindern gesucht. Man hatte sich gewöhnt, die Welt mit 35.000
Göttern zu bevölkern, statt den einen Gott anzuerkennen. Das war
eine himmlische Maskerade, unter welcher es schwierig war, die
wahren Absichten Gottes zu entschleiern. Selbst Sokrates und Cicero
beschränkten sich darauf, sich in ihrem Jahrhundert von diesen
Göttersottisen zu isoliren und den »unbekannten Gott« zu
verherrlichen, ohne weitere Untersuchungen anzustellen, die dem
Geist der Zeit entgegen waren. Sokrates ward ein Opfer seiner
Bekenntnisse.
Heute, nachdem der Christianismus uns zu gesunden Ideen wieder
zurückgeführt, zu dem Glauben an einen einzigen Gott, seien jene
Superstitionen zerstört. Die menschliche Vernunft müsse anerkennen,
daß alle Erleuchtung von Gott komme, sie müsse sich seinem Geist
unterwerfen, und also bleibe nur übrig zu bestimmen, welch
wesentliche Charaktereigenschaften, Attribute, Ansichten und
Methoden Gott in Bezug auf die Harmonie des Weltalls habe.
Die Antwort auf die Frage Feuerbach's: »Wer hat Gott geschaffen?«,
Antwort: »der Mensch«, trifft schlagend hier bei Fourier zu, der
sich seinen Gott konstruirt, wie er ihn für sein soziales System
braucht.
Dieser sein Gott hat fünf wesentliche Eigenschaften, die ihn zu der
ihm zugedachten Stelle befähigen. Er ist alleiniger und
vollkommener Leiter aller Bewegung im Weltall; denn, sagt Fourier,
wenn Gott, dieser oberste Leiter, der alleinige Herr des
Universums, der Schöpfer und Vertheiler von und für Alles ist, so
hat er auch alle Theile des Weltalls zu lenken und besonders die
_wichtigsten_, die sozialen Beziehungen. Also ist er der soziale
Gesetzgeber und nicht die Menschen. Letztere haben nur das soziale
Gesetz zu suchen, das Gott ihnen bestimmte. Da erhebe nun die
Philosophie ihr Geschrei und setze sich, d.h. also die menschliche
Vernunft, an die erste, und Gott an die zweite Stelle. Das bedeute,
daß sie Gott von der Prärogative der Gesetzgebung in Sachen der
sozialen Ordnung ausschließe und sich an seine Stelle setze. Wem
leuchte nicht diese Anmaßung ein? Eine zweite Haupteigenschaft
Gottes sei, oberster Oekonom aller Hülfsmittel zu sein. Diese
Stellung erfordere, daß er die größten sozietären Vereinigungen den
kleinsten, wie der Familie und der isolirten Privatwirthschaft
vorziehe, daß er ferner als Motor die Anziehung der Triebe anwende,
welche zwölf große Ersparungen im Vergleich zu dem Regime der
Einschränkung und des Zwangs, wie es die Zivilisation besitze,
ermögliche. Diese zwölf Ersparungen zählt er auf. Die dritte
Haupteigenschaft Gottes bilde die distributive Gerechtigkeit. Davon
sehe man nicht einmal einen Schatten in der Zivilisation, _wo das
Elend der Völker in demselben Maße wachse, wie die Industrie
zunehme_. Das erste Zeichen von Gerechtigkeit in der Zivilisation
solle ein dem Volk garantirtes Minimum des Lebensunterhaltes sein.
Aber statt dessen sehe man das Gegentheil. Der Handelsgeist führe
dahin, die heiße Zone mit ihren den Heimathländern entrissenen
schwarzen Sklaven, die gemäßigte Zone mit weißen Sklaven zu
bedecken, die man in die industriellen Bagnos (die Fabriken)
zwinge. Wo sei auch nur ein Funke von Gerechtigkeit vorhanden, wenn
trotz des Wachsthums der Industrie den Armen nicht einmal die
Möglichkeit, Arbeit zu erhalten, garantirt sei? Wo diese Zustände
hintrieben, sehe man an England. Die distributive Gerechtigkeit,
die Gott wolle, gebe es nur in der Harmonie.
Die vierte Haupteigenschaft Gottes sei die Allgemeinheit der
Vorsehung. Sie müsse sich auf alle Völker, Wilde wie Zivilisirte,
ausdehnen. Da nun die Annahme unserer sozialen Ordnung von Wilden
und Barbaren verweigert werde, so sei dies ein Beweis, daß diese
Ordnung nicht den Ansichten Gottes entspreche, welcher ein System
wolle, das die Harmonie unter allen Menschen herstelle. Jede
Ordnung aber, die auf Gewalt beruhe, widerspreche der menschlichen
Natur. Jede Klasse, die wie die Sklaven, durch das heutige System
direkt, oder wie die Arbeiter indirekt unterdrückt würde, sei der
Stütze der Vorsehung beraubt, die auf der Erde durch die Anziehung
der Triebe in den industriellen Anwendungen allein zur Geltung
komme. Jeder Zustand, der auf der Gewalt beruhe, sei den Ansichten
Gottes entgegen, es müsse also eine soziale Ordnung hergestellt
werden, vor der alle Völker und alle Klassen sich neigten, wenn die
Vorsehung universell sein solle. Endlich, die fünfte
Haupteigenschaft Gottes sei, als Schöpfer des Weltalls auch die
Einheitlichkeit des Systems zu wollen, welche die Anwendung der
Anziehung als Triebfeder für alle sozialen Harmonien und alle
Welten voraussetze, von den Sternen bis zu den Insekten. Es sei
also das Studium der Anziehung, in dem man das göttliche, das ganze
All beherrschende Gesetz zu suchen habe. Weder Voltaire noch
Rousseau seien im Stande gewesen, dieses soziale Gesetz zu
entdecken; Voltaire habe in Gasconaden (prahlerischen Redensarten)
sich ergangen, Rousseau habe dem philosophischen Obskurantismus die
Wege gebahnt, Beide hätten das Ziel verfehlt.
Fourier greift also direkt die beiden Heiligen der französischen
Bourgeoisie an: Voltaire, der die Macht des Klerus und der Kirche
wie kein Zweiter untergrub und erschütterte, und Rousseau, der das
sozial-philosophische Lehrgebäude errichtete, dessen Theorien das
französische Bürgerthum in der großen Revolution in die Praxis
umzusetzen versuchte und, soweit auch wirklich umsetzte, als dies
die Praxis des Lebens, d.h. die materiellen Interessen der nunmehr
in Staat und Gesellschaft zur Herrschaft gekommenen Klasse
zuließen. In der Selbsttäuschung befangen, nagelte man als
Firmenschild die Devise: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit an,
jene Devise, die in so grellem Kontrast zur Wirklichkeit stand und
deren unbegreiflicher Widerspruch mit den Thatsachen die Kämpfe in
der Konstituante und im Konvent hervorriefen, die
Schreckensherrschaft der »Tugendhaftesten«, der blindesten Verehrer
Jean Jacques Rousseau's, der Robespierre, St. Just und Genossen
gebaren und schließlich mit der Diktatur eines Napoleon Bonaparte
endeten und enden mußten. Diesen Widerspruch zwischen den Theorien
und der Praxis hatte Fourier so scharf wie nur noch Einer, St.
Simon, erkannt und daher seine Angriffe und sein ätzender Spott
gegen die Philosophen, die Moralisten, die Metaphysiker, die
Politiker und Oekonomen, die geistigen Träger und Lobredner, die
Ideologen des bürgerlichen Systems.
Wie nun Fourier das Bedürfniß empfand, sein soziales System als mit
den Absichten Gottes in Einklang stehend darzustellen, sich selbst
als den Propheten der neuen von Gott gewollten Ordnung anzusehen,
so versuchte er auch den Nachweis, daß seine Theorien mit der Lehre
Jesu, den Schriften des Neuen Testaments im Einklang ständen. Nach
der Revolution war man in Frankreich wieder sehr fromm geworden,
Napoleon hatte sich schließlich mit dem Papstthum ausgesöhnt und es
als Vorspann für seine Kaiserherrlichkeit zu benutzen versucht. Der
Weizen der Kirche blühte erst recht, als nach dem Sturze
Bonaparte's die Restauration, gestützt auf die Bajonette der
heiligen Allianz, in Frankreich ihren Einzug hielt. Es konnte also
die Berufung auf die Aussprüche Christi unter keinen Umständen
schaden, namentlich wenn man, wie Fourier, entschlossen war, die
Unterstützung für sein soziales System zu nehmen, wo man sie fand,
und die er, wenn überhaupt, nur in den Kreisen der Großen und
Reichen finden konnte. Er war daher sehr ärgerlich und sogar
überrascht -- letzteres ein Beweis dafür, daß Ueberzeugung und
nicht blos Berechnung im Spiele war -- als er erfuhr, daß der Papst
seine Werke gleich denen von Owen und Lamartine auf den Index
gesetzt habe. Er, der scharfsinnige Denker, konnte nicht fassen,
daß der Gott, dem er huldigte, der Schützer und Begünstiger aller
sinnlichen Triebe, dessen Kredo lautete: »Mensch genieße, und je
mehr du genießest, um so besser entsprichst du dir selbst als
Mensch, deiner menschlichen Bestimmung und Gott als deinem
Schöpfer,« wir sagen, er konnte nicht fassen, daß dieser Gott ein
ganz anderer Gott war, als jener der christlichen Askese, der die
Verachtung des Reichthums, der irdischen Güter, der fleischlichen
Genüsse und Begierden, kurz die Verachtung der Welt predigte.
Fourier legte ein besonderes Gewicht darauf, wie er in seinen
Schriften nachdrücklich und wiederholt hervorhebt, in Sachen der
Wissenschaft mit Newton, in Sachen seiner sozialen Theorien mit
Christus übereinzustimmen. Indem er sich auf die Aussprüche Jesu im
Neuen Testamente stützt, bricht um so heftiger sein Zorn gegen die
Philosophen los, die, wie er voraussetzt, aus niedrigen,
egoistischen Motiven und verletzter Eitelkeit ihn bekämpfen, daß
er, der Mann ohne Rang und Namen, der keine wissenschaftlichen
Schulstudien absolvirt, eine Entdeckung gemacht habe, die bestimmt
sei, das Schicksal des Menschengeschlechts und das Aussehen des
Erdballs zu verändern.
Wie er die Aussprüche Jesu zu seinen Gunsten und zugleich zu
Angriffen auf seine ihm verhaßtesten Gegner zu verwenden sucht,
dafür mögen die folgenden Beispiele zeugen:
»'Glücklich die Armen am Geist, denn das himmlische Königreich ist
ihnen.' Kein Gleichniß ist bekannter, keins weniger begriffen. Wer
sind die Armen am Geiste, die Christus hier rühmt? Es sind
Diejenigen, die sich vor dem falschen Wissen der zweifelhaften
Philosophie bewahren. Dieses falsche Wissen ist für das Genie die
Klippe, der Weg zum Ruin, der es von dem rechten Wege, der zu allen
nützlichen Studien führt, aus denen die sozietäre Harmonie, das
himmlische Königreich und die Gerechtigkeit, die Jesus zu suchen
befiehlt, hervorgehen, ablenkt. Vor dem Mißbrauch unseres Geistes,
vor dem Labyrinth dieser durch ihre eigenen Autoren verurtheilten
Philosophie, die wie Voltaire zu ihrer eigenen Schmach sagen: Oh!
welch dicke Finsterniß bedeckt noch die Natur! muß man uns
schützen. Die wahre Erleuchtung bringt Jesus. Die Entdeckung des
sozietären Mechanismus und des Studiums der Anziehung ist den
geraden Geistern vorbehalten, welche die Sophismen verabscheuen.
Sagt doch Jesus (Matth. XI, 25): 'Ich preise Dich Vater und Herr
des Himmels und der Erde, daß Du solches den Weisen und Klugen
verborgen hast, und hast es den Unmündigen geoffenbaret.' Die
Erkenntniß ist also den einfachen Geistern bewahrt, die Philosophen
können sie nicht entdecken. Indem Jesus von den Armen am Geiste
spricht, will er der Unwissenheit kein Lob zollen, wie die Spötter
ihm unterschieben, er bezeugt damit nur seine Verachtung für die
hartnäckig gepredigten wissenschaftlichen Dunkelheiten.«
»Die soziale Welt kann das Geheimniß der Bestimmungen nur erfassen,
wenn sie darauf hin ihre Untersuchungen macht, aber die Erkenntniß
wird ihr vorenthalten sein, so lange sie nicht sucht. Das sagt
Jesus deutlich, indem er spricht (St. Luc. XI): 'Suchet, so werdet
ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgethan' und (St. Luc. XII):
'Glaubt ihr, daß Gott für euch weniger als für die Vögel unter dem
Himmel sorgt?' Was würde das Suchen nützen, wenn man keinen anderen
Ausgang fände, als die Zivilisation, diesen Abgrund von Elend, der
immer dieselben Geißeln, nur unter wechselnden Formen, erzeugt?
Zweifellos bleibt also eine glücklichere Gesellschaft zu entdecken
übrig, wenn der Retter uns selbst zum Suchen auffordert. Aber warum
hat er nicht selbst uns über diese aufgeklärt? Kannte er nach
seinen eigenen Worten, Vergangenheit und Zukunft, das Ganze der
Bestimmungen, indem er sagt: 'Mein Vater hat alles in meine Hände
gegeben', konnte er uns da nicht über unsere sozietäre Bestimmung
belehren, anstatt uns zu veranlassen, die Entdeckung zu machen, die
dann durch unser blindes Vertrauen in die Philosophen so viele
Jahrhunderte verzögert wurde?« Fourier, der diese Fragen stellt,
ist natürlich um die Antwort nicht verlegen, er antwortet: »Da
Jesus von seinem Vater mit der religiösen Offenbarung beauftragt
war, konnte er nicht noch mit der sozialen belastet werden, sie war
vielmehr ausdrücklich ausgenommen, wie er selbst in den Worten
ausspricht: 'Gebt Cäsar, was des Cäsars ist, und Gott, was Gottes
ist.' Er trennte also die Funktionen streng, je nachdem sie der
Autorität oder der sozialen Politik zufielen. Er that also nicht,
was nicht seine Aufgabe war, aber er kannte die glückliche
Bestimmung des Menschengeschlechts, denn er sagt: 'Gott hat seinen
Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß
die Welt durch ihn selig werde.' Seine Mission beschränkte sich auf
das Wohl der Seelen und das ist der edelste Theil unserer
Bestimmung, dagegen bleibt der untergeordnete Theil, der über das
politische Wohl der Gesellschaften, der menschlichen Vernunft
vorbehalten, und demzufolge auch die Untersuchung des sozialen
Mechanismus nach den Wünschen Gottes; ein Weg, welcher durch die
Berechnung der Anziehung entdeckt wurde.«
»Jesus liebt es, sich in Anspielungen auf unsere glückliche
Bestimmung zu ergehen und auf das, was uns bevorsteht; so sagt er
uns im Wesentlichen: Das Wohl der Seelen geht allem voran, was die
Körper, die weltlichen Gesellschaften betrifft, sie sind noch im
Abgrund der Ungerechtigkeit, genannt Zivilisation; lasset sie
darin; es ist eure Aufgabe, den Zankapfel unter sie zu tragen:
'Denn von nun an werden fünf in einem Hause uneins sein, drei wider
zwei und zwei wider drei. Es wird der Vater wider den Sohn und der
Sohn wider den Vater sein; die Mutter wider die Tochter und die
Tochter wider die Mutter etc.' Genöthigt, auch den Ausgang aus
dieser sozialen Hölle zu verheimlichen, 'bin ich gekommen, ein
Feuer auf Erden anzuzünden; was wollte ich lieber, denn es brennte
schon.' (St. Luc. XII.) Dieser Wunsch Jesu, daß es schon brenne,
ist weit entfernt, ein übelwollender zu sein, es spricht vielmehr
aus ihm die edle Ungeduld, das Maß der Irrthümer der Philosophie
gefüllt zu sehen, jener Philosophie, die alle Uebel, die sie zu
heilen vorgiebt, verschlimmert und durch das blinde Vertrauen, das
wir in sie gesetzt, uns schmachvoll zwingt, den Ausgang aus dem
politischen Labyrinth, in das sie uns geführt, zu suchen. Darum
erhebt er auch mit Wärme gegen die Sophisten, die uns vom rechten
Studium abwenden wollen, seine Stimme, indem er sie verfluchend
sagt: 'Wehe euch Schriftgelehrten und Pharisäer, ihr Heuchler, daß
ihr seid, wie die verdeckten Todtengräber, darüber die Leute
laufen, und kennen sie nicht. Wehe euch Schriftgelehrten, die ihr
die Menschen mit unerträglichen Lasten beladet und rühret sie nicht
mit einem Finger an. Wehe euch, die ihr den Schlüssel der
Erkenntniß weggenommen habt; ihr kommt nicht hinein, und wehret
denen, so hinein wollen.' (St. Luc. XI.) Ja die Philosophen wehren
uns den Eintritt, indem sie sich bemühen, mit metaphysischen
Subtilitäten das Studium des Menschen zu verbarrikadiren, das
einfachste Studium von allen, das nichts als eine von Vorurtheilen
freie Vernunft erfordert, vertrauend der Anziehung wie die Kinder.
Darum sagt auch Jesu: 'Laßt die Kindlein zu mir kommen und wehret
ihnen nicht, denn ihrer ist das Reich Gottes.' Und: 'Wer das Reich
Gottes nicht empfängt wie ein Kindlein, der wird nicht
hineinkommen.'«
Das größte Hinderniß, daß die Philosophen nicht den rechten Weg für
ihre Studien einschlugen, sei ihr Egoismus, den sie unter der Maske
der Philanthropie versteckten, darum ruft ihnen Jesu mit Heftigkeit
zu: 'Ihr, die ihr böse seid von Jugend auf, könnt ihr sagen, daß
ihr irgend etwas Gutes thatet?' Und: 'Wehe euch Schriftgelehrten
und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr gleich seid übertünchten
Gräbern, die auswendig hübsch scheinen, aber inwendig voller
Todtenbeine und Unflaths sind. Von außen scheint ihr den Menschen
fromm, aber inwendig seid ihr voller Heuchelei und Untugend.' Der
niedrigste Egoismus habe die Philosophie auch verhindert, dem Volke
das einfachste und natürlichste Recht, das Recht auf ein Minimum
des Lebensunterhalts, zuzusprechen, ein Minimum, das Christus den
Pharisäern gegenüber ausdrücklich in den Worten anerkannt habe:
'Habt ihr nie gelesen, was David that, da es ihm noth war, und ihn
hungerte, sammt denen, die bei ihm waren? Wie er in das Haus Gottes
ging, zur Zeit Obadja's, des Hohenpriesters, und aß die Schaubrote,
die Niemand durfte essen, denn die Priester; und er gab sie auch
denen, die bei ihm waren?' _Jesus hat also damit das Recht, zu
nehmen, wo man das Nothwendige findet, geheiligt, und dieses Recht
schließt implizite die Pflicht ein, dem Volk ein Minimum zu
sichern_; so lange diese Pflicht nicht anerkannt wird, besteht für
das Volk der soziale Vertrag nicht. Das ist das erste Gebot der
christlichen Liebe. Die Philosophie weigert sich hartnäckig, dieses
Recht zu lehren, einfach, weil sie nicht weiß, durch welche Mittel
sie es dem Volk verschaffen soll, das ist freilich auch unmöglich,
so lange man nicht weiß die Zivilisation zu einer höheren
Gesellschaftsordnung zu erheben.«
Fourier sieht aber nicht blos sein System an und für sich durch die
Aussprüche Jesu als sicher in Aussicht gestellt, er findet sogar
einige seiner Haupttheorien durch sie gerechtfertigt, so die
Anerkennung der Gourmandise und die Nachsicht gegen die armen
Sünderinnen, die unter der Herrschaft der Zivilisation ihrem
Liebes- und Lebenstrieb nur in der Form der Prostitution Rechnung
zu tragen vermögen. Er (Fourier) führt Folgendes an: »Auf den
Vorwurf der Juden, die Jesu vorwerfen, gute Mahlzeiten zu lieben,
antwortete er: 'Johannes der Täufer ist gekommen und aß kein Brot
und trank keinen Wein; da sagtet ihr: Er hat den Teufel. Des
Menschen Sohn ist gekommen, isset und trinket, da saget ihr: Siehe
der Mensch ist ein Fresser und Weinsäufer, der Zöllner und Sünder
Freund.' Und er antwortet weiter: 'Die Weisheit wird gerechtfertigt
sein von allen ihren Kindern.' (St. Luc. VII.) Jesus beurtheilte
also die Weisheit als sehr verträglich mit den Genüssen. Und um dem
vorgeführten Beispiel zu entsprechen, setzt er sich an die reich
bedeckte Tafel eines Pharisäers, der ihn eingeladen hatte. Da kommt
eine Kourtisane, wäscht ihm die Füße und salbt ihn mit
wohlriechender Salbe. Der Pharisäer hält sich darüber auf, daß er
sich von einem solchen Weibe das gefallen lasse. Jesus aber
antwortete ihm: »Ihr sind viele Sünden vergeben, denn sie hat viel
geliebt; welchem aber wenig vergeben wird, der hat wenig geliebt.«
Voll Mitleid für das unterdrückte Geschlecht, verzeiht er der
Sünderin und der Ehebrecherin Magdalena. Auch sagt er uns: »Mein
Joch ist süß und meine Last leicht.«
»Christus will also, daß man weder Feind des Reichthums noch der
Vergnügungen sei, er fordert nur, daß man mit dem Genießen des
Guten den Glauben verbinde, weil es der Glaube ist, der uns zur
Entdeckung des sozietären Regimes, des himmlischen Königreichs
führt, 'wo alle Güter im Uebermaß vorhanden sein werden'. (St. Luc.
XII.) Den Reichthum tadelt er nur rücksichtlich der Laster, zu
denen er in der Zivilisation verführt, weshalb er sagt: »Es ist
leichter, daß ein Kameel durch ein Nadelöhr geht, als daß ein
Reicher in's Himmelreich kommt.'«
Aus alledem gehe hervor, meint Fourier weiter, daß man die Worte
Jesu erst dann richtig fassen könne, wenn man die Bestimmung der
Menschheit kenne, denn hierfür enthielten sie die verschleierten
Vorhersagungen. Wohl beachten möge man, was Jesus gegen die
Sophisten sage, wenn er diesen zurufe: »Sehet euch vor, vor den
falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig
aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten sollt ihr sie
erkennen. Kann man Trauben lesen von den Dornen, oder Feigen von
den Disteln?« (Matth. VII.) Man müßte nach alledem fragen, wie es
komme, daß die Kirche, die doch sehr bedeutende Männer, wie
Bossuet, Fenelon und viele Andere gehabt habe, zu keinem Zweig des
Studiums der Anziehung gekommen sei; aber da heiße es von ihr wie
im Kap. XXIII von Matth.: »Sie sagen wohl, was man thun soll, aber
sie thun es nicht.« Er greift dann auf's Neue die Philosophen,
namentlich Voltaire und Rousseau an, und wendet sich wiederholt
gegen Owen und seine Anhänger, jene Sektirer, die unter dem Namen
der Assoziation anti-sozietäre Vereinigungen bildeten und die
Methoden, durch die allein die Uebereinstimmung der Triebe und die
Anziehung der Arbeit erzeugt werden könne, zurückwiesen. Außerdem,
was könne man von einer Sekte, wie die Owen'sche, erwarten, die
darauf ausgehe, Gott zu leugnen und ihm die Huldigung zu
verweigern? Owen habe es sorgfältig vermieden, seine Assoziation
auf der Grundlage des sozietären Regimes zu begründen, das habe
seinen Stolz verwundet. Owen sei nur ein mittelmäßiger Sophist,
welcher G. Penn (den Gründer der Sekte der Quäker) kopirt habe.
Darauf wendet sich Fourier gegen den Widerstand, den er mit seinen
Theorien in Paris gefunden. Es scheine, daß das neunzehnte
Jahrhundert dasselbe Schauspiel bieten wolle, das die Zeitalter
eines Kolumbus und Galilei der Nachwelt geboten; allen voran gehe
Paris, in welchem der satanische Geist, der Geist des fünfzehnten
Jahrhunderts, noch heute herrsche. Paris sei das moderne Babylon
und von ihm gelte, was Jesu über Jerusalem ausgerufen: »Jerusalem!
Jerusalem! die du tödtest die Propheten und steinigst, die zu dir
gesandt wurden.« Seine Gelehrten seien eine Legion von Eiferern,
die Jesu kennzeichnete, als er sagte: »Wehe euch Schriftgelehrten
und Pharisäern, ihr Heuchler, die ihr der Propheten Gräber bauet,
und schmücket der Gerechten Gräber. Und sprecht: Wären wir zu
unserer Väter Zeiten gewesen, so wollten wir nicht theilhaftig
sein, mit ihnen an der Propheten Blut.« Was seien die
Unternehmungen der Zivilisirten? Nichts als Verfeinerungen der
Barbarei, indem man vermittelst der Reduktion der Löhne den Völkern
die Eisen verniete, und durch Einschließung der armen Klasse in die
modernen Bagnos, Manufakturen genannt, ihnen weder Wohlsein noch
Rückkehr gestatte. Diese merkantilen Bedrückungen seien durch Jesu
wie die Kirchenväter genügend gekennzeichnet. Chrisostomus erkläre:
»ein Kaufmann kann Gott nicht angenehm sein«, und Christus habe sie
mit Ruthenhieben aus dem Tempel getrieben, ihnen zurufend: »Ihr
habt mein Haus zu einer Diebshöhle gemacht.« Endlich sende die
Vorsehung einen Führer, welcher die schwachen Seiten der
merkantilen Hydra zu fassen wisse, und der, indem er das wahre und
allein heilbringende soziale System inaugurire, die Welt von dem
goldenen Kalb, »dem würdigen Ideal einer blinden Sekte, die Blinde
führt«, befreie.