»Für den neuen sozietären Zustand ist die Erziehung von der größten

Wichtigkeit; sie hat zum Zweck, alle körperlichen und geistigen

Fähigkeiten zur vollen Entwicklung zu bringen, und soll überall,

selbst in den Vergnügungen, produktiv angewendet werden. Unsere

heutige Erziehung wirkt entgegengesetzt; sie unterdrückt und

verschlechtert die Fähigkeiten des Kindes; sie leitet die Jugend im

Widerspruch mit der Natur, denn der erste Zweck der Natur oder der

Anziehung ist der Luxus -- körperliche Kraft und Verfeinerung der

Sinne. Der Luxus erzeugt bei dem Kinde eine lebhafte Anziehung für

produktive Thätigkeit, die ihm heute verhaßt ist. Seine Entwicklung

ist also eine falsche, die heutige Erziehung schwächt seine

Gesundheit. Man nehme hundert Kinder, ganz nach Zufall, aus der

reichen Klasse, die gute Pflege und gute Nahrung haben, und man

wird finden, daß sie weniger kräftig sind, als hundert halbnackte

Dorfkinder, die mit Schwarzbrot genährt werden und wenig Pflege

haben. Aber der treffendste Beweis für unser falsches

Erziehungssystem ist, daß es die Anlagen des Kindes nicht zur

Entfaltung bringt, sondern dies dem Zufall überläßt. Abgesehen von

den verschiedenen Systemen der Erziehung, man zerstört die Anlagen,

sei es in der Häuslichkeit, sei es in der Welt, durch ein Dutzend

ganz entgegengesetzter Methoden, die dem Kinde ganz widersprechende

Impulse geben, seine erste Erziehung durch eine ganz neue

absorbiren. Das geschieht durch das, was man den Geist der Welt

nennt. Ist ein junger Mann sechzehn Jahre alt geworden und tritt in

die Welt ein, so lehren ihn Väter, Verwandte, Nachbaren, Diener,

Kameraden, sich über die Lehren, die ihn im jüngeren Alter

einschüchterten, lustig zu machen, sich mit den Sitten der galanten

Welt in Einklang zu setzen; sie rathen ihm, über die Lehren der

Moral, die den Vergnügungen feind sind, zu lachen und sich darüber

hinwegzusetzen, um später von den Liebeleien, nachdem er sie

genügend genossen, zu den Geschäften des Ehrgeizes überzugehen.

Welch eine Absurdität unserer Erzieher, dem Kinde ein System von

Ansichten einzutrichtern, die jetzt bei ihm über den Haufen zu

werfen alle Welt sich bemüht! Man wird keinen jungen Mann von

zwanzig Jahren treffen, der, eine glückliche Gelegenheit zum

Ehebruch findend, das Beispiel des keuschen Joseph nachahmt, »der

Moral und den gesunden Doktrinen« folgt. Fände man ihn, er würde

dem Publikum und den Moralisten selbst ein Räthsel sein. Ebenso

würde sich die ältere Welt über einen Finanzmann moquiren, der,

obgleich er es ungestraft thun kann, sich mit fremdem Eigenthum die

Taschen nicht füllte: er würde als ein Dummkopf, ein Visionär

betrachtet, der nicht weiß, »daß, wenn man an der Krippe sitzt,

auch essen soll«. In welch falscher Stellung befinden sich da nicht

unsere Erziehungsdoktrinen.«

»Der große Zweck und die Aufgabe der Erziehung muß sein, Charaktere

wie die von Nero, Tiberius, Ludwig XI. ebenso nützlich für die

Gesellschaft zu machen, wie diejenigen eines Titus, Marc Aurelius,

Heinrich IV.[17] Um diesen Zweck zu erreichen, muß von der Wiege an

das Naturell des Kindes sich frei entwickeln, während wir bemüht

sind, von der Wiege an dieses Naturell zu ersticken und zu

verkünsteln. In der Zivilisation denkt man bei dem niedrigsten

Lebensalter nur an die rein physische Sorge, wohingegen der

sozietäre Zustand schon vom Alter von sechs Monaten ab sehr wirksam

auf die intellektuelle wie materiellen Fähigkeiten des Kindes

achtet.«

[Fußnote 17: Der Letztere dürfte wohl kein passend gewähltes

Muster sein, indeß man muß stets beachten, _wann_ das Gesagte

geschrieben wurde. Die historische Forschung stak damals noch in

den Kinderschuhen, Fourier folgte hier dem allgemeinen Vorurtheil,

das zu Gunsten Heinrich's IV. sprach. Der Verf.]

»Zunächst sei festgestellt, daß in der Assoziation die Pflege und

Unterhaltung der extremen Alter, der Kinder bis zu drei Jahren und

der Patriarchen, als Liebeswerk der Gesammtheit angesehen wird.

(Man halte fest, daß nach Fourier vom dritten Jahre ab die Kinder

in der Phalanx sich schon so nützlich erweisen, daß sie ihre

Erziehungs- und Unterhaltungskosten voll decken.) Das Prinzip in

der Erziehung ist dasselbe wie in allen andern Funktionen der

Assoziation. Man bildet Serien für die Funktionäre, wie für die

Funktionen.«

»Die Bonnen bilden Serien, und ebenso werden die Kinder nach den

Charaktereigenschaften und Temperamenten, die sie alsbald nach

ihrer Geburt offenbaren, in Serien geordnet und in die bezüglichen

Säle vertheilt. Da bildet sich eine Serie der Friedlichen, der

Widerspenstigen, der Verwüster oder Teufelchen. Die Bonnen, die Tag

und Nacht ihre Posten versehen, wechseln ihren Dienst wie in allen

übrigen Beschäftigungen alle ein und einhalb bis zwei Stunden. Die

Bonnen werden von Unterbonnen -- jungen Mädchen, die für die Pflege

der Kleinen Neigung haben -- unterstützt. Die Mütter können -- wie

schon erwähnt -- ebenfalls als Bonnen eintreten, anderen Falles

finden sie sich zu den Stunden ein, wo sie dem Kinde die

Mutterbrust geben oder sich nach seinem Befinden erkundigen wollen.

Die Mutter ist also nicht, wie die meisten Mütter in der

Zivilisation -- namentlich wenn sie unbemittelt sind und keine

Pflegerin halten können --, Tag und Nacht an das Kind gefesselt.

Die Bonnen wählen sich die Säle, in denen sie ihre Pflichten

versehen wollen; Jede ist bemüht, für ihr Verhalten und die Pflege,

die sie den Kindern zu Theil werden läßt, den Beifall und den Dank

der Mütter zu erwerben. Auch ist Tag und Nacht ärztlicher Beistand

vorhanden, sobald er gebraucht wird. Die Aerzte nehmen in der

Phalanx eine ganz andere Stellung ein, als in der Zivilisation; sie

erhalten ihre Belohnung nicht nach der Zahl der Kranken, _sondern

nach der Zahl der Gesunden_; sie sind also dabei interessirt, daß

die Phalansterianer möglichst gesund bleiben, wohingegen heute sich

die Aerzte recht viel Kranke, namentlich reiche Kranke wünschen.

Um den Zweck guter Pflege und Gesundheit zu erreichen, sind alle

Einrichtungen für die Kleinen auf das denkbar Beste und

Zweckmäßigste getroffen. Die Kleinen befinden sich in einer Lage,

wie sie in der heutigen Ordnung kaum die Reichsten ihren Kindern zu

schaffen vermögen, bei denen die Bonnen Tag und Nacht

ununterbrochen in Anspruch genommen sind und ermüden. Sobald das

Kind sechs Monate alt ist, ist man bemüht, seine Sinne zu wecken.

Was es hört und sieht, ist darauf berechnet, seine Sinne zu

raffiniren: es hört nur guten Gesang und gute Musik, es sieht nur

die schönsten Bilder, die elegantesten Spielsachen, es empfängt

später die passende Unterweisung und freundliche Belehrung. In

Folge dieser Erziehung wird das Kind in der Assoziation mit drei

Jahren intelligenter und geschickter sein, als es bei uns mit sechs

Jahren ist. In der Zivilisation trägt Alles dazu bei, Geist und

Sinne des Kindes zu fälschen, wenn sie nicht gar unterdrückt

werden. Eltern, Dienstboten, Verwandte verderben durch ihr

widersprechendes Verhalten und häufigen Unverstand den Charakter

des Kindes und hindern die Erziehung.«

»In der Phalanx ist man bemüht, die Triebe, sobald sie sich zeigen,

in geeigneter Weise zu befriedigen und die Anlagen des Kindes

dadurch zu wecken. Die Bonnen führen das Kind in die

Spielwerkstätten und Küchen, wo es Alles sieht und durch das

Beispiel der älteren Kinder der Nachahmungstrieb bei ihm geweckt

wird. Es wird sich alsdann zeigen, daß der Trieb des Kindes, Alles

zu sehen, Alles zu untersuchen, Alles anzuwenden; die Liebhaberei

für lärmende Beschäftigung; die Sucht, Alles nachzuahmen und selbst

zu hantiren, und namentlich die Neigung, sich den _Aelteren,

Stärkeren und Geschickteren anzuschließen und diese als seine

Lehrer zu betrachten, in ungeahnter Weise seine Entwicklung

fördert_. Diese letztere Eigenschaft ist die wesentlichste, weil

sie am besten alle Anlagen im Kinde weckt. Hierzu kommt der Eifer,

es Seinesgleichen zuvor zu thun.«

»Es giebt eine ganze Reihe von Mitteln, die das Kind anreizen und

anziehen und seine Anlagen zum Aufbruch bringen. Dahin gehören also

vorzugsweise: Die Freude an kleinen Werkzeugen, den verschiedenen

Altern angepaßt; der Reiz zum Schmuck: Uniformen, Waffen, Fahnen,

die nach Graden gegeben werden; Paraden der kleinen Geschmückten;

passende Tischgenossenschaften, wobei der Geschmack geweckt wird;

Stolz des Kindes, wenn es glaubt, etwas von größerem Werth

geleistet zu haben, ein Glaube, in dem man es bestärkt; der

Nachahmungstrieb, der veranlaßt wird, wenn es von älteren Kindern

für seine Leistungen Lob empfängt; volle Freiheit in der Wahl

seiner Beschäftigung, es muß jeden Augenblick eine solche

unterbrechen und zu einer andern übergehen können; der Korpsgeist,

der sich bei Kindern leicht entwickelt; die Rivalitäten zwischen

den einzelnen Chören, Gruppen, Serien.«

Fourier führt vierundzwanzig solcher Anreize auf, wir begnügen uns

mit den aufgezählten neun. Den Kindern wird ferner mit der größten

Wahrheitsliebe begegnet, Niemand schmeichelt ihnen. Ihre natürlichen

Lehrer sind die älteren und erfahreneren Kinder, denen sie mit

großer Anhänglichkeit folgen; jedes wird streben, über seine

Altersklasse hinauszukommen. Ein Verweis, den es von einem älteren

Kinde bekommt, das es als Beispiel sich vorgenommen, wird ihm die

härteste Strafe sein, ein Lob der höchste Lohn. Will das Kind in

eine höhere Erziehungsstufe aufrücken, so hat es eine Prüfung

seiner Fertigkeiten abzulegen; je nach dem Ausfall derselben

bekommt es eine Ehrenerweisung oder einen Grad. Bis zum neunten

Lebensjahre ist die Erziehung physisch und materiell, dann beginnt

auch die intellektuelle. Der Körper muß erst die nöthige Festigkeit

erlangt haben, ehe die geistige Thätigkeit mit gutem Erfolg beginnen

kann. Trieb und Anlagen der beiden Geschlechter werden später in

Folge der verschiedenen Natur ganz von selbst differiren. Man darf

annehmen, daß für die Wissenschaften zwei Drittel Männer und ein

Drittel Frauen, für die Künste ein Drittel Männer und zwei Drittel

Frauen neigen. Zwei Drittel der Männer werden mehr Neigung für die

große Kultur und ein Drittel mehr für die kleine haben, bei den

Frauen umgekehrt. Aehnlich werden sich die Ausgleichungen auf allen

Gebieten finden.

»In dem Alter, wo bei uns die Erziehung erst beginnt, mit fünf

Jahren, sind bei dem Kind der Assoziation bereits alle Anlagen zum

Aufbruch gekommen. Bis zum 20. Jahre wird kein Zweig der

Agrikultur, der Industrie, der Gewerbe, der Künste und

Wissenschaften ihm fremd sein; seine körperliche und geistige

Erziehung ist dann eine harmonische. Der Unterschied des

Erziehungssystems in der Zivilisation und der Assoziation ist: Dort

wird die Erziehung auf der kleinsten häuslichen Verbindung, der

Familie, begründet, in der Assoziation auf drei großen Gruppen:

Chöre, Serien von Gruppen und die Serien der Phalanx. Dort überall

Störungen, Mangel an Mitteln, Unfreiheit, Unterdrückung,

Einseitigkeit, hier volle Freiheit, Ueberfluß der Mittel,

Vielseitigkeit. Dort Klassen- und Standesunterschied, hier

Gleichberechtigung für Alle, kein anderer Unterschied als der,

welchen die natürlichen Anlagen und Fähigkeiten ergeben.«

»In der Harmonie nehmen die Kinder lebhaften Antheil an den

Rivalitäten der einzelnen Kantone, die selbst wieder als

Erziehungsmittel benutzt werden. Zum Beispiel: In der Phalanx von

Meudon kultivirt eine Gruppe Kinder Aurikeln und ist pikirt, daß

die bezügliche Gruppe in der Phalanx von Marly bei dem Wettbewerb

den Preis davon trug. Die Kinder wollen also die Ursache ihres

Mißerfolgs kennen lernen, der vielleicht in der Verschiedenheit des

Bodens zu suchen ist. Der Reverend, welcher die bezügliche Gruppe

leitet, giebt ihnen darauf Unterweisung über die Verschiedenheit

der Bodenarten, und dieses Studium, in den andern Gruppen

wiederholt, bringt ihnen allmälig die Elementarkenntnisse über

einen Zweig des Mineralreichs bei. Diese Belehrungen werden der

Köder, daß die Kinder in der Schule nach bezüglichen Lehrbüchern

verlangen, und so bilden sie sich weiter.«

»Diese Verbindung der verschiedenen Hebel und Anreize existirt in

der Zivilisation nicht, und dann ist man erstaunt, daß das Kind

sich weder zur Landkultur, noch zu den exakten Wissenschaften

hingezogen fühlt, wohingegen die Rivalitäten in der Serie in ihm

schon sehr frühzeitig das Bedürfniß nach Wissen und Unterweisung

wecken, ohne daß man ihm merkbar die Anregung dazu beibringt. Bei

den Kindern in der Zivilisation finden wir überall den

Zerstörungstrieb und den Hang zum Müßiggang, in der Harmonie

überall Antrieb zu nützlicher Beschäftigung und zu Studien. Das ist

der Unterschied zwischen den beiden Gesellschaftsformen. Die

Zivilisation, die kleine Vandalen züchtet, darf sich nicht wundern,

wenn sie später so viele erwachsene Vandalen besitzt.«

Nach Fourier sollen aber die Kinder auch in höherem Grade für die

Allgemeinheit sich nützlich machen. Wie in der Assoziation das

Vergnügen selbst materiellen Nutzen schafft, so auch die Erziehung.

Wie schon bemerkt, umfassen die beiden ersten Stämme: die Cherubins

und Seraphins, das Alter von 4½-9 Jahren, und die dritte Phase

der Kindheit umfaßt die Stämme der Lyzeisten und Gymnasiasten im

Alter von 9-15½ Jahren; Lebensalter, in denen die Betheiligten

der Assoziation wichtige Dienste leisten können, immer, indem sie

sich vergnügen. Bei den Kindern treten gewisse

Charaktereigenschaften auf, die für die Gesammtheit nützlich

verwandt werden können. Es ist eine bekannte Thatsache, daß die

Knaben durchschnittlich zur Unsauberkeit neigen, dagegen die

Mädchen für den Putz eingenommen sind. Nun giebt es in der

Assoziation Beschäftigungen, die unangenehm sind, für diese sind

die Charaktereigenschaften der Kinder nützlich zu verwerthen.

Fourier rechnet, daß unter den Knaben zwei Drittel und unter den

Mädchen ein Drittel zu unsauberen Beschäftigungen eine gewisse

Neigung haben. Diese nennt er die »kleinen Horden«. Umgekehrt sind

zwei Drittel der Mädchen und ein Drittel der Knaben für den Putz

und die Reinlichkeit eingenommen, diese nennt er die »kleinen

Banden«. Die kleinen Horden und die kleinen Banden setzen sich aus

den 4 Stämmen im Alter von 4½-15½ Jahren zusammen. »Die

kleinen Horden streben zum Schönen auf dem Weg des Guten, die

kleinen Banden streben zum Guten auf dem Wege des Schönen.«

»Die kleinen Horden, die von lebhaftem Ehrgefühl und mit

Unermüdlichkeit erfüllt sind, vollziehen jede unangenehme Arbeit,

für welche sich sonst kaum Jemand findet. Sie sind überall, wo der

Einheitlichkeit der Phalanx durch Unordnung Gefahr droht; sie

stehen stets in der Bresche.« (Fourier will hiermit sagen, daß,

ohne die Hingabe der kleinen Horden an die unangenehmen Arbeiten,

die Phalanx zum Zwang würde greifen müssen, wodurch der auf voller

Freiwilligkeit und Anziehung beruhende Mechanismus der Phalanx

tödtlichen Schaden erlitte. In der Phalanx darf kein Schatten von

Zwang vorhanden sein, wenn sie ihren idealen Zweck erreichen soll.)

Die kleinen Horden theilen sich in drei Klassen; die erste

beseitigt den Unrath, reinigt Straßen und Rinnen, schafft die

Küchen- und Fleischereiabfälle fort; die zweite vollzieht die

gefährlichen Arbeiten, sie verfolgt die Reptilien, tödtet die

kleinen Raubthiere, sie muß stets am Platze sein, wo große

Gewandtheit erfordert wird: Klettern, Springen. Die dritte Klasse

bildet gewissermaßen die Reserve, sie hilft, wo sie gebraucht wird.

Die kleinen Horden haben ferner das Raupen, Unkrautjäten und die

Vertilgung der Giftschlangen zu besorgen; sie halten Straßen und

Wege in Ordnung und legen großen Werth darauf, von Fremden für ihre

Ordnungsliebe belobt zu werden. Um überall rasch bei der Hand zu

sein, reiten sie auf Zwergpferden.

Obgleich die Arbeit der kleinen Horden wegen Mangel an direkter

Anziehung die schwierigste ist, werden sie von allen Serien

materiell doch am niedrigsten gelohnt; sie nehmen aber auch kein

Geschenk an, selbst wenn es in der Assoziation für anständig gelte,

ein solches anzunehmen; sie setzen ihren Stolz darein, aus Hingabe

für die Assoziation, die für ihren Bestand so nützlichen und

notwendigen Arbeiten zu verrichten. Für ihre freiwillige Hingebung

tragen sie den Titel »Verbindung für Verbesserungen«.

»Die kleinen Horden sind also in Wahrheit der Ausbund aller

bürgerlichen Tugenden; sie üben zur Ehre der Gesellschaft die

Selbstverleugnung, die das Christenthum empfiehlt, und verachten

die Reichthümer, wie die Philosophen empfehlen; sie verwirklichen

alle erträumten Tugenden der Zivilisation. Bewahrer der sozialen

Ehre, zertreten sie nicht nur bildlich, sondern physisch und

thatsächlich der Schlange den Kopf, befreien sie die Gesellschaft

von dem schlimmen Gift der Viper; sie ersticken den Stolz und

verhüten das Aufkommen des Kastengeistes.«

Für alles das Gute, das sie der Gesellschaft leisten, werden sie

hoch geehrt. Bei allen Paraden und Festlichkeiten marschiren sie an

der Spitze. Handelt es sich um besonders schwierige und rasch zu

erledigende Arbeiten -- z.B. daß ein Gewitter Straßen und Wege

verletzt, Bäume und Sträucher schwer beschädigte, oder daß eine

Ueberschwemmung eingetreten ist --, so versammeln sich die kleinen

Horden von vier oder fünf Nachbarphalanxen zu gemeinsamer Handlung;

sie treffen Morgens gegen fünf Uhr zusammen, und nachdem sie einer

religiösen Hymne beigewohnt, brechen sie mit voller Begeisterung

unter einem wahren Höllenlärm auf. Die Sturmglocke und alle übrigen

Glocken werden geläutet, Trompeten schmettern, Trommeln wirbeln,

die Hunde heulen, das Vieh brüllt. So geht es im Sturm an die

Arbeit. Gegen acht Uhr kehren sie, noch erregt von ihren Thaten,

zurück und machen Toilette. Darauf giebt es gemeinsames Frühstück.

Nach demselben erhält jede der kleinen Horden zur Belohnung einen

Eichenkranz, den sie an ihre Fahne heftet, darauf steigen sie zu

Pferde und kehren unter Musikbegleitung zu ihren Phalanxen zurück.

»Um von unsern Kindern Wunder von Tugenden zu erhalten, muß man

nach Ansicht der Zivilisirten zu übernatürlichen Mitteln greifen,

wie es in unsern Klöstern geschieht, wo durch ein sehr strenges

Noviziat die Neophyten zur Selbstverleugnung erzogen werden. Die

sozietäre Ordnung kommt auf einem ganz entgegengesetzten Wege zum

Ziel, indem sie die kleinen Horden durch den Anreiz des Vergnügens

sich dienstbar macht. Analysiren wir die Hülfsmittel für diese

Tugenden. Es sind vier, die alle vier unsere Moral verwirft:

Geschmack an Unreinlichkeit, Stolz, Unverschämtheit, Ungehorsam.«

»Indem die kleinen Horden sich diesen angeblichen Lastern

überlassen, erheben sie sich zu allen Tugenden. Sehen wir zu: Die

Theorie der Anziehung erfordert, daß alle Triebe, die Gott dem

Menschen gab, sich nützlich machen können, _ohne, daß man die

Triebe selbst ändert_. So sehen wir, daß bei den jüngsten Kindern

die Neugier und die Unbeständigkeit sich nützlich erwies, weil sie

das Kind zu einer Menge von Gruppen hinzogen, wodurch seine Anlagen

sich offenbarten. Der Trieb, die Ungezogenheiten Aelterer

nachzuahmen, wird, wie wir sahen, in der Assoziation Impuls zur

Anziehung zu nützlichen Arbeiten. Ebenso der Ungehorsam gegen

Eltern und Erzieher, die nicht erziehen können. Die Erziehung muß

durch kabalistische Rivalitäten der Gruppen herbeigeführt werden.

So werden alle Impulse bei kleinen wie großen Kindern in der

Harmonie gut, vorausgesetzt, daß man sie durch Serien der Triebe

zur Uebung bringen kann. Man wird nicht vom ersten Tage an die

kleinen Horden an die widerwärtigen Arbeiten bringen, man erregt

zunächst ihren Stolz nach Rang. Jede Autorität, sogar der Monarch,

schuldet ihnen den ersten Gruß; keine industrielle Armee rückt aus,

ohne daß die kleinen Horden an der Spitze marschiren; sie haben das

Vorrecht, bei allen Arbeiten der Einheit (das sind große Arbeiten,

welche die Phalanxen eines oder mehrerer Reiche unternehmen, große

Kanalbauten etc.) die erste Hand an's Werk zu legen; sie sind die

Ueberall und Nirgends, ohne deren Mitwirkung nichts Bedeutendes

geschieht. An ihrer Spitze stehen die kleinen Kane (Kan und Kanin),

die selbst gewählten Offiziere; die kleinen Horden haben auch ihre

besondere Kunstsprache und ihre kleine Artillerie. Ferner wählen

sie aus der Zahl der Alten Druiden und Druidinnen, deren Aufgabe es

ist, den Geschmack für die Funktionen der kleinen Horden zu

bewahren; sie haben ferner bei allen religiösen Uebungen bestimmte

Dienste zu versehen und erhalten dafür besondere Abzeichen.

Frühzeitig zu Bette gehend (acht Uhr Abends), erheben sie sich um

drei Uhr Morgens und geben die Initiative für alle Arbeiten der

Phalanx. Es ist also eine Korporation von Kindern, die, indem sie

sich allen Neigungen, welche die Moral der Zivilisation ihrem Alter

verbietet, überläßt, alle Chimären der Tugend, an denen die

Moralisten sich ergötzen, verwirklicht. Die kleinen Horden

verachten keineswegs den Reichthum, aber heute macht nur der

Egoismus Gebrauch davon; sie opfern sogar einen Theil ihres

Besitzes zum Nutzen der Phalanx und erhalten so die wahre Quelle

des Reichthums, die industrielle Anziehung, die sich auf alle

Klassen erstreckt. Die Kinder der Reichen werden sich ebenso zu den

kleinen Horden hingezogen fühlen, wie die Kinder der Geringen. Sie

sind die Repräsentanten der Einheit der Phalanx, und das ist ihr

entscheidender Charakter. Indem ferner die kleinen Horden die

Tugend der sozialen Liebe üben, reißen sie Jedermann zur indirekten

Ausübung von wohlthuenden Handlungen hin, ebnen sie den Weg zur

Edelmüthigkeit, durch welche die Reichen in der Harmonie sich

verbinden, um den Armen zu begünstigen, wogegen sie heute

übereinkommen, ihn zu plündern.«

»Es wird sich zeigen, daß alle Triumphe der Tugend der guten

Organisation der kleinen Horden geschuldet sind; sie allein können

im sozialen Mechanismus den Despotismus des Geldes balanziren,

dieses elenden Metalls, elend in den Augen der Philosophen, das

aber sehr edel wird, wenn es zur Aufrechthaltung der industriellen

Einheit dient. In unserer Gesellschaft, wo Diejenigen, die sich auf

den Reichthum stützen, als Leute »comme il faut« bezeichnet werden,

da ist das Geld die Klippe. Die es besitzen, sind die Leute, »die

nichts thun und zu nichts zu gebrauchen sind.« Leider ist der

Beiname »comme il faut« (wie man sein muß) in unserer Gesellschaft

nur zu berechtigt, denn in der Zivilisation gründet sich die

Zirkulation auf die Phantasien der Müßigen, sie sind in Wahrheit

die Leute »comme il faut« (wie man dazu sein muß), um die verkehrte

Zirkulation und die verkehrte Konsumtion aufrechtzuerhalten.«

Fourier ist hier der Meinung, daß der Hauptfehler unserer

bürgerlichen Gesellschaft in der falschen Anwendung liege, welche

die Geldbesitzer von ihrem Gelde machten, er ist ferner der

Ansicht, daß es heute hauptsächlich die Luxusbedürfnisse der

Reichen seien, welche die Geld- und Waarenzirkulation bestimmten.

Es ist dies die Aufstellung des auch heute noch im gewöhnlichen

Leben und selbst seitens sogenannter Gelehrter vielfach

wiederholten Glaubenssatzes, der namentlich in Zeiten allgemeiner

geschäftlicher Stagnation, also in Zeiten der Krisen laut wird, daß

die reichen Leute mehr Geld ausgeben müßten, »um das Geschäft zu

heben«, weil ihr Bedarf entscheidend sei. Und man macht es ihnen zu

einer Art sozialer Pflicht, durch Luxusausgaben »Geld unter die

Leute zu bringen«.

Wir sehen auch nicht selten Aristokratie und Bourgeoisie nach

diesem Rezepte handeln, wobei die Betreffenden sich noch das

Mäntelchen der Gesellschaftswohlthäter umhängen. Man ißt und trinkt

gut, kleidet sich noch besser, tanzt und amüsirt sich in dem

stolzen und befriedigenden Bewußtsein, »indem man seine Triebe

befriedigte«, sich und die Gesellschaft zu retten. Die Leute, die

so handeln, gehören zu dem Achtel, für die, nach Fourier, die

bürgerliche Welt die vollkommenste Welt ist. Wir wissen heute, daß

diese Zahl kein Achtel, nicht einmal ein Zwanzigstel der

Gesellschaft bildet.

Daß die Ansicht Fourier's von der Bedeutung der Reichen für die

Waarenzirkulation und Konsumtion irrig ist, bedarf heute für

Niemand, der einigermaßen den Organismus unserer Gesellschaft

kennt, eines Beweises. Nicht der Verbrauch dieser handvoll Reicher,

und sei ihr Verbrauch noch so bedeutend, sondern der Verbrauch der

Masse stimulirt die Zirkulation. Wo der Massenverbrauch nachläßt,

weil die Masse ärmer wird, oder weil, wie in der Regel in den

modernen Krisen der Ueberproduktion, der Konsum der

Waarenproduktion nicht zu folgen vermag, einestheils, weil die

Kaufkraft fehlt, anderntheils, weil Waaren bestimmter Gattungen

weit über das normale Bedürfniß erzeugt wurden, da tritt die

Stagnation mit allen ihren Folgen ein. Der Luxusverbrauch der

Reichen hat nie eine allgemeine Krise gehoben, noch hat er durch

sein Fehlen eine solche erzeugt. Es ist aber ein charakteristisches

Merkmal für einen Gesellschaftszustand, daß eine Klasse, »die

nichts thut und zu nichts nütze ist«, wie Fourier sich ausdrückt,

so viel verbrauchen kann und doch immer reicher wird. Welch geringe

Rolle der Verbrauch der reichen Klasse im Verhältniß zum Verbrauch

der Masse der Bevölkerung spielt, zeigend schlagend die Ergebnisse

der indirekten Steuern. »Die Steuer auf Luxusartikel der Reichen

bringt nichts ein«, sagte Fürst Bismarck in seiner berühmten

Steuerprogrammrede im Herbst 1876 im Reichstag; »was nützt die

Steuer auf Austern, Champagner, Equipagen, sie bringt nichts,

nehmen wir dafür die 'Luxusbedürfnisse' der Masse, Bier, Kaffee,

Branntwein, Tabak.« Unsere Steuertabellen geben ihm Recht.

Indem nun Fourier, weil er die eigentlich treibenden Gesetze der

bürgerlichen Gesellschaft nicht erkannte und in seinem Zeitalter

noch nicht erkennen konnte, sein phalansteres System auf der

Beibehaltung des Geldes gründete und dem Kapital einen erheblichen

Theil des Arbeitsertrags -- vier Zwölftel -- zuschrieb, entging ihm

nicht, daß bei dem Reichthum, den die Phalanx durch ihre

Organisation der Arbeit erzeugen sollte, das Mißverhältniß im

Vermögen und Einkommen der verschiedenen Klassen sich in der

Phalanx noch mehr steigern müsse, als in der Zivilisation. Er mußte

also ein Mittel finden, um dieser klaffenden Ungleichheit

einigermaßen vorzubeugen. Er verfiel, wie sich später zeigen wird,

auf das Mittel der Massenanwendung testamentarischer Legate, welche

die reichen Leute der Phalanx allen Denen zuweisen würden, für die

sie im Laufe ihrer phalansteren Thätigkeit aus irgend einem Grunde

eine besondere Zuneigung gefaßt, aber selbst mittellos seien. Die

Frage liegt freilich nahe, was denn diese ganze

Reichthumsaufhäufung in Privathänden für einen Sinn und für eine

Berechtigung hat, wenn die _sozietäre Arbeit_ diesen Reichthum

erzeugt und dieser so groß ist, daß er allen Gliedern der Phalanx

den größten Luxus gestattet und selbst die verwöhntesten

Geschmäcker zu befriedigen vermag. Diesem Widerspruch sucht also

Fourier durch das bezeichnete Mittel aus dem Wege zu gehen, es soll

der Wiederkehr »der verkehrten Zirkulation nach den Phantasien der

Müßigen begegnen«, und die Reichen sollen durch das selbstlose

Auftreten der kleinen Horden zu Akten der Edelmüthigkeit gegen die

Unbemittelten angeeifert werden. Das ist die große moralische

Aufgabe, die er den kleinen Horden zuweist.

Fourier fährt fort:

»Die Thätigkeit und Erregung der kleinen Horden wird sich

verdoppeln, wenn ihnen der Kontrast, den die Natur ihnen

vorbehielt, entgegentritt, die kleinen Banden. Der Keim des

Widerspruchs, der darin liegt, daß zwei Drittel der Kinder

männlichen Geschlechts zur Unsauberheit, zum Ungehorsam, zur

Wildheit neigen, zwei Drittel der Kinder weiblichen Geschlechts zum

Putz und zu guten Manieren, muß entwickelt und für die Phalanx

ausgenutzt werden. Je mehr die kleinen Horden durch Tugend und

Hingebung sich auszeichnen, um so mehr muß die rivalisirende

Korporation -- müssen die kleinen Banden -- Eigenschaften annehmen,

welche den Wünschen der öffentlichen Meinungen entsprechend, das

Gleichgewicht herstellen. Die kleinen Banden sind die Bewahrer der

sozialen Anmuth; dies ist ein weniger glänzender Posten als jener

der kleinen Horden, Stütze der sozialen Uebereinstimmung zu sein.

Aber die Sorge für den Schmuck und das Ganze des Luxus in der

Phalanx ist in der Harmonie nicht weniger werthvoll. In dieser Art

Arbeiten sind die kleinen Banden sehr nützlich und unentbehrlich;

sie haben im ganzen Kanton der Phalanx die spirituelle und

materielle Ausschmückung bei allen Festen, Aufzügen,

Schaustellungen auszuführen. In der Wahl der Kleider ist Niemand in

der Harmonie an Vorschriften gebunden, aber sobald es sich um

korporative Vereinigungen handelt, hat jede Gruppe, jede Serie ihre

Kostüme und trifft die Wahl. Sache der kleinen Banden ist, die

Modelle zu liefern. Im Gegensatz zu den kleinen Horden zeichnen

sich die kleinen Banden durch Höflichkeit und angenehme Manieren

aus. Der männliche Theil der kleinen Banden wird hauptsächlich die

jungen Gelehrten stellen, die frühreifen Geister, wie Pascal, die

frühzeitig Anlagen zum Studium entwickeln; ferner die kleinen

Verweichlichten, die zur Weichlichkeit und Ueppigkeit neigen.

Weniger thätig als die kleinen Horden, erheben sie sich auch später

und erscheinen erst um vier Uhr Morgens in den Ateliers. Während

sich die kleinen Horden mit der Pflege der großen Hausthiere

beschäftigen, pflegen die kleinen Banden die Brieftauben, Hühner,

Vögel, Biber etc.; sie überwachen ferner die Blumen- und

Gartenanlagen, damit diese nicht beschädigt oder zerstört werden.

Wer Dergleichen sich zu Schulden kommen läßt, wird vor ihren

Richterstuhl geführt und gebüßt; sie üben ferner die Zensur über

die schlechte oder fehlerhafte Aussprache. Wie die kleinen Horden

ihre Druiden und Druidinnen, so wählen sich die kleinen Banden aus

den mannbaren Altern zu Kooperateuren: Korybanten und

Korybantinnen. Derselbe Kontrast besteht in den beiderseitigen

Beziehungen auf Reisen; die kleinen Banden verbinden sich mit den

großen Banden, den fahrenden Rittern und Ritterinnen, die kleinen

Horden mit den großen Horden, den Abenteurern und Abenteurerinnen.

Die Natur hat eben für die Vertheilung der Charaktere eine

Scheidung von Grund aus in kräftige und milde Nüanzen vorgenommen,

eine Vertheilung, die sich in allen erschaffenen Dingen zeigt; in

den Farben, dem Hintergrunde der Luft, der Musik. Dieser Kontrast

ist es auch, der die Scheidung der Kinder in kleine Banden und

kleine Horden naturgemäß herbeiführt.«

»Jede industrielle Serie würde fehlerhaft sein, wenn sie der

Geschlossenheit ermangelte; um sie geschlossen zu machen, muß man

die feinsten Unterscheidungen in den Geschmäckern in's Spiel

setzen. Man wird frühzeitig die Kinder an diese feinen

Unterscheidungen in den Neigungen gewöhnen. Das ist also die

Aufgabe der kleinen Banden, welche die Kinder vereinigen, die zu

den minutiösesten Raffinements im Schmuck, im Geschmack, in der

Kleidung neigen; ihr Blick wird so geschärft, daß sie wie unsere

Schriftsteller und Künstler einen Fehler sehen, der dem

gewöhnlichen Menschen entgeht. Die kleinen Banden haben also die

Gewandtheit, Spaltungen unter den Geschmacksrichtungen zu

veranlassen, die Feinheiten der Kunst zu klassifiziren und durch

Raffinement der Phantasien und durch Abstufungen die

Geschlossenheit der Serien herbeizuführen. So schöpft die Erziehung

in der Harmonie ihre Mittel der Ausgleichung aus den beiden

entgegengesetzten Geschmacksrichtungen, aus dem Hang zur

Unsauberheit und zur Eleganz, zwei Richtungen die beide heute

verurtheilt werden. Die kleinen Horden wirken negativ ebenso viel,

wie die kleinen Banden positiv. Die einen beseitigen die

Hindernisse, die der Harmonie in der Phalanx sich entgegenstellen,

sie vernichten den Kastengeist, der aus den unangenehmen Arbeiten

leicht geboren wird; die anderen schaffen durch ihre Gewandtheit

die Abstufungen der Geschmäcker und organisiren die nüanzirten

Spaltungen in den verschiedenen Gruppen. So gehen die kleinen

Horden vom Guten auf den Weg zum Schönen, die kleinen Banden vom

Schönen auf den Weg zum Guten; eine kontrastirende Handlung, die

ein allgemeines Gesetz in der ganzen Natur ist.«

* * * * *

»Die Erziehungssysteme der Zivilisirten verfallen alle dem Fehler,

daß sie die Theorie über die Praxis setzen. Sie verstehen nicht,

das Kind zur Thätigkeit anzureizen; sie sind genöthigt, es bis zum

sechsten oder siebenten Jahre unthätig zu lassen, ein Alter, in dem

es schon ein geschickter Praktiker sein könnte. Im siebenten Jahre

wollen sie ihm dann Theorie, Kenntnisse, Studien beibringen, für

die sie den Wunsch bei ihm nicht zu wecken verstanden. Dem Kinde in

der Harmonie kann dieser Wunsch nicht fehlen, weil es vom dritten

Jahre bereits praktisch thätig war und bis zum siebenten spielend

eine Menge praktischer Kenntnisse erlangt hat. Es besitzt jetzt das

Bedürfniß, sich auf das Studium der exakten Wissenschaften zu

stützen ... Die Erziehung der Zivilisirten ist im Widerspruch mit

der Natur des Kindes, es ist die verkehrte Welt wie ihr ganzes

System, von dem ihre Erziehung ein Theil ist. Ferner: Das Kind ist

auf die Arbeit des Studirens beschränkt, es bleibt vom Morgen bis

Abend während neun bis zehn Monate des Jahres über den

Anfangsgründen und der Grammatik sitzen, muß ihm da nicht der

Widerwille gegen die Studien kommen? Das Kind hat das Bedürfniß,

während der schönen Jahreszeit im Garten, im Wald, in den Wiesen

sich beschäftigend zu tummeln, statt dessen muß es an schönen wie

an Regentagen sitzen und studiren. Es kann keine Einheitlichkeit in

der Handlung geben, wo es nur eine einfache Funktion giebt.«

»Eine Gesellschaft, welche die Väter den ganzen Tag als Gefangene

in die Bureaux, Komptoirs und Fabriken sperrt, kann auch die

Sottise begehen, das Kind das ganze Jahr in die Schule zu sperren,

wobei es sich ebenso langweilt wie die Lehrer. Unsere Politiker und

Moralisten sprechen beständig von der Natur, sie ziehen sie aber

keinen Augenblick zu Rathe. Beobachteten sie die in den Ferien

weilenden Kinder, wie sie, mit leichten Blousen bekleidet, sich im

Heu kugeln, vergnüglich sich in der Weinlese, bei dem Nüsse- und

Obstpflücken, bei der Jagd auf schädliche Vögel etc. anwenden, und

würden sie die Kinder in einem solchen Augenblicke einladen, zu

ihren Studien zurückzukehren, so würden sie beobachten können, ob

es die Natur des Kindes ist, während der schönen Jahreszeit in der

Umgebung von Büchern und Pedanten eingeschlossen zu werden. Man

antwortet: Man muß im jugendlichen Alter lernen, damit man sich des

Namens eines freien Mannes würdig macht, würdig des Handels und der

Verfassung! -- Gut! Aber wenn die Kinder durch Anziehung und

kabalistische Rivalitäten zum Lernen sich begeben, so werden sie in

hundert Lektionen im _Winter_, beschränkt auf zweistündige

Sitzungen, mehr lernen, als in 300 Tagen, da man sie in den Schulen

oder im Pensionat eingeschlossen hält.

Das zivilisirte Kind kann nur mit Hülfe von Entziehungen, Pensums,

Ruthenstreichen zum Lernen angehalten werden. Erst seit einem

halben Jahrhundert sucht die Wissenschaft, verwirrt über dieses

elende System, durch weniger herbes Vorgehen das Kind zu gewinnen;

sie versucht sich, die Langeweile der Kinder in den Schulen zu

enthüllen, ein Götzenbild des Nacheifers bei den Schülern,

Zuneigung für die Lehrer zu schaffen. Das beweist, daß sie erkannt

hat, wie es sein sollte, aber sie hat kein Mittel, ihre Gedanken zu

verwirklichen. Die mit Zuneigung verknüpfte Uebereinstimmung

zwischen Lehrern und Kindern kann nur in dem Fall einer als Gunst

erscheinenden anregenden Unterweisung erzeugt werden. Das wird in

der Zivilisation, in welcher der ganze Unterricht durch den

Widersinn, die Theorie über die Praxis zu stellen, gefälscht ist,

nie geschehen. Der Unterricht ist ferner gefälscht durch seine

Einseitigkeit und ununterbrochene Dauer. Man findet vielleicht ein

Achtel unter den Kindern, die den gegenwärtigen Unterricht mit

Leichtigkeit, aber ohne davon besonders angeregt zu sein, annehmen.

Daraus schließen die Lehrer, daß die übrigen sieben Achtel nichts

taugen; sie argumentiren auf die Ausnahme und machen diese zur

Regel. Das ist die gewöhnliche Illusion bei allen Lobliedern auf

die Vollkommenheit. Es giebt überall eine kleine Zahl Ausnahmen,

aber sie darf man nicht in Berücksichtigung ziehen, sondern die

große Menge, welche die Regel ist. Ich fragte Kinder, die aus den

berühmtesten Schulen kamen, wie von Pestalozzi und Andern, ich fand

stets nur einen mittelmäßigen Schatz von Kenntnissen und eine große

Unbekümmertheit für Studien und Lehrer.«

»Wir haben heute eine Erziehungsmethode, und diese wird auf alle

Schüler angewendet, als wenn alle vollkommen gleichartig seien. Ich

kenne nun verschiedene Methoden, die alle gut wären, und es ließen

sich noch andere finden. Schließlich ist jede Methode gut, wenn sie

dem Charakter des Schülers entspricht. D'Alembert ward ausgelacht,

als er vorschlug, das Studium der Geschichte im Gegensatz zur

chronologischen Ordnung zu betreiben, dergestalt, daß man nicht von

der Vergangenheit zur Gegenwart, sondern von der Gegenwart nach

Rückwärts in die Vergangenheit schreite. Man warf ihm vor, den Reiz

am Studium zu zerstören und die mathematische Trockenheit in die

Methode des Unterrichts zu bringen. Das ist ein lächerlicher

Sophismus. Keine Methode ist an sich trocken, sie sind alle

fruchtbar, wenn man sie den Charakteren anzupassen und schmackhaft

zu machen versteht. Man gebe den Kindern eine ganze Reihe von

Methoden zur Auswahl, viele werden doch keinen Geschmack am Studium

finden. Unsere Lehrmethoden ermangeln nicht nur des aktiven

Hülfsmittels, sie ermangeln ebenso der materiellen Anziehung, als

welche ich die Oper und die Gourmandis betrachte.«

»Die Oper bildet das Kind zur maßvollen Einheit, welche für es eine

Quelle des Wohlbefindens und der Gesundheit wird; sie verschafft

ihm also den inneren und äußeren Luxus, welches der erste Zweck der

Anziehung ist. Das Kind wird durch die Oper von frühester Jugend an

in allen gymnastischen und choreographischen Uebungen geschult. Die

Anziehung ist darin sehr kräftig, es erwirbt die nothwendige

Gewandtheit für alle Arbeiten in den Serien, wo Alles sich mit

Sicherheit, Maß und Einheit, wie man diese in der Oper herrschen

sieht, vollziehen soll. Die Oper nimmt also unter den Hülfsmitteln

für die Erziehung vom niederen Lebensalter an den ersten Rang ein.

Unter der Oper sind alle körperlichen Uebungen begriffen, sowohl

die mit der Flinte als mit dem Rauchfaß. Diese choreographischen

Evolutionen, werden sie nun mit der Flinte oder dem Rauchfaß oder

in der Oper vollzogen, gefallen den Kindern außerordentlich, sie

betrachten es als eine hohe Gunst, zugelassen zu werden. Man würde

die Natur des Menschen vollständig verkennen, wenn man die Oper

nicht in erster Linie unter die Hülfsmittel der Erziehung vom

frühesten Alter an setzte, welche für die materiellen Studien nur

anziehend wirkt. Um den Körper nach allen Richtungen hin möglichst

vollkommen zu machen, müssen, bevor man mit der Seele beginnt, zwei

unseren sog. moralischen Methoden sehr fremde Hülfsmittel in's

Spiel gesetzt werden: die Oper und die Küche, oder die angewandte

Gourmandis.«

»Das Kind soll zwei aktive Sinne üben: Geschmack und Geruch, und

zwar durch die Küche, und zwei passive: Gesicht und Gehör, und

diese durch die Oper; den Taktsinn endlich durch die Arbeiten, in

denen es sich auszeichnet. Die Küche und die Oper sind die beiden

Hülfsmittel, die das Kind durch die Anziehung unter das Regime der

Serien der Triebe führen. Die Magie und die Feerien der Oper ziehen

das Kind mächtig an. Dagegen erwirbt es in den Küchen der Phalanx

die Intelligenz und Geschicklichkeit in all den Vorbereitungen für

die Tafel; es lernt alle Produkte kennen, für welche es sich schon

durch die Tischunterhaltungen interessirte; es werden Pflanzen und

Thiere besprochen, und so wird es in Hof, Stallungen und Gärten

eingeführt. Die Küche wird das Band für diese Funktionen.«

»Die Oper ist die Vereinigung für die materielle Uebereinstimmung,

sie dient allen Altern und Geschlechtern. In ihr werden geübt: 1.

Gesang, oder das Maß der menschlichen Stimme; 2. Instrumente, oder

das Maß künstlicher Töne; 3. Poesie, oder Ausdruck der Gedanken und

Worte nach Maß; 4. Pantomimen, oder Harmonie der Gesten; 5. Tanz,

oder Bewegung nach Maß; 6. Gymnastik, oder harmonische Uebungen; 7.

Malerei und harmonische Kostüme. Das Ganze beruht also auf einem

regelmäßigen Mechanismus und in geometrischer Ausführung.«

»Bei uns ist die Oper nur eine Arena der Galanterie, eine Anreizung

zu Ausgaben, und da begreift sich, daß sie durch die moralischen

und religiösen Klassen zurückgewiesen wird; in der Harmonie ist sie

eine freundschaftliche Vereinigung, in der keinerlei bedenkliche

Intriguen zwischen Leuten stattfinden können, die sich jeden

Augenblick bei den verschiedensten Arbeiten in den industriellen

Serien begegnen.«

»Die Oper, heute so kostspielig, kostet fast nichts in der

Harmonie. Tänzer, Sänger, Musiker, Maler, alle Handwerker und

Künstler stellt die Phalanx aus ihrer Mitte. Ohne die Mitwirkung

der Nachbaren und die Hülfe der Durchreisenden wird die Phalanx

eine Auswahl von 12-1300 Akteuren haben, die in irgend einer Weise

sich betheiligen. Die geringste Phalanx wird eine besser

ausgestattete Oper besitzen, als heute unsere großen Städte.«

Fourier widmet dann mehrere Kapitel der Küche der Phalanx, ihrer

Einrichtung und Organisation und der Verwendung der Kinder in

derselben. Die Neigung zu gutem Essen, zur Gourmandis, ist in

seinem System auch Erziehungsmittel. Was das Kind ißt, soll es in

der Praxis kennen lernen, es soll die Substanzen, ihre

Zusammensetzung und ihre Zubereitung erfahren. Wir fassen uns

hierüber kurz, da aus dem bisher Gesagten der Leser wird

beurtheilen können, wie auch hier sich die verschiedenen Serien

bethätigen. Die Kinder werden zunächst an der Hand passend für sie

eingerichteter Küchen in die Geheimnisse der Kochkunst spielend

eingeweiht, Neugier und Interesse wird geweckt; sie treten allmälig

in die großen Zentralküchen mit ihren Appendixen für die

Vorbereitung der Speisen über, lernen eine Anzahl interessanter

Details kennen -- das Einmachen, die Konservirung --, in denen sie

nützliche Verwendung finden. Die Zubereitung der Materialien führt

ganz von selbst dazu, auch das Werden und Entwickeln der

verarbeiteten Materialien zu beobachten. Mit zunehmendem Alter wird

das Kind mit der Geflügelzucht, der Stallwirthschaft, der Obst- und

Gemüsezucht bekannt und darin eingeweiht. In allen diesen

Bethätigungen kommt, wie im ganzen Mechanismus der Phalanx, die

Serien- und Gruppenbildung nach Trieben, die Abwechslung durch

kurze Sitzungen und die Kontrastwirkung zur Geltung; die

Rivalitäten regen den Eifer und die Erfindungsgabe an.

Nach diesen selben Grundsätzen und Methoden werden darauf die

Kinder in die verschiedenen Wissenschaften eingeweiht; überall

entscheiden die eigenen Triebe, die durch das Beispiel der

Mitschüler und das Vorbild der älteren Schüler angeregt und

stimulirt werden. Die Auswahl der Lehrmittel ist die größte. Alles

ist auf das Vortrefflichste eingerichtet, Zwang ist nirgends

vorhanden, ebenso wird kein Unterschied zwischen den beiden

Geschlechtern gemacht. »Die Studien sollen nicht an zweiter Stelle

figuriren, aber das Interesse soll durch die physische Bethätigung

für die verschiedenen Zweige des Studiums geweckt werden. Die

Arbeiten der Schule sollen mit denen in den Werkstätten und in den

Gärten eng verbunden sein, die letzteren sollen die ersteren

unterstützen.«

Mit 15 bis 16 Jahren treten die Kinder in das Reifealter, es

beginnen die Jahre der Pubertät und der Geschlechtstrieb macht sich

allmälig geltend; damit beginnt auch für die Phalanx die Aufgabe,

die Erziehung entsprechend umzugestalten.

»Hier ist der Punkt«, fährt Fourier fort, »wo alle unsere auf die

Unterdrückung der Geschlechtsliebe berechneten Methoden, die in den

Beziehungen der Liebe nur die allgemeine Heuchelei zu begründen

wissen, in die Brüche gehen. Das geschieht von hier ab im ganzen

Verlauf des Liebeslebens. In keiner Angelegenheit zeigt sich unsere

Wissenschaft so unfähig und ungeschickt, als hier. Für alle anderen

Mißbräuche und Uebel haben unsere Philosophen wenigstens die

Anwendung einiger Gegenmittel versucht, aber keine in Sachen der

Liebe, von wo demnach ihr ganzes Werk in Unordnung gestürzt wird,

denn sie haben nur die Unwahrheit und die geheime Rebellion gegen

die Natur und die Gesetze begründet. Indem die Liebe keinen anderen

Weg zur Befriedigung findet, als mit Anwendung der

Doppelzüngigkeit, wird sie ein permanenter Verschwörer, der

unaufhörlich daran arbeitet, die Gesellschaft zu desorganisiren,

alle ihre Regeln zu untergraben.«

»Ich habe gefunden, daß die Zivilisation in Bezug auf die Liebe nur

unausführbare Gesetze hat, die überall der Heuchelei die

Ungestraftheit sichern; die Uebertreter werden um so mehr

protegirt, je kühner sie sind. In allen Salons, in der ganzen

Gesellschaft sind jene die Angesehensten, die in Liebesangelegenheiten

die Leichtherzigsten sind, welche die meisten Eroberungen aufweisen

können, d.h. mit dem, was die zivilisirte Sitte und Moral

verlangt, auf dem gespanntesten Fuße stehen. Nirgends ist die

Scheinheiligkeit und Duperie größer, als in unserem Ehe- und

Liebesleben, ist zwischen dem, was die Natur beansprucht und die

Moral vorschreibt, ein schärferer Widerspruch. Anstatt dieser

Skandale, welche die Zwangsgesetzgebung der Zivilisation erzeugt,

muß die Harmonie, indem sie die volle Freiheit der ersten Liebe

sichert, hervorzurufen wissen: 1. die Begeisterung der verschiedenen

Alter für die Arbeit; 2. die Konkurrenz der Geschlechter für die

guten Sitten; 3. Belohnung der wirklichen Tugenden; 4. Anwendung

dieser Tugenden für das öffentliche Wohl, von dem sie in der

Zivilisation getrennt sind.«

»Die wesentlichste Aufgabe Derer, die in der Harmonie die erste

Liebe genießen werden, ist, daß sie die beiden Lebensalter, die

unmittelbar unter und über der Pubertät sind, zur Arbeit anziehen.

Man muß also unter den Jugendlichen zwei Korporationen bilden, die

ähnlich wie die kleinen Banden und die kleinen Horden aufeinander

wirken. Diese beiden Korporationen sind das Vestalat, bestehend aus

zwei Drittel Vestalinnen und ein Drittel Vestalen, und des

Damoiselat, bestehend aus zwei Drittel Damoiseaux und ein Drittel

Damoiselles. Die Korporation des Vestalats widmet sich bis zum

achtzehnten oder neunzehnten Jahr der Keuschheit, die Korporation

des Damoiselats widmet sich der frühen Liebe. Die Wahl steht allen

Theilen frei. Jedes kann nach Belieben in die eine oder in die

andere Korporation ein- und austreten, aber man muß, so lange man zu

einer der Korporationen gehört, auch die Gewohnheiten und Regeln

derselben beobachten: Keuschheit im Vestalat, Treue im Damoiselat.

Die jungen Männer neigen in der Regel selten dazu, dem Beispiel des

keuschen Joseph zu folgen, sie sind dementsprechend auch im

Vestalat in der Minorität. Im Allgemeinen werden es die festen

Charaktere sein, welche für das Vestalat sich entscheiden, während

die milderen für das Damoiselat die Wahl treffen. Hingegen werden

die jungen Mädchen, die eben erst aus dem Chor der Gymnasiastinnen

austreten, in der Regel einige Zeit im Vestalat zubringen.« ...

»Damoiselles und Damoiseaux, die der Versuchung nachgaben, müssen

von da ab den Morgenzusammenkünften der Kinder fern bleiben; sie

besuchen nunmehr Abends einen der Liebeshöfe der Erwachsenen -- die

sich allabendlich zwischen neun und zehn Uhr in den Sälen

zusammenfinden -- und erheben sich in Folge dessen auch später von

der Nachtruhe. Dagegen erhebt sich das Vestalat mit den Kindern.

Wegen dieser fortdauernden Beziehungen zu den Kindern wird das

Vestalat mit besonderer Achtung und Anhänglichkeit von diesen

behandelt, umgekehrt wird das Damoiselat von ihnen mißachtet. Die

älteren Stämme von zwanzig und mehr Jahren haben wieder aus anderen

Motiven für das Vestalat und die Virginität eine tiefe Zuneigung.

So vereinigt das Vestalat in sich den höchsten Grad der Gunst der

Kindheit und des männlichen Alters. Die Keuschheit der Vestalinnen

und Vestalen ist um so besser gesichert, da sie die volle Freiheit

haben, jederzeit die Korporation zu verlassen und auf die Vortheile

der Rolle zu verzichten.«

»Mit Ausnahme der Schlafzeit, welche die Vestalen und Vestalinnen

nach Geschlechtern getrennt in verschiedenen Räumen zubringen,

haben sie ihre volle Freiheit; sie gehen den gewohnten

Beschäftigungen in den verschiedenen Serien und Gruppen nach; sie

haben aber auch ihre besonderen Sitzungen und gewähren den Besten

unter sich den Titel »Bewerber« oder »Bewerberin«. Diejenigen, die

diesen Titel führen, haben den Vortheil, in der industriellen

Armee, in der sie eine besondere Stellung einnehmen, auch mit

besonderen Ehren empfangen zu werden. Uebertritt ein zum Vestalat

gehöriges Mitglied die vorgeschriebenen Gepflogenheiten und wird

dies festgestellt, so macht man ihm aus seiner Unbeständigkeit kein

Verbrechen, aber es hat aus der Körperschaft auszuscheiden. Nichts

verschafft einem Mädchen von 16-18 Jahren mehr Achtung, als eine

nicht bezweifelte Keuschheit, eine warme Hingabe an die Arbeit und

die Studien. Mit Ausnahme der schmutzigen Arbeiten sind die

Vestalinnen die Kooperatrizen der kleinen Horden; ist Gefahr im

Verzuge, handelt es sich z.B. darum, wegen drohenden Unwetters

rasch eine Ernte zu bergen, so sind sie stets an der Spitze. Jede

Phalanx wird sich bemühen, die gefeiertsten Vestalinnen zu besitzen

und sie nach der Art ihres Verdienstes als Reine durch Titel

auszuzeichnen, wie die Schöne, die Hingebende, die Talentirte, die

Gunstbezeugende. Das Vestalat wählt aus seiner Mitte die

präsidirende Quadrille, welche bei den Zeremonien den Ehrenwagen

besetzt und an den Fest- und Ehrentagen der Phalanx die Honneurs

macht. Kommt ein Monarch, so sendet man ihm nicht wie bei uns

beglacéhandschuhte Schwadroneure entgegen, die vor ihm über die

Schönheiten der Verfassung und das Glück des Handels peroriren,

sondern man deputirt die liebenswürdigsten Vestalinnen, die ihn an

der Grenze begrüßen. Kommt eine Fürstin, so wählt man Vestalen.

Versammelt sich eine industrielle Armee, so sind es die Vestalen,

die ihr die Oriflamme übergeben und die erste Rolle bei den Festen

wie bei den Arbeiten einnehmen. Die Arbeiten dieser Armeen werden

durch die Anwesenheit der Vestalen und Vestalinnen einen besonderen

Reiz gewinnen und sie werden, so stimulirt, ihre Arbeiten, ohne daß

sie Ermüdung verursachen, ausführen. Indem man ferner den Armeen

jeden Abend glänzende Feste giebt, hat man nicht nöthig, mit der

Kette am Hals die jungen Leute hinzuführen, wie das bei unseren

jungen Ausgehobenen geschieht, die stolz auf den schönen Namen

»freie Männer« sind. Die industrielle Armee wird zu einem Drittel

aus Bacchantinnen, Bajaderen, Heroinen, Feen gebildet sein, und so

werden mehr junge Männer und Frauen herzuströmen, als man nöthig

hat. Ferner werden Fürsten und Fürstinnen diese Armeen besuchen, um

sich dort nach ihrem Geschmack ihre Gattin oder ihren Gatten zu

wählen, und es ist anzunehmen, daß eine solche Wahl meist auf eine

Vestalin oder einen Vestalen fällt. Diese Herrschaften werden in

der Harmonie nicht mehr die Sklaven sein, wie in der Zivilisation,

in welcher man ihnen nach chinesischer Manier einen Mann oder eine

Frau aufnöthigt, die sie niemals gesehen haben.«

»Von allen Seiten mit den günstigsten Blicken betrachtet, wird der

vestalische Körper Gegenstand einer sozialen Abgötterei, eines

halbreligiösen Kultus. Die Menschen lieben einmal, sich Idole zu

schaffen, und so wird in Folge dieses Bedürfnisses das Vestalat ein

Idol der Phalanx. Die kleinen Horden, die keiner Macht der Erde den

ersten Gruß bewilligen, werden vor dem Vestalat ihre Fahne neigen

und ihm als Ehrengarde dienen.«

Die Ehren, die Fourier dieser Körperschaft für das Opfer, ihre

Keuschheit einige Jahre zu bewahren, zugedenkt, sind noch größerer

Art. Ist die ganze Erde einmal mit Phalanxen bedeckt, so wird sich

auch die Nothwendigkeit einer allgemeinen Eintheilung im Reiche

verschiedener Grade ergeben, die, wie Alles bei ihm, geometrisch

abgemessen sind. Der oberste Leiter des Erdballs ist der Omniarch,

der in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, seinen Sitz hat;

dann folgen 3 Auguste, 12 Zäsarinnen, ungefähr 48 Kaiserinnen, 144

Kalifen, 576 Sultane, 1721 Königinnen, 6912 Kaziken u.s.w. Man

fragt sich freilich vergeblich, was alle diese Fürsten, Fürstinnen

und hohen männlichen und weiblichen Würdenträger in dieser sozialen

Organisation für einen Zweck und eine Bedeutung haben, inwiefern

ihre Funktionen für das Gedeihen dieser phalansteren Gesellschaft

notwendig sind. Darüber giebt auch Fourier keine Auskunft. Sie

gehören eben in sein System, das bemüht ist, den Trieben und

Neigungen, wir pflegen auch zu sagen Schwächen, der Menschen nach

Titeln und Auszeichnungen Rechnung zu tragen. Auch hofft er, daß

sein System in um so höherem Grade die Unterstützung der höheren

Klassen finden werde, als es ihnen besondere Aussicht für die

Erlangung von Titeln und Würden eröffnet.

Eine solche Schaar hoher Würdenträger und Würdenträgerinnen bedarf

entsprechender Frauen und Männer, und da haben Vestalinnen und

Vestalen in erster Linie die schönste Aussicht, zu diesen Ehren zu

kommen.

»Auch bewilligt die Harmonie der Virginität Ehrentafeln. Welch ein

Unterschied zwischen dieser und der Zivilisation, wo die Virginität

nur Geringschätzung findet und Gunstbezeigungen nur Denen zu Theil

werden, die sich einen falschen Heiligenschein für die Gaukeleien

der Libertins zu geben wissen. Diese Wüstlinge, die in ihren

Liaisons die Kunst gelernt haben, die Menschen zu betrügen und zu

düpiren, werfen sich unter den Spitzbuben, welche die öffentliche

Meinung leiten, als Lobredner der Tugend auf. Welche Ermuthigung

findet unter uns ein junges, schönes Mädchen, um ihre Virginität zu

bewahren? Ist sie arm, wird sie ihre Anbeter, die alle gute Rechner

sind, nicht bethören, sie wissen, daß die Tugend keinen

Lebensunterhalt für die Haushaltung schafft. Ihre Eltern werden

gezwungen, auf einen Sechzigjährigen oder irgend eine andere

Schamlosigkeit zu spekuliren und sie wird durch diese Spekulation

prostituirt; sie findet kaum einen Mann von mittlerem Alter, der

ihr eine anständige Existenz zu bieten vermag. So wird ihre

Schönheit ein Gegenstand elterlicher Beunruhigung, ihre Tugend wird

für die Zukunft verdächtig sein. Hat sie einiges Vermögen, so ist

sie während langer Zeit zwischen männlichen und weiblichen Maklern

Gegenstand eines gemeinen Handels. Endlich wird sie einem durch

Laster verdorbenen Manne überliefert; denn es giebt weit mehr

verdorbene als gute Ehemänner.«

»Findet ein Mädchen unter uns bis zum fünfundzwanzigsten

Lebensjahre keinen Ehemann, so beginnt man sich über sie lustig zu

machen, man glossirt sie wie eine verdächtig gewordene Waare. Um

den Preis einer in Entbehrungen verlebten Jugend sammelt sie in dem

Maße, wie sie älter wird, eine Ernte gemeiner Witze, mit der jedes

alte Mädchen überschüttet wird. Das ist eine der Zivilisation

würdige Ungerechtigkeit. Das Opfer, das sie fordert erniedrigt sie;

undankbar, wie sie ist, belohnt sie die Hingebung der jungen

Mädchen an ihre Morallehren mit Beschimpfungen und Aergernissen. Da

braucht man sich nicht zu wundern, daß man bei jungen Mädchen, die

nicht überwacht werden, nur eine Maske der Keuschheit findet.

Leistet ein junges Mädchen Gehorsam, so wird es, als Mädchen alt

geworden, von derselben öffentlichen Meinung bestraft, die es

zwang, seine schöne Jugend ihrem Vorurtheil zu opfern. Was kann es

Unnützeres geben, als diese ewige Virginität? Sie ist eine Frucht,

die man, statt sie zu genießen, verderben läßt. Das sind

Ungeheuerlichkeiten, die vollkommen würdig sind dieser zivilisirten

Ordnung, welche stolz auf ihre Weisheit und ihre Wissenschaft ist.

Aber wenn man einem schönen Mädchen, um den Preis, ihre Keuschheit

zu bewahren, eine Vergeltung in Aussicht stellt, ist diese ihr

gewiß? Sie läuft nicht geringe Gefahr, einen Spieler, oder einen

durch Ausschweifung brüchig Gewordenen, einen rappelköpfischen oder

brutalen Mann zum Gatten zu erhalten. Ferner hat ein anständiges

Mädchen selten genug Finesse, um die Heucheleien, die trügerischen

Aufmerksamkeiten ihrer Bewerber zu erkennen, durch die eine ein

wenig erfahrene Frau nicht mehr getäuscht wird. Hat sie aber eine

gute Partie in Aussicht, so wird irgend eine Intriguantin, die in

der Kunst zu bezaubern geübt ist, sie ihr entfremden. Das

anständige Mädchen wird darum betrogen, es erhält nur einen

unfruchtbaren Tribut der Achtung und altert oft in der

Ehelosigkeit.«

»Ich kann mich nicht so, wie ich es wünschte, hier aussprechen,

weil die Erörterung dieser Fragen dem allgemeinen Vorurtheil

zuwider ist, und doch sollte man sie gründlich behandeln, um die

Unanständigkeit, die Heuchelei und die schlechten Sitten der

Zivilisirten in Allem, was das Verhältniß der Geschlechter

betrifft, an den Pranger zu stellen. Die Sitten in der Harmonie

mögen auf den ersten Anblick Anstoß erregen, sie werden aber alle

Tugenden gebären, von denen sehr überflüssiger Weise die

Zivilisation nur träumt.«

»Wenn ich das Erziehungssystem darlege, nach dem die Kinder in der

Harmonie sich entwickeln, so werden die meisten Väter rufen. 'Ah,

das ist schön, das ist, was ich längst gewünscht, so sollte und

müßte es sein'; aber wenn ich es auch unternehme, die

Liebesbeziehungen darzulegen, so schreien die bissigen Moralisten,

daß ich die guten Sitten verletze. Sie werden über jede Parallele

verwundert sein, die ich zwischen den Gewohnheiten der beiden

Gesellschaftsordnungen ziehe. Zum Beispiel, wenn ich die

vestalischen Vermählungen mit denen der Zivilisation vergleiche,

deren Moral nur unanständige und skandalöse Gewohnheiten zu Grunde

liegen: so die zweideutigen Zeremonien, die der Verbindung des

Paares vorausgehen; die zweideutigen Wortspiele, die Trunkenheit

der Festbetheiligten, das Herfallen mit schlechten Scherzen über

die Braut. Die Gepflogenheit der Saufgelage kann einer dezenten

Gesellschaft, wie sie die Vestalen sind, nicht gefallen; sie haben

die Methode, ihre Vereinigung zu vollziehen, ohne daß sie zuvor den

Spöttereien und Witzeleien ausgesetzt sind, die den nächsten Morgen

noch immer früh genug kommen. Es bleibt weder Zeit für die ewigen

zweideutigen Wortspiele, noch für die moralischen Schlemmereien.«

»Man begeht, wie man sieht, in der Harmonie nicht die Inkonsequenz,

Vestalinnen zu schaffen ohne Vestalen, sie ahmte sonst den

Widerspruch der Zivilisation nach, die den Mädchen die Keuschheit

vorschreibt, aber die Ausschweifungen der jungen Männer tolerirt,

d.h. man provozirt bei den Einen, was man den Andern verbietet,

eine Zweideutigkeit, die der Zivilisation würdig ist. Welcher Art

werden die jungen Männer sein, die in der Harmonie sich für das

Vestalat erklären? -- Diejenigen, die, wie die Söhne des Theseus,

für aktive Thätigkeiten, aber wenig für die Liebe neigen. Wenn

Hippolyt die Jagd allein genügte, um ihn von der Liebe abzuziehen,

so wird eine soziale Ordnung, die jedem Jugendlichen dreißig und

mehr Gelegenheiten bietet, wo er seine Kräfte üben und seinen

Ehrgeiz befriedigen kann, interessanter sein, als das mittelmäßige

Vergnügen der Jagd.«

»Vergegenwärtige man sich immer wieder, daß alle diese anscheinend

so romantischen Gepflogenheiten den Zweck verfolgen, den wirklichen

Reichthum der Phalanx zu steigern, indem sie die Liebe in allen

ihren Unterarten für den Fortschritt der Arbeit und der Entwicklung

nutzbar machen. Der Reichthum steigt in demselben Maße, wie allen

Trieben der freie Aufschwung gesichert ist. Es wird geschehen, daß

die Alten, die in der Harmonie den Reichthum und die Vergnügungen

mehr lieben werden, als man sie heute liebt, die Ersten sein

werden, welche die Freiheit der Liebe herzustellen verlangen. Die

nöthigen Gegengewichte werden sich in genügender Zahl aus der

Konkurrenz der Instinkte und der Geschlechter ergeben.« ...

»Man sieht, daß meine Theorie überall eine einheitliche ist, alle

Probleme haben dieselbe Lösung, die Bildung von Serien, freien

Gruppen, und diese nach den drei Regeln zu entwickeln: geschlossene

Abstufung der Triebe (Kabalist), Wechsel in der Ausübung aller

Thätigkeiten (Papillone), kurze Sitzungen (Komposit). Das ist die

feste Regel für die Bildung und Entwicklung der Serien; ihr Zweck

muß sein, überall die Konkurrenz der Geschlechter, der Lebensalter

und der Instinkte zu begründen.«

»Den Leser choquirt die Idee der freien Liebe, weil daraus ein

Durcheinander der Kinder verschiedener Abstammung resultire; um

diese Vorurtheile zurückzuweisen, müßte ich zu sehr weitläufigen

Auseinandersetzungen greifen, die ich hier nicht geben kann; ich

werde beweisen, daß das zivilisirte Regime alle die Uebel erzeugt,

die man von der Freiheit der Liebe befürchtet, daß aber diese

Freiheit, auf eine Phalanx mit Serien der Triebe angewandt, alle

Unordnungen, die sie in der Zivilisation hervorruft, vermeidet. Wie

es in der Zivilisation aussieht, dafür mögen einige Beweise folgen.

Die Statistik von Paris ergiebt, daß ein Drittel der Väter ihre

Kinder verlassen und verleugnen. Auf 27.000 Geburten rechnet man

über 9000 Bastarde, und doch ist Paris der Mittelpunkt der

»moralischen Erleuchtung« und die »Vollendung der Vervollkommnung

der Vervollkommnungsfähigkeit«. Wenn überall ebenso viel

Vollkommenheit existirt als in Paris, ist ein Drittel der Kinder

von ihren Vätern verlassen. Ferner sind da die syphilitischen

Krankheiten, die in unserer Ordnung zahlreiche Opfer erfordern. Die

Jugend wird bei unseren Sitten zur Unaufrichtigkeit erzogen, sie

macht sich ein Spiel daraus, diese Krankheiten zu verbreiten, deren

Gefahr jede kluge Person zwingt, sich von der galanten Welt zu

isoliren und so die unnatürliche Befriedigung der Triebe

herausfordert. Ferner: Wenn im jugendlichen Alter die Mädchen über

die Treue getäuscht werden, so täuschen später ihrerseits die

Frauen; sie nehmen einfach Repressalien. Wenn in Paris, »dem Hort

der Moral«, man jährlich über 9000 Väter sieht, die ihre Kinder

verlassen, so wird die Rache der Mütter eine entsprechende sein.

Auf 27.000 Geburten schwören die Frauen 9000 Kinder ihren

Ehemännern zu, die sie von ihren Liebhabern bekommen haben. Das ist

Reziprozität der Väter und Mütter für ihre Kinder. Ferner: Nach dem

Liebesalter gefallen sich die Alten inmitten ihrer zärtlichen

Kinder und Enkel, die natürlich in den gesunden Doktrinen der

Philosophie erzogen wurden, und freuen sich der ihnen erwiesenen

Zuneigung. Es ist meist nur Duperie und Scheinheiligkeit. Alle

diese Aufmerksamkeiten gelten nicht ihnen, sondern ihrem Vermögen.

Um sich davon zu überzeugen, brauchten sie nur den Zusammenkünften

beizuwohnen, bei welchen die Liebenden ihre Eltern glossiren. Sie

werden als lächerliche Harpagons oder unbequeme Argusse behandelt;

man unterhält sich mit Wünschen, wie, daß der Augenblick bald

kommen möge, um ein Vermögen genießen zu können, das nach der

Meinung der Jungen die Alten nicht anzuwenden verstehen. Man

antwortet: daß ehrenhafte Familien vor geheimen Orgien sicher sind.

Ja, so lange die Furcht darin herrscht. Aber sind die Väter und die

Argusse todt oder abwesend, in demselben Augenblick kommt auch die

Orgie, oft selbst während die Väter leben. Die jungen Leute

überzeugen die Väter, daß sie nicht kommen, ihre Töchter zu

verführen, daß sie wahre Freunde der Moral und der Verfassung sind,

andererseits überzeugen sie die Mutter, daß sie eben so hübsch wie

die Tochter ist, »was manchmal wahr ist«. Gestützt auf diese

Argumente, organisiren sie im Hause die maskirte Orgie. Der Vater

gewahrt den Kniff und versucht widerspenstig zu werden, aber die

Frau beweist ihm, daß er nicht die rechte Einsicht habe und er

schweigt. Und selbst wenn die Väter solche Fallen zu vermeiden

wissen, gerathen sie nicht in zwanzig andere Unannehmlichkeiten, in

einen wahren »Cercle vicieux« von moralischen Sottisen? Hier fällt

eine gehorsame Tochter in Krankheit und stirbt, weil ein Band ihr

versagt blieb, das die Natur gebot. Dort wird eine entführt oder

schwanger und alle väterlichen Berechnungen werden zu Schanden. Und

welch eine Verlegenheitsquelle sind Töchter ohne Aussteuer? Um sich

zu erleichtern, schließt der Vater die Augen über die Freiheiten

der Schönsten, damit ihm die Kosten ihres Flitterstaats erspart

bleiben. Die wenigst Schöne steckt er in ein ewiges Gefängniß,[18]

ihr sagend, daß sie glücklicher sein werde, wenn sie Gott diene.

Oder er hat eine Tochter verheiratet, aber die Verbindung geht zu

Grunde, und statt eine Tochter los und ledig zu sein, hat er sie

und ihre ruinirte Familie zu erhalten. Und so ließen sich noch

viele Fälle der Enttäuschung anführen.«

[Fußnote 18: Das Kloster, ein in Frankreich in sogenannten

besseren Familien, wo das nöthige Vermögen zu einer Aussteuer

fehlt, oft vorkommendes Auskunftsmittel, sich unbequem gewordener

Töchter zu entledigen. Der Verfasser.]

»Da kommt die Moral und beweist an einigen glücklichen Ausnahmen,

welche segensreiche, Glück bringende Einrichtung diese Ehe unserer

Zivilisation sei, aber die große Majorität, die dieses Glückes

beraubt ist, sieht und empfindet dieses Glück nicht. Väter wie

Kinder sind in falscher Position, die gute Ordnung beruht auf einem

mehr oder weniger maskirten Zwang, und dieser Zwang erstickt die

Zuneigung; er reduzirt das Familienleben zu einem Trugbild. Die

Eltern erhalten das wahre Glück nur in einer Ordnung, die den

Wünschen der Natur entspricht, aber unsere Moralisten haben nie

eine Studie über die Beziehungen der Liebe gemacht. Ein Beispiel

lehrt dies.«

Fourier bezieht sich hier zum Beweis für die Richtigkeit seiner

Anschauung über die Moralisten auf einen Vorgang, der ihm zufolge

im Pensionat des berühmten Pestalozzi in Yverdon vorgefallen sein

soll, und er verspottet hierbei zugleich die sogenannte intuitive

Methode, nach der Pestalozzi bei seinem Erziehungssystem verfuhr.

Wie weit der zu erzählende Vorfall auf Wahrheit beruht, können wir

nicht kontroliren, indeß sind ähnliche Vorgänge auch heutzutage

durchaus nichts Seltenes. Fourier erzählt also, daß, während

Pestalozzi in seinem Institut nach seiner intuitiven Methode

Jünglinge und junge Mädchen unterrichtete, er gar nicht gewahr

wurde, wie diese unter sich nach der sensitiven Methode handelten.

Daraus entstand denn eines Tages eine schreckliche Entdeckung. Es

gab ein fürchterliches Durcheinander. Es ward entdeckt, daß eine

Anzahl der Schülerinnen theils durch Lehrer, theils durch Schüler

schwanger geworden war, worüber, sehr begreiflich, der berühmte

Lehrer ganz außer sich gerieth, der, wie Fourier boshaft

hinzusetzt, »bei dem Grübeln über seine intuitiven Subtilitäten

ganz und gar vergessen hatte, der Intuition der Liebe Rechnung zu

tragen«. »Während so die Philosophen die Triebe unterdrücken

wollen, kommen diese und unterdrücken unvermutheter Weise die arme

Philosophie. Es zeigt sich hier, daß, wie immer man sich in der

Zivilisation der Freiheit nähern will, sei es in Sachen der Liebe,

sei es in Sachen der anderen Triebe, man fällt stets in einen

Abgrund von Sottisen, weil die Freiheit nur im sozietären Zustand

zur Geltung kommen kann, wovon die Moral keine Ahnung hat.«

Fourier sagt dann weiter: Die Freiheit zu besitzen und zu sichern,

sei der Wunsch des Menschengeschlechtes, aber das könne man nicht,

ohne den Mechanismus der Gegengewichte zu kennen, die den Mißbrauch

der Freiheit verhüteten. Deshalb tappte bisher der menschliche

Geist im Finstern und fielen alle Neuerer, die revolutionären

Politiker, mit ihren Versuchen, wie die Pestalozzi und Owen und

andere politische Halsbrecher, stets von der Charybdis in die

Skilla.

Es ist nicht uninteressant, hier auch ein Urtheil anzuführen, das

Fourier über Kant und, indem er über die Methode Pestalozzi's

spricht, über die Deutschen überhaupt fällt. Er sagt über Kant:

Welches Wesen habe man von ihm gemacht. Er sei der erste

Metaphysiker der Schule. Kein Anderer solle wie er mit analytischer

Gründlichkeit über die Wahrnehmungen der Anschauungen des

Erkenntnißvermögens, die Willensäußerung der Empfindungen, Klarheit

gebracht haben. Er sei ein Eroberer, der Alles an sich reiße, der

das Angesicht der Wissenschaft gänzlich ändere. Er (Fourier) habe

zu diesem Urtheil »Ja« gesagt, obgleich er nicht die Fähigkeit

besitze, über Kant oder die anderen Ideologen ein Urtheil

abzugeben; er habe nie eine Zeile von ihrer Wissenschaft begriffen,

was ihn aber nicht verhindere, über ihre Bedeutung auf Grund der

vorliegenden _Resultate_ zu urtheilen. Heute rangire man die alten

Ideologen unter die Alchimisten, man betrachte ihre Lehren als

Visionen; damit sei nicht gesagt, daß die modernen Ideologen mit

den Chemikern auf eine Stufe zu stellen seien, denn diese stützten

sich auf die Erfahrung. Die Ideologen, Kant nicht ausgenommen,

seien Schöngeister, Rechthaber (»ergoteurs«), die in einem

Jahrhundert zu Ansehen kämen, das, wie das unsere, neue

Götzenbilder brauche.

Charakteristisch an diesem Urtheil ist die Offenheit, womit Fourier

zugiebt, Kant nie verstanden zu haben; damit, könnte man sagen, sei

auch das Urtheil über Fourier gesprochen, und doch thäte man ihm

Unrecht, denn für ihn entscheiden, wie er selbst sagt, die

greifbaren Resultate, und diese allein. Fourier ist trotz aller

Spekulationen, denen er selbst in seiner Ideenentwicklung verfällt,

eine durchaus auf das Konkrete gerichtete Natur. Eine Spekulation,

die keine praktischen Resultate für das Leben verspricht, verwirft

er. Daß Kant mit Begriffen operirte, über Begriffe spekulirte,

scheint ihm eine unfruchtbare Arbeit; eine solche Wissenschaft kann

für die Menschen, die, nach ihm, nur das Glück wollen und zwar

sichtbar und greifbar, keine Wissenschaft sein. Die Philosophie

müht sich ab, den Begriff des Glücks zu definiren, Fourier ist

damit sehr rasch fertig: Glück heißt volle Befriedigung aller

Triebe des Menschen, suchen wir also ihm diese Befriedigung zu

verschaffen. Was nicht darauf abzielt, ist, nach seiner Meinung,

vom Uebel, metaphysische Spekulation ohne Werth; die Praxis und die

Erfahrung entscheiden.

So urtheilt er auch weiter absprechend über Pestalozzi. Nach ihm

ist Pestalozzi der praktische Metaphysiker, wie Kant der

theoretische. Sein (Pestalozzi's) Institut sei jedenfalls das beste

in Europa, es werde nach einer Methode geleitet, die von Montaigne

bis Jean Jacques Rousseau empfohlen worden sei. Das Pensionat sei

renommirt, und die Kinder seien stolz, ihm anzugehören, wie der

Soldat stolz sei, in einem schönen Regiment zu dienen. Aber um das

Kind anzuregen, seinen Wetteifer zu entfachen, habe man nichts als

die intuitive Methode. Aber kein Kind beiße an die Angel.

Pestalozzi gestehe selbst, daß er nur selten Kinder gewinne, und

daß zwei Drittel desertirten und ungeduldig würden. Dazu komme, daß

er wegen Mangel an Vermögen das Pensionat nur mangelhaft ausstatten

könne. »Man traktirt vergeblich die Kinder mit der intuitiven

Methode, um sie über ihre Unbehaglichkeit zu trösten, sie wollen

nicht die von diesem ideologischen Dunst Getäuschten sein.«

Schließlich habe man die deutschen Kinder an diesen metaphysischen

Jargon gewöhnt. Das sei nicht zu verwundern. Deutsche Kinder seien

sehr geschmeidig, man bringe Tausende zum Gehorsam mit der

Erklärung: »Es muß sein.« Die Deutschen seien eine Nation »von

Freunden der Ordnung«, der Deutsche sei ein Mechanismmus, den man

jederzeit mit dem: »es muß sein« in Bewegung setzen könne, da sei

es leicht, die Kinder nach irgend welchen Zierereien der

Metaphysik, wie diese intuitive Methode, zu bilden, aber für die

Vortrefflichkeit der Erziehung beweise das nichts.

In Ausführung seiner Theorie erklärt Fourier weiter, daß, bevor die

Bedingungen, unter denen die von ihm dargelegten Prinzipien freier

Liebe sich verwirklichen könnten, mehrere Generationen im

phalansteren System vergehen müßten. Das Geschlecht müsse erst dazu

gesund erzogen und vorbereitet sein. Zunächst gelte es, die

Syphilis, die ganze Geschlechter geschwächt habe, vollständig

auszurotten, dann die politischen Hindernisse des Verkehrs der

Geschlechter zu beseitigen; das Schwierigste aber sei, zu

verhindern, daß nicht in dem Augenblick, wo man der Liebe größere

Freiheit gebe, die geheime und korporative Orgie -- worunter

Fourier den ungeregelten, durch kein System der Serien der Triebe

gezügelten Geschlechtsgenuß versteht -- hervorbreche. Die Orgie

könne nicht durch Unterdrückungsmittel verhütet werden, sondern

durch die Oberherrschaft von Ehre und Tugend, erzeugt durch

Einrichtungen, wie er sie in Bezug auf das Vestalat vorgeschlagen.

Er glaubt ferner die Richtigkeit seiner Ansichten über die Liebe

aus dem neuen Testament beweisen zu können, eine Beweisführung, die

bekanntlich bis in die neueste Zeit von den auf religiöser

Grundlage beruhenden kommunistischen Sekten sowohl für die

Gemeinschaft der Güter, wie für die Freiheit des

Geschlechtsverkehrs und die Gleichheit von Mann und Frau in's

Treffen geführt worden ist, aber von Anderen und durch andere

Stellen des neuen Testaments ebenso bekämpft wird.

Die Liebesbeziehungen, wie sie in der Zivilisation möglich seien,

behauptet Fourier, zögen die Jugend von den Arbeiten und den

Studien ab, sie erregten die Indolenz, die Frivolität und

verführten zu unsinnigen Ausgaben. Umgekehrt werde in der Harmonie

die Liebe zur Kultur und zum Studium anreizen und den Eifer dafür

verdoppeln.

Fourier geht nun dazu über, zu untersuchen, wie die verschiedenen

Geschlechter und Klassen für die neue Ordnung zu gewinnen seien und

wo man den Hebel ansetzen müsse. Das einflußreichste Geschlecht

seien die Kinder. Die Kinder wirkten auf die Mütter und die Mütter

und Kinder zusammen auf die Väter; einem solchen Ansturm könnten

letztere nicht widerstehen. Unter den Klassen seien es die Reichen,

die auf die niederen Klassen den Einfluß hätten. Es gelte, die

Reichen zu verführen, denn bequemten diese sich zur Arbeit in der

Serie, so würden die übrigen Klassen, durch deren Beispiel

angefeuert, erst recht eifrig bei der Sache sein. Welche Arbeiten

würden es also sein, die Reiche und Kinder am ehesten zum Eintritt

in die sozietäre Ordnung verführen könnten? Man merke wohl, es

handelt sich nicht um ein Ueberzeugen, um ein Wirken auf den

Verstand, sondern um ein Verführen, ein Wirken auf die

Leidenschaften und Triebe. Auf die Kinder wird den größten Anreiz

gutes Essen und Trinken üben, also die Gourmandis. Eine Küche für

sie und die freie Befriedigung ihrer Geschmäcker wird ihre ganze

Phantasie in Beschlag nehmen und gewinnen. Man wird also die Kinder

in Serien und Gruppen organisiren und sie mit der Herstellung der

gewünschten Herrlichkeiten vertraut machen. Von jetzt ab werden sie

die eifrigsten Werber für die Phalanx werden. Dazu kommen die schon

erwähnten anderen Anreize: Kleine Ateliers, kleine Werkzeuge,

körperliche Exerzitien und choreographische Uebungen mit

Vorstellungen, Ferien etc. in der Oper.

Die reiche Klasse wird anfangs zögern; die Einzelnen werden in

diese und jene Serie treten und die Arbeit auf kurze Zeit

versuchen. Aber eingetreten, naht die Verführung. Da ist ein

reicher Mann, Namens Mondor, der von Natur Hang zu Gartenarbeiten

hat. Er interessirt sich namentlich für Pflanzensamen, das Sammeln

der Früchte und ihre Konservirung. Nun liebt Mondor besonders

Rothkohl, den er an der Tafel der Phalanx ausgezeichnet findet;

auch hat er davon schöne Beete auf den Feldern der Phalanx gesehen.

Mondor läßt sich den Samen zeigen, untersucht ihn und giebt einer

Gruppe von Säern einige gute Winke, worüber diese Mondor ihr Lob

zollen, dessen Eigenliebe dadurch geschmeichelt wird. Er tritt in

die Gruppe der Säer ein und betheiligt sich an ihren Arbeiten, aber

ohne andern Gruppen beizutreten. Den Tag nach diesem Engagement

erlebt Mondor, daß bei der Frühparade die Kinder ihn mit einer

Fanfare begrüßen, worauf ein Herold vortritt und ihn zum

Baccalaureus des Rothkohls, in Rücksicht auf seine Kenntnisse für

diesen Zweig des Gartenbaues, ausruft. Dann tritt eine Vestalin

vor, welche ihm die Abzeichen dieser Serie überreicht und ihn

umarmt. Darauf empfängt er die Beglückwünschungen der Chefs, die

durch die Kinder mit einer neuen Fanfare begleitet werden. All das

gefällt Mondor so, daß er sich entschließt, ganz in die Phalanx

einzutreten und an ihren Arbeiten seinen Neigungen entsprechend

theilzunehmen.

»Auf ähnliche Weise wird jeder reiche Mann und jede reiche Frau«,

meint Fourier weiter, »nachdem sie einige Tage in der Phalanx

zugebracht haben und allen Vorgängen gefolgt sind, gewonnen, und

sie werden überrascht sein, plötzlich zwanzig und mehr industrielle

Anziehungen bei sich zu entdecken, die sie bisher selbst nicht

kannten. Es ist der häufige Wechsel in der freien Wahl der

Thätigkeit, was ihnen besonders gefällt. Der Einfluß dieser

parzellären Anwendungen, bald hierin, bald darin, wird die Wirkung

haben, daß sieben Achtel der Frauen sich für die verschiedensten

Beschäftigungen der Hauswirthschaft interessiren, die ihnen heute

meist widrig erscheinen. Diese liebt nicht, sich mit der Pflege

kleiner Kinder abzugeben, sie wird aber gern in eine Gruppe

eintreten, die sich mit einem Zweig der Schneiderei oder Nähterei

befaßt; die andere will nicht am Herde stehen, sie ist dagegen

eingenommen für die Herstellung verzuckerter Krême und die Arbeiten

der Konservirung; umgekehrt werden Andere angenehm finden, was Jene

verwerfen. So werden die Frauen zwanzig und mehr Beschäftigungen

finden, für die sie in der Zivilisation nicht die Mittel und die

Einrichtungen besaßen, oder die sie ermüdeten und mißstimmten, weil

sie dieselben ohne Abwechslung und bis zum äußersten Maß ihrer

Kräfte erfüllen mußten.«

»Gewöhnlich geben die Ehemänner und Moralisten der Frau in der Ehe

wenig Geld, aber viel gute Rathschläge, und so finden die Frauen in

der Haushaltung nur Plackerei und Entbehrungen, wie die Männer in

der Bodenkultur nur Ermüdung und Spitzbüberei finden. Der

immerwährende Wechsel der Beschäftigung nach Wahl wird die

Hauptquelle der industriellen Anziehung und daraus werden andere

Anreize hervorgehen. Chloe hat mehrere Male an einer Tafel der

Serie der Lautenmacher servirt und hat aus den gepflogenen

Unterhaltungen Interesse für diese Beschäftigung gewonnen; sie faßt

eines Tages den Entschluß, das Atelier derselben zu besuchen, und

was sie sieht und hört, gefällt ihr so, daß sie beschließt, in die

Serie der Lautenmacher einzutreten. Ohne daß sie diese Gesellschaft

kennen lernte und ihr Atelier besuchte, würde sie nie Interesse und

Trieb für diese Beschäftigung empfunden haben. Weiter: Sebastian,

ein junger Mann ohne Vermögen, zerreißt eines Tages an einem Haken

sein schönstes Kleid. Den nächsten Tag entdeckt dies bei der

Ordnung von Sebastian's Zimmer eine der Zimmerordnerinnen und diese

bringt das Kleid zu den Ausbesserinnen, wo Celiante, eine reiche

Dame von fünfzig Jahren, die Leitung hat. Celiante ist sehr

passionirt für solche Arbeiten und betrachtet sich selbst mit Stolz

als die Geschickteste in der Serie. Celiante kennt Sebastian, dem

sie mehrfach in Gruppen, in welchen er sich auszeichnete, begegnete

und empfindet Wohlwollen für ihn. Sie benutzt also diese

Gelegenheit, ihm ein Zeichen ihrer Wohlgeneigtheit zu geben, indem

sie selbst in meisterlicher Weise an Sebastian's Kleid die

Reparatur vornimmt. So wird der unvermögende Sebastian in der

Phalanx von einer Dame bedient, die Millionärin ist. Solche

Begegnungen und Zufälle giebt es in der Phalanx täglich in Menge,

die häufig auch zu ernsteren Beziehungen führen.«

»Die Leistung wird nie von Person zu Person bezahlt, die Phalanx

stellt sie in Rechnung; die Leistung erlangt dadurch den Charakter

der rein unpersönlichen Beziehung. Arm arbeitet für Reich, Alt für

Jung und umgekehrt. Die Greise und Greisinnen, die zu keiner

Leistung mehr verpflichtet sind, werden es sich zum besonderen

Vergnügen machen, die Kinder in den Thätigkeiten zu unterweisen,

für die sie selbst ein lebhaftes Interesse besaßen, oder noch

besitzen; sie werden in diesen Kindern die Erben und Nachfolger

ihrer Lieblingsbeschäftigungen erblicken, und ein Kind ohne

Vermögen wird häufig von ihnen adoptirt oder mit Legaten bedacht

werden. In der Phalanx hat Jeder die Gewißheit, daß er in seinen

Lieblingsvergnügen und Beschäftigungen Nachfolger findet, in der

Zivilisation nicht. Die Natur scheint ein solches Verhältniß

zwischen Eltern und Kindern häufig nicht zu begünstigen, indem die

Söhne oft ganz andere Neigungen und Anlagen als die Väter haben,

worüber in der Zivilisation die Eltern oft bitter klagen.«

»Im Widerspruch mit dem auf Ausgleichung und Uebereinstimmung

berechneten Charakter der Harmonie läuft die Zivilisation darauf

hinaus, die verschiedensten Klassen und Lebensalter miteinander zu

überwerfen. Eltern und Kinder, Vorgesetzte und Untergebene,

Unternehmer und Arbeiter befinden sich meist in Differenzen über

Anschauungen und Neigungen, Befugnisse und Pflichten. Gehalt- und

Lohnfragen führen zu Streitigkeiten ohne Ende, und das persönliche

Kommando wird Gegenstand des Hasses, denn jedes willkürliche

Befehlen ist demüthigend für den, welcher gehorcht. Das persönliche

Regiment ist in der sozietären Ordnung unmöglich; Alles ordnet sich

nach freier Uebereinkunft und passioneller Zustimmung. In einem

Solchen Zustande giebt es keine Willkür in der gegebenen Ordnung,

nichts Beleidigendes im freiwilligen Gehorchen. Da, wo die

zivilisirte Ordnung mit ihrer Privatwirthschaft und ihren

abhängigen Existenzen stets zwei- und dreifache Disharmonie und

Unordnung schafft, erzeugt der sozietäre Zustand drei- und

vierfache Freude, Bande der Uebereinstimmung jeder Art.«

»Aber der sozietäre Zustand wird auch häufig zu gemischten Gruppen

und Serien greifen müssen, in denen ein uns fremder und von uns

verächtlich behandelter Geschmack, für den wir keine Verwendung

haben, zur Anwendung kommt. Zum Beispiel, wenn es sich um

Ausführung einer schwierigen, nicht sehr angenehmen Arbeit handelt,

wie die, einen Berg mit der Anpflanzung eines Forstes zu krönen.

Hierfür wird man kaum eine Serie finden, die sich aus Trieb mit der

ganzen Arbeit belasten will; man wird also gemischte Serien, die

nacheinander folgen, in's Spiel setzen müssen, denn man wird

Erdtransporte und grobe Arbeiten vorzunehmen haben. Man schickt

also zunächst die Beginner (»initiateurs«) in's Treffen, d.h.

Leute, die alles Neue mit Feuereifer beginnen, aber nichts zu Ende

bringen, deren Strohfeuer nach einigen Sitzungen verraucht ist, die

aber überall, wo es einen gefährlichen oder unangenehmen Schritt zu

thun giebt, bei der Hand und darum sehr werthvoll sind. Es sind

Charaktere, die man leicht stimuliren kann und die vor keiner

Schwierigkeit zurückschrecken. Bis sie ermüdet sind, hat das Werk

ein anderes Angesicht gewonnen, und nun kommen die

_Gelegenheitscharaktere_ oder die _Wetterfahnen_ an die Reihe,

Leute, die sich mit jedem Winde drehen, immer die Ansicht des

zuletzt Gekommenen haben und für jede Neuheit, die Kredit erlangt

hat, zu gewinnen sind. Sie schwören, wenn sie das Unternehmen in

Angriff genommen sehen, daß es sehr plausibel sei, und werden sich

mit den Beginnern, die zurückgeblieben sind, verbinden. Darauf

folgen die Wunderlichen oder ewig Beweglichen, Leute, die sich in

Alles mischen, was _halb_ gethan ist, es modifiziren und umändern,

beständig ihre Thätigkeit wechseln, einen guten Posten für einen

schlechten hergeben, ohne einen anderen Grund, als ihre natürliche

Unruhe. Sie machen sich eifrig an die Anpflanzung, sobald sie

sehen, daß die Arbeiten vorgeschritten sind, und man wird ihnen

jede nichts bedeutende Aenderung gestatten, um sie zu streicheln.

Diese werden mit dem Rest der Vorhergehenden einige Zeit bei ihrer

Arbeit aushalten. Dann folgen die _Chamäleons_ oder

_Veränderlichen_, eine in der Zivilisation sehr zahlreiche Klasse,

die immer dabei sind, wo eine Sache Erfolg hat. Sie werden bei

einem Werk nicht unthätig bleiben wollen, das zu zwei Dritteln

beendet ist, sie werden die Arbeit bis ziemlich zu Ende führen,

aber dann sie verlassen. Jetzt ist der Moment gekommen, wo die

Fertigmacher (»finiteurs«) antreten können. Das sind die Leute, die

sich immer erst dann für ein Werk begeistern, wenn sie es fast

vollendet sehen. Niemals erhält man für einen Anfang ihre Stimme,

sie erklären jedes Unternehmen für unmöglich, für lächerlich und

ergehen sich in übertreibenden Anklagen gegen die, welche eine

Verbesserung beginnen, und behandeln als Narren oder hirnlosen

Neuerer Jeden, der etwas Großes unternimmt. Ist aber das Werk zu

drei Vierteln fertig, dann ändern diese Aristarchen den Ton; sie

werden Lobredner von dem, was sie erst beschrieen und behaupten,

daß sie von vornherein das Unternehmen unterstützt, das ohne ihre

Hülfe nicht geworden wäre. Sie werden ihre Inkonsequenz nicht

gewahr und machen sich jetzt voll Hingebung an das Werk. Dieser

letztere Charakter ist sehr häufig in Frankreich; nach geschehener

That fordern die Franzosen alle Neuerungen zurück, die sie anfangs

verlachten.«

Fourier benutzt diese Gelegenheit, um seinen Landsleuten den Text

zu lesen über die Art, wie sie ihn selbst und seine Entdeckung

behandelten. In Sachen der Harmonie oder industriellen Anziehung

ermangelten sie nicht, sich als echte Fertigmacher, d.h. Leute,

die zuletzt kommen, wenn die Hauptarbeit gethan ist, zu zeigen. Sie

haben begonnen, ihn, den Entdecker und Autor der Phalanx, zu

beschimpfen, später werden sie die Gründungsaktionäre verlachen,

dann, wenn sie die Vorbereitungen zu der Versuchsphalanx

vorschreiten sehen, werden sie sich eines Besseren besinnen und

schließlich in dem Moment der Eröffnung die Aktien zum drei- und

vierfachen Preise zurückkaufen. Nun werden sie behaupten, daß sie

den Autor von Anfang an protegirt und bewundert haben und ihn in

seiner Entdeckung ermuthigten. Und wie die Extreme sich berührten,

so seien die Franzosen große Unternehmer für bekannte Dinge, die

Andere probirt. Kein Volk neige mehr dazu wie sie, Alles zu

beginnen, aber ohne etwas zu beenden, den Plan der Arbeit zu

ändern, wenn er zur Hälfte vollendet sei. Nie sehe man einen Sohn

einen Plan vollenden, den der Vater begonnen, nie einen Architekten

einen Plan fortführen, den sein Vorgänger angefangen. Die Franzosen

seien Wetterfahnen, die sich nie an einen bestimmten Geschmack, nie

an eine Meinung bänden, plötzlich von einem Extrem in's andere

fielen und das Widerstreitendste zu verbinden suchten. Vor einem

halben Jahrhundert seien sie voll Verachtung für den Handel gewesen

und heute lägen sie voll kriechender Schmeichelei vor ihm auf dem

Bauch; ehemals rühmten sie sich ihrer Rechtschaffenheit und heute

seien sie ebenso betrügerisch im Handel wie Chinesen und Juden.

Kurz, der nationale Charakter der Franzosen sei in jeder Beziehung

ein Gemisch von Gegensätzen, und wenn künftige Geschichtsschreiber,

in der Harmonie die Geschichte der Zivilisation schreibend, die

Charaktere klassifizirten, würden die Franzosen als Typus der

Widersprüche an der Spitze der Stufenleiter stehen.

Wie Fourier seine Landsleute kannte, geht auch noch aus einer

anderen Stelle seiner Schriften selbst hervor, wo er von zwei

Personen ein Zwiegespräch über sich und sein Werk führen läßt.

Wir lassen die amusante Stelle hier folgen:

»Was steht in diesem Buch über die Anziehung? -- Bah! Narrheiten.

Der Mensch, der es schrieb, behauptet, daß man bisher die

Entdeckung über die Bestimmungen verfehlt habe; daß dem

Menschengeschlecht ein unermeßliches Glück vorbehalten sei; daß

eine Berechnung über die universelle Harmonie der Triebe existire;

daß diese strebten, eine neue soziale Ordnung zu gründen, welche

nichts mit der Unordnung der Zivilisation zu thun habe und ihr

entgegengesetzt sei; eine Ordnung, in der alle Völker in Freuden

schwämmen und trotz der Ungleichheit der Vermögen für Alle

Ueberfluß herrsche; eine Ordnung, wo die Arbeit anziehender werde,

als unsere Bälle und Schauspiele; eine Ordnung, die, sobald sie nur

versuchsweise an einem Orte eingeführt sei, von allen Völkern der

Erde ohne Unterschied des Kulturgrades mit Begeisterung angenommen

werde! -- Das ist ein gigantischer Roman, wie je einer existirte;

großartig in Wahrheit, aber unmöglich. Alle unsere Philosophen

hätten sich also getäuscht, wenn der Autor Recht hätte; so viel

wissenschaftliche Erleuchtung von Plato und Seneka bis Montesquieu

und Rousseau sollte ein Nichts sein? Unmöglich; sicherlich träumt

dieser Mensch. Und wer ist er? Ein Akademiker, ein berühmter

Philosoph? -- Nein! es ist einer der unbekanntesten Provinzialen.

-- Bah, ihm mangelt der gesunde Verstand! Ja, ja, die Provinz

liefert solch originelle Käuze!«

* * * * *

Fourier stellt im weiteren Verlauf seiner Ausführungen ferner die

These auf, daß im sozietären Regime die Gourmandise die Quelle der

Einsicht, der Aufklärung und sozialen Uebereinstimmung werde und

begründet diese uns sehr fremd erscheinende These also:

Kein Trieb sei übler angesehen, als die Gourmandise

(Leckermäulerei). Könne man aber annehmen, daß Gott als Laster

einen Trieb betrachtet haben wolle, dem er eine so große Herrschaft

gegeben? Seine Herrschaft sei die allgemeinste. Andere Triebe, wie

Liebe, Ehrgeiz übten nur auf das reife und männliche Alter mehr

Einfluß, aber die Gourmandise verliere niemals ihre Herrschaft über

die verschiedensten Alter, Klassen und Völker, sie sei permanent

bis zum Lebensende; sie herrsche über die Kinder wie über die

Erwachsenen. Man habe Soldaten Revolutionen machen sehen, um sich

betrinken zu können, und der Wilde, der die Zivilisation

verabscheue, gebe sich für eine Flasche Branntwein zur Arbeit her

und verkaufe für eine Flasche starken Liqueurs seine Frau und

Tochter. Würde das Menschengeschlecht so gebieterisch diesem Trieb

unterworfen sein, wenn er nicht zu einer hochwichtigen Rolle in dem

Mechanismus unserer Bestimmung ausersehen wäre? Und wenn nun dieser

Mechanismus die industrielle Anziehung sei, müsse dieser sich dann

nicht innig mit diesem gastronomischen Trieb -- der Gourmandise --

verbinden? Sie müsse in der That das allgemeine Band der

industriellen Serien, die Seele ihrer alles bewegenden Intriguen

bilden. In der Zivilisation könne die Gourmandise nicht mit der

Arbeit verbunden sein, weil der Produzent selbst nicht genieße, was

er erzeuge. Die Befriedigung dieses Triebes sei hier Vorrecht der

Müßigen und dadurch _allein_ werde er lasterhaft, wenn er es nicht

schon durch die Ausgaben und die Exzesse, die er erzeuge, wäre. --

»In der Harmonie spielt die Gourmandise die entgegengesetzte Rolle,

sie ist nicht Belohnung des Müßigganges, _sondern der Arbeit_, denn

der Aermste nimmt Theil an den werthvollsten Genußartikeln. Sie

wird ihn, Kraft der Abwechslung vor Exzessen bewahren, aber indem

sie die Intriguen der Konsumtion mit denen der Produktion

verbindet, wird sie die Arbeit stimuliren. Wollen Alle die höchsten

Tafelfreuden genießen, so müssen Alle sich anstrengen, die

vorzüglichsten Qualitäten der Nahrungsmittel zu erzeugen. Das

Mittelmäßige wird verschwinden und binnen wenig Jahren wird aller

Boden so kultivirt sein, daß er nur noch das Beste trägt. Man wird

die Eigenschaften des Bodens zur höchsten Vollkommenheit zu bringen

suchen; man wird gute Erde anfahren, wo jetzt schlechte ist, und wo

der Boden nicht zu verbessern ist, ihn aufforsten. Acker- und

Gartenbau müssen mit der Industrie wetteifern. In der ganzen

Phalanx muß das Prinzip herrschen, durch alle möglichen

Verbesserungen: Nahrungsmittel, Kleidung, Möbel und Alles, was zur

Erhöhung der Lebensannehmlichkeiten beiträgt, zu stetig steigender

Vervollkommnung zu bringen. Dies Prinzip erkennen auch die

Moralisten an, die gegen den schlechten Geschmack des Publikums

eifern. Aber in diesem, wie in allen anderen, ist die Moral in

Widerspruch mit sich selbst; sie will Literatur und Künste heben

und verbessern, aber sie will uns in der _wesentlichsten_ Branche,

in der _materiellen Lebenshaltung_, im Zustand der Rohheit halten,

obgleich grade hier der Keim ist, der die industrielle Anziehung

gebiert und das Bedürfniß nach Vervollkommnung weckt. So wenden die

Moralisten da ihr Prinzip zuerst an, wo es _zuletzt_ angewandt

werden sollte.«

»Man muß in der Phalanx alle Geschmäcker entwickeln, selbst die

bizarrsten, namentlich auch bei den Frauen, die oft eine starke

natürliche Neigung zu Genüssen haben, die mit dem guten Ton sich

schwer vertragen. Die Gastronomie ist es zunächst, welche die

Zurückführung zur Natur bewerkstelligen wird, wenn man ohne

Aufschub das Hervorbrechen industrieller Serien für die

Ausgleichung der Triebe erreichen will. Beispiel: Ein neunjähriges

Mädchen liebt allem Lächerlichmachen zum Trotz den Knoblauch. Man

spekulirt also auf diesen Geschmack durch ein doppeltes

Ineinandergreifen von Umständen. Zunächst auf die Vermischung der

Geschlechter in einer Serie; denn die Serie, welche zwiebelartige

Gewächse kultivirt, wie Knoblauch, Zwiebeln, Schnittlauch,

Schalotten, besteht gewöhnlich aus Männern. Man muß ihr also ein

Achtel Frauen zuführen, die man aber meist im jugendlichen Alter

wird suchen müssen, da selten ein Mädchen über 16 Jahren am

Knoblauch Geschmack finden dürfte. Man wird zweitens aber auch die

Vermischung der Arbeiten bei den Individuen herbeiführen müssen.

Ein junges Mädchen liebt den Knoblauch, aber es liebt nicht das

Studium der Grammatik, wohingegen ihre Eltern wünschen, daß sie den

Genuß des Knoblauchs unterlasse, aber sich den Studien hingebe.

Diese Wünsche sind in doppelter Beziehung gegen ihr Naturell. Man

sucht also lieber Beides in doppeltem Sinne zu entwickeln. Sie

steht im Garten und an der Tafel mit Liebhabern des Knoblauchs in

Beziehung, und so erhält sie eines Tages von Marzellus eine Ode zum

Lobe des Knoblauchs behändigt. Lebhaft pikirt über die Lästerer des

Knoblauchs, ist sie beeifert, die Ode kennen zu lernen. Man benutzt

also die Gelegenheit, um sie in freier Weise in die Schönheiten der

lyrischen Poesie, des Versmaßes einzuführen; vielleicht kann sie

sich eher für die Poesie als für die Grammatik begeistern, und so

führt man sie von einem Studium zum andern. In dieser Weise

verbindet die sozietäre Erziehung den kabalistischen Geist und den

Hang zum Bizarren, um bei einem Kinde die Neigung für die Studien

zu wecken, es indirekt zu einem Studium zu führen, das es ohne

irgend eine stimulirende Intrigue zurückgewiesen haben würde. Es

ist unzweifelhaft der natürlichste Weg, mit Hülfe solcher Intriguen

die Kinder zur Initiative für die Arbeit zu gewinnen; man benutzt

die Gourmandise als Mittel zum Zweck.«

Fourier vergleicht den Geschmackssinn mit einem Wagen, der auf vier

Rädern läuft, die bezeichnet werden könnten mit Gastronomie,

Küchenwirthschaft, Konservirung und Kultur der Lebensmittel. In der

Zivilisation finde man es zwar häufig gerechtfertigt, die Kinder in

die drei letzteren Thätigkeitszweige nach Möglichkeit einzuweihen,

aber von der ersteren, der Hauptsache, halte man sie fern, sie

gelte als ein Uebel. Die Gastronomie werde allerdings erst dann als

Wissenschaft zu Ehren kommen, wenn sie den Bedürfnissen Aller

genüge. Gegenwärtig sei es Thatsache, daß die Menge, statt in Bezug

auf guten Tisch Fortschritte zu machen, mehr und mehr zurückkomme

und immer schlechter sich nähre; ihre Nahrungsmittel ließen sowohl

bezüglich ihrer Nahrhaftigkeit als ihrer Menge zu wünschen übrig.

Wohl sehe man in Paris einige Tausend sich den Bauch pflegen und am

Besten sich gütlich thun, aber Hunderttausende bekämen nicht einmal

eine natürliche Suppe. Die Bouillon sei nur Schein, man bereite sie

aus ranzigem Speck, Talg und fauligem Wasser. Der Handelsgeist sei

im Wachsen und die niederen Klassen würden mehr und mehr von seinen

Betrügereien erdrückt. Die Gastronomie sei nur unter zwei

Bedingungen lobenswerth, einmal, daß sie direkt für die produktiven

Funktionen angewendet, mit den Arbeiten für die Kultur des Bodens

und der Vorbereitung in Haus und Küche verbunden werde und der

Gastronom, also der Genießende, selbst dabei thätig sein müsse;

dann, daß sie zum Wohlsein der arbeitenden Menge in Anwendung komme

und so das Volk an den Raffinements eines guten Tisches Theil

nehme, der jetzt nur für die Müßiggänger vorhanden sei. Dieser

Zweck werde erreicht, wenn alle auf die Konsumtion abzielenden

Funktionen sich so zu sagen um die Gourmandise raillirten, denn

letztere werde stets anziehend bleiben; sie müsse also die Basis

des Gebäudes bilden, wenn man dieses dauerhaft errichten wolle.

Unsere Philosophen stellten zwar das Prinzip auf, daß im System der

Natur Alles verbunden sei, aber in unserm industriellen System sei

nichts passionell verbunden. Die Industrie müsse durch auf die

Gourmandise berechnete Serien ihre Verbindungen bilden, diese durch

Trieb wie Anregungen an der Tafel zu den Arbeiten in der Küche, der

Konservirung der Nahrungsmittel und dem Garten- und Feldbau führen.

Kein Trieb habe mehr Anziehung, als derjenige des Geschmacks, um

ein Ineinandergreifen der Thätigkeiten herbeizuführen; aber in der

Zivilisation arbeite man diesem Trieb am Heftigsten entgegen, und

zwar sei es hauptsächlich jene Verbindung, die ihrer Natur nach

stets nur die Beschränktheit und die Einseitigkeit aufrecht

erhalte: _das Familienband_.

* * * * *

Fourier beurtheilt den Kulturgrad einer Gesellschaft nach der

Stellung, welche die Frau in derselben einnimmt, ein heute

allgemein getheilter Standpunkt. Er geht aber weiter und macht die

Gesellschaftsentwicklung überhaupt von der Stellung der Frau

abhängig; nach ihm geht die Veränderung in der Stellung der Frau

einem neuen Kulturzustand voraus, was nicht richtig ist, sondern

diese Veränderung ist Folge. Wohl hat die bürgerliche Gesellschaft

scheinbar Recht, und so urtheilt Fourier, daß die monogamische Ehe

mit ihren legitimen Kindern Grundlage ihrer Gesellschaft ist, aber

dieser monogamischen Ehe _voraus_ geht das bürgerliche Eigenthum,

der Privatbesitz an Grund und Boden und an den Produktionsmitteln.

Der Privateigentümer ist bestrebt, sein Eigenthum zusammenzuhalten,

auch über seinen Tod hinaus; er will in seinem Eigenthum

gewissermaßen fortleben. Er sucht also einen Erben, der seinen

Intentionen gemäß sein Eigenthum verwaltet und wo möglich vermehrt.

Wo kann er diesen seinen Intentionen entsprechenden Erben besser

finden, als in dem von ihm selbst gezeugten Kinde, das vielleicht

auch der Erbe seiner Charaktereigenschaften ist und das er vor

allen Dingen durch die Gewalt, die er über es ausüben kann, seinen

Absichten gemäß zu bilden und zu erziehen suchen wird? Damit aber

der Erbe auch sein wirklich _legitimer_ Erbe sei, muß er möglichst

sich vor der Gefahr sichern, die Kinder eines Fremden als die

seinen ansehen zu müssen, und deshalb umgiebt er die Ehe mit all

den gesetzlichen Zwangseigenschaften, die sie heute besitzt.

Die bürgerliche Ehe ist also mit dem bürgerlichen Eigenthum innig

verwachsen, _sie geht daraus hervor_, und es ist ein ganz falscher

Schluß, den Fourier macht, wenn er glaubt, in der bürgerlichen Ehe

das Hauptübel sehen zu müssen, das der Umwandlung des bürgerlichen

Zustandes in seinen sozietären sich entgegenstellt. Er ist von

seiner Ueberzeugung, daß nur die Einehe das Hinderniß für den

Ausgang aus der Zivilisation bilde, so durchdrungen, daß er dem

Konvent vorwirft, dadurch die Revolution in ihrer Wirkung

beschränkt zu haben, daß er vor der Ehe stehen geblieben sei. Wie

konnte er nur eine halbe Maßregel, wie die Ehescheidung, gutheißen?

Es waren die Philosophen, durch welche der Konvent sich gefangen

nehmen ließ, sonst hätte nach seiner Meinung es geschehen können,

daß die Revolution von 1793 eine zweite gebar, die eben so

wunderbar gewesen wäre, als die erste entsetzlich war.

An sich ist es vollkommen richtig, wenn Fourier die Höhe eines

Kulturzustandes bemißt nach der Stellung, welche die Frau in ihm

einnimmt, es ist aber falsch, wenn er die Stellung der Frau als das

Primäre, die Eigenthumsverhältnisse als das Sekundäre ansieht. Das

Umgekehrte ist die Wahrheit. Im gesellschaftlichen Urzustand

herrscht der Kommunismus an Grund und Boden, und wo dieser

herrschte oder noch herrscht, existirt auch überall die freie

Liebe, eingeschränkt durch gewisse Grenzen, die der allzunahen

Blutsverwandtschaft gezogen werden. In diesem Zustand herrscht auch

das Mutterrecht; wohl läßt sich die Mutter, aber nicht der Vater

des Kindes nachweisen. In dem Maße, wie die Eigenthumsverhältnisse

sich ändern, ändern sich auch die Beziehungen der Geschlechter. Mit

der Entstehung von persönlichem Eigenthum wird auch die Frau

persönliches Eigenthum, und da sie zugleich Arbeitsmittel wird,

entsteht die Polygamie. Es giebt jetzt viele Mütter, aber einen

Vater. Aber der Vater, der Töchter besitzt, wünscht seinen

Töchtern, wenn er sie verheirathet, eine bevorzugte Stellung unter

den anderen Frauen. Dieser Wunsch ist der Wunsch aller Eigenthümer,

ihre Wünsche begegnen sich und man sucht durch größere Mitgift die

Befriedigung dieser Wünsche zu erleichtern. Das Heirathsgut ist der

Preis. Noch aber sind die Töchter im Gegensatz zu den Söhnen des

Erbrechts beraubt. Allmälig erlangen sie auch dieses, sei es als

Kaufpreis neben dem Heirathsgut, sei es als Tochter, die keine

konkurrirenden Brüder hat. Damit kommt die Frau in die Lage, wo

sie, statt der bevorzugten Frau, die _einzige_ Frau wird. Aus der

Polygamie wird allmälig die Monogamie. Eigenthum und Erbrecht in

ihrer weiteren Entwicklung sind die Klammern, welche die Einehe

zusammenhalten, und da die Eigenthümer auch die Gesetzgeber sind,

wird die Einehe, ganz abgesehen von dem Mangel an materiellen

Mitteln, der bei Privateigenthum den meisten Männern es unmöglich

macht, mehrere Frauen ernähren zu können, Zwangsordnung auch für

Jene, die kein Eigenthum und folglich nichts zu vererben haben. Die

hierarchische Ordnung und die Gesetze, d.h. der Zwang, kommen

stets von Oben, _sie sind die in Paragraphen formulirten Interessen

der herrschenden Klassen_. Der Kampf gegen diese Ordnung geht stets

von Unten aus, und aus diesem Kampf, der selbst wieder auf der

Entwicklung der sozialen und materiellen Lebensbedingungen der

Masse beruht, entsteht der gesellschaftliche Fortschritt. Mußten

also hiernach Fourier's positive Vorschläge, weil sie auf einer

falschen Grundanschauung beruhten, negativ bleiben, so hat hingegen

seine negative Kritik an den bestehenden Zuständen sehr positiv

gewirkt.

Fourier geht nunmehr dazu über, die bürgerliche Familie, die er als

das Haupthinderniß seines Systems ansieht, in ihrem Wesen zu

kritisiren. Halten wir seinen Hauptgedankengang fest: Gott hat die

Welt erschaffen, und da er sie erschaffen hat, muß er sie auch gut

erschaffen haben, sonst käme er in Widerspruch mit sich selbst. Der

Mensch ist das von Gott geschaffene höchste lebende Wesen, für den

er, wenn die Welt überhaupt einen Zweck haben soll, diese Welt

erschaffen hat. Wie die Welt gut, so soll der Mensch, dem Willen

Gottes entsprechend, glücklich sein. Statt dessen sehen wir die

große Mehrzahl unglücklich, und zwar unglücklich, weil sie die

Triebe, die Gott ihnen gegeben, nicht befriedigen können. Aus

Unkenntniß ihrer Natur und ihres Zwecks haben sie sich eine Ordnung

gegeben, in der diese Triebe meist unterdrückt werden, zur

Einseitigkeit gelangen, kurz ihren Zweck verfehlten. Die

Einheitlichkeit, d.h. die volle Harmonie zwischen den Menschen und

der Welt und der Welt und Gott, ist aber der große Zweck Gottes,

und um diese Einheitlichkeit zu ermöglichen, ist die Vielseitigkeit

der Beziehungen auf ausgedehnter Stufenleiter die einzige Lösung.

Dieser Vielseitigkeit der Beziehungen und der Ausdehnung derselben

auf alle Menschen und die sie umgebende Natur steht die isolirte

Wirthschaft des Menschen entgegen. Diese isolirte Wirthschaft ist

aber nur wieder Folge des möglichst kleinsten Gruppenbandes, der

Ehe, resp. Familie, »ergo« müssen Ehe und Familie in ihrer heutigen

Gestalt verschwinden.

In diesem Gedankengang bewegt sich Fourier und von diesem

Standpunkt aus kritisirt er die Ehe und Familie, wobei der Leser

beachten will, daß Fourier hauptsächlich Pariser und

großstädtisches Leben seiner Kritik zu Grunde legt. Er führt

weiter aus:

»In der Zivilisation ist das System der Liebe ein System

allgemeinen Zwangs und in Folge davon allgemeiner Falschheit. Wie

im Handel so sind auch in Sachen der Liebe die Schutzmaßregeln

(»prohibitions«) und die Kontrebande unzertrennlich. Wo die Liebe

mit Schutzmaßregeln umgeben wird, darf man auf deren allgemeine

Uebertretung rechnen. Schon daraus folgt, daß alle Familienbeziehungen

verdorben sind. Der Gatte wird durch seine Frau betrogen, die

Tochter verheimlicht ihm ihre Beziehungen und dies wirkt zurück auf

seine Treue in der Ehe. Die schmachvollste aller sozialen Perfidien

ist, daß er nicht selten über den Ursprung seiner Kinder getäuscht

wird, ein Vorkommniß, das auf der Bühne zum Gegenstand des Spottes

und der Lächerlichmachung dient.«

»Diejenigen, die beanspruchen, die Wahrhaftigkeit in die sozialen

Verhältnisse einzuführen, ohne darunter auch die Beziehungen der

Liebe zu begreifen, sind mit Blindheit geschlagen. Sie scheinen

nicht zu wissen, daß die Liebe eine der vier Hauptleidenschaften

ist und eine der mächtigsten; ist sie gefälscht, so genügt dies, um

durch ihren Kontakt den Mechanismus des ganzen sozialen Systems zu

fälschen. Wer glaubt, hier Fälschungen zulassen zu können, handelt

wie eine Regierung, die um eine achtzig Meilen lange Grenze gegen

die Pest abzusperren, sich begnügt, sechzig Meilen durch einen

Truppenkordon zu besetzen und den Rest der freien Passage den

Pestkranken offen läßt ...«

»Die Welt besteht aus Betrügern und Betrogenen, und so sollte man

annehmen, daß die öffentlichen Einrichtungen die dem Betrug

ausgesetzte Klasse schütze. Die Ehe, scheint es, ist ganz im

Gegentheil eine Einrichtung zum Nachtheil der vertrauenden Leute,

sie scheint erfunden zu sein, um die Verderbten zu belohnen. Je

schlauer ein Mann ist und sich durch Verführungskünste auszeichnet,

um so leichter gelangt er zu einer reichen Heirath und gewinnt die

öffentliche Achtung. Man bringe die infamsten Hülfsmittel in

Anwendung, um eine reiche Partie zu machen, sobald es ihm gelingt,

zu heirathen, ist er ein kleiner Heiliger, ein Muster von Tugend.

Erwirbt Jemand plötzlich ein großes Vermögen dadurch, daß es ihm

gelang, ein junges Mädchen zu gewinnen, so ist das ein der

öffentlichen Meinung so gut gefallendes Resultat, daß sie alle

Intriguen verzeiht. Alle Welt preist ihn nun als guten Ehemann,

guten Vater, guten Verwandten, als guten Freund und Nachbar, guten

Bürger und guten Republikaner. Das ist die Manier der Lobhudler,

sie loben ihn vom Scheitel bis zu den Zehen, im Ganzen und im

Einzelnen.«

Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien. · 第 4 / 9 题