»Die landwirthschaftliche Assoziation wird also das Schicksal des

Menschengeschlechts ändern, weil sie den Allen gemeinsamen Trieben

Rechnung trägt. Wilde und Barbaren werden sich ihr anschließen, da

die Triebe überall die gleichen sind. Dieser neuen Organisation

gebe ich drei Namen: »progressive Serien« (Reihen) oder Serien »von

Gruppen«, »Serien der Triebe«. Ich verstehe unter der Bezeichnung

Serie einen Zusammenhang mehrerer assoziirter Gruppen, welche sich

den verschiedenen Zweigen ein und derselben Industrie -- das Wort

»Industrie« bedeutet bei Fourier jede nützliche, menschliche

Bethätigung -- »oder ein und desselben Triebes sich widmen.«

»Die Theorie von den Serien der Triebe ist nicht willkürlich

eingebildet, wie unsere sozialen Theorien. Die Ordnung der Serien

ist in allen Stücken analog den geometrischen Serien aller unserer

Eigenschaften, wie das Gleichgewicht der Rivalitäten zwischen den

extremen und den mittleren Gruppen vorhanden ist. Die Triebe

harmonisiren sich, je mehr sie sich in den Serien der Gruppen

regelmäßig entwickeln; außerhalb dieses Mechanismus sind sie

entfesselte Tiger, unbegreifliche Räthsel, darum verlangen die

Philosophen, daß man die Triebe (das Wort Triebe ist auch stets im

Sinne von Leidenschaften, »passions«, zu verstehen. Anmerk. des

Verf.) unterdrücken müsse. Das ist eine doppelte Absurdität. Man

kann die Triebe nicht anders als durch Gewalt unterdrücken, oder

dadurch, daß sie sich gegenseitig aufzehren. Unterdrückt man sie

aber, so muß der zivilisirte Zustand rasch in Verfall gerathen und

in das Nomadenthum zurückfallen. Ich glaube weder an die Tugend der

Hirten, noch an diejenige ihrer Apologeten.«[6]

[Fußnote 6: Ein Hieb gegen Jean Jacques Rousseau und seine

Verehrer, die den »Naturzustand« als den glücklichsten,

tugendhaftesten Zustand priesen und im Hirtenleben eine Art Ideal

sahen. Jahrzehnte vorher schon spielte die feudale Gesellschaft in

ganz Europa, der französischen Hofgesellschaft nachäffend, ihre

idyllischen Schäferspiele, wobei aber regelmäßig die Wolfsnaturen

zum Vorschein kamen. Der Verfasser.]

Die sozietäre Ordnung wird der Zivilisation folgen, aber sie läßt

weder Mäßigung noch Gleichheit, noch andere Gesichtspunkte der

Philosophen zu; je glühender und geläuterter die Triebe, je

lebhafter und zahlreicher sie sind, um so leichter wird die

Assoziation sich bilden. Man soll nicht die Natur der Triebe, die

Gott dem Menschen gegeben hat, ändern, man soll ihnen nur die

rechte Richtung geben. Meine Theorie beschränkt sich auf die

nützliche Anwendung der Triebe, wie die Natur sie giebt und ohne

sie zu ändern. Darin besteht das ganze Geheimniß von der Berechnung

über die Attraktionen der Triebe. Man streitet nicht, ob Gott Recht

oder Unrecht hatte, daß er dem Menschen so oder so die Triebe

schenkte, die sozietäre Ordnung wendet sie an, wie Gott sie gab,

ohne etwas daran zu ändern.«

»Wenn also in der sozietären Ordnung die Geschmäcker sich ändern,

so z.B., daß die Menschen das Landleben der Stadt vorziehen, so

ändert sich _nur_ der Geschmack, nicht die Triebe. Die Liebe zum

Reichthum und für die Vergnügungen bleibt immer. Die Zivilisirten

werden über den neuen Sozialzustand ganz anders urtheilen, sobald

sie sehen, daß z.B. die Kinder, die heute nur schreien und sich

zanken, Alles zerbrechen und sich zu beschäftigen weigern, in der

Serie von Gruppen sich nur mit nützlichen Arbeiten aller Art

beschäftigen, unter sich in Wetteifer gerathen, ohne daß man sie

dazu anreizt; daß sie sich gegenseitig aus freiem Willen über die

Kulturen, die industriellen Beschäftigungen, die Künste und

Wissenschaften belehren, also daß sie erzeugen und Vortheile

schaffen, indem sie sich zu ergötzen glauben. Wenn ferner die

Zivilisirten sehen, daß man in einer Phalanx für ein Drittheil der

Kosten ein viel besseres Mahl erhält, als in der Privatwirthschaft;

daß man in der Serie dreimal angenehmer, reichlicher bedient ist;

daß man dreimal besser sich nährt und dreimal weniger ausgiebt, als

in der alten Ordnung und dabei all' die Unannehmlichkeiten und

Verlegenheiten für die Vorbereitungen und Anschaffungen erspart;

wenn ferner bewiesen wird, daß die Beziehungen in der Serie

keinerlei Täuschungen zulassen; daß bei dem Volk, heute so

ungeschliffen und falsch, die Wahrheit und Gesittung einkehren

wird; wenn das Alles die Zivilisirten sehen, so werden sie einen

Abscheu vor ihrem jetzigen Zustand bekommen, sie werden sich

beeilen, in die Assoziation einzutreten und ihr Gebäude zu

errichten.«

Fourier geht nun dazu über, darzulegen, wie er zu der neuen

Wissenschaft gekommen sei. »Das Erste, was ich entdeckte, war die

Anziehung der Triebe. Ich erkannte, daß die fortschreitenden Serien

den Trieben der beiden Geschlechter, den verschiedenen Lebensaltern

und Klassen die volle Entwicklung sichern, daß in der neuen Ordnung

man um so mehr Kraft und Vermögen erlangen werde, je mehr Triebe

man habe und schloß, daß, _wenn Gott so viel Einfluß_ der

_Anziehung der Triebe gegeben_ und _so wenig Einfluß der Vernunft,

ihrem Feinde_, dieses geschehen sei, um uns zur Organisation der

fortschreitenden Serien zu führen, welche in jedem Sinne die

Anziehung befriedigen ... Die Sophisten glauben das Problem, das

daraus entsteht, daß unsere Triebe scheinbar mit unserer Vernunft

im Widerspruch stehen, dadurch zu erklären, daß sie sagen: Gott gab

die Vernunft, damit wir den Trieben widerstehen. Es ist aber

sicher, daß er sie dazu _nicht_ gab. Will man die Vernunft der

Anziehung der Triebe gegenüberstellen, so ist dies selbst von

Seiten der Verherrlicher der Vernunft ein ohnmächtiges Beginnen;

die Vernunft hat _nie_ Bedeutung, sobald es sich darum handelt,

unsere Neigungen zu unterdrücken. Die Kinder werden nur durch

Furcht, junge Leuten nur durch Mangel an Geld zurückgehalten, ihren

Neigungen zu fröhnen. Das Volk wird durch die Zurüstungen für

Strafen, das Alter durch verschlagene Berechnungen, welche die

wilden Leidenschaften des Jugendalters aufsaugen, zurückgehalten,

aber Niemand durch die Vernunft, die ohne Zwangsmittel nichts gegen

die Leidenschaften vermag.«

»Die Vernunft ist also ohne irgend welchen Einfluß, und je mehr man

den Menschen beobachtet, um so mehr gewahrt man, daß Alles in ihm

auf Attraktion beruht. Der Mensch hört nur insofern auf seine

Vernunft, als sie ihn lehrt, die Genüsse zu raffiniren und damit

die Attraktion um so mehr zu befriedigen.« Gott hat also die

Vernunft dem Menschen nur gegeben, damit sie ihm hilft, seine

Triebe zu vernützlichen, ihnen erst den rechten Aufschwung zu

verleihen.

»Die Theorie der Anziehung und des Rückstoßes der Triebe ist fixirt

und voll anwendbar auf die Theoreme der Geometrie und muß großer

Entwicklungen fähig sein. Ich erkannte bald, daß die Gesetze der

Attraktion der Triebe in jedem Punkt den durch Newton und Leibnitz

angewandten Gesetzen der materiellen Anziehung konform seien und

_daß es eine Einheit des Systems der Bewegung für die materielle

und geistige Welt gebe_. Ich kam dann durch Untersuchungen zu der

Ueberzeugung, daß die Analogie der allgemeinen Gesetze sich auf die

besonderen Gesetze ausdehne, daß die Attraktion und die

Eigenschaften der Thiere, Pflanzen, Mineralien koordinirt seien

nach demselben Plan, wie diejenigen der Menschen und Gestirne. So

kam ich zu der neuen Wissenschaft: _der Analogie der vier

Bewegungen_, der materiellen, organischen, thierischen und

sozialen, oder zur Analogie der Modifikation der Materie mit der

mathematischen Theorie der Triebe des Menschen und der Thiere.«[7]

[Fußnote 7: Später änderte Fourier die Bezeichnung der Bewegungen

und erhöhte sie, wie schon erwähnt wurde, auf fünf: 1. Die

materielle, welcher die Erde, 2. die organische, welcher das

Wasser, 3. die normale, welcher die Arome (Elektrizität,

Magnetismus), 4. die instinktuellen, welcher die Luft, 5. die

soziale oder passionelle, welcher das Feuer entspricht. Die

eigentliche praktische Bedeutung dieser fünf Bewegungen oder

Antriebe wurde bereits weiter oben auseinandergesetzt.]

Das ist also das Gesetz, aus welchem Fourier sowohl die

Veränderungen in den sozialen Beziehungen der Menschen und der

Thiere, als auch die materiellen Veränderungen in der Natur des

Erdballs und der übrigen Gestirne ableitete. So kam er zu seiner

Kosmogonie. Man sieht, sein Lehrgebäude ist logisch, wenn es auch

auf falschem Grunde gebaut wurde. Jetzt, wo er die Theorie der

Anziehungen und die Einheit der vier Bewegungen entdeckt zu haben

glaubte, war ihm Alles klar; er begann »im Zauberbuch der Natur zu

lesen«. Er gelangte nunmehr auch, wie er ausführt, zur Berechnung

der Bestimmungen, d.h. er kannte nunmehr das fundamentale System,

durch das alle vergangenen, gegenwärtigen und zukünftigen Gesetze

geregelt werden. Jetzt sah er alle Fehler und Schnitzer, die der

bisherige Entwicklungsgang der Menschheit gemacht, und nun kannte

er auch die Heilmittel, die alle sozialen und physischen Uebel

beseitigten. Unter anderm auch die Pest, die Gicht, die Cholera,

das gelbe Fieber etc. Nun sind auch die Philosophen, die Plato, die

Seneka, die Rousseau, die Voltaire, diese Hauptvertreter der

zweifelhaften Wissenschaften, in ihrer ganzen Unzulänglichkeit

blosgestellt. Hat Voltaire nicht selbst in einem Augenblick der

Selbsterkenntniß ausgerufen: »O! welch' dicke Finsterniß

verschleiert noch die Natur!« Die Bibliotheken der Philosophen

sollen die erhabensten Wissenschaften bergen, und sie sind nur ein

demüthigender Aufbewahrungsort für Widersprüche und Irrthümer. Die

neue sozietäre Ordnung wird also um so glänzender sein, je länger

sie bisher verzögert wurde, denn eigentlich hätten sie schon die

Griechen im Zeitalter des Solon (639-559 vor unserer Zeitrechnung)

begründen können, da ihr »Luxus« -- Fourier versteht hierunter die

gesammte materielle Entwicklung eines Zeitalters -- schon genügend

weit dazu vorgeschritten war; heute sei unser »Luxus« mindestens

doppelt so groß, als zur Zeit der Athener. Man trete jetzt mit um

so mehr Glanz in die neue Ordnung, als nunmehr erst die Früchte von

den Fortschritten in den physikalischen Wissenschaften, die das

achtzehnte Jahrhundert gebracht habe, und die bis in diese Tage

sehr unfruchtbar geblieben seien, gepflückt werden würden.

Freilich, jetzt weise man noch seine Entdeckung zurück, aber sei es

nicht immer so gewesen? Ist nicht Columbus mit seiner Behauptung,

daß es jenseits des Ozeans noch einen Erdtheil geben müsse,

verlacht, verspottet, mit seiner Lehre selbst vom Papste verflucht

worden, obgleich dieser am meisten dabei interessirt war, weil er

neue Gläubige unter seine Herrschaft bekam? Man sei im neunzehnten

Jahrhundert noch ebenso feindlich jeder neuen großen Entdeckung als

im fünfzehnten. Die Philosophen behaupteten, weil sie selbst nicht

den Schleier zu lüpfen vermochten, die Natur sei ein mit einem

ehernen Schleier bedecktes Schreckbild, ein undurchdringliches

Heiligthum; warum habe denn Newton wenigstens eine Ecke dieses

Schleiers zu lüpfen vermocht? Man sage auch, Gott sei nicht zu

erkennen. Der gesunde Sinn sage das Gegentheil, weil nichts

leichter sei. Das Alterthum habe den Schöpfer travestirt, indem es

ihn unter einer Horde von 35.000 Göttern vermengte und verdeckte;

da sei es schwierig gewesen, seine Meinung zu studiren, ihn aus

dieser himmlischen Maskerade zu entwirren. Sokrates und Cicero

trennten sich von den Sottisen ihrer Zeit, sie bewunderten den

»unbekannten Gott«; Sokrates wurde ein Opfer seiner Ueberzeugung.

Heute sei dieser frühere Aberglaube überwunden, das Christenthum

führte uns zu gesunden Ideen zurück, es brachte den Glauben an

einen Gott. »Wir haben jetzt einen Kompaß, der uns den Weg zum

Studium der Natur zeigt.«

Es sei nun wichtig, eine kleine Zahl von Charaktereigenschaften

Gottes zu kennen, deren Studium uns zu weiteren Schlüssen führe.

»Dahin gehören: 1. die vollständige Leitung der Bewegung; 2. die

Oekonomie der Spannkräfte; 3. die vertheilende Gerechtigkeit; 4.

die Universalität der Vorsehung; 5. die Einheit des Systems.«

Man sieht, Fourier macht sich allerdings die Arbeit leichter als

die Philosophen; die Existenz Gottes ist für ihn unbestritten, er

setzt das Descartes'sche: »Ich denke, also bin ich«, einfach um in

den Satz: »Die Welt ist da, also besteht Gott.« Und ist einmal

dieser Gott als Weltschöpfer anerkannt, so muß er natürlich auch

die ihm zugeschriebenen Eigenschaften haben, denn ohne diese

Eigenschaften wäre er nicht Gott. Er fährt nun weiter fort:

»Wenn Gott der Leiter der Bewegung ist, der einzige Herr des

Weltalls und sein Schöpfer, so hat er auch alle Theile des Weltalls

zu lenken, also auch die edelsten, die sozialen Beziehungen:

folglich ist die Regelung der menschlichen Gesellschaften das Werk

Gottes und nicht das der Menschen; und um nun unsere Gesellschaft

dem Glück zuzuführen, müssen wir das soziale Gesetz studiren, das

er für sie gebildet hat.« Mit andern Worten heißt das: Gott ist

zwar der oberste Leiter der Geschicke und hat die Grundgesetze der

Bewegung für die menschliche Gesellschaft zurechtgerichtet, aber da

er sich bei seinen vielen Geschäften um die Details und ihre

Ausführung nicht kümmern kann, muß der Mensch sie entdecken und

ausführen. Die Logik hinkt zwar etwas, aber Gott wird auf diese

Weise vollständig deplazirt und es sind schließlich die Menschen,

die Alles allein besorgen; er hat die Allmacht Gottes und den

freien Willen des Menschen innerhalb der ihm von Gott überlassenen

Grenzen gerettet. Fourier kommt schließlich auf dasselbe hinaus,

was er den Philosophen vorwirft, sie hätten die menschliche

Vernunft auf den ersten Rang und Gott auf den zweiten gesetzt.

Genau so schließt er über den zweiten Punkt. Ist Gott der höchste

Verwalter der vorhandenen Spannkräfte, so kann er doch nur mit den

größten gesellschaftlichen Vereinigungen sich beschäftigen, die

kleinsten, die Frage, wie die Familie, die Ehe zu organisiren sei,

ist Sache des Menschen. Das sind also wiederum sehr willkürliche,

ketzerische und im Grunde materialistische Gedanken.

Zum dritten Punkt bemerkt er: »Im Schatten der vorhandenen sozialen

Gesetzgebung sieht man nicht, _daß das Elend der Völker mit dem

sozialen Fortschritt wächst_. Wir sehen die gefährliche Wirkung in

dem Einfluß des Handelsgutes, der dahin führt, die heiße Zone mit

schwarzen Sklaven zu bedecken, die man ihrem Heimathlande entreißt,

und die gemäßigte Zone mit weißen Sklaven, die man in die

industriellen Bagnos treibt, wie dies heute in England sich

offenbart und in allen Ländern Nachahmung finden wird. Kann man

irgend welche Gerechtigkeit in einem Zustand der Dinge erblicken,

_wo der Fortschritt der Industrie selbst nicht einmal den Armen die

Arbeit garantirt_?«

Die Universalität der Vorsehung muß viertens sich nach ihm auf alle

Völker, wilde wie zivilisirte, erstrecken. Das ganze zivilisirte

System, das die Wilden anzunehmen als wirklich Freie sich weigern,

widerspricht den Wünschen Gottes. Den Zustand, den wir ihnen

bieten, die agrikole Zerstückelung und die Einzelwirthschaft,

befriedige nicht Menschen, die der Natur am nächsten stehen. Unsere

ganze Ordnung beruhe auf der Gewalt und daher müsse ein anderer

Zustand begründet werden, der alle Kasten, alle Völker befriedige,

wenn die Vorsehung universell sein solle. Die Einheit des Systems

endlich implizire fünftens die Anwendung der Attraktion der

Spannkräfte der sozialen Harmonien des Weltalls, die sich von den

Gestirnen bis zu den Insekten erstreckten. Man müsse also im

Studium der Attraktion das soziale Gesetz zu entdecken suchen ...

»Unsere Einrichtungen sind unsern eigenen Völkern so verhaßt, daß

sie in allen Ländern sich erheben und sich davon zu befreien suchen

würden, wenn nicht die Furcht vor der Gewalt sie zurückschreckte.

Wir sind nicht im Stande, das Menschengeschlecht zu vereinigen,

weil die Barbaren für unsere Einrichtungen nur eine tiefe

Verachtung besitzen und unsere Gewohnheiten nur die Ironie

derselben erregen. Es ist die stärkste Verwünschung, die sie einem

Feind entgegenschleudern: »Mögest du gezwungen sein, ein Feld zu

bebauen.« Ja, die zivilisirte Industrie wird von der Natur wie von

allen freien Völkern verabscheut, die sich in dem Augenblick zu ihr

drängen werden, wo sie mit den Trieben der Menschen sich in

Uebereinstimmung setzt.«

Fourier meint also, daß keine soziale Organisation die rechte sein

könne, die nicht von allen Menschen, ohne Rücksicht auf ihre

Kulturstufe, freudig begrüßt würde, so groß müßten ihre Vortheile

und ihre Annehmlichkeiten sein. »Es gilt also eine soziale Ordnung

zu finden, welche dem geringsten Arbeiter ein genügendes Wohlsein

sichert. Die Arbeiter müssen den neuen Zustand dem Zustand der

Trägheit und der Straßenräuberei (»brigandage«), nach dem sie heute

Sehnsucht empfinden, vorziehen. So lange dieses Problem nicht

gelöst ist, werden die Reiche _beständigen Stürmen ausgesetzt sein,

werden sie von einer Revolution in die andere stürzen_; die

wissenschaftlichen Wunderkuren laufen immer nur auf die Dürftigkeit

der Masse und folglich auf den Umsturz hinaus; die Helden, die

Gesetzgeber stützen sich nur auf den Säbel; aber alle Voraussicht

eines Friedrich kann nicht verhindern, daß schwache Nachfolger den

Degen auf seinem Sarge rauben lassen.[8] Die zivilisirte Ordnung

ist mehr und mehr im Wanken, der _vulkanische Ausbruch von 1793 ist

nur ihre erste Eruption, andere werden folgen_; ein schwaches

Regiment wird sie begünstigen. Der Krieg der Armen gegen die

Reichen hat so glücklich begonnen, daß Ränkeschmiede in allen

Ländern darnach streben, ihn zu erneuern. Vergebens sucht man das

zu verhüten; die Natur der Gesellschaft spielt mit unserer

Aufklärung, unserer Vorsicht, sie wird immer neue Revolutionen in

dem Maße gebären, wie wir die Ruhe gesichert zu haben glauben. Und

wenn die Zivilisation sich noch um ein halbes Jahrhundert

verlängert, wie viel Kinder werden, veranlaßt durch ihre Väter, vor

den Thüren der Reichen betteln? (In Folge von Klassenelend.) Ich

würde nicht wagen, diese schreckliche Perspektive darzustellen,

wenn ich nicht die Berechnungen brächte, welche die Politik in dem

Labyrinth der Triebe zurecht weisen und die Zivilisation von ihrem

Alp erlösen werden, diese Zivilisation, die immer revolutionärer

und verhängnißvoller wird.«

[Fußnote 8: Anspielung auf die Wegnahme des Degens Friedrich's des

Großen von seinem Sarge in der Militärkirche zu Potsdam durch

Napoleon I. 1806.]

Diese Voraussagungen machen Fourier's Scharfsinn und Einsicht alle

Ehre, sie sind überraschend. Man halte fest, daß Fourier diese

Warnungen und Mahnrufe im Jahre 1808 veröffentlichte, wo außer ihm

nur sehr Wenige an eine soziale Frage überhaupt dachten, und man

wird den Weitblick und die Richtigkeit seiner Voraussagungen

bewundern müssen. Er führt nun weiter aus, wie viele Reiche bereits

an innerer Zerrüttung zu Grunde gingen, weil sie die sozialen Uebel

nicht zu lösen vermochten. »Welche Monumente diese Reiche immer

überlebten, sie stehen da, eine Schande ihrer Politik. Rom und

Byzanz (Konstantinopel), ehemals die Hauptstädte der größten

Reiche, sind heute zwei lächerlich gewordene Metropolen. Auf dem

Kapitol sind die Tempel Zäsar's durch obskure Götter aus Judäa

verdrängt, am Bosporus werden die christlichen Basiliken durch die

Götter der Unwissenheit beschmutzt. Hier wird Jesus auf das

Piedestal von Jupiter erhoben, dort setzt sich Mahomed auf den

Altar von Jesu. Rom und Byzanz, die Natur bewahrte euch vor der

Verachtung der Nationen, die ihr gefesselt hattet; ihr wurdet zwei

Arenas politischer Maskeraden, zwei Pandorabüchsen, die im Orient

den Vandalismus und die Pest, im Occident den Aberglauben und seine

Raserei verbreiteten; ihr seid zwei konservirte Mumien, um den

Triumphwagen zu schmücken und den modernen Hauptstädten einen

Vorgeschmack von dem Schicksal zu geben, das den Denkmälern und den

Arbeiten der Zivilisation bereitet wird. Zivilisirte! studirt die

sozialen Uebel des Menschengeschlechts und schafft Wandel!« --

»Drei Gesellschaftsbildungen theilen sich in die Erde: Die

Zivilisation, die Barbarei und die Wildheit. Die eine ist

nothwendig besser als die beiden andern, und die beiden

unvollkommneren, die sich nicht zur besseren erheben, sind von

jener Krankheit der Entkräftung erfaßt, von der nach Montesquieu

das Menschengeschlecht betroffen ist. Die dritte, die beste, welche

die andern nicht zu sich zu erheben vermag, ist offenbar

unzureichend für das Wohl des Menschengeschlechts; sie hat den

größeren Theil desselben in einem tieferen Zustand ermatten lassen.

Die beiden ersten Gesellschaftsbildungen sind von der Lähmung

betroffen, die dritte, die Zivilisation, von der politischen

Ohnmacht; sie müssen also alle drei aus einem krankhaften Zustand

heraus, der den ganzen Erdball in seinem sozialen Mechanismus

beunruhigt. Völker! eure sehnlichsten Wünsche verwirklichen sich,

die glänzendste Mission ist dem größten der Helden aufbewahrt. Der

soziale Kompaß ist entdeckt, der euch auf den Ruinen der Barbarei

und der Zivilisation zur universellen Harmonie führen wird.«

»Die modernen Sophisten haben, namentlich in Frankreich, immer

behauptet, die Einheit des Systems der Natur zu erklären, sie haben

aber nie ernste Studien über diesen Gegenstand gemacht und man hat

nie das Geringste über die allgemeine Einheit erfahren. Sie bildet

sich aus folgenden drei Zweigen: Einheit des Menschen mit sich, mit

Gott und mit dem Weltall. Der innere Widerspruch des Menschen mit

sich selbst (Fourier meint hier den Widerspruch im Menschen, seine

Triebe befriedigen zu wollen, aber nicht befriedigen zu können,

oder nicht befriedigen zu dürfen. Der Verf.) hat die Wissenschaft

der Moral geboren, welche die Doppelseitigkeit (»duplicité«) der

Handlung als wesentlichen Zustand und unwandelbare Bestimmung des

Menschen betrachtet. Sie lehrt: man müsse seinen Trieben

widerstehen, im Krieg mit ihnen leben, also im Krieg mit sich

selbst sein; ein Prinzip, wodurch der Mensch auch in den

Kriegszustand mit Gott geräth, denn die Triebe und Instinkte kommen

von Gott, der sie dem Menschen und allen Kreaturen zum Führer gab.«

»Man antwortet zwar: Gott habe uns die Vernunft zum Führer und

Mäßiger der Triebe gegeben, woraus also resultirte: 1. daß Gott uns

zwei unversöhnlichen und sich antipathischen Führern, den Trieben

und der Vernunft, überliefert hat; 2. daß Gott gegen neunundneunzig

Prozent der Menschen sehr ungerecht handelte, weil er ihrer

Vernunft nicht die Stärke gewährte, ihre Triebe bekämpfen zu

können; 3. daß Gott, indem er uns zum Gegengewicht die Vernunft

gab, mit einem untauglichen Mechanismus handelte, denn es ist

unzweifelhaft, daß diese Schwerkraft selbst bei dem hundertsten

Menschen, der allein nur damit versehen ist, ohnmächtig ist, _wie

ja die Distributeure der Vernunft, z.B. ein Voltaire, am meisten

von ihren Trieben unterjocht wurden_.«

»Alle drei Hypothesen sind nichtig. Die Darlegung der Attraktion

der Triebe wird beweisen, daß im sozietären Zustand Vernunft und

Triebe sich ausgleichen und aussöhnen und daß sie nur im heutigen

sozialen Zustand sich im Diskord befinden. Man sagt: der Mensch sei

für die Gesellschaft geboren, man vergißt aber, daß es nur zwei

Gesellschaftsordnungen giebt, die der Privatwirthschaft und der

Gemeinwirthschaft; der isolirte Zustand und der sozietäre Zustand.

Der gegenwärtige Zustand setzt die isolirte Familie voraus, der

sozietäre die Arbeit und die Lebensweise in zahlreichen

Vereinigungen, welche nach einer bestimmten Regel für Jeden sich

theilen und ausgleichen, nach den drei Eigenschaften: Arbeit,

Kapital und Talent. Gott, als höchster ökonomischer Leiter, muß

nothwendig die Assoziation als den besseren Zustand wollen.«

»Es giebt nunmehr viererlei Wissenschaften zu beachten: über die

Assoziation, den aromalen Mechanismus, die Attraktion der Triebe

und die universelle Analogie.«

Die vier Hauptbewegungen und die fünfte, die soziale als pivotale

oder Angelpunkt, sind bereits hervorgehoben worden. Gehen wir also

über zum »Studium der Assoziation«.

»Das Band ist die Basis jeder Oekonomie; wir finden die Keime in

dem ganzen sozialen Mechanismus zerstreut, von der mächtigen

Ostindischen Kompagnie bis zu den armen Gesellschaften der für eine

bestimmte Industrie vereinigten Dorfbewohner. So sieht man die

Bergbewohner des Jura sich zur Käsefabrikation vereinigen; 20-30

Haushaltungen bringen täglich ihre Milch zum Fabrikanten und am

Ende der Saison erhält jede ihren Theil an Käse, entsprechend der

Quantität Milch, die sie lieferte. Wir haben überall im Kleinen wie

im Großen diese Keime für das Wohlsein bei der Hand, es sind rohe

Diamanten, welche die Wissenschaft schleifen muß. Das Problem ist,

diese Fetzen einer Assoziation, die in allen Zweigen der

menschlichen Arbeit zerstreut sind, zu einem Mechanismus, einer

allgemeinen Einheit zu verbinden, wo sie bisher nur mit Hülfe des

Instinktes entstanden. Bisher hat die Wissenschaft diese Studie

vermieden, die allein wahrhaft dringlich war. Ein Jahrhundert, das

sich so vieler Vernachlässigungen in wissenschaftlicher Ordnung und

Erforschung schuldig machte, mußte des Ueberblicks über das Ganze

ermangeln; es hat weder die Eintheilung des ganzen Systems der

Bewegung, noch die drei Einheiten wahrgenommen, woraus es hätte

schließen müssen, daß die soziale und die materielle Welt im

Widerspruch miteinander, also im Widerspruch mit der Einheit

organisirt sind.«[9]

[Fußnote 9: Wir brauchen hier nicht auf die Einseitigkeit des

Urtheils Fourier's über das achtzehnte Jahrhundert hinzuweisen; das

achtzehnte Jahrhundert hat mehr geleistet, als vor ihm viele

Jahrhunderte zusammengenommen.]

»_Was die soziale Bewegung betrifft, so sieht man jede interessirte

Klasse der anderen das Böse wünschen, überall setzt sich das

persönliche Interesse in Gegensatz zu dem Allgemeininteresse_. Der

Arzt wünscht, daß seine Mitbürger recht viel Krankheiten bekommen,

denn er würde zu Grunde gerichtet sein, wenn alle Welt ohne

Krankheit stürbe; dasselbe geschähe den Advokaten, wenn jeder

Streit schiedsrichterlich auszugleichen wäre. Der Geistliche ist

interessirt, daß es viel Todte giebt und zwar viele reiche Todte,

Beerdigungen à 1000 Franks. Der Richter ersehnt jährlich wenigstens

45.000 Verbrechen, damit die Gerichtshöfe stets beschäftigt, also

nothwendig sind. Der Wucherer wünscht Hungersnoth; der Weinhändler

Hagel; Architekten und Baumeister ersehnen Feuersbrünste. So

handeln in diesem lächerlichen Mechanismus der Zivilisation die

Theile gegen das Ganze und jeder Einzelne gegen Alle. Die ganze

Ungeheuerlichkeit eines solchen Zustandes wird man erst begreifen,

wenn man die sozietäre Organisation kennen lernt, wo die Interessen

eine ganz entgegengesetzte Richtung nehmen; wo Jeder das

Gesammtwohl wünscht, weil dieses seinem persönlichen Wohl am

meisten entspricht. So zeigt sich überall statt der Einheitlichkeit

der Handlung, welche die moralischen und politischen Wissenschaften

rühmen, die allgemeine Doppelseitigkeit. Wenn je die Zivilisation

über sich erröthen und das Bedürfniß nach einem anderen Zustande

empfinden muß, so heute, wo alle ihre Illusionen zerstört sind; wo

ihre Freiheit _als der Weg zur Anarchie_ erkannt ist, ihre

Zerwürfnisse zum Despotismus führen und ihre Handelsmaximen den

Wucher, den Betrug, den Bankerott begünstigen, _die Nationen

schließlich unter das Joch des Monopols beugen_ und zur Dürftigkeit

und Verarmung der Masse führen. So lösen sich alle Chimären von der

Vollkommenheit dieser Gesellschaft auf, wodurch man uns in ihren

Schafstall führte.«

»Will die Wissenschaft zum Ziele kommen, so muß sie folgende

Grundsätze zur Richtschnur ihrer Bethätigung nehmen:

»Sie muß 1. das ganze Gebiet des Wissens erforschen und muß

festhalten, daß nichts gethan ist, so lange noch etwas zu thun

übrig bleibt; 2. die Erfahrung zu Rathe ziehen und sie zum Führer

nehmen; 3. vom Bekannten zum Unbekannten vermittelst der Analogie

vorschreiten; 4. von der Analyse zur Synthese übergehen; 5. nicht

glauben, daß die Natur auf die uns bekannten Mittel beschränkt ist;

6. die Spannkräfte im ganzen sozialen und materiellen Mechanismus

vereinfachen; 7. sich nur an die durch das Experiment festgestellte

Wahrheit halten; 8. sich an die Natur schließen; 9. beachten, daß

aus Irrthümern entstandene Vorurtheile keine Prinzipien sind; 10.

die Thatsachen beobachten, die wir kennen lernen wollen und sich

solche nicht vorstellen; 11. vermeiden, daß zum Schließen Worte

mißbraucht werden, die man nicht versteht; 12. vergessen, was wir

gelernt haben! Man muß die Ideen wieder an ihrer Quelle aufnehmen

und die menschliche Einsicht wieder herstellen. Alsdann wird man zu

der Einsicht kommen, daß Alles im System der Natur verbunden ist,

und daß es zwischen ihren Theilen eine Einheit giebt. Der Mensch,

als einer ihrer edelsten Theile, muß in Uebereinstimmung sein mit

den Harmonien des Weltalls, also mit der mathematischen oder

rationellen Harmonie, der planetären oder sozialen, der

musikalischen oder sprechenden. (Einheit der Sprache, Weltsprache.)

Ist der Mensch also bestimmt, sich den Harmonien zu assimiliren, so

muß er das Band suchen, das ihn mit Allem vereinigt, dieses Band

ist die Synthese von der Attraktion der Triebe.«

Fourier fährt dann fort: Er wolle an der Hand von Prinzipien,

welche nicht er, sondern die Philosophen feststellten, die

Erforschung der sozialen Bewegung vornehmen. Man werde sehen, wie

die Sophisten, trotz solcher vortrefflichen Führer, wie ihre

Prinzipien, auf alle Klippen geworfen wurden und der Menschheit nur

sieben Geißeln brachten: Dürftigkeit, Betrug, Unterdrückung,

Menschenschlächterei, klimatische Exzesse (Folge von

Waldverwüstungen etc.), Krankheiten erzeugende Gifte, dogmatische

Finsterniß. Es sei in der Natur begründet, daß jede soziale Periode

ihre Aufmerksamkeit auf Fragen richte, die sie zu einer höheren

Stufe der Entwicklung führten; so beschäftige man sich unter den

Zivilisirten mit zwei Wegen, dem Handelssystem und der Freiheit.

Das seien die beiden Paradepferde der Philosophen, die sie mit

Vorliebe ritten. Man wolle die freie Zirkulation im Handel und

komme zum Seehandelsmonopol; man wolle die Meinungsfreiheit und

komme zur Herrschaft der Denunzianten und des Schaffots.[10]

[Fußnote 10: Anspielung auf die Zustände in der französischen

Revolution während der Herrschaft des rothen und des weißen

Schreckens.]

Nach der Gesundheit und dem Reichthum sei nichts werthvoller, als

die Freiheit, diese müsse man in körperliche und soziale Freiheit

scheiden. Der Gewohnheit entsprechend, Alles nur einseitig

anzusehen, habe man nicht erkannt, daß die Freiheit zwei- und

mehrseitig sein könne. Tausend Jahre vergingen, ehe man nur an die

körperliche Freiheit (die Beseitigung der Sklaverei) dachte. Plato

und Aristoteles hielten die Sklaverei für nothwendig. Letzterer

erklärte sogar, »der Sklave sei der Tugend nicht fähig«. Unter dem

Christenthum wurde die körperliche Freiheit allmälig durchgesetzt,

aber noch existirte die Sklaverei vielfach.

»Aber was ist diese körperliche Freiheit werth ohne die soziale?

Der Bettler hat ein Einkommen, das kaum zum Leben genügt, trotzdem

genießt er größere Freiheit als der Arbeiter, der, um leben zu

können, an die Arbeit gefesselt ist. Doch seine Triebe bleiben

unbefriedigt. Er will in's Theater gehen, aber er hat kaum genug,

um sich zu nähren, er möchte Volksvertreter werden, aber dazu

gehört ein großes Vermögen.[11] Mit dem stolzen Titel, ein freier

Mensch zu sein, hat er nur den Dunst statt der Wirklichkeit der

sozialen Freiheit; er ist nur ein passives Mitglied der

Gesellschaft. Streng genommen hat der Arbeiter nur einen Tag in der

Woche, den Sonntag, wo er körperlich frei ist, alle anderen Tage

ist er gebunden. So sehen wir die Freiheit nur sehr einfach, rein

körperlich. Doppelt ist die Freiheit, wo sie körperlich und sozial

aktiv ist; sie genießt der Wilde. Der Wilde berathschlagt über

Krieg und Frieden, wie bei uns ein Minister; er hat, soweit dies

überhaupt in seiner Horde möglich ist, den freien Aufschwung der

Triebe seiner Seele, er genießt eine Sorglosigkeit, die der

Zivilisirte nicht kennt. Er muß zwar jagen und fischen, um sich zu

ernähren, aber das sind anziehende Beschäftigungen, die ihm die

körperliche aktive Freiheit nicht nehmen. Eine Arbeit, die Freude

macht, wird nicht als drückende Verpflichtung empfunden. So geht's

auch dem Kaufmann; wenn er Stoffe ausbreitet, flott Lügen verzapft

und dabei seine Waaren verkauft, so ist ihm das ein Vergnügen; er

würde sehr mürrisch und grämlich sein, wenn kein Käufer käme und er

weder lügen noch verkaufen könnte.«

[Fußnote 11: In der ersten Hälfte des Jahrhunderts und zwar bis

1848 herrschte in Frankreich ein sehr hohes Zensussystem, das nur

die Wahl der Reichsten ermöglichte.]

»Die Freiheit des Wilden ist also zweifach, aber diese zweifache

Freiheit weicht noch ab von der Bestimmung, die produktive Arbeit

verlangt; es ist also die anziehende, produktive Arbeit nöthig.

Diese unterstellt eine Einheitlichkeit der Verbindung, die

persönliche Zustimmung jedes Betheiligten, ob Mann, Frau, Kind, die

Verbindung aus Trieb für die Ausübung der Arbeit und die

Aufrechterhaltung der begründeten Ordnung. Diese vollständig freie

Wahl der Arbeit, bestimmt durch die Triebe, ist die Bestimmung des

Menschen. Von der Masse der Zivilisirten mag ein Achtel mit ihrer

Lage zufrieden sein, aber sieben Achtel sind unzufrieden. Die große

Menge ist nur auf die körperliche Arbeit beschränkt, ihre

Beschäftigung ist indirekte Sklaverei, eine Qual, von der sie sich

zu befreien wünscht.«

»Die kleine zufriedene Minderheit besteht aus Müßigen, oder

Solchen, die privilegirte Stellungen einnehmen, und doch hat kaum

Einer, Monarch und Minister nicht ausgenommen, seine volle Freiheit

erreicht. Kann man also behaupten, daß die soziale Freiheit

besteht? Sie ist wie die Gleichheit und die Brüderlichkeit nur

Chimäre. Die Brüderlichkeit sandte Einen nach dem Andern ihrer

Koryphäen zur Guillotine, die Gleichheit dekorirte das Volk mit dem

Titel Souverän, schaffte ihm aber weder Arbeit noch Brot; es

verkauft sein Leben um 5 Sous pro Tag[12] und man schleift es, die

Kette am Hals, zur Schlachtbank. So sind Freiheit, Gleichheit,

Brüderlichkeit nur Phantome.«

[Fußnote 12: Der Sold des französischen Soldaten jener Zeit.]

»Die Freiheit ist illusorisch, wenn sie nicht allgemein ist. Wo der

freie Aufschwung der Triebe auf eine sehr kleine Minderheit

beschränkt ist, da giebt es nur Unterdrückung. Um aber der Menge

die Entfaltung und die Befriedigung der Triebe zu sichern, ist eine

soziale Organisation nöthig, die drei Bedingungen erfüllt. Man muß

1. ein Regime der industriellen Attraktion suchen, entdecken und

organisiren; 2. Jedem das Aequivalent der sieben natürlichen Rechte

des Wilden garantiren;[13] 3. die Interessen des Volks mit

denjenigen der Großen verbinden, denn das Volk wird auf sie

eifersüchtig sein und sie hassen, so lange es nicht an ihrem

Wohlsein gradweise Antheil hat. Nur unter diesen drei Bedingungen

kann man dem Volk ein Minimum an Nahrungsmitteln, Bekleidung,

Wohnung und hauptsächlich auch an Vergnügungen sichern, denn ohne

das Angenehme würde dem Menschen auch der neue Zustand nicht

genügen.«

[Fußnote 13: Als die sieben natürlichen Rechte des Wilden

betrachtet Fourier: 1. Sammelfreiheit der Früchte; 2.

Weidefreiheit; 3. freien Fischfang; 4. freie Jagd; 5. innere

Verbindung der Horde; 6. Sorglosigkeit; 7. auswärtigen Raub (»vol

exterieur«). Unter diesem etwas seltsam scheinenden Recht versteht

Fourier das Recht des Wilden, Alles, was er außerhalb des

gemeinsamen Eigenthums der Horde oder des Stammes der Aneignung

werth findet, nehmen zu dürfen. In der Zivilisation findet der Raub

innerhalb der eigenen Gesellschaft, an Gliedern derselben statt,

diesen Raub an der eigenen Genossenschaft kennt der Wilde nicht,

der innerhalb der Horde, des Stammes Gemeineigenthum besitzt und

dieses respektirt. In der Regel lebt der Wilde mit den benachbarten

Stämmen in Feindschaft und so wird dieses Recht des »auswärtigen

Raubs« einfaches Kriegsrecht. Bei uns Zivilisirten sind noch die

Rudimente ganz ähnlicher Auffassung vorhanden, die Kontribution der

Lebensmittel im Kriege ist in unsern Augen kein Raub, und die

Annexion fremder Länder und Provinzen wird auch nicht als solcher

angesehen. Fourier will mit seiner ganzen Auseinandersetzung sagen:

der Wilde hat einestheils mehr Freiheit und Wohlsein, als der arme

Zivilisirte, andererseits weit mehr _Solidaritätsgefühl_, als die

Zivilisirten überhaupt. Um das Solidaritätsgefühl, das der Wilde in

der Horde, im Stamm hat, in unserer Gesellschaft zu begründen,

brauchen wir eine ganz neue soziale Organisation.]

»Prüfen wir also, wie die sozietäre Ordnung dem Individuum die

freie Ausübung der erwähnten sieben Rechte, die mit dem Mechanismus

der Barbarei und der Zivilisation so unverträglich sind, in

entsprechender Form gewähren kann.«

»Schreiten wir zunächst dazu, sie wie ihre Angelpunkte (»pivots«)

zu erklären.«

Fourier giebt nun nachfolgendes Tableau, begleitet von drei

Analogien, um Diejenigen zu enttäuschen, die es als ein von ihm

systematisch angewandtes Vorurtheil ansehen, daß er gewöhnlich den

Zahlen 7 und 12 (also wie Pythagoras es that) den Vorzug gebe. Er

will beweisen, daß diese Zahlenverhältnisse in der Natur der Dinge

liegen, also gegebene sind, nicht willkürlich erfundene.

| Rechte | Triebe | Farben | geometrische

| | | | Linien

---+-------------------+-----------------+------------+--------------

| kardinale oder | Haupt- | |

| industrielle | Triebe | |

| | | |

1. | Sammelfreiheit | Freundschaft | Violet | Kreis

2. | Weide | Liebe | Azur | Elipse

3. | Fischfang | Familiensinn | Gelb | Parabel

4. | Jagd | Ehrgeiz | Roth | Hyperbel

---+-------------------+-----------------+------------+--------------

| Distributive | Distributive | |

| | Triebe | |

| | | |

1. | Innere Verbindung | Kabaliste | Indigoblau | Spirale

2. | Sorglosigkeit | Papillone | Grün | Muschellinie

3. | Auswärtiger Raub | Komposite | Orangegelb | Logarithmus

---+-------------------+-----------------+------------+--------------

| Minimum | Einheitlichkeit | Weiß |

X. | | | |

| Freiheit | Gunst | Schwarz | Nebenkreis

Die Freiheit kommt nur als Folge der sieben andern Rechte, sie ist

das Resultat ihrer Verbindung, so wie Weiß oder Schwarz die

Verbindung oder Aufsaugung der sieben Farbenstrahlen ist.

Fourier führt dann weiter aus, daß aber die Freiheit nur einfach

oder falsch sei, wenn sie nicht von der Hauptsache, dem Prinzipalen

aller Rechte, dem _Minimum_ begleitet sei, was die Periode der

Wildheit nicht biete. Auch genießen die Freiheit in der Wildheit

nur die Männer, die Frauen sind ausgeschlossen und ist ihre Lage

schlimmer, als in der Zivilisation. Es genügt weder die Freiheit,

wie sie die Zivilisation bietet, noch genügen die sieben

Naturrechte, die der Wilde besitzt, um einen befriedigenden Zustand

herzustellen. Der neue sozietäre Zustand müsse also alle drei

Geschlechter gleichmäßig berücksichtigen und ihren Trieben

Befriedigung gewähren.

Die bezügliche Auffassung Fourier's von der Lage der Wilden und der

Zivilisirten lassen wir, da sie charakteristisch ist, hier

ausführlicher folgen.

»Die Sorglosigkeit, dieses Glück der Thiere, dieses Recht des

Wilden, genießt man in der Zivilisation nur im Besitz großer

Schätze. Aber neun Zehntel der Zivilisirten, weit entfernt, dem

nächsten Tag ohne Sorgen entgegensehen zu können, sind mit

täglichen Sorgen überladen und müssen eine widerwärtige und

aufgezwungene Arbeit erledigen. Den Sonntag eilen sie dann in die

Schenken und an die Vergnügungsorte, um wenigstens für einige

Augenblicke eine Sorglosigkeit zu genießen, die so viele Reiche,

von der Unruhe verfolgt, vergebens suchen.«

»Die Rechthaber (»ergoteurs«) werden sagen, die Sorglosigkeit sei

eine Charaktereigenschaft und kein Recht; aber sie wird ein Recht,

indem sie im Zustand der Zivilisation geächtet ist, wo man die

Leichtlebigkeit als entehrend betrachtet und laut verurtheilt.

Versucht ein mit wenig Glücksgütern bedachter Familienvater sich

mit den Seinen einem Vergnügen zu überlassen und verläßt er seine

Werkstatt, ohne für Steuern, Miethe und die künftigen Bedürfnisse

gesorgt zu haben, so belehrt ihn die öffentliche Meinung durch ihre

Kritiken und der Steuereinnehmer durch seine Exekutoren, daß er

kein Recht zur Sorglosigkeit habe, und er muß, trotz seines Hangs

dazu, sich derselben entschlagen. Ueberdies ist schon die

zivilisirte Erziehung systematisch darauf bedacht, den Geschmack an

der Sorglosigkeit zu bekämpfen, ein Vergnügen, dessen freie

Entfaltung in der Harmonie durch nichts beeinträchtigt wird.«

»Der Wilde genießt diese Sorglosigkeit und beunruhigt sich nicht

über die Zukunft. Wäre es anders, fürchtete er daß seine Kinder,

seine Horde Hunger litte, er würde die Anerbietungen an

Ackerbaugeräthen und den notwendigen Gegenständen für die Kultur

des Bodens, welche die Regierungen der Zivilisirten ihm machen,

annehmen. Aber er will keins seiner Rechte einbüßen. Gäbe er seine

Sorglosigkeit auf, er würde allmälig seine ganze Freiheit, alle

seine Rechte verlieren. Er macht freilich diese Berechnung nicht,

aber die Natur macht sie für ihn. Die Attraktion leitet ihn auf den

rechten Weg, wie man später sehen wird.«

»Den einzigen plausiblen Einwand, den man gegen dieses Glück des

Wilden machen kann, ist, daß die Frauen es nicht genießen: die

Frauen bilden die Hälfte des Menschengeschlechts und sie haben bei

den Wilden eine sehr tiefe und unglückliche Stellung.«

»Nichts wahrer als das. Aber wenn ich diese Thatsache nicht

anführte, die Philosophen würden keine Notiz davon nehmen, denn sie

selbst haben die Gewohnheit, die Frauen für Nichts anzusehen. Von

den drei Geschlechtern, aus denen das Menschengeschlecht sich

zusammensetzt, dem oberen, den Männern, dem niederen, den Frauen,

und dem gemachten oder neutralen Geschlecht, den Kindern, sehen sie

nur _ein_ Geschlecht und arbeiten nur für dieses, für das obere

oder männliche. Aber welches Glück verschafften diesem die

Philosophen? Statt der sieben Rechte, aus welchen die Freiheit sich

zusammensetzt, nur die sieben Geißeln.«

»Ich bin einem vorauszusehenden Einwand bereits begegnet, indem ich

die Freiheit des Wilden als divergirend zusammengesetzt

bezeichnete; sie ist in doppelter Weise divergirend; sozial, durch

die Unverträglichkeit des sozialen Körpers, Horde genannt, mit der

industriellen Arbeit oder Bestimmung, materiell durch Ausschließung

des weiblichen Geschlechts, das wenig oder gar nicht an den sieben

natürlichen Rechten theilnimmt.«

Trotzdem, so führt Fourier weiter aus, stehe der männliche Wilde

durch den Genuß der genannten sieben Rechte an Freiheit über der

großen Mehrheit der Zivilisirten, welche die immense Mehrheit

beider Geschlechter von diesen Vortheilen ausschlösse. Die

Zivilisation schulde für das Ausgeben dieser natürlichen Rechte

einem Jeden ein Minimum an Lebensnothwendigkeiten, Kleidung,

Wohnung, und zwar proportional der sozialen Stellung, zu der er

gehöre, denn _nothdürftig_ genährt, gekleidet und logirt werde man

auch in den Armenhäusern, wo der Mensch aber nichts als ein

Gefangener und sehr unglücklich sei.

Statt den Zivilisirten für den Verlust seiner sieben natürlichen

Rechte durch eine menschenwürdige Existenz zu entschädigen,

garantirten ihm unsere Publizisten einige Träumereien und

Gaskonnaden, wie: »daß er stolz sein dürfe auf den Namen eines

freien Mannes und das Glück habe, unter einer Verfassung zu leben.«

Diese Lächerlichkeiten verdienten nicht einmal den Namen der

Illusion und befriedigten keinen Arbeitenden, der vor Allem nach

seinem Geschmack zu essen, sorglos und vergnügt zu leben wünsche.

»Der sozietäre Zustand garantirt dem Volk die sieben Rechte des

Wilden in Fülle, indem er ihm ein ausreichendes Aequivalent bietet;

er gewährt jedem Menschen so viel Wohlsein, daß z.B. Niemand mehr

auf den Gedanken kommt, zu stehlen, was er so haben kann, oder daß

er sich durch eine Handlung in der öffentlichen Meinung mehr zu

Grunde richtet, als er durch eine schlechte Handlung zu gewinnen

vermag. Schließlich werden alle Kinder in den Begriffen der Ehre

erzogen und können alle Bequemlichkeiten des Lebens reichlich

genießen. Es wird also Niemand mehr an Diebstahl denken, wo Alle im

Ueberfluß leben.«

»Die Zivilisation, indem sie den Menschen der sieben Rechte des

Wilden beraubt, gewährt ihm keinerlei entsprechende Aequivalente.

Fragt einmal einen unglücklichen Arbeiter der Zivilisation, der

keine Arbeit und kein Brot hat, vom Gläubiger und Exekutor bedrängt

wird, ob er nicht lieber wie der Wilde das Recht der Jagd und des

Fischfangs, des Früchtesammelns und der freien Weide seinem Zustand

vorziehe und er wird keinen Augenblick zögern, sich für den Wilden

zu entscheiden. Was giebt ihm die Zivilisation für seinen Verlust?

Das Glück, unter der Verfassung zu leben. Dem Hungernden ist nicht

damit gedient, daß er, anstatt eine gute Mahlzeit zu genießen, die

Verfassung lesen kann; es heißt den Nothleidenden in seinem Elend

beleidigen, wenn man ihm eine solche Entschädigung bietet.«

»Daraus folgt: in der industriellen Gesellschaft wird die Freiheit

illusorisch und verhängnisvoll, wenn man sie nur in einfacher

Anwendung einführt.«

Fourier sagt also: die Freiheit ohne Garantie eines Minimums, die

Freiheit ohne Brot, ist für die große Menge der Bevölkerung unter

Umständen nur die Freiheit des Verhungerns. Die Freiheit hat nur

Werth, ja sie ist erst dann vorhanden, wenn auch der Mensch zu

leben hat, und diesen Lebensunterhalt garantirt die Zivilisation

nicht. »So haben unsere Träumereien von den Menschenrechten und der

Freiheit, die man in Versuch setzte, nichts als Täuschungen und

verhängnißvolle Erschütterungen erzeugt. Unsere Gesellschaft hat zu

ihren Angelpunkten zwei Triebfedern, welche der Einheitlichkeit der

Freiheit und dem proportionalen Existenzminimum des sozietären

Zustandes schnurstracks gegenüberstehen: allgemeiner Egoismus und

Zweideutigkeit aller Handlungen. Diese beiderseitigen

Charaktereigenschaften lassen sich nicht vereinigen, sie schließen

sich aus.«

»Volle einheitliche Freiheit und menschenwürdige Existenz lassen

sich nur durch die Anwendung des Mechanismus der Serien der Triebe

erreichen, außerhalb desselben ist das ganze System der Triebe im

Widerspruch mit sich, es herrschen Egoismus und Zweideutigkeit.« ...

Es gilt also für Fourier, eine entsprechende Organisation zu

schaffen, bei welcher alle Klassen gleichmäßig, unter voller

Berücksichtigung ihrer sozialen Lebensstellung, zufriedengestellt

werden.

»Vermittelst der gradweisen Abstufung der Interessen ist der

Niedere an dem Wohlsein des Höheren interessirt; die gewohnte

Begegnung bei den anziehenden Arbeiten in den Intriguen der

verschiedenen Serien dient als Kitt für die Einheitlichkeit. Man

hat nichts mehr von der vollen Freiheit des Volkes zu fürchten, das

in dem gegenwärtigen Zustande des Elends und der Eifersucht gegen

die Höheren seine Unabhängigkeit nur zur Plünderung und Erwürgung

derselben benutzen würde.«

»Aus dieser Darlegung resultirt, daß die Gewährung einer

auskömmlichen Lebenshaltung ausschließlich von der Entdeckung des

sozietären Regimes und der anziehenden Arbeit abhängt. Wie kann man

dem Volk von Freiheit zu sprechen wagen, wenn man ihm selbst nicht

einmal die widerwillige Arbeit, von der heute seine Existenz

abhängt, zu garantiren vermag? In einem solchen Zustande der Dinge,

wie dem gegenwärtigen, wird alle Freiheit nur ein Keim des

Aufruhrs. Die Agitatoren fühlen das wohl und darum haben sie die

Macht an sich gerissen. Ihre erste Sorge ist, dem Volk den Maulkorb

anzulegen und die philosophischen Schwätzer, die Bonaparte knebelte

und Robespierre in Masse auf's Schaffot schickte, zu unterdrücken.«

»_In der Zivilisation kann also keine wirkliche Freiheit

existiren_, sie existirt nur im Zustande der Wildheit, aber dort

unvollständig und gefährlich, weil sie die Horde dem Hunger, dem

Krieg, der Pest aussetzt und weder sich auf die Frauen, noch auf

die Greise ausdehnt, welch letztere man opfert, wenn sie

unbrauchbar werden.«

»Obschon die Freiheit des männlichen Wilden dem Schicksal unserer

Arbeiter und Bettler vorzuziehen ist, ist sie nur ein rohes, der

Vernunft unwürdiges Glück, weil die industrielle Thätigkeit ihm

fremd ist. Andererseits ist der Zustand des Elends und der

Unterdrückung, in dem unsere Arbeiter seufzen, nicht die Frucht des

sozialen Genies, sondern des Mangels an einem solchen und eine

Schmach für die Wissenschaft. Weit entfernt, daß diese verstand,

uns zur Freiheit zu erheben, hat sie nicht einmal sie zu definiren

gewußt, noch vermochte sie ihre verschiedenen Charaktereigenschaften

darzulegen. Der Wissenschaft bleibt die Schande, unter dem Vorwand,

uns ein Gut zu geben, dessen Wesen sie selbst nicht kannte, tausend

politische Stürme erregt zu haben. Sie ist mit der Freiheit wie mit

dem Handel verfahren, sie hat einen Hebel zu literarischen

Intriguen aus ihnen gemacht und weit entfernt, einen Schatten von

Ehrlichkeit in ihre Debatten zu tragen, hat sie selbst weder die

Probleme bezeichnet, noch empfohlen, welche auf's Lebhafteste die

Anstrengungen des Genies herausfordern, nämlich:

»In Sachen des Handels: das Bedürfniß der Assoziation, die Garantie

der Wahrheit und die Unterdrückung der zahlreichen Verbrechen der

handeltreibenden Körperschaften: der Bankerotte, des Wuchers, des

Börsenspiels etc.«

»In Sachen der Freiheit: das Bedürfniß der industriellen

Attraktion; ein Aequivalent für die natürlichen Rechte (die der

Wilde hat) und Garantien für ein gradweise abgestuftes Minimum für

die verschiedenen Klassen.« ...

»Der Streit über die Freiheit hat erst neuerdings vier Millionen

Köpfe gekostet (Fourier spielt hier auf die der großen Revolution

folgenden Kriege an), die den politischen Sophismen und der

Handelseifersucht geopfert wurden, genügend, um dieses Chaos von

irrigen Lehren über die Freiheit und den Handel zu entwirren.«

»Es gehört zu den Gebräuchen der Zivilisirten, einem Dogma zu

Ehren, dessen Sinn, noch dessen praktische Wirkungen man kennt,

sich gegenseitig an die Gurgel zu fahren. Beweis dafür sind die aus

den Debatten über die Verwandlung (»Transsubstantiation«) und die

Wesenseinheit (»Consubstantialité«) hervorgegangenen Kriege. Unser

Jahrhundert hat ähnlich über die Menschenrechte spekulirt; um sie

zu erhalten, massakrirte man sich und doch kannte man ihr wahres

Wesen nicht.«

Nach Fourier liegt das wahre Wesen der Freiheit in der Anerkennung

»des Rechts auf Arbeit«, das »für den Armen allein werthvoll ist.«

Die Erfahrung hat uns zur Genüge gelehrt, daß mit dieser

Anerkennung auch nichts gethan ist. Es ist auch über dieses »Recht«

gar viel gestritten worden und zuletzt, im Jahre 1848 in Paris in

den Junitagen, viel Blut geflossen. Das Recht auf Arbeit steht in

Bezug auf seine Phrasenhaftigkeit um kein Haar breit hinter der

»Freiheit« und den »Menschenrechten« zurück, Jeder legt sich dieses

»Recht« zurecht, wie er es braucht und es seinem

Interessenstandpunkt entspricht. Gewisse Sozialisten betrachten

noch heute das Wort als eine Art Schiboleth, das die soziale Frage

löse; bei den Anhängern des preußischen Landrechts, die dieses

»Recht« ebenfalls anerkennen, schrumpft es zu einem Recht auf

Armenhausarbeit und Armenunterstützung zusammen. Auch nach der

Junirevolution hat es noch die Köpfe in der französischen Kammer

erhitzt, man schlug große Redeschlachten und dabei ist es bis heute

geblieben. Schließlich waren bei all diesen Schlagworten es immer

und immer die Vertreter der kleinbürgerlichen Demokratie, die sich

am eifrigsten für sie begeisterten und sich zu ihren Champions

aufwarfen. Ganz begreiflich. Diese Demokratie repräsentirt eine

Gesellschaftsschicht, die zwischen der großbürgerlichen und der

proletarischen Klasse mitten innesteht, in Folge davon ohnmächtig

ist und in Bezug auf die Heilung der sozialen Uebel an chronischer

Impotenz leidet und daher ihr Thatenbedürfniß in großen Worten und

Kraftphrasen zu verpuffen genöthigt ist. Die bürgerlichen Ideologen

lieben es, am Klang der Worte sich zu berauschen, sie sind aber

allmälig sehr einflußlos und harmlos geworden.

Fourier war allerdings ein viel zu mathematisch denkender und

logisch schließender Kopf, um sich durch eine Phrase, die er bei

Andern klar durchschaute, beirren zu lassen, und so folgert er: es

giebt keine wie immer zusammengesetzte Freiheit ohne das Minimum;

kein Minimum ohne die industrielle Anziehung (»attraction«); keine

industrielle Anziehung in der zerstückelten (»morcelé«) Arbeit,

womit er sagen will, in der auf Privatwirthschaft beruhenden

Arbeit. Die industrielle Anziehung kann nur aus den Serien der

Triebe geboren werden; also:

Das Minimum, gestützt auf die industrielle Anziehung, ist der

einzige Weg zur Freiheit, einen andern giebt es nicht. Aber um in

diesen Weg einzutreten, muß man die Zivilisation verlassen, muß man

ihre Produktions- und Distributionsform aufheben; und da es hierzu,

nach ihm, zwölf Wege giebt, muß man den günstigsten wählen, um zur

Assoziation zu gelangen.

Es handelt sich also darum, den neuen Zustand dergestalt zu

organisiren, daß folgende sieben Funktionen voll angewendet und

ausgeübt werden können: häusliche Arbeiten, ländliche Arbeiten,

industrielle Arbeiten, Austausch, Unterricht, Wissenschaften,

schöne Künste. Es muß vorhanden sein: Anziehung für alle

Beschäftigungen, proportionale Vertheilung des Erzeugten,

Gleichgewicht der Bevölkerung, Oekonomie in den Hülfsmitteln.

Die Anziehung an die Arbeiten kann nur vorhanden sein, wenn jede

Arbeit angenehm _und_ lukrativ ist. Die Vertheilung findet statt

nach den drei industriellen Fähigkeiten: Arbeit, Kapital, Talent.

Die Bevölkerungszahl einer Phalanx darf 1800-2000 Personen nicht

überschreiten, weil in dieser Zahl, nach Fourier's Berechnung, die

verschiedenen Triebe und Charaktereigenschaften voll und zweckmäßig

vertheilt enthalten sind und eine größere oder kleinere Zahl die

Ausgleichung stören würde. Die Oekonomie der Hülfsmittel ergiebt

sich aus dem möglichst zweckmäßigen Zusammenwirken aller mit

einander Operirenden, die alle gleichmäßig an der Ersparniß von

Materialien, Zeit und Kraft interessirt sind. So wird man in einer

Phalanx von 400 Familien nicht 400 Küchenfeuer, 400

Einzelwirthschaften erhalten, sondern man wird nur 4 oder 5 große

Küchenfeuer anlegen und die Bewohner in 4 oder 5 Klassen, nach dem

Stande ihres Vermögens, eintheilen und sie in einem gemeinsamen

Palast wohnen lassen. Der sozietäre Zustand läßt keine Gleichheit

zu. Ebenso werden bei dem Ackerbau wie bei der Industrie die

Vortheile in positiver Beziehung -- Erhöhung der Produkte durch

zweckmäßigste Kombinirung und Anwendung der Kräfte und Hülfsmittel

-- und in negativer Beziehung -- Ersparnisse an Kraft, Zeit,

Materialien -- sehr bedeutende sein. Es entsteht wieder rationelle

Waldzucht, Quellenschonung, Klimaverbesserung. Ueber alle diese

Vortheile, welche die assoziirte Thätigkeit erzeugen müsse, äußert

sich Fourier wie folgt:

»Eine Phalanx, die sich z.B. mit Wein- oder Oelbau befaßt, wird nur

einen einzigen Werkraum für die Fertigstellung nöthig haben, statt

der vielen, die jetzt in einer Gemeinde von 15-1800 Seelen nöthig

sind; statt 300 Bottiche wird sie nur ein Dutzend bedürfen. Man

wird ferner für die Reben- und Oelbaumanlagen die Ueberwachung, die

Einfriedigungen und Ummauerungen ersparen. Man wird die Lese nicht

auf einmal vornehmen, wie dies jetzt der kleine Privatbesitzer, um

Kosten und Zeit zu ersparen, thun muß, sondern in dem Maße, wie die

Trauben reifen, und damit große Verluste an Quantität oder Qualität

verhüten. Statt der 1000 Fässer, welche heute 300 Familien

benöthigen, werden 30 große Tonnen genügen. Man wird neun Zehntel

der Kosten für die Lagerräume, neunzehn Zwanzigstel für das Faßwerk

ersparen. Die richtige Behandlung des Weins ist dem kleinen Besitzer

unmöglich, weder kann er ihm die nöthige Lagerung gewähren in

trockenen gut gelüfteten nach Norden gelegenen Lagerräumen, noch

hat er die Einrichtungen und Vorrichtungen für die tägliche Kühlung

der Keller und Fässer. Auch fehlt der Ueberzahl der Besitzer die

Möglichkeit, die Weine durch verschiedene Füllungen zu verbessern,

leichte mit schweren Qualitäten zu schneiden, oder sich fremde

wärmere Weine zu verschaffen. Ferner wird heute der Wein,

unmittelbar nach der Ernte, von vielen Eigenthümern zum billigsten

Preis verkauft, weil sie ihn verkaufen müssen, sei es, daß sie Geld

nöthig haben, der Gläubiger schon wartet, oder daß es ihnen an

geeigneten Aufbewahrungsräumen fehlt, und sie der Mittel oder des

Verständnisses zur Pflege entbehren. In der Phalanx wird der Wein

in Folge guter Aufbewahrung und Pflege schon nach einem Jahre das

Fünffache des Preises werth sein und mit dem Alter entsprechend im

Preise steigen. Die Phalanx verkauft ihn, wie ihr Interesse

gebietet. Und so noch viele andere Vortheile, die aus der

Gemeinwirthschaft entspringen, stets Kosten ersparen und die

Produkte verbessern. Man wird bessern Saamen, bessere Pflanzen

anschaffen, im Ankauf nie betrogen werden; man wird für die

verschiedenen Pflanzungen die besten und geeignetsten Bodenarten

aussuchen können, Maschinen, Gebäude, Ställe, Lagerräume werden die

zweckmäßigsten sein, die verfügbaren Kräfte werden jede Arbeit im

richtigen Moment ermöglichen.«

»Eine der glänzendsten Seiten der sozietären Arbeit wird die

Einführung der Wahrheit in Handel und Wandel werden. Indem die

Assoziation die kooperative, solidarische, sehr vereinfachte, auf

Wahrhaftigkeit und Garantie beruhende Konkurrenz an die Stelle der

individuellen, unsoliden, lügnerischen, verschlungenen und

willkürlichen Konkurrenz der Zivilisation setzt, wird sie nur ein

Zwanzigstel der Arme und der Kapitalien benöthigen. Man wird also

den heutigen Handel als parasitisch unterdrücken, denn parasitisch

ist Alles, was unterdrückt werden kann, ohne daß der Zweck

geschädigt wird. Man wird in der Phalanx statt hunderter

konkurrirender und gegen einander intriguirender Kaufleute und

Krämer mit ihren Verkaufshallen und Läden nur ein großes

Waarenlager und verhältnißmäßig sehr wenig Personen brauchen, da

alle Käufe und Verkäufe nach außen die Phalanxen unter sich

abschließen.«

»In der Zivilisation ist der Mechanismus in jeder Art der

ruinöseste und falscheste. So giebt es außer im Handel noch

tausende und abertausende von parasitischen Existenzen, z.B. die in

der Rechtspflege beschäftigten Personen, eine Institution, die nur

auf den Fehlern der zivilisirten Ordnung beruht ... Andererseits

fehlen die Mittel für das Nöthigste. So mangeln Frankreich heute

einige hundert Millionen Franken für die Verbesserung der Wege und

Straßen; im sozietären Zustand, wo Phalanx an Phalanx sich reiht,

bestehen die ausgezeichneten Verbindungsmittel, für die jedes

Phalanstère (das Phalanstère ist der ganze Bezirk [Kanton]

inklusive der Gebäude. Der Kanton soll nach Fourier eine

Quadratstunde Flächeninhalt haben) aufzukommen hat, ohne daß es der

Staatssteuern dazu bedarf. Ebenso fällt die kostspielige

Katastrirung der Grundstücke für den Staat fort. Eine Wahl, die

heute unendlich viel Zeit und Geldopfer erfordert, eine Menge der

widerlichsten Kabalen erzeugt, wird in der Phalanx dem Einzelnen

kaum eine Minute Zeit kosten, eine Reise dazu hat er nicht nöthig

zu machen.« ...

»Unter die Unproduktiven gehören ferner die Soldaten, die

Grenzwächter, die Steuerbeamten; auch sind ein großer Theil der

Dienstboten und viele von den in der isolirten Wirthschaft

beschäftigten Personen unter die Parasiten zu rechnen. Sobald

Männer, Frauen, Kinder, letztere vom dritten Lebensjahre ab, aus

Anziehung thätig sind, wenn Trieb, Geschicklichkeit, Wetteifer, der

verbesserte Mechanismus der Arbeit, Einheitlichkeit der Handlungen,

freier Verkehr, Verbesserungen des Klimas, höhere Kraft und

Langlebigkeit der Menschen zusammenwirken, werden die Arbeitsmittel

und Kräfte in's Unberechenbare sich steigern und wird das Produkt

quantitativ und qualitativ sich dem entsprechend veredeln und

vermehren.«

»Am meisten wird das Schicksal der Kinder in der sozietären

Organisation sich verbessern. In der meist sehr übel und mangelhaft

geleiteten Privatwirthschaft finden die Kinder in ihren Hütten,

Hofwerkstellen, Scheuern weder die Hülfsmittel, noch die Belehrung,

noch die Beurtheilung, noch den Antrieb, den sie nöthig haben, um

sich gehörig zu entwickeln. Dabei sterben sie massenhaft in Folge

ihrer ungesunden Wohn- und Lebensweise, oder sie siechen dahin. Im

sozietären Zustand wird die Sterblichkeit sich außerordentlich

vermindern, die Kinder werden an körperlicher und geistiger

Gesundheit in heute ungeahnter Weise zunehmen. Drohende

Uebervölkerung wird die sozietäre Organisation auszugleichen

wissen.«

Die Zivilisation befindet sich allen diesen Fragen gegenüber in

einem falschen Kreisschluß (»cercle vicieux«) und das erkennt man

allmälig. Man ist erstaunt, zu finden, daß _in der Zivilisation die

Armuth selbst den Ueberfluß erzeugt_. Unser Zustand bringt nicht

das Glück, sondern das Nichtglück hervor; die Exzesse der Industrie

führen zu den größten Uebeln, sie werfen uns von der Scylla in die

Charybdis, und warum? Weil wir ohne Leitfaden in einem Labyrinthe

wandeln. Das zeigt sich überall. Wählen wir als Beispiel die

natürlichen Anlagen des Menschen und die Kunst, sie zum Aufbruch zu

bringen. Ein Kärrner fährt Metall in eine Gießerei.[14] Bei dem

Anblick ihrer Einrichtungen erfaßt ihn die Neigung, als Lehrling

einzutreten. Er entdeckt bei sich einen Trieb, den bisher weder er,

noch seine Eltern kannten; er tritt wirklich als Lehrling ein und

macht so erstaunliche Fortschritte, daß er schon nach einem Jahre

einen sehr geschickten Arbeiter ersetzte und pro Tag 22 Franken

verdiente. Welche Anklage liegt in diesem einen Beispiel gegen

unsere Arbeits- und Erziehungsmethoden, gegen unsere Theorie der

Vervollkommnung und des Studiums des Menschen. Jedes Kind hat vom

jugendlichsten Alter an Anlagen und Triebe verschiedenster Art,

aber wie ermöglichen, daß wir sie kennen lernen? Dazu ist die

Zivilisation unfähig. Uns mangelt der Kompaß, der Schlüssel, der

uns dieses Zauberbuch über die Anziehungen und die industriellen

und wissenschaftlichen Anlagen und Triebe entziffert. Das kann nur

durch die Anwendung der Serien der Triebe geschehen; sie bilden den

Schlüssel zu jedem Zweig des sozialen Mechanismus und hauptsächlich

auch für die Erziehung. Das Problem, das es hier zu lösen gilt,

ist, nicht nur eine, sondern selbst zwanzig Anlagen zum Aufbruch zu

bringen bei einem Kinde, das kaum drei Jahre alt ist. Vom vierten

Jahre ab soll es schon spielend in zwanzig verschiedenen Serien

industrieller Thätigkeit geschickt sein und mehr gewinnen, als

seine Nahrung und sein Unterhalt kosten; es übt abwechselnd alle

physischen und intellektuellen Fähigkeiten, Alles mit Eifer

ergreifend. Statt zwanzig Anlagen im Alter von vier Jahren finden

wir bei dem Zivilisirten oft nicht eine im Alter von zwanzig

Jahren, sie wurden unterdrückt, erstickt, weil die Eltern arm

waren, oder die Triebe und Anlagen nicht anzuregen verstanden, oder

die Gelegenheit fehlte. So steht es ähnlich selbst bei der

wohlhabenden Klasse. Unter zwanzig jungen Leuten, die man auf die

Universitäten und Hochschulen schickt, ist öfter kaum einer, der

die in ihn gesetzten Hoffnungen erfüllt. Die Anlagen zum Aufbruch

zu bringen, die Kunst, sie vom niedersten Lebensalter an zu

entwickeln, das ist die Klippe, an der unsere Wissenschaften

scheitern. Wir verstehen das nicht einmal in der Agrikultur, woher

es kommt, daß diese selbst unserer Dorfjugend widerwärtig

erscheint. Unsere wissenschaftliche, unsere industrielle Erziehung

steht, wie Alles, außerhalb der Natur, außerhalb der Anziehung. Es

ist klar, wir brauchen einen Wegweiser, eine neue Wissenschaft und

diese ist die Lehre von den Serien der Triebe. Ohne sie werden die

Nebel immer größer. Man behauptet, die Menschen seien heute nicht

falscher als früher. Indeß vor einem halben Jahrhundert konnte man

für wenig Geld noch Stoffe von guter Farbe und Qualität und

natürliche, d.h. unverfälschte Nahrungsmittel kaufen; heute

herrschen überall Verfälschung und Betrügerei. Der Landmann selbst

ist ein Fälscher geworden, wie es der Kaufmann schon vor ihm war.

Milch, Oel, Wein, Branntwein, Zucker, Mehl, Kaffee, Alles ist

schamlos verfälscht. Die arme Menge kann sich keine natürlichen

Lebensmittel mehr verschaffen, man verkauft ihr langsam wirkende

Gifte; solche Fortschritte machte der Handelsgeist selbst bis in

die entlegensten Dörfer. Seit fünfzig Jahren hat sich die Zahl der

Handeltreibenden vervierfacht, ohne daß die Beschäftigung für sie

sich entsprechend vermehrte, der Schwindel ist in demselben Maße

gewachsen und ebenso die Aufsaugung der Kapitalien.«[15] »Zu allen

Zeiten und an allen Orten wird die Anziehung der Triebe zu drei

Zielen zu kommen suchen: Zum Luxus oder zur Befriedigung der fünf

Sinne; zu Gruppenbildungen und Serien der Gruppen -- Bande der

Zuneigung --; zu dem Mechanismus der Triebe, der Charaktere und

Instinkte; und durch sie alle drei zur universellen

Einheitlichkeit.«

[Fußnote 14: Fourier erwähnt hier einen selbsterlebten Fall und

führt die Namen an, die wir als gleichgültig weglassen.]

[Fußnote 15: Der Leser will nicht vergessen, daß das nicht heute,

sondern schon vor dreiviertel Jahrhunderten geschrieben wurde.]

»Der Luxus umfaßt alle sinnlichen Vergnügungen. Indem sich die

Triebe nach Befriedigung sehnen, wünschen wir uns implicite

Gesundheit und Reichthum als Mittel der Befriedigung; wir wünschen

uns inneren Luxus oder körperliche Kraft, Verfeinerung und Stärke

der Sinne, und äußeren Luxus oder Reichthum. Man muß diese beiden

Mittel besitzen, um den ersten Zweck der Anziehung der Triebe zu

erreichen. Wir müssen also befriedigen: Geschmack, Gefühl, Gesicht,

Gehör, Geruch. Für das zweite Ziel sucht die Anziehung Gruppen zu

bilden und zwar in der Zahl von vier: Gruppe der Freundschaft, des

Ehrgeizes, als höhere; der Liebe, der Elternschaft oder der

Familie, als niedere Ziele. Alle Gruppen, die sich in voller

Freiheit und nach Neigung bilden, beziehen sich auf eins dieser

vier Ziele. Wird eine Gruppe zahlreich, so theilt sie sich in

Untergruppen, indem sie eine Serie von Theilen bildet, abgestuft in

Nuancen nach Neigungen und Geschmack. Alle Gruppen suchen eine

Serie (Reihe) oder Stufenleiter zu bilden, verschieden in Gattung

und Art. Die Serien der Gruppen sind also zweites Ziel der

Anziehung, indem sie sich für alle Funktionen der Sinne und der

Seele bilden. Das dritte Ziel ist der Mechanismus der Triebe oder

der Serien von Gruppen. Es ist das Bestreben der fünf sinnlichen

Triebe (1. Geschmack, 2. Gefühl, 3. Geruch, 4. Gesicht, 5. Gehör)

mit den vier affektiven: 6. Freundschaft, 7. Ehrgeiz, 8. Liebe, 9.

Elternschaft, in Uebereinstimmung zu bringen. Diese

Uebereinstimmung vollzieht sich durch Vermittelung der drei wenig

bekannten und viel verkannten Triebe. 10. der Kabalist, Trieb durch

Intrigue nach Vereinigung der Gleichstrebenden; 11. der Papillon,

Trieb nach Abwechslung, nach Kontrasten; 12. der Komposit, Trieb

der Aneiferung, der Begeisterung, des Strebens nach

Vervollkommnung.«

»Diese zwölf zusammenwirkenden Triebe stellen die Harmonie der

Triebe her. Ein Jeder wünscht im Spiel seiner Triebe eine solche

Ausgleichung sich zu verschaffen, daß der Aufschwung des einen

Triebes den Aufschwung aller übrigen begünstigt. Z.B. Liebe,

Ehrgeiz wollen ihr Ziel erreichen und nicht enttäuscht sein; die

Gourmandis hat die Absicht, die Gesundheit zu verbessern, und nicht

zu schädigen ... Gegenwärtig ist der Mensch im Kriege mit sich

selbst. Seine Triebe gerathen aneinander. Der Ehrgeiz wirkt der

Liebe, die Elternschaft der Freundschaft entgegen, und so befinden

sich alle Triebe beständig in Disharmonie. Aus diesem Kampf der

Triebe entstand die Wissenschaft der Moral, die verlangt, man solle

die Triebe unterdrücken; aber unterdrücken heißt nicht organisiren,

harmoniren. Unser Zweck ist, den freiwillig ineinander greifenden

Mechanismus der Triebe zu schaffen, _ohne einen zu unterdrücken_.

Dies geschieht, wenn jedes Individuum, indem es sein persönliches

Interesse verfolgt, damit auch dem Allgemeininteresse beständig

dient. Heute ist das Gegentheil der Fall. Die Zivilisation ist ein

Krieg des Einen gegen Alle und Aller gegen Einen; eine Ordnung, wo

Jeder sein Interesse dabei findet, alle Anderen zu täuschen, sie

ist ein den Trieben fremder Diskord; aber das Ziel der Triebe muß

sein, zur inneren und äußeren Harmonie zu kommen.«

»Die Kunst zu assoziiren, besteht darin, eine Phalanx von Serien

der Triebe in voller Uebereinstimmung bilden und entwickeln zu

können, die vollkommen frei nur durch Anziehung bewegt sein sollen

und angewendet werden auf die sieben bereits erwähnten

industriellen Funktionen. Hauswirthschaft, Ackerbau, Industrie,

Handel und Verkehr, Unterricht, Wissenschaften, schöne Künste ...

Eine Serie der Triebe ist eine Verbindung verschiedener in auf- und

absteigender Stufenfolge verbundener Gruppen, die vereinigt sind

durch Uebereinstimmung des Geschmacks für irgend eine Thätigkeit,

wie den Anbau einer Frucht, und in welcher für jeden Zweig der

Arbeit hierbei eine spezielle Gruppe sich bildet. Wenn die Serie

Hyazinthen oder Kartoffeln baut, muß sie eben so viel Gruppen

bilden, als Arten von Hyazinthen oder Kartoffeln kultivirt werden

sollen. Jede Gruppe bildet sich aus Gliedern der Serie, die für

eine bestimmte Art inkliniren. Es sind mindestens 45-50 Serien

nothwendig, wenn einigermaßen die nöthige Abwechslung und

Ausgleichung herbeigeführt werden soll. Die Serien benutzen die

Verschiedenheiten der Charaktere, des Geschmacks, der Instinkte,

der Vermögen, der Ansprüche, der Bildungsstufen. Jede Serie setzt

sich aus kontrastirenden und abgestuften Ungleichheiten zusammen,

sie erheischt ebensoviel Gegensätze oder Antipathien als

Uebereinstimmungen oder Sympathien, wie ja auch in der Musik ein

Akkord dadurch sich herstellt, daß man ebensoviel Noten ausfallen

läßt, als man zusetzt. Die Kontraste der Töne erzeugen den Akkord.

Eine Vereinigung von Serien der Triebe hat für die soziale Harmonie

glänzende Eigenschaften, sie erzeugt Bewegung, Wahrheit,

Gerechtigkeit, direkte und indirekte Uebereinstimmung, Einheitlichkeit.

Die Zivilisation hat alle entgegengesetzten Eigenschaften:

Entkräftung, Ungerechtigkeit, Betrug, Mißstimmung, Zweideutigkeit.

Aber die Serie der Triebe würde nicht richtig funktioniren, wenn

sie nicht drei Eigenschaften besäße. Die verschiedenen Gruppen

müssen miteinander rivalisiren oder gegeneinander in Bewegung

gerathen; das ist nur möglich, wenn die Gruppen nicht

grundverschiedene Leistungen vollziehen, sondern nur gradweise

verschiedene, also z.B. nicht verschiedene Arten von Obst, sondern

verschiedene Sorten einer Art bauen. Ferner müssen die einzelnen

Sitzungen kurz sein, sie dürfen sich nicht über zwei Stunden

ausdehnen, weil sonst die Ermüdung eintritt. Soll eine Arbeit

anziehend sein, so muß sie kurzzeitig sein und man muß dann zu

einer andern kontrastirenden Thätigkeit übergehen können. Endlich

muß Jedes in der Gruppe eine bestimmte Arbeit haben, die es im

Wetteifer mit den Uebrigen am besten zu machen sucht. So kommen die

Kabalist, die Papillon, die Komposit in Anwendung. Eine Gruppe

genügt, wenn sie sieben Mitglieder zählt; sie ist vollkommen, wenn

sie neun hat; sie theilt sich dann unwillkürlich wieder in

Untergruppen, in die beiden Flügel und das Zentrum. Vierundzwanzig

Gruppen ist die niedrigste Anzahl für eine Serie.«

* * * * *

»Die Zivilisirten treffen überall instinktiv das Falsche, sie ziehen

immer das Falsche dem Wahren vor und so ist auch der Angelpunkt

ihres Systems eine falsche Gruppe, die sie auf die kleinste Zahl,

auf zwei beschränkten. Diese Gruppe ist das Ehepaar. Diese Gruppe

ist falsch durch die Beschränkung der Zahl, falsch durch das Fehlen

der Freiheit, falsch durch das Auseinandergehen und die Spaltungen

des Geschmacks. Diese Differenzen machen sich schon nach den ersten

Tagen fühlbar; man differirt bezüglich der Gerichte, der ehelichen

Besuche, der Ausgaben, der Unterhaltung, und wegen hundert anderer

Dinge. Nun, wenn die Zivilisirten nicht einmal die ursprünglichste

ihrer Gruppen harmonisiren können, dann können sie dies noch

weniger mit dem Ganzen. _Der Mensch ist aus Instinkt Feind des

Zwanges und der Gleichheit, er strebt in jeder Beziehung beständig

nach Veränderung_.«

Da nach Fourier also der Mensch in jeder Beziehung Feind der

Gleichheit ist, weshalb auch die Vermögensunterschiede bestehen

bleiben müssen, giebt es in der Phalanx eine hierarchische

Ordnung, die freilich, bei Lichte besehen, sehr harmlos ist, und

sich auch nur zum Besten des Ganzen bethätigen kann. Freund

militärischer Einrichtungen, die ihm durch ihre strenge Ordnung

und ihre regelmäßige Funktionirung imponiren -- er soll mit großer

Vorliebe bis an sein Lebensende den militärischen Uebungen und

Paraden beigewohnt haben --, giebt er seiner phalansteren Hierarchie

einen militärisch-monarchischen Anstrich, obgleich ihr Grundtypus

ein rein demokratischer ist. Die Leiter der Serien und Gruppen

werden Offiziere genannt und haben militärische Grade. Es sind

Hauptleute, Lieutenants, Fahnenjunker; es giebt ganze Stäbe in der

Phalanx und werden alle Würden ohne Rücksicht auf das Geschlecht

erworben. Sind in einer Gruppe oder Serie hauptsächlich Frauen, so

werden die Offiziersstellen hauptsächlich Frauen bekleiden.

Dasselbe gilt von den Kindern, Knaben wie Mädchen. Die Mitglieder

der Serien und Gruppen wählen zu ihren Leitern Diejenigen, die sich

innerhalb ihres Kreises am meisten auszeichnen und dadurch die

Sympathien der Uebrigen erwerben. Fourier ist ferner der Ansicht,

daß die Menschen, mit sehr wenig Ausnahmen, an äußeren

Auszeichnungen, an schönen Farbenzusammenstellungen in ihrer

Kleidung, an Uniformen, glänzenden Schaustellungen und Festen,

opulenten Einrichtungen, prächtigen Denkmälern und Bauten ihre

Freude haben. Nach all diesen Richtungen soll die Phalanx das

Höchste bieten.

Zur Leitung werden zweierlei Arten von Offizieren gewählt; die

Einen, welche die eigentliche geschäftliche Leitung haben, und die

Andern, welche den sogenannten äußeren Dienst versehen, die für den

Glanz und das würdige Auftreten der Gruppen und Serien bei Festen,

Aufzügen, Schaustellungen und für die Ausschmückung sorgen. Auch in

letzterer Beziehung wird ein lebhafter Wetteifer zwischen den

einzelnen Serien und Gruppen entstehen. Man wird für die zuletzt

erwähnten Funktionen hauptsächlich solche Personen zu Offizieren

erwählen, die größeren Reichthum besitzen. Denn da in der Phalanx

das Kapital fünf- und sechsfach höhere Zinsen erlangt, als in der

Zivilisation, ohne daß Arbeit und Talent dabei zu kurz kommen, und

die reichen Leute in der Phalanx sehr bedeutend billiger und doch

viel besser leben, als in unserer gegenwärtigen sozialen Ordnung,

werden sie eine Ehre darein setzen, ihren eigentlich sonst gar

nicht unterzubringenden Ueberfluß zum Besten des Ganzen anzuwenden.

Sie werden also öfter für ihre Serien- und Gruppengenossen

besonders opulente Mahlzeiten veranstalten, die ihnen gar nicht so

außergewöhnlich theuer kommen, weil sie nur das Plus des Preises

über die regelmäßige Mahlzeit, deren Kosten Jedem Tag für Tag von

der Phalanx angerechnet werden, zu bezahlen haben; ferner werden

sie den Bau prächtiger Pavillons, die Aufstellung von Statuen,

Altären und dergleichen in dem Theile des Kantons, in dem die Serie

oder Gruppe, in welcher sie die hervorragende Rolle spielen,

beschäftigt ist, auf ihre Kosten betreiben.

Alle Arten von Serien und Gruppen, gebildet in Uebereinstimmung mit

den Trieben, deren Ordnung und Mechanismus der Zivilisation als ein

undurchdringliches Geheimniß erscheint, sind nach Fourier das

Ergebniß geometrischer Berechnungen auf Grund der Anziehungen und

der Bestimmungen. Die Richtigkeit dieser von ihm unternommenen

Berechnungen ist nach seiner Meinung unzweifelhaft. Er kennt das

Geheimniß des ganzen Mechanismus der Gesellschaft und von einem

guten Theil des Weltalls; Alles organisirt sich nach bestimmten

mathematischen Zahlenverhältnissen, die zunächst nur ihm bekannt

sind.

Wenn einmal Jemand sich im Besitz eines solchen Geheimnisses und

solcher Kenntnisse wähnt, so ist natürlich, daß jede andere

Theorie, die auf dasselbe Ziel hinaus läuft, ihm als eine Art

Profanation seiner eigenen Ideen, als eine Art Sakrilegium

erscheint, und daß er die fremden Theorien dementsprechend als

Charlatanerie behandelt und verurtheilt. Da nun um dieselbe Zeit,

als Fourier mit seinen Theorien vor die Oeffentlichkeit trat, Owen

in England mit seinen Assoziationsversuchen ebenfalls hervortrat

und großes Aufsehen erregte, später auch schriftstellerisch und

persönlich agitatorisch für dieselben wirkte, konnten diese

Bestrebungen Fourier nicht unbekannt bleiben. Er griff Owen heftig

an, als einen Mann, der vom Mechanismus der Assoziation nichts

verstehe, nur Sophismen verbreite und mit seinem Kommunismus und

Atheismus das größte Unheil anstifte. In ähnlicher Weise wandte er

sich später auch gegen die Saint Simonisten, die er mit ihrer neuen

Religionsgründung lächerlich machte. Unbegreiflich war ihm nur, daß

Beide, Owen und Saint Simon, mehr Beachtung und Anhang fanden, als

er.

Fourier fährt nun weiter fort:

»Das Bedürfniß nach periodischer Verschiedenheit, kontrastirenden

Situationen, Szenenveränderungen, nach pikanten Zufällen, nach

Neuigkeiten, welche die Illusion erregen, ist dem Menschen eingeboren.

Dieser Trieb ist die Papillon. Das Bedürfniß nach Abwechslung macht

sich bei dem Menschen von Stunde zu Stunde, lebhaft von zwei zu

zwei Stunden bemerkbar. Wird es nicht befriedigt, so verfällt er

der Lauheit und Langeweile. Auf der Befriedigung dieses Triebes

nach Veränderung beruht das Glück der Pariser Sybariten. Es ist die

Kunst, »gut und rasch zu leben«. Verschiedenheit und Verkettung der

Vergnügungen, Raschheit der Bewegung ist nothwendig.«

Indem nun im sozietären Zustand alle Beschäftigung in kurzen

Sitzungen von etwa einundeinhalbstündiger Dauer sich vollzieht,

kann Jeder im Laufe des Tages acht bis zehn ihn anziehende und

seine Triebe befriedigende verschiedene Thätigkeiten ausüben, die

durch die Art ihrer Ausübung ihm nur Vergnügen bereiten. Den

nächsten Tag besucht er Gruppen und Serien, die von denen des

vorhergehenden Tages in ihrer Zusammensetzung wie in ihrer Thätigkeit

verschieden sind. So eilt der Mensch, entsprechend seinen Trieben,

selbst indem er nützlich thätig ist, von Vergnügen zu Vergnügen,

_ohne in Exzesse zu verfallen_, denen der Zivilisirte nicht

entgeht. Denn dieser widmet einer Arbeit sechs Stunden und mehr,

einem Fest sechs Stunden, einem Ball die ganze Nacht auf Kosten

seines Schlafes und seiner Gesundheit. Dann sind auch die

Vergnügungen der Zivilisirten immer unproduktiv, während im

sozietären Zustand die Arbeiten selbst zu Vergnügen und also

produktiv werden. Sehen wir zu, wie ein Unbemittelter und wie ein

Reicher in der Phalanx ihren Tag verbringen. Wir nehmen den Monat

Juni als Beispiel der Lebensweise für den Unbemittelten.

»Früh 3½ Uhr erheben und ankleiden; 4 Uhr Sitzung[16] in einer

Gruppe für die Pflege der Thiere in den Stallungen; 5 Uhr Sitzung

in einer Gruppe der Gärtner; 7 Uhr Frühstück; 7½ Uhr Sitzung der

Mäher; 9½ Uhr Sitzung der Gemüsebauer, und zwar werden diese

Gartenarbeiten bei größerer Wärme unter künstlich konstruirten

transportablen Zelten vorgenommen; 11 Uhr zweite Sitzung in den

Stallungen; um 1 Uhr Mittagstisch; 2 Uhr Waldarbeiten; 4 Uhr

Beschäftigung in einer Manufaktur; 6 Uhr Bewässerung; 8 Uhr Börse;

8½ Uhr Abendessen; 9 Uhr Unterhaltungen; 10 Uhr Schlafengehen.«

[Fußnote 16: Jede dieser kurzzeitigen Beschäftigungen nennt

Fourier Sitzung (»séance«).]

Die Börse der Phalanx beschäftigt sich nicht mit dem Handel von

Papieren und dem Schacher der Lebensmittel, sondern es werden hier

die Abmachungen für den nächsten Tag getroffen; es bilden sich neue

Gruppen und Serien. Auch wird später, wenn die Phalanx in voller

Wirksamkeit ist, die Zahl der Ruhepausen und Mahlzeiten sich auf

fünf erhöhen und werden die Sitzungen kürzer. Der Reiche, dessen

Tagesbeschäftigung wir nun folgen lassen, ist ein Gutsbesitzer, der

probeweise in die Phalanx trat.

»Früh 3½ Uhr erheben und ankleiden; 4 Uhr Zusammenkunft im

Morgensaal, Unterhaltungen über die Nachterlebnisse; 4½ Uhr

erste Erholung, gefolgt von der industriellen Parade -- Kinder und

Erwachsene, Männer und Frauen ziehen mit Fahnen und Emblemen unter

Musik in ihren Gruppen und Serien auf das Feld --; 5½ Uhr Jagd;

7 Uhr Fischfang; 8 Uhr Frühstück; Zeitungen; 9 Uhr Gartenkultur

unter Zelten; 10½ Uhr Fasanerie; 11½ Uhr Bibliothek; 1 Uhr

Mittagessen; 2½ Uhr Gewächshäuser; 4 Uhr Pflege exotischer

Pflanzen; 5 Uhr Pflege der Fischteiche; 6 Uhr Vesperbrot auf dem

Felde; 6½ Uhr Schafzucht; 8 Uhr Börse; 8½ Uhr Abendessen;

9½ Uhr Schaustellungen; 10½ Uhr Schlafengehen.«

Die kurze Schlafzeit -- sechs Stunden -- erklärt Fourier damit, daß

die Harmonisten in Folge ihrer vernünftigen und angenehmen

Lebensweise, die Niemand überanstrenge, weniger Schlaf brauchten,

als die Zivilisirten, auch würden sie von Kindheit an an diese

Lebensweise gewöhnt. Bei der minutiösen Ausarbeitung, die Fourier

allen Einrichtungen seiner Phalanx zu Theil werden läßt, hat er

sich auch ausführlich mit den baulichen Einrichtungen befaßt und

die entsprechenden Pläne seinen Werken einverleibt. Die Phalanx ist

eben ein Uhrwerk, das nach den Plänen seines Erfinders konstruirt

werden muß, wenn es den beabsichtigten Zweck erreichen soll. Das

Gebäude der Phalanx, das Phalanstère, besitzt ringsum Gallerien,

die im Winter gleichmäßig durchwärmt, im Sommer von erfrischender

Kühle sind. Der Länge nach laufen durch das mächtige Gebäude, in

dem die 1800-2000 Angehörigen der Phalanx wohnen, Säulenhallen,

die nach allen Theilen führen, nach den Sälen, den Wohnungen, der

Börse. Verdeckte Gänge stellen bequeme Verbindungen nach den

Ateliers, Werkstätten und Stallungen her. Man behaupte, meint F.,

durch die kurzen Sitzungen werde viel Zeit verbraucht, um von einem

Ort zum andern zu kommen. Das sei indeß falsch, da das Gebäude

mitten im Bezirk liege und von allen Seiten in 5-10, höchstens 15

Minuten zu erreichen sei. Auch kämen die Kosten des Baues nicht in

Betracht, da die Arbeitsweise in der Phalanx gegen diejenige in der

Zivilisation immense Vortheile biete, und der Eifer, mit dem

Jedermann sich betheilige, herbeiführe, daß in einer Stunde

geleistet werde, was in der Zivilisation kaum in drei Stunden

geleistet werden könne. Man betrachte nur einmal unsere Arbeiter

auf dem Felde, die, wenn ein Vogel vorüber fliege, sich hinstellten

und ihm nachsähen, die Hände auf die Hacke gestützt. Das komme

daher, weil unsere Arbeiten Ueberdruß erweckten und ermüdeten und

jeden Reizes entbehrten.

»Die Beschäftigung in der Phalanx erzeugt das die Gesundheit

fördernde körperliche Gleichgewicht. Die Gesundheit muß nothwendig

geschädigt werden, wenn der Mensch sich zwölf Stunden einer

gleichmäßigen Arbeit überlassen muß, die, welcher Art sie immer

ist, die verschiedenen Glieder des Körpers und seinen Geist nicht

genügend beschäftigt. Dies wird noch schlimmer, wenn dieselbe

Arbeit Tag für Tag das ganze Jahr hindurch sich wiederholt. Daraus

entstehen neben dem allgemeinen Widerwillen an der Arbeit die

vielen Berufskrankheiten; so sind gewisse chemische Fabriken wahre

Mördergruben, in denen eine Beschäftigung von zweistündigen

Sitzungen, zwei- oder dreimal die Woche für den Einzelnen, ohne

jeden Nachtheil ertragen wird. Die reiche Klasse verfällt wieder

andern Krankheiten, der Gicht, der Apoplexie, dem Podagra,

Krankheiten, die dem Landmann fremd sind. Die Fettleibigkeit, bei

den Reichen so gewöhnlich, ist ein Zustand, der körperliches

Gleichgewicht und Wohlbefinden gröblich stört. Fast alle

Beschäftigungen und Vergnügungen der Reichen stehen mit der Natur

im Widerspruch. Die sanitäre Bestimmung schreibt dem Menschen

beständige Abwechslung in der Thätigkeit sowohl für den Körper als

für den Geist vor, diese hält allein die Aktivität und das

Gleichgewicht aufrecht.«

»Was vorzugsweise das körperliche Wohlbefinden fördert, wird auch

das seelische fördern. Vereinigt in der Zivilisation das Interesse

Freunde, so vereinigt es im sozietären Zustand sogar die Feinde, es

söhnt die antipathischen Charaktere durch indirekte Kooperation

aus, und zwar, weil in einer großen Reihe von Serien und Gruppen,

in die jeder Einzelne nach der Verschiedenheit seiner Neigungen und

Triebe nach und nach eintritt, er durch die Berührung findet, daß

Diejenigen, die ihm auf dem einen Gebiet antipathisch waren, ihm

auf anderen sympathisch sind. Auch wird das Nebeneinanderarbeiten

nach demselben Ziel unwiderstehlich seine aussöhnende Wirkung

üben.«

»Die seelischen Triebe verlangen so gut wie die sensuellen Abwechslung,

um befriedigt zu werden; es sind also auch die Herzen der großen

Mehrheit der beiden Geschlechter dem Bedürfniß nach Veränderung und

Abwechslung unterworfen. Der Mann wie die Frau wünschte sich ein

Serail, wenn Abhängigkeit, Sitte und Gesetz sich dem nicht

widersetzten. Die ernsten Holländer, die in Amsterdam so hoch

moralisch scheinen, haben in Batavia ihre Serails, gefüllt mit

Frauen aller Hautfarben. Da haben wir das Geheimniß unserer Moral;

sie wird zur Heuchlerin, wenn die Umstände es gebieten, und sie

wirft die Maske ab, wenn sie dies ungestraft thun kann.«

»Pflanzen und Thiere haben das Bedürfniß nach Wechsel und Kreuzung.

Mangels eines solchen Wechsels arten sie aus. Ebenso hat der Magen

das Bedürfniß nach Wechsel; entsprechende Veränderung in den

Speisen erleichtert die Verdauung und erhöht das Behagen und die

Befriedigung; aber man gebe dem Magen dieselbe ausgesuchteste

Speise täglich und er wird sie mit Widerwillen zurückweisen. Geist

und Seele sind von dem Trieb nach Veränderung beherrscht; oft

wirken zwei und drei Triebe gleichzeitig; so Liebe und Ehrgeiz.«

»Die Erde selbst hat ihre internirenden Zeiten, die der Besaamung,

der Erzeugung. Der Boden bedarf alternirender Anwendung der

Pflanzen; die ganze Natur verlangt nach Wechsel. In der ganzen Welt

existiren nur die Moralisten und die Chinesen, welche die

Einförmigkeit, die Uniformität verlangen; aber die Chinesen sind

auch die falschesten, der Natur am meisten widerstrebenden Wesen.«

Fourier, der, wie wiederholt hervorgehoben wurde, Alles haßte, was

mit dem Handel zu thun hatte, haßte die Chinesen besonders, weil

sie, nach dem Vorurtheil seiner Zeit, die größten Diebe und

Betrüger im Handel seien. Wir wissen heute, daß dies eine falsche

Ansicht ist, obgleich die Vorurtheile gegen die Chinesen noch sehr

stark in Europa sind. Ebenso wie die Chinesen waren Fourier als

hauptsächlich handeltreibendes Volk die Juden verhaßt, die er

unmittelbar den Chinesen in der Rangordnung folgen ließ. Er war

sehr unglücklich, als man in Frankreich den Juden die vollen

bürgerlichen Rechte einräumte, was ihn freilich nicht abhielt, wie

wir sahen, Herrn von Rothschild unter die Kandidaten für seine

Versuchsphalanx zu reihen und ihm ein Königreich Jerusalem in

Aussicht zu stellen.

»Die Moral«, führt Fourier weiter aus, »welche die drei Triebe:

Kabalist, Papillone, Komposit, am heftigsten kritisirt, ist selbst

im stärksten Widerspruch mit der Natur. Diese drei Triebe spielen

eine große Rolle im sozialen Mechanismus, wie die Natur es will;

sie haben die Herrschaft, denn sie dirigiren die Serien der Triebe;

jede Serie ist in ihrem Mechanismus gefälscht, wenn sie nicht den

kombinirten Schwung dieser drei Triebe begünstigt; sie bilden die

neutrale Gattung in der Tonleiter der zwölf Triebe.«

»Aktiver Gattung sind die vier Triebe der Seele: Freundschaft,

Ehrgeiz, Liebe, Elternschaft; passiver Gattung die fünf sensuellen

Triebe: Gehör, Geruch, Geschmack, Gesicht, Gefühl. Die neutrale

Gattung -- die mechanisirenden Triebe -- macht sich besonders

bemerklich bei den Kindern, denen die zwei affektiven Triebe --

Geschlechtsliebe und Elternschaft -- noch fehlen; sie überlassen

sich den mechanisirenden Trieben in ihren Spielen am meisten,

welche sie sehr selten über zwei Stunden ausüben, ohne zu wechseln.

Diese Disposition wird man für sie bei der Organisation ihrer

Erziehung und Beschäftigung besonders in Anwendung bringen.«

»Die Anziehung kann dreierlei Art sein: direkt oder

übereinstimmend; indirekt oder gemischt; verkehrt oder abweichend,

d.h. gefälscht. Direkt ist sie, wenn sie aus Freude an dem

Gegenstand selbst die Thätigkeit ausübt. So haben Archimedes in der

Geometrie, Linné in der Botanik, Lavoisier in der Chemie nicht des

Gewinnes wegen, sondern aus heißer Liebe zur Wissenschaft

gearbeitet. So kann ein Fürst aus Liebe an dem Gegenstand Orangen-

oder Nelkenzucht treiben, oder wie Ludwig XVI. die Schlosserei;

kann eine Fürstin Zeisige oder Fasanen pflegen. Hier herrscht

direkte Anziehung zur bestimmten Beschäftigung, und so werden in

der sozietären Gesellschaft sieben Achtel der Arbeiten beschaffen

sein.«

»Die indirekte Anziehung ist vorhanden, wenn Jemand eine Thätigkeit

mehr des Gewinnes wegen, oder der Resultate seiner Arbeit als des

Gegenstandes selbst wegen ausübt. Zum Beispiel ein Naturforscher,

der widerliche Reptile oder Giftpflanzen unterhält. Er liebt weder

das Eine, noch das Andere an sich, aber er überwindet seinen

Widerwillen durch den Eifer, den die in Aussicht stehenden

wissenschaftlichen Resultate in ihm erwecken. Solche indirekte

Anziehung wird sozietäre Funktionen erregen, die einer besonderen

Anziehung beraubt sind, aber größeren Gewinn oder größere

Anerkennung finden. Dieser Art Arbeiten wird es ein Achtel geben.«

»Die verkehrte oder gefälschte Anziehung herrscht dort, wo die

Arbeit den Trieben Verstimmung erzeugt. Das ist der Fall, wo der

Arbeiter nur dem Zwang gehorcht, wo seine Arbeitskraft gekauft ist,

wo moralische Erwägungen ihn treiben, aber weder Freudigkeit für,

noch Geschmack an der Thätigkeit vorhanden ist. Diese Nichtattraktion

kann in der Phalanx nicht existiren, sie herrscht aber in sieben

Achteln der Arbeiten der Zivilisation vor. Diese Zivilisirten

hassen ihre Thätigkeit, sie üben sie entweder aus Hunger oder

Langeweile, sie erscheint ihnen eine Strafe, zu der sie trägen

Schrittes, mit trübsinnigem, niedergedrücktem Aussehen gehen.«

»Der Gewinnanreiz, der bei den für Lohn oder Gehalt Arbeitenden nur

eine divergirende Anziehung ausübt, kann in der Assoziation oft ein

edles Hülfsmittel sein. Zum Beispiel es handele sich um eine

Erfindung wie die, die Rauchverbrennung herbeizuführen. Hier

handelt es sich um Gewinn und Ruhm. Wer das Mittel entdeckt,

empfängt von der Phalanx fünf Franken, da aber eine Million

Phalanxen auf dem Erdboden bei dieser Erfindung interessirt sind,

so erhält er fünf Millionen Franken und empfängt außerdem als

Erfinder das Diplom als einer der Magnaten des Erdballs, wodurch er

auf der ganzen Erde die diesem Rang zugebilligten Ehrenbezeugungen

empfängt.«

»Durch diese Form der Belohnung für allgemein nützlich oder

angenehm erkannte Leistungen wird selbst in den kleinsten Dingen der

Gewinn enorm sein. Wird für eine Ode oder Symphonie eine Belohnung

von zwei Sous gewährt und erklären sich bei der Abstimmung 500.000

Phalanxen für dieselbe, so werden dem Dichter oder Komponisten

50.000 Franken ausgezahlt. Er empfängt zu diesem Zweck die

entsprechende Anzeige von dem Weltkongreß, und wird diese Summe ihm

in Konstantinopel, der Hauptstadt der Welt, ausgehändigt. So wird

Jeder für außergewöhnliche Leistungen in demselben Verhältniß

Belohnungen und Ehren empfangen, als diese Anerkennung finden. Denn

nur diejenigen Phalanxen steuern, die sich zu Gunsten einer

Leistung aussprachen, sie also für würdig erachteten und werthvoll

fanden.«

»Die indirekte Anziehung wird man in der Zivilisation selten

finden, sie kann nur durch einen mächtigen Anstoß angeregt werden.

Ein Beispiel. Im Jahre 1810 gerieth bei Lüttich eine Kohlenmine in

Brand und wurden achtzig Arbeiter, ohne Nahrungsmittel zu haben,

darin eingeschlossen. Um sie zu befreien, mußte in wenig Tagen ein

bedeutender Durchstich fertiggestellt werden. Alle Kameraden der

Eingeschlossenen gingen mit Feuereifer an die Arbeit, Jeder setzte

eine Ehre darein, das Höchste zu leisten, und nach vier Tagen war

eine Arbeit vollbracht, zu der man sonst mindestens zwanzig

gebraucht hätte. Es war nicht der Geldgewinn, der sie trieb, denn

die Arbeiter wiesen jede Belohnung als eine Beleidigung zurück, es

war der Drang, ihre Genossen um jeden Preis zu retten. So kann also

die widerlichste unangenehmste Arbeit indirekt anziehend werden,

wenn edle Impulse ihr zu Hülfe kommen.«

Fourier erläutert nun weiter die innere Organisation und Verwaltung

der Phalanx. »In der Zivilisation kennt man keine andere

Rangordnung, als die nach Stand und Vermögen; die sozietäre Ordnung

dagegen wendet eine uns heute gänzlich unbekannte Klassifikation

an, diejenige der Charaktere nach dem Lebensalter und nach

Temperamenten. Die verschiedenen Alter vom dritten Lebensjahre an

bis zum Greisenalter theilen sich in sechzehn Stämme (»tribus«)

und, den beiden Geschlechtern entsprechend, in zweiunddreißig

Chöre.« Die Kinder vom frühesten Lebensalter -- bis zu einem Jahre

Säuglinge, bis zum zweiten Poupons und bis zum dritten Lutins

genannt -- zählen als unentwickelt noch nicht mit. Jeder der

sechzehn Stämme hat seine besondere Bezeichnung. Stamm Nr. 1,

3-4½ Jahre zählend, umfaßt die Bambins; Nr. 2, 4½-6½

Jahre, die Cherubins; Nr. 3, 6½-9 Jahre, die Seraphins; Nr. 4,

9-12 Jahre, die Lyzeisten; Nr. 5, 12-15½ Jahre, die Gymnasiasten;

Nr. 6, 15½-20 Jahre, die Jugendlichen. Die weiter folgenden

Stämme sind nicht streng nach den Lebensaltern geregelt; die drei

letzten, aus den höchsten Lebensaltern gebildet, heißen: die

Ehrwürdigen, die Verehrten, die Patriarchen. Abgesehen von den

sechs ersten Stämmen, für die eine besondere Organisation und ein

besonderes Erziehungssystem besteht, wobei beim Aufsteigen von

einem Stamm in den andern besondere Prüfungen verlangt werden, hat

diese Stammeseintheilung kaum einen praktischen Zweck, wenigstens

ist er nicht zu erkennen. Nur die ältesten Stämme haben gewisse

Ehrenposten in der Phalanx inne, sie sind aber ohne wesentlichen

Einfluß.

Die werthvollste Anwendung von dieser Stufenleiter wird bei den

Kindern gemacht, sie soll die natürliche Erziehung erleichtern und

den Korpsgeist erzeugen, mit Hülfe dessen sie mit Eifer zu den

Studien und zu den Arbeiten hingezogen werden. Sobald die Kinder in

das Reifealter übergetreten sind, besuchen sie wie die älteren

Lebensalter täglich die Börse, wo alle Abmachungen für die Arbeiten

und die Vergnügungen des nächsten Tages besprochen und geordnet

werden.

Die oberste Leitung der Phalanx liegt in den Händen der

Regentschaft. Diese wird aus den Mitgliedern des Areopags gewählt,

der sich zusammensetzt: 1. aus den Chefs aller Serien; 2. aus den

drei ältesten Stämmen: den Ehrwürdigen, Verehrten und Patriarchen;

3. aus den Aktionären und 4. aus den Magnaten und Magnatinnen der

Phalanx. Der Areopag hat wenig zu thun, da sich Alles durch

Anziehung und den Korpsgeist der Stämme, Chöre und Serien regelt;

er giebt nur über wichtige Geschäfte, wie die beste Erntezeit, die

Weinlese, Neubauten etc., seine Meinung kund, doch ist diese

Meinung nicht verpflichtend. »Weder sind der Areopag noch die

Regentschaft mit lächerlichen Verantwortlichkeiten belastet, wie

z.B. ein Finanzminister in der Zivilisation.« Das Rechnungswesen

ist Sache einer besonderen Serie, welche die Bücher führt, die

jedes Mitglied der Phalanx einsehen kann. Ueberdies ist das

Rechnungswesen so einfach wie möglich. Tägliche Zahlungen giebt es

nicht, jedes Mitglied hat, entsprechend seinem Vermögensantheil und

dem voraussichtlichen Arbeitsertrag, Kredit. Ebenso rechnen die

verschiedenen Phalanxen auf Grund ihrer Bucheintragungen von Zeit

zu Zeit miteinander ab. Die Rechnung für die Einzelnen wird am Ende

des Jahres, wenn die Bilanz gezogen ist und die Vertheilungen

vorgenommen werden, beglichen. Dasselbe Verfahren wird seitens der

Phalanxen dem Fiskus gegenüber beobachtet, der vierteljährlich

seine Steuern für die Gesammtheit der Mitglieder einer Phalanx

pünktlich, und bei dem viel ergiebigeren Ertrag aller Arbeit auch

in entsprechend höheren Beträgen, abgeführt erhält. Herr Fiskus

erspart also seine gesammten Steuerbeamten, Exekutoren und die für

diesen Zweck in Thätigkeit zu setzenden Gerichtsbeamten. Ebenso

geben die industriellen Armeen, worunter diejenigen Abordnungen der

Phalanxen verstanden werden, welche sich in einem mehr oder weniger

entfernten Lande oder in einer Provinz mit Abordnungen anderer

Phalanxen zu gemeinsamen, besonders gearteten größeren

Arbeitsleistungen zusammenfinden, auf ihrer Reise einfache

Schuldverschreibungen ab, die der betreffenden Phalanx präsentirt

und von dieser berichtigt werden. Da nun solche industriellen

Armeen ziemlich oft zusammentreten und Reisen unternehmen, ist

jedes Phalansterium mit den entsprechenden Unterkunftsräumen für

Menschen und Thiere versehen. Ferner haben die Kinder keinen

Vormund mehr nöthig, das große Buch der Phalanx hat für jedes

derselben sein Konto und verwaltet seinen Besitzstand und sein

Einkommen. Die Kinder können sogar vom fünften Lebensjahre ab schon

über ihr Einkommen verfügen.

Fourier geht nun über zur Kostenberechnung für die Gründung einer

Phalanx. Diese veranschlagt er auf fünfzehn Millionen Franken. Das

Hauptgebäude, ungefähr 500 Fuß lang und 250 Fuß tief, bilden zwei

hintereinander liegende, durch Gallerien verbundene parallel

laufende Bauten und besteht aus Parterre, Entresol und vier Etagen.

Das Zentrum des Gebäudes tritt nach hinten zurück, wodurch ein

großer freier Platz zwischen den Flügeln entsteht, der als

Paradeplatz Verwendung findet. Der Raum zwischen den beiden

parallel laufenden Bauten ist mit Blumenparterren, Orangerien,

Springbrunnen ausgefüllt. Der große Mitteleingang führt in eine

mächtige Säulenhalle, von wo Gallerien und Treppen nach allen

Theilen des Gebäudes fuhren. Im Parterre des Mittelraums befindet

sich der große Wintergarten. Die Alten wohnen in den

Parterreräumen, die Kinder im Entresol. In den Flügeln der ersten

Etage logiren die reichen Phalansterianer, in der Mitte der ersten

Etage befindet sich der Börsensaal, die Speise- und

Vergnügungssäle. Außerdem giebt es eine Menge Räume für kleine

Gesellschaften. Die oberste Etage bleibt für die Fremden und die

Besucher reservirt. Küchen und Bäder befinden sich im Souterrain.

Die Werkstätten, Waaren- und Getreidelager und Stallungen liegen

symmetrisch geordnet dem Hauptgebäude gegenüber, getrennt durch

eine breite mit Bäumen und Blumenbosquets bepflanzte Straße. Alle

Passagen und Uebergänge sind gegen die Unbilden der Witterung

geschützt und im Winter erwärmt. Hinter den beiden Flügeln des

Hauptgebäudes liegen rechts und links die Kirche und das Theater,

beide ebenfalls durch verdeckte Gänge mit dem Wohngebäude in

Verbindung stehend.

Die Thätigkeit der Phalanx wird sich besonders erstrecken auf die

Vieh- und Geflügelzucht, eine Thätigkeit, die namentlich in der

ungünstigsten Jahreszeit ausgenutzt werden kann. Garten- und

Feldbau wird im ausgedehnteren Maßstab betrieben, und wird während

der milden Jahreszeit die meisten Hände in Anspruch nehmen. Die

Küchenarbeiten mit ihren umfänglichen Vorarbeiten erfordern Tag für

Tag eine große Anzahl verschiedener Kräfte. Der Küche werden die

Phalansterianer eine besondere Sorgfalt schenken, denn gut zu essen

betrachten sie als eine ihrer vornehmsten Pflichten, und daher wird

allen Thätigkeitszweigen, die mit der Küche in Verbindung stehen,

eine besondere Aufmerksamkeit entgegengebracht werden. Dazu gehören

also insbesondere Gemüse und Obstzucht, Vieh- und Geflügelzucht,

Fischzucht, Wildpflege, Konservenbereitung. Manufakturen und

Gewerbe sollen nach Bedürfniß eingerichtet und hauptsächlich im

Winter betrieben werden.

Die Phalanx richtet ihre ganze Thätigkeit und ihr Bestreben dahin,

daß Alles, was sie leistet, sich durch Solidität wie durch

Schönheit und Geschmack auszeichnet, sie sucht mir einem Wort in

Allem das Vollendete zu liefern. Dadurch wird sie im Vergleich zu

der Zivilisation in vielen Dingen geringere Quantitäten an

Produkten verbrauchen, z.B. an Tuchen, Kleidungsstoffen, Möbeln,

Werkzeugen.

In einer gut und voll eingerichteten Phalanx werden nach Fourier's

Berechnung nöthig sein: für Thier- und Geflügelzucht 30 Serien; für

Garten- und Landwirthschaft, inklusive Wiesenbau und

Waldbewirthschaftung, 50 Serien; für die Manufakturen 20 Serien;

für Hauswirthschaft und Erziehung 40 Serien; für Küche und Kellerei

60 Serien; im Ganzen also 200.

In der Manufaktur wird man wieder diejenigen Beschäftigungen, die

täglich in Anspruch genommen werden, wie: Schneiderei,

Schuhmacherei, Tischlerei, Schlosserei, Sattlerei u.s.w., von denen

unterscheiden, in denen eigentliche Massenfabrikation, wie die

Anfertigung der Halbfabrikate, Wäschefabrikation u.s.w., betrieben

wird. Diese Massenfabrikation läßt sich auf bestimmte Zeiten

beschränken. Die Anwendung in den verschiedenen Thätigkeiten bleibt

der freien Wahl der Geschlechter überlassen, auch werden die

rivalisirenden Serien nach den verschiedensten Methoden thätig sein

und immer neue Methoden zu erfinden suchen. Manche Gewerbe werden

besonderen Anklang finden, wie die Kunsttischlerei, die Parfumerie

-- letztere hauptsächlich bei den Frauen --, die Konditorei. Die

Geschlechter werden sich dabei die ihrer Natur besonders zusagenden

Thätigkeiten ganz von selbst auswählen. So wird in der Konditorei

das Anmachen des Teigs hauptsächlich Männerarbeit sein, die Frauen

werden sich mit der Herrichtung der Früchte und Materialien

beschäftigen, die Kinder werden bei dem Formen, dem Auslesen und

Einlegen in Anspruch genommen sein. Auch wird, weil alle Einrichtungen

auf das Beste und Zweckmäßigste getroffen sind, die peinlichste

Reinlichkeit in den Werkstätten und Arbeitsräumen aufrecht erhalten

werden können. Ist Butter- und Käsefabrikation vorzugsweise Frauen-

und Kinderbeschäftigung, so die Fleischerei Männerarbeit. Fourier

führt dies Alles sehr im Detail aus, um zu zeigen, wie alle

Geschlechter in zweckmäßiger Weise ihrem Charakter und ihren

Anlagen entsprechend ihre Beschäftigungen zu finden vermöchten. Der

ganze Mechanismus der industriellen Anziehung würde umgestürzt und

die Phalanx unmöglich werden, wenn man in der Assoziation, sowie

heute in der Zivilisation, keine Rücksicht auf die verschiedenen

Triebe nehmen und die Arbeitssitzungen über das zulässige Maß

ausdehnen wollte.

Die Fabriken werden aus den Städten allmälig auf das Land verlegt,

damit der Arbeiter die volle Abwechslung der Beschäftigung, wie die

Vortheile und Annehmlichkeiten des Landlebens und der ländlichen

Beschäftigung genießen kann.

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Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien. · 第 3 / 9 题