Von

A. Bebel.

Stuttgart

Verlag von J. H. W. Diek

1890

Vorrede.

Das achtzehnte Jahrhundert zählt in der Geschichte der Entwicklung

der Menschheit zu jenen Perioden, auf denen der Blick des

Kulturforschers und Fortschrittsfreundes mit besonderem Interesse

ruht. Nach den religiösen, politischen und sozialen Kämpfen des

Reformationszeitalters war, wie das stets nach großen Volks- und

Massenbewegungen zu geschehen pflegt, eine Art Stillstand und

Rückschlag für die Fortentwicklung eingetreten. Die durch die

Reformationsbewegungen zur Geltung gekommenen Stände und Interessen

suchten sich zu konsolidiren und die daraus hervorgehenden

Reibungen führten wieder zu gewaltsamen Kämpfen und Erschütterungen

von mehr oder weniger langer Dauer, die alle übrigen Interessen

absorbirten, den materiellen wie den geistigen Fortschritt der

Massen für lange Zeit hemmten.

In Deutschland hatte die Reformation dem Landesfürstenthum

Oberwasser verschafft. Die Landesfürsten hatten die Reformation

benutzt, um unter dem Deckmantel der Religion die eigene Hausmacht

nach Möglichkeit zu stärken dadurch, daß sie den kleinen Adel

sich unterthänig und von sich abhängig machten, die Macht der

Geistlichkeit brachen, sich selbst die bischöfliche Gewalt

beilegten, Kloster und Kirchengut konfiszirten und die gewonnene

Macht benutzten, sich immer mehr von der Kaisergewalt zu emanzipiren,

diese zum bloßen Schatten zu degradiren. Aus diesem Interessenkampf

der Fürsten entstanden die sogenannten Religionskriege, der

schmalkaldische und der dreißigjährige Krieg, die Deutschlands

politische Ohnmacht und Zerrissenheit auf Jahrhunderte besiegelten,

seine ökonomische Schwächung -- die schon durch die Umgestaltung

der Weltmarktsbeziehungen in Folge der Entdeckung von Amerika und

des Seewegs nach Ostindien veranlaßt war -- noch vergrößerten und

allgemeine Armuth, schweren geistigen und geistlichen Druck über

Länder und Völker verbreiteten.

In Frankreich erzeugte die Reformation die Kämpfe der Hugenotten,

d.h. des hugenottisch gesinnten Bürgerthums und die des

frondirenden Adels gegen das frühzeitig sich entwickelnde, alles

zentralisirende absolute Königthum. Nach längeren Kämpfen siegte

das letztere und fand in Ludwig XIV. seinen glänzendsten, aber auch

seinen bedrückendsten und gewaltthätigsten Vertreter. Die inneren

und äußeren Kämpfe Frankreichs im 16. und 17. Jahrhundert hemmten

die freie Entwicklung des materiellen wie geistigen Fortschritts.

Bürgerthum und Adel gegenseitig feindlich, das Land nach außen,

namentlich unter dem erwähnten Ludwig, von einem Krieg in den

anderen gestürzt, war schließlich erschöpft und verarmt. Solche

Zeitalter sind nicht geeignet, große Ideen zu gebären, für geistige

Kämpfe die Bahn frei zu machen. Dagegen zeigte das achtzehnte

Jahrhundert in Frankreich ein ganz anderes Bild. Frankreich bildete

für dieses Zeitalter die Wiege des menschlichen Fortschritts auf

allen Gebieten; hier entwickelte sich allmälig eine Fülle von

geistigem Glanz und Leben, wie sie bis dahin kein Volk und kein

Zeitalter in gleichem Maße erlebte. Die Menschen wuchsen sozusagen

über sich selbst hinaus und setzten alle Geister und Herzen in der

ganzen Kulturwelt in Bewegung. Frankreich mag viel gesündigt haben,

die Dienste, die es während des achtzehnten Jahrhunderts der

Menschheit leistete, werden ihm, so lange Menschen leben,

unvergessen bleiben.

Die Fortschritte begannen unmittelbar nach dem Tode Ludwig's XIV.,

dessen Gewalt mit eisernem Drucke auf dem Lande gelastet, alle

freie bürgerliche Regung erdrückt, alle freie geistige Bewegung

erstickt hatte. Das Land stand nach seinem Tode am Rande des

materiellen und geistigen Bankerotts. Allmälig erholte sich das

Volk und arbeitete sich, wenigstens in den Städten, wo die feudale

Macht des Adels und der Geistlichkeit am wenigsten sich fühlbar

machen konnte, empor. Die Männer von Bildung und Geist, die nach

der Entwicklung und Entfaltung der Kräfte des Landes strebten,

eilten nach jenseits des Kanals, nach England, um dort, an den

Quellen des öffentlichen Lebens, die Studien zu machen, zu denen

ihnen im eigenen Lande die Gelegenheit und die Möglichkeit fehlte.

Zurückgekehrt nach der Heimath, begannen sie die Arbeit, die

langsam aber sicher den stolzen Bau des absoluten Staats und der

feudalen Gesellschaft untergrub und unterhöhlte, bis zu Ende des

Jahrhunderts in einem Riesenzusammenbruch Beides, Staat und

Gesellschaft, zusammenstürzten, und durch ihren Fall ganz Europa

aus den Fugen trieben.

Das Königthum gerieth nach Ludwig XIV. in die Hände von

Schwächlingen, die Geistlichkeit und der Adel waren verlottert und

verweichlicht; eine Minorität unter den beiden Ständen war geneigt,

angeekelt von dem Treiben der eigenen Klasse und den Zuständen um

sich, neuen Ideen sich zugänglich zu erweisen und spielte mit dem

Feuer, dessen Gefährlichkeit sie nicht kannte. So erklärt sich, daß

die Männer der neuen Zeit mit ihren alles Alte angreifenden und

erschütternden Ideen vielfach gerade dort einen bereiten Boden

fanden, wo man ihn am wenigsten hätte erwarten sollen. Aber es

hatte sich auch des Bürgerthums ein Drang nach Wissen und Bildung,

nach politischen Rechten, ein Geist der Unzufriedenheit über das

Bestehende bemächtigt, wodurch die Bewegung schließlich zum Alles

niederreißenden Strom anschwoll.

Das Bürgerthum, politisch so gut wie rechtlos und machtlos, die

Vertretung seiner Magistrate in den alten ständischen Parlamenten

mißachtet, mit Abgaben unangenehmster Art beschwert, durch Zunft-,

Bann- und Höferechte in seiner materiellen Entwicklung behindert,

von Adel und Geistlichkeit geringschätzig und verächtlich

behandelt, aller persönlichen Rechte und der Garantien persönlicher

Freiheit beraubt, sehend, wie die ungerecht vertheilten und

gewaltsam beigetriebenen Steuern und Abgaben von einem in der

Liederlichkeit verfaulenden Hof verschlemmt und verpraßt wurden,

erfaßte mit Gier die neuen Ideen, welche die Rechtmäßigkeit der

feudalen Vorrechte angriffen, die religiösen Vorurtheile, unter

deren Druck es litt, in Zweifel zogen, die allgemeine Freiheit und

Rechtsgleichheit lehrten. Der neue Staat und die neue Gesellschaft

wurden in den verführerischsten Farben dargestellt, politische

Macht, Reichthum, geistige Freiheit und Gleichheit Allen in

Aussicht gestellt.

Wenn in einem Gesellschaftszustand die Dinge sich einmal so weit

entwickelten, daß ein großer Theil der Betheiligten und

Interessirten von Unzufriedenheit und Mißstimmung gegen das

Bestehende und von Sehnsucht nach besseren Zuständen erfüllt ist,

so wird der alte Zustand sich auf die Dauer nicht halten können,

was immer für Mittel und Praktiken in Anwendung kommen, ihn zu

erhalten und zu stützen. Mag die Sehnsucht der Masse nach

Veränderung des Bestehenden, nach Umgestaltung ihrer Lage zunächst

nur eine Sache des Gefühls sein, das aber in dem thatsächlichen

Zustand der Verhältnisse seine Begründung und seine Berechtigung

findet. Mag diese Masse sich über den Weg wie über die Mittel,

durch die ihr geholfen werden könnte, noch so unklar sein, der

Moment kommt, wo sie mit elementarer Macht, _instinktiv stets

richtig_, nach dem bestimmten Ziele drängt und die bewußten und

wissenden Geister zwingt, sich zu ihrem Organ, zu ihrem Mundstück

und zu ihren Werkzeugen aufzuwerfen, um die Bewegung zum richtigen

und nach Lage der Verhältnisse möglichen Ziele zu leiten. Die

Führer sind unter solchen Umständen stets Werkzeuge, nicht Macher,

und sie werden bei Seite geworfen, sobald sie sich zu Machern

aufwerfen, die Bewegung für sich und nach eigenem Gutdünken, statt

im Interesse der Betheiligten zu benutzen suchen. Die rasche

Abwirthschaftung der Führer in akut gewordenen Volksbewegungen hat

in diesem Geheimniß ihren Grund, sie wollen Allesmacher sein, wo

sie nur Werkzeuge sein sollen und können. Da man sich hüben wie

drüben dieses Verhältnisses selten bewußt ist, schreien die Einen

über Verrath, die Andern über Undankbarkeit der Masse; das Erstere

ist selten wahr, das Letztere zu behaupten stets eine Narrheit, ein

Verlangen, das nur Diejenigen stellen können, die sich über die

Natur ihrer Stellung nie klar waren, Schieber zu sein glaubten, wo

sie nur Geschobene sein konnten.

Jeder großen Umgestaltung in der Gesellschaft geht zunächst eine

Periode der Gährung voraus, eine Periode, die, je nach dem Stande

der allgemeinen Bildung und Kultur, nach dem Gewicht der

betheiligten Klassen und nach der Kraft und der Macht der

widerstrebenden Gewalten, bald längere, bald kürzere Zeit dauert,

ehe die Bewegung zum offenen Ausbruch kommt und ihr Ziel in irgend

einer Form, das wieder von dem mathematischen Kraftverhältniß der

gegeneinander wirkenden Faktoren abhängt, erreicht. Geht eine

Bewegung über ihr Ziel hinaus, d.h. erreicht sie mehr, als sie, in

sich selbst zur Ruhe gekommen, im Interesse der nun in der Macht

befindlichen Gewalten, die nunmehr den Schwerpunkt bilden, um den

Alles gravitirt, erreichen _soll_ und, setzen wir hinzu, erreichen

_darf_, so folgen die Rückschläge. Mit andern Worten, eine ihrem

inneren Wesen nach selbst wieder auf Klassenherrschaft abzielende

Bewegung darf nicht weiter gehen, als sie die Unterstützung der

maßgebenden Interessirten findet.

Scheinbar ist bis jetzt jeder Revolution eine Reaktion gefolgt, in

Wahrheit wurde die Bewegung stets auf ihren _natürlichen_ Schwer-

und Ruhepunkt zurückgeführt, weil sie darüber hinaus ging. Dieser

Zustand ist aber stets, auch wenn er durch eine gegen die weiter

vorwärts drängenden Elemente gerichtete gewaltsame Reaktion

herbeigeführt wurde, dem Zustande, der _vor_ der Bewegung bestand,

weit voraus. Man hört z.B. so häufig die Bemerkung machen, daß die

bürgerliche Revolution der Jahre 1848 und 1849 in Deutschland an

der Macht der Reaktion gescheitert sei. Das ist einfach nicht wahr.

Die Bewegung hat erreicht, was sie nach ihrem _wahren innern

Gehalt_ erreichen konnte. Revolution und Reaktion rangen so lange

mit einander, bis sie auf dem Punkt ankamen, auf dem sie sich zu

verständigen vermochten. Die Grenze war, wo die Lebensfähigkeit des

Alten aufhörte und die Lebensmacht des Neuen begann. Von vornherein

war ein großer Theil der anfangs revolutionären Kräfte, die das

behäbige Bürgerthum umfaßten, entschlossen, über eine gewisse

Grenze nicht hinaus zu gehen. An diesem Punkt angekommen, trennten

sich diese Kräfte von den weiter drängenden Elementen. Dadurch

verlor die Bewegung einen Theil ihrer Kraft, sie war ohnmächtig,

weiter zu gehen. Und wie immer nach 1849 die Reaktion in

Deutschland hauste, das, was thatsächlich jetzt bestand, ging weit

über das hinaus, was vor 1848 bestanden hatte. Die neuen Ideen

hatten trotz alledem gesiegt und Alles, was seitdem in Deutschland

geschah, ist nur durch diesen Sieg im »tollen Jahr« möglich

geworden.

Rückschläge werden nun nothwendig in jeder Bewegung kommen, die

selbst wieder auf Klassenherrschaft, wenn auch sich selbst

unbewußt, hinausläuft. Ein solcher Rückschlag kann erst dann

unterbleiben, wenn eine Bewegung siegt, die in ihrem Wesen und

Prinzip die Aufhebung _aller_ Klassenherrschaft _bedingt_ und daher

_alle_ Formen sozialer und politischer Herrschaft _aufheben muß_.

Bisher waren alle Bewegungen, die ihr Ziel erreichten, Bewegungen der

ersteren Art, und so begreift sich von vornherein, daß auch _die_

Bewegung, die gegen die Mitte des vorigen Jahrhunderts in Frankreich

begann und im letzten Jahrzehnt des Jahrhunderts zur Entscheidung

kam, diesem Schicksal aller bisherigen großen Volksbewegungen nicht

entgehen konnte. Ihr Charakter als Klassenbewegung des Bürgerthums,

ihr Ziel, die Herrschaft desselben zu begründen, zwang sie

schließlich, sich gegen die revolutionäreren Elemente in ihrer

eignen Mitte zu richten, und, da man innerhalb der Bewegungselemente

und nachdem die Bewegung absolut gesiegt hatte, weder hüben noch

drüben diesen inneren Widerspruch, in dem man sich zu einander

befand, begriff, mußte man sich gegenseitig bis zur Vernichtung

bekämpfen und im Blute ersticken. Die Interessen des Großbürgerthums

mußten, weil sie die entscheidenden waren, die Oberhand behalten,

aber aus Furcht vor neuen inneren Gegensätzen und Kämpfen warf sich

dieses der Militärdiktatur des Konsulats und des Kaiserreichs in

die Arme, um sich, d.h. _die neue Gesellschaft_, zur Ruhe und zum

Genuß des Errungenen kommen zu lassen.

Der Kampf gegen das alte System richtete sich in Frankreich gegen

alle bisherigen Grundlagen der alten Gesellschaft, gegen die Kirche,

den Adel, die absolute Staatsgewalt, gegen die Besteuerungs-, die

Eigenthumsformen, das Erziehungssystem, die sozialen Einrichtungen.

Nichts blieb im Laufe der Jahrzehnte, die dieser zunächst rein

literarische Kampf währte, unangetastet. Die Angriffe wurden immer

kühner. Ganz neue Staats- und Gesellschaftssysteme (Condorcet,

Morelli, Mably, Rousseau) tauchten auf und erklärten dem

Bestehenden den Krieg; ebenso wurden fast alle Zweige der

Naturwissenschaften und insbesondere auch die Philosophie in der

radikalsten Weise behandelt. Die Verfolgungen, welche die

Staatsgewalt und die Kirche gegen diese Feinde der alten Ordnung

in Szene setzten, hatten so gut wie keine Wirkung, sie gossen nur

Oel in's Feuer. Jahrelange Gefängnißstrafen, Verbannungen,

Degradirungen, Ausweisungen gegen die Verfasser, Verbrennung

ihrer Bücher und Schriften, Verbote gegen ihre Verbreitung,

gesellschaftliche Aechtung der Autoren, Alles half nichts. Die

Bewegung schwoll von Jahrzehnt zu Jahrzehnt immer mehr an, sie

ergriff Alles, was Kenntnisse und Intelligenz besaß, sie erfaßte

sogar die Frauen und wuchs so, daß die Gewaltmittel des Staates

versiegten und dieser wie die Kirche von einer Position in die

andere zurück gedrängt wurden. Im vorletzten Jahrzehnt vor der

Revolution gab es in Frankreich keinen Schriftsteller von einiger

Bedeutung, der nicht im Gefängniß gesessen oder Verbannung

erlitten, oder dessen Werke nicht verboten oder öffentlicht

verbrannt worden, oder der nicht in irgend sonst einer Weise

verfolgt, drangsalirt und geschädigt worden war. Voltaire,

Montesquieu, Rousseau, Beaumarchais, Diderot, d'Alembert, La

Mettrie, La Harpe, Marmontel, Morellet, Buffon, Linguet und viele,

viele Andere verfielen der Verfolgung. Wenn Holbach und Helvetius,

Turgot, Quesnay, Necker, Condillac, Laylain, Cuvier, Lavoisiers,

Bichot, Mirabeau der Aeltere solchen Verfolgungen entgingen,

geschah es, daß sie, wie die beiden Erstgenannten, anonym

schrieben, oder daß sie zu einer Zeit schrieben, wo das System, von

der Nutzlosigkeit der Verfolgungen betroffen, ermüdet war, oder daß

sie wissenschaftliche Thematas behandelten, die dasselbe nicht

direkt berührten. Und auch in letzterer Beziehung ging das

Mißtrauen sehr weit; so mußte Buffon, als er 1751 seine

Naturgeschichte veröffentlichte, der Pariser theologischen Fakultät

ausdrücklich versprechen, daß Alles, was er in seinem Buche lehre,

mit der biblischen Schöpfungsgeschichte nicht in Widerspruch stehe.

Die Enzyklopädie der d'Alembert, Diderot und Genossen aber wurde

mit der Motivirung verboten, »daß sie Grundsätze enthalte, welche

darauf hinzielten, den Geist der Unabhängigkeit und Empörung zu

wecken und unter dunkeln und zweideutigen Ausdrücken den Grund zum

Irrthum, zur Sittenverderbniß und zum Unglauben zu legen.« Doch

alle diese Maßnahmen retteten das System nicht.

Die Bewegung hatte endlich ihren Höhepunkt erreicht, die

Gesellschaft wollte statt der Theorien Thaten sehen. Der Hof suchte

durch halbe Konzessionen und kleinliche Maßregeln, die das

Gegentheil erzeugten von dem, was sie bezweckten, dem Drängen

nachzugeben. Der Sturm brach endlich los. Wir beschreiben nicht die

französische Revolution, wir skizziren sie nur kurz, weil dies für

unsern Zweck genügt. Die Nationalversammlung, anfangs den Bestand

des Königthums als selbstverständlich ansehend, wurde im Laufe der

Ereignisse über sich selbst hinaus getrieben. War die Konstituante

noch königlich, der Konvent wurde republikanisch. Die zunehmende

Noth der Massen, Mangel an Lebensmitteln, Mangel an Arbeit, Wucher,

Mißtrauen gegen Oben schürten den Brand. Die royalistischen und

pfäffischen Intriguen im In- und Ausland, die Alles beunruhigten,

weil sie alles Gewonnene in Frage zu stellen schienen, verstärkten

die schon vorhandene heftige Aufregung. Der Fluchtversuch des

Königs, seine ganze zweideutige Haltung steigerten das Mißtrauen

und den Haß gegen ihn und die alten Stände. Der Zustand der

Staatsmaschinerie, die durch die Ereignisse in Unordnung gebracht,

durch die Aufhebung der alten drückenden Steuerlasten und Abgaben

der Mittel zur Funktionirung beraubt war, zwang zur Ausgabe von

Massen Papiergeld (Assignaten), die als Zahlungsanweisungen auf die

konfiszirten Kirchengüter und später auch auf die konfiszirten

Güter der emigrirten Adeligen ausgegeben wurden. Aber da in dem

allgemeinen Tohuwabohu der Verkauf dieser Güter sehr langsam vor

sich ging und die Staatsbedürfnisse in's Riesenmäßige stiegen, als

das Land gezwungen wurde, nach dem Sturz des Königthums und der

Enthauptung des Trägers der Krone, gegen das ganze zivilisirte

monarchische Europa Krieg zu führen, fielen die Assignaten sehr

bedeutend im Werth. Ende 1790 schon 1200 Millionen betragend,

stiegen sie im Laufe der Jahre auf 8, dann auf 12, endlich auf 24

Milliarden. Ihre Vermehrung steigerte ihre Werthlosigkeit, die

schließlich nur noch ein Hundertstel und weniger ihres Nennwerthes

betrug, und dies erzeugte eine vollständige Revolution aller

Preise. Zu den Kämpfen nach Außen kamen gewaltige Kämpfe im Innern.

Adel und Geistlichkeit intriguirten und konspirirten in

hunderterlei Formen, um wieder zur Herrschaft zu kommen. England,

das unter dem Ministerium Pitt die inneren Kämpfe Frankreichs

vortrefflich ausnutzte, um seine See- und Kolonialmacht auf Kosten

Frankreichs zur allbeherrschenden zu machen, das jetzt Rache nahm

für die Hülfe, die Frankreich anderthalb Jahrzehnte zuvor der

Unabhängigkeitsmachung der Vereinigten Staaten von England

geliehen, dieses England sandte geheime Agenten über geheime

Agenten, die mit Geld reichlich ausgestattet den inneren Kampf

schüren mußten. Im Westen des Reiches erhob sich, ebenfalls von

England unterstützt, die streng konservativ und kirchlich

gebliebene Bevölkerung der Vendee und Bretagne, im Süden erhoben

sich die theils royalistisch, theils girondistisch gesinnten

Städte, vor allem Lyon, dessen Luxusindustrie unter all diesen

Ereignissen außerordentlich litt. Im Konvent brach nach dem Sturz

des Königthums der Kampf der verschiedenen bürgerlichen Parteien

unter sich aus. Die kleinbürgerlichen Massen, hauptsächlich in den

Klubs und speziell in dem Jakobinerklub organisirt, nahmen

thatsächlich die Leitung der Ereignisse in die Hand und drängten

den Konvent von Handlung zu Handlung. Vergebens suchten die

Vertreter der eigentlichen Bourgeoisie, die Girondisten, zu

widerstehen, sie unterlagen und endeten durch Ausstoßung oder auf

dem Schaffot.

Die Schreckensherrschaft begann. Das in seinen tiefsten Tiefen

aufgeregte Volk, im Inneren von den royalistischen Verschwörungen

bedroht, an den Landesgrenzen die europäischen Heere erblickend,

welche drohten als Hersteller des Alten das ganze Land zu

überziehen, von Arbeits- und Verdienstlosigkeit heimgesucht, vom

Hunger gepeinigt, rapide Entwerthung des Geldes, rapide Verteuerung

der Lebensmittel sehend, ohne sich all dies genügend erklären zu

können, gerieth in Raserei. Die Gewaltszenen häuften sich und das

Blut der Feinde der Republik und Derer, die man als Feinde des

Volks ansah, floß in Strömen. Um der zunehmenden Verzweiflung der

Massen zu steuern, war der Konvent gezwungen, das sog. Maximum

einzuführen, d.h. den Preis festzustellen, zu dem die nothwendigsten

Lebensmittel abgegeben werden mußten; und als 1794 abermals eine

Hungersnoth drohte, weil die Verkäufer der Lebensmittel allerorts

mit ihren Waaren zurückhielten, mußte er sogar die Rationirung des

Brotes für die pariser Bevölkerung einführen. Aber da alle diese

Maßregeln den ersehnten Zustand nicht herbeiführen wollten,

Arbeitslosigkeit, Wucher, Geldentwerthung, Beunruhigung fortdauerten,

die schönste Verfassung, welche die Welt gesehen, mit all ihren

Freiheiten und Rechten, weder die Freiheit, noch die Gleichheit,

noch die Brüderlichkeit begründete, der ganze Zustand immer wirrer

aber auch unfaßbarer wurde und Keiner die Lösung des Räthsels fand,

_was war natürlicher, als daß man die Personen verantwortlich_

machte _für die Dinge, deren Natur man nicht begreifen konnte_!

Eine Partei klagte die andere an, suchte sie als die Ursache des

allgemeinen Unglücks zu vernichten. Die Royalisten waren in

Schaaren geopfert, proskribirt, eingekerkert, flüchtig, die

Girondisten waren vernichtet. Jetzt traf die Reihe die Dantonisten,

ihnen folgten die Hebertisten, schließlich kamen die, welche alle

Andern geopfert, die Terroristen, die Robespierrianer selbst an die

Reihe. Diese »Tugendhaften« hatten die Republik und das allgemeine

Wohl nicht retten können; die ihnen jetzt in der Herrschaft

folgten, die Männer der richtigen Mitte, des ehemaligen Sumpfes im

Konvent, die Schlauberger, die es mit allen Parteien gehalten, um

es mit keiner zu verderben, die keine Ideale und keine Leidenschaften

besaßen, retteten auch weder die Republik, noch begründeten sie das

allgemeine Wohl. An Beiden lag ihnen herzlich wenig, aber sie

thaten etwas Besseres, sie retteten sich und das Wohl ihrer Klasse,

und dies war schließlich das »allgemeine Wohl«.

In allen Kämpfen und Wirrnissen der Revolution, als die

Leidenschaften den höchsten Grad erreichten, andererseits die

Begeisterung erglühte, die glänzendsten Gedanken, die bis dahin nur

menschliche Hirne erfassen konnten, in Worte und Thaten sich

umsetzten, gab es ein geheimnißvolles Etwas, das wie der Geist über

den Wassern schwebte, mit dämonischer Kaltblütigkeit in alle Pläne

und Projekte eingriff, sie förderte oder zerstörte, wie es seinem

Interesse entsprach, dabei Allen sichtbar und doch unfaßbar war,

diese Macht war -- _das Kapital_. Das Kapital hatte unter all den

Ruinen und Zerstörungen, welche die Revolution geschaffen, allein

die Beute eingeheimst und schließlich den Sieg davon getragen. Das

Kapital hatte aus allen inneren und äußeren Verlegenheiten des

Königthums und der Republik den alleinigen Nutzen gezogen; es hatte

die Güterkonfiskationen, die Assignatenwirthschaft, das Maximum,

die Rationirungen, die Feldzüge mit ihren Waffen-, Bekleidungs- und

Lebensmittellieferungen, die Waareneinfuhrsperre gegen England,

kurz alle und jede Maßregel, welche die Konstituante, dann der

Konvent, dann der Wohlfahrtsausschuß, jetzt das Direktorium im

Interesse des Landes vollzogen, in seinem Nutzen auszubeuten und

auszuschlachten gewußt. Mitten unter den Blutszenen der Revolution

saß es bei der Ernte und berechnete kaltblütig die Profite, die ihm

diese oder jene Maßregel der Gewalthaber abwerfen werde. Ueberall

seine Agenten habend, in den Klubs, im Konvent, im Wohlfahrts- und

im Sicherheitsausschuß, unter den Konventsdelegationen in den

Provinzen, in der Leitung und Verwaltung der Armeen, in den

Zivilverwaltungen der eroberten Staaten, Städte und Provinzen,

machte es ungeheuere Gewinne. Es feierte Orgien wie nie zuvor und

kaum je nachher. Die großen Vermögen wuchsen wie Pilze aus dem

Boden, der Spekulations- und der Handelsgeist griff immer weiter um

sich und beherrschte das ganze öffentliche und private Leben, alle

Beziehungen der Menschen. Die Lehren eines Adam Smith fanden ganz

spontan, aus der Natur der Dinge heraus, ihre Anerkennung und ihre

Verwirklichung, und es kamen die Lobredner der neuen Ordnung, wie

sie immer sich finden, sobald eine neue Macht im Besitz der Gewalt

und dadurch im Recht ist, und streuten den Weihrauch und priesen

die neue Welt als die beste aller Welten.

Und da man während der Revolution, wie es die »tugendhaften« Lehren

eines Rousseau vorschrieben, äußerlich sehr einfach, sehr sparsam

und sehr »tugendhaft« gelebt hatte, so brach jetzt die lange

künstlich zurückgehaltene Genußsucht mit aller Gewalt hervor und

überschritt alle Schranken. Man praßte und schwelgte und fröhnte

exzentrisch der Liebe, wie es das »ancien regime« unter Ludwig XV,

dem Vielgeliebten, und der Hof von Versailles kaum toller getrieben

hatten. Die Masse aber war wieder in's alte Joch gespannt, ihre

Söhne schlugen mit Begeisterung in aller Herren Länder die

Schlachten und der freie Bauer und Bürger des beginnenden 19.

Jahrhunderts sorgten neben der Blut- für die Geldsteuer, welche die

neue bürgerlich-zäsarische Herrlichkeit unter dem »glorreichen«

Szepter Napoleon's I. ihnen auferlegte.

* * * * *

Unsere Vorrede ist etwas lang geworden, aber sie war nicht

überflüssig zum Verständniß der Aussprüche und Theorien des Mannes,

dessen Leben und Lehren diese Abhandlung gewidmet ist. Das Streben

und der Ideengang eines Menschen von Bedeutung wird ja nur dann

verständlich, wenn man die Zeitverhältnisse kennt, unter denen er

geboren, und die auf seine Entwicklung, also auch auf seinen

Ideengang eingewirkt haben. Wie weit ein Mensch auch über seine

Zeit hinaus denken mag, loszulösen von ihr vermag er sich nicht, er

wird von ihr beeinflußt und beherrscht, und so werden seine

weitgehendsten Gedanken stets den Stempel des Zeitalters tragen, in

dem er lebte und wirkte. Das ist schon oft gesagt worden, es kann

aber nicht oft genug wiederholt werden, weil jeden Tag noch in der

Beurtheilung des Wirkens von Persönlichkeiten gegen diese

Auffassung gesündigt wird.

François Marie Charles _Fourier_ wurde den 7. Februar 1772 zu

Besançon als Sohn eines wohlhabenden Großhändlers geboren. Der

Vater genoß in seiner Heimath eines ziemlichen Ansehens, er wurde

1776 zum Handelsrichter gewählt. Charles (Karl) war das vierte

Kind seiner Eltern, die drei älteren Geschwister waren Mädchen.

Der Vater, der 1781 starb, hinterließ ein Vermögen von

zweihunderttausend Livres, wovon laut Testament der Sohn zwei

Fünftel, also 80.000 Livres, erbte.

Fourier liebte es nie, über seine persönlichen Verhältnisse zu

sprechen; geschah es dennoch, so nur, um eine seiner Theorien in

dieser oder jener Weise damit zu unterstützen. Seine Schüler und

selbst seine intimsten Freunde erfuhren erst nach seinem Tode, daß

er in der Belagerung von Lyon, 1793, durch die Konventstruppen das

ziemlich beträchtliche väterliche Vermögen vollständig eingebüßt

hatte.

Stoiker ohne Ziererei und Künstelei, sprach er nie von der ersten

Ursache, die ihm ein Leben voll Entbehrungen und Einschränkungen

auferlegte.

Fourier zeigte von frühester Jugend einen entschiedenen Willen,

eine unerschütterliche Rechtschaffenheit. Als einziger Sohn vom

Vater für den Handel bestimmt, erzählt er selbst in einem seiner

Werke, wie er frühzeitig gegen denselben eingenommen wurde. Da

diese Stelle für den ganzen Mann charakteristisch ist, geben wir

sie ihrem Hauptinhalt nach wieder. Er sagt: Man muß den Handel als

ein grau gewordener Praktiker, der vom sechsten Jahre ab im

kommerziellen Schafstall erzogen wurde, kennen. Er habe in diesem

Alter den Unterschied zwischen dem Handel und der Wahrheit kennen

gelernt. Im Katechismus und in der Schule habe man ihm gelehrt, nie

zu lügen, dann führte man ihn in den Laden, um ihn frühzeitig in

dem edlen Handwerk der Lüge oder der Kunst, wie man verkauft, zu

üben. Betroffen über die Betrügereien und Schwindeleien, habe er

Käufer, die betrogen werden sollten, bei Seite genommen und ihnen

den Betrug entdeckt. Einer von diesen sei unanständig genug

gewesen, ihn zu verrathen, was ihm eine Tracht Prügel einbrachte,

und im Tone des Vorwurfs hätten seine Eltern erklärt: der Junge

wird nie für den Handel taugen. In der That, er habe eine tiefe

Abneigung gegen ihn empfunden, und, sieben Jahre alt, habe er einen

Eid gegen den Handel geschworen, wie ihn ähnlich Hannibal, neun

Jahre alt, gegen Rom schwur: »Ich schwöre ewigen Haß dem Handel.«

Fourier's Haß gegen Ungerechtigkeit veranlaßte, daß er schon als

Knabe sich stets der schwachen unter seinen Gespielen gegen die

stärkeren annahm, und obgleich er mehr schwächlich als robust war,

fürchteten ihn die stärkeren und älteren seiner Gespielen. Dabei

war er ein harter Kopf, aber ein vortrefflicher Kamerad und voll

Zuneigung. Auch lernte er mit außerordentlicher Leichtigkeit und

gewann mehrfach die ersten Preise, namentlich in lateinischer

Poesie. Aelter geworden, wollte er nach Paris, um dort namentlich

Logik und Physik zu studiren, aber ein Freund der Mutter, der um

Rath gefragt wurde, rieth ab, ihn den Gefahren der Großstadt

auszusetzen, auch seien die erwähnten Wissenschaften einem Kaufmann

nicht vonnöthen; er setzte allerdings hinzu, er glaube, daß ihr

Sohn am Handel keinen Geschmack habe und rieth, ihn nicht wider

seinen Willen zu zwingen. Das Letztere geschah aber dennoch.

Fourier sollte zunächst nach Lyon zu einem Bankier kommen, aber an

dessen Thüre desertirte er, erklärend, daß er niemals Kaufmann

werden wolle. Darauf kam er nach Rouen, wo er ein zweites Mal

auskniff. Schließlich beugte er sich unter das Joch und trat in

Lyon in die Lehre, und so habe er, wie er selbst sagt, die

schönsten Jahre seines Lebens in den Werkstätten der Lüge

zugebracht, überall und stets die Wahrsagung hörend: »Ein

rechtschaffener junger Mann, aber er taugt nicht für den Handel.«

Besondere Neigung besaß Fourier für die Geographie, und so

verwandte er sein Taschengeld hauptsächlich für die Anschaffung von

Karten und Atlanten; nächstdem liebte er außerordentlich die

Blumenzucht und kultivirte solche in vielen Arten und Abarten;

ferner hatte er großen Hang zur Musik und lernte mehrere

Instrumente, und zwar ohne Lehrer, spielen.

Ein hübscher Zug ist aus seinen Schuljahren bekannt geworden.

Obgleich er kein starker Esser war, nahm er täglich ein tüchtiges

Stück Brot mit kaltem Fleisch belegt, zur Schule mit. Als er sich

eines Tages auf einer kleinen Reise befand, stellt sich ein armer

Knabe im Laden ein, und frug, ob der kleine Herr krank sei. Als man

dies verneinte und ihm mittheilte, er sei verreist, brach der

Kleine in Weinen aus. Nach der Ursache befragt, antwortete er: daß

er nunmehr sein Frühstück verloren habe, das ihm der junge Herr

täglich gebracht habe. Er wurde getröstet und wurde ihm für Ersatz

gesorgt.

Fourier machte, bevor er sich dem Wunsche seiner Mutter, Kaufmann

zu werden, fügte, noch einen Versuch, in die Militair-Ingenieurschule

zu Mézieres aufgenommen zu werden, aber wegen seiner bürgerlichen

Abkunft wurde er zurückgewiesen, worüber er sich in späteren Jahren

selbst beglückwünschte, weil er sonst von seinen Studien über den

sozialen Mechanismus würde abgezogen worden sein. So entscheidet

das spätere Schicksal der Menschen meist der Zufall, und da spricht

man beständig von den persönlichen Verdiensten. Wie viel bedeutende

Männer hatten, als sie eine gewünschte Laufbahn verfehlten, eine

Ahnung, daß gerade in diesem _Verfehlen_ die erste Ursache zu ihrer

künftigen Berühmtheit lag? --

Nachdem Fourier seine Lehrzeit in Lyon absolvirt hatte, kam er,

1790 auf einer Reise nach Rouen begriffen, um dort eine Stellung

als Reisender anzunehmen, ein Posten, der zu jener Zeit ein ganz

besonderes Vertrauen voraussetzte, zum ersten Mal auf einige Zeit

nach Paris, das ihm sehr gefiel. Mit Hülfe der Zuschüsse, die er

aus seinem Vermögen besaß, besuchte er allmälig die meisten Städte

Frankreichs, bereiste Deutschland, Holland und Belgien, überall

sorgfältig beobachtend und studirend. Von den Deutschen empfing er

eine sehr günstige Meinung, er nannte sie das unterrichtetste und

vernünftigste Volk. Besonders imponirten ihm die vielen deutschen

Städte, die Sitze von Kunstanstalten, Universitäten und höheren

Bildungsanstalten waren -- die gute Seite und Wirkung der deutschen

Kleinstaaterei. Er beklagte später tief, daß für Frankreich Alles

in Paris konzentrirt wäre, und in Folge dessen alle übrigen Städte

Frankreichs langweilige, monotone und versimpelte Orte seien, in

denen jeder höhere geistige Flug fehle. Auf allen diesen Reisen

studirte Fourier das Klima der verschiedenen Gegenden, ihre

Bodenbeschaffenheit, die Gewerbe, die Bauart der Städte und Straßen

und nicht zuletzt den Charakter der Bewohner. Es gab in keiner

größeren Stadt, die er besucht hatte, ein hervorragendes Gebäude,

dessen Architektur und Dimensionen er nicht genau kannte. Nur für

die Sprachen hatte er wenig Sinn, daher auch sein Verlangen in

seinem Hauptwerk, das schon im Titel seine Auffassung ausdrückt.

»Theorie der universellen Einheit«, daß die Vielsprachigkeit eine

der schlimmsten Fehler des Menschengeschlechts sei, und die

Schaffung einer Weltsprache, wofür er die französische am

geeignetsten hielt, eine der ersten Aufgaben einer neuen sozialen

Ordnung der Dinge sein müsse. Den Deutschen machte er zum Vorwurf,

daß sie mit Hartnäckigkeit an ihrer besonderen Schriftsprache

festhielten, die doch andere germanische Völker, wie die Engländer

und die Holländer, längst aufgegeben hätten. Bekanntlich ist heute,

nach mehr als siebenzig Jahren, diese Frage in Deutschland noch

kontrovers, wenn auch für wissenschaftliche Werke im Sinne

Fourier's entschieden.

Da Fourier durch sein Geschäft über Tag stets vollständig in

Anspruch genommen war, benützte er, und namentlich dann, nachdem er

sein Vermögen verloren und auf das Einkommen aus seiner

kaufmännischen Stellung allein angewiesen war, die Nächte, um sich

weiter zu bilden. Er befaßte sich hauptsächlich mit Anatomie,

Physik, Chemie, Astronomie und Naturgeschichte. Sein Haß gegen den

Handel steigerte sich mit den Jahren, je genauer er das Treiben in

demselben kennen lernte, immer mehr und spornte ihn zu seinen

sozialen Studien an. Namentlich machte es einen tiefen Eindruck auf

ihn, als er 1799 in einer Stellung in Marseille seitens seines

Chefs den Befehl erhielt, eine Schiffsladung Reis in's Meer zu

versenken, damit die Waare im Preise steige.

Mit dem Gang der Revolution konnte er sich nicht befreunden.

Nach seiner Meinung hatte die Masse des Volks sehr wenig dadurch

gewonnen, dahingegen hatte die Klasse, die er auf's Tiefste haßte.

die handeltreibende Klasse, am meisten profitirt. Und daß die

Schriftsteller und Verherrlicher der neuen Ordnung der Dinge das

Lob des Handels in allen Tonarten priesen, die Handelsfreiheit als

das Ei des Columbus rühmten, als die Einrichtung, aus welcher die

allgemeine Wohlfahrt und das allgemeine Glück ersprießen werde,

erbitterte ihn noch mehr. Auch war seine Abneigung gegen jede

Gewaltthätigkeit, mochte sie von welcher Seite immer kommen, so

ausgeprägt, daß er sich nie mit den Gewaltakten der Revolution,

deren Nothwendigkeit er nicht einsehen konnte, zu befreunden

vermochte, und namentlich haßte er die Jakobiner, als die Vertreter

des Schreckensregiments und der Rousseau'schen Philosophie. Nichts

konnte ihn später mehr in Aufregung und Zorn bringen, als wenn die

Gegner ihm vorwarfen, daß seine sozialen Theorien nur auf dem

von den Jakobinern eingeschlagenen Wege verwirklicht werden

könnten; dann brach er heftig los. »Nein und tausendmal nein, meine

Theorie hat nichts zu thun mit der jener Leute, noch mit ihren

Umsturzprojekten.« Er hatte mit seinem kritischen Blick erkannt,

daß in der Revolution trotz allem Heroismus und aller Aufopferung

des Volkes, trotz einer idealen Verfassung, trotzdem Alles die

Freiheit, die Gleichheit und die Brüderlichkeit im Munde führte,

die Ausbeutung, die Unterdrückung, die Demüthigung der Masse, Lug,

Trug und Heuchelei nicht nur geblieben waren, sondern sich wo

möglich noch gesteigert hatten. Er hatte gesehen, daß, während die

Revolutionäre sich bemühten, mit größter Rücksichtslosigkeit Alles

mit blutiger Gewalt niederzuschlagen, was ihren Begriffen von

gesellschaftlichem Glück entgegenstand, das Kapital im schreiendsten

Widerspruch mit den gepredigten Grundsätzen agirte. Er sah, wie der

Güterschacher, der Lebensmittelwucher, die Lieferungsschwindeleien

blühten und die neu emporgekommenen und plötzlich reich gewordenen

Besitzer ihre Orgien feierten. Ihm war auch der Hunger und das

Elend der Massen, ihre Begeisterung und ihre Opferwilligkeit bei

der Verteidigung des Vaterlandes nicht entgangen, und alle diese

Wahrnehmungen, verbunden mit denen, die er tagtäglich im kleineren

Kreise um sich und im Geschäftsleben machte, waren es, die ihn auf

den Gedanken brachten, daß die Gesellschaft unmöglich richtig

organisirt sein könne, und es eine Ordnung der Dinge geben müsse,

die alle diese Auswüchse und Uebel unmöglich mache. Ihm erschien es

eine Ungeheuerlichkeit, daß die Revolutionäre und nach ihnen die

Ordnungsmänner mit Menschenköpfen wie mit Kegelkugeln spielten; daß

man in der gewaltsamen Vernichtung der Parteien das menschliche

Glück zu begründen glauben könne. Er begriff nicht, daß alle diese

Kämpfe nur stattfanden, weil man der wahren treibenden Kraft, jener

geheimnißvollen unfaßbaren Macht, dem unpersönlichen Kapital, nicht

auf die Spur kommen und seinen Einfluß nicht beseitigen konnte,

noch viel weniger wollte, jenes Dinges, über dessen Definirung die

bürgerlichen Ideologen sich bis heute die Köpfe zerbrachen, dessen

Räthsel erst der moderne wissenschaftliche Sozialismus löste, der

endlich auch diese moderne Sphinx in den Abgrund stürzen wird.

Fourier, der von Natur für die politischen Kämpfe nicht inklinirte,

der durch die vor seinen Augen sich abspielenden Ereignisse in

dieser Abneigung noch bestärkt wurde, kam in Folge davon zu der

vorgefaßten Meinung, daß die politische Verfassung der Gesellschaft

überhaupt eine gleichgültige Sache sei, daß diese mit dem sozialen

Zustand nichts zu schaffen habe, und daß es sich darum handele, den

letzteren zu verbessern und die politischen Fragen ganz bei Seite

zu lassen. Er verfiel also in den entgegengesetzten Fehler der

bürgerlichen Ideologen. Diese glaubten durch die Beseitigung des

Adels, der Priesterschaft und des Königthums, durch die Begründung

der Republik, die Verkündigung der Menschenrechte, die Anstellung

idealer Grundsätze Alles geleistet zu haben, was zu leisten möglich

sei. Blieben dennoch die Zustände mangelhaft, so lag das nur an der

Niederträchtigkeit der sogenannten Volksfeinde, der Aristokraten,

der Pfaffen, der heimlichen Anhänger des Königthums, deren man

trotz aller Gewaltmaßregeln nicht Herr werden konnte. Man mußte das

Volk zur »Tugend« erziehen, zur Vaterlandsliebe, zur Opferwilligkeit,

zur Arbeitsamkeit, zur Enthaltsamkeit. Wenn das geschah und Alle

»tugendhaft« waren, so konnte der glückliche Zustand nicht fehlen.

Die bürgerliche Welt ist am Ende des 19. Jahrhunderts den großen

Begründern ihrer Herrlichkeit am Ende des 18. Jahrhunderts noch

nicht um Vieles in der Erkenntniß der gesellschaftlichen

Entwicklungsgesetze voraus gekommen, sie dreht sich noch immer in

demselben Ideengang und sie wird darin stecken bleiben. Darüber

hinauszugehen wäre ihr Tod.

Nach Fourier besteht also kein wesentlicher Zusammenhang zwischen

dem politischen und sozialen Zustand der Gesellschaft, der erstere

ist willkürlich, wie auch der letztere mehr oder weniger

willkürlich ist. Er hat zwar mit großem Scharfsinn verschiedene

Stufen der menschlichen Entwicklung gekennzeichnet, die er als

Edenismus, oder Zustand des primitiven Glücks, als Zustand der

Wildheit, des Patriarchats oder der Halbbarbarei, der Barbarei und

der Zivilisation charakterisirt; aber es unterliegt nach ihm keinem

Zweifel, daß die Zivilisation, die er mit den Griechen beginnen

läßt, schon längst in den nächst höheren Zustand der Entwicklung,

den des Garantismus übergegangen wäre, wenn der richtige Mann sich

fand, der den Ausgang aus der Zivilisation entdeckte. Dieser Mann

fehlte bisher. Newton war durch die Entdeckung der Gesetze der

Attraktion der Weltkörper hart an dem rechten Weg vorbeigestreift,

aber er hatte das Bewegungsgesetz nur für die materielle Welt

gefunden. Diese Entdeckung war also, so wichtig sie auch sein

mochte, für das Glück der Menschheit die minder werthvolle. Die

Gesetze der sozialen Attraktion zu entdecken und darauf die

universelle Einheit des gesammten Weltalls, die Beziehungen

zwischen den verschiedenen Naturreichen und dem Menschen, zwischen

dem Menschen, der Entwicklung des Erdballs und des ganzen Planeten-

und Weltsystems, und namentlich auch seine wahren Beziehungen zu

dem Weltenschöpfer zu entdecken, dessen ermangelte Newton. Diese

Gesetze zu entdecken und damit die wahre Bestimmung des Menschen,

die Wege zu seinem Glück, das blieb ihm, Fourier, vorbehalten. Er

hat das Mittel entdeckt, das die Menschheit aus Noth, Elend,

Unterdrückung, Verkümmerung, Langeweile erlöst, den Menschen mit

Gott und dem All in Harmonie setzt. Dieses Mittel ist die

Entdeckung der Gesetze der Attraktion der menschlichen Triebe,

angewandt auf alle menschlichen Arbeiten und Beschäftigungen, und

ihre Bethätigung in der Assoziation durch die Bildung der Serien

(Reihen) und Gruppen von Harmonisirenden.

Daß er, Fourier, dieses Mittel für das Glück der Menschheit

entdeckte, ist nach ihm reiner Zufall. Es hätte jeder Andere vor

ihm und namentlich die Philosophen, die sich seit mehr als 2500

Jahren bemühten, das Welträthsel zu lösen und das menschliche Glück

zu suchen, es auch entdecken können. Sie haben aber immer nur damit

sich begnügt, das Bestehende zu loben und haben jede Neuerung, wenn

sie ihren Lehren gefährlich oder bedenklich schien, bekämpft und

verfolgt. Darum sind auch die 400.000 Bände, die sie ihm zufolge im

Laufe der Zeiten in den Bibliotheken, vollgepfropft mit ihren

Theorien, aufgestapelt haben, von sehr zweifelhaftem Werth. Um so

heftiger bekämpfen sie aber jede Neuerung, die, wie die seine, alle

diese Werke über den Haufen wirft und sie nahezu werthlos macht.

Diese Philosophen, unter welchen er, wie er wiederholt hervorhebt,

die Moralisten, die Metaphysiker, die Politiker und die

Oekonomisten _ausschließlich_ verstanden wissen will, weil sie ihm

als Vertreter der unsicheren Wissenschaften (»sciences

incertaines«) gelten, haben sich deshalb auch gegen ihn

verschworen, seine Lehren nicht zur Geltung kommen zu lassen; sie

treten ihm überall in den Weg und suchen die Besprechung, selbst

die bloße Erwähnung seiner Schriften zu hintertreiben. Gegen sie

richtet sich daher sein ganz besonderer Zorn, und er überschüttet

sie mit seinem Witz, seiner Satyre und seinem Haß.

Daß, einmal ganz abgesehen von der Frage der Ausführbarkeit seines

Systems, seine Theorien, wie sich zeigen wird, im letzten Grunde

darauf hinaus laufen, die bestehende Gesellschaft aufzuheben, und

daß also das Klasseninteresse der Besitzenden und Herrschenden

diese zwingt, seinen Ideen naturgemäß feindlich zu sein, sieht er

trotz des außerordentlichen Scharfsinns, der ihm bei der

Entwicklung seiner Ideen eigen ist, nicht ein. Er giebt sich

allerdings die größte Mühe, die verschiedenen Klassen und

Interessen auszusöhnen. Nicht nur sollen alle Regierungen, ohne

Rücksicht auf das ihnen zu Grunde liegende politische System,

bestehen bleiben, er läßt sogar noch eine große Zahl neuer Staaten

und Reiche in den bis jetzt von den Wilden und Barbaren bewohnten

Ländern und Erdtheilen sich bilden, wenn erst der ganze Erdball

sein System angenommen haben wird, was nach Gründung der ersten

Versuchsphalanx -- die Phalanx ist die Genossenschaft, in der sich

sein System vollzieht[1] -- nur wenige Jahre dauern wird. Denn die

Vortheile, die sein phalansteres System der Menschheit bietet, sind

so in die Augen springende, so zur Nachahmung hinreißende, daß,

nachdem die Neugierigen von allen Enden des Erdballs sich von den

großartigen Vortheilen und Annehmlichkeiten dieses Systems durch

den Besuch der Versuchsphalanx überzeugten, sie die größte Eile

haben werden, desselben Glückes theilhaftig zu werden.

[Fußnote 1: Phalanx ist der Name einer von Philipp II. von

Macedonien in seinem Heere eingeführten Schlachtordnung; die

Phalanx war ein dichtgeschlossener, keilförmig geformter, mit

Speeren bewaffneter Truppenkörper, der mit seiner Spitze in den

Feind eindrang und ihn auseinander sprengte. Der Name für sein

System ist also von Fourier nicht übel gewählt.]

Indeß waren um das Jahr 1793, wo Fourier in Lyon lebte, diese Ideen

bei ihm noch nicht zur Reife gekommen, obgleich die Keime dazu

bereits bei ihm vorhanden waren und seine Denk- und Handlungsweise

bestimmten. Es war in diesem Jahr, daß der Konvent das ihm

oppositionell gesinnte Lyon belagern und nach der Eroberung in

einem erheblichen Theil zerstören ließ, wobei auch Fourier sein

Vermögen einbüßte. Fourier mußte zur Verteidigung der Stadt die

Waffen ergreifen und entging bei einem Ausfall nur mit genauer Noth

dem Tode. Nach Eroberung der Stadt wurde er gefangen genommen und

sollte füsilirt werden; er wußte sich durch die Flucht zu retten.

Man kann sich vorstellen, daß diese Vorgänge auf ihn einen tiefen

Eindruck machten und sein späteres Denken und Urtheilen wesentlich

beeinflußten. Kurze Zeit darnach mußte er sich in Folge der vom

Konvent beorderten »levée en masse« (des Massenaufgebots) zur

Vertheidigung der Grenzen stellen, und zwar war er als

Unverheiratheter unter der ersten Portion der Ausgehobenen, die

nach der nothdürftigsten Einübung zur Armee abgehen sollten. Er

wurde unter die Jäger zu Pferde der Rhein- und Moselarmee rangirt,

doch wurde er nach einigen Monaten auf ein Untauglichkeitszeugniß

hin -- F. war klein und schwächlich von Körper -- vom Dienst

befreit. Ein während seiner Dienstzeit an das Kriegsdepartement

gerichteter Brief, in dem er der obersten militärischen Leitung

Vorschläge bezüglich der Ueberschreitung des Rheins und der Alpen

machte, verschaffte ihm seitens der genannten Behörde ein

Dankschreiben, unterzeichnet von Carnot.

In den nächsten Jahren beschäftigte sich Fourier -- neben seinem

Beruf -- mit allerlei sozial-reformatorischen Vorschlägen, die er

bald der Regierungsgewalt, bald einzelnen Deputaten unterbreitete,

aber ohne Anklang damit zu finden. Zu Anfang dieses Jahrhunderts

hatte er sich, um eine größere Freiheit und Selbständigkeit zu

genießen, als Winkelmakler, wie er sich selbst nannte, etablirt,

ein Beruf, den er mit seiner gewohnten Offenheit also

charakterisirt. »Ein Makler ist ein Mensch, der mit den Lügen

Anderer hausirt und diesen Lügen seine eignen hinzufügt.« Nebenbei

veröffentlichte er ab und zu politische Artikel im »Bulletin de

Lyon«. In einem solchen Artikel vom 25. Frimaire des Jahres XII.

(17. Dezember 1803), betitelt. »Das kontinentale Triumvirat und ein

dreißig Jahre dauernder Friede«, behandelte er die Frage der

Theilung Europas. Bekanntlich hatte damals bereits der Ruhm

Napoleon's eine außerordentliche Höhe erlangt, man stand kurz vor

seiner Krönung zum Kaiser und alle Welt beschäftigte sich mit der

Frage, ob endlich dauernd Frieden einkehren, oder welcher Staat das

nächste Angriffsobjekt bilden werde. Fourier setzte auseinander,

daß zunächst noch kein Friede kommen dürfe, daß unter den vier

Staaten, die als selbstständige Reiche in Frage kämen. Frankreich,

Rußland, Oesterreich, Preußen, letzteres, als das schwächste,

zuerst an die Reihe kommen und verschwinden werde. Mit einer

einzigen Schlacht sei es niedergeworfen -- was bekanntlich

thatsächlich geschah -- und dann werde es das Schicksal Polens

finden und unter die anderen drei getheilt werden. Jetzt sei das

Triumvirat und ein längerer Friede möglich; einige man sich nicht,

so komme Oesterreich an die Reihe, zuletzt entbrenne der Kampf

zwischen Rußland und Frankreich um die Herrschaft der Welt. England

ließ er außer Betracht, weil es als insularer Staat und einzige

Alles beherrschende Seemacht zunächst unangreifbar war. Aber wer in

Europa Sieger bleibe, werde Indien nehmen, die Häfen Asiens und

Europas schließen und so England zu Grunde richten. Gegen England,

in dem er die Stütze des Handelssystems und den Repräsentanten

aller Niederträchtigkeiten des Handelsgutes sah, empfand er einen

besonderen Haß, der häufig aus seinen Schriften hervorbricht. Der

erwähnte Artikel erregte die Aufmerksamkeit Napoleon's und führte

zu Untersuchungen über den Verfasser; dem Verleger wurde bedeutet,

künftig ähnliche Artikel nicht wieder aufzunehmen.

Im Jahre 1808 veröffentlichte Fourier sein erstes und grundlegendes

Werk unter dem Titel: »La Theorie des quatre Mouvements et des

destinées generales« (»Die Lehre von den vier Bewegungen und den

allgemeinen Bestimmungen«). In diesem Werke sind seine Ideen

bereits vollkommen enthalten, obgleich es noch vielfach der

Klarheit und namentlich der logischen Entwicklung entbehrt; dafür

ist es aber mit dem ganzen Feuer der ersten Begeisterung eines

Mannes geschrieben, der an seine Mission und die Unfehlbarkeit

seiner Theorien glaubt. Fourier ließ das genannte Werk allerdings

zunächst nur als Prospekt seiner Entdeckung erscheinen, dem später

noch acht lange Abhandlungen über die Gesammtheit seiner Theorien

folgen sollten. Diese erschienen nun zwar nicht, aber was erschien,

enthielt im Grunde doch nur umfänglichere Erläuterungen und größere

Detailschilderungen seines Systems, untermischt mit

philosophisch-polemischen Abhandlungen gegen seine Gegner, worin er

sich gegen die auf ihn und gegen seine Theorien gerichteten

Angriffe wandte, dabei immer dem Grundsatze folgend: die beste

Taktik zur Abwehr ist der Angriff. Auch liebte er es, in seinen

Werken immer wieder seine positiven Hauptgedanken, wie seine

Hauptanklagen gegen die bestehenden Zustände zu wiederholen,

nachdrücklich hervorhebend, daß dies nöthig sei, einestheils, um

seine Ideen, die dem Leser neu und fremd seien, besser und sicherer

in dessen Köpfe haften zu lassen, anderntheils, um die in den

Köpfen tief eingewurzelten Vorurtheile um so gründlicher zu

beseitigen. Eine unzweifelhaft sehr richtige Taktik, die auch die

Gegner alles Neuen bisher stets angewandt haben, wodurch sie es

fertig brachten, selbst die absurdesten Vorurtheile lange Zeit

aufrecht zu erhalten.

Die große Masse in allen Kreisen denkt nur gewohnheitsmäßig, die

einmal übernommenen Ideen bewegen sich in gewissermaßen

ausgefahrenen Hirngeleisen, und es bedarf erst starker und

wiederholter, durch greifbare Thatsachen und fühlbare Uebel

unterstützter Argumente, um sie aus der gewohnten Denkbahn zu

reißen. Und ist das Interesse nicht mit den neuen Ideen verknüpft,

so ist alle Arbeit vergebens, vereinzelte Idealisten ausgenommen,

die schließlich doch auch nur aus Interesse geleitet werden, weil

sie weiter blicken und das Neue als das Zukünftige, als

unabänderliche Nothwendigkeit und Verbesserung für Alle ansehen und

darum für erstrebenswerth halten.

Der Gedankengang, den Fourier in seinem ersten Werk entwickelt, ist

kurz folgender: die Welt besteht aus drei ewigen, unerschaffenen

und unzerstörbaren Prinzipien:

-- Gott, oder dem Geist, aktives und bewegendes Prinzip;

-- der Materie, passives und bewegtes Prinzip;

-- der Gerechtigkeit oder den mathematischen Gesetzen, regulirendes

Prinzip.

Analog dem Weltall besteht auch der Mensch aus drei Prinzipien:

-- den Trieben (»passions«), aktives und bewegendes Prinzip;

-- dem Körper, passives und bewegtes Prinzip;

-- der Intelligenz, neutrales und regulirendes Prinizp.

Gott, welcher der Leiter und Lenker des Weltalls ist, kann nur die

Einheit und Harmonie desselben wollen, weil sonst er mit sich

selbst in Widerspruch stünde. Daher existirt eine ununterbrochene

Kette von Beziehungen zwischen Allem, was vorhanden ist. Zwischen

den drei Reichen der Natur -- Thieren, Pflanzen, Mineralien -- und

dem Menschen, zwischen dem Menschen und Gott, wie zwischen dem

Menschen und dem Erdball, und dem ganzen Planeten- und

Weltsystem.[2] Indem Gott den Menschen schuf, ihn mit Trieben und

Leidenschaften ausstattete, wollte er, daß der Mensch damit

glücklich sei. Es ist also nicht anzunehmen, daß diese Triebe

schädliche sind, daß der eine oder der andere unterdrückt werde

oder unbefriedigt bleibe. Die Befriedigung seiner Triebe schafft

vielmehr die Harmonie des Menschen mit sich selbst und mit Gott.

Wenn wir trotzdem häufig sehen, daß diese Triebe des Menschen sich

oft nur in schädlicher Richtung oder gar nicht äußern und nicht

befriedigt werden können, so beweist dies nichts gegen _die Triebe

und die Ordnung Gottes, sondern spricht gegen die soziale

Organisation der Gesellschaft_, welche diese Triebe sich falsch zu

bethätigen zwingt oder sie gar unterdrückt.

[Fußnote 2: Fourier spricht hier denselben Gedanken aus, dem

Robinet in seinem 1766 in Amsterdam erschienenen Werke »Ueber die

Natur« (»De la nature«) Ausdruck giebt: »Alles in der Natur steht

miteinander in Verbindung«, und ebenso spricht R. einen Gedanken

aus, den Fourier ähnlich wiederholt: »Daß die Natur mit möglichst

sparsamer Ausnutzung der vorhandenen Stoffe arbeite.« Holbach sagt

im »Systeme de la nature«: »In der ganzen Schöpfung herrscht

Wesenseinheit.« Die Ideenassoziation ist augenfällig.]

Es sind nun vier Bewegungen, oder wie er später aufstellte, fünf,

welche die ganze Welt in Thätigkeit setzen und sie den Bestimmungen

entgegenführen.

1. Die normale Bewegung; Gesetze der Anziehung für die imponderablen

(unwägbaren) Elemente, Elektrizität, Magnetismus, Gerüche.

2. Die thierische oder instinktuelle Bewegung; Gesetze der Anziehung

für die Triebe und Instinkte aller erschaffenen Wesen, wann und wo

immer sie waren, sind und sein werden.

3. Die organische Bewegung. Gesetze der Anziehung für die

Eigenschaften der Körper: Form, Farbe, Geschmack, Geruch etc.

4. Die materielle Bewegung -- bereits durch die Mathematiker

(Newton) entdeckt -- Gesetze der Anziehung und Gravitation der

Weltkörper (Planeten Fixsterne). Die Kometen sind nach Fourier

irreguläre Weltraumbummler.

5. Die soziale Bewegung -- der eigentliche Angelpunkt (Pivot) des

Ganzen -- die Gesetze, welche die Ordnung und Aufeinanderfolge der

verschiedenen sozialen Gestaltungen auf allen Weltkörpern regeln.

Der Mittelpunkt dieser sozialen Gesetze ist der Mensch, der im

Grunde damit zum Mittelpunkt des Ganzen wird um den sich Alles

dreht.

Was hat die Welt überhaupt für einen Zweck, wenn sie nicht für den

Menschen geschaffen ist? Das ist der Hauptgedanke, der seiner

Weltauffassung zu Grunde liegt.

Die Bestimmung des Menschen ist das Glück, das in der Entwicklung

aller seiner Anlagen, der Befriedigung aller seiner Triebe liegt.

Der Mensch soll genießen und abermals genießen Alles, wonach sein

Herz ihn drängt, das ist das Fourier'sche Evangelium und nach ihm

die Bestimmung des Menschen durch Gott. Man sieht, dieser

Fourier'sche Gott ist ein sehr materialistischer Gott, der sich in

starkem Gegensatz zu dem Gott des Christenthums befindet, der die

Enthaltsamkeit, die Demuth, die Kreuzigung des Fleisches predigt.

Seiner Bestimmung gemäß strebt also der Mensch nach dem Glück, und

Reichthum und Gesundheit bilden sein Glück. Er will Reichthum, um

sich Genuß verschaffen zu können, und er will Gesundheit, um sie

genießen zu können. Den Reichthum genießen nur Wenige, und meist

Jene, die ihn am wenigsten verdienen; die Gesundheit mangelt fast

Allen. Den Einen in Folge von Noth, Elend, Trübsal, Entbehrungen,

den Anderen in Folge von Ueberüppigkeit, Schwelgerei, Uebermaß der

Genüsse. Das Eine wie das Andere ist Folge unserer sozialen

Einrichtungen, die keinem Theil der Gesellschaft, weder dem Reichen

noch dem Armen, die vernünftige und gesunde Entwicklung aller

seiner Kräfte und Fähigkeiten, die Abwechslung und befriedigende

Anwendung seiner Triebe gestatten. Zwar will die Gesellschaft, und

namentlich die Zivilisation, das allgemeine Glück, aber was sie

erstrebt, schlägt stets in das Gegentheil um. Wir behaupten, die

Wahrheit zu wollen, und überall herrscht Lüge, Heuchelei,

Unterdrückung; wir wollen die Moral und es herrscht Diebstahl,

Betrug, Verführung, Ehebruch, Prostitution, kurz allgemeine

Sittenlosigkeit; wir erstreben das allgemeine Glück und sieben

Achtel bis acht Neuntel der Menschen sind unglücklich, weil sie von

Uebeln umgeben sind, die zu beseitigen nicht in ihrer Macht liegt.

So herrscht statt der Einheitlichkeit die Zweideutigkeit in allen

Beziehungen. Jede gute Seite hat ihre schlimme, und zwar ist die

schlimme die überwiegende.

Fourier nennt das Streben nach Glück streben nach innerem und

äußerem Luxus. Der innere Luxus ist die Gesundheit, der äußere der

Reichthum. Den inneren Luxus bilden die Triebe, _die um so gesünder

sind, je lebhafter sie sind_, und deren es fünf sensuelle oder

Sinne des Körpers giebt: Geruch, Gesicht, Gehör, Geschmack und

Gefühl, und vier Triebe der Seele: Liebe, Freundschaft, Ehrgeiz,[3]

Familiensinn, die sämmtlich alle neun von drei sie steuernden

Trieben beherrscht werden. Diese drei sind: Die Kabalist, Trieb der

Intrigue, d.h. der Trieb, der thätig ist, um die Neigungen zu

theilen, die Willen zu bestimmen, sich zu gemeinsamen Handlungen zu

vereinigen; die Alternant oder Papillone, Trieb, der nach

beständiger Abwechslung, nach Kontrasten, nach Veränderungen in der

Handlung strebt; die Komposit, Trieb, der die Begeisterung, den

Enthusiasmus erregt, nach dem Guten und Schönen strebt, alle

Hindernisse überwindet. Diese letzten drei Triebe wirken ihm

zufolge auf die vier affektiven und diese auf die fünf sensitiven.

[Fußnote 3: Herm. Greulich bezeichnet in seiner Schrift: »Karl

Fourier, ein Vielverkannter« (Hottingen-Zürich, Volksbuchhandlung

1881), den Ehrgeiz als Auszeichnungstrieb, weil das Wort Ehrgeiz

einen häßlichen Beigeschmack habe. Der von Gr. gewählte Ausdruck

ist unzweifelhaft korrekt, aber wir wollen doch nochmals

ausdrücklich konstatiren, daß nach Fourier's Theorie _alle Triebe

gut sind_ und der Ausdruck Ehrgeiz ebensowenig anstößig sein darf,

als die nach unserer landläufigen Auffassung von Fourier

gebrauchten Ausdrücke Kabalist und Intrigue. Der Ehrgeiz ist auch

in der bürgerlichen Gesellschaft an sich eine ganz löbliche

Eigenschaft, der nur unangenehm und schädlich wird, wenn er auf

Kosten Anderer oder der Allgemeinheit sich Geltung verschaffen

will. Im Uebrigen scheint uns, hat Greulich in seiner Schrift, in

dem Streben, Fourier zur verdienten Anerkennung zu bringen, ihn ein

wenig zu sehr modernisirt und in der Sprache unserer Zeit reden

lassen, ohne seiner Einseitigkeit und Schrullen genügend Erwähnung

zu thun. Ein solches Zugünstigfärben erklärt sich aus dem

Bestreben, Fourier gegen die ungerechten und unqualifizirbaren

Angriffe eines Dühring, Most und Bernhard Becker in Schutz zu

nehmen. Alle drei bezeichnen Fourier -- und Dühring und Most

offenbar, ohne sich näher mit seinen Werken vertraut gemacht zu

haben -- einfach als Narren, womit sie glauben, ihn abgethan zu

haben. Ob dieser, Fourier schon zu Lebzeiten von Seiten seiner

Gegner entgegengeschleuderte Vorwurf eine Berechtigung hat, mag der

Leser am Schlusse obiger Abhandlung entscheiden. Wir möchten aber

schon jetzt konstatiren, daß Joh. Most, der sich heute als

Anarchistenchef aufspielt, gar keine Ahnung gehabt zu haben

scheint, daß er Fourier als _Vater des Anarchismus_ anzusehen hat

-- das Wort hier in seinem wahren Sinne, der Regierungs- und

Staatlosigkeit genommen, und nicht im Sinne der blinden

Gewaltstheorie, wie sie Most als anarchistisches Prinzip predigt.

Die Fourier'sche Theorie in die Praxis umgesetzt, d.h. der Erdball

mit Phalanstèren bedeckt, machte jede Staatsorganisation

überflüssig, es wäre die Föderation der Phalanxen, also

produzirender und konsumirender Kommunen. Daß Fourier trotzdem

nicht blos alle bestehenden Staaten als weiter bestehend

voraussetzt, sondern auch noch so viele neue dazu zu gründen in

Aussicht stellte, ist einer der Widersprüche seines Systems, die

ihm nicht zum Bewußtsein kamen. Aber es ist ein Widerspruch, der

das System selbst nicht besser und nicht schlechter macht, es in

seinem Wesen unberührt läßt.]

Will aber der Mensch alle seine Triebe bethätigen und befriedigen

und den dazu nöthigen Reichthum erlangen, ein Streben, das seiner

Natur inhärent ist, so kann er dies nicht als isolirtes Einzelwesen,

er bedarf hierzu einer Organisation mit Seinesgleichen. Diese

Organisation, die Fourier entdeckte und als Heilmittel bietet, ist

-- die ländliche und hauswirthschaftliche Assoziation, die mit der

industriellen zu verbinden und auf die Anwendung der Serien

(Reihen) und Gruppen der Triebe organisirt sein soll.

Fourier legt auf die Ackerbaugenossenschaft oder die agrikole

Assoziation das Hauptgewicht, er sieht sie als die eigentliche

Grundlage für die menschliche Existenz, als diejenige Thätigkeit

an, welche die meiste und angenehmste Abwechslung der Verrichtungen

bietet. Aber auch die ganze häusliche Thätigkeit, die

Hauswirthschaft im weitesten Umfang, Handel und Gewerbe, die

Erziehung, die Künste, die Wissenschaften sollen sozietär betrieben

werden. Die eigentliche Großindustrie hatte im Zeitalter Fourier's

noch wenig Bedeutung in Frankreich, sie war hauptsächlich in der

sog. Manufaktur organisirt, jener höher entwickelten Theilung der

Handarbeit, vereinigt in großen Werkstätten, oder vertheilt in

Hausbetrieben, die für einen gemeinsamen Unternehmer arbeiten. Der

große Fabrikbetrieb entstand erst in einiger Bedeutung gegen das

Lebensende Fourier's. Der manufakturmäßige Großbetrieb wurde zu

Anfang dieses Jahrhunderts in Frankreich treibhausmäßig durch die

Zoll- und Gewerbepolitik Napoleon's begünstigt, dessen Haß und

Eifersucht, sowie Rachsucht gegen England ihn zur Kontinentalsperre

trieben und ihn die größten Anstrengungen machen ließen, neben der

Sperrung der seiner Machtsphäre unterworfenen Häfen für englische

Waaren, die inländische Industrie vermittelst enormer Schutzzölle,

Staatsunterstützungen und Prämien künstlich großzuziehen und

dadurch England zu stürzen. Immerhin würde sich auch unsere heutige

Großindustrie in die Fourier'sche phalanstere Organisation

einreihen lassen.

Die Arbeit ist nach Fourier eine Nothwendigkeit für _Alle_ ohne

Unterschied des Lebensalters und des Geschlechts, aber sie darf

keine Last, sondern sie muß eine Lust sein, mit anderen Worten: sie

muß anziehend sein. Das kann sie nur sein, wenn Jeder das treibt,

wozu seine Triebe ihn drängen, was ihm also Vergnügen macht; dabei

muß die Beschäftigung häufig abwechseln und dürfen zu diesem Zwecke

die einzelnen Arbeitssitzungen nur kurze sein. Jede Beschäftigung

wie jedes Vergnügen darf nicht über ein und eine halbe bis zwei

Stunden währen, weil man sonst ermüdet. Um aber das rivalisirende

Element in die Beschäftigung zu bringen, muß sie von einer Anzahl

Gleichstrebenden zugleich geübt werden. Es bilden sich also Gruppen

von Gleichgesinnten für eine bestimmte Thätigkeit. Jede dieser

Gruppen muß der lebhafteren Rivalität und der Ausgleichung halber

mindestens sieben, gewöhnlich neun Personen umfassen. Es bilden

sich eben so viel Gruppen, als Unterarten von Beschäftigungen bei

einem bestimmten Produktionszweig vorhanden sind; diese

verschiedenen Gruppen bilden eine Serie (Reihe). Es giebt z.B. eine

Serie der Birnen- und eine solche der Aepfelzüchter, aber für die

Varietäten jeder Obstart bestehen Gruppen. Es rivalisiren also die

Serien, um die beste Obstart, die Gruppen, um die besten Sorten

(Varietäten) zu züchten. Da ferner zwei Menschen nie in Allem den

gleichen Geschmack und die gleichen Triebe haben, so werden

dieselben Personen, die soeben in einer Gruppe zusammen wirkten,

sich in den nachfolgenden Arbeitssitzungen in rivalisirenden

Gruppen oder Serien in anderen Produktionszweigen gegenüberstehen.

Es wechselt also nicht blos die Beschäftigung, es wechselt auch

beständig der gesellschaftliche Umgang bei der Arbeit. Dieser

immerwährende Wechsel der Beschäftigung und der beschäftigten

Personen, und die daraus hervorgehenden, sich bald anziehenden,

bald abstoßenden Wechselbeziehungen bilden nach Fourier die höchste

Befriedigung, weil alle Triebe dabei in's Spiel kommen. Aber die

Befriedigung würde keine vollkommene sein, wenn nicht der äußere

Erfolg, also die Reichthumserzeugung, durch diese Thätigkeitsweise

auch erzielt würde. Diese planmäßig organisirte, assoziirte

Thätigkeit von Hunderten von Familien in einer Phalanx wird, so

behauptet Fourier, im Gegensatz zur einzelnen Privatwirthschaft und

Privatunternehmerschaft eine große Menge von Ersparungen an Kraft,

Zeit, Mittel, Werkzeugen etc. einerseits, und durch die geschickt

kombinirte und rivalisirende Thätigkeit Aller andererseits eine

Reichthumsvermehrung zur Folge haben, die sich im Vergleich zu

jetzt verzehn-, verzwanzig-, selbst vervierzigfacht und dem

Aermsten eine Bedürfnißbefriedigung ermöglicht, wie sie heute kaum

ein reicher Mann sich verschaffen kann.

In der Fourier'schen Phalanx besteht der Unterschied des Besitzes

fort. Da der Genuß des Lebens auf Kontrastwirkungen beruht, ist

auch der Unterschied des Besitzes nothwendig. Je größer die

Verschiedenheiten an Besitz, Charaktereigenschaften, Trieben, also

je lebhafter die Kontraste sind, um so besser für die Phalanx.

Man sieht, Fourier ist der Begriff des _Klassengegensatzes_ und die

Entwicklung der verschiedenen Gesellschaftsformationen aus

_Klassenkämpfen_, eine Grundanschauung des modernen Sozialismus,

fremd. Sein Sozialismus ist auf die Versöhnung, die Harmonie der

heute feindlichen Gegensätze, die nach seiner Meinung nur aus

Mißverstand oder mangelhafter Kenntniß der wahren Bestimmung der

menschlichen Gesellschaft feindliche wurden, gerichtet. Sein

Sozialismus paßt sich, wie er nicht müde wird, immer wiederholt zu

versichern, allen Regierungsformen und allen Religionssystemen an,

er hat weder mit politischen noch religiösen Streitfragen das

Geringste zu thun. Daher wendet er sich in seinen Schriften nicht

an die Arbeiter und die Masse der Geringen, von denen die erstern

zu seiner Zeit als Klasse noch wenig entwickelt waren und

öffentlich gar keine Rolle spielten, sondern er wendet sich an die

Einsicht der Großen und Reichen. Letztere allein konnten ihm

helfen, weil sie allein die Mittel zur Gründung einer Versuchsphalanx

besaßen, von deren Zustandekommen nach ihm die Einführung seines

Systems abhing. War diese begründet, dann zog sie durch ihren Glanz

und ihre Vortheile nicht nur die Zivilisirten, sondern auch die

noch im Zustande der Barbarei und der Wildheit befindlichen Völker

-- »die von der Zivilisation nichts wissen wollen« -- an, eiligst

in die neue Gesellschaftsorganisation einzutreten. Die Phalanx ist

das Zaubermittel, das die Entwicklungsperiode der Zivilisation, wie

der Barbarei und der Wildheit abkürzt, Barbaren und Wilden das

Durchgangsstadium durch die Zivilisation erspart und den Aufschwung

zu immer höherer Vollendung herbeiführt.

So wandte sich denn Fourier nacheinander bald direkt, bald indirekt

an alle ihm jeweilig zugängig erscheinenden Kreise und Personen, um

diese für sein System zu interessiren und von ihnen die Mittel zur

Begründung der Versuchsphalanx zu erlangen. Er schilderte ihnen den

eigenen materiellen Vortheil, wie die Ehren und den Ruhm, den sie

dadurch bei Mit- und Nachwelt erlangten, in den glänzendsten,

glühendsten Farben. So suchte er abwechselnd und nacheinander

Napoleon, französische Volksvertreter, den Adel und Klerus der

Restauration, die Bourbonen, die englischen Großen, die sich für

das gleichzeitig auftauchende Robert Owen'sche Assoziationsprojekt

in New-Lamark interessirten, die Liberalen, ferner seine wüthendsten

Gegner, die Philosophen, Rothschild, dem er ein Königreich Jerusalem

in Aussicht stellte, Lord Byron, George Sand und nach der

Julirevolution die Herren von Lafitte und Thiers, die emigrirten

Polen etc. zu gewinnen. Er versuchte schließlich selbst mit den

Saint Simonisten, insbesondere mit Enfantin, Fühlung zu bekommen.

Die Saint Simonisten benutzten zwar theilweise seine Theorien,

indem sie dieselben mit ihren Lehren vermischten, aber auf Weiteres

ließen sie sich nicht ein.

Alles war also vergeblich. Die Einen fanden sich unter der

bestehenden Ordnung so wohl, daß sie keine Sehnsucht nach einer

anderen hatten, Andere, die Wohlwollenden, hielten seine Ideen für

unausführbar, sahen in denselben eine schöne Illusion oder Vision,

die Dritten zuckten die Achsel und lachten über ihn als einen

Träumer und Narren. Dieser Widerstand, diese Ungläubigkeit, die

Fourier unbegreiflich fand und auf bösen Willen oder Vorurtheil

zurückführte, denn er selbst glaubte an sich und sein System wie je

ein Neuerer daran geglaubt hat, wird unser Zeitalter sehr natürlich

finden. Wir wissen Alle, daß Entwicklungsperioden, die Bestehendes

von Grund aus umgestalten sollen, nie durch noch so scharfsinnig

und detaillirt ausgedachte, fertige Pläne von einer Idealgesellschaft

herbeigeführt werden, auch nicht, wenn die größten finanziellen

Mittel und das größte Wohlwollen mächtiger Persönlichkeiten

dahinter steht, sondern daß die Umgestaltung aus dem

Entwicklungsprozeß der ganzen Gesellschaft sich vollzieht und, wenn

die Bedingungen einer neuen Gesellschaftsformation vorhanden sind,

diese sich mit elementarer Gewalt auch Bahn bricht. Sie wird nicht

gemacht, sie vollzieht sich, und stets unter der Form von

Klassenkämpfen, _gegen_ den Willen der alten

Gesellschaftsschichten.

Fourier will in seiner Phalanx Kapital, Arbeit und Talent

berücksichtigen und zwar in der Weise, daß die Arbeit Fünfzwölftel,

das Kapital Vierzwölftel, das Talent Dreizwölftel des Ertrags

zugewiesen erhält. Die beiden Geschlechter sind vollkommen

gleichberechtigt, sie arbeiten, vergnügen und lieben sich

miteinander, wie die Neigung sie zu einander führt. Wie alle

Thätigkeit und die Vergnügen gemeinsam sind, so ist auch die

Kindererziehung eine gemeinsame. Die Kinder sind das dritte

neutrale Geschlecht, ihrer Erziehung widmet er in seinen Werken

einen breiten und hochinteressanten Raum. Es existiren nicht viele

Menschen, die, wie Fourier, die menschliche Gesellschaft in allen

Lebensaltern und Lebensstellungen beobachteten und studirten, und

so hat er auch den Kindescharakter mit wunderbarer Gründlichkeit

und Tiefe erfaßt und darauf sein Erziehungssystem begründet. Es

wird keinen Pädagogen geben, der nicht heute noch die bezüglichen

Kapitel mit großem Vergnügen und mit Nutzen liest.

Die Kinder werden vom ersten Tage der Geburt ab gemeinsam in

großen, für diesen Zweck auf's Bequemste und Opulenteste

eingerichteten Sälen gepflegt und erzogen. Ihre Pflege übernehmen

Pflegerinnen von verschiedenem Lebensalter, die sich freiwillig und

aus Trieb, wie bei Allem, was in der Phalanx geschieht, diesem

Dienste widmen. Sobald sich der Charakter der Kinder entwickelt,

werden sie darnach in die verschiedenen Säle vertheilt. Die

Pflegerinnen sind in Serien und Gruppen organisirt, sie sind Tag

und Nacht zugegen und werden in den üblichen Zwischenräumen

abgelöst. Die Mütter können nach Neigung unter den Pflegerinnen

leben. Fourier meint aber, die Mehrzahl werde es vorziehen, ihren

gewohnten Beschäftigungen und Unterhaltungen nachzugehen und nur in

den Stunden der Nahrung sich einfinden, überzeugt, daß ihren

Kleinen Nichts fehlt und Nichts abgeht. Für Spielen und

Unterhaltungen der Kleinen ist reichlich gesorgt. Vom dritten

Lebensjahre ab werden sie nach ihrem Alter klassifizirt und

spielend in die verschiedenen leichten Beschäftigungen des

Haushalts eingeführt und zu Handarbeiten angehalten. _Jeder Zwang

ist ausgeschlossen_. Zweckdienlich eingerichtete Spielsäle, Küchen,

kleine Werkstätten, mit kleinen Werkzeugen und Maschinen versehen,

geben ihnen Gelegenheit, ihre Triebe und Fähigkeiten zu bethätigen.

Der eigentliche geistige Unterricht beginnt erst mit dem neunten

Jahr, nachdem inzwischen die körperliche Erziehung, die unter dem

Namen der »Oper« Gesänge, Tänze, Musik, körperliche Uebungen aller

Art umfaßt, um die Kinder gewandt zu machen, zu richtigem Maß und

Ausdruck im Sprechen, in Geberden und Bewegungen zu erziehen, eine

feste Grundlage erlangt hat. Die Erziehung währt in

verschiedenalterigen Abstufungen bis zur vollständigen körperlichen

Reife der Geschlechter, also bis zum 16., 18. und selbst 20.

Lebensjahr. Wir kommen bei der späteren Darlegung der Fourier'schen

Theorien auf diese Dinge ausführlicher zurück.

Das Verhältniß der beiden Geschlechter zueinander ist im

Fourier'schen System das denkbar freieste. Die Kritik, die Fourier

an die Beziehungen der Geschlechter in unserer Gesellschaft, an die

Form der heutigen Ehe mit ihren Auswüchsen, ihrer Käuflichkeit,

ihrer Heuchelei, ihrem Zwange gegen den einen oder anderen, oder

gegen beide Theile, übt, gehört zu dem Schärfsten, was hierüber

geschrieben wurde.

Die Kritik der Beziehungen der Geschlechter zu einander, wie die

Kritik des Handels, den er wie kein Zweiter kannte, zogen ihm

hauptsächlich die Entrüstung und den Zorn der Gegner zu, verletzten

Diejenigen am meisten, die in dem einmal Ueberlieferten die beste

der Welten sahen. Mit seiner Theorie der freien Liebe, seiner

Darstellung der sechsunddreißig Arten der Hahnreischaft und des

Ehebruchs, die nach ihm existiren und die er noch zu

vervollständigen sich anheischig machte; mit seiner Bloßlegung der

lügnerischen und gaunerhaften Praktiken des Handels, des Geld- und

Lebensmittelwuchers, des Schachers mit Grundstücken und Effekten,

der Börsenmanöver, hatte er in verschiedene und sehr gefährliche

Wespennester gestochen. Er rief einen solchen Sturm gegen sich

wach, daß er selbst später für angemessen fand, zu erklären, Alles,

was er über die Beziehungen der Geschlechter in seinen Schriften

ausgeführt habe, könne erst von der dritten Generation ab, nach

Gründung seines Systems, zur Durchführung kommen. Die jetzt noch

übermäßig herrschenden Vorurtheile, wie die physischen Uebel und

Gebrechen, die das gegenwärtige System erzeugt habe, müßten erst

allmälig ausgerottet werden. Dagegen fuhr er fort, durch

historische Darlegung und Kritik der geschlechtlichen und der

Eheverhältnisse bei den alten Völkern, besonders an der Hand der

Bibel, ihrer Erzählungen über die Nachkommen der ersten Menschen,

die Lebensweise der Erzväter, dann David's, Salomo's u.s.w.

nachzuweisen, welche Phasen die Geschlechtsverhältnisse der

Menschen durchgemacht und wie wenig Anstoß selbst Gott daran

genommen habe, indem er allen diesen aus dem alten Testament

angeführten Personen fortgesetzt sein Wohlwollen und seine Gnade

erhalten habe.

Unter den neuen Lebensverhältnissen, die Fourier erstrebt, genießen

die Menschen nicht nur das volle Glück, sie werden auch bei ihrer

gesunden und naturgemäßen Lebensweise ein sehr viel höheres

Lebensalter erreichen, als heute. 144 Jahre werden das

Durchschnittsalter sein. Sie könnten also wenigstens volle achtzig

Jahre die Liebe genießen, was doch wohl, wie er meint, eine zu

lange Zeit sei, um mit einem Mann oder einer Frau ausschließlich

leben zu sollen, »täglich von derselben Platte zu essen«. Da ferner

mit dieser längeren Lebensdauer auch die Vermehrung der Menschen

entsprechend wachse, sei Urbarmachung neuen Bodens, Ansiedelung in

bisher wenig bevölkerten Ländern und Erdtheilen geboten. Aber auch

dieses Hülfsmittel werde bald der Vermehrung ein Ziel setzen, wenn

nicht gleichzeitig mit der Entwicklung des Menschengeschlechts

durch die neue soziale Organisation unser Erdball in klimatischer

Beziehung bis zum höchsten Nord- und Südpol eine vollständige

klimatische Umwandlung durchmache, die auch auf den anderen

Planeten und Fixsternen ähnlich sich vollziehen soll.

Hier entwickelt nun Fourier ein kosmogenetisches System, das zu dem

Phantastischsten gehört, das ein Mensch erdenken kann. Es ist

namentlich dieser Theil seiner Abhandlungen, der ihm den meisten

Spott, ihm hauptsächlich den Titel des »Visionärs«, des »Narren«

eingetragen hat. Das ganze Universum ist nach Fourier, und hier

beruft er sich auf Schelling, »das Spiegelbild der menschlichen

Seele«.

Die Welt ist dem Menschen zu Liebe geschaffen; nach seinem Tode

wandert er von Planet zu Planet zu immer höherer Vollkommenheit,

eine Idee, die freilich auch in anderen Köpfen, selbst heute noch,

spukt und nicht blos in den untern Schichten. -- »Die Kanaille will

ewig leben.«

Jeder Planet wird geboren; er hat, wie der Mensch, sein Alter der

Kindheit, der auf- und absteigenden Entwicklung und des Todes. Auch

die Menschheit stirbt, und zwar nach einer Gesammtlebensdauer von

80.000 Jahren, die sich in vier Phasen abwickeln. Die Phase der

Kindheit, in deren letzter Periode wir uns befinden, dauert 5000

Jahre; die Phase der aufsteigenden Entwicklung währt 35.000 Jahre;

die Phase des allmäligen Niedergangs ebenfalls 35.000 Jahre. Dann

folgt die Phase der Altersschwäche wieder mit 5000 Jahren, worauf

der Tod der Menschheit und der Erde eintritt. Innerhalb des

Zeitraums von 80.000 Jahren erlebt die Menschheit 32

Entwicklungsperioden -- wir befinden uns in der fünften, der

Zivilisation --, und innerhalb der verschiedenen Perioden giebt es

verschiedene Neuschöpfungen, durch welche auch die Thier- und

Pflanzenwelt und das Klima, entsprechend der höheren Entwicklung

des Menschen, sich in höherer Vollkommenheit entfalten werden. Mit

der achten Periode, der Harmonie, beginnt die Aurora des Glücks. Es

wird die Nordpolkrone (»Couronne boréale«) geboren, die dann,

gleich der Sonne, nicht blos Licht, sondern auch Wärme verbreitet

und damit eine Reihe neuer Schöpfungen einleitet. Die Wirkung der

Nordpolkrone wird sein, daß Petersburg und Ochotsk ein ähnliches

Klima bekommen, wie Kadix und Konstantinopel, daß das Klima der

sibirischen Eisküsten dem von Marseille und dem Golf von Genua

gleicht, und daß eine Fruchtbarkeit dieser nördlichen Erdtheile

beginnt, die mit jener der tropischen Länder wetteifert.

Gleichzeitig wird durch die Einwirkung des Fluidums der

Nordpolkrone und durch die Veränderung des Klimas das Meer sich

umbilden und einen limonadeartigen Geschmack annehmen. Die

jetzigen, den Menschen feindlichen und schädlichen Meerungeheuer,

wie der Hai etc., werden zu Grunde gehen und durch neue

Schöpfungen, wie Anti-Hai, Anti-Walfisch, ersetzt werden, Thiere,

die dem Menschen freundlich sind und ihm ihre Dienste zum Ziehen

der Schiffe etc. leihen werden. Alle _nützlichen_ Fische und

Seethiere, wie der Hering, der Kabeljau, die Auster u.s.w., werden

trotz der Veränderung des Meeres erhalten bleiben und sich

wesentlich vermehren. Ganz ähnlich vollzieht sich die Umgestaltung

auf dem Lande. Alle wilden Thiere (Löwe, Tiger, Leopard, Wolf etc.)

und alle giftigen Reptile oder widerlichen Insekten, ebenso die

giftigen und schädlichen Pflanzen verschwinden und werden durch für

den Menschen nützliche Neuschöpfungen ersetzt. So entsteht z.B. der

Anti-Löwe, der zahm ist und sich freiwillig dem Menschen als

Reitthier anbietet.

Sobald der ganze Erdball mit Phalanxen bedeckt ist, wird er zwei

Millionen derselben mit vier Milliarden Menschen aufweisen. Alsdann

wird Konstantinopel Hauptstadt der Welt und wird der von allen

Phalanxen ernannte Omniarch, als Herrscher der Welt, seinen Sitz

dort nehmen. Worin aber das Herrscheramt dieses Omniarchen besteht,

ist schwer zu sagen, darüber giebt Fourier keine Auskunft. Mit der

Zahl von vier Milliarden ist das Maximum der Bevölkerungsziffer

erreicht; denn wenn die Menschen sich anfangs stark vermehrten, so

läßt die Fruchtbarkeit des Geschlechts allmälig und namentlich in

dem Maße nach, wie neben den Männern insbesondere auch die Frauen

größer und stärker werden, ihre geistige und körperliche

Entwicklung und die opulente Lebensweise zunimmt. Fourier glaubt,

schon jetzt in unserer Gesellschaft die Beobachtung gemacht zu

haben, daß Frauen von großer Körperkraft und Körperfülle und

höherer geistiger Entwicklung und in günstigen materiellen

Verhältnissen lebend, weniger Kinder gebären, als solche von

schwächlicher, magerer Konstitution, so daß Erstere häufig sogar

unfruchtbar seien.

Aehnliche Umgestaltungen und Veränderungen, wie auf unserm Globus,

vollziehen sich auf allen übrigen Planeten und geben dem Menschen

die Gewähr, daß er auch nach seinem Tode auf der Erde in

ungemessenen Zeiträumen von einem zum andern Planeten wandert, von

denen immer einer vollkommener als der andere ist und immer höhere

Genüsse dem Menschen in Aussicht stellt. Ganze Planetensysteme

werden sich noch bilden, um in der Sternenwelt dieselbe Harmonie,

das obere Klavier (»clavier majeur«) herzustellen, wie diese

Harmonie auf der Erde in dem Klavier der menschlichen Seele, das

810 Charaktereigenschaften aufweist, sich hergestellt hat. Das

Charakteristische in allen diesen Auseinandersetzungen Fourier's

sind die bestimmten mathematischen Verhältnisse und die Analogien,

mit denen er rechnet. Alles drückt sich bei ihm in bestimmten

Zahlen aus. Alle Lebensäußerungen und Erscheinungen in der Welt

lassen sich in bestimmten mathematischen Zahlenverhältnissen zum

Ausdruck bringen. Fourier steht hier ganz auf dem Boden des

Pythagoras (540-500 vor unserer Zeitrechnung), der bekanntlich eine

Philosophie der Zahlenlehre für alle Erscheinungen begründete.

Ebenso sieht Fourier überall Analogien; jede unserer Pflanzen,

jedes Thier entspricht irgend einem Menschencharakter, dabei kommt

er zu ergötzlichen Vergleichen. Ferner entsprechen die 32 Zähne des

Menschen den 32 Entwicklungsperioden der Menschheit und den 32

Planeten unseres Planetensystems, die nach ihm dieses zählen muß.

Die phantastischen Spekulationen Fourier's über die Entwicklung von

Menschen und Welt waren es, die ihm im spottsüchtigen Frankreich am

meisten schadeten. Später gab er auch diesen Theil seiner Ansichten

ausdrücklich preis, sich damit entschuldigend, daß im Jahre 1808

seine Kenntnisse und Entdeckungen noch sehr mangelhaft gewesen

seien, daß er für das Studium auf die Nächte angewiesen gewesen sei

und er manche ihm nöthige Wissenschaft habe vernachlässigen müssen.

Im Uebrigen aber hätten, meinte er, diese seine kosmogenetischen

Ansichten mit seinem eigentlichen sozialen System nichts zu thun

und schädigten und berührten dieses eben so wenig, als die

Träumereien Newton's über die Auslegung der Apokalypse dessen

Entdeckung über die Attraktion und Gravitation der Weltkörper

geschädigt und berührt habe. Ueberdies erlebte Fourier die

Erfindung und Anwendung des Dampfschiffs und der Eisenbahnen, und

damit war für ihn handgreiflich der Beweis geliefert, daß die

Menschheit nunmehr mit einer Schnelligkeit Meere zu durchschneiden

und Länder zu durcheilen vermochte, daß sie den Anti-Hai des Meeres

und den Anti-Löwen des Landes sehr wohl entbehren konnte. Wer hatte

überhaupt zu Anfang dieses Jahrhunderts von bedeutenden Männern

keine Träumereien? Schiller in seinen Räubern, Göthe in seinen

Wilhelm Meister's Lehr- und Wanderjahren, Fichte in seinem

»geschlossenen Handelsstaat« malten die Welt auch ganz anders, als

sie der großen Mehrzahl der gleichzeitig mit ihnen lebenden

»vernünftigen Leute« sich darstellte. Geniale Menschen haben das

Recht, zu »träumen«, sie helfen mit ihren »Träumen« der Menschheit

mehr, als der große Troß des Philisterthums mit seinen

»vernünftigen« Gedanken.

Wir wiederholen, man darf nie einen Mann und seine Geistesprodukte

mit dem Maßstab einer _späteren_ Zeit messen. Wie jeder Mensch, der

bedeutendste wie der geringste, das Kind seiner Zeit ist, so wird

er auch über seine Zeit nicht hinaus können; er kann der

Vorgeschrittenste in ihr sein, außer ihr steht er nicht. Eine

bewußte Arbeiterklasse gab es zu Anfang dieses Jahrhunderts nicht,

konnte es nicht geben; die moderne, industrielle Arbeiterklasse war

erst im Entstehen, und so weit die Arbeiter am öffentlichen Leben

sich betheiligten und sich dafür interessirten, bildeten sie die

Gefolgschaft der Bourgeoisie, wie sie dies in Deutschland im Anfang

der sechziger Jahre noch waren. In Frankreich lagen damals die

Verhältnisse noch ganz anders. Die Ideen der großen Revolution

besaßen noch einen Glanz und hatten einen Enthusiasmus in den

Massen verbreitet, der lange und tief nachwirkte.

Warum jene glänzenden Ideen der bürgerlichen Ideologen in der

Revolution sich nicht verwirklicht hatten, nicht verwirklichen

konnten, erwähnten wir schon. Dazu kam, daß die napoleonischen

Kriege Frankreich unausgesetzt in Athem hielten und die öffentliche

Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Ueberdies hatten zu jener

Periode die Arbeiter in Frankreich ihre goldene Zeit. Durch das

bereits erwähnte gegen England gerichtete vollständige

Abschließungssystem und die damit treibhausartig gezüchtete

Großindustrie -- Zuckerfabrikation, Baumwollenfabrikation,

Seidenindustrie etc. -- in Verbindung mit der fortgesetzten

Hinopferung von Hunderttausenden der besten Kräfte im Mannesalter,

in den ununterbrochenen Kriegen, war die Nachfrage nach Arbeitern

groß, die Löhne standen hoch und die Arbeiter lernten erst jetzt

eine Menge Bedürfnisse kennen und befriedigen, von denen sie früher

keine Ahnung hatten. Da bekümmerten sie sich nicht um neue soziale

Theorien, namentlich wenn diese ihnen in so fremder, schwer

verbindlicher und unverdaulicher Form geboten wurden, wie sie

Fourier's erstes Hauptwerk enthielt. Fourier ist überhaupt schwer

verständlich, es mangelt ihm die logische Zusammenfassung und die

klare Ausdrucksweise. Daneben hat er sich eine Nomenklatur gebildet

und wendet diese mit Vorliebe an, die eine Verdeutlichung sehr

schwer, manchmal fast unmöglich macht.

Als nach Beendigung der napoleonischen Kriege und nach der

Beseitigung Napoleon's Frankreich anfing, sich wieder mit sich

selbst zu beschäftigen, traten andere Erscheinungen in den

Vordergrund, die das allgemeine Interesse in Anspruch nahmen.

Gleichzeitig mit den Bourbonen und unter dem Schutz der Bayonette

der heiligen Allianz war ein ganzes Heer ehemals emigrirter Pfaffen

und Adeliger mit ihrer Nachkommenschaft eingerückt, die jetzt wie

ein Schwarm Heuschrecken sich über das Land ergossen, Ersatz für

das einst Verlorene, Belohnung und Vergeltung für das meist sehr

zweifelhaft Geleistete aus öffentlichen Mitteln verlangten, und

nach möglichster Wiederherstellung der Zustände des »ancien regime«

sich sehnten und dazu drängten. Zwar hatte schon Napoleon versucht,

seinen Frieden mit den alten Ständen zu machen; er hatte neben dem

alten einen neuen Adel kreirt, weil er einsah, daß er seinen neu

gezimmerten Thron nicht ohne solche Stützen auf die Länge zu halten

vermochte, und mit dem Papst hatte er sich auch verständigt. Aber

es war doch nur ein kleiner Theil des Adels, der von Napoleon

befriedigt war, und der Herr und Meister zwang diesen Adel zur

Bescheidenheit. Das wurde nach 1815 anders. Jetzt brach der alte

Adel in Schaaren in das Land, er hielt den Tag der Ernte nach so

langer Entbehrung für gekommen. Die reaktionären Strebungen kamen

überall zum Vorschein. Eine Reihe von Jahren ließ sich das

niedergetretene Frankreich diesen Zustand gefallen, dann aber

ermannte es sich allmälig. Die Bourgeoisie, die sich in erster

Stelle zurückgedrängt und beunruhigt sah, wurde oppositionell, und

Alles, was von den Ideen der großen Revolution erfüllt war, noch

voll Begeisterung und Enthusiasmus glühte, erhob sich zum Kampf,

der schließlich in dem Sturz der Bourbonen in der Julirevolution

zunächst sein Ende fand. Aber später dauerten die Kämpfe fort und

führten namentlich zur Gründung der geheimen revolutionären

Gesellschaften, an denen auch die Arbeiter in stärkerem Maße sich

betheiligten. Das war keine Strömung, die den auf Aussöhnung und

Ausgleichung der Gegensätze gerichteten Bestrebungen Fourier's

günstig war. Dazu kam noch eine gewisse Zurückhaltung seinerseits,

er blieb den politischen Kämpfen vollständig fern, seine Natur war

nicht für die öffentliche Propaganda und die Agitation gemacht.

Die Aufnahme, die Fourier's erstes Werk: »Die Theorie der vier

Bewegungen«, gefunden hatte, war nicht sehr ermunternd. Das Buch

fand geringen Absatz und Fourier's Mittel waren erschöpft. Eine

kleine Hülse, die ihn vor dem Mangel schützte, erhielt er durch ein

Legat seiner Mutter, die 1812 starb, ein Legat, das ihm jährlich

900 Franken einbrachte. Bis zum Jahre 1816 arbeitete er in

verschiedenen kaufmännischen Stellungen, dann zog er sich auf's

Land zurück und widmete sich fünf Jahre gänzlich seinen Studien und

Berechnungen. Endlich, im Jahre 1822, erschien sein umfänglichstes

Werk: »Die Theorie der universellen Einheit«, zwei starke Bände

umfassend, bei dessen Herausgabe ihn namentlich sein Freund und

Anhänger Just Muiron, der als städtischer Beamter in Besançon lebte

und in leidlichen materiellen Verhältnissen war, unterstützte. Bei

der zweiten Herausgabe (1842) wurde dem Werke die ein Jahr nach

seiner ersten Herausgabe geschriebene Abhandlung: »Summarisches«

eingefügt und das Ganze unter dem ersterwähnten Titel in vier

Bänden herausgegeben. Bei der ersten Ausgabe führte das Werk den

Titel: »Abhandlung über die hauswirthschaftlich-landwirthschaftliche

Assoziation«, obgleich Fourier ihm den späteren Titel von vornherein

zugedacht, ihn aber durch den zweiten ersetzt hatte, weil damals

»die erschreckte öffentliche Meinung gegen die allgemeinen Systeme

eingenommen gewesen sei.« In diesem Werk begründet Fourier in der

ausführlichsten Weise alle die in seinem ersten Werk aufgestellten

Postulate, sie hier und da in Folge genauerer Studien und

Berechnungen richtig stellend. Einen erheblichen Theil des Werkes

bilden philosophische Abhandlungen scharf polemischer Natur -- in

der Polemik war er überhaupt Meister -- in denen er die Systeme der

Gegner angriff und die gegen ihn gerichteten Angriffe mit viel Witz

und Satyre zurückwies.

Im Jahre 1829 erschien eine weitere Arbeit Fourier's unter dem

Titel: »Die industrielle und sozietäre Neue Welt.« (»Le Nouveau

Monde industriel et sociétaire.«) Dieses Werk umfaßt einen Band und

ist von allen Schriften Fourier's das präziseste und am klarsten

geschriebene; es vermeidet möglichst die spekulativen und

kosmogenetischen Träumereien, befaßt sich dagegen um so mehr mit

allen praktischen Fragen seines Systems; es kann als die

eigentliche Quintessenz seiner Theorien angesehen werden. Wer sich

über Fourier's Ideen genügend orientiren will, ohne die fünf ersten

Bände zu studiren, wird in »Der industriellen und sozietären Neuen

Welt« alles Wünschbare finden. Sieben Jahre später erschien

abermals eine größere Arbeit von ihm unter dem Titeln »Falsche

Industrie«. Aber dieses Buch enthält keine irgendwie neuen Ideen,

noch weniger zeichnet es sich durch Uebersichtlichkeit aus, es ist

die letzte, aber auch geringwerthigste seiner größeren

Abhandlungen. Neben diesen größeren Schriften erschienen von ihm

eine Menge Aufsätze über die verschiedensten Fragen, die später

ebenfalls gesammelt und von seinen Anhängern herausgegeben wurden.

Allmälig hatte sich eine kleine Anhängerzahl um Fourier geschaart.

Neben dem bereits erwähnten, ihm sehr ergebenen Muiron war es

Victor Considérant, der als junger Mann und als Zögling der

Ingenieurschule zu Metz mit Feuereifer sich seinen Ideen hingab,

unter seinen militärischen Genossen für dieselben Propaganda machte

und auch später Fourier treu blieb, als er in der militärischen

Karrière bis zum Hauptmann des Geniekorps emporstieg, noch später

Mitglied des Generalraths der Seine und Volksvertreter wurde.

Considérant wurde das eigentliche Haupt der Schule, der Paulus des

Fourierismus, der in Wort und Schrift unermüdlich für ihn wirkte.

Doch da wir die ausschließliche Aufgabe haben, uns mit dem Wirken

Fourier's zu beschäftigen, können wir nicht ausführlicher auf die

Thätigkeit der Schule eingehen. Die Zahl ihrer schriftstellerischen

Kräfte, und dem entsprechend auch die Zahl ihrer Schriften, wurde

im Laufe der Jahre eine sehr bedeutende, doch hat sie nie einen

großen Massenanhang gewonnen; sie hatte, wie die meisten der

sozialistischen Schulen in Frankreich, ihre Hauptstützen in den

jugendlichen Kreisen der Gebildeten. Schriftsteller, Advokaten,

Offiziere, Aerzte, Künstler bildeten den Kern. Im Jahre 1832 gelang

es Kurier und seinen Schülern, eine Zeitschrift für die Verbreitung

ihrer Lehren zu gründen, die unter dem Titel: »La Reforme

industrielle ou le Phalanstère« (Die industrielle Reform oder das

Phalansterium) bis zum Jahre 1833 in zwei Bänden groß Oktav

erschien, dann aber einging. Eine neue Zeitschrift erschien 1836

unter dem Titel: »La Phalange, journal de la science social« (Die

Phalanx, Zeitschrift für die soziale Wissenschaft), welche in den

Jahren 1836-1840 zwei bis drei Mal im Monat herauskam. Von

1840-1843 erschien sie wöchentlich drei Mal und ging 1843 in ein

Tageblatt über unter dem Titel: »Democratie pacifique« (Friedliche

Demokratie).

Fourier betheiligte sich bei diesen Zeitschriften

schriftstellerisch sehr eifrig und leistete zahlreiche Beiträge.

Außerdem führte er auch den Kampf in der übrigen Presse, so weit

diese seine Arbeiten aufnahm. Gegen Ende der zwanziger Jahre war er

dauernd nach Paris übergesiedelt. Er hatte eingesehen, daß wenn er

für seine Theorien mit Erfolg wirken wollte, er mitten in dem

Zentralpunkt des öffentlichen Lebens von Frankreich sein mußte. Er

hatte den durch die Zentralisation des Landes begründeten mächtigen

Einfluß von Paris auf Frankreich für dessen ganzes öffentliches,

wissenschaftliches, künstlerisches Leben entschieden bekämpft, ein

Einfluß, der dazu führe, daß die größten Städte Frankreichs, wie

Lyon, Bordeaux, Rouen u.s.w., in Bezug auf geistiges und

künstlerisches Leben reine Landgemeinden seien und bei der in

Deutschland herrschenden Dezentralisation von weit kleineren

Städten, wie Weimar, Stuttgart, Gotha oder jeder beliebigen

deutschen Universitätsstadt, überflügelt würden. Fourier

beurtheilte überhaupt Paris, Frankreich und den Charakter seiner

Landsleute im guten wie im schlimmen Sinne wie wenige seiner

Zeitgenossen. Das war die Frucht seiner außerordentlichen scharfen

Beobachtungsgabe. Aber der zentralisirenden Wirkung und dem Einfluß

von Paris konnte er sich natürlich als Einzelner und als Mann, der

auf seine Zeitgenossen wirken wollte, nicht entziehen, und so

wählte er es zum Schauplatz seiner Thätigkeit. Da ist es denn für

den Mann und den festen Glauben an sein System charakteristisch,

daß während der letzten zehn Jahre, die er bis zu seinem am 9.

Oktober 1837 in Paris erfolgten Tode verlebte, er Tag für Tag in

der Mittagsstunde in seiner Wohnung den »Kandidaten«[4] erwartete,

der ihm die Mittel für die Gründung einer Versuchsphalanx zur

Verfügung stellen sollte. Vergeblich! Dagegen wurde im Jahre 1832

aus der Mitte seiner Anhänger heraus der Versuch, eine Phalanx zu

gründen, gemacht, indem Einer derselben in der Nähe von Rambouillet

500 Hektaren Land für diesen Zweck zur Verfügung stellte. Aber man

kam über die ersten Versuche nicht hinaus, weil die Mittel sehr

bald ausgingen, ein Resultat, das Fourier bis an sein Lebensende

mit begreiflicher Bitterkeit erfüllte.

[Fußnote 4: Fourier bezeichnete Diejenigen, die nach seiner

Meinung die Mittel für die Versuchsphalanx besäßen, als Kandidaten

und berechnete, daß es solcher 4000 in Europa gäbe.]

* * * * *

Hiermit haben wir in der Hauptsache den Lebenslauf des Begründers

des Phalanstèren-Systems dargelegt, wie in einigen Hauptpunkten

seine Grundgedanken entwickelt, und die Zeitverhältnisse kurz

geschildert, unter welchen er sich Geltung zu verschaffen suchte.

Es handelt sich nunmehr darum, sein System und seine Auffassungen

nach seinen eigenen Ausführungen, wenn auch nur in knappster Form,

zum Ausdruck zu bringen.

Seine Schüler haben im Jahre 1848 ein zweibändiges Sammelwerk

herausgegeben, in dem sie unter dem Titel: »Die universelle

Harmonie und das Phalansterium« (»L'harmonie Universelle et le

Phalanstère«) eine Uebersicht der Theorien Fourier's gaben, worin

ausschließlich er selbst zum Wort kommt. Dieses Werk haben wir

theilweise für Nachstehendes mit zu Grunde gelegt. Fourier beginnt:

»Ich dachte an nichts weniger, als an Untersuchungen über die

Bestimmung von Mensch und Welt, ich theilte die allgemeine Ansicht,

welche sie als undurchdringlich ansah und ihre Berechnung unter die

Visionen der Astrologen und Magiker reihte ... Seitdem die

Philosophen[5] in ihrem ersten Versuch (in der französischen

Revolution) den Beweis ihrer Unerfahrenheit geliefert haben,

betrachtet Jeder ihre Wissenschaft als für immer abgethan. Die

Ströme von politischer und moralischer Aufklärung erscheinen nur

mehr als Illusionen. Nachdem diese Gelehrten seit fünfundzwanzig

Jahrhunderten ihre Theorien vervollkommnet, alles alte und neue

Wissen zusammengetragen haben, zeigt sich, daß sie uns statt der

versprochenen Wohlthaten eben so viel Kalamitäten verschafften und

daß die Zivilisation zur Barbarei neigt. Nach der Katastrophe von

1793 gab es keinerlei Glück von den erworbenen Aufklärungen mehr zu

hoffen, man mußte das soziale Wohl durch eine neue Wissenschaft zu

verwirklichen suchen. Solcher Art war die erste Betrachtung, welche

mich die Existenz einer bisher noch unbekannten sozialen

Wissenschaft vermuthen ließ und mich anregte, ihre Entdeckung zu

versuchen. Ich ward dazu ermuthigt durch zahlreiche Merkmale, die

Verirrungen der Vernunft und hauptsächlich durch den Anblick der

schweren Geiseln, von denen unsere sozialen Zustände betroffen

sind: Mangel, Entbehrungen, überall herrschender Betrug,

Seeräuberei, Handelsmonopol, Sklavenhandel und viele andere Uebel.

Ich gab dem Zweifel statt, ob dieser soziale Zustand nicht eine von

Gott erfundene Kalamität sei, um das Menschengeschlecht zu

züchtigen. Ich schloß, daß in diesem sozialen Zustand eine

Umkehrung der natürlichen Ordnung vorhanden sei. Endlich dachte

ich, wenn die menschliche Gesellschaft nach der Ansicht

Montesquieu's 'von einer Krankheit der Entkräftung, einem inneren

Uebel, einem geheimen versteckten Gift' behaftet sei, man ein

Heilmittel finden könne, wenn man die von unseren Philosophen

bisher innegehaltenen Wege vermeide. So machte ich zur Regel meiner

Untersuchungen: _den absoluten Zweifel und die absolute Vermeidung

bisher beschrittener Wege_ ... Da ich bisher keinerlei Beziehungen

zu irgend einer wissenschaftlichen Partei hatte, so war es mir um

so leichter, den Zweifel unterschiedslos anzuwenden und Ansichten

mit Mißtrauen zu begegnen, die bisher universelle Zustimmung

gefunden hatten. Was konnte es Unvollkommeneres geben, als diese

Zivilisation mit allen ihren Uebeln? Was war _zweifelhafter, als

ihre Nothwendigkeit und künftige Dauer_? Wenn vor ihr schon drei

andere Gesellschaften bestanden, die Wildheit, das Patriarchat und

die Barbarei, folgte daraus, daß sie die letzte sei, weil sie die

vierte ist? Kann nicht noch eine fünfte, sechste, siebente soziale

Ordnung entstehen, die weniger verhängnißvoll sind, als die

Zivilisation, die aber noch unbekannt sind, weil Niemand sich die

Mühe gab, sie zu entdecken? Man muß also die Nothwendigkeit,

Vortrefflichkeit und stetige Dauer der Zivilisation in Zweifel

stellen. Das haben die Philosophen nicht gewagt, weil sonst die

Nichtigkeit ihrer bisherigen Theorien, die alle die Zivilisation

verherrlichen, an den Tag kommen würde.«

[Fußnote 5: »Unter den Philosophen begreife ich«, sagt Fourier an

einer Stelle, »nur die Autoren der unsicheren Wissenschaften

(»sciences incertaines«), die Politiker, Moralisten, Oekonomisten

und Methaphysiker, deren Theorien nicht auf der Erfahrung beruhen,

sondern nur die Phantasie ihrer Urheber zur Basis haben. Wenn ich

also von Philosophen spreche, spreche ich nur von dieser

zweifelhaften Klasse, nicht von den Vertretern der bestimmten

Wissenschaften (»sciences fixes«).« Fourier ging von der Ansicht

aus, daß die französische Revolution nur ein Werk der Philosophen

sei.]

In diesen wenigen Sätzen steckt bereits die Utopie, von der er und

alle Seinesgleichen ausgingen. Der bestehende Zustand ist schlecht,

kein Zweifel, aber er wird nur festgehalten, weil man keinen

besseren kennt. Machen wir uns also an die Arbeit, erfinden wir

einen besseren und dem Uebel ist geholfen. Doch sollte nach Fourier

diese neue Gesellschaft keine willkürlich erfundene sein, sie

sollte auf bestimmten mathematischen Berechnungen beruhen, und

stimmten diese Rechnungen, und das entschied natürlich er selbst,

so war der neue Zustand gegeben, und es hing nur von dem eignen

Entschluß der Gesellschaft ab, ihren sozialen Zustand wie ein Paar

Handschuhe zu wechseln, ruhig, friedlich, ohne Kampf und ohne

Reibung. Denn wo Allen das Glück blüht, wie kann da Jemand zaudern?

Er entschloß sich also, Alles zu bezweifeln, doch dachte er noch

nicht an die Bestimmungen. Er verfiel zunächst, wie er sagt, auf

zwei sehr gewöhnliche Probleme, deren beide Prinzipien waren »die

Ackerbaugesellschaft« (»association agricole«) und die indirecte

Unterdrückung des Handelsmonopols der Insularen, der Engländer.

England sah bekanntlich in dem Aufschwung Frankreichs nach der

französischen Revolution einen gefährlichen Konkurrenten entstehen,

dazu kam die Befürchtung wegen der Rückwirkung der revolutionären

Ideen auf die eigene Bevölkerung und, wie schon bemerkt, der Haß,

daß Frankreich die Unabhängigkeitsmachung seiner nordamerikanischen

Kolonien, der späteren Vereinigten Staaten, unterstützt hatte. Mit

seiner Seemacht beherrschte England alle Meere und den ganzen

Handel, und bei dem Widerwillen, den Fourier in der eignen Praxis

gegen den Handel eingesogen hatte, mußte sich dieser Widerwille

auch auf die größte Handelsmacht, die, wie er behauptete, alle

diese perfiden Handelsdoktrinen nicht blos vertrat, sondern auch

erzeugt hatte, wenden. Zunächst beschäftigte er sich mit der

ländlichen Assoziation, und über dem Nachdenken über ihre

Organisation kam er auf die Theorie der Bestimmungen. Die Lösung

dieses Problems führt, nach ihm, zur Lösung aller politischen

Probleme. »Die Philosophen hielten die Ackerbaugenossenschaft für

ebenso unmöglich, wie die Abschaffung der Sklaverei, weil die

Genossenschaft bisher nie existirte. Sehend, daß bei dem

Dorfbewohner jede Haushaltung auf eigene Faust arbeitet, kannten

sie keine Mittel, sie zu vereinigen, und doch würden unzählige

Verbesserungen daraus entstehen, wenn man die Bewohner jedes

Fleckens zu gemeinsamer Thätigkeit vereinigen könne, proportional

ihrem Kapital und ihrer Thätigkeit. Also 2-300 Familien, ungleich

an Vermögen, die einen Bezirk (»canton«) kultivirten. Das Hinderniß

schien enorm. Man kann kaum 20, 30, 40 Individuen zu gemeinsamer

Thätigkeit verbinden, wie hunderte? Und doch wären mindestens

achthundert nöthig für eine natürliche und ihre Mitglieder

anziehende Assoziation.«

»Ich verstehe darunter«, sagt er, »eine Gesellschaft, deren

Mitglieder durch Wetteifer und Eigenliebe und andere Mittel, die

mit dem Interesse verträglich, an die Arbeit gefesselt sind. Die

Ordnung, um die es sich handelt, muß für die, welche sie üben,

anziehend sein, während heute die Beschäftigung mit der

Landwirthschaft widerwärtig erscheint und nur ausgeübt wird aus

Furcht, Hungers zu sterben. Eine solche Organisation erscheint

lächerlich, und doch ist sie möglich. Die landwirthschaftliche

Assoziation, die, wie ich unterstelle, an tausend Personen umfaßt,

liefert so enorme Vortheile, daß sie im Vergleich zum heutigen

Zustand als Zustand der Sorglosigkeit erscheint. Das hat selbst ein

Theil der Oekonomen zugestanden, nur haben sie sich nicht die Mühe

gegeben, die Ausführungsweise zu entdecken. Sie erkennen selbst an,

daß z.B. dreihundert Dorffamilien nur einen einzigen, sorgfältig

erbauten und eingerichteten Kornboden würden nöthig haben, anstatt

300 meist sehr schlechter; eine einzige Kellerei (für den Wein)

anstatt 300 derselben, die meist mit vollständiger Unkenntniß

behandelt werden. Statt daß hundert Boten mit Milch nach der Stadt

gehen und hundert halbe Tage versäumen, würde ein einziger genügen,

der mit einem Wagen fährt. Das sind nur einige von den zunächst in

die Augen fallenden Ersparnissen, und sie würden sich

verzwanzigfachen lassen. Aber wie eine Gesellschaft verschmelzen,

in der die eine Familie 10.000 Franken, die andere keinen Obolus

besitzt? Wie alle die Eifersüchteleien vermeiden und zu _einem_

Plan die Interessen verbinden? Wie aussöhnen so viel

widerstreitende Interessen und so viel entgegenstrebende Willen

versöhnen? Darauf antworte ich: durch die Lockung von Reichthum und

Vermögen. Der stärkste Trieb für den Landmann wie für den Städter

ist der Gewinn. Wenn die Betheiligten sehen, daß die sozietär

organisirte Arbeit ihnen drei-, fünf-, sechsmal mehr Vortheile

einbringt, als in der isolirten Privatwirthschaft, daß allen

Assoziirten die verschiedensten Genüsse gesichert sind, so werden

sie alle ihre Eifersüchteleien vergessen und sich beeilen, der

Assoziation beizutreten; sie wird sich rasch über alle Regionen

ausbreiten, denn überall haben die Menschen den Trieb nach

Reichthum und Genüssen.«

»Wenn die Götter allen Sterblichen drei Wünsche auszusprechen

gestatteten, welches würden die einstimmigsten Wünsche sein, die

der Gelehrten eingeschlossen: Reichthum, Gesundheit und Langlebigkeit;

und damit wäre der vierte Wunsch eingeschlossen: genügend Klugheit,

um diese Güter entsprechend zu benutzen«, so definirt er an einer

andern Stelle das Streben der Menschen.

Charles Fourier: Sein Leben und seine Theorien. · 第 2 / 9 题