gesandten Erlöser der Welt von den sozialen Uebeln, wie Christus,
seiner Lehre gemäß, der Erlöser aus geistiger Knechtschaft war. Die
Utopisten und die Propheten rangiren in derselben Klasse, beide
glauben an die Unfehlbarkeit ihrer Lehren, d.h. also an ihre
eigene Unfehlbarkeit. Und dieser Glaube, »der Berge versetzt«,
macht die Ausdauer und die Hartnäckigkeit begreiflich, womit sie
allen Hindernissen trotzen, allen Einwürfen begegnen, und wenn die
Umstände es erfordern, freudig zum Märtyrer ihrer Ueberzeugungen
werden. Indem Fourier die geistige Macht der herrschenden Klassen
auf's wuchtigste angriff, die erfahrungsgemäß und
selbstverständlich sich auch mit seinem System nicht befreundet und
es bekämpft haben würden, wenn er in seiner Kritik weniger scharf
und bitter, in seinen Angriffen maßvoller und wenn er sein System
mehr mit den herrschenden Zuständen in Einklang gebracht haben
würde, suchte er in den Aussprüchen Jesu sich eine Waffe und eine
Stütze zu schaffen. Das Priesterthum war trotz Allem, was die
Revolution Uebles für es gebracht hatte, in Frankreich noch eine
bedeutende Macht, weil die herrschenden Klassen sehr rasch
erkannten, daß wenn sie seine Macht beseitigten, sie einen der
Aeste absägten, auf denen sie selber saßen. Die einfache Klugheit
gebot ihnen, sich mit der Kirche zu rangiren, und wer, wie Fourier,
mit dem Bestehenden rechnete, und dies zur Basis seines Systems in
so fern nahm, als er an die Einsicht und die Hülfe der oberen
Klassen appellirte und sie in erster Linie, ja ausschließlich, zur
Inangriffnahme einer Versuchsphalanx, die dann durch ihre Resultate
unfehlbar seinem System zum Siege verhelfen würde, aufforderte, der
mußte auch dem religiösen Kultus Rechnung tragen. So handelte also
Fourier vollkommen logisch. Er that, was allen sozialen Neuerer das
ganze Mittelalter hindurch auch gethan hatten. Allerdings ist er
mit Jenen nicht in Vergleich zu stellen; er ragt eben so weit über
sie hinaus, als ein genial angelegter Geist zu Beginn des
neunzehnten Jahrhunderts über einen fanatischen Mönch des zwölften
oder sechszehnten Jahrhunderts, dessen Hauptwissen in der Kenntniß
der Bibel und den Schriften der Kirchenväter bestand, hinaus ragen
konnte. Fourier ist, neben St. Simon, der letzte der Utopisten,
dessen System sich auf die religiösen Lehren der herrschenden
Kirche zu stützen versuchte, sie wenigstens als Anhängsel benutzte.
Wohingegen alle sozialen Bewegungen des Mittelalters einen rein
religiösen Charakter annahmen, und zwar so sehr, daß die meisten
Geschichtsschreiber _nur_ den religiösen Charakter der Bewegungen
sahen, den sozialen -- der mehr oder weniger auf einem rohen, auf
die entsprechenden Aussprüche des Alten und Neuen Testaments
gestützten Kommunismus beruhte -- aber gänzlich übersahen. Unter
dem geistigen Druck der Kirche und bei der Beschränktheit der
Geister war im Mittelalter keine soziale Bewegung ohne ausgeprägt
religiösen Charakter denkbar. Was im Mittelalter Hauptsache war,
wurde natürlich bei einem Fourier zu Beginn des neunzehnten
Jahrhunderts mehr Nebensache, es war eine Waffe und eine Stütze,
die er glaubte nicht entbehren zu können. So erklärt sich die sehr
gezwungene Auslegung, die er den meisten der zitirten Stellen geben
mußte, wobei wir keineswegs behaupten, daß er sich dieses Zwangs
bewußt war. Es ist selbst für mäßig begabte Kritiker, die in einer
späteren, aufgeklärteren und klarer sehenden Zeit leben, leicht,
die Mängel in den Systemen und Lehren vorangegangener bedeutender
Geister scharf zu erkennen, aber daraus zu schließen, daß das, was
sie erkannten, auch Jene leicht erkennen mußten, ist falsch.
Andererseits läßt sich nicht leicht nachweisen, wo bei vorhandenen
Widersprüchen eines Menschen die Ueberzeugung aufhört und die sog.
Klugheit, Rechnungsträgerei oder gar der beabsichtigte Betrug
beginnt. Der Beweis für Letzteres wird leicht zu führen sein, wo
offenbare, grobe und direkte Widersprüche vorliegen, bei Fourier
wird man diese nicht leicht nachweisen können. Sein System ist ein
streng geschlossenes und gegliedertes System mit allen Vorzügen und
Schwächen. Ein System, das in seiner Geschlossenheit selbst den
Keim einer Religion enthält, weshalb nur eine Schule, keine Partei
sich aus ihm entwickelte. Man kann eben so gut von einer
Fourier'schen Sekte sprechen, wie Fourier selbst, und stets mit
großer Geringschätzung, von einer Owen'schen oder St.
Simonistischen Sekte sprach.
* * * * *
Glaubte Fourier durch die auszugsweise mitgetheilten Aussprüche den
Beweis geführt zu haben, daß Jesus und das Neue Testament für seine
Theorien sprächen, so geht er nunmehr dazu über, auch den
Gegenbeweis zu Gunsten seiner Lehre zu erbringen, d.h. er sucht
nachzuweisen, in welcher Unwissenheit sich die Modernen über
Charakter, Eigenschaften, Gang und Ende der Zivilisation befänden,
von der sie immer noch leichtgläubig genug die Vervollkommnung
hofften. Er versucht ferner nachzuweisen, welche Wege sie betreten
müßten, um allmälig in die sechste Entwicklungsperiode, die des
Garantismus, zu gelangen. Daß die Zivilisation überhaupt sich zu
vervollkommnen suche, zeige das unbewußte Streben, über sich selbst
hinaus zu gehen, sich zu Garantien zu erheben, von denen einige
Stückchen verwirklicht zu haben sie sich einbilde. Aber diese
Garantien, wie das Geldsystem und die Versicherungen, verdanke sie
mehr dem Zufall, dem Instinkt, aber nicht der Wissenschaft.
Es sei hier bemerkt, daß Fourier zwar die Einführung des Geldes als
Fortschritt für ein besseres Ausgleichungssystem ansieht, aber
auszusetzen hat, daß es »individuelles« Geld sei, wie er es
bezeichnet, also in den Händen des Privateigenthümers Mittel der
Ausbeutung, des Betrugs und der Unterdrückung werde. Das Geld soll
nach ihm gesellschaftliches Besitzthum sein, es würde also in
seinem System Besitzthum der Phalanxen werden. Daß das Geld seinen
Zweck nur erfüllt, wenn es zwar gesellschaftlich anerkanntes
Tauschmittel für alle Waaren, aber gleichzeitig im Privatbesitz
ist, weil es _nur_ in einer auf Privatbesitz und Waarenproduktion
beruhenden Gesellschaft einen Sinn und die Möglichkeit der Existenz
hat, entging ihm. Mit der Aufhebung der Waarenproduktion, also auch
der Privatwirthschaft und mit der Einführung gesellschaftlicher
Produktion fällt der Gegenpol der Waarenwirthschaft, die
Geldwirthschaft, von selbst, der Boden seiner Existenz, allgemein
anerkanntes Tauschmittel für alle Waarenaustausche zu sein, wird
ihm entzogen. Da wo Produkt gegen Produkt, richtiger Arbeit gegen
Arbeit gesellschaftlicher Vereinigungen sich austauscht, wird der
Austausch ein einfaches Rechenexempel, das auf dem Wege der Buchung
der austauschenden Faktoren beglichen wird. Dagegen muß in einer
auf Millionen Einzelwirthschaften beruhenden Produktion, wo das
Produkt als Waare den einzigen Zweck hat, so rasch als möglich die
Hände seines Produzenten zu verlassen, um durch Dutzende von Händen
die verschlungensten Kanäle zu durchwandern, welche die Spekulation
ihm anweist, bis es endlich in die Hände des Bedürfers gelangt, wir
sagen, hier muß nothwendig ein gesellschaftlich anerkanntes
Aequivalent zur Ausgleichung aller dieser Manipulationen vorhanden
sein, und dieses ist das Geld, das den Doppelcharakter besitzt,
gesellschaftlich anerkanntes Werthmaß und Waare zu sein.
Andererseits, fährt Fourier fort, habe die Zivilisation falsche
Methoden adoptirt, so das System der anarchischen Industrie und der
lügnerischen individuellen Konkurrenz; aber hauptsächlich habe sie
den Fehlgriff begangen, die Aktiengesellschaft für die Assoziation
anzusehen, alles Fehler, die sie weitab vom Wege der sozialen
Garantien führten. Es sei also nothwendig, um dieses politische
Chaos zu entwirren, eine detaillirte Analyse der Zivilisation und
ihres Charakters zu geben, eine Aufgabe, der sich bisher die
Gesellschaft und ihre wissenschaftlichen Führer entzogen hätten.
Man glaube noch an die Vervollkommnung, _während die Zivilisation
bereits rapide ihrem Untergang entgegeneile_.
Wie der menschliche Körper so besäßen auch die Gesellschaften ihre
vier, durch bestimmte Charaktereigenschaften sich unterscheidenden
Lebensalter, die einander sich folgten. Man könne weder den
Aufschwung noch den Niedergang einer Gesellschaft beurtheilen, so
lange man nicht die sehr unterscheidenden Charaktereigenschaften zu
bezeichnen vermöge, die eine bestimmte Gesellschaft besitze. Unsere
Naturwissenschaftler seien, wenn es sich um die Unterscheidung
ziemlich nutzloser Pflanzen handele, so sehr skrupulös, warum seien
dies nicht auch unsere Politiker und Oekonomisten? Warum folgten
sie nicht dieser naturwissenschaftlichen Methode, wenn es sich um
die ihnen so theure Zivilisation handele, um die von jeder der vier
Phasen adoptirten Eigenschaften zu bezeichnen? Es sei dies das
einzige Mittel, um zu erkennen, ob man noch vorwärts schreite oder
im Niedergang sich befinde.
Nach Fourier sind nun die vier Phasen der Zivilisation und die
einer jeden eigentümlichen Charaktereigenschaften folgende:
/ 1. Phase: KINDHEIT.
| Einfacher Keim . . . . . . . Monogamie.
| Zusammengesetzter Keim . . . Patriarchalische oder
| adelige Feudalität.
| Angelpunkt der Periode: . Bürgerliche Rechte
| der Frau.
Auf- | Gegengewicht . . . . . . . . Föderation der großen
steigende / Vasallen.
\ Ton oder Stimmung . . . . . Ritterliche Illusionen.
Schwingung |
| 2. Phase: JUGEND.
| Einfacher Keim . . . . . . . Städtische Privilegien.
| Zusammengesetzter Keim . . . Pflege der Wissenschaften
| und Künste.
| Angelpunkt der Periode: . Befreiung der Arbeit.
| Gegengewicht . . . . . . . . Repräsentativsystem.
\ Ton oder Stimmung . . . . . Illusionen über Freiheit.
MITTAGSPHASE
Keim . . . . . . . . . . Seeschiffahrtskunst, experimentale Chemie.
Charakter-
eigenthümlichkeiten . . Enttäuschungen, Staatsanleihen.
/ 3. Phase: MANNBARKEIT.
| Einfacher Keim . . . . . . . Handelsgeist, Fiskalismus.
| Zusammengesetzter Keim . . . Aktien-Gesellschaften.
| Angelpunkt der Periode: . Monopol der Seeherrschaft.
| Gegengewicht . . . . . . . . Handels-Anarchie.
Ab- | Ton oder Stimmung . . . . . Oekonomische Illusionen.
steigende /
\ 4. Phase: ALTERSSCHWÄCHE.
Schwingung | Einfacher Keim . . . . . . . Leihhäuser.
| Zusammengesetzter Keim . . . Unternehmerschaft in
| bestimmter Anzahl.
| Angelpunkt der Periode: . Industrielle Feudalität.
| Gegengewicht . . . . . . . . Monopolwirthschaft.
| Ton oder Stimmung . . . . . Illusionen über
\ Assoziationen.
Man wird dem hier wiedergegebenen Tableau Scharfsinn in der
Aufstellung und Interessantheit in der Gruppirung nicht absprechen
können, mehrfach charakterisirt es die verschiedenen Perioden der
zivilisirten Gesellschaft sehr treffend.
Fourier bemerkt dazu erläuternd: er habe diejenigen
Charaktereigenschaften nicht hervorgehoben, die allen vier Phasen
gemeinsam seien, sondern nur die, welche die eine oder andere
auszeichneten und jene, die mit der einen oder anderen gemischt
seien. So sei die zweite Phase, in der die Athener lebten, eine
unvollständige, eine Bastardperiode, indem ihr noch Merkmale der
Periode der Barbarei anklebten und der Angelpunkt der zweiten
Phase, die Befreiung der Arbeit, ihr fehlte. In England und
Frankreich befinde sich die Zivilisation im absteigenden Ast der
dritten Phase und neige stark zur vierten, deren beide Keime sie
bereits besitze. Dieser Zustand zeige eine schmerzlich empfundene
Stagnation; das Genie fühle sich ermüdet von seiner Unfruchtbarkeit
wie ein Gefangener, und arbeite sich vergeblich ab, um irgend eine
neue Idee zu erzeugen. Mangels des erfinderischen Genies zögere
aber der fiskalische Geist nicht, die Mittel zu entdecken, um die
vierte Phase zu organisiren, die zwar ein Fortschritt aber nicht
zum Guten sei. Es handele sich darum, einen Zwischenzustand zu
schaffen, der die Zivilisation in den Garantismus überleite und
diesen dem Liberalismus entgegenzustellen, diesem stationären
Geist, der sich auf das Repräsentativsystem, eine der Charaktere
der zweiten Phase, verbissen habe. Ein System, das für eine kleine
Republik, nicht für ein großes reiches Land wie Frankreich tauglich
sei. Umgekehrt wollten die Antiliberalen die Ungeschicklichkeit
begehen, uns in die erste Phase zurückzuführen, während das
wachsende Staatsschuldenwesen uns unwiderstehlich in die vierte
Phase, die Altersschwäche, risse.
Wer das Tableau der Charaktereigenschaften der Zivilisation genau
prüfe, werde erkennen, daß der Glaube, unsere Gesellschaft befinde
sich in einem »erhabenen Flug«, eine Illusion sei, denn in Wahrheit
befänden wir uns auf dem Krebsgang. »Es ist der Fortschritt nach
abwärts, vergleichbar dem einer Frau, die ihre weißen Haare, die
sie mit sechzig Jahren besitzt, als Vervollkommnung der
Vollkommenheit ihres Haarwuchses anpreisen wollte. Darüber wird
Jeder mitleidig lächeln. _Wie der menschliche Körper so
vervollkommnet sich auch die Gesellschaft nicht, wenn sie altert_.«
Die Gesellschaften wie die Individuen gingen zu Grunde, wenn sie
sich dem Wucherer überließen, _und es sei die That unseres
Jahrhunderts, von Anleihe zu Anleihe zu eilen_.
Man sage, »das Gefäß ist durchweicht, der Stoff hat seine bleibende
Form angenommen.« Das gelte auch von den fiskalischen Anleihen. Sie
blieben und jedes Ministerium mache eine neue, denn »man muß essen,
wenn man an der Krippe sitzt.« _Welche Partei auch immer herrsche,
die Finanz halte stets die Zügel des Gefährtes, damit der Marsch
nicht gegen ihr Wirthschaftssystem sich richte_. Was werde also das
Ende sein, dem alle unsere mit Schulden überladenen Reiche zueilen,
wohin uns die Oekonomisten geführt? Der Sturz in den Abgrund. Man
könne unsere Oekonomisten und Politiker jenem Reiter vergleichen,
von dem die Spötter sagten: »Er führt nicht das Pferd, das Pferd
führt ihn.«
Fourier hat in diesen Auseinandersetzungen wieder einmal, seiner
Zeit vorauseilend, den wahren Charakter der Staatsanleihen sehr
richtig erkannt. Damit ein Staat von den Geldmächten beherrscht,
ökonomisch und finanziell ausgebeutet und geplündert werden kann,
muß man ihn zu Anleihen verleiten. Mit jeder neuen Anleihe wird ihm
der Strick fester gedreht, genau wie dem Privatmann. Die
Staatsgewalt wird Werkzeug in den Händen der großen Finanzmächte,
die schließlich weit mehr als die Minister selbst die
Staatsangelegenheiten beherrschen und lenken, Gesetze dekretiren,
Kriege führen oder verhindern, wie es ihrem Interesse paßt. Und
damit die Staatsmaschine nach Wunsch gehe, die Regierung jeder Zeit
durch die Kontrole ihrer abhängigen Stellung bewußt bleibe, damit
ferner die nöthigen Einnahmequellen in Form von Steuern aller Art
zur Verzinsung und Amortisirung der Schulden vorhanden seien,
bedarf man des Repräsentativsystems, durch welches die Drahtzieher
der hohen Finanz den noch fehlenden Einfluß auf die ganze
Gesetzgebung und Staatsverwaltung gewinnen und den Staat zu einer
melkenden Kuh der Geldmächte machen. Durch solche Manipulationen
ist heute die Regierung und Verwaltung Frankreichs in den Händen
der großen Finanzmächte, die es in die Abenteuer von Tunis und
Tonkin stürzten, durch Privilegien und Staatssubventionen an die
großen Eisenbahn- und Verkehrsgesellschaften das Volk berauben,
durch die Ueberlast der indirekten Steuern es brandschatzen und
plündern. Durch die gleichen Manipulationen ist Oesterreich dahin
gekommen, wo es heute steht, hat man die Türkei zu Grunde
gerichtet, Ungarn binnen zwei Jahrzehnten an den Rand des
finanziellen Untergangs gebracht, Egypten ruinirt. Wie der kleine
Bauer und der in die Klemme gerathene Grundbesitzer die
finanziellen Wohlthäter bereit finden, ihnen gegen genügende
hypothekarische Sicherheiten zu guten Zinsen Geld zu borgen, oft
mehr als sie haben wollen, und nun den Händen des Gläubigers
rettungslos überantwortet sind, der die Hand auf ihre Ernten legt,
ihnen jederzeit mit Subhastationen droht, und sie zwingt, das ganze
Jahr die Frohnarbeit für ihn, den Kapitalisten, zu verrichten, so
sind die Staatsangehörigen überschuldeter Reiche die Bienen, die
durch ihre Arbeit, mit ihrem Honig der Finanzaristokratie die
Kisten und Kasten füllen müssen. Das ist heute, wo die
Staatsschulden in fast allen Staaten in die Milliarden gewachsen
sind und weiter wachsen, eine sich Jedem leicht aufdrängende
Thatsache. Zu Fourier's Zeit stak das Staatsschuldenwesen noch in
den Kinderschuhen und es war ungleich schwerer, seinen Charakter zu
erkennen als heute.
Unter die permanenten Charaktere der Zivilisation rechnet Fourier
denjenigen, der sich schon seit alter Zeit in dem Sprichwort
ausdrückt: »Die großen Diebe läßt man laufen, die kleinen hängt
man.« Aehnliche Charaktereigenschaften könne man noch eine Menge
anführen. So überlasse man sich bitteren Klagen über auffällige
Thatsachen wie die, daß die Tugend und das Gute stets lächerlich
gemacht, übel behandelt und verfolgt würden. Ohne Zweifel sei die
Indignation darüber gerechtfertigt, aber wenn gegenwärtig die
Zivilisation eine Aufhäufung dieser beklagenswerthen Resultate
zeige, dann klassifizire und konstatire man diese Uebel, damit man
einen Ueberblick über das Wesen und die Früchte dieser
abscheulichen Gesellschaftsordnung erhalte.
Aber man schenke allen diesen Uebeln so wenig Aufmerksamkeit, weil
man sie mit dem gegenwärtigen Zustand unzertrennlich halte. Eine
von diesen üblen permanenten Charaktereigenschaften sei auch die
Fesselung der öffentlichen Meinung, und zwar auch unter der
Herrschaft der Philosophen, die nicht wollten, daß das Volk sein
ursprünglichstes Recht erkenne und das Recht auf ein
Existenzminimum fordere, was freilich nur unter dem Regime der
industriellen Anziehung garantirt werden könne. Andere Uebel
erkenne man nicht, weil sie unter falscher Flagge segelten, so die
Tyrannei des persönlichen Eigenthums. Der Grundeigenthümer erlaube
sich hundert Anordnungen über sein Eigenthum, die mit dem
öffentlichen Wohl, dem Wohl der Masse in Widerspruch stünden, er
erlaube sich dies alles unter dem Vorwande der »Freiheit«. Das
komme, weil die Zivilisation von sozialen Garantien keine Ahnung
habe. Wieder ein anderes meist nicht erkanntes Uebel sei die
indirekte Verweigerung der Gerechtigkeit für die Armen. Der Arme
könne wohl das Recht suchen, aber was nütze dieses, wenn er die
Kosten der Prozedur nicht aufbringen könne. Bei den gerechtesten
Klagen werde er von dem reichen Plünderer durch Appellation und
Gegenappellation mürbe gemacht und zum Nachgeben gezwungen. Man
gebe dem Königsmörder einen Vertheidiger, aber nicht dem Armen,
denn »er könnte zu viele Prozesse haben«. Die Gesellschaft sei
überfüllt mit Armen, die unter dieser Handhabung der Gerechtigkeit
litten. Aber diese Gesellschaft sei eben ein falscher Kreisschluß
(»cercle vicieux«), das sei ihr wesentlichster Charakter. Die
Mängel der Zivilisation ließen sich in zwölf Hauptpunkte
zusammenfassen. 1. Eine Minorität, die Herrschenden, bewaffnet
Sklaven, die eine Majorität unbewaffneter Sklaven im Zaum halten.
2. Mangel an Solidarität der Massen und dadurch erzwungener
Egoismus. 3. Zweideutigkeit aller Handlungen der Gesellschaft und
ihrer sozialen Elemente. 4. Innerer Kampf des Menschen mit sich
selbst. 5. Die Unvernunft zum Prinzip erhoben. 6. In der Politik
wird die Ausnahme als Grundlage für die Regel. 7. Das knorrigste
und hartnäckigste Genie wird gebeugt und kleinmüthig gemacht. 8.
Erzwungene Begeisterung für das Schlechte. 9. Stetige
Verschlimmerung, indem man zu verbessern glaubt. 10. Vielseitiges
Unglück für die ungeheure Mehrheit. 11. Fehlen einer
wissenschaftlichen Opposition gegen die herrschenden Theorien. 12.
Verschlechterung der Klimate. Letzteres, durch die Zerstörung der
Wälder und daraus folgendes Austrocknen der Quellen herbeigeführt,
müsse nothwendig und sicher bis gegen Ende des Jahrhunderts
klimatische Exzesse erzeugen.
Fourier geht dann dazu über, die Natur des Handels zu erörtern. Er
fragt: »Woher kommt diese Bewunderung der Modernen für den Handel,
welchen doch im Geheimen alle Klassen außer den Handeltreibenden
verabscheuen? Woher dieses stupide Vorurtheil für die Kaufleute,
die Christus mit Ruthen aus dem Tempel trieb? Die Antwort ist: sie
besitzen viel Geld und eine Haupthandelsmacht (England) übt über
die industrielle Welt die Tyrannei des Handels-Monopols aus.« Auch
habe die politische Oekonomie die Analyse des Handels nicht zu
machen gewagt und so komme es, daß die soziale Welt nicht wisse,
was eigentlich das Wesen des Handels sei. »Der Handel ist die
schwache Seite der Zivilisation, der Punkt, auf dem man sie
angreifen muß. Im Geheimen wird der Handel von den Regierungen wie
von den Völkern gehaßt. Nirgends sehen weder der Adel noch die
Grundeigentümer die Handeltreibenden mit günstigen Augen an, diese
Parvenüs, die in Holzschuhen angekommen sind und bald mit einem
Vermögen von Millionen prunken. Der rechtschaffene Eigenthümer
begreift nicht die Mittel, durch die man sich so gut zu bereichern
vermag; welche Sorgfalt er immer der Verwaltung seines Gutes
widmet, es gelingt ihm schwer, sein Einkommen um einige Tausend
Franken zu steigern. Er wird perplex über die großen Profite dieser
Agioteure, er möchte seinem Erstaunen, seinem Verdacht über diese
ihm fremde Art, Vermögen zusammen zu scharren, Ausdruck geben, aber
da kommen die Oekonomisten, fallen ihm in den Arm und schleudern
ihr Anathema gegen Jeden, der es wagt, diesen großartigen Handel
und die Großartigkeit des Handels (»le commerce immence et
l'immense commerce«) zu verdächtigen. Welch schöne Phrasen sind
nicht zu seiner Verherrlichung Mode geworden! Da spricht man mit
Pathos von der 'Ausgleichung, dem Gegengewicht, der Garantie, dem
Gleichgewicht des großartigen Handels und der Großartigkeit des
Handels, von den Freunden des Handels, von dem Wohl des Handels'.«
Für einen unglücklichen Philosophen gebe es nichts Imposanteres,
als wenn eine Kohorte von Millionären mit tiefsinnigem Aussehen zur
Börse wandelten. Man glaube die römischen Patrizier über dem
Schicksal Karthagos brüten zu sehen. Speichellecker der Agiotage
malten die Kaufleute und Börsenmänner als eine Legion von
Halbgöttern; Jeder, der sie kenne, wisse im Gegentheil, daß es eine
Legion von Betrügern sei; aber ob mit Recht oder Unrecht, sie
hätten allen Einfluß an sich gerissen. Die Philosophen seien ihnen
zu Gunsten, selbst die Minister und der Hof beugten sich vor diesen
Geiern des Handels; alles infolge des durch die Oekonomisten
gegebenen Impulses. Die Folge davon sei, daß der ganze soziale
Körper den merkantilen Räubereien vollständig unterworfen sei, und
wie der von dem Blick der Schlange faszinirte Vogel dieser in den
Rachen fliege, so lasse sich die Gesellschaft vom Handel zu Grunde
richten.
Eine vernünftige und rechtschaffene Politik habe Mittel des
Widerstandes in Anwendung bringen und sich von Fehlgriffen
losmachen müssen, welche die Herrschaft der Welt in die Hände einer
unproduktiven, lügnerischen und übelwollenden Klasse liefere. Man
dürfe die Handeltreibenden nicht mit den Manufakturisten
verwechseln.[21] Die Hauptschacherer, die Rohmaterialienhändler
sännen nur, wie sie Manufakturisten und Konsumenten plündern
könnten. Zu diesem Zwecke unterrichteten sie sich über die
vorhandenen Vorräthe, kauften sie auf, hielten die Waaren zurück
und verteuerten sie, um so auf Fabrikant und Bürger den Druck
auszuüben. Die sog. Oekonomisten stellten diese Aufkäufer und
Wucherer als tiefsinnige Genies hin, die doch nichts als elende
Schwätzer, abenteuerliche Spieler und tolerirte Bösewichter seien.
Den schlagendsten Beweis habe das Jahr 1826 gegeben, wo mitten in
der tiefsten Ruhe plötzlich eine Stagnation und Ueberfülle an
Produkten hervorgetreten sei, als alle Journale noch unmittelbar
zuvor auf die dem Handel neuen und günstigen Chancen hinwiesen,
welche die Befreiung beider Amerika im Gefolge haben werde. Nun,
welches sei die Ursache dieser überraschenden Krise gewesen? Es war
die Wirkung eines komplizirten Spiels zweier charakteristischer
Eigenschaften des Handels: des Zurückschlagens der Vollsaftigkeit
(»refoulement pléthorique«) und eines Gegenschlags durch verfehlte
Spekulation.
[Fußnote 21: Unter den Manufakturisten sind hier sowohl die
Fabrikanten wie diejenigen Handeltreibenden verstanden, die
entweder in eigener Behausung nach dem Prinzip der Arbeitstheilung,
aber ohne Anwendung von Dampf und Maschinenkräften -- die damals
erst im Entstehen waren -- oder, wie dies heute noch in manchen
Industriezweigen auch in Deutschland geschieht, z.B. in der
Spielwaaren-, Messer-, Kleineisenwaaren-Fabrikation, der
Hausweberei, Posamentirerei, Strumpfwirkerei, der Bijouterie etc.,
auf dem Wege der Hausindustrie produziren lassen, wobei der
Kaufmann die Rohmaterialien liefert. So weit Massenerzeugung in
Betracht kam, war zu Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich die
Manufaktur die maßgebende Produktionsform. Unter den
Handeltreibenden versteht Fourier, wie der Leser bereits erkannt
haben wird, nicht allein die Kaufleute im engeren Sinn, sondern
auch alle an der Börse betheiligten Kreise, die Grund- und
Bodenwucherer etc., kurz Alle, »welche ohne zu säen ernten«.]
Die erstere Eigenschaft sei die periodische Wirkung blinder Habgier
der Kaufleute. Sobald irgendwo ein Absatzweg sich öffne, würden
viermal mehr Waaren zugeführt, als der Markt aufnehmen könne. So
sei es auch hier gewesen. Wenn man die Wilden, die Neger und die
spanische Bettelbevölkerung in Abzug bringe, zählten die beiden
(Nord- und Süd-) Amerika kaum 20 Millionen konsumtionsfähiger
Bewohner, man habe aber für 200 Millionen konsumtionsfähiger
Menschen Waaren zugeführt. Daher die Stockung und der Rückschlag.
Im Jahre 1825 hätten die französischen und englischen Hosenhändler
Waarenmassen zugeführt, die wenigstens auf 3 bis 4 Jahre reichten,
so entstanden Massenverkäufe, Stockung, Entwerthung der Stoffe,
Bankerotte der Verkäufer. Das war die nothwendige Wirkung dieser
Ueberfülle (»pléthore«), verursacht durch die Unklugheiten des
Handels, der in seiner Gier nach Gewinn sich stets über das Quantum
der absatzfähigen Produkte den größten Illusionen überlasse. Was
könne man auch von einer Kohorte eifersüchtiger, durch Habgier
verblendeter Verkäufer anders erwarten? Wie wollten wohl diese die
Grenzen der Aufnahmefähigkeit eines Marktes erkennen?
»Genügte schon die Ueberzufuhr von Waaren, um Bankerotte und die
äußerste Beunruhigung der Märkte und Fabriken hervorzurufen, so
trat in demselben Augenblick ein anderer Umstand dazwischen, um das
Uebel zu vervielfachen. Die Baumwollenaufkäufer in New-York,
Philadelphia, Baltimore, Charleston etc. hatten im Einverständniß
mit ihren Vertrauten in Liverpool, London, Amsterdam, Havre und
Paris sich aller Vorräthe bemächtigt. Aber da geschah, daß Egypten
und andere Märkte eine außerordentlich reiche Ernte hatten. Die
Hausse war nur ein kurzes Strohfeuer. Die wucherischen Geier
Amerikas wie ihre Kooperateure in Europa erstickten im Ueberfluß.
Die durch die »Crise pléthorique« verursachte Preisschleuderei
zwang die Fabriken zu feiern und brachte die Baumwollenspekulanten,
die auf Hausse gerechnet und jetzt einer tiefen Baisse sich
gegenüber sahen, zum Sturz. Den verunglückten Machinationen in
Amerika folgten als Gegenschlag die Bankerotte in Europa. Das ist
der einfache Hergang der so räthselhaft erschienenen Ereignisse.
Journale und Schriften, die darüber sich äußerten, verfielen alle
in denselben Irrthum. Nach ihnen war nur eine Ursache vorhanden:
die Unordnung, welche durch die beiden gleichzeitig sich
vollziehenden Operationen auf dem Markt entstanden war. Niemand
gestand die wahren Ursachen offen ein, man bemühte sich vielmehr,
die beiden Parteien, die das Uebel verursacht hatten, als
unschuldig darzustellen, man gab weder zu, daß die Einen durch
Zufuhr von Riesenmengen an Waaren die Märkte lahmlegten, noch daß
die Anderen durch Vorenthaltung des nöthigen Rohmaterials die
Märkte beraubten. Auf der einen Seite herrschte verrückte
Verschwendung, auf der anderen vexatorische Unterschlagung. Es gab
also in jeder Weise Exzesse und Konfusion im Mechanismus. Das ist
der Handel, das Ideal der Dummköpfe.«
Wie im vorliegenden Falle zwei, erläutert Fourier weiter, so
wirkten oft drei und vier Ursachen zusammen, um Krisen zu erzeugen,
und was die verschiedenen Charaktere der Bankerotte betreffe, so
habe er eine Liste von zweiundsiebenzig verschiedenen Arten
aufgestellt. Wollte man alle Formen des Betrugs und der Bankerotte
zeichnen, man müßte dicke Bücher schreiben. Von den Hauptübeln, die
der Handel gebäre und die als die Triebfeder zu allem Unheil
ansehen seien, wolle er nur zwölf aufführen: Börsenspiel,
Lebensmittelwucher, Bankerott, Geldwucher, Parasitenthum, Mangel an
Solidarität, fallendes Gehalt und fallende Löhne, Theuerung,
Verletzungen der Gesundheit,[22] willkürliche Festsetzung der
Preise, legalisirte Doppelzüngigkeit im Verkehr, individuelles
Geld.
[Fußnote 22: Fourier hat hier hauptsächlich den Baustellen- und
Häuserwucher im Auge, der auf Kosten der Gesundheit und
Lebensannehmlichkeit der Städtebewohner sich breit mache, Luft und
Licht der Bevölkerung schmälere.]
Fourier spricht dann von der »Absonderung« der Kapitalien, worunter
er die Konzentration auf der einen und den daraus folgenden
Kapitalmangel auf der anderen Seite versteht. Die
Kapitalkonzentration erzeuge auch den Ueberfluß -- an
Bodenerzeugnissen durch den Handel --, der den Preisdruck für die
Erzeugnisse des Bodenbesitzers hervorrufe. Die Kapitalien häuften
sich nur auf Seiten der unproduktiven Klasse. Bankiers und
Kaufleute beklagten sich häufig, nicht zu wissen, was sie mit ihren
Fonds beginnen sollten, sie empfingen Geld für 3 Prozent, wo der
Landmann es kaum für 6 auftreiben könne. Wenn er es nominell zu 5
Prozent erhalte, koste es ihn mit allen Spesen und Lasten, die
damit verbunden seien, 16 und 17 Prozent. Der Handel, dieser
Vampyr, der das Blut aus dem industriellen Körper sauge,
konzentrire Alles in seine Taschen und zwinge die produktive
Klasse, sich dem Wucherer zu überliefern. Selbst die Jahre des
Ueberflusses würden für die Agrikultur eine Geißel, wie man das
1816 und 1817 gesehen habe. Das Jahr 1816 brachte Mißernte und
zwang den Landmann zum Schuldenmachen, als aber 1817 eine sehr
reiche Ernte brachte, ward er gezwungen, dieselbe rasch und in
Folge dessen zum niedrigsten Preis zu verkaufen, um seine Gläubiger
zu bezahlen. So zerstreue der soziale Mechanismus die kleinen
Kapitalien, um sie in den Händen der Handeltreibenden zu
konzentriren. Der Ackerbauer seufze, gebrochen durch den
Gegenschlag, unter dem Ueberfluß der Ernten, deren Werth weder bei
dem Verkauf noch bei der Konsumtion ihm gehöre, weil die Konsumtion
auf umgestürzter Basis ruhe, »_denn die Klasse, die produzirt,
nimmt an der Konsumtion nicht Theil_«. So würden Eigentümer wie
Bodenbebauer oft gezwungen, Geißeln, wie Frost und Hagel,
herbeizuwünschen. Man habe 1828 den Schrecken gesehen, als man im
Juni in allen weinbautreibenden Ländern eine gute Ernte und damit
erdrückenden Ueberfluß zu fürchten hatte.[23]
[Fußnote 23: Diese Charakteristik könnte ebenso gut heute
geschrieben sein. Sprach doch im Herbste 1885 die königl.
sächsische »Leipz. Zeitung« es offen aus, daß man heut zu Tage im
Zweifel sei, ob man eine gute Ernte wünschen dürfe. Und doch
veranstaltet man jährlich für die Ernte auf allen Kanzeln Gebete
und feiert Dankfeste.]
»Genügen diese Monstrositäten nicht, um zu beweisen, daß das
gegenwärtige System des Handels, wie der ganze Mechanismus der
Zivilisation die verkehrte Welt darstellt? Aber wie will man sich
in diesem Labyrinth zurechtfinden, so lange man die
Charaktereigenschaften dieser Gesellschaft nicht analysirt?
Schmeichler unseres Handelssystems haben wir im Ueberfluß, deren
alleiniges Talent darin besteht, alle Fehler der Hydra des Handels
zu beräuchern. Wenn man erst die wahre Natur dieses lügnerischen
Systems erkennt, wird man erstaunt sein, daß man so lange sich von
einem System dupiren ließ, das schon der Instinkt uns denunzirt,
denn alle anderen Klassen hassen den Handel.«
»Die Falschheit und Zweideutigkeit, wozu dieses System gekommen
ist, genügt, um den Betroffenen die Augen zu öffnen; die Betrügerei
und die Fälschung aller Lebensmittel hat eine Höhe erreicht, daß
man die Einführung des Handelsmonopols als eine Schutzmaßregel
gegen _diesen_ Handel begrüßen würde. Eine Staatsregie würde viel
weniger sich auf Zweideutigkeiten einlassen können, sie würde zu
einem festgesetzten Preis wenigstens natürliche Produkte geben,
während es heute fast unmöglich ist, im Handel etwas natürlich zu
erhalten.«
»In Paris findet man kein Zuckerbrot, das nicht mit Runkelrüben
gefälscht ist,[24] keine Tasse reiner Milch oder ein Glas reinen
Branntweins. Kurz Unordnung und Aergerniß sind auf die Spitze
getrieben und gehen die Dinge so weiter, so bleibt nichts übrig,
als das Monopol.« Fourier setzt freilich hinzu, daß dies durch
Entdeckung seines sozietären Systems und dessen Einführung unnütz
werde.
[Fußnote 24: Fourier meint hier die Herstellung des Zuckers aus
Runkelrüben, den er als ein gefälschtes Produkt ansah, weil man bis
dahin nur Zucker aus Zuckerrohr gewonnen kannte. Die Einführung des
Kontinentalsystems durch Napoleon I. und das Verbot der Einfuhr
englischer Kolonialwaaren, hatte zur Erfindung der Zuckerbereitung
aus Runkelrüben den Anstoß gegeben und diese Art Zucker bürgerte
sich von da ab immer mehr ein. Fourier, der offenbar die
Süßigkeiten sehr liebte, sah den Rübenzucker als eine Fälschung des
natürlichen Zuckers an. Wir, die wir heute fast nur aus Runkelrüben
bereiteten Zucker kennen, denken darüber anders. Schließlich ist
kein auf künstlichem Wege gewonnenes Lebensmittel einem sog.
Naturprodukt gegenüber als Fälschung zu betrachten, vorausgesetzt,
daß über die Art seiner Entstehung kein Zweifel besteht und es dem
sog. Naturprodukt, das es ersetzen soll, völlig gleichwerthig ist.
Wir werden in dieser Beziehung in Zukunft noch viele Vorurtheile
ablegen müssen. Der Verfasser.]
Fourier äußert sich dann über den Bankerott, über die Art, wie die
öffentliche Meinung ihn zum Theil behandelt und wie der Bankerott
selbst wieder zu Täuschungen benutzt wird. Auf der Bühne werde ein
Falliment mit fünfzig Prozent als Lustspiel behandelt. Wenn aber
ein Bankier die anvertrauten Depots von Ersparnissen zahlreicher
Dienstboten veruntreue, die diese während zwanzig Jahren mühselig
zusammengescharrt, so sei das sicherlich keine lächerliche Sache,
sondern ein Verbrechen, das zu bestrafen sei.
»Welche Verdorbenheit in der philosophischen Welt. Die Literatur
ist eine Prostituirte, die nur studirt, wie sie sich mit dem Laster
auf's Beste stellen kann; sie malt Alles in den schönsten Farben,
damit die Theaterkasse ihre gute Einnahme hat. Die Moral ist eine
in Mißkredit gerathene Schwätzerin, die nicht mehr wagt, gegen
straflose Verbrechen, wie den Bankerott, zu deklamiren; sie
speichelleckert allen Klassen von Dieben. Und der Oekonomismus, der
nichts zu entdecken versteht, sucht die zu Tage liegenden Laster
als unschuldige hinzustellen, sind es doch die Laster seiner
Favoriten, der Handeltreibenden. So denkt keine Wissenschaft daran,
ihre Aufgabe, die Analyse der Uebel der Zivilisation und das Suchen
nach einem Heilmittel, zu erfüllen.«
Fourier führt, wie er Alles zu klassifiziren und zu ordnen liebt,
nicht weniger als vierundzwanzig Arten von Bankerotten auf, bei
denen die Schwächen oder die Liebhabereien der Bankerotteure die
Ursachen ihres Zusammenbruchs sind. Bei dem Einen sind zerrüttete
Familienverhältnisse, eine liederliche Frau, verdorbene Kinder, bei
dem Anderen eine Maitresse, bei dem Dritten die galanten Neigungen,
bei dem Vierten Sentimentalität, die ihn zum Geschäft unbrauchbar
machen u.s.w., die Ursachen, welche die Katastrophen erzeugen. Er
könne, setzt er weiter hinzu, recht amüsante Kapitel zu den Details
aller Arten von Bankerotten liefern, er treibe das Geschäft seines
Vaters und sei im Waarenladen erzogen worden, er habe mit eigenen
Augen die Infamien des Handels gesehen und beschreibe ihn nicht,
wie die Moralisten vom Hörensagen, die den Handel nur in den Salons
der Agioteure kennen lernten und einen Bankerott als etwas ansähen,
das man sich in guter Gesellschaft erlauben dürfe. Jeder Bankerott,
namentlich wenn er einen Bankier oder Wechselagenten betreffe,
werde unter ihrer Feder zu einem beklagenswerthen Unfall, für den
die Gläubiger im Grunde dem Falliten noch verbunden seien, daß er
sie in seine edlen Spekulationen verwickelt habe. Man zeige den
Gläubigern den Vorgang als eine unverschuldete Fatalität, eine
unvorhergesehene Katastrophe an, die durch das Unglück der Zeiten,
widrige Umstände, einen beweinenswerthen Wechselfall herbeigeführt
sei. Das sei der gewöhnliche Inhalt der Briefe, mit welchen ein
Fallissement angezeigt werde.
»Alsdann kommen der Notar und seine Gevatter, denen im Geheimen
ihre Provisionen für alle Vortheile, die sie erzielen, zugesichert
sind und stellen den Falliten als so ehrenhaft, der Achtung so
würdig hin. Da ist eine zärtliche Mutter, die sich dem Wohle ihrer
Kinder opfert, ein tugendhafter Vater, der sie in der Liebe zur
Verfassung erzieht, eine trostlose eines besseren Schicksals
würdige Familie, die von der aufrichtigsten Liebe für jeden ihrer
Gläubiger beseelt ist. Man müßte wahrhaftig ein Ungeheuer sein,
wenn man einer solchen Familie nicht helfen wollte, um sie wieder
zu erheben. Das ist sogar eine Pflicht für jede rechtschaffene
Seele. Dazwischen interveniren einige moralische Spitzbuben, die
man bestochen hat, und die gegen Jedermann hervorheben, wie schön
es sei, in einem solchen Falle seine Gefühle walten zu lassen und
daß man dem Unglück Erbarmen schulde. Diese werden durch einige
hübsche Fürsprecherinnen, die sehr nützlich sind, um die
Widerspenstigsten zu beruhigen, unterstützt. Durch alle diese
Umtriebe erschüttert, kommen Dreiviertel der Gläubiger sehr bewegt
und irre geleitet in die Sitzung. Der Notar schlägt ihnen einen
Nachlaß von 70 Prozent ihrer Forderungen vor, indem er wieder
ausmalt, wie diese tugendhafte Familie aus Sorge, die geheiligten
Pflichten der Ehre zu erfüllen, sich des Letzten beraube. Ist die
Situation günstig, so schlägt man den Gläubigern weiter vor, daß
sie, um ihr Gewissen zu befriedigen und um der edlen Eigenschaften
einer Familie willen, die so würdig der Achtung und so eifrig für
die Interessen ihrer Gläubiger eingenommen ist, eine Huldigung
bringen und statt auf siebzig auf achtzig Prozent verzichten.
Einige Barbaren wollen widerstehen, aber die im Saale geschickt
vertheilten Vertrauten übernehmen das Geschäft der heimlichen
Anschwärzung der Widerstrebenden, die sie als unmoralisch
bezeichnen. Dieser, tuscheln sie, besucht nie die Kirche und hat
folglich kein Erbarmen; Jener unterhält eine Maitresse; der Dritte
ist ein Geizhals und Wucherer; der Vierte hat selbst schon einmal
fallirt und besitzt ein Herz von Stein, das für seine unglücklichen
Mitmenschen ohne Nachsicht und Mitleid schlägt. Endlich erklärt die
so bearbeitete Mehrheit ihre Zustimmung und unterzeichnet den
Vertrag. Der Notar hält eine salbungsvolle Rede, versichernd, daß
man im Grunde ein gutes Geschäft gemacht habe, denn durch die
Dazwischenkunft der Gerichte würde nichts übrig geblieben sein und
dabei habe man ein gutes Werk gethan und habe einer braven Familie
geholfen. Schließlich gehen Alle voll Bewunderung für die Tugenden
dieser würdigen Familie, die man als ein Muster betrachten müsse,
nach Hause.«
So vollziehe sich ein »gefühlvoller Bankerott«, bei dem die
Gläubiger um drei Viertel ihrer Forderungen geprellt wurden; werde
mit fünfzig Prozent ein Fallissement arrangirt, so sei dies ein
rechtschaffener Bankerott, etwas so Alltägliches, daß wer sich mit
einer so mäßigen Brandschatzung seiner Gläubiger begnüge, nicht
nöthig habe, außerordentliche Triebfedern und Hülfsmittel in
Bewegung zu setzen. Sei nicht Dummheit des Bankerotteurs im Spiele,
so sei ein Geschäft, bei dem man nicht mehr als fünfzig Prozent
einstreichen wolle, stets sicher.
Die wahre Natur des Bankerotts kennen zu lernen, diesem hätten sich
die Philosophen eben so entzogen, wie den Untersuchungen über die
Agiotage und den Wucher, sie würden dann auch das Wesen der freien
Konkurrenz begriffen haben. Napoleon habe Recht gehabt, zu sagen:
Man kenne nicht das eigentliche Wesen des Handels. Napoleon sei
eingeschüchtert worden durch die Erfahrung, daß jede Schädigung,
die eine Regierung gegen den Handel versuche, von diesem auf die
arbeitenden Klassen abgewälzt werde. Sobald der Handel bedroht
würde, zöge er die Kapitalien zurück, säe er Mißtrauen, hemme er
die Zirkulation. Der Handel sei das Bild des Igels, den der Hund an
keinem Punkte fassen könne. Das sei, was im Geheimen alle
Regierungen quäle, was sie zwinge, sich vor dem goldenen Kalb zu
beugen. Eines Tages habe der österreichische Minister Wallichs
(1810) gegen die Schliche der Börse in Wien auszuschlagen versucht,
indem er eine Ueberwachung des Börsenspiels einführen wollte; er
sei von der Börse in die Pfanne gehauen worden und habe schmählich
seinen Platz räumen müssen. Man müsse also Entdeckungen machen, um
gegen diese kommerzielle Hydra kämpfen zu können. Schließlich sei
nichts leichter, als diesen Koloß der Lüge anzugreifen; kenne man
die Batterien, die anzuwenden seien, so werde er nicht einmal
Widerstand versuchen.
Natürlich täuscht sich Fourier hier, weil er die Wirkung für die
Ursache nimmt. Der Handel ist nur eine der Erscheinungen des
kapitalistischen Systems. Ihm an den Kragen zu wollen, ohne das
System mit der Wurzel auszuheben, ist einfach unmöglich. Fourier,
der als Uebergangsstadium das Staatsmonopol für den Handel
vorschlägt, würde, falls der Versuch der Durchführung gemacht
worden wäre, gefunden haben, daß dies eben so unmöglich ist, wie
alle Versuche von Wallichs bis zu Herrn v. Scholz und Herrn v.
Maibach, der Börse auch nur ein Haar zu krümmen. Der Kapitalismus
mag einwilligen, diesen oder jenen Industriezweig verstaatlichen zu
lassen, und er wird dies thun, wenn er dabei seine Rechnung findet,
aber nur dann: doch den Versuch der Monopolisirung eines Gebietes,
wie es der Handel ist, würde er ebenso auf Tod und Leben bekämpfen
wie eine Verstaatlichung der gesammten Industrie, und er würde
siegreich bleiben. Außerdem wird der Staat, der in seiner ganzen
Organisation und Gesetzgebung, und speziell in den gesetzgebenden
Faktoren, den Volksvertretungen und Ministerien, der Ausdruck der
kapitalistischen Interessen ist, dieser Staat wird nie weiter
gehen, als sein _fiskalisches Interesse_ ihn nöthigt, und was immer
er verstaatlicht, wird selbst wieder nur in kapitalistischer Form
verwaltet und ausgebeutet. Fourier konnte zu seiner Zeit noch einen
gewissen ausgeprägten Gegensatz zwischen der Staatsgewalt und den
leitenden ökonomischen Klassen konstruiren, weil insbesondere der
alte Adel mit der emporstrebenden Bourgeoisie, den Männern von 1789
und ihren Nachfolgern, sich in den Haaren lag und beide Parteien
die Staatsgewalt als Schiedsrichterin anriefen. Aber hier bestand
kein Klassengegensatz, wie zwischen Kapital und Arbeit, es war nur
der Kampf um die Beute, wie wir heute noch diesen Kampf in voller
Blüthe sehen, wo grundbesitzende, industrielle und handeltreibende
Bourgeoisie die Staatsgewalt und die Staatsgesetzgebung für ihre
spezifischen Interessen auszunutzen suchen. Diese Differenzen
werden dauern, so lange es eine bürgerliche Gesellschaft giebt, sie
werden immer nur quantitativer, nie qualitativer, prinzipieller
Natur sein. _Die Existenz des Staats erfordert die
Aufrechterhaltung der Klassengegensätze_; er kann sie -- und das
liegt in seinem Interesse -- zu mildern versuchen, aufzuheben
vermag er sie nicht, _weil er sich selbst damit aufheben würde_.
Die Entstehung des Klassengegensatzes in der Gesellschaft _erzeugte
den Staat_, die Aufhebung des Klassengegensatzes machte ihn
verschwinden. Der Klassengegensatz, von seinem Entstehen an in den
Formen stetig wechselnd, aber seit dem Bestand des Staats stets
vorhanden, _ist das Gesetz der Existenz des Staates_. Wir hoben
bereits hervor, daß wenn der ganze Erdboden mit Fourier'schen
Phalanxen bedeckt wäre, seine Omniarchen, Cäsare, Auguste,
Monarchen u.s.w. eine sehr zwecklose Staffage wären, die keinen
Sinn und keine Bedeutung hätte. Kriege gäbe es nicht mehr -- also
ist die Armee mit Allem, was damit zusammenhängt, überflüssig.
Diebe, Betrüger, Verbrecher existirten auch nicht mehr -- also
wären Justiz, Polizei, Gefängnisse nicht mehr von Nöthen. Die
Steuerbehörden wären, wie er selbst ausführte, ebenfalls nutzlos.
Die Verwaltung ihrer Angelegenheiten leitete jede Phalanx
ausschließlich; die Beziehungen der Phalanxen unter sich wären sehr
einfache, sie bezögen sich auf den gegenseitigen Austausch und die
gegenseitige Hülfeleistung bei der Herstellung großer gemeinsamer
Unternehmungen, auf die Mittheilung und Unterstützung von
Erfindungen, Verbesserungen und Entdeckungen aller Art für das
praktische Leben, für Wissenschaften und Künste. Das sind Dinge,
wozu schließlich eine Staatsgewalt in unserem Sinne nicht nöthig
wäre. Denn diese Staatsgewalt ist eine repressive und befehlende
Gewalt und nicht eine blos ausführende und anordnende Instanz; ihre
Hauptaufgabe besteht darin, den Gegensatz innerhalb der
Gesellschaft niederzuhalten, Ausbrüche nationaler Streitigkeiten
niederschlagen und alle Diejenigen, welche, sei es individuell, sei
es korporativ, die bestehenden Staatsnormen verletzen, zur
Verantwortung zu ziehen. Für alle diese Leistungen braucht die
Staatsgewalt die nöthigen Werkzeuge und Institutionen: Armee,
Gerichte, Polizei, Gefängnisse, Steuerbehörden etc. Mit dem Zweck
fielen auch die Mittel. Monarchen, die unter dem Regime der Phalanx
regieren wollten, würden unbekümmert um ihre Stellung und ihren
Titel, in noch viel höherem Grade die Rolle spielen, die das
bekannte drastische Wort Napoleon's den Monarchen sogenannter
konstitutioneller Musterstaaten, wie wir solche in Europa nur
wenige -- England, Italien, Belgien -- haben, anweist; ihre
Existenz würde durch die Natur der Dinge im phalansteren System
unmöglich sein.
* * * * *
Im weiteren Verlauf seiner Kritik der Zivilisation kommt Fourier
auf diejenigen Charaktere zu sprechen, die nach dem Rückschritt
streben, denen der Hang zur rückgängigen Bewegung eingeimpft
(»greffée«) sei, und auf diejenigen Charaktere, die zum Niedergang
der dritten Phase treiben.
Eine Partei, welche die Mißbräuche der falschen Freiheit
erschreckte, halte es für klug, auf die Gebräuche und
Gepflogenheiten des zehnten Jahrhunderts, auf die Feudalität und
den religiösen Obskurantismus zurückzukommen. Aber man finde weder
ein Volk noch eine Bourgeoisie, welche sich für das zehnte
Jahrhundert begeisterten. Der Versuch, das zehnte Jahrhundert auf
das neunzehnte, die erste Phase der Zivilisation auf die dritte zu
pfropfen, werde scheitern, Handel und Finanz seien allmächtig und
eine Partei sei verloren, welche glaube, diese beiden Mächte
beherrschen zu können.
Andererseits seien die Champions des »erhabenen Flugs« unserer
Gesellschaftsordnung, die Liberalen, auch noch eine Partei von
Rückwärtslern, die im Flittergold der Athener und der Römer
stöbernd, die alten Schwindeleien, die falschen Menschenrechte, in
Szene zu setzen suchten und auf das neunzehnte Jahrhundert
Illusionen pfropften, welche die Zivilisation zu einem Mischmasch
der zweiten und der dritten Phase machten.
Schließlich werde die Partei die Oberhand behalten, welche nach der
vierten Phase der Entwicklung vorwärts und nicht rückwärts gehe.
Wenn beide Parteien sich auszusöhnen und zu vereinigen vermöchten,
könnte die Zivilisation in die vierte Phase aufrücken, die, wenn
sie auch nicht das eigentliche Glück bringe, doch gegen die
früheren große Vorzüge habe; sie werde die Bettelarmuth austilgen,
beständig Arbeit dem Volke sichern, Fonds liefern, genügend, um die
öffentlichen Schulden zu decken; Wälder und Wege restauriren.
Was die dritte Phase betreffe, so sei sie eine Sackgasse, aus
welcher der menschliche Geist nicht herauszukommen wisse, er nutze
sich mit Systemen ab, die nur darauf hinaus liefen, alle Geißeln
zur Herrschaft zu bringen. Diese Phase zeige das Bild des Sisyphus,
der ewig den Felsen wälzend nie zum Ziele komme. In verschiedenen
Beziehungen seien wir sogar zu Rückschritten gekommen, verursacht
durch die Chimären, welche wir uns über das Repräsentativsystem
machten, was selbst Lobredner des Liberalismus, wie Benjamin
Constant, anerkannt hätten. Solche Uebel seien: die Korruption der
Volksvertreter durch die Bestechungen; die Aufschreckung der Höfe,
die von Sinnen kämen durch die Angst, die ihnen der falsche
Liberalismus einflöße; das Schutzsuchen der Höfe bei den Feinden
ihrer Unabhängigkeit aus Furcht vor dem Liberalismus, »diesem
Schlimmsten, was ihnen begegnen könne«; (heilige Allianz, Kongresse
von Aachen, Troppau, Laibach, Verona, Karlsbader Beschlüsse, auf
diese und ähnliche Vorkommnisse spielt Fourier hier an); die
Mißhelligkeiten unter den verschiedenen Klassen der Bürger in Folge
der Wahlkämpfe; das Wachsthum der Staatsausgaben in Folge des
Kampfes der Regierungen gegen die Völker u.s.w.
Fourier verwahrt sich dagegen, daß er ein Vertheidiger des
Absolutismus sei, wenn er die Uebel des herrschenden Systems
bloslege; er kritisire, um zu zeigen, daß weder das Bestehende noch
das Vergangene das Glück der Menschen geschaffen und beweise, daß
man die jetzige Phase so rasch als möglich verlassen müsse. Er
nenne den Liberalismus falsch, weil er einen politischen
Rückschritt unter volksfreundlicher Maske, die Herrschaft der
Oligarchie erstrebe _und immer die seinen Versprechungen
entgegengesetzten Wirkungen erzeuge_. Die Liberalen suchten sich zu
rechtfertigen, indem sie sagten: »Seht Ihr nicht, daß wir ohne das
Repräsentativsystem und ohne unsere Opposition in den drückendsten
Despotismus fielen?« Das gebe er zu, aber es sei nicht weniger
gewiß, daß, indem die Liberalen durch ihre Taktik den
Rückschrittlern vor den Kopf stießen und sie immer mehr
erbitterten, sie diese immer mehr dem Obskurantismus in die Arme
trieben. So arbeiteten die Liberalen indirekt gegen sich selbst.
Ueberdies sei sicher, daß dieses sogenannte liberale System
keineswegs sehr positiv operire, _der liberale Geist sei für alle
großen Probleme sozialer Verbesserung durchaus steril, er bringe
immer nur Debatten zur Welt, nie eine neue Idee_.
Fourier hat hier mit wenig Worten den Liberalismus schlagend
gekennzeichnet; er hat nichtsdestoweniger nach zwei Seiten Unrecht.
Er hat Unrecht, wenn er sagt, der Liberalismus schade sich selbst,
weil er durch seine Kampfweise den Monarchen und den Konservativen
vor den Kopf stoße. Das ist derselbe Vorwurf, den in unserer Zeit
die vorgeschrittenen Liberalen den Sozialisten machen. Nun kann
aber keine Partei aus ihrer Haut, sie kämpft für die Ideen und
Interessen, die ihre Lebensbedingungen bilden; ob sie dabei einen
der Gegner, mit dem sie gewisse gleiche Ziele hat, verletzt und
einschüchtert, kann nicht in Frage kommen. Jede aufstrebende
Partei, die für ihren Sieg kämpft, ist für die alten Parteien eine
Gefahr, weil der Sieg der neuen Partei die Verdrängung der alten
Parteien und ihre Hinauswerfung aus der innegehabten Position
bedeutet. Darüber täuscht sich keine Partei, die an der Herrschaft
ist, und namentlich dann nicht, wenn ein unversöhnlicher
prinzipieller Gegensatz zwischen den kämpfenden Parteien besteht.
Es ist daher thöricht, dem Angreifer seine Taktik zum Vorwurf zu
machen, denn nicht um diese, sondern um seine wahren Bestrebungen
handelt es sich.
Fourier hat ferner Unrecht, wenn er glaubt, daß ein Bündniß des
Liberalismus seiner Zeit mit dem Konservatismus ein günstigeres
Resultat für den Fortschritt der Gesellschaft ergeben hätte.
Deutschland, das heute ähnliche Kämpfe der herrschenden Klassen
unter sich durchzumachen hat, wie das Frankreich der zwanziger und
dreißiger Jahre dieses Jahrhunderts, ist der klassische Zeuge
dafür, wohin der Liberalismus und der Fortschritt der Gesellschaft
kommt, wenn der Liberalismus sich mit dem Konservatismus verbündet.
Indessen wir wissen heute, daß _alle_ wie immer gearteten
politischen Parteikämpfe nur Kämpfe um materielle Interessen sind,
und daß, wo zwei Kämpfende sich gegen den dritten verbünden, sie
selbst nur einen Waffenstillstand schließen, weil ihnen der dritte
die streitige gemeinsame Beute zu entreißen droht. Es ist der alte
Kampf um das bevorzugte Dasein, den die Menschen im Gegensatz zu
den »unvernünftigen« Thieren führen, indem jeder sich selbst und
alle sich gegenseitig zu belügen und zu betrügen suchen, sich
vorredend, es seien die »Ideen« und nur die »Ideen«, für die sie
stritten und kämpften. Es ist der große Fortschritt unserer Zeit,
daß der Charakter dieser Kämpfe als Klassen- und Interessenkämpfe
immer mehr erkannt wird, und vor Allem ist es der moderne
Sozialismus, der diesen Standpunkt voll und ganz einnimmt.
Fourier fährt fort:
Die Stehenbleibenden (»immobilistes«) seien eine ebenso lächerliche
Sekte als die Rückwärtsstrebenden, die soziale Bewegung weise jeden
Stillstand zurück; sie strebe zum Fortschritt, dies sei ebenso ihr
Bedürfniß wie, daß Wasser und Luft zirkuliren müßten, um nicht zu
verderben. Jeder Stillstand korrumpire. Unsere Bestimmung sei,
vorwärts zu marschiren und so müsse jede soziale Periode nach einer
höheren Entwicklung streben. So tendire die Barbarei zur
Zivilisation und diese zum Garantismus und den höheren
Entwicklungsformen. Wenn eine Gesellschaft zu lange in einer
Entwicklungsphase verharre, ermatte sie, und es entwickle sich in
ihr, wie stehendes Wasser faulig werde, die Verderbniß. Wir
befänden uns seit einem Jahrhundert in der dritten Phase, aber in
dieser kurzen Spanne Zeit sei die Entwicklung, Dank den kolossalen
Fortschritten der Industrie, sehr rasch vor sich gegangen. Heute
strebe die dritte Phase über ihre Grenzen hinaus. Wir besäßen zu
viel Lebensmittel für eine auf der sozialen Stufenleiter
gleichzeitig nicht genügend emporgestiegene Gesellschaft, und
dieser Ueberfluß von Lebensmitteln, im sozialen Mechanismus keine
natürliche Anwendung findend, überlaste und verderbe ihn. Daraus
resultire eine zerstörende Gährung, es entwickle sich eine große
Menge schädlicher Charaktere, es zeigten sich Symptome der
Erschlaffung, alles Wirkungen des Mißverhältnisses, das zwischen
den industriellen Mitteln und den auf einer tieferen Stufenleiter
stehenden Massen der Bevölkerung vorhanden sei. Wir besäßen zu viel
Industrie für eine zu wenig vorgeschrittene noch in der dritten
Phase zurückgehaltene Zivilisation, die aber von dem Bedürfniß
gedrängt werde, sich in die vierte Phase zu erheben. Daher diese
Erscheinungen des Ueberflusses und der Verschlechterung, von denen
er die schlimmsten aufzählen werde. Als Antwort auf die Prahlereien
von der Vollkommenheit der bestehenden Gesellschaft werde er die zu
Tage liegenden Wirkungen ihrer noch sehr neuen Verschlechterungen
zeigen.
Fourier führt nun ein Sündenregister der Zivilisation von
vierundzwanzig Eigenschaften auf, die den nothwendigen Verfall der
Gesellschaft zur Folge haben müßten.
Erstens: Die politische Zentralisation. Die Hauptstädte würden zu
Abgründen, die alle Hülfsmittel verschlängen, welche die Reichen
zur Agiotage verleiteten, so daß diese mehr und mehr die Agrikultur
verschmähten. Zweitens: Die Fortschritte der Fiskalität. Es
entwickele sich ein System der Erpressung und es entstünden die
indirekten Bankerotte; man nehme die Mittel voraus und grabe der
Zukunft den Abgrund. 1788 habe Necker nicht gewußt, womit er ein
jährliches Defizit von fünfzig Millionen decken solle, heute
reichten nicht fünfzig, man brauche fünfhundert Millionen.
Drittens: Befestigung des Seehandelsmonopols. 1788 habe man noch
mit England rivalisirt und es zurückgehalten, heute herrsche es
ausschließlich, ohne daß Europa an die Wiederherstellung einer
wirklichen Rivalität denken könne. Viertens: Wachsende Angriffe auf
das Eigenthum. Gewohnheit und Beispiele machten diese durch die
Vorwände zur Revolution immer häufiger. Diese Angriffe würden für
alle Parteien zur Regel. Nachdem Frankreich -- in der großen
Revolution und unter Napoleon -- konfiszirt habe, ahmten Spanien
und Portugal das Beispiel nach und das werde immer schlimmer
werden, weil es heute nur Fortschritt in der Unordnung gäbe. Es sei
eine Charaktereigenschaft der Gesellschaft, die in die Barbarei
zurückgreife. Fünftens: Beseitigung der Zwischenkörperschaften;
also derjenigen Institutionen, welche durch die straffe
Zentralisation, die der Konvent schuf, beseitigt wurden:
Provinzialstände, Parlamente, Magistrate und Korporationen. Dank
ihrem Sturze befinde man sich vor der jährlichen Vergrößerung des
Budgets um fünfhundert Millionen. Sechstens: Beraubung der Kommune
an Eigenthum und Rechten, die man vergeblich durch die
Lebensmittelsteuern (»octrois«), welche die Industrie schädigten,
die Bevölkerung mißstimmten, zu Steuerhinterziehungen provozirten
und den ganzen legalen Handel vergifteten, zu entschädigen
versuche. Siebentens: Verdorbenheit der Rechtsprechung; man
vertheuere dem Armen das Rechtsuchen und mache es ihm unmöglich,
und gleichzeitig rufe man, durch die immer größer werdende Theilung
des Eigenthums und die Häufung immer ohnmächtiger werdender
Gesetze, das Wachsthum der Prozesse hervor. Die Gesetze blieben
todte Buchstaben für einen plündernden Lieferanten, der 76
Millionen gestohlen habe, und verurtheilten einen armen Teufel, der
einen Kohlkopf stehle, zum Tode.
Fourier theilt zum Beleg für diesen letzteren Ausspruch den Ausgang
zweier Prozesse mit, die sich zu seiner Zeit in Pan im südlichen
Frankreich abspielten. Ein Armeelieferant, der durch betrügerische
Lieferungen ein Vermögen von 76 Millionen ergaunerte, wurde
freigesprochen, ein armer Teufel, Namens Ellisander, der Kohl
gestohlen hatte, wurde zum Tode verurtheilt.
Achtens: Dauerlosigkeit in Institutionen, die selbst im Falle
besserer Einsicht von Unvermögen betroffen seien und durch den
Mangel gerechter Methoden in der ganzen Verwaltung der Gesellschaft
das Gegentheil von dem erzeugten, was sie bewirken sollten. Man
könne keine regelmäßige, auf allgemein geltenden Grundsätzen
basirte Landauftheilung und Landvermessung vornehmen, weil es keine
Regel für solche Maßnahmen gebe. Fourier hat hier die zu seiner
Zeit geplante allgemeine Katastrirung im Auge, die theils wegen der
großen Kosten, theils wegen des Streits über die unterzulegenden
Grundsätze von Jahrzehnt zu Jahrzehnt verschoben wurde. Neuntens:
Stetig drohende Schismen, die Bürgerkriege hervorzurufen drohten.
Zehntens: Beständige Gefahr des Ausbruchs innerer Kämpfe, die Folge
des Nährens der Unzufriedenheit durch die Unwissenheit der sozialen
Politiker, die kein Mittel der Aussöhnung und des wirklichen
sozialen Fortschritts zu entdecken vermöchten. Elftens: Die
Vererbung; die Gewohnheit, die durch die besiegte Partei einmal
eingeführten Uebel beizubehalten: Lotterien, öffentliche Spiele und
andere verhängnißvolle Mittel der Fiskalität.
Die politische Schamlosigkeit und Erniedrigung der christlichen
Mächte, die mit den Muselmännern und Piraten ein stilles
Vertragsverhältniß eingingen, wonach man den Seeräubern, um sie zu
beschwichtigen, einen Tribut bezahlte und den Negerhandel
unterstützte, betrachtete Fourier als die zwölfte verhängnißvolle
Charaktereigenschaft der Zivilisation. Zu seiner Zeit standen die
Dinge noch so, daß die meisten europäischen Mächte, Mangels der
nöthigen maritimen Kräfte und um den Seeräubereien der
nordafrikanischen Raubstaaten Einhalt zu thun, durch Zahlung eines
jährlichen Tributs die eigene Flagge vor Angriff zu schützen
suchten. Einen solchen Vertrag schloß z.B. Oesterreich mit der
Türkei, als der Schutzmacht der nordafrikanischen Seeräuberstaaten,
ab. Oesterreich, das 1814 mit der Annexion von Venedig auch dessen
Flotte erhielt, -- 8 Linienschiffe, 7 Fregatten etc. -- ließ diese
buchstäblich verfaulen und die im Bau begriffenen Fregatten
unvollendet. Der bankerotte Staat hatte keine Mittel, eine
Kriegsflotte unterhalten zu können. Der Sklavenhandel, durch
christliche Mächte begünstigt, blieb noch bis in unser Zeitalter
ein gewinnbringendes Geschäft und eine Schmach unserer Kultur.
Dreizehntens: Fortschritt des Handelsgeistes. Steigende Macht des
Börsenspiels, das der Gesetze spotte, die Früchte der Industrie an
sich reiße, die Autorität mit den Regierungen theile und überall
die Raserei für das Spiel verbreite. Vierzehntens: Begünstigung des
Handels trotz seiner Verschlimmerung. Marseille baue für die
Seeräuber Schiffe zur Kaperung der Schiffe der Christen, um mit den
gefangenen Christen die afrikanischen Bagnos zu füllen; Nantes
besitze Fabriken in denen die Marterwerkzeuge für die Tortur der
Neger hergestellt und den Strafgesetzen zum Trotz ausgeführt
würden; andere Städte ahmten den Engländern nach und bauten Bagnos
(Fabriken), in denen die Arbeiter sechszehn Stunden täglich
schanzen müßten. Je mehr der Handel an Bösartigkeit zunehme, um so
mehr werde er begünstigt. Fünfzehntens: Industrielle Skandale:
Fortschritte in der Art der Verfälschungen und der Tolerirung der
Verfälschung der Lebensbedürfnisse; Zunahme der aus drückendem
Ueberfluß entstehenden Krisen; unterwerthige Ueberlassung der
Ernten unmittelbar nach ihrer Einbringung gegen vorausgegangene
Lieferung anderer Bedürfnisse, also zunehmende Abhängigkeit des
Bodenbebauers vom Kapitalisten. Sechszehntens: Handel mit weißen
Favoritinnen. Man lasse eine solche Gewohnheit vertragsmäßig selbst
solchen Mächten zu, welche sie, wie der Pascha von Egypten, bisher
nicht hatten, und widersetze sich nur diplomatischen Albernheiten.
Siebzehntes: Einbürgerung der Sitten eines Tiberius: zunehmende
Spionage, die bis in die Reihen der Soldaten reiche; geheime
Angeberei; augenscheinlicher Fortschritt in der Heuchelei, der
niedrigen Gesinnung, der dem Parteigeist innewohnenden Uebel.
Achtzehntens: Kommunistischer Jakobinismus. Die Parteien, die ihn
bekämpften, adoptirten seine Taktik und die Kunst, Verschwörungen
anzuzetteln; sie raffinirten die Verleumdung, die heute allgemein
geworden sei und nähmen dem Charakter des Modernen noch das wenige
von Noblesse, das ihm verblieben. Neunzehntens: Vandalistisch
gesinnter Adel (der Restauration), der an die Rechtsideen vor der
Revolution wieder anzuknüpfen suche; er denke nur daran, die
Industrie, die ihm die Wahlstürme brachte, zu zerstören und
verfalle so wieder der Barbarei. Zwanzigstens: Literarische
Luftgefechte, die unsere Schriftsteller und Gelehrten als Banner
ihres Barbarismus aufpflanzten, wobei sie sich gegenseitig, zum
Vergnügen des Publikums, dem sie den Geschmack an der Verleumdung
beigebracht, zerrissen. Sie einigten sich nur, um wirkliche
Aufklärung und nützliche Entdeckungen zu ersticken und zu
unterdrücken. Die Wahlfreiheiten hätten ein Trio von neuen Tugenden
geboren: einen vandalistisch gesinnten Adel, eine an der
Verleumdung hängende Bourgeoisie, ein voll Tadelsucht steckendes
Gelehrtenthum. Einundzwanzigstens: Auf rascheste Zerstörung
gerichtete Taktik, indem man die Kriege furchtbarer zu machen suche
und immer mehr die barbarischen Gewohnheiten annehme;
Guerillakampf, Landsturm, Bewaffnung von Frauen und Kindern.
(Erinnerungen an Spanien, Tyrol und Preußen. Der Verf.)
Zweiundzwanzigstens: Tendenz zum Tartarismus, darin bestehend, die
allgemeine Wehrpflicht und das Massenaufgebot, wie es Preußen
bereits besitze und es Rußland in höherem Maße nachzuahmen
versuche, einzuführen; ein System, das, wenn es erst in einigen
Reichen eingeführt sei, alle übrigen zwinge, aus
Sicherheitsrücksichten diese tartarische Organisation ebenfalls
anzunehmen. Dreiundzwanzigstens: Einweihung der Barbaren in die
Taktik der Zivilisirten, was ein sicheres Mittel sei, die
Räubereien der Barbaresken noch mehr herauszufordern und der Türkei
nahezulegen, diese Räubereien nachzuahmen dadurch, daß sie in den
Dardanellen von den Schiffen aller schwachen Mächte einen
Passagezoll erhebe. Endlich vierundzwanzigstens: Vierfache Pest. Zu
der bereits bekannten alten des Orients komme das gelbe Fieber, der
Typhus, der bereits große Verheerungen anrichte, und die aus
Bengalen stammende Cholera. Das sei eine neue Quadrille von vier
wachsenden Vervollkommnungen.
Wir kritisiren diese von Fourier hier vorgeführten vierundzwanzig
Charaktereigenthümlichkeiten der Zivilisation nicht weiter, jeder
Leser wird sich klar sein, wie weit sie heute noch vorhanden oder
nicht vorhanden sind, sich steigerten oder sich schwächten; eine
Anzahl derselben waren sehr vorübergehender Natur und sind
verschwunden, andere lasten in bedenklichem Maße auch auf unserem
Zeitalter, sie sind sogar seit Fourier in ihrem Druck gewachsen.
Die Aufstellung der Liste verräth wieder den Mann der scharfen
Beobachtung und den Denker. Charakteristisch für Fourier aber ist
die fünfundzwanzigste der zivilisirten Untugenden, die er getrennt
von den übrigen hervorhebt und als die »schmachvollste« aller
bezeichnet: »die Zulassung der Juden zu den bürgerlichen Rechten«.
Es genügte den Zivilisirten nicht, sagt er, die Herrschaft des
Betrugs zu sichern, man mußte die Wuchernationen, die unproduktiven
Patriarchalen zu Hülfe rufen. Die jüdische Nation sei nicht
zivilisirt, sie sei patriarchalisch; sie habe keinen Souverän,
erkenne auch im Geheimen keinen an und halte jeden Betrug für
lobenswerth, wenn es sich darum handele, Diejenigen zu täuschen,
die nicht ihres Glaubens seien. Sie gebe zwar diese Prinzipien
nicht zu, aber man kenne sie genügend. Die Juden verdankten ihre
Zulassung zu den bürgerlichen Rechten nur den Philosophen. Man
sieht, Fourier's Angriffe gegen die Juden, in welchen er sich noch
weiter ergeht, decken sich fast wortgetreu mit den Angriffen
unserer heutigen Antisemiten.
Fourier meint weiter, die aufgezählten Uebel gehörten nicht
unabänderlich zum Wesen der Zivilisation, sondern seien nur
Anhängsel; sie würde dem Einbruch dieser Uebel entgangen sein, wenn
sie ihren Marsch beschleunigt hätte, wenn sie zeitig sich von der
dritten Phase in die vierte Phase erhoben, ihre Organisation auf
der sozialen Stufenleiter um so viel höher ausgebildet hätte als
ihre Industrie sich steigerte; so habe sie für die dritte Phase zu
viel und für die vierte zu wenig Entwicklung. Die Vollsaftigkeit
(»pléthore«) sei nur ein Zufälliges, die durch eine andere
Organisation der sozialen Ordnung eine andere und gesundere
Vertheilung erlangte. Es handele sich also darum, daß wachsende
Industrie und Verbesserung der sozialen Organisation Hand in Hand
gingen, damit diese kolossale Industrie regulirt und ausgeglichen
werden könne, eine Industrie, die zu einem politischen Fleischbruch
(»sarcocéle politique«) geworden sei und es bliebe, so lange wir in
der dritten Phase verharrten.
Hiermit habe er die Analyse der Zivilisation gegeben. Hätte sich
die Wissenschaft dieser Aufgabe unterzogen, so hätte sie erkannt,
welche Perioden die Zivilisation durchlaufen habe und würde
entdeckt haben, wann man in die Bahn des Uebels oder des Guten
einlenkte. Man würde alsdann auch konstatirt haben, daß die
Zivilisation zwar die Industrie vervollkommnete, _daß sie aber in
demselben Maße die Sittenzustände verschlechtere, wie der
Fortschritt der Industrie sich entwickelte_. Darum gelte es, einen
anderen sozialen Mechanismus zu entdecken, der den Sitten
(»moeurs«) gemäß operire und aus dem Fortschritt der Industrie die
Wahrheit und die Gerechtigkeit schaffe. Anstatt zu diesem Ziel zu
streben, weigere sich die Wissenschaft, eine Aenderung zuzulassen,
behauptend: »der natürliche Sinn des Wortes Zivilisation ist die
Idee des Fortschritts in der Entwicklung; es setzt ein Volk voraus,
das marschirt; es bedeutet die Vervollkommnung des bürgerlichen
Lebens und der sozialen Beziehungen, die billigste Vertheilung der
Gewalt und des Glücks aller Glieder der Gesellschaft.«
Einen Professor, der sich in solcher Weise auf seinem Pariser
Lehrstuhl, wo der Sophismus vor jedem Widerspruch sicher sei,
ausdrücke, solle man als Antwort in die Spiegelmanufakturen und
ähnliche Werkstätten führen, damit er mit eigenen Augen die
»billige Vertheilung« und das »Glück« der Arbeiter sehen könne;
jener Arbeiter, die den Phantasien der Müßigen, aus denen sich das
Auditorium des Professors zusammensetze, als Vorwurf dienten. Wäre
es wahr, daß die Zivilisation jede Vervollkommnung, jeden
Fortschritt, jede Entwicklung begünstige, dann wären auch die
Barbaren Zivilisirte, deren Industrie in China, Japan, Persien,
Hindostan sich sehr vervollkommnet habe; aber zwischen diesen
beiden Gesellschaften werde man, wenn man sie analysire, einen
mächtigen Unterschied erkennen. Der Fortschritt dürfe aber nicht
blos die Industrie betreffen, er müsse auch die Sitten und den
ganzen sozialen Mechanismus der Gesellschaft umfassen, zwei
Beziehungen, welche die Zivilisation nur zu verschlechtern wisse.
So bleibe ihre Aufgabe nur, Wissenschaft, Künste, Industrie,
Studien, welche auch die Barbaren begonnen und sehr weit getrieben
hätten, bis in die dritte Phase zur Anwendung zu bringen. Habe die
Zivilisation diese Aufgabe erfüllt, dann bleibe ihr nichts anderes
übrig, als zu verschwinden und einer anderen Gesellschaft Platz zu
machen, welche, indem sie Sitten, sozialen Mechanismus, Industrie
und Wissenschaft immer mehr vervollkommne und verfeinere, sie auf
eine Höhe bringe, deren die Zivilisation nicht zur Hälfte fähig
sei.
»Indem das Jahrhundert sich abmüht, fabrizirt es Konstitutionen und
Systeme im Ueberfluß; es gleich dem Eichhörnchen, das in seinem
Rade springt, ohne daß es vom Flecke kommt.«
* * * * *
Fourier legt nun den Plan dar, der nach seiner Meinung die
Zivilisation auf dem kürzesten Wege in die höhere
Entwicklungsphase, zunächst in den Zwischenzustand zwischen
Zivilisation und Garantismus, versetzen könne. Es gelte ein
Uebergangsstadium zu schaffen, das den Handel, diese Hydra, vor der
selbst die Könige erschreckten und sich beugten, stürze.
Dieses koste nur ein Dekret, und die Banken wie der Handel mit
ihren enormen Erträgen kämen in den Besitz der Regierungen. Zwei
Wege gebe es, dies herbeizuführen, einen brüsken und einen sanft
zwingenden, einen konkurrirenden und einen untergrabenden; auch
ließen sich beide Methoden vereinigen.
Er unterstelle, daß es einen König gebe von dem festen und
rücksichtslosen Charakter eines Mahmud II. (regierte als Sultan von
1808-1839) und also den Zwang vorziehe: dieser werde die ganze
arme Klasse, die nichts besitze, vereinigen und sie in Staatsfarmen
organisiren. Man könne rechnen, daß die Zahl der ganz Mittellosen
ungefähr ein Zehntel der Bevölkerung betrage und auf je vierhundert
Familien vierzig arme Familien kämen. Es bildeten also je
zweihundert Personen die Bewohner einer Staatsfarm, die ihre
nöthigen Gebäude, Stallungen, Vieh, Gärten, Werkzeuge u.s.w.
erhielten. Diese Zahl sei groß genug, um eine zweckmäßige und wenig
kostspielige Verwaltung, abwechselnde Arbeiten und ein lukratives
Unternehmen zu begründen.
Diesen Staatsfarmen hätte sich in der Industrie die Institution der
fixirten Unternehmerschaft anzuschließen. Hierunter versteht
Fourier nicht die der Zahl nach fixirte Unternehmerschaft, sondern
eine solche, die unter der Bedingung zugelassen wird, daß sie eine
von Jahr zu Jahr progressiv steigende Abgabe an den Staat leistet,
eine Maßregel, die zwei Wirkungen haben soll; erstens: dem Staat
eine hohe Einnahme zu bringen; zweitens: den Unbemittelten die
Unternehmerschaft unmöglich zu machen, oder sie zur Aufgabe
derselben zu nöthigen. Die so freigesetzte Bevölkerung solle in die
Staatsfarmen gedrängt werden, die einkommende Steuer aber neben der
Deckung der Staatsausgaben zur Deckung der Staatsschulden verwendet
werden. Fourier setzt voraus, daß diese Einnahmen allmälig sehr
hoch werden und einen erheblichen Theil des Unternehmergewinns
absorbiren würden. Sicher ist von allen utopistischen Vorschlägen
Fourier's dieser Vorschlag der utopischste.
Indem die Farmen immer zahlreicher würden und immer vorzüglichere
Produkte lieferten, auch industrielle, würden sie durch die Güte
ihrer Waaren, wie die Reellität der Preise die private Konkurrenz
immer mehr in's Gedränge bringen und einen Unternehmer nach dem
andern zur Geschäftsaufgabe zwingen. Damit dehnten sich die Farmen
immer mehr aus, die Kapitalisten ließen ihnen ihre Kapitalien
zufließen, ein Eigenthümer nach dem andern trete ihnen durch
Verkauf oder durch Pacht seinen Grund und Boden ab und sie würden
schließlich selbst Mitglieder der Farmen. Dieser Aufsaugungsprozeß
führe dann zur Bildung der Phalanxen.
Man sieht, dieser Vorschlag hat eine starke Aehnlichkeit mit dem
von Lassalle vorgeschlagenen Uebergangsstadium, nur daß Lassalle
mit der Industrie beginnen wollte, Fourier das Hauptgewicht auf die
Ackerbaugenossenschaft legt.
Wir haben keine Veranlassung, diesen Vorschlag ausführlicher zu
kritisiren; er ist ebenso wenig durchführbar, wie die Gründung der
Phalanxen durch die Mitwirkung der Reichen. Die Herrscher und die
Klassen müßten noch geboren werden, die im Besitz der Macht und
aller Genüsse freiwillig aus rein philanthropischen Gründen, um der
Masse der Unbemittelten und Armen zu helfen, ihre eigene bevorzugte
Stellung opferten. Wer in der Macht sitzt, sitzt im Recht und ihm
leuchtet nicht ein, daß seine Stellung eine ungerechte sein könne.
Ein Vorschlag, wie der Fourier'sche, kommt einer Zumuthung zum
Selbstmord gleich; diesen begeht nicht einmal der Einzelne
freiwillig, wie viel weniger eine Klasse, die sich im Besitz der
Herrschaftsmittel und im Glauben an ihr Recht befindet. --
Fourier ergeht sich weiter in Auseinandersetzungen und
Spekulationen über Einrichtungen und Zustände der
Entwicklungsperioden, welche der Zivilisation vorausgegangen sind,
um an der Hand derselben nachzuweisen, daß weitere Entwicklungen
über die Zivilisation hinaus folgen würden. Nicht nur seien Thiere
und Pflanzen um so mehr der Degeneration verfallen, je näher sie
unserer Zeitperiode rückten, sondern auch der Mensch. Der
ursprüngliche Mensch, der im Zustand des Edenismus
durchschnittliche 73½ pariser Zoll groß gewesen -- woher er
diese genauen Maßangaben besitzt, verschweigt er --, aber heute auf
durchschnittlich 63 pariser Zoll zurückgekommen sei, werde in der
Harmonie sich wieder zur Höhe von 73½-84 pariser Zoll entwickeln.
Alle dem Menschen nützliche Thiere und Pflanzen würden sich in
demselben Verhältniß vervollkommnen und veredeln. In der Barbarei
sei der Angelpunkt des Systems, im Kontrast mit dem in der
Zivilisation, die Einfachheit der Handlung, in der Zivilisation
nehme jede Handlung den Charakter der Doppelseitigkeit an. Ein
Beispiel möge dies beweisen.
»Der Pascha eines barbarischen Reichs verlangt Abgaben, einfach,
weil es ihm gefällt, zu brandschatzen und zu plündern, es fällt ihm
nicht im Traum ein, erst in den Verfassungen der Griechen oder
Römer nach den Theorien über die Rechte und Pflichten der
Staatsangehörigen zu forschen: er begnügt sich, die Steuer zu
verlangen bei Gefahr für die Besteuerten, im Nichtzahlungsfalle den
Kopf zu verlieren. Für den Pascha giebt es also, um zum Zweck zu
gelangen, nur ein Mittel, die Gewalt; dies ist eine einfache
Handlung. Der zivilisirte Monarch benutzt für denselben Zweck
verschiedene Mittel. Zunächst hat er Polizisten und Soldaten zur
Stütze der Verfassung. Aber man setzt dieser Hülfe das
philosophische Handwerkszeug von moralischen Subtilitäten über das
Glück, Abgaben zum Wohl des Handels und der Verfassung zahlen zu
dürfen, hinzu. Tugendhafte Finanziers übernehmen, damit wir unsere
unverjährbaren Rechte genießen können, bereitwillig die
Ueberwachung der Verwendung dieser Steuern. Der Fürst, der sie
fordert, erscheint dabei als zärtlicher Vater, nur darauf bedacht,
seine Unterthanen zu bereichern; er empfängt die Steuern nur, um
den unsterblichen Volksvertretern zu gehorchen, die ihm dieselben
bewilligten; in Wahrheit ist es das Volk selbst, das die Steuern zu
bezahlen _wünscht_. Darauf erklärt der Landmann zwar, daß er seine
Vertreter nicht gesandt habe, damit sie die Steuern vermehrten,
aber man antwortet ihm: er müsse die Schönheiten der Verfassung
studiren, die ihn lehre, daß die Würde freier Männer darin bestehe,
zu bezahlen oder -- in's Gefängniß zu wandern.«
Hier sei also, erläutert Fourier, Doppelseitigkeit der Handlung
vorhanden, man bringe zwei sich gegenüberstehende Mittel in
Anwendung, die Moral und die Gewalt, die Barbarei begnüge sich mit
der Gewalt. Jedenfalls hat Fourier mit seiner Beweisführung die
Lacher auf seiner Seite.
In die metaphysischen Spekulationen, die Fourier über den Plan
Gottes und die Gesammtheit der Bestimmungen anstellt, wollen wir
ihm nicht folgen; ebensowenig in seine Spekulationen über die
Unsterblichkeit der Seele und die Wanderungen, welche die Seele von
Planet zu Planet, nach dem System immer größerer Vervollkommnung,
vornehme. Heiterkeit erregend ist, wie er ausführt, warum die
Menschen über das zukünftige Leben nichts Bestimmtes wissen. Er
sagt: »Erstaunen wir nicht über die Unkenntniß, welche über unsere
Unsterblichkeit herrscht, noch über die Unzulänglichkeit unseres
Wissens über das, was uns nach unserem Tode erwartet. Während des
gegenwärtigen bedenklichen Zustandes unserer Gesellschaft darf Gott
die Menschen keine wissenschaftliche Kenntniß von ihrem künftigen
Leben erlangen lassen. Erlangte man sie, sämmtliche Arme der
Zivilisation würden Selbstmord üben, um dieses künftige Glück so
rasch als möglich zu genießen; aber die Reichen, die zurückblieben,
hätten weder die Fähigkeit, noch die Neigung, die Armen in ihren
undankbaren Beschäftigungen zu ersetzen. Die Wirkung würde also
sein, daß durch das Verschwinden Derer, welche jetzt diese Lasten
tragen, die Industrie der Zivilisirten zu Grunde ginge und der
Globus im Zustand beständiger Verwilderung bliebe. Dies würde die
sichere Folge von der Ueberzeugung der Unsterblichkeit und ihrer
Herrlichkeit sein.« Originell ist diese Begründung auf alle Fälle.
Der Kuriosität und für manchen Leser wohl auch des Interesses
halber wollen wir hier ferner einige der Analogien erwähnen, die
Fourier zwischen den verschiedenen Pflanzen und Thieren und den
verschiedenen Menschencharakteren und ihren sozialen Beziehungen
nachzuweisen sich bemüht. Diese Analogien erfüllen nach ihm das
ganze Universum, wobei er sich auf die Worte Schellings -- eines
der sonst von ihm so gehaßten metaphysischen Philosophen -- immer
wieder bezieht: »Die menschliche Seele ist das Modell des Weltalls,
es widerspiegelt sich die Idee des Ganzen in jedem Theil.« Nach
Fourier ist also die große Feldrübe, die nur auf dem Tisch des
Unbemittelten und unwissenden Landmannes erscheint, auch dessen
Spiegelbild; im Thierreich der Esel. Die Steckrübe entspricht dem
gebildeten Farmer, die kleine runde Rübe dem opulenten Mann. Die
Carotte ist das Bild des verfeinerten, gerne experimentirenden
Agronomen. Der Sellerie mit seinem herb-säuerlichen Geschmack
entspricht den Beziehungen ländlicher Liebender. Die Runkelrübe ist
das Bild des zur Arbeit gezwungenen Sklaven; wie jene durch die
gewaltsame Auspressung ihres Saftes Zucker geben muß, so entspricht
ihr Saft dem ausgepreßten Blut des Arbeiters, das Gold wird.
Dagegen gleicht das Zuckerrohr mit seiner angenehmen Süße dem Bilde
der sozietären Einheit in der Industrie. Die Kartoffel mit ihren
zahlreichen beieinander liegenden Knollen ist ein Gleichniß für die
Gruppen und Serien der Triebe. Ferner ist die Rose das Sinnbild der
Scham, die Mistel das des Schmarotzers, die Tulpe das der Justiz,
der Hahnenfuß das der Etikette, die Hortensie das der Koketterie,
der Hund das der Freundschaft, das Pferd das des Soldaten, die
Viper das der Verleumdung. Es sind also Thiere und Pflanzen bald
das Spiegelbild der Triebe des Menschen und seiner
Charaktereigenschaften, bald seiner sozialen Beziehungen. So wird
die Ehe in den verschiedenen Klassen durch die verschiedenen Arten
der Schwertlilie analogisirt. Die flatterhafte Schwertlilie (»iris
perpillon«) repräsentirt die Ehe junger Liebenden; die jeder
Annehmlichkeit beraubte Mauer-Schwertlilie entspricht der Ehe armer
Dörfler; die blaue Schwertlilie der Ehe des behäbigen Bürgers; die
gelb- und azurgestreifte Schwertlilie der Ehe reicher Liebender;
die riesige graue Schwertlilie, die mit ihrer mit Schwarz
durchschossenen Blume einer großen Trauerblume ähnlich sieht,
entspricht der fürstlichen Ehe, wie überhaupt der Ehe aus Ehrgeiz
oder Politik. Die Blume zeigt an, daß diese Ehen meist ohne Liebe,
oft ohne daß man sich zuvor kennen gelernt, geschlossen werden und
ihres eigentlichen Reizes und der wahren Natur des Menschen, die
nach Liebe dürstet, entbehren. Schließlich bedauert Fourier
lebhaft, daß er zu wenig die Naturgeschichte studirt habe, um diese
Analogien, die eine der interessantesten Studien darböten, nach
allen Richtungen verfolgen zu können, und befürwortet, daß man im
sozietären Zustand diesem Studium besondere Berücksichtigung
schenke, weil es für Sinne und Gemüth seine großen Annehmlichkeiten
und Reize habe.
* * * * *
Wir glauben im Vorstehenden die Hauptgedanken aus den Theorien
Fourier's so wiedergegeben zu haben, als dies bei dem zugemessenen
Raum möglich war; daß uns dabei manche schöne Stelle in seinen
Ausführungen entgangen ist, wie wir andere wegen Mangel an Raum
übergehen mußten, ist bei dem beträchtlichen Umfang seiner Werke
natürlich. Es ist andererseits keine leichte Aufgabe, sich in der
Menge des Materials und in dem oft krausen Stil und abrupten
Gedankengang zurechtzufinden. Und doch bietet das Studium seiner
Werke einen großen Genuß; sie zeigen eine erstaunliche Fülle
origineller Gedanken und Ideen, die zu einem erheblichen Theil auch
für die heutige Zeit, wie für die zukünftige Entwicklung der
Gesellschaft von großer Fruchtbarkeit sind. Sein Studium der
menschlichen Triebe und die daraus hervorgehenden Schlüsse sind
eine Arbeit, wie sie unseres Wissens nicht zum zweiten Male
existirt. Die Art, wie er die menschlichen Triebe für eine neue
Gesellschaftsorganisation zu verwenden beabsichtigte, ist so tief
gedacht und erfaßt, daß die Zukunft in der Richtung der von ihm
erfaßten Gedanken nur weiter zu wandeln und aufzubauen braucht.
Großartig ist sein System der Kindererziehung, das einem Pädagogen
von Fach eine Fülle neuer Gedanken und Anregungen geben wird und
das zugleich Zeugniß ablegt von der erstaunlichen, in's kleinste
Detail gehenden Beobachtung, mit der Fourier, wie Alles, was ihm
begegnete, so auch das Leben der Kinderwelt studirte. Das ist um so
merkwürdiger, als er sein Leben unverheiratet beschloß und keine
Kinder besaß. Merkwürdig ist auch, daß dieser Mann, der einsam
durch's Leben ging, ganz seinen Studien ergeben, der Liebe jenen
Tempel baute, den sie in seinen Werken findet. Seine intimsten
Freunde und Schüler haben keine Ausschweifungen an ihm beobachtet.
Das ist nicht überflüssig zu bemerken in Anbetracht der Angriffe,
welchen gerade die Abschnitte über die Liebe in seinen Werken
ausgesetzt waren.
Wir haben seinen Ideen über Kindererziehung nur einen
verhältnismäßig kleinen Raum widmen können, sie nehmen aber einen
ziemlich beträchtlichen in seinen Werken ein und umfassen eine
Menge interessanter Details, die wir übergehen mußten, die aber
neben der denkenden Beobachtung, die Fourier den Kindern widmete,
auch die tiefe Liebe athmen, die er zu diesen die Zukunft der
Gesellschaft repräsentirenden Wesen besaß.
Wer sich mit all den berührten Fragen eingehender befassen will,
dem rathen wir, die Werke Fourier's zu studiren. Er wird neben
vielem Schrullenhaften und Vielem, was uns heute lächerlich
erscheint, weil wir mittlerweile fast dreiviertelhundert Jahre
älter wurden und eine ungeheure Fülle von Wissen, Entdeckungen und
Erfahrungen aufgespeichert haben, die Fourier und seinem Zeitalter
fremd und unbekannt waren, auch viele heute und noch für eine
erhebliche Zukunft hinaus sehr werthvolle Gedanken, Anregungen und
Ideen kennen lernen. Und selbst das Schrullenhafte und Lächerliche
in seinen Werken ist stets in so origineller Weise gedacht, daß man
es mit Interesse liest, als ein Denkmal, das zeigt, wie in einem
genialen Geiste, der nicht lange vor unserm Zeitalter lebte und
Menschen und Dinge gründlich kannte, sich die Zukunft der
Menschheit und der Welt widerspiegelte. Wer Goethe's »Wilhelm
Meisters Lehr- und Wanderjahre« und »Wahrheit und Dichtung« gelesen
hat und erwägt, daß Fourier und Goethe gleichzeitig lebten und
wenige Jahre von einander getrennt starben, wird in den Phantasien
Beider über menschliches Glück manches Verwandte finden. Der
Fourier'sche Utopismus hält dem Goethe'schen, wie er namentlich in
den Wanderjahren hervortritt, voll die Waage; Fourier übertrifft
Goethe an realer Menschenkenntniß, an Kenntniß der Lebenslage der
Masse und in Bezug auf die Naturgeschichte der Gesellschaft.
Wir ließen in der vorliegenden Arbeit gänzlich unberücksichtigt,
und mußten und konnten dies auch, Fourier's sehr polemisch
abgefaßte Abhandlungen gegen die Philosophen, die er so gründlich
haßte und, wie es immer geschieht, wenn der Haß vorzugsweise die
Feder führt, auch schwärzer malte, als sie es verdienten. Man halte
fest, daß es die Politiker, die Oekonomisten, die Moralisten und
Metaphysiker waren, denen er unter dem Namen der Philosophen zu
Leibe ging. Man beachte ferner, daß seine Feindseligkeit wider sie
daher kam, daß er, der die Wahrhaftigkeit über Alles liebte, fand,
daß ihre großen Worte und schönen Ideen, mit welchen sie den
Menschen das Heil, die Rettung aus allem Elend und das Glück
versprachen, im Widerspruch mit ihren Thaten und im grellsten
Widerspruch mit dem wahren, so eben erst neugeschaffenen Zustand
der Dinge standen. Wer wie Fourier all die großen, schönen und
glänzenden Gedanken, welche die Werke Rousseau's und der
Enzyklopädisten, die Reden der Wortführer der verschiedenen
politischen Parteien, der Konstitutionellen, wie der Sieyés und
Mirabeau, der Girondisten, der Dantonisten, der Robespierrianer
u.s.w. enthielten, kennen gelernt hatte; wer gesehen, wie dem rothen
der weiße Schrecken folgte, dann die Bourgeoisie das Heft in die
Hand nahm und, raubgierig und schamlos wie immer, allen ihren
großen schönen Worten und erhabenen Phrasen zum Trotz, nur daran
dachte, das Volk zu unterdrücken und es um die Früchte seiner
Arbeit zu bringen; wie dann statt des verheißenen Glücks das
Massenelend sich einstellte, sich sichtbar vermehrte; wir sagen,
wer das Alles vom Standpunkt Fourier's gesehen und erlebte und
dabei glaubte, sich über die Natur der Dinge und der Menschen nicht
zu täuschen, dessen Herz durfte mit Haß und Zorn erfüllt werden.
Aber er besaß in hohem Grade auch die Waffen des Witzes und des
beißenden Spottes, womit er seine Angriffe würzte, und dies
erbitterte besonders seine Gegner und veranlaßte sie lange Zeit,
und die überwiegende Zahl derselben stets, die bekannte
Todschweigungstaktik gegen ihn zu beobachten. Einen Mann von
Fourier's Charakter erbitterte dies noch mehr.
Sein System war nicht für das Verständniß der Massen berechnet,
wenn auch für die Massen geschaffen; er suchte die Zustimmung und
Mitwirkung der Großen und Reichen, und diese Kreise konnten, wenn
überhaupt, nur gewonnen werden, wenn namentlich die vornehmeren
Journale sich seinen Ideen und seinen Werken freundlich
gegenüberstellten. Aber die Schriftsteller dieser Kreise mußten
sich wiederum, abgesehen von dem Inhalt seiner Gedanken, durch
seine Kritik am meisten getroffen und verletzt fühlen. Es gehörte
der kindliche Glaube eines Fourier dazu, daß die Gegner seine
Kritik nicht als eine persönliche, sondern als rein sachliche
auffassen sollten, das hieß in der That ihrer Natur zu viel
zumuthen und der Macht seiner Gründe zu sehr vertrauen. Aber
abgesehen von dieser Art seiner Polemik würden die herrschenden
Klassen schon aus den mehrfach hervorgehobenen, im Wesen der
Klassenherrschaft und des Klassengegensatzes liegenden Gründen,
sich zu keiner freundlicheren Behandlung herbeigelassen haben. Sie
behandelten ihn, und von ihrem Standpunkt aus mit Recht, als
»Narren«. Wie kann man auch dem Wolf zumuthen, ein Lamm zu werden?
Oder verlangen, von den Disteln Trauben zu lesen?
Diese ewigen Abweisungen forderten dann auf's Neue seinen Zorn
heraus, schärften seinen Witz und Spott, die er an den zahlreichen
Blößen übte, die das System und seine Vertheidiger ihm boten.
Friedrich Engels, sicher ein berufener Beurtheiler, spricht in
seiner Schrift »Herrn Eugen Dühring's Umwälzung der Wissenschaft«
aus, daß wenn selbst die Fourier'schen Systemausführungen keinen
Werth besäßen, eine Ansicht, die Engels nicht hat, Fourier durch
die Form seiner Kritiken zu den größten Satirikern aller Zeiten
gehöre.
Wie die Philosophen, als Vertreter und Lobredner der bürgerlichen
Gesellschaft, ihn mißhandelten, so empfing er auch die Angriffe und
Verurtheilung seitens der Kirche. Wir wiesen schon mehrfach im
Obigen darauf hin, wie wenig Fourier's Auffassung von Gott und der
Stellung des Menschen zu Gott den kirchlichen Ansichten behagen
konnte. Setzte der Papst seine Schriften auf den Index, so machten
es sich katholische Organe seiner Zeit, wie »Gazette de France« und
»L'Univers« zum Geschäft, ihn als einen Menschen anzugreifen,
welcher den menschlichen Leidenschaften die Zügel wolle schießen
lassen, der mit unerhörter Frechheit die Lehren der Moral antaste,
die heiligsten und intimsten Beziehungen der Geschlechter in der
Familie und Ehe verspotte und untergrabe und durch alles dies und
seine subversiven religiösen Lehren, die im Grunde rein
atheistische seien, die Gesellschaft, die Religion und die Moral
umzustürzen versuche.
So wenig das Fourier zugeben wollte und so heftig er sich
insbesondere gegen den Vorwurf des Atheismus wehrte, den er, wie
wir sahen, besonders Owen zum Vorwurf machte, im Grunde hatten die
Vertreter der kirchlichen Ordnung und Autorität Recht. Es sind doch
neben bereits Zitirtem sehr ketzerische Ansichten, die er in einer
längeren Abhandlung: »Ueber den freien Willen« lehrt, und über die
Beziehungen zwischen Gott und Mensch, Ansichten, die geeignet sind,
die Vertreter der geoffenbarten Religion gegen ihn auf's Höchste
aufzubringen.
Fourier's Ansicht über den freien Willen lautet kurz zusammengefaßt
also:
»Die Theologie wie die Philosophie lehren eine falsche Lehre über
den freien Willen. Nach der Philosophie soll die Vernunft allein
herrschen und soll die Vernunft die menschlichen Handlungen
bestimmen; für sie ist also der freie Wille absolut. Der zur
Vernunft gekommene Mensch ist Herr seiner selbst, er wird handeln,
wie die Vernunft ihm gebietet, ohne Rücksicht auf die Gesetze
seiner Natur und den Willen Gottes.«
»Umgekehrt behaupten die Theologen, daß der Wille Gottes allein
entscheidet, daß er Alles thut, Alles lenkt und der Mensch sich
seinem Willen zu fügen hat; Gott gegenüber ist der Mensch macht-
und willenlos.«
Beides ist falsch. Gott und der Mensch sind zwar entgegengesetzt,
sie sind Extreme, aber Extreme, die sich berühren und die in
Gemeinschaft mit einander handeln müssen, um sich gegenseitig zu
befriedigen. Gott will, daß der Mensch ihm hilft, gewissermaßen
sein Assozié sei. Um aber diese Hülfe leisten zu können, muß der
Mensch die Naturgesetze und die Gesetze der Anziehung studiren.
Sobald er diese begriffen hat, ist er in der Lage, mit Gott
gemeinsam zu operiren. Das Gefühl, das Beide verbindet, soll
Freundschaft sein, nicht Nichtachtung, wie die Philosophen lehren,
und nicht blinde, demüthige Unterwerfung, wie die Theologen
predigen. In dem einen wie in dem anderen Falle kann weder Gott
noch der Mensch glücklich sein und können sie ihren Zweck nicht
erreichen.
Wir lassen uns auf keine Kritik dieser Fourier'schen Philosophie
weiter ein, der Leser wird wissen, wie er sie zu beurtheilen hat,
unmöglich konnte aber die Kirche mit ihr sich zufrieden geben.
Als Fourier starb, war sein Anhang gering; die Aussicht, sein
System, an dem er mit dem Feuer eines Fanatikers und eines Neuerers
hing, wie er von Tag zu Tag während Jahrzehnten gehofft,
verwirklicht zu sehen, war gleich Null. Vielleicht dämmerte ihm
auch die Ueberzeugung, daß die Entwicklung der Zivilisation doch
auf wesentlich anderem Wege zum Ziele komme, als er sich
vorgestellt, und alle diese Enttäuschungen verbitterten ihm seinen
Lebensabend. Am 10. Oktober 1837 fanden ihn seine Wirthin und seine
Jünger, nachdem er schon längere Zeit vorher gekränkelt, früh
Morgens todt vor seinem Bette liegen. Einer der größten
Menschenfreunde hatte für immer die Augen geschlossen.
Die Fourier'sche Schule hat keine maßgebende Bedeutung und keinen
entscheidenden Einfluß auf die Geschicke Frankreichs erlangt. Wohl
besaß sie eine nicht kleine Anzahl von Anhängern, die sich meist
aus den gebildeten Kreisen, vornehmlich aus den Kreisen der
Studirenden, der Künstler, der Techniker und selbst der Militärs
rekrutirten, welche die Fourier'schen Ideen mit Geist und Geschick
schriftstellerisch vertraten, aber eine Partei, die in den
politisch-sozialen Kämpfen des modernen Frankreich eine
hervorragende Rolle spielte, wurde der Fourierismus nie. Die
zahlreichen Schriftsteller, welche der Schule infolge ihres
Hauptrekrutirungsfeldes für ihre Anhänger, aus den ideologisch
angelegten Köpfen der jungen Bourgeoisie erwuchsen, schufen auch
eine verhältnißmäßig reiche Literatur, aber die Zahl der Schriften
stand in starkem Mißverhältniß zu ihrem Einfluß auf die Massen.
Auch der Umstand, daß mehrere ihrer Hauptwortführer, so Victor
Considerant, nach Fourier's Tode das eigentliche Haupt der Schule,
und der erst im Februar 1887 verstorbene Cantagrel lange Jahre
Volksvertreter in Frankreich waren, hat das allmälige Erlöschen des
Fourierismus nicht verhindern können. In seinem Bestreben auf
Aussöhnung der Klassengegensätze durch freiwilliges Entgegenkommen
der Besitzenden mußte der Fourierismus immer mehr zu einer reinen
Humanitätsduselei verflachen, oder er wurde, wie im Phalanstère zu
Guise, als Deckmantel mißbraucht, um unter sozialistischer Flagge
großbürgerliche Ausbeutung zu betreiben. Nothwendigerweise müssen
alle sozialistischen Experimente, die innerhalb der bürgerlichen
Welt versucht werden und naturgemäß auf die Aussöhnung sich
gegenseitig ausschließender Gegensätze gerichtet sind, zu Grunde
gehen. Wo solche Experimente sich längere Zeit halten, wie in
einzelnen kommunistisch organisirten kleinen Gemeinwesen in den
Vereinigten Staaten, vermögen sie dies nur durch fast vollkommene
Isolirung von der übrigen Welt und nur unter einer
Wirthschaftsweise, die ihre Anhänger zu spartanischer Einfachheit
zwingt und ihnen patriarchalische Verhältnisse aufnöthigt.
Das ist keine Kulturentwicklung, wie sie die Menschheit erstrebt.
Diese verlangt freie ungehinderte Entfaltung aller menschlichen
Anlagen und Fähigkeiten und vollen Genuß an allen
Kulturerrungenschaften, was nur durch steigende Vermehrung der
Kulturmittel auf höchster technischer und wissenschaftlicher
Stufenleiter zu erreichen ist. Das Alles vermag ein kleines,
isolirtes, in seinen Kräften und Mitteln beschränktes Gemeinwesen,
mag es noch so kunstvoll organisirt sein, nicht zu schaffen. Es
wird gestört durch jeden fremden Einfluß, der von außen auf es
einwirkt, und diese Einwirkung wird um so mehr vorhanden sein, je
lebhafter die Beziehungen sind, die das Einzelne zum Ganzen für
nothwendig erachtet. Entweder heißt es also mit dem Ganzen gehen
und sich mit ihm entwickeln, oder isolirt bleiben und verknöchern,
ein Drittes giebt es nicht.
In der bürgerlichen Welt sind nur bürgerlich handelnde Menschen
denkbar, der Einzelne steht zum Ganzen in der Rolle eines Zähnchen
an einem ungeheuren Triebwerk, dessen viele Dutzende von Rädern mit
ihren Tausenden von Zähnen und Zähnchen in gesetzmäßiger Ordnung
ineinandergreifen. Die Wirkung des Einzelnen liegt in der Wirkung
auf das Ganze und umgekehrt in der Wirkung des Ganzen auf den
Einzelnen. Beides ergänzt, beides bedingt sich.
Wer als Einzelner dem Ganzen widerstrebt, seinen Sonderweg glaubt
gehen zu können; wer meint, den sozialen Mechanismus, in den Alle
gebannt sind, willkürlich durchbrechen zu können, wer wähnt, sein
besonderes soziales Himmelreich begründen zu können, der wird,
durch die harten Thatsachen rasch eines andern belehrt, seine
Ohnmacht und Unfähigkeit einsehen. Daher ist alle sozialistische
Experimentirerei mitten in der bürgerlichen Welt, gehe sie nun von
einem Einzelnen aus, der sich einbildet, als bürgerlicher
Unternehmer sozialistisch produziren und distributiren zu können,
oder von einer kleinen Gesammtheit, die dasselbe für sich und unter
sich versucht: Utopisterei, Phantasterei. Ein jeder solcher Versuch
ist ein Zeichen geistiger Unreife, der nur die Wirkung haben kann,
Enttäuschungen hervorzurufen, die Ideen bei unklaren Köpfen zu
diskreditiren und den Gegnern die gewünschte Waffe gegen die von
ihnen gefürchteten Bestrebungen zu liefern.
Der große Fortschritt unseres Zeitalters ist, daß die Utopisten
ausgestorben oder im Aussterben begriffen sind. In der Masse finden
sie nie Boden, sie finden ihn heute weniger als je. Auch der
einfachste Arbeiter fühlt, daß sich _künstlich_ nichts schaffen
läßt, daß das, was werden soll, sich _entwickeln_ muß und zwar mit
dem Ganzen durch das Ganze, nicht getrennt und isolirt von ihm.
Es handelt sich darum, der Entwicklung freie Bahn zu schaffen,
alles Alte, Abgestorbene zu beseitigen, dem Absterbenden das Ende
zu erleichtern, und zu diesem Zweck die kritische Sonde überall
eintreiben, wo Uebelstände sich zeigen. Indem man die Kritik
anwendet, muß man den Ursachen nachspüren, die die Uebel erzeugten.
Aus der Erkenntniß der Ursachen ergeben sich die Heilmittel von
selbst.
In der Kritik war nun Fourier Meister, aber was seine Kritik zu
falschen Schlüssen führte, waren die falschen Voraussetzungen, die
er machte. Die vorhandenen Uebel erkannte er vortrefflich und
schilderte sie großartig, aber in der Untersuchung der _Ursachen_,
die diese Uebel erzeugten, ging er von Auffassungen über das Wesen
der Gesellschaft aus, die ihn nothwendig zu falschen Ergebnissen
führen mußten. Wer wie er die Ansicht vertrat -- und sie theilte
sein Zeitalter --, daß der Entwicklungsgang, den die Menschheit
genommen, nicht die gesetzmäßige Wirkung der Existenz- und
Produktionsbedingungen sei, unter denen sie sich seit Jahrtausenden
gebildet und fortentwickelt hatte, sondern von rein zufälligen und
willkürlichen Umständen abhängig, von dem Dichten und Denken dieses
oder jenes Mannes, von dieser oder jener Handlung mächtiger
Personen, wer also nicht Gesetzmäßigkeit, sondern Zufall und
Willkür annahm, mußte auch glauben, daß Zufall und Willkür die
Zustände ändern könne. Für Fourier war der Wille des Menschen nicht
durch die Umstände bestimmt, die sein Gesellschaftsinteresse
beherrschten, für ihn war der Wille des Menschen eine selbständige
Macht, die von den sozialen Verhältnissen nicht beherrscht wurde,
sondern diese willkürlich erzeugte. Er erkannte nicht den
Klassencharakter der Gesellschaft, für ihn war jede Meinung nur
eine individuelle Meinung, die sich durch sogenannte allgemeine
Vernunftgründe zu Gunsten einer Idee, die das allgemeine Glück
bezweckte, gewinnen ließ. Darum wandte er sich auch hauptsächlich
an Diejenigen, die ihrer sozialen Stellung nach zu allerletzt ein
Interesse, richtiger gar kein Interesse hatten, den bestehenden
Zustand zu ändern. Fourier steckte also, ohne es zu wissen, selbst
tief noch in den Ideen der bürgerlichen Philosophen, die er sonst
so sehr bekämpfte und die auch alle von der Ansicht ausgingen, es
bedürfe nur der Erkenntniß einer »Idee« des Guten, Gerechten,
Vernünftigen, um diese »Idee« zur Geltung und Herrschaft zu
bringen. Fourier verspottete die Philosophen, daß sie beständig
Ideen verherrlichten und als Grundsätze in die Gesetze eingeführt
hätten, die mit der Thatsächlichkeit der Dinge im Widerspruch
blieben. Schließlich predigte er aber selbst Ideen, die an der
Hartnäckigkeit der Thatsachen scheiterten.
Fourier's großes Verdienst besteht darin, daß, wenn er auch nicht
erkannte, _warum_ und _wodurch_ die bürgerliche Gesellschaft so
war, wie sie war, er sich über ihren Charakter nicht täuschen ließ,
daß er ihre Hohlheit und ihre Widersprüche erkannte und ihr
schonungslos die Maske vom Angesicht riß. Niemand vor ihm hat wie
er die bürgerliche Gesellschaft in ihrem heuchlerischen und
zweideutigen Charakter, der sich, wie er mit Recht hervorhebt,
allen ihren Kundgebungen und Handlungen ausprägt, erkannt und
Niemand nach ihm hat sie schärfer kritisirt. Hierin hat er
Unübertroffenes geleistet.
Ebenso hat er nach einer anderen Seite hin, und zwar durch seine
Kritik der menschlichen Triebe und Leidenschaften, eine tiefe und
großherzige Auffassung der menschlichen Natur gezeigt, die ihn als
einen Meister der Beobachtung erscheinen läßt. Seine Auffassung der
menschlichen Triebe, die im schärfsten Widerspruch mit jener der
Theologen und Moralphilosophen stand und steht, daß alle Triebe
natürlich und darum nützlich und vernünftig, zum menschlichen
Glücke nothwendig seien, und es nur der soziale Zustand der
Gesellschaft sei, der sie unterdrücke oder fälsche, und daher diese
Triebe sowohl für das Individuum, wie für die Gesellschaft
schädlich erscheinen ließe, mußte den herrschenden Klassen als arge
Ketzerei, als der Anfang zur Auflösung aller bisher für unantastbar
geltenden gesellschaftlichen Bande erscheinen. In dieser seiner
Auffassung der menschlichen Triebe ist Fourier der eigentliche
Revolutionär. Wer diesen Sensualismus theilt, wird logisch und mit
Nothwendigkeit ein soziales System bekämpfen und verwerfen müssen,
das der menschlichen Natur nur Zwang bereitet, zur Fälschung,
Verkümmerung und Unterdrückung der menschlichen Triebe führt und
dadurch das wahre Wesen der menschlichen Natur aufhebt. Man kann
sich daher wohl vorstellen, welch grimmigen Widerspruch diese Ideen
bei den Lobrednern einer Gesellschaft finden mußten, die eben erst
nach den schwersten und blutigsten Kämpfen in der großen Revolution
sich konstituirt hatte, die von dem Bewußtsein durchdrungen war,
die beste aller Welten zu sein. Kaum zum Leben und zur Geltung
gekommen, kaum sich im Glanze ihrer Jugendherrlichkeit sonnend,
tritt ihr in Fourier ein Kritiker von der größten Unerbittlichkeit,
Schärfe und Rücksichtslosigkeit gegenüber und enthüllt alle ihre
Blößen. Diese Gesellschaft, die eben erst die alte feudale
Gesellschaft gestürzt, nachdem sie dieselbe vorher durch die Waffen
der Kritik schon moralisch vernichtet hatte, erfährt, kaum zur
Macht gekommen, an ihrem eignen Leib dasselbe. Eben erst der
Babeuf'schen Verschwörung durch Anwendung brutaler Gewalt Herr
geworden, ersteht ihr in dem jungen Fourier ein neuer Gegner, der
sie mit den aus ihrem eigenen Arsenal entnommenen Waffen bekämpft.
Doch es war nur ein Einzelner, der zunächst keinen Anhang hinter
sich hatte, der auch weit entfernt war, mit denselben Mitteln, mit
denen das Bürgerthum die Gewalt an sich gerissen hatte, die
Befreiung der Unterdrückten zu erstreben. So waren die
Todtschweigepraxis oder der Spott genügende Waffen, mit dem neuen
Gegner fertig zu werden. Tausend Andere an Fourier's Stelle würden
in diesem vollständig hoffnungslos erscheinenden Kampfe, wo er, der
mittel- und namenlose Kommis, einer Welt mächtiger Gegner
gegenüberstand, den Muth haben sinken lassen. Fourier that das
nicht. Männer, die unumstößlich an die Richtigkeit und
Gerechtigkeit des von ihnen Gewollten glauben, werden Fanatiker,
die sich durch nichts erschüttern lassen. Zu ihnen gehörte Fourier.
Die bittersten Erfahrungen, die schwersten und schmerzlichsten
Angriffe, Spott und Hohn, mit denen man ihn übergoß, machten ihn
nicht irre. Mit wahrhaft eiserner Ausdauer und Energie suchte er
sein System auszubauen und zu propagiren, bis es ihm endlich nach
unsäglichen Anstrengungen gelang, wenigstens einen kleinen Kreis
ergebener Anhänger um sich zu sammeln, die, was ihnen an Zahl
abging, durch Muth, Begeisterung und Ausdauer ersetzten.
Konnte nun auch der Fourierismus seiner ganzen inneren Anlage nach
keinen Einfluß auf die Massen erlangen und keine große
Parteibewegung in's Leben rufen, und verlor er in demselben Maße an
Boden, wie die Klassengegensätze sich entwickelten und der
Klassenkampf emporloderte, so sind seine Ideen für den Fortschritt
der sozialen Bewegung nicht verloren gegangen. Fourier'sche
Gedanken werden bei einer künftigen Neugestaltung der
gesellschaftlichen Zustände, wenn auch in anderer Form als ihr
Urheber meinte, ihre Auferstehung feiern, während seine Kritik der
bürgerlichen Gesellschaft heute von Millionen getheilt wird, die
nie eine Zeile seiner Werke zu Gesicht bekamen. Darin zeigt sich
die wahre Bedeutung eines Menschen, daß Ideen, wegen deren er
verfolgt, verlästert und verhöhnt wurde, deren Triumph er nie
erlebte, nach seinem Tode weiter wirken, immer mehr Ausbreitung
erlangen und schließlich, gereinigt von den Schlacken, die ihnen
anhafteten, Gemeingut einer späteren Zeit werden. Dieses Zeugniß
muß man Fourier und seinem Wirken ausstellen; und wenn es heute
noch Sozialisten giebt, die sich durch das Fremdartige vieler
seiner Ideen abschrecken lassen und darüber das Gold, das in seinen
Werken steckt, übersehen, so beweisen sie damit nur ihre
Oberflächlichkeit und ihre Unfähigkeit zu objektivem Urtheil.
Fourier war eine genial angelegte Natur, mit dem wärmsten Herzen
für die Menschheit; sein Name wird erst zu Ehren kommen, wenn das
Andenken an Andere, die heute noch der große Haufe auf den Schild
hebt, längst verblaßt ist.
Die Schule Fourier's besitzt heute nur noch eine kleine Anzahl
versprengter, meist den besitzenden Klassen angehöriger Anhänger in
Frankreich, die mit Hartnäckigkeit dem Traum ihrer Jugend
nachhängen. Das ist Alles, was von ihr übrig blieb. Der
Fourierismus ist todt, aber der Sozialismus lebt. Die neuen
sozialen Ideen, wie sie insbesondere durch den modernen
wissenschaftlichen Sozialismus, den man nach seinen Begründern auch
den deutschen wissenschaftlichen Sozialismus nennen darf, vertreten
werden, haben in Frankreich, in dem durch die Utopisten wie Fourier
wohl vorbereiteten Boden, immer mehr Wurzel gefaßt. Die alten
Schulen und Sekten sind zersprengt oder in voller Auflösung
begriffen, und in einer kurzen Spanne Zeit wird der Strom der
sozialen Bewegung auch in Frankreich in einem einzigen breiten
Bette fließen und die Bewegung immer mehr zur Erfüllung ihrer
Mission befähigen.
Ein Denkmal der Erinnerung setzte dem vielverkannten Fourier der
Dichter Berangér, der den Todten unter dem Schimpfwort, das ihn im
Leben verfolgte, der »Narr«, besingt, nur daß er das Gedicht allen
»Narren« widmet, die gleich Fourier darnach strebten, der
Menschheit neue Bahnen zu eröffnen.
Das Gedicht, das wir hier in der Ursprache und dann in der
Uebersetzung eines poetisch veranlagten Freundes folgen lassen,
lautet: