Wir liefen stets nahe der Küste, die meistens aus spitzen, steil
abfallenden Hügeln besteht, welche lange Ketten bilden und wenig
geeignete Plätze zu Ansiedelungen bieten. Es sah auch alles unbewohnt
aus. Die Berge und Hügel sind stellenweise mit dünnen Nadelwaldungen
bedeckt; doch ist die Sandregion noch vorherrschend. Wir kamen durch
die +Humboldts-Bay+.
Am +5. November+ früh Morgens lenkten wir in die Bucht oder den Hafen
von +Trinidad+. Diese Bucht ist ausnehmend klein und niedlich; ich
glaube kaum, daß sie eine Viertelmeile im Durchmesser hat. Sie ist
von fünfzig bis sechzig Fuß hohen, steilen Felshügeln umfaßt, die
Oeffnung gerade hinlänglich, daß ein Schiff einlaufen kann. In der
Mitte erhebt sich ein hoher, schwarzer Fels, der den kärglichen Raum
noch mehr beengt. Man könnte die ganze Bildung dieses Beckens für einen
ausgebrannten Krater halten. Von dem Städtchen sieht man einige Dutzend
hölzerne Häuser an den Säumen der Hügel. Ein schöner Nadelwald im
Hintergrunde schließt das Miniaturgemälde.
Das Städtchen Trinidad entstand vor zwei Jahren, geht aber jetzt schon
dem Untergange zu. Der Handel nimmt keinen Aufschwung, wie man bei der
Errichtung geglaubt hatte, und Ackerbau wird noch nicht betrieben.
Viele der Ansiedler sind wieder hinweg gegangen.
Von Trinidad an werden die Hügelreihen an der Küste niedriger, weniger
steil und dichter mit Nadelwaldungen bedeckt.
Unter heftigem Regen, stark bewegter See langten wir Nachmittags vor
Crescent-City an. Eine schwere Aufgabe war es, an das Land zu kommen,
da die Rhede sehr unsicher und jedem Winde oder Sturme ausgesetzt
ist. Von April bis November bietet sie zwar einigen Schutz gegen die
vorherrschenden Nordwinde; aber in den Wintermonaten ist sie den Winden
ganz Preis gegeben.
Die Lage des Städtchens ist überaus idyllisch. Die hölzernen Häuschen
stehen zum Theil in einer Reihe an dem Saume des Meergestades; andere
liegen zwischen Bäumen zerstreut umher. Das Ganze wird von hohen
Nadelwaldungen überschattet. Gegen Südwesten steigen reichbewaldete
Berge auf, auch an schönen Ebenen fehlt es nicht, und in der See liegen
viele reizende Gruppen kleiner Eilande und Felsparthieen, von welchen
manche nackt, andere bewaldet sind.
Crescent-City wurde erst in diesem Jahre, im Monat Februar, angelegt.
Der Wald mußte gelichtet und ein Blockhaus errichtet werden, denn
rund umher gab es noch viele Indianer-Stämme. Im Monat August standen
bereits neunzig Häuser, zwanzig Magazine waren eröffnet, mehrere Hotels
errichtet. Der Handel nach den Minen, die an dem Smith’s-Flusse
liegen, war schon in vollem Gange. Täglich sah ich viele Maulthiere mit
Lebensmitteln und andern Gütern von hier beladen dahin abgehen. Wenn es
sich bewährt, daß von diesem Punkte aus der sicherste und beste Verkehr
nach dem Innern geht, so wird sich dieser Ort wunderschnell erheben.
Aber auch zu Trinidad siedelten sich die Leute in dieser Hoffnung an,
die sich dann nicht bewährte. Die Theuerung ist hier noch weit größer
als in San Francisco, von woher alles zugeführt wird.
Herr +Grubler+, ein Schweizer von Geburt, war so gefällig, mich
in seinem Hause aufzunehmen. Dieser Mann gehörte unter die ersten
Ansiedler und erbaute das Blockhaus. Er ist auch Präsident und
hauptsächlicher Gründer eines sehr nützlichen und lobenswerthen
Vereins zur Bildung angehender Redner. Die Mitglieder versammeln
sich alle Wochen einen Abend in dem Schulsaale; es werden politische
Fragen gegeben, erdichtete Prozesse, so wie auch Novellen und Gedichte
vorgetragen, und in dieser Weise bieten diese Abende der ganzen
Gesellschaft eine lehrreiche Unterhaltung.
Ich war über die guten, fließenden Vorträge um so mehr erstaunt, als
die meisten der Sprecher wie Matrosen oder Minenarbeiter aussahen.
Sie hatten Jacken, rothe Wollhemden und dergleichen an. Auch das
schöne Geschlecht erschien in ganz einfachen kattunenen Hauskleidern.
Der Schulsaal sah ebenfalls nicht sehr elegant aus und ließ leider
den rauhen Wind von allen Seiten dergestalt ein, daß man die
Unschlittkerzen kaum vor dem Erlöschen bewahren konnte. Wie bald wird
dieß alles vielleicht umgeschaffen sein und Pracht und Luxus die
ländliche Einfachheit verdrängen! Werden sich die Leute dann wohl
besser unterhalten?
Obgleich Crescent-City nur vier Grad nördlicher liegt als San
Francisco, äußert sich in Witterung und Temperatur ein viel mächtigerer
Unterschied als man vermuthen sollte. Dicke Nebelwolken verhüllten die
ganze Gegend, es regnete häufig und schwer, und eine sehr empfindliche
Kälte machte sich fühlbar.
Der Hauptzweck meiner Reise hierher war, die Indianer zu besuchen,
welche in diesem Theile Kaliforniens noch in ziemlicher Anzahl zu
finden sind. Seit sich die Weißen hier niederließen, haben sie sich
jedoch etwas mehr in das Innere des Landes zurückgezogen, und man muß,
will man größere Wig-wams sehen, wenigstens zehn bis zwanzig Meilen
weit gehen.
Ein halbes Dutzend Indianische Familien waren noch in der Nähe des
Städtchens angesiedelt. Ich fand sie wie jene bei Mary’s Ville. Nichts
erschien mir komischer, als die sonderbaren Anzüge, denn auch hier
lasen sie alle von den Weißen weggeworfenen Kleidungsstücke auf. So
sah ich einen Indianer, welcher ein Beinkleid, eine sehr schadhafte
Mantille und einen zerknitterten Frauenhut trug. Ein anderer hatte
weiter nichts als einen Frack an, den er nach eigenem Geschmacke auf
der Rückseite ganz mit Glasperlen benäht hatte. Ein dritter trug
wieder nur eine Weste, dazu einen alten Männerhut, in welchen er oben
ein Loch geschnitten und viele Vogelfedern aufgesteckt hatte. Eben so
geschmackvoll waren die Weiber gekleidet.
Um weiter in das Land bis zu den Rogue-River-Indianern am Smith-Flusse
vorzudringen, muß man, wie mir die Leute hier versicherten, in
bewaffneter Gesellschaft gehen, da diese Indianer sehr wild und
hinterlistig sind. Man versprach mir, acht oder zehn Herren zusammen zu
bringen, die mich dahin begleiten sollten; allein es fanden sich nicht
so viele, und eine geringere Anzahl wollte den Gang nicht wagen.
Glücklicher Weise hörte ein Deutscher Matrose, Karl Braun, der sich
vor einigen Monaten hier niedergelassen hatte, von meinem Wunsche. Er
war so gut, zu mir zu kommen, um mir zu sagen, daß er Willens sei, zu
jenen Indianern zu gehen. Er sei viel mit Indianern in Verbindung,
von welchen er Fische gegen Glasperlen eintauschte, und verstehe ihre
Sprache. Wenn ich es wagen wolle, könne ich ihn begleiten. Ich war über
diesen unerwarteten Zufall sehr erfreut; die Reise ward beschlossen
und, sobald der Regen aufgehört hatte, auch angetreten.
Wir gingen am ersten Tage, +7. November+, ungefähr sechzehn Meilen,
meistens an dem Seegestade, in tiefem Sande oder über Steine. Durch
die Waldungen waren die Wege gut. Gegen Nachmittag wandten wir uns
dem Innern zu und gelangten sehr bald an den Smith-Fluß, dessen Ufer
ebenfalls aus Sand bestanden; doch kaum eine halbe Meile in das Land
hinein fingen schon herrliche Nadelwaldungen an. Die Bäume waren
sehr hoch und schlank, sie liefern das vorzüglichste Bauholz. Von
Schlinggewächsen sah ich wenig, dagegen gab es dichtes Untergebüsch,
unter welchem die Brombeer- und Heidelbeer-Staude und andere
Waldbeeren. Die Heidelbeer-Staude wächst hier viel höher als bei uns in
Europa; sie erreicht eine Höhe von vier Fuß.
Wir kamen an mehreren Wig-wams vorüber, hielten aber nur kurz an, um wo
möglich vor einbrechendem Regen, der in unfreundlichen Wolken über uns
schwebte, das Nachtlager zu erreichen. Die Wig-wams waren klein, sie
bestanden höchstens aus sechs bis acht Hütten oder Höhlen, jenen bei
Mary’s Ville gleich, nur daß das hölzerne Dachgerippe statt mit Erde
hier mit Blättern und Aesten überdeckt war.
Den Smith-Fluß übersetzten wir in einem ausgehöhlten Baumstamme, statt
der Ruder bedienten sich die Leute ganz schmaler Brettchen.
Je weiter wir uns von den Niederlassungen der Weißen entfernten, desto
weniger fanden wir die Leute bekleidet, endlich ganz im Naturzustande.
Nur die Weiber trugen um die Hüften eine kurze bauschige Schürze, die
aus Grasfasern oder aus Elenthierfell verfertigt war. Das Fell wird in
sehr feine Streifen geschnitten und nur oben in einer Breite von drei
Zoll ganz gelassen. Sie schlagen es zwei Mal um die Mitte, es sieht
aus wie ein recht zottiger Pelz. Dergleichen Schürzen sah ich schon
an den kleinsten Mädchen, wenn sie noch kaum gehen konnten. Von den
Häuptlingen trug hie und da einer ein Thierfell um die Achsel geworfen.
Gegen Abend erreichten wir ein großes Wig-wam, dessen Bewohner
sich „Hüna-Indianer“ nannten. Mein Begleiter war bisher auf seinen
Wanderungen nicht so weit gekommen; er kannte aber dennoch einen jungen
Mann unter ihnen, mit dem er in andern Wig-wams zusammen getroffen
war und Fische gegen Glasperlen umgetauscht hatte. Wir beschlossen,
hier die Nacht zuzubringen. Es fing wieder an zu regnen, die Kälte
wurde unleidlich, und ich mußte daher noch froh sein, ein Plätzchen in
solch einem Erdloche mitten unter den ekelhaften, nackten Eingebornen
zu finden. Wir lagerten uns an das Feuer, welches in der Mitte der
Hütte lustig loderte und um das bereits ein halbes Dutzend Indianer
hockten. Bald füllte sich die Hütte so mit Neugierigen, daß die Hitze,
die Ausdünstung zum Ersticken wurde. Ging ich halb verzweifelnd in’s
Freie, so hatte ich noch mehr zu leiden, nicht nur von der Kälte und
dem Regen, sondern von den Bewohnern des ganzen Wig-wams, die sich so
um mich drängten, daß ich wie in einem festen Kreise eingeschlossen
war und mich kaum bewegen konnte. Sie zogen mich hin und her, sie
befühlten jedes meiner Kleidungsstücke vom Hute bis zum Schuhe. Ja ein
Mal schleppten sie mich sogar ein Stück weit in den Wald hinein zu
entfernten Hütten; nur mit Mühe kam ich wieder unter das Dach meines
Wirthes.
Mein Reisegefährte hatte Zucker, Kaffee und Brod bei sich, ich führte
ein Stückchen Käse und Brod mit. Der Matrose kochte einen ganzen
kleinen Kessel (er trug einen solchen von Weißblech mit sich) voll
Kaffee, aber so schwach, daß das Wasser blos einen leichten Anflug von
brauner Farbe bekam; nichtsdestoweniger fanden die Indianer dieses
heiße, bräunliche Wasser so köstlich, daß der Kessel bald geleert war
und eine zweite Auflage erfolgte, denn sie sahen, daß der Matrose noch
ein solches braunes Pulver hatte, und jeder wollte davon haben. Sie
griffen darnach, um es zu essen, und eher war keine Ruhe, bis alles
verzehrt war. Mein Führer konnte nichts von seinen Lebensmitteln für
den folgenden Morgen retten. Den Zucker warfen sie nicht in den Kaffee;
sie aßen ihn mit größter Begierde, eben so das Brod. Nach diesem
Mahle begannen sie ihre Kocherei. Sie brachten große, schöne Lachse
herbei, an welchen die Flüsse Kaliforniens überreich sind. Die Köpfe
und Schwänze wurden abgehauen, die Körper aufgeschlitzt mit Hölzchen
ausgespannt, an größere Hölzer gesteckt und am Feuer gebraten. Aus
den Köpfen und Schwänzen bereiteten sie eine Art Suppe. Sie füllten
ein Körbchen mit Wasser und warfen glühende Steine hinein, die sie
fortwährend durch frische ersetzten; als das Wasser hoch aufbrodelte,
warfen sie die Köpfe und Schwänze hinein und ließen sie einige Zeit
kochen. Dieses Verfahren erforderte sehr wenig Zeit, weniger als das
an unsern Sparheerden. Die Suppe sah gräulich und dick aus, denn mit
den Steinen kam mitunter auch eine Portion Asche in das Körbchen;
das nahmen die Leute aber nicht so genau. Sie langten die Suppe mit
Muscheln heraus und tranken sie. Die gebratenen Fische rissen sie mit
den Händen in Stücke und legten sie auf flache Körbchen, die ihnen
als Teller dienten. Hierauf rösteten sie Eicheln in der heißen Asche.
Diese, nebst dünnen, langen Graswurzeln, dienten als Dessert. Die
Wurzeln wurden nicht nur roh, sondern ungewaschen, mit der daran
klebenden Erde genossen. Sie schmeckten ungemein zart und fein; man
konnte sie mit der Zunge zerdrücken. Dieses Mahl wäre hinlänglich
reich und auch schmackhaft gewesen, hätten ihm nicht zwei Hauptwürzen
gefehlt: Reinlichkeit und Salz -- beide sind diesen Menschen unbekannt.
Nach dem Essen bemalten sich die Männer und Jünglinge das Gesicht ganz
abscheulich mit brauner, rother, blauer oder schwarzer Farbe. Sie
bestrichen sich das Gesicht zuerst mit Fischfett, dann rieben sie mit
den Händen die Farbe ein, und um verschiedene Zeichnungen hervor zu
bringen, fuhren sie hie und da mit dem Finger über die bemalte Stelle,
wodurch die Farbe verschwand. Daß dadurch ihre angeborne Häßlichkeit
noch um vieles widerlicher wurde, bedarf wohl keiner Erwähnung. Nach
dieser Operation fingen sie zu singen an. Ihre Gesänge fand ich
melodischer und besser vorgetragen, als ich es bei einem so rohen Volke
vermuthet hätte. Die Unterhaltung währte bis tief in die Nacht. Man
war dann doch so galant, mir eine der Höhlen insofern zu überlassen,
als sich die Männer entfernten und nur die Weiber bei mir blieben.
Eine derselben legte sich so knapp an meine Seite, daß ich mich
kaum umwenden konnte. Auf der andere Seite standen große Körbe voll
geräucherter Fische, über unsern Köpfen hingen die zu räuchernden,
man kann sich daher das angenehme Nachtlager auf dem kalten Boden ohne
Polster und Decke vorstellen.
Ich hatte an dem Mahle wenig Theil genommen, da ich beabsichtigte,
mich Nachts, wenn alles schliefe, mit einem Stückchen Käse und Brod
schadlos zu halten. So lange die Leute wach waren, wagte ich es nicht,
diese Kleinodien aus der Tasche zu ziehen; jeder hätte davon kosten
wollen, und am Ende wäre für mich selbst nichts übrig geblieben. Als
ich die Weiber schlafen, d. h. schnarchen hörte, richtete ich mich ein
wenig auf und zog meinen Schatz behutsam hervor; allein der Schlaf
meiner Nachbarin war entweder sehr leise oder Verstellung: sie erwachte
sogleich, frug mich, was ich thue und bedeutete mir, daß ich mich
niederlegen und nicht rühren solle. Sie schürte das Feuer an, bis ich
mich wieder auf die Erde hingestreckt und schlafend gestellt hatte,
und legte sich dann abermals an meine Seite. Vermuthlich hatte man
Mißtrauen gegen mich.
Am Morgen fing das Leben und Treiben schon vor Tagesanbruch an. Es
wurde reichlich gekocht und tapfer gespeist. Die Zeit während des
Kochens benutzte ich, mit einem Indianer auf den Fischfang zu gehen.
Er nahm eine zwanzig Fuß lange Stange mit, an welcher ein Speer aus
Knochen mittelst einer langen Schnur befestigt war. Sobald er den
Speer geworfen hatte, ließ er die Stange, je nach der Kraft und Größe
des Fisches, entweder in das Wasser fallen oder er behielt sie in der
Hand. Er warf den Speer, ohne je zu fehlen. Die Schnur war von den
Gedärmen des Elenthieres ausnehmend schön gearbeitet und glich einer
starken Musiksaite.
+8. November.+ Nach dem Frühstücke setzten wir unsere Reise fort. Wir
gingen auch heute sechzehn bis achtzehn Meilen stets durch herrliche
Waldungen. Schon nach einigen Meilen betraten wir das Oregon-Gebiet
und stießen bald auf Stämme der Rogue-River-Indianer. Wir kehrten
in mehreren ihrer Wig-wams ein; mein Begleiter suchte Fische
einzutauschen; er hatte bisher noch keine bekommen.
Ich kroch heute wie gestern in viele der Höhlen, um der Leute Thun und
Treiben zu beobachten.
Die Indianer im Norden Kaliforniens und besonders in dieser Gegend
stehen auf der tiefsten Stufe der Bildung; sie sollen gar keine
Begriffe einer Religion, keine Ahnung eines künftigen Lebens haben. In
manchen Wig-wams findet man eine Art Zauber- oder Wundermann, der die
Krankheiten heilen, bei Diebstählen die Diebe ausfindig machen und die
Orte angeben soll, wo die gestohlenen Sachen verborgen liegen.
Die Indianer von Kalifornien und Oregon skalpiren nicht und machen
keine Gefangenen; sie tödten die Männer, doch nie die Weiber. Kommt
zufällig während ihrer Kämpfe ein Weib, ein Kind in die Schußweite der
Pfeile, so schreien sie ihnen zu, sich zu entfernen, da sie nur gegen
Männer und nicht gegen Wehrlose kämpfen wollen.
Ich fand die Leute hier ein weniges größer und stärker als im südlichen
Kalifornien, doch nicht hübscher. Unter den Weibern, die nicht nur
am Kinn, sondern auch an den Händen und Armen etwas tätowirt waren,
gab es sehr fette, überaus plumpe Gestalten. Die Haare trugen Männer,
Weiber wie Mädchen in langen Wülsten. Da sie Kämme nicht kennen,
fahren sie sich mit den Händen durch die Haare, streichen sie glatt,
drehen sie auf jeder Seite des Kopfes zusammen und umwickeln sie mit
einem Streifen Thierfell oder sonst einem Lappen. Die Mädchen tragen
dieselben Haarwülste, nur haben sie die Haare vorn etwas abgeschnitten;
die Männer tragen nur eine Haarwulst im Nacken. Durch die Ohrläppchen
stecken sie runde Holz- oder Messingscheiben, die Männer und Knaben
hängen auch verschiedene Zierathen von Perlen an den unteren
Nasenknorpel. Beide Geschlechter schmücken sich leidenschaftlich gern
mit Glasperlen und Vogelfedern. An Waffen besitzen sie blos Bogen und
Pfeile, seit sich die Weißen überall niederlassen, auch Messer. Die
Elenthiere fangen sie in Schlingen.
Sie sind überaus unrein, suchen sich gegenseitig das Ungeziefer vom
Kopfe und geben jeden Fund gewissenhaft dem Eigenthümer, der ihn gierig
verspeist. Die Männer gehen zwar häufig Morgens in den Fluß; aber sie
tauchen nur ein Mal und kommen, gleich den Malaien, eben so schmutzig
von dem Bade zurück, als sie hingegangen sind. Dennoch sah ich unter
diesem Volke bei weitem nicht so viele Hautkrankheiten wie bei den
Malaien oder Dayakern. Dieß ist meiner Meinung nach den Schwitzbädern
zuzuschreiben, die sie häufig gebrauchen und deren jeder Wig-wam
wenigstens eins besitzt. Diese Schwitzbäder bestehen in Erdhöhlen,
ähnlich ihren Wohnplätzen, aber kleiner. Sie schließen den Zugang,
machen ein tüchtiges Feuer an und bleiben so lange darin hocken, bis
sie recht in Schweiß gerathen.
Auch bei allen diesen Stämmen, die ich sah, gab es auffallend wenig
Kinder, obwohl die Leute gesund und kräftig aussahen. Die kleinen
Kinder werden in schmale, längliche Körbchen, die mit einem Deckel
versehen sind, gebunden und so von den Müttern auf dem Rücken getragen.
Diese Last hindert die Frauen nicht, alle Arbeit zu verrichten, die
ihnen, wie bei den meisten rohen Völkern, größtentheils zufällt, aber
sehr gering ist. Sie haben zu kochen, Körbe zu flechten und Eicheln
zu sammeln. Letzteres Geschäft ist das beschwerlichste; sie müssen oft
viele Meilen danach gehen und große Lasten heimschleppen, denn wenn der
Mann auch mitgeht, trägt er doch gar keine, oder höchstens eine kleine
Last.
In vielen Hütten traf ich die Männer spielend. Sie saßen im Kreise um
ein kleines Feuer und hielten feine, kleine Stäbchen in den Händen,
von welchen die meisten weiß, einige wenige schwarz waren. Jeder warf
seine Stäbchen derart vor sich hin, daß die schwarzen alle weit aus
dem Kreise der weißen flogen. Er faßte sie hierauf wieder zusammen,
gab sie hinter dem Rücken von der linken in die rechte Hand und
begann das Werfen von neuem. Es gab viele Zuschauer und auch zwei
Musikanten, welche getrocknete Krebsscheeren auf ein Stöckchen gefaßt
hatten und damit an ein Brettchen schlugen. Ein anderes Spiel ist
eine Art Errathen mittelst Lehmkügelchen. Sie spielen um Muschelgeld,
das einzige, welches sie kennen und das Werth bei ihnen hat. Mit
diesem kaufen sie auch ihre Weiber. Wenn sie spielen, geschieht dieß
gewöhnlich in der Häuptlings-Hütte. Die Weiber sind für die Dauer des
Spieles aus der Hütte gebannt. Ihre Leidenschaft für das Spiel ist so
stark, daß sie es Tage und Nächte fortsetzen. Diese unglückselige
Beschäftigung war Ursache, daß mein armer Gefährte auch hier keine
Fische bekommen konnte.
In einem der Wig-wams blieben wir über Nacht. Ich schlief wieder in
einer Hütte mit mehreren Weibern. Meinem Gefährten wäre es aber diese
Nacht beinahe sehr schlecht ergangen: er war nahe daran, ermordet zu
werden. Eine Ahnung, wie er mir am folgenden Morgen sagte, flüsterte
ihm zu, vorsichtig zu sein, er traute den Leuten nicht und hatte
sich eine Hütte ausgebeten, um allein zu schlafen. Das Gefühl der
Unsicherheit ließ ihn nur leicht schlummern, und das war sein Glück,
denn gegen die Mitte der Nacht hörte er in den Zweigen, mit welchen er
den Eingang der Höhle vermacht hatte, ein leises Knistern und Rauschen,
und als er hin blickte, war schon ein Indianer auf Händen und Füßen in
die Hütte gekrochen, eben im Begriffe sich aufzurichten und ein Messer
zu zücken. Der Matrose sprang sogleich auf, hielt ihm eine Pistole
entgegen und drohte ihn niederzuschießen; der Indianer zog sich zurück,
vorgebend, daß er nur gekommen sei, nachzusehen, ob der Fremde genug
Holz zum Unterhalte des Feuers hätte.
Man schildert die Indianer als falsch, hinterlistig, rachsüchtig und
feig, und sagt, daß sie die Weißen nur dann zu tödten suchen, wenn sie
selbe einzeln finden. Wie können sich aber diese armen Menschen gegen
die wohlbewaffneten Weißen, gegen diese übermüthige Raçe, von der sie
so viel Unbill erleiden, anders rächen? Rache liegt nun einmal in der
Natur des Menschen. Was würde wohl der Weiße thun, wenn man so mit
ihm verführe, wie er mit dem armen Wilden? Auf dieser kleinen Strecke
Landes, die ich durchwanderte, sah ich mehrere zerstörte, abgebrannte
Wig-wams, aus welchen die Indianer von den weißen Ansiedlern mit
Gewalt vertrieben worden waren, weil sie nicht freiwillig von ihrem
heimatlichen Boden wichen. Die Weißen verführen ihre Weiber und
Töchter, und wo ihnen dieß nicht gelingt, nehmen sie dieselben ihnen
mit Gewalt weg. Während ich in Crescent-City war, ereignete sich ein
ähnlicher Fall. Drei Meilen von der Stadt hatten sich einige Amerikaner
als Farmer (Landbebauer) angesiedelt. Ein Eingeborner kam mit seinem
Weibe vorüber auf seinem Wege nach der Stadt. Die Männer sprangen aus
ihrer Hütte, rissen das Weib von seiner Seite, schleppten es in ihre
Wohnung und schlossen die Thüre. Der arme Wilde schrie und heulte,
schlug an die Thür und forderte sein Weib; statt dessen kamen die
Männer heraus, prügelten ihn derb durch und jagten ihn fort. Mit
zerschlagenem Körper kam er nach der Stadt und klagte. Und was geschah
den feigen, weißen Missethätern? Sie wurden verurtheilt, sich mit dem
Wilden abzufinden, d. h. ihm einige Glasperlen und andern werthlosen
Kram zu geben. Derlei Grausamkeiten werden natürlich von Stamm zu Stamm
erzählt, und so geschieht es öfter, daß wenn einzelne Weiße unter sie
kommen, die Uebermacht auf der Indianer Seite ist, diese gleiches
mit gleichem vergelten und den Unschuldigen für den Schuldigen büßen
lassen. Viele unpartheiische Männer gestanden mir, daß die Eingeborenen
überall, wo man ihnen mit Liebe und Güte entgegenkam, harmlos gefunden
wurden.
+9. November.+ Morgens verließen wir den gefährlichen Wig-wam. Wir
waren auf die Rückreise bedacht, mein Begleiter wagte sich nicht
weiter. Wir schlugen eine andere Richtung ein und kamen Nachmittags
an eine kleine Niederlassung von einem Dutzend Weißen. Auch hier war
das erste, was ich sah, ein großer in Asche gelegter Wig-wam. Die
Farmer lebten, der Weiber wegen, in stetem Streite mit den Indianern.
Letztere rächten sich, wo sie konnten, und erschlugen zu Ende einen der
Weißen, worauf diese an den Wig-wam Feuer legten und die Eingebornen
fortjagten. Seitdem gehen sie nie ohne scharfgeladene Gewehre an die
Arbeit, um so mehr, da seit einiger Zeit von andern nachbarlichen
Ansiedlern vier Männer vermißt wurden. Von zweien wurden die Körper
kürzlich an verschiedenen Plätzen im Walde unter Laub und Aesten
verborgen gefunden, ein dritter Körper eine weite Strecke von der
Farmer Wohnplatz in dem Flüßchen, aus welchem sie ihren Wasserbedarf
nehmen. Die Ansiedler sagten uns, daß sie, als sie den halbverwesten
Körper da zufällig fanden, vor Ekel alle erkrankten. Den vierten
Leichnam hatten sie noch nicht aufgefunden.
Wir kehrten bei den Farmern ein; sie wohnten in zwei kleinen Hütten,
Blockhäusern ähnlich, hatten aber schon den Bau einiger Häuser
begonnen. Die Leute lebten sehr gut. Sie hatten die schönsten
Wildgänse, die sie selbst schossen, herrliche Fische, die sie für
Kleinigkeiten von den Indianern eintauschten, Kartoffeln, Brod, Thee
und Kaffee, kurz wir hielten Abends ein köstliches Mahl, ein gleiches
Morgens.
Die Kälte war sehr empfindlich; Nachts stieg sie beinahe auf einen Grad
unter Null (Réaumur). Morgens war alles weiß vom Reife. Dennoch ist das
Land immer grün. Schnee fällt sehr selten, und wenn er fällt, berührt
er kaum den Boden, er schmilzt schon während des Fallens. Die Farmer
versicherten mir, daß der Grund eine reiche Ernte zu geben verspreche.
Sie waren erst sehr kurze Zeit angesiedelt und hatten kürzlich einen
Strich Landes angebaut. In der Umgebung von Crescent-City sah ich
in dieser vorgerückten Jahreszeit noch alle möglichen Gemüse im
Freien gedeihen, darunter so große und schöne, wie in Herrn Warren’s
Prachtausstellung zu San Francisco.
Ich glaube, daß der größte Theil Kaliforniens, besonders der nördliche,
für Europäische Ansiedler sehr vortheilhaft wäre. Das Klima ist gesund,
der Boden sehr ergiebig, selbst wo er sandig und trocken aussieht. Die
üppigen Waldungen zeugen von seiner Fruchtbarkeit. Er ist Urboden und
benöthigt daher weder Bewässerung noch Düngung; bis es zur letzteren
käme, könnten die Ansiedler bereits einen schönen Viehstand haben.
Nahe dem Oregon-Gebiete wird der Acker von der Regierung um einen
Dollar verkauft, in dem Oregon-Gebiete noch umsonst gegeben, da sie
auf alle Weise Ansiedler dahin zu bekommen sucht. Möchten die Leute
doch mehr in der Absicht des Ackerbaues als des Goldsuchens nach diesen
Ländern kommen! Farmer können sich mit einiger Ausdauer und Umsicht in
kurzer Zeit einen ausreichenden Wohlstand, ein angenehmes häusliches
Leben verschaffen; von den Goldsuchern sind im Verhältniß zu der großen
Zahl nur gar wenige reich heimgekehrt, bei den meisten kann man sagen:
„Wie gewonnen, so zerronnen!“
Am vierten Tage, +10. November+, kam ich von meinem Ausfluge wieder
nach Crescent-City zurück, das Loos des armen, ausgestoßenen Indianers
tief bedauernd. Man muß zwar gestehen, daß sich die Regierung um die
Indianer bekümmert; allein ihre Hauptsorge geht dahin, sie nach
entfernteren Plätzen zu schaffen, ihnen für das abgenommene Land einige
Entschädigungen zu geben und an die Ansiedler Befehle zu erlassen, sie
gut zu behandeln. Jedes Jahr werden Beamte nach ihren neuen Wohnplätzen
gesendet, um ihnen einige Geschenke zu bringen und nachzusehen, ob sie
nicht Hungers sterben. Aber ein bedeutender Fehler der Regierung ist
die allzugroße Nachsicht mit den Ansiedlern, da letztere, meistens
roher und weniger gutartig als die Wilden, diese Nachsicht nicht
vertragen, ohne sich zu übernehmen. So lange es der Gerichte noch so
wenige im Lande gibt, daß der Eingeborne nicht leicht zu ihnen gelangen
kann, und so lange dieselben den Ansiedlern gegenüber nicht größere
Strenge bezeugen, wird der arme Indianer immer der Spielball des
übermüthigen Weißen sein.
Das Land fand ich, wie gesagt, nicht nur sehr fruchtbar, sondern auch
romantisch. Die schöne Gebirgskette +Siskïyon+, die sich im Osten von
Mary’s Ville zeigt, erstreckt sich bis hieher, steigt in mehrfachen
Ketten auf, und fruchtbare Thäler und Ebenen breiten sich überall
dazwischen aus. Die höheren Spitzen waren in dieser Jahreszeit mit
Schnee bedeckt, dem ersten, den ich sah, seit ich mein Vaterland
verlassen hatte.
Als ich nach Crescent-City zurück kam, fand ich den Dampfer, mit
welchem ich die Reise von San Francisco machte, bereit, Abends die
Anker zu lichten. Das Wetter, das schon den ganzen Tag stürmte, wurde
so schlecht, daß wir erst am +11. November+ mit Mühe an Bord gelangen
konnten. Auf der Reise begleiteten uns Stürme und Nebel, so daß wir zu
Trinidad gar nicht einlaufen konnten. Als kleine Entschädigung dieses
bösen Wetters sah ich einen schönen Nebelregenbogen.
Den dritten kleineren Ausflug nach +St. José+ (60 Meilen) verdanke ich
der gefälligen Einladung des Oesterreichischen Konsuls, Herrn Vischer.
Es war dieß eine sehr große Aufmerksamkeit von seiner Seite, wenn man
bedenkt, wie hoch hier die Zeit geschätzt wird und wie theuer jede
Unterhaltung ist.
+22. November.+ Die Reise ging zu Lande. Wir setzten uns auf die
Außenseite des Omnibus, um die Schönheiten der Gegend, die als ganz
bezaubernd geschildert wird, recht genießen zu können.
Die Ebene, in welcher St. José liegt, erstreckt sich bis San Francisco
auf der einen, bis +Monterey+ auf der andern Seite, ist bei 120 Meilen
lang, zehn bis fünfzehn breit, und wird ihrer großen Fruchtbarkeit
wegen schon jetzt die Kornkammer des nördlichen Kaliforniens genannt.
Das erste Drittheil der Reise kann ich nicht für schön erklären.
Das wellenförmige Land ist ohne Vegetation, hie und da sieht man
verkrüppelte Bäumchen, deren Kronen ganz nach einer Seite stehen. Diese
seltsame Erscheinung verursachen die anhaltend starken Nord-Ost-Winde,
die das Klima von San Francisco so unangenehm machen. Der Boden ist
noch wenig bebaut und größtentheils eine magere Viehweide, auf welcher
die armen Thiere nur während des Frühlings genügende Nahrung finden.
Man behauptet jedoch, daß das Erdreich vortrefflich sei und daß es ihm
blos an Kultur fehle.
Drei Meilen von San Francisco liegt die Missionsstation +Dolores+,
in die ich schon früher durch Madame +Morton+ eingeführt wurde. Das
Kloster, die Kirche und einige Häuser der noch da wohnenden Spanier[7]
sind von ungebrannten Ziegeln erbaut, die Thüren und Fenster alle so
niedrig, die Häuser selbst so erbärmlich, daß ich sie, das Kloster
nicht ausgenommen, eher für Scheunen als für menschliche Wohnungen
gehalten hätte. Die Kirche enthält ein schönes Seitenaltar-Bild,
welches ich der Altspanischen Schule zuschreiben möchte.
In dem Gebiete +San Mateo+ (22 Meilen) fängt die Landschaft an,
hübscher zu werden. Der Berg +Diabolo+, 3600 Fuß, überragt die ihn
umgebenden Gebirge. Große, umfangreiche Bäume, meistens Eichen, bilden
parkähnliche Parthieen; Landsitze, Gasthäuser, kleine Farmer-Wohnungen
beleben die Gegend. Der Boden bestand zwar aus Sand und Staub,
in welchem die Pferde oft fußtief einsanken; doch konnte ich mir
vorstellen, daß nach der Regenzeit, im Frühlinge, wann die Felder
grünen, die Blumen blühen, das Gras sich überall hervor drängt, die
Bäume mit frischem Laube prangen, diese Landschaft recht lieblich und
freundlich sein und dem durch den Anblick von Naturschönheiten wenig
verwöhnten Städter bezaubernd erscheinen mag.
+St. Clara+, durch das der Weg führte, ist ein nettes Oertchen mit
einer hübschen Kirche und einem Jesuiten-Collegium für Knaben. Schon
das Wörtchen „San“ vor den Namen der Städtchen und Dörfer zeigt, daß
Kalifornien einst zu dem katholischen Mexiko gehörte. In den meisten
größeren Orten findet man hübsche Kirchen und Schulgebäude.
Eine vier Meilen lange Baum-Allee, von der Geistlichkeit gepflanzt,
führt von St. Clara nach St. José. Letzteres Städtchen ist etwas
bedeutender als ersteres, besitzt einige hundert Häuschen, die zum
größeren Theile neu und von den kürzlich eingewanderten Ansiedlern
bewohnt sind.
Wir fuhren noch vier Meilen weiter nach der großen Farm des Herrn
Vischer. Diese Farm von 750 Akres würde bei uns gewiß schon zu den
großen gehören; hier wird sie zwar auch nicht zu den ganz kleinen
gezählt; doch gibt es noch aus den Zeiten der Mexikanischen Regierung,
wo Grund und Boden so viel wie keinen Werth hatte, Landbesitzer, deren
Gründe sich sieben bis zehn Leguas (eine Legua = drei Meilen Englisch)
in die Länge, vier bis sechs in die Breite erstrecken. Der Werth dieser
Besitzungen steigt mit jedem Tage bedeutend; Leute, deren Ländereien
vor der Goldentdeckung kaum 50,000 Dollars werth waren, gehören heut
zu Tage zu den Millionären. Was die Besitzungen sehr vertheuert, sind
die Umzäunungen. Jeder Eigenthümer muß sein Land aus zwei Gründen
umzäunen lassen. Erstlich wird alles Hornvieh, so wie auch die Pferde,
Maulthiere, Schafe, Schweine, auf freie Plätze zur Weide getrieben,
zweitens lassen sich auf offenen Plätzen die neuen Ankömmlinge nieder,
bauen sich Zelte und Hütten, pflanzen u. s. w., ohne um Erlaubniß
anzufragen. Der Eigenthümer hat nach Amerikanischen Gesetzen kein
Recht, die Eindringlinge von uneingefaßten Räumen zu vertreiben, und
selbst wenn er diese später einzäunen läßt, geht die Vertreibung sehr
schwer, oft nur mit kostspieliger Proceßführung oder gar mit Gewalt ab.
An manchen Orten schlug und schoß man sich, wie im Kriege. Ueberhaupt
kann man sich von den Eigenmächtigkeiten und Gewaltthätigkeiten der
Ansiedler gar keine Vorstellung machen. Manche treiben die Freiheit so
weit, sogar leer stehende Hütten und Häuser in Besitz zu nehmen.
Diese Umzäunungen, hier Pfänzen genannt, kosten in einem Lande, wo die
Arbeit so theuer ist, ein schweres Geld. Herr Vischer z. B. benöthigte
für die Umzäunung seines Landes 30,000 acht Fuß hohe Pflöcke. Der Preis
per 1000 Stück im Walde war 50 Dollars, das Zuführen und Zuspitzen
kam auf 30, das Einschlagen in die Erde auf 20 zu stehen, so daß die
Umzäunung 3000 Dollars kostete.
Zwölf Meilen von San José liegt ein sehr großes, bedeutendes
Quecksilber-Bergwerk. Wir sollten es besuchen, der Wagen stand schon
vor der Thüre; allein unausgesetzter, heftiger Regen machte die
Parthie im wahren Sinne des Wortes zu Wasser, die Wege waren unfahrbar
geworden, und ich mußte mich mit der Beschreibung begnügen, die mir
Herr Vischer davon machte.
In dieses Bergwerk fährt man auf einem 1500 Fuß hohen Berge in die
Stollen ein und kommt 800 Fuß tiefer wieder an das Tageslicht. Die
Zinnobererze enthalten fünfunddreißig bis fünfundvierzig Prozent. Das
Bergwerk gehört einer Gesellschaft in Mexiko, deren Betriebskapital auf
eine Million Thaler geschätzt wird. Das Gewerk ist so reich, daß es
den Bedarf der ganzen Welt decken könnte. Seit es bearbeitet wird (seit
ungefähr zehn oder zwölf Jahren), ist der Preis des Quecksilbers in
Peru von achtzig auf fünfzig Dollars gefallen.
Das Wetter klärte sich auch den folgenden Tag nicht auf, es blieb uns
daher nichts anderes übrig, als das Merkwürdigste der Reise, den Besuch
der Minen, aufzugeben, und im wohlverschlossenen Omnibus nach der Stadt
zurück zu kehren.
Wenige Tage, bevor ich San Francisco verließ, brachten die Zeitungen
ganz wunderbare Berichte aus Unterkalifornien, das noch zu Mexiko
gehört.
Einige fünfzig Amerikaner hatten San Francisco auf einer Schaluppe
verlassen, bei +Félipe+ in dem Distrikte +Sonora+ gelandet, daselbst
eine Standarte aufgepflanzt und das Land förmlich in Besitz genommen.
Das friedliche Völkchen, eines solchen Piraten-Einfalls nicht gewärtig,
war nicht einmal mit Waffen versehen; es setzte sich bei +Guaymas+ kaum
zur Wehre, um so mehr, als die Piraten vorgaben, der Vortrab einer
bedeutenden Macht zu sein. Die fünfzig Amerikaner blieben Sieger und
erklärten einen Länderstrich mit einer Bevölkerung von 10,000 Seelen
für unabhängig von Mexiko.
Die Veranlassung dieses widerrechtlichen Zuges war der Durst nach
Gold, denn es ging die Sage, daß es da Gold und Silber in großer Menge
gäbe.
Und was sagte man in San Francisco zu diesem Raubanfalle? Die
Einen nahmen die Parthie der Räuber, die Anderen sahen darin einen
Geniestreich! --
Gerade den Tag vor meiner Abreise, am +15. December+, ging, ungehindert
von der Regierung, ein zweiter Trupp solchen Gesindels, 256 an der
Zahl, nach Sonora ab, um den Vorgängern zu helfen. Wie ich später
hörte, ist der Raubzug verunglückt. Die Mexikanische Regierung sandte
Truppen gegen diese Leute aus, mit dem Befehle, sie gleich Räubern
überall niederzuschießen, wo sie ihrer ansichtig würden. Die meisten
der Flibustier sind auch zu Grunde gegangen.
* * * * *
Die Gesellschaft der Linie, deren Dampfer nach +Panama+ gehen, gab mir
auf einfaches Ansuchen des Herrn +Mathes+, eines dabei Angestellten,
freie Ueberfahrt von San Francisco nach Panama.
Am +16. December+ ging ich Nachmittags, in Begleitung der mir so
überaus theuer gewordenen Familie Morton, an Bord des Prachtdampfers
„+Golden Gate+,“ Kapitän +Isham+. Um 4 Uhr wurden die Anker gelichtet.
In meinem Leben habe ich kein schöneres Schiff gesehen. Es hatte 800
Pferdekraft oder 2500 Tonnen Gehalt, und faßte mit Bequemlichkeit 800,
im Nothfalle auch tausend Reisende. Der Verbrauch an Kohlen war per
Tag fünfzig Tonnen, die Schnelligkeit zwölf Meilen per Stunde. Seine
Länge betrug 300, die größte Breite 75 Fuß. Der Hauptsaal war 130
Fuß lang. Man konnte diesen Dampfer wahrhaftig einem großen Palaste
vergleichen -- er hatte vier Stockwerke, von welchen zwei sich über
dem Wasser befanden. Es liefen breite Galerien längs dem Borde, auf
die sich geräumige Thüren und Fenster öffneten. Die Einrichtung des
ersten Platzes war in jeder Beziehung prachtvoll, nicht minder die des
zweiten; selbst der dritte war in seiner Art vollkommen. Die Tafel, für
die erste und zweite Klasse dieselbe, war verschwenderisch besetzt,
die Gerichte köstlich bereitet, zwei Mal des Tages frisches Brod. Und
wie das Schiff durch seine Pracht und Bequemlichkeit, zeichneten sich
Kapitän und Schiffsoffiziere durch ihr zuvorkommendes, aufmerksames
Benehmen gegen die Reisenden aus. Mit Freuden sprachen wir bei der
Ankunft in Panama diesen Herren unseren Dank in einer öffentlichen
Adresse aus.
+17. December.+ Wir segelten an den Eilanden +St. Catarina+, +St.
Clemens+, +St. Barbara+ und +St. Anacapa+ vorüber. Am letzteren ging
vor vierzehn Tagen der prachtvolle Dampfer „+Winfield Scott+“ (2500
Tonnen) zu Grunde. Die Nacht war ungemein finster und neblig, und der
Kapitän hatte die große Unvorsichtigkeit, bei diesem Wetter nicht
außerhalb der Inseln, sondern zwischen denselben und dem Festlande zu
fahren. Glücklicher Weise ging dabei kein Menschenleben verloren. Doch
sank das Schiff so schnell, daß gar kein Gepäck und kaum die Goldbarren
und die Hälfte der Postpackete gerettet werden konnten.
Auch wir fuhren durch die enge Straße; allein der freundliche Mond
leuchtete uns aus allen Kräften, und die See war so ruhig, als schliefe
sie und träume höchstens von dem Unheil, das sie zeitweise anrichtet.
+18. December.+ Diesen Morgen hielten wir eine halbe Stunde vor +St.
Diego+ an, einige Reisende abzusetzen. Wir waren aber so weit von der
Küste entfernt, daß ich von dem neu angelegten Städtchen der Amerikaner
wenig, von dem älteren der Mexikaner, welches vier Meilen höher liegt,
gar nichts sah.
In der Nähe von St. Diego steigt eine sehr hohe Gebirgskette auf, deren
Spitzen die Schneeregion erreichen. Die ganze Küste, die wir bisher nie
aus dem Auge verloren, so wie die Gebirge sind wenig mit Vegetation und
Wald bedeckt.
+19. December.+ Fern dem Festlande, dagegen nah dem bedeutenden Eilande
+Cerroo+ und dem kleinen +Bonnitos+. Ersteres hat sechsundzwanzig
Meilen Länge, sieht schön und fruchtbar aus, ist aber dennoch
unbewohnt, da es ihm an Wasser fehlen soll. Bonnitos ist ein in vielen
Zacken aufsteigender Fels, ohne Baum und Busch mit spärlichem Grün.
+20. December.+ Meistens auf hoher See, das Kap +Lazaro+ passirt und in
die +Magdalenen-Bay+ gelenkt.
+21. und 22. December.+ Fortwährend auf hoher See.
Schon seit einigen Tagen fing die rauhe Witterung Kaliforniens der
Wärme zu weichen an. Mit jedem Schwunge des Rades fühlte man die
Annäherung der Tropen; ein warmes Kleidungsstück nach dem andern wurde
verbannt. Abends bildete das Deck einen schönen Vereinigungsplatz, man
drängte sich durch einander, man spazierte auf und nieder, größere und
kleinere Gruppen bildeten sich, Kinder sprangen und spielten umher, die
ganze Scene war reich beleuchtet von dem vollen Monde und von Tausenden
von Sternen. Wahrlich, der Reise auf diesem Wasserpalaste werde ich
stets mit großer Freude gedenken!
Die Gesellschaft bestand fast ausschließend aus Amerikanern, und
wiederholt muß ich sagen, daß die Herren durchgehend gegen mein
Geschlecht überaus artig und gefällig waren. In keinem Lande kam mir
Aehnliches vor. Die gemeinsten Amerikaner, Jungen von zehn Jahren,
standen hierin dem gebildetsten Europäer nicht nach. Auch in allem
übrigen ging es höchst anständig zu. Kein Mensch kam je mit einer
brennenden Cigarre in den Salon, niemand kaute da Tabak oder spuckte
zu Boden, nie wurde eine Ursache zur leisesten Rüge gegeben. Dieß
Benehmen setzte mich um so mehr in Erstaunen, als man wohl nirgends
eine gemischtere Gesellschaft finden mag, als auf Reisen von und nach
Kalifornien. Bei Tafel gab es die beste Gelegenheit, dieses Gemisch zu
beobachten. Der reich gewordene Minenarbeiter, Handwerker oder Krämer
saß neben dem großen Kaufmanne oder Spekulanten. Mit aufgestützten
Ellbogen saßen die Leute am Nachtische; mit Händen, welchen man es
hundert Schritte weit ansehen konnte, daß sie nur den Spaten, die
Schaufel zu führen gewohnt waren, langten sie nach den Schüsseln.
Ich gestehe aufrichtig, daß ich mich unter dieser natürlichen, aber
dennoch anständigen Gesellschaft weit fröhlicher und heimischer fühlte,
als auf einem der Englischen Dampfer, welche von Europa nach Indien
gehen. Dort herrschte auf dem ersten Platze durchgehends ein Putz (noch
ärger als bei den Frauen auf den kleinen Reisen von San Francisco nach
Sacramento und Mary’s Ville), als ginge es täglich nach einem Balle.
Hier waren die Frauen anständig, aber einfach gekleidet. Auch nimmt es
der Amerikaner ziemlich gleich auf, ob man mit dem Messer oder mit der
Gabel nach dem Munde fährt, ob man anders sitzt, geht und steht wie er.
Er hat noch nicht die kleinliche Schwäche des Britten, welcher jeden,
der nicht gerade alles so thut wie er, für roh und ungebildet hält.
+23. December.+ In die niedliche Bucht von +Acapulco+ eingelaufen. Die
Berge umher sind zwar nicht hoch, auch nicht so üppig bekleidet, wie im
Indischen Archipel, doch herrlich im Vergleiche zu den öden Sandhügeln
Kaliforniens. Die hoch gefiederte Cocos-Palme, die umfangreiche Mango,
die zarte Banane und andere Bäume und Gebüsche umgürten theilweise die
See und steigen die Hügel hinan.
Hier setzte ich den Fuß zum ersten und wahrscheinlich auch zum letzten
Male auf Mexikanischen Grund und Boden.
Das Städtchen Acapulco liegt auf hügeligem Grunde in einem Winkel der
Bucht, so verborgen, daß man es von Bord aus kaum gewahrt. Dagegen
thront das Fort recht stattlich auf dem äußersten Ende eines weit in
die See vorgeschobenen Hügels. Das Städtchen, mit 1500 Einwohnern,
hat ein höchst armseliges Ansehen. Die Häuser sind von Holz, Lehm
oder ungebrannten Ziegeln erbaut und haben nur ein Erdgeschoß, das
mit stark vergitterten Fenstern versehen ist. Das Innere sieht etwas
freundlicher aus; die Zimmer sind hoch, luftig und gegen den Hofraum
mit Veranden umgeben, in welchen die Leute speisen und den größten
Theil des Tages verbringen.
Auf dem Platze, welcher als Markt dient, und durch viele kleine Buden
sehr verunstaltet ist, prangt eine ziemlich hübsche katholische Kirche
von ungebrannten Ziegeln. Dieß Material scheint bei den Spaniern sehr
beliebt zu sein; alle ihre Bauten in Kalifornien waren damit aufgeführt.
Der ganze Ort sah sehr ruinenhaft aus: ein heftiges Erdbeben hatte am
4. December vergangenen Jahres die meisten Gebäude mehr oder minder
beschädigt, manche der Ziegelhäuser sogar theilweise eingestürzt. Zum
Glück fand das Erdbeben Abends 9 Uhr statt, während noch alles wach war
und augenblicklich fliehen konnte. In Folge dessen kam niemand dabei
um. Auch die Festung, die ich bestieg, um den Ueberblick über die Bucht
und Gegend zu haben, hatte stark gelitten; ihre festen Steinwälle und
Mauern waren zum Theil geborsten und eingestürzt.
Acapulco ist berühmt durch die Perlen, welche auf verschiedenen,
zwanzig bis dreißig Meilen entfernt gelegenen Eilanden gefischt
werden. Die Perlenfischerei geht auf sehr einfache Weise vor sich.
Die Fischer sind mit Messer und Körbchen versehen, tauchen in die
Tiefe, oft fünfzig bis achtzig Fuß, lösen die Schaalthiere, die zu
dem Austergeschlechte gehören und gegessen werden, los, und kommen
nach ein bis zwei Minuten mit oder ohne Beute wieder an die Oberfläche
des Wassers. Die einzige Gefahr, die sie zu bekämpfen haben, sind die
die Küste umschwärmenden Haifische, welchen sie jedoch auf geschickte
Weise zu entgehen wissen. Sie führen, wie sie mir sagten, beständig ein
langes, abgerundetes Stück Holz mit sich und stecken es, können sie
dem Unthiere nicht durch Tauchen oder Schwimmen entkommen, in seinen
aufgesperrten Rachen; bis sich das Thier dieser Maulsperre entledigt,
hat der Taucher genügend Zeit, aus seiner gefährlichen Nähe zu kommen.
Das Schaalthier wird geöffnet, die Perle in dem Thiere und nicht, wie
viele fälschlich glauben, in der Schaale gesucht -- letztere enthält
nur die sogenannte „Perlmutter“. In vielen Schaalen gibt es Auswüchse,
welche ungeformten Perlen gleichen. Diese Auswüchse rühren von andern
Thieren her, gleich den Auswüchsen an Blättern oder Pflanzen. Obwohl
jede Auster Perlenstoff und manche sogar acht bis neun Perlen enthält,
bedarf es doch gar vieler Thiere, bis der Fischer so glücklich ist,
eine schön geformte, reine Perle zu finden. Je mehr Stücke eine Auster
enthält, desto sicherer, daß sie unbrauchbar sind. Man glaubt, daß die
Perle durch eine Krankheit des Thieres erzeugt wird; wenn daher ein
Thier viele Stücke enthält, genießen es die Leute nicht, sie halten es
für der Gesundheit schädlich.
Die Perlen an den Küsten Mexiko’s und Granada’s zeichnen sich durch ihr
besonders reines Wasser aus. Sie sind selbst am Platze sehr theuer.
Ich sah in Acapulco auch sehr schöne, aus ganz kleinen Muscheln
verfertigte Blumen, so wie auch graziöse, höchst richtig geformte
Wachsfigürchen, die Mexikaner in ihren Trachten und Handthierungen
vorstellend. Die Wachsfigürchen kommen aus der Stadt Mexiko.
Die Einwohner von Acapulco kann man gar keiner Race zuzählen; sie haben
sich aus der Verzweigung der Stammbewohner, der Neger und der Spanier,
welche vor etwas mehr als dreihundert Jahren das Land eroberten,
gebildet. Je nach der näheren oder ferneren Vermischung mit der einen
oder andern Nation ist ihre Hautfarbe braun, schwarz oder weiß, eben so
verhält es sich mit den Gesichtsbildungen.
Nach sechsstündigem Aufenthalte am Lande gingen wir wieder an Bord,
wo wir uns viel mit den jugendlichen Tauchern unterhielten, die das
Schiff von allen Seiten umschwärmten und uns Reisenden zuriefen, Geld
in die See zu werfen, in dessen Auffangen sie große Geschicklichkeit
bewiesen. Die Jungen machen sich schon frühzeitig mit dem Meere
vertraut, um für die Perlenfischerei tüchtig zu werden.
Von Acapulco an hielten wir uns stets auf hoher See und wurden des
Landes erst kurz vor +Panama+ wieder ansichtig.
Den heiligen Abend brachten wir ruhig wie jeden andern zu; am
Christtage gab es bei Tische viele Hurrah’s mit Champagner und andern
Weinen.
+28. December.+ Heute erschien wieder Land; es zeigte sich anfänglich
in hohen Gebirgen, welche später großen Ebenen wichen. Auch hier
gehörte die Vegetation nicht zu den üppigsten; die Flächen sahen sogar
mitunter etwas nackt aus. Abends 9 Uhr lagen wir vor Panama. Wir hatten
die 3300 Meilen von San Francisco hierher (den Aufenthalt abgerechnet)
in elf Tagen und neunzehn Stunden zurückgelegt.
+29. December.+ Schon um 4 Uhr Morgens begann das rege Leben auf unserm
Wasserpalaste. Alles wollte eilig an’s Land, um die besten Maulthiere
zu dem Uebergange über den Isthmus zu bekommen. Auch ich that dieß
frühzeitig, obwohl ich nicht im Sinne hatte, den Isthmus zu passiren;
aber Land bleibt Land: man zieht festen Grund und Boden dem besten
Schiffe vor.
Ich war so glücklich, bei Dr. +Autenrieth+ eine herzliche Aufnahme zu
finden.
Mein erster Gang war nach dem Platze, wo ich die ganze
Schiffsgesellschaft versammelt fand, sich zur Reise anschickend. Da
ging es munter her, alles drängte durch einander, der Platz war voll
von Menschen, Maulthieren, Pferden, Trägern und Gepäck. Die Bemittelten
ritten, die kleinen Kinder wurden getragen, die Armen folgten zu Fuße
nach, das Gepäck ward auf Maulthiere geladen.
Die Breite des Isthmus beträgt etwas über hundert Meilen, von welchen
man 23 zu Maulthier, einige vierzig in Booten und den Rest auf der
erst kürzlich begonnenen Eisenbahn zurücklegt. Diese kleine Reise, so
wie alles in dieser Gegend, kommt sehr hoch zu stehen, da des starken
Zudrangs wegen alles sehr theuer ist. So kostete z. B. die kleine
Fahrt von dem Dampfer an das Land (drei Meilen) per Kopf zwei Dollars;
für das Tragen durch das Wasser von dem Boote, welches bei Ebbezeit
nicht ganz an das Ufer gelangen kann, hatte man einen halben Dollar
zu bezahlen, eben so viel für das an’s Land Schaffen des Koffers.
Noch ärger ist es, wenn jemand an Bord eines Schiffes zu gehen hat,
da begehren die Leute oft das Zwei- und Dreifache. Es ist ein großer
Fehler, daß die Gesellschaft der Dampfschiffe nicht Anstalt trifft,
die Reisenden vor diesen Plünderungen zu bewahren.
Die Miethe eines Maulthieres für die dreiundzwanzig Meilen betrug, weil
es nicht sehr viele Reisende gab, achtzehn Thaler; sind der Reisenden
viele, dann steigt sie auf zwanzig und mehr. Ein Platz in dem Boot auf
dem Flusse kostet fünf, die Eisenbahn acht Thaler, das Gepäck zwanzig
Cents per Pfund, so daß diese kleine Reise ohne Kost und Nachtlager auf
nicht viel weniger als vierzig Thaler kommt.
Die Lage Panama’s[8] ist schön, das Land rings umher blühend. Kleine
Eilande und Felsen, darunter +Taboga+, +Taboguilla+, steigen von allen
Seiten aus dem Meere; eine Hügelkette, deren höchster Punkt der +Aneon+
(500 Fuß), zieht sich bis nahe an das Seegestade. Die Gebirgskette von
Mexiko und Neu-Granada ist hier schon sehr abgeflacht; man sieht sie in
der Ferne.
Die Stadt zählt mit den Vorstädten und der nächsten Umgebung gegen
10,000 Seelen. Sie hat bedeutende Festungswerke, welche auf der
Seeseite mit einem halben Dutzend Kanonen und einigen Bombenkesseln
versehen sind. Von den drei Plätzen zeichnet sich der Hauptplatz durch
Größe, Reinlichkeit und die Kathedrale mit einer hübschen Façade aus.
Einen angenehmen Eindruck machte es auf mich, die Straßen gesäubert zu
sehen von alten Kleidungsstücken, Wäsche, Schuhwerk, todten Hunden,
Katzen und Ratten und anderem Plunder, über welchen man in San
Francisco bei jedem Schritte zu klettern hatte. Auch über die Wohnungen
war ich entzückt, obwohl sie weder mit schönen Einrichtungen noch mit
Teppichen u. dgl. prangten; die Zimmer waren hoch und groß, man konnte
doch wieder frei athmen und sich bewegen.
An Kirchen und Kapellen ist die Stadt überreich; man zählt mehr als ein
Dutzend, die im Gebrauche sind, und eine ganze Menge, die in Ruinen
liegen. Wenn Kirchen allein die Menschen gut machten, so müßte dieß
hier der Fall sein.
Die größte Kirche ist die Kathedrale, die am meisten ausgeschmückte die
sogenannte „Negerkirche.“ An dieser ist sehr viel Silber angebracht,
aber geschmacklos und ohne Wirkung. Die hölzernen Statuen der Heiligen
sind gräßlich geschnitzt und bemalt, mit Menschenhaaren verziert und
in Seide, Sammet, Spitzen u. dgl. so barock gekleidet, daß man mit
Erstaunen nach ihnen sieht.
Am Sonntage wurde bei der großen Messe viel musicirt und gesungen,
aber so ohrenzerreißend, daß nach dieser musikalischen Ausführung mir
die Malaische Musik sicher gefallen hätte und ich mein über letztere
gefälltes strenges Urtheil zurücknehmen muß. Die Melodien während der
Wandlung klangen so munter, daß ich mich im Theater und nicht in einer
Kirche zu befinden wähnte.
Schon auf meinen früheren Reisen in +Chili+ und +Brasilien+ habe ich
bemerkt, daß viele der dortigen Priester so tief an Bildung und nur
zu häufig auch an Charakter stehen, daß man ihnen eher alles, als den
Gottesdienst und den Volksunterricht anvertrauen sollte. Nicht einmal
bei den Eingebornen, weder dort noch hier, stehen sie in Achtung oder
Ansehen. Da gehe man nach Batavia oder Padang, dort gibt es Männer, die
ihr Amt auf wahrhaft würdige Weise vertreten, dagegen auch bei Hohen
und Niederen in unbestrittener Achtung stehen. -- Wäre in den Spanisch-
oder Portugiesisch-Amerikanischen Ländern die Zahl der wackeren
Priester nicht gar so gering, so würde es mit der Volks-Erziehung und
Modalität nicht so schlecht stehen, wie es leider der Fall ist.
Unter den Ruinen sind die schönsten: das ehemalige Kollegium sammt
Kirche und die St. Domingo-Kirche. Beide würden herrliche Skizzen
zu Bildern geben. Sie sind noch nicht so sehr zerstört, daß man
nicht theilweise ihre schönen Formen, kühne Kuppel-Wölbungen, hohe
Portici sehen könnte. Zierliche Schlingpflanzen ranken sich an halb
eingestürzten Wänden auf, Bananen, Strauchwerk, Blüthen und Blumen
decken den Boden und blicken aus den verfallenen Thüren und Fenstern.
In der Ruine der St. Domingo-Kirche zeichnet sich einer der gewölbten
Bogen durch seine besondere Bauart aus und zieht die Aufmerksamkeit
aller Sachverständigen in hohem Grade an. Seine Wölbung ist so gering,
daß sie auf dreißig Fuß Länge kaum drei Fuß Höhe beträgt.
Das Volk in Panama besteht aus demselben Gemische von Alt-Spaniern,
Indianern, Negern u. s. w., wie in Acapulco. Unter den Mischlingen
gibt es viele hübsche Leute mit schönen Augen, Haaren und Zähnen. Man
rühmt auch ihre kleinen Hände und Füße. Dieselben sind wohl klein, aber
selten schön; man sieht, wie bei den Malaien, zu viel Knochen, die
runde Form fehlt, auch sind die Finger etwas zu lang.
Seit solche Massen von Reisenden den Isthmus hier durchziehen, gibt es
so viel Verdienst, daß das Volk nicht den geringsten Mangel zu leiden
hätte, wenn es arbeiten wollte; aber es ist träge, wie in allen heißen
Ländern. Es zieht die Armuth, die Unreinlichkeit der Arbeit vor. Seine
Hauptnahrung besteht aus Reis und Früchten. Sehr gern essen die Leute
frisches Schweine- und getrocknetes Ochsenfleisch. Letzteres wird
meistens von +Buenos-Aires+ eingeführt. Es ist in lange, schmale Stücke
geschnitten und wird nach der Elle verkauft.
Die Tracht des Volkes ist Europäisch. Der Mann hat das Europäische
Beinkleid, die Jacke an, das Weib ein die Straße fegendes, langes
Kleid, welches sehr weit ausgeschnitten und mit einer oder zwei so
breiten Falben versehen ist, daß solche bis tief unter die Brust
fallen. Wäre dieser Anzug rein und nett gehalten, so stände er ziemlich
gut; allein das Kleid hängt so lose, daß es von der einen Schulter
gewöhnlich hinab gleitet und Brust und Schulter entblößt, während es
auf der andern beinahe bis an den Hals reicht. Sie wischen mit den
breiten Falben den Schweiß vom Gesichte, bedienen sich derselben statt
der Taschentücher und putzen den Staub u. dgl. überall damit ab. Beide
Geschlechter tragen runde, kleine Strohhüte, die sie sehr schön zu
flechten verstehen. Dem weiblichen Geschlechte passen sie nicht gut,
da sie zu klein sind und kaum auf dem dickgeflochtenen Haare sitzen.
Weiber und Mädchen tragen sehr gern Blumen im Haar; in Ermangelung
frischer ersetzen sie selbe durch künstliche. Das Rauchen von Cigarren
ist eine Hauptleidenschaft beider Geschlechter: man sieht schon
zehnjährige Kinder mit der Cigarre im Munde. Eigenthümlich ist es,
daß die Leute, vorzüglich wenn sie mit Arbeiten beschäftigt sind, den
brennenden Theil der Cigarre in den Mund stecken, wodurch sie länger
währt. Ich würde diese Sonderbarkeit wohl nicht beobachtet haben, hätte
Dr. Autenrieth mich nicht darauf aufmerksam gemacht.
Die beliebteste Unterhaltung des Volkes sollen Hahnenkämpfe sein; doch
scheint die Leidenschaft dafür nicht gar so groß zu sein, da ich weder
Streithähne noch Gefechte sah.
Von den öffentlichen Anstalten Panama’s besuchte ich nur die Spitäler,
deren es zwei gibt, das eine für das Volk, das andere für Fremdlinge.
Ersteres ist von der Regierung, letzteres von den Europäern gegründet.
Das Volkshospital ist unter aller Kritik. Es besteht eigentlich
bloß aus einem langen, breiten, auf einer Seite ganz offenen Gange,
in welchem der von ansteckender Krankheit Befallene neben dem
leicht Erkrankten liegt. Unreinlichkeit und Armseligkeit sind die
Haupteigenschaften dieses Ortes, der mehr einem Gefängnisse als einer
Heilanstalt gleicht. Jeden andern als den im tiefsten Schmutze und
Elend aufgewachsenen Eingebornen müßte schon sein Anblick tödten. Ich
sah da ein Dutzend Menschen, meistens mit bösen Augen, abscheulichen
Geschwüren und Hautkrankheiten behaftet, in den ekelhaftesten,
schmutzigsten Verbänden auf dem ungedielten Boden kauern.
Einen ganz andern Anblick gewährt das Fremden-Hospital. Man hat zwar
nur ein abgetakeltes Schiff dazu verwendet; aber alles ist schön, rein
und wohlgeordnet, und der Kranke sehr gut gepflegt.
Unter den nahen Ausflügen Panama’s fand ich einen Spaziergang nach dem
Berge +Aneon+ höchst lohnend. Man kann mit größter Bequemlichkeit in
einer Stunde auf seine Spitze gelangen und genießt eine der reizendsten
Aussichten: stundenlang möchte man da sitzen und schauen. Man überblickt
die ganze Stadt, von welcher ein Theil weit in die See vordringt,
in deren Hintergrunde sich ein großes, höchst fruchtbares, üppiges
Thal anschließt, von einem Flusse durchschnitten. Leider deckt noch
Wald und Gebüsch den größten Theil des Grundes. Der weite Ocean mit
vielen Inseln und Eilanden auf der einen Seite, Reihen von Hügeln und
Bergketten auf der andern rahmen das liebliche und zugleich großartige
Bild ein. Kein ähnlicher Naturgenuß ward mir in Kalifornien zu Theil,
obwohl ich durch bedeutende Strecken jenes Landes reiste.
Schade, daß Panama so ungesund und das Klima so heiß ist. Der Fremde
wird leicht und schnell von dem hartnäckigen, bösartigen Panama-Fieber
befallen, und häufig bringt dieß ihm sogar den Tod. Die Ursache soll in
der geringen Kultur des Bodens liegen, und das große, schöne Thal ist
zum großen Theil sumpfiger Grund.
[7] So nennen sich alle Eingebornen, die nicht reine Neger oder
Indianer sind.
[8] Panama ist der Hauptort und größte Hafen des Distriktes gleichen
Namens in der Republik Neu-Granada, welche über zwei Millionen
Einwohner zählt, und deren Hauptstadt +Bogota+ im Innern liegt.
Fünfzehntes Kapitel.
Reise nach Lima. -- Die Englischen Dampfer. -- Guayaquil. -- Callao.
-- Die Deutschen Auswanderer. -- Lima. -- Kirchen und öffentliche
Gebäude. -- Die Peruanischen Damen. -- Erdbeben. -- Unsicherheit. --
Der Badeort Chorillos. -- Die Ruinen des Sonnentempels Pachacamac. --
Die Hazienda St. Pedro.
Am +7. Januar 1854+[9] ging ich von Panama mit dem Dampfer „+Bolivia+,“
750 Tonnen, Kapitän +Straham+, nach +Lima+.
Eine Englische Gesellschaft hat bisher noch immer den Vortheil,
die Linie von Panama nach +Valparaiso+ allein, ohne Amerikanische
Konkurrenz, zu befahren. Dieß ist Ursache, daß die Preise sehr hoch,
die Versorgung der Reisenden sehr schlecht ist. Obwohl der Engländer
stets von Philanthropie mit Begeisterung spricht, zeigt er auf seinen
Dampfern doch ganz das Gegentheil. Recht von Herzen würde es mich
freuen, eine Amerikanische Gesellschaft erstehen zu sehen. Man wirft
den Amerikanern vor, daß sie nur Dollar-Menschen seien -- auf ihren
Schiffen ziehe ich sie den Engländern bei weitem vor.
Ich will hier nur wieder eine kleine Skizze von der Einrichtung dieses
Dampfers geben.
Die Schlafkabinen auf dem ersten Platze sind so beschränkt, besonders
jene der Frauen, daß sich diese nur eine nach der andern aus- und
ankleiden können. Sind die Kabinen besetzt, so müssen die Nachkommenden
in dem Speisesaale schlafen, denn aufgenommen werden so viele Reisende
als kommen. Ist auch der Speisesaal schon voll, so stopft man die Leute
auf dem Vorderdeck in eine Kajüte, die zwar rein und hübsch, aber nicht
in Kabinen getheilt ist; einfache Vorhänge bergen jede Schlafstelle.
Beide Geschlechter werden dahin gewiesen, obgleich der Engländer
in seinem eigenen Lande so empfindlich ist, daß z. B. auf manchen
Eisenbahnen in die Wartezimmer der Frauen kein Herr gehen darf. Aber wo
es Geld zu verdienen gibt, schweigen alle andern Rücksichten.
Die Kost war sehr gut, der Kapitän äußerst gefällig und aufmerksam.
Der zweite Platz ist gar unter aller Kritik; er besteht aus einem
Loche, in welches nicht einmal eine Treppe, sondern nur eine Leiter
führt. Die Leute haben weder Schlafstellen noch Polster oder Teppiche,
sie können sich auf den nackten, schmutzigen Boden hinstrecken. Die
ganze Einrichtung ist ein langer Tisch und eine lange Bank, die Kost
besteht aus den Resten der Speisen, die von der Tafel des ersten
Platzes abgenommen werden. Tischzeug, Gläser und ähnliche Dinge
mangeln gänzlich; dieß würde Ueberfluß sein. Die Aufwärter bilden die
Gesellschaft der Reisenden.
Der dritte Platz ist das offene Deck, über welches sich kein Linnendach
spannte, die armen Reisenden gegen Regen oder die Tropensonne zu
schützen. Wahrlich, eine echt philanthropische Behandlung! Welcher
Gegensatz zu dem Amerikanischen Dampfer „Golden Gate,“ wo selbst der
Deckreisende eine geräumige Kajüte, ein gutes Bett und eine treffliche
Kost findet, und dafür nicht mehr zu bezahlen hat, als auf dem
Englischen Dampfer!
Bis +11. Januar+ fuhren wir stets auf hoher See. Am 10. Mittags
passirten wir den Aequator, ohne von der Hitze im geringsten zu leiden.
Der Kapitän, der schon seit mehreren Jahren die Reise von Panama nach
Valparaiso macht, versicherte mir, daß er die Temperatur längs der
Küste nie heiß gefunden habe; der Himmel sei meistens bedeckt, die
Kraft der Sonne dadurch gelähmt.
Am +11. Januar+ traten wir in den Golf von +Guayaquil+ und bekamen
Land von der Republik +Ecuador+ zu sehen. Im Vordergrunde liegt
ein abgeplatteter Felshügel, an welchen sich das Festland in
unübersehbaren, öden Flächen schließt. Später kamen wir an einem langen
Fels vorüber, der seiner merkwürdigen Gestaltung wegen der „todte Mann“
genannt wird.
+12. Januar.+ Früh Morgens in dem Städtchen Guayaquil angekommen,
welches an dem schönen Flusse +Guaya+, 50 Meilen stromaufwärts, liegt.
Guayaquil, mit 12,000 Einwohnern, ist der erste Hafenplatz und die
zweite Stadt des Landes; die Hauptstadt +Quito+ liegt jenseits des
+Chimborasso+ in einer Höhe von 10,000 Fuß.
Die Lage von Guayaquil ist recht artig: der Strom breitet sich gewiß
über eine halbe Meile aus, die Umgebung ist sehr fruchtbar; den
Hintergrund bildet eine schön bewachsene Hügelkette. In weiter Ferne
steigen die mächtigen Cordilleren auf. Bei ganz heiterem Wetter soll
man den 21,000 Fuß hohen Chimborasso sehen.
Die Bauart der Häuser fand ich sehr zweckmäßig: sie sind beinahe
durchgehend einstöckig, gegen die Straße zu mit breiten Galerien
versehen, die auf Säulen oder Bogen ruhen, unter welchen man geht und
auf diese Weise jederzeit vor der Sonne geschützt ist. Die Wohnungen
sind geräumig und ebenfalls gegen den Hof zu mit breiten Galerien
umgeben, die Zimmer hoch und luftig. Hier ist die Hitze sehr bedeutend.
Mein erster Gang in den Städten ist gewöhnlich nach den Bazaren
und Märkten: man hat da den besten Ueberblick des Volkes und der
Landesprodukte. Ich benutzte die kurze Zeit unseres Aufenthaltes hier
zum Besuche dieser Orte. Der Markt von Guayaquil liegt an dem Flusse.
Ich war überrascht von der Mannigfaltigkeit und dem großen Ueberflusse
der Lebensmittel. Es gab ganze Boote voll mit Ananas[10] oder andern
Früchten, Getreide aller Art, Reis, Mais, Gemüse, Jamswurzeln, Fleisch,
Fische, Geflügel, Eier, Chocolade u. s. w. Alles ist hier ungleich
billiger als in Panama, dessen ungeachtet gibt es hier wie dort keine
Kupfermünzen. Die kleinste Silbermünze ist ein +Quarto medio+ (2½
Cents), deren man aber so wenige sieht, daß man sagen könnte, sie seien
gar nicht im Kurse.
+13. Januar.+ Gegen Abend kamen wir nach +Payta+ (Peru), einem elenden
Orte mit der traurigsten Umgebung. So weit das Auge reicht, sieht es
weder einen Grashalm, noch viel weniger einen Busch oder Baum. Die
einigen Dutzend Häuser oder Hütten sind von Rohr, mit Lehm überklebt,
flach gedeckt; man unterscheidet sie kaum von dem sandigen, staubigen
Grund und Boden. Das Land ist hügelig und durchaus sandig.
Wir hielten hier, wie in Guayaquil, einige Stunden an; der gute Kapitän
Straham nahm mich überall mit an’s Land. Ich hatte nichts eiliger
zu thun, als einige der Hügelchen (dreißig bis vierzig Fuß hoch) zu
besteigen, weil ich hoffte, vielleicht doch im Hintergrunde einiges
Grün zu erspähen; allein vergebens, stets neu aufsteigende Hügelchen
bildeten eine Fortsetzung dieser todten, grauenvollen Wüste. Das
Trinkwasser wird auf Eseln 14 Meilen weit hergebracht, eben so weit
wird die Wäsche zum Waschen gesandt. Um nur einige Vegetation zu sehen,
muß man 21 Meilen weit nach einem Flusse wandern. -- Und an einem
solchen Orte lassen sich Menschen nieder!
+14. und 15. Januar.+ Häufig Land gesehen, denselben traurigen,
einförmigen Charakter tragend, theils niedrige Küsten, theils Hügel und
Berge, alles öde und wüstenartig.
+16. Januar.+ +Casma+, ein Landungsplatz an der See mit ein paar
erbärmlichen Laubhütten, den Reisenden Schutz verleihend, die auf den
Dampfer warten; die Stadt selbst liegt 6 Meilen landeinwärts. Hier
beginnen wieder höhere Gebirge, doch sind sie gleichfalls öde.
Wir hielten nur eine Stunde an, um Reisende und Fracht einzunehmen. Je
näher wir Lima kamen, desto mehr glich das Deck einem Bivouak. Die Zahl
der Reisenden stieg außerordentlich; man errichtete Nothzelte; Kisten,
Koffer und Körbe beengten den Raum so sehr, daß für die Leute selbst
wenig Platz blieb. Auch die Kabinen wurden voll bis zum Erdrücken. Das
Uebelste dabei war, daß die Leute trotz der vollkommen ruhigen See mehr
seekrank wurden, als ich dieß irgend wo in der Welt bemerkt hatte.
Die Frauen und Mädchen kamen in großem Putze an Bord; allenthalben
rauschten seidne Kleider, schöne Chinesische Umschlagetücher;
Edelsteine und Perlen fehlten auch nicht. Gestickte Schuhe, seidene
Strümpfe sah man sogar an Dienerinnen. Viele der so reich geschmückten
Frauen trugen das kleine, runde Männer-Strohhütchen, das ganz
abscheulich stand. Alle die Pracht und Herrlichkeit machte jedoch wenig
Effekt: es fehlte an geschmackvoller Zusammenstellung, und die Farben
waren meistens sehr grell und unpassend gewählt. Die Peruanischen
Frauen haben sehr kleine und wohlgeformte Füße. Sie wechseln auch, wie
man mir sagte, zweimal in der Woche die Schuhe und ziehen dieselben so
mühsam an, wie unsere Modewelt die Handschuhe. Sie stülpen den halben
Schuh rückwärts um und zwängen ihn dann mit der größten Anstrengung
über die Ferse.
+17. Januar.+ Der hohen, öden Gebirge blieben wir stets ansichtig; sie
nahmen an Höhe zu, je näher wir +Callao+ kamen.
Bei +Huacho+, einer kleinen befestigten Stadt, gleich Payta von einer
Wüste umgeben, wurde ebenfalls kurzer Halt gemacht. Der Kapitän
beeilte sich, Callao zu erreichen, wo wir schon Tags zuvor hätten
eintreffen sollen; allein der Dampfer fuhr sehr langsam, wir machten
durchschnittlich per Stunde nicht mehr als sechs Meilen. Da, wie
gesagt, keine Konkurrenz existirt, werden natürlich alte, schlechte
Dampfer benützt, -- der Reisende muß sich alles gefallen lassen.
Callao ist der bedeutendste Hafen von Peru. Die Rhede ist schön durch
die Masse der sie umgebenden Gebirge; doch fehlt es auch hier an Wald
und Vegetation.
Das Städtchen Callao, mit 7000 Einwohnern, erinnerte mich beim ersten
Anblick durch seine Bauart einigermaßen an den Orient. Die Häuser
haben nur ein Erdgeschoß oder höchstens einen Stock mit unregelmäßig
angebrachten Fenstern, oft nur mit hölzernen, dicht vergitterten
Balkons, die wie Verschläge an den Wänden hängen, und mit platten
Dächern (Terrassen). Sie sind theils aus ungebrannten Ziegeln erbaut,
theils aus Rohrwänden und mit Lehm beworfen. Die Zimmer sind etwas
düster, da sie ihr Licht gewöhnlich nur von einem Fenster erhalten,
mitunter nur von einem Verschlage, der auf die Terrasse mündet. Diese
Verschläge sind statt der Glasscheiben mit hölzernen Gittern und Läden
versehen, welch letztere man mittelst einer Schnur, die tief in das
Zimmer hinab hängt, öffnen und schließen kann.
Die Festung, die seit der Unabhängigkeits-Erklärung von Peru den Namen
+Independenzia+ führt, gehört zu den bedeutenderen. Sie bildet ein
regelmäßiges Achteck, ist umfangreich, gut erhalten, und von einem
breiten, tiefen Graben umgeben, der mittelst einer Verbindung mit der
See unter Wasser gesetzt werden kann.
Ich verweilte nur einen Tag in Callao. Vor allem besuchte ich auch
hier den Wochenmarkt, der mich durch die reiche und mannigfaltige
Zusammenstellung von Lebensprodukten beider Hemisphären noch mehr
in Erstaunen setzte, als jener von Guayaquil. Die Abstufungen der
Cordilleren (denen man hier sehr nahe ist) bieten so zu sagen alle
Klimate der Welt, und so kommt es, daß man hier neben der saftigen
Traube die hochgelbe Granadilla, neben dem Pfirsich die Mango, neben
der Aprikose oder dem Apfel die Platane oder Chirimoya u. s. w. sieht.
Letztere Frucht (von den Engländern Custod-apple genannt) wird von
mehreren Reisenden für die Königin aller Früchte erklärt. Ich würde
der Mangostan den Preis ertheilen, die auf Java vorkommt; sie schmeckt
ungleich feiner und ist dabei leicht und gesund. Die Granadilla ist
die Frucht einer Passions-Blume, an Geschmack unserer Stachelbeere
ganz ähnlich. Pfirsiche, Aepfel, Aprikosen stehen den Europäischen bei
weitem nach: man kann sie kaum anders als gekocht genießen. Die Ursache
mag wohl an der vernachlässigten Kultur liegen, da der Eingeborne zur
Arbeit zu träge ist und es wenige, beinahe keine Europäischen Pflanzer
gibt.
Von den Getreidegattungen wird Gerste und Mais am meisten gebaut; sie
bilden auch den Hauptnahrungszweig des gemeinen Volkes. Auffallend
waren mir Kolben ganz schwarzen Maises, die ich unter den Haufen der
gelben, weißlichen, braunen und andern liegen sah. Dieser schwarze Mais
kommt nur in ganz kleinen Kolben und zwar selten vor; er wird nur zu
Backwerken verwendet.
Nachmittags wanderte ich nach dem Platze (unweit der Festung), wo einst
Alt-Callao stand, das im Jahre 1746 durch ein schreckliches Erdbeben
zu Grunde ging. Ein Theil sank in die See, der andere in Trümmer; 3000
Menschen sollen dabei das Leben verloren haben. Von den Resten der
Stadt ist nichts mehr zu sehen, als hie und da kleine Bruchstücke einer
Wand oder Schichten von Ziegeln. Manche Reisende wollen behaupten, daß
man den in die See gesunkenen Theil der Stadt noch sähe -- eine der
gewöhnlichen romantischen Uebertreibungen.
Freundlicher war ein Gang nach den Gärten und andern Pflanzungen, die
in der Nähe von Callao am Saume eines Bächleins liegen. So sandig, wüst
und öde die Gegend rings umher ist, so schnell erscheint Leben und
Vegetation an Orten, die nur einigermaßen bewässert werden können. Ein
Dutzend Deutscher Ansiedler hat sich da niedergelassen und erzielt sehr
ergiebige Ernten. Sie bauen besonders viele Weinreben, die sich auf dem
Gestein fortranken, es wie ein Netz überziehen und sich kaum einen Fuß
hoch über die Erde erheben.
Vor ungefähr zwei Jahren erging von der Regierung Peru’s eine
Aufforderung nach Deutschland, Ansiedler hierher zu senden; man machte
ihnen gute, vortheilhafte Bedingungen, und diesem zu Folge schifften
sich alsbald über zweitausend Auswanderer nach dem fernen Lande ein.
Schon auf der Reise starb beinahe die Hälfte. Die Schiffe waren
überfüllt, die Lebensvorräthe, das Wasser schlecht und verdorben, und
die Leute wurden nicht besser behandelt als die Sklaven, die man von
Afrika bringt. In Peru angekommen, fanden die Ueberlebenden, daß man
sie von allen Seiten betrogen und belogen hatte. Statt sie in ein ihnen
angemessenes Klima zu weisen, gab man ihnen Ländereien bei Callao und
Lima, wo die große Hitze Europäischen Arbeitern tödtlich ist. Die ihnen
gebotenen Geldunterstützungen standen in keinem Verhältnisse zu der
Theuerung des Landes; nur zu bald versanken die Armen in Elend und
Krankheit. Der Hamburger Konsul in Lima, Herr +Rodewald+, nahm sich
ihrer mit aller Macht an, verwendete sich für sie bei der Regierung,
schrieb um Hülfe nach Deutschland, veranstaltete Sammlungen und
unterstützte sie kräftig aus seinen eigenen Mitteln. Dessen ungeachtet
starben die meisten, trostlose Witwen und Kinder hinterlassend, welche
das Klima natürlich besser vertrugen, da sie mit Feldarbeiten wenig
oder nichts zu thun hatten. Unverzeihlich ist es von der Regierung
eines Landes, durch Lüge und Betrug Leute, Familien zur Auswanderung
zu bewegen und sie dann so gewissenlos ihrem Schicksale zu überlassen.
Könnte ich doch allen Auswanderern zurufen, sich, bevor sie solch einen
wichtigen Schritt unternehmen, Kenntnisse von dem Lande, dem Klima, den
Kosten und den Hülfsmitteln, die ihnen daselbst zu Gebote stehen, zu
verschaffen, und nicht unbedingt den Vorspiegelungen zu glauben, die
ihnen von gewissenlosen, gewinnsüchtigen Agenten gemacht werden. Ist
der arme Mann einmal von seiner Heimath weg, so hat er nicht leicht
mehr die Mittel zur Heimkehr und muß bleiben, wo ihn sein Schicksal
hingeworfen hat.
Freilich ist die Schuld auch häufig an den Ansiedlern. Viele haben
die falsche Meinung, daß, wenn sie in einen fremden Welttheil gehen,
ihnen gleich, wie das Sprüchwort sagt, die gebratenen Tauben in den
Mund fliegen müssen; ist dieß dann nicht der Fall, so ergreift sie
Unzufriedenheit und Mißmuth. Gerade der Ansiedler muß sich, wenigstens
in den ersten Jahren, auf mehr Mühen, Arbeiten und Beschwerden gefaßt
machen, als in seiner Heimath. Aber so sind die Menschen, nie genügsam
und bescheiden in ihren Wünschen und Anforderungen. Sah ich doch selbst
bei manchen Auswanderern, die sich erst seit kurzer Zeit angesiedelt
hatten, den Tisch mit schönem Fleische, Gemüse, gutem Brot u. s. w.
besetzt, den Kaffee- und Theetopf zweimal des Tages auf dem Feuer
stehen, und dennoch waren die Leute nicht zufrieden. Warum? -- Weil sie
hier wie in der Heimath arbeiten mußten. Daheim mochte es ihnen an der
Arbeit wohl noch weniger gefehlt haben, wohl aber an den trefflichen
Lebensmitteln; wie oft mögen sie ihren Hunger kaum nothdürftig mit
Kartoffeln oder schlechtem Brote gestillt haben!
Bevor ich +Lima+, die Hauptstadt von Peru, betrete, will ich dieses
Reiches mit wenigen Worten erwähnen.
Peru faßt auf 2300 Quadratmeilen eine Bevölkerung von 2,150,000 Seelen
und ist in elf Departements, diese in 63 Provinzen getheilt. Die
Staatseinkünfte werden auf 10 Millionen Dollars gerechnet, eben so hoch
die Ausgaben. Die Staatsschuld beträgt gegen 60 Millionen Dollars. Auf
die Tilgung dieser Schuld wird nur ein ganz kleiner Theil der Einnahmen
verwendet.
Die legislative Gewalt besitzt der Kongreß, welcher sich alle zwei
Jahre in Lima versammelt und aus zwei Kammern besteht, der Kammer der
Senatoren (21) und jener der Deputirten (81).
Die executive Gewalt und das Recht, die Minister zu ernennen, liegt in
den Händen des Präsidenten, welcher alle vier Jahre neu erwählt wird.
Der jetzige Präsident heißt +José Rufino Echenique+.
Diese Regierungsform besteht seit dem Jahre 1824, in welchem sich das
Land von der Spanischen Regentschaft lossagte. Die einzige Festung
+Callao+ hielt sich unter General +Bodin+ bis Februar 1826 und ergab
sich unter sehr ehrenvollen Bedingungen. Obgleich dieser General große
Tapferkeit bewies, hinterließ er doch einen sehr schlechten Ruf. Man
schreibt die lange Vertheidigung mehr seinem Eigennutze als der Treue
und Anhänglichkeit an seinen Monarchen zu. Er soll nämlich große
Vorräthe von Lebensmitteln aufgespeichert und sie zur Zeit der Noth den
Reichen, die in die Festung geflohen waren, zu den unverschämtesten
Preisen überlassen haben. Die Leute mußten die Lebensmittel, wie man
erzählt, beinahe mit Gold aufwiegen. Mit ungeheueren Reichthümern
beladen ist der General nach der Uebergabe der Festung nach Spanien,
seinem Vaterlande, gegangen.
Seit der Unabhängigkeits-Erklärung fanden in Peru so viele Revolutionen
statt, daß eine Ruhe von ein paar Jahren unter die Seltenheiten gehört,
und daß man der politischen Bewegungen am Ende schon nicht mehr viel
achtet. Alle Revolutionen gingen bisher vom Militär aus. Hochgestellte
Offiziere, lüstern nach der Präsidenten-Würde, suchten das Militär zu
gewinnen, und die Unruhen begannen. Auch jetzt, als ich nach Peru kam,
war das Land im Aufstande, und diese Revolution war die erste, die
vom Civil ausging. Sie hatte ihren Anfang im September vorigen Jahres
genommen. Ursache der Revolution war die schlechte Verwaltung der
Staatseinkünfte, die sich seit der Auffindung des Guano (Vogeldünger)
auf den +Chincha+- und andern Eilanden[11] sehr vermehrt hatten und
doch weder für das allgemeine Wohl noch zur Tilgung der Staatsschulden
verwendet wurden. Man wirft dem gegenwärtigen Präsidenten vor, einen
großen Theil der Reichthümer des Landes in seine und seiner Anhänger
Hände zu leiten. Um dieß leichter zu bewirken, hat er die Leute
aufgefordert, unberichtigte Rechnungen aus den Zeiten vergangener
Revolutionen für gelieferte Lebensmittel, Schadenersätze u. dgl.
vorzubringen. Die Gläubiger, die solche Schulden einzufordern hatten,
dachten daran schon lange nicht mehr, viele hatten die Papiere verloren
oder zerrissen, andere waren gestorben und den Erben fehlte es an
Beweisen. Es wurde jedoch den Leuten unter der Hand gesagt, daß man
ihre Forderungen leicht anerkennen würde; nur möchten sie höhere Summen
angeben, damit man, einer scheinbaren Gerechtigkeit wegen, einiges
streichen könne.
Die Agenten des Präsidenten und dessen Anhang kauften diese Papiere
insgeheim um geringe Summen, und durch diese Umtriebe, so wie mit der
Manipulation der Staatspapiere und dem Guano-Handel soll sich der
Präsident allein schon einige Millionen Dollars erworben haben.
Die jetzige Revolution war noch nicht bis Lima gedrungen. Der Präsident
hatte das Militär noch auf seiner Seite; auch besoldete er theils aus
der Staats-, theils aus eigener Kasse eine Legion Spione, die sogleich
jede Person, auf die der leiseste Verdacht fiel, ergriffen und der
Regierung überlieferten. Viele schmachten in den Gefängnissen, andere
wurden des Landes verwiesen[12].
Schon seit vielen Jahren hat Peru das Unglück, von habsüchtigen,
eigennützigen Beamten regiert zu werden, die auf nichts anderes bedacht
sind, als ihre Taschen zu füllen.
Am +19. Januar+ fuhr ich nach Lima, wo der Hamburger Konsul,
Herr Rodewald, so gütig war, mich in sein Haus einzuladen, eine
Gefälligkeit, die für mich von um so größerem Werthe war, als man in
diesem Lande ausschließlich die Spanische Sprache spricht, mit welcher
ich mich noch nicht vertraut gemacht hatte.
Von Callao nach Lima (zwei Leguas, sechs Englische Meilen) führt seit
dem Jahre 1851 eine Eisenbahn, deren Steigung so bedeutend ist (450
Fuß), daß man auf der Fahrt von Lima nach Callao gar nicht des Dampfes
bedarf. Was mir bei dieser Eisenbahn am meisten auffiel, ist, daß sie
durch einen großen Theil der Vorstädte Lima’s geht, ohne durch Geländer
abgesperrt zu sein. Die Dampfwagen fahren hier durch die Straßen wie in
andern Städten die mit Pferden bespannten Kutschen. Kinder spielen an
den Hausthüren, Reiter lenken die Thiere eilig zur Seite, Leute laufen
über die Schienen, und lärmend braust die Lokomotive mitten hindurch.
Ungeachtet dieser augenscheinlichen Gefahr ereignete sich erst +ein+
Unglück. Ein Esel wurde überfahren und die Maschine kam dadurch aus dem
Geleise, bei welcher Gelegenheit mehrere Menschen verwundet wurden und
einer das Leben verlor.
Die Stadt Lima, mit 96,300 Einwohnern, wurde am 6. Januar des Jahres
1534 von Pizarro gegründet; am 18. Januar desselben Jahres legte er den
Grundstein zu der Kathedrale. Die Stadt ist in regelmäßige Quadrate
eingeteilt; der Fluß +Rimac+, über welchen eine einzige, aber schöne,
auf fünf Bogen ruhende Steinbrücke führt, theilt sie in zwei ungleiche
Theile. Die Straßen sind lang, ziemlich breit und gerade.
Der Hauptplatz ist ein schönes Viereck. Auf zwei Seiten laufen an den
Häusern Bogengänge hin, unter welchen es einige reiche, geschmackvolle
Waarenlager gibt; auf der dritten Seite steht die Kathedrale nebst dem
bischöflichen Palaste, auf der vierten Seite der Palast des Präsidenten
und das Haus der Senatoren. Diese Paläste gleichen von außen so
erbärmlichen Gebäuden, daß ich wirklich nicht weiß, wie man ihnen den
hochtrabenden Titel „Palast“ beilegen konnte. Im Hofraume sehen sie
etwas besser aus. Der Palast des Präsidenten ist überdieß noch durch
viele kleine Verkaufsbuden verunziert, die wie Kleckse daran hängen. In
der Mitte des Platzes prangt ein leidlicher Springbrunnen, der zu jeder
Zeit des Tages von Eseln und deren Treibern umgeben ist, denn kein Haus
in Lima hat einen eigenen Brunnen: alles Wasser wird mittelst Esel in
die Häuser gebracht. Manche Familie gibt für den Wasserbedarf allein im
Monat vier bis sechs Dollars aus.
An der Südseite dieses Platzes, wo jetzt Wohnhäuser stehen, stand der
Palast Pizarro’s. In demselben wurde Pizarro am 26. Juni 1546 ermordet.
Er saß mit einigen Freunden an der Tafel, als die Verschwornen den
Palast umringten und der Ruf: „Nieder mit dem Tyrannen!“ erscholl. Er
fiel mit dem Schwerte in der Hand. Die Stelle, wo er fiel, ist nicht
genau bezeichnet, eben so wenig der Ort, wo er begraben liegt. Einige
behaupten, in der Kathedrale, andere in der Franziskaner-Kirche. Ich
suchte und fragte in beiden Kirchen vergebens nach seiner Grabesstätte.
Kirchen und Klöster hat Lima in großer Menge aufzuweisen. Die
Geistlichkeit ist im Besitze unzähliger Gebäude und ausgedehnter
Ländereien; ein Fünftheil der Stadt soll ihr Eigenthum sein. Manche
Klöster schätzt man auf achtzig- bis hunderttausend Dollars Einkünfte.
Unter den Kirchen gefielen mir die Kathedrale, die Franziskaner-
und die St. Petri-Kirche am besten. Die der Augustiner und die der
Dominikaner gehören ebenfalls zu den vorzüglichen, so wie viele andere
in allen Gegenden der Stadt sehenswerth sind. Ihre Bauart ist imposant,
ihre Kuppeln sind hohe, herrliche Wölbungen, und im Innern findet man
vieles und schönes Schnitzwerk in Holz, alles Basrelief und sehr reich
vergoldet. Der innere Reichthum an Silber, Gold und Edelsteinen ist
nicht mehr so groß, als er gewesen sein soll. Die silbernen Tabernakel,
so wie die silbernen Säulen an den Altären in der Kathedrale sind so
schmutzig, daß man sie, wenn man auf ihre Kostbarkeit nicht aufmerksam
gemacht wird, gewiß ganz übersehen würde. Bei großen Festen sollen die
Kirchen prachtvoll mit Sammt, Blumen u. s. w. geschmückt, feenartig
erleuchtet sein, die Heiligen in großem Pomp mit Gold und Edelsteinen
prangen und die Priester in überreichen, goldgestickten Meßkleidern
erscheinen. Leider gab es während meiner Anwesenheit kein Fest, ich
mußte mich mit den schlecht geschnitzten hölzernen Heiligen in ihrem
Alltagsputze begnügen. Dessen ungeachtet machten die Kirchen einen
imposanten Eindruck. Die majestätischen Wölbungen, die langgezogenen,
hohen Schiffe, die Seitenaltäre und Nischen mit den sie stützenden
Pfeilern und Säulen, die mit Gemälden und Statuen gezierten Wände
(besonders wo dieß nicht übertrieben ist und nicht Bilder in grotesken
Anzügen mehr an das Heidenthum, als an das Christenthum erinnern), das
Halbdunkel, durch welches hie und da ein Lämpchen gleich einem Sterne
schimmert, die tiefe Stille oder der am Altar fungirende Priester im
würdigen Ornate erheben das Gemüth unstreitig mehr, als Tempel mit ganz
einfachen, weißen Wänden in prosaischer Nacktheit.
Die äußere Religiosität des Volkes ist noch ziemlich groß. Viele nehmen
die Hüte ab, wenn sie an einer Kirche vorüber gehen, aber gewiß thun
es alle, wenn Morgens oder Abends die Glocke zum Gebete ruft. Der
Fußgänger bleibt stehen, der Eseltreiber steigt von seinem Thiere ab,
das Gespräch erstirbt, alles fleht zum unsichtbaren Wesen. Ist aber
dieser Augenblick vorüber, so kehrt das gewöhnliche Getreibe wieder,
der Eseltreiber mißhandelt sein Thier wie zuvor, der Verkäufer betrügt
den Käufer, böse Nachrede tritt an die Stelle des Gebetes.
Außer den Kirchen ist gar kein öffentliches Gebäude hübsch zu nennen.
Im ganzen macht Lima auf den Ankömmling keinen sehr vortheilhaften
Eindruck. Die Vorstädte zeigen gleich den Orientalischen Städten
nichts als lange Mauerwände mit Eingangsthüren und sehr wenigen
Fenstern. Erst mehr gegen das Innere der Stadt wird der Anblick etwas
freundlicher. Die Häuser sind da meistens stockhoch, haben große,
hochgewölbte Eingangspforten und zahlreichere Fenster. Die angehängten,
eng vergitterten hölzernen Balkons findet man überall. Die Dächer sind
platt, wie in Callao; die meisten Zimmer erhalten hier wie dort das
Licht durch Verschläge, die auf das Dach münden.
Auch hier, wie im Orient, geht die eigentliche Façade der Häuser
auf den Hofraum. Die Empfangsgemächer (durchgehend im Erdgeschosse)
liegen dem großen Hausthore gegenüber; die Hallen unter dem Thore, die
Mauerwände in dem Hofe sind hie und da mit hübschen Fresken bemalt,
die Höfe nett gepflastert und mit Blumentöpfen geziert. Der Salon,
in welchen man von der Hausthüre gerade hinein sieht, ist niedlich
ausgestattet, die Fenster und Glasthüren werden mit Draperien versehen,
durch die Saalthüren hindurch erblickt man im Hintergrunde ein kleines
Gärtchen; mit wahrem Vergnügen bleibt man bei jedem Hausthore stehen,
um diesen lieblichen Anblick länger zu genießen. Abends ist ein Gang
durch die Straßen noch anziehender: die Gemächer sind erleuchtet,
Thüren und Fenster geöffnet, und die graziösen Gestalten der
Peruanischen Damen beleben die freundlichen Bilder.
Das schönste Haus ist jenes der Alt-Spanischen Familie +Torre-Tagle+;
es zeichnet sich durch seine schöne Façade und architektonischen
Verzierungen gegen die Straße zu aus. Jetzt ist das Haus auf einen
Seitenzweig der Familie übergegangen.
Von den öffentlichen Anstalten sah ich das Museum, die Akademie der
bildenden Künste und die Bibliothek. Das Hospital besuchte ich nicht,
es herrschte das gelbe Fieber und viele daran Erkrankte lagen in
demselben.
Das Museum als solches ist eins der erbärmlichsten von allen, die
ich bisher gesehen hatte. Jede Gattung aus dem Naturreiche ist mit
einigen schlechten, ganz verwahrlosten Exemplaren angedeutet. Aus
dem Insekten- und Crustaceen-Reiche fehlen sogar diese. Statt der
Peruanischen Insekten sieht man ein halbes Dutzend Kästchen mit den
gewöhnlichsten Chinesischen Käfern; von Seeprodukten ist gar nichts
vorhanden. Das Werthvollste sind vier sehr gut erhaltene Mumien in
hockender Stellung, wie sie in den Inkas-Gräbern aufgefunden wurden,
desgleichen eine ziemliche Anzahl Alt-Peruanischer Trink- und anderer
Gefäße. Aus acht Oelgemälden von einst regierenden Inkas ersieht man,
daß dieselben schöne, wohlgebildete Leute mit edlen Gesichtszügen
waren. Auch die lebensgroßen Bildnisse aller Spanischen Vicekönige sind
hier aufgestellt; aber gerade jenes von Pizarro steht im ungünstigsten
Lichte und ist vom Alter so geschwärzt, daß man kaum mehr als die
Umrisse unterscheiden kann.
Die „Akademie der bildenden Künste“ ist nichts weiter als eine
erbärmliche Zeichenschule für die ersten Anfänger. Aus welchem Grunde
sie den Namen „Akademie“ führt, konnte ich nicht ermitteln, denn sie
besitzt weder eine Büste oder Statue, noch ein Gemälde, noch eine
größere Zeichnung. Alles, was ich sah, waren einige angehende Künstler,
die sich mit dem Zeichnen von Nasen, Augen und Ohren beschäftigten.
Die Bibliothek enthält in zwei schönen Sälen 30,000 Bände. Es sollen
darunter werthvolle Handschriften sein.
An öffentlichen Spaziergängen besitzt Lima die +Alameda+ und die
Brücke. Die Alameda besteht aus Baum-Alleen längs des Rimac-Flusses.
An einer Seite steht die Arena für die Stiergefechte. An dem Ende der
Alameda befindet sich eine Anstalt für kalte Bäder. Die Gebirgswelt
sieht man nicht nur von hier aus, sondern beinahe von jeder Straße,
vorzüglich den 1275 Fuß hohen „+Cerro de San Cristoval+,“ auf dessen
Spitze ein Kreuz errichtet ist, zu welchem jedes Jahr eine große
Wallfahrt stattfindet.
Sehr schön ist der außerhalb der Stadt gelegene Friedhof oder das
„Pantheon.“ Es wurde im Jahre 1807 gegründet. Die Kapelle so wie das
Haus des Aufsehers sind sehr niedlich, die Gärten in verschiedene
Abtheilungen gesondert, von schönen Baum-Alleen durchschnitten und mit
hohen Mauern eingefaßt. Sie enthalten mehr als tausend Nischen zur
Aufnahme von Verstorbenen, nebst vielen andern Grabesplätzen. Unter den
Nischen gibt es solche, die für immerwährend angekauft werden können;
in den anderen bleiben die Leichen nur so lange, bis man den Platz
für die Nachfolgenden benöthigt. Die Gebeine werden dann in gemauerte
Gewölbe oder große Gräber geschafft. Die Leichen der Kinder werden in
einem hölzernen Thurm aufgeschichtet. Ich hob die Thüröffnung auf und
sah eine große Anzahl solcher kleiner Geschöpfe, in Tücher geschlagen,
aufgehäuft. Die Armen werden in große Gruben begraben.
Vor Erbauung des Pantheons wurden viele Verstorbene in den Kirchen
beigesetzt.
Außer dieser äußerst zweckmäßigen Einrichtung, daß die Todten nicht
mehr innerhalb der Stadt beerdigt werden, erfreut sich Lima zweier
Vortheile, die sehr zur Gesundheit beitragen. Der eine besteht in
vielen künstlich gezogenen Wassergräben, die, von dem Rimac gefüllt,
die Straßen von Osten nach Westen durchschneiden; der zweite in
einer Gattung ganz schwarzer Vögel von der Größe eines Huhnes,
deshalb auch +Gallinazo+ genannt, welche Thiere, gleich den Hunden in
Konstantinopel, die Straßen von allem aasartigen Unrathe säubern. Schon
in Callao fielen mir diese zahmen Raubvögel auf, die dort wie hier sich
mitten in den Straßen unter den Leuten bewegen.
Den Wochenmarkt besuchte ich mehrere Male. Eine große, gemauerte,
schöne Halle dient vorzüglich zum Fleisch-, geschlachtetem Geflügel-
und Gemüse-Verkauf. Die Verschiedenartigkeit der Lebensmittel ist
noch größer und natürlich die Menge bedeutender, als in Callao. Den
vielen Fleischbuden nach zu urtheilen, muß das Volk hier ziemlich
häufig Fleisch genießen. Sonderbar kam es mir vor, in den Fleischbuden
statt der Männer Weiber zu sehen, welche die schwersten Ochsenkeulen
handhabten und den Käufern pfundweise den Bedarf zutheilten. Das
Geflügel wird wie in Italien nicht nur in ganzen, sondern auch in
halben und Viertel-Stücken verkauft.
Das Leben in Lima ist theuer; man kann annehmen, daß ein Haushalt,
der in Deutschland 1500 Thaler kostet, hier gewiß auf 4000 zu stehen
kommt. In jedem wohlhabenden Hause wird ein Mayordomo gehalten, welcher
das Silberzeug, die Wäsche, so wie die Dienerschaft unter seiner
Aufsicht hat und die Einkäufe der Lebensmittel besorgt.
Außerordentlich ist der Verbrauch des Eises; man braucht per Tag
für etwa 1000 Dollars. Es wird von Nordamerika gebracht und kommt
auf diesem Wege billiger, als von den nahen Cordilleren, von wo es
durch Maulthiere getragen werden müßte. Man genießt es nicht blos
mit Wasser oder Wein, man bereitet auch Eis aus Milch und Früchten.
Schon am frühesten Morgen sind die zahlreichen Eisbuden belebt. Die
Milch-, Obst- und Fleischhändlerin, den Koch, den Mayordomo kann
man da in gemüthlicher Ruhe beisammen sitzend finden. Das Eis ist
durchschnittlich schlecht bereitet, grob, wenig consistent und fade.
Das Volk besteht hier wie zu Acapulco, Callao und gewiß allen
Spanisch-Südamerikanischen Staaten, aus einem solchen Gemische, einer
solchen Verzweigung Indianischen, Europäischen und Afrikanischen
Blutes, wie man es in keinem anderen Theile der Welt finden kann.
Unter der reichen Klasse, den Kreolen und Alt-Spaniern[13] gibt es
sehr schöne Mädchen und Frauen. Die Damenwelt von Lima hat den Ruf,
ihre Reize durch eine sehr geschmackvolle und kostbare Toilette zu
erhöhen; ihr Gang, ihr Benehmen wird als graziös geschildert. Daß
sie ganz besonders kleine, wohlgeformte Hände und Füße haben, nur
seidene Strümpfe und die engsten Schuhe tragen, habe ich bereits
erwähnt. Auch mit geistigen Fähigkeiten, mit natürlichem Verstande
und Witz, desgleichen mit Talenten, besonders für Musik, soll sie die
Natur reichlich ausgestattet haben. Leider sollen sie wenig Ausdauer
besitzen, dieselben auszubilden.
Ich selbst kann darüber kein Urtheil fällen, ich war zu kurze Zeit in
Lima, um in mehrere echt Alt-Spanische Häuser eingeführt werden zu
können; auch ist für Fremde der Zutritt nicht sehr leicht zu erhalten.
Ich sah nur in den Logen im Theater, wo ich die berühmte Sängerin Fr.
+Hayes+, den nicht minder geschätzten Tenoristen Herrn +Mengis+ und
den ausgezeichneten Violinkünstler Herrn +Hauser+ hörte, einen Theil
der eleganten Gesellschaft und fand an Schönheit und Grazie alles
bestätigt, was mir die Herren von der Frauenwelt gesagt hatten.
Vor noch wenig Jahren bedienten sich die Frauen, wenn sie auf der
Straße oder nach der Kirche gingen, einer eigenthümlichen Tracht,
die aus einem langen, schwarzseidenen Oberkleide (Saya) und dem Manto
bestand, der den Körper von den Hüften bis über den Kopf verhüllte
und nur einem Auge Raum zum Sehen gestattete. In diesem Anzuge soll
die Frau dem Manne unkenntlich geblieben sein, selbst wenn sie neben
ihm stand. Jetzt ist diese Tracht wie verschwunden, man sieht sie
kaum zuweilen in der Kirche oder bei Prozessionen. Man sagt, sie habe
gar zu leicht Anlaß zu unbescheidenen Zusammenkünften gegeben; die
Herren suchten die Saya bei Gemahlinnen und Töchtern abzuschaffen.
Jetzt ersetzen die Frauen den Manto durch ein großes Umschlagetuch,
das sie über Kopf und Kleid schlagen. Diese großen, aber nicht sehr
reizend stehenden Tücher tragen sie nicht nur in der Kirche und auf den
Straßen, sondern sogar im Parterre des Theaters.
Die Weiber aus dem Volke sah ich nirgends so reich und verschwenderisch
gekleidet wie hier. Milch- und Obst-Verkäuferinnen saßen in Barège-
oder Seidenkleidern, Chinesischen Tüchern, seidenen Strümpfen,
gestickten Schuhen auf den Eseln, mit dem Verkaufskram an der Seite.
Alles hing jedoch nachlässig, auch zerrissen am Körper, die Farben
waren höchst grell oder verschossen, alles stand schlecht zu der
dunklen oder gelben Gesichtsfarbe. Ich gedachte jedesmal der etwas
derben, aber passenden Worte Sancho Panso’s, welcher, als er Hoffnung
hatte, zum König einer noch unentdeckten Insel gemacht zu werden,
von seiner Frau sagte: „Sie wird sich als Königin ausnehmen, wie ein
Schwein mit einem goldenen Halsbande.“
Die Männer, Europäer wie Eingeborne, reich oder arm, tragen über
ihrem Anzug auf Reisen oder auch nur bei gewöhnlichen Reitparthieen
den Poncho wie in Chili. Selbst Frauen bedienen sich dieses
Kleidungsstückes, wenn sie einen Ausflug zu Pferde machen.
Die reichen und vornehmen Frauen gehen nur zur Kirche zu Fuß, sonst
fahren sie in Calezas, zweiräderigen, von Maulthieren gezogenen
Gläserwagen. Die Maulthiere sind weit vor die Kutsche gespannt, und der
Kutscher sitzt auf einem der Thiere.
Die Herren, die viel außer Hause zu thun haben, wie z. B. Aerzte,
reiten auf Maulthieren oder Pferden.
Die Kleinverkäufer, Wassermänner u. s. w. bedienen sich der Esel, die
hier sehr mißhandelt werden. Oft hängt auf einem solchen armen Thiere
die ganze Familie, Mann, Weib und Kind, nebst den größten Lasten als
Zugabe. Ein Peruanisches Sprichwort sagt: „Lima ist die Hölle der Esel,
das Fegefeuer der Ehemänner, der Himmel der Frauen.“ Wenn es eine
Seelenwanderung gäbe, müßte der Gedanke, in einen Peruanischen Esel
oder in ein Javanesisches Postpferd verwandelt werden zu können, zur
Verzweiflung bringen.
Ungleich besser geht der Eingeborne mit dem Llama um: er gebraucht
es zwar auch als Lastthier; allein er behandelt es mit Liebe und
Zärtlichkeit, man möchte beinahe sagen, er habe Hochachtung für dieses
Thier. Das Llama ist von dem Fuße bis zum Scheitel fünf Schuh hoch und
gehört zu dem Geschlechte der Kameele. Die Llamas werden als Lastthiere
gebraucht, sie sind für die schlechten Wege in den Cordilleren ungleich
brauchbarer, als Esel und Maulthiere, und bringen gewöhnlich die Erze
in die Niederungen. Ein Llama geht per Tag drei bis vier Leguas und
trägt hundert Pfund; ladet man ihm mehr auf, so legt es sich nieder und
steht nicht eher auf, als bis ihm die Ueberfracht abgenommen ist[14].
Selten bekommt man diese schönen, sanften Thiere in Lima zu sehen, denn
das warme Klima vertragen sie nicht. Zufällig kam doch während meiner
Anwesenheit eine kleine Heerde von vierzig bis fünfzig Stück nach der
Stadt, um Salz nach den Gebirgen zu bringen.
Wenn diese Thiere gereizt werden, spucken sie um sich. Der Speichel
soll so scharf und ätzend sein, daß er auf der Haut einen brennenden
Schmerz verursacht.
Außer der Seltenheit, Llamas in Lima zu sehen, erlebte ich auch noch
eine andere Merkwürdigkeit, nämlich einen ziemlich starken Regen, der
fünf bis sechs Stunden anhielt -- eine Erscheinung, deren sich die
ältesten Leute nicht zu entsinnen wußten. Es regnet hier im Sommer
nie, im sogenannten Winter höchst selten, und da fällt meistens mehr
feuchter Nebel als Regen, der kaum die Steine befeuchtet. Donnerwetter
gibt es diesseits der Cordilleren nie.
Die Temperatur ist, obwohl Lima nur zwölf Grad südlich vom Aequator
liegt, nie drückend heiß. Ich war in der Mitte des Sommers hier[15],
und fand den Thermometer im Zimmer nie über 20 Grad Réaumur. Man
schreibt diese gemäßigte Temperatur den Luftströmungen von den nur
achtundzwanzig Leguas von der Stadt entfernten, mit ewigem Schnee
bedeckten Cordilleren zu. Dagegen gibt es häufig Erdbeben. Ich erlebte
in den fünf Wochen meines Aufenthaltes drei. Das erste war sehr
bedeutend, richtete aber doch keinen Schaden an; bei dem zweiten ließ
sich ein starkes, donnerähnliches, unterirdisches Geräusch vernehmen,
welches gegen vierzig Sekunden anhielt; das dritte bestand aus ein
paar ganz leichten Stößen. Bei jedem Erdbeben stürzt das Volk auf
die Straßen, wirft sich auf die Knie und schreit, während es sich
beständig an die Brust schlägt: „~Misericordia!~“ Die Glocken läutet
man in allen Kirchen.
Eine große Unannehmlichkeit Lima’s ist die Unsicherheit (das
Räuberunwesen). Gegen 6 Uhr Nachmittags, wo es kaum dunkelt, darf
man sich weder vor ein Stadtthor, noch auf die Alameda oder sonst
einen einsamen Ort allein wagen; sogar zu Pferde wird man angefallen
und beraubt. Bei Hausberaubungen, die jedoch seltener vorfallen,
brechen die Diebe nicht immer durch Fenster und Thüren ein, sondern
sie ersteigen die Terrassen (meistens aus einer leichten Rohrdecke
bestehend), machen eine kleine Oeffnung und lassen sich in das Zimmer
hinab.
Vor noch wenig Jahren ging das Raubsystem viel großartiger vor sich.
Berittene oder unberittene Banden von dreißig bis vierzig Mann
kamen Abends zu irgend einem Hause (gerade nicht in den belebtesten
Straßen); die Hälfte der Leute stellte sich vor demselben auf, die
übrigen gingen hinein, schlossen schnell die Thüre und ersuchten die
erschrockenen Bewohner ganz höflich, sich nicht stören zu lassen,
ihnen nur alle Schlüssel zu geben, da sie schon selbst finden würden,
was sie benöthigten. Bis die Nachbarn oder Vorübergehenden, durch
die aufgestellte Wache aufmerksam gemacht, bewaffnete Hülfe bringen
konnten, waren die Vögel mit ihrer Beute schon längst davon geflogen.
Auf dem sehr besuchten Wege von Lima nach +Chorillos+ (zwei Leguas)
sind beständig berittene Patrouillen im Gange; dessen ungeachtet ist es
für einen einzelnen Reiter gefährlich, sich nach 6 Uhr auf der Straße
blicken zu lassen.
Die Peruanische Kavallerie, größtentheils aus Negern bestehend, soll
von geringem Werthe sein. Besser als diese ist, wie man mir sagte, die
Infanterie, zu welcher meistens Gebirgs-Indianer genommen werden. Man
schildert sie als tapfer und ausharrend, Hunger und Beschwerden lange
und leicht ertragend, und zählt sie zu den besten Truppen der Welt.
Im gewöhnlichen Dienste sehen die Truppen nicht sehr glänzend und
kriegerisch aus; hätten sie nicht ein Schwert umgegürtet, so würde man
sie kaum von den Tagelöhnern unterscheiden. Bei Paraden dagegen nimmt
sich das Militär, besonders die Kavallerie, recht gut aus: es ist mit
weißem Linnenzeug uniformirt, die Pferde sind hübsch und gut gezäumt.
Herr Konsul Rodewald war außerdem, daß er mir den angenehmsten
Aufenthalt in seinem Hause bot, auch noch so gefällig, einen
kleinen Ausflug zu veranstalten, um mir den Badeort Chorillos und
die Ruinen eines Peruanischen Sonnentempels zu zeigen, welche vier
Leguas von Chorillos bei dem Oertchen +Lurin+ stehen und unter die
interessantesten gezählt werden, von jenen, die noch längs der Küste
vorhanden sind.
Nach Chorillos (zwei Leguas) geht täglich ein Omnibus. Ich fuhr in
demselben, die Herren waren zu Pferde. Der Weg zieht sich durch
eine sandige Ebene, auf welcher man nur hie und da kleine grüne
Fleckchen gleich Oasen gewahrt. Auch die über einander geschichteten
Gebirgsmassen zur Seite sind ohne alle Vegetation. Der Badeort selbst
macht einen ungefälligen, traurigen Eindruck: erbärmliche Lehmhäuschen
stehen in schmutzigen, staubigen Straßen zusammen gedrängt. Ich würde
Chorillos eher für einen Verbannungs- als Belustigungs-Ort gehalten
haben. Man sollte glauben, daß wohl nur wirklich Kranke, welchen
die Seebäder verordnet sind, hierher kommen. Dem ist aber nicht so:
das zarte Geschlecht sucht, ohne krank zu sein, Vergnügen in diesem
traurigen Badeorte, Erholung in dem Luftwechsel, und die Herren zieht
nicht nur die Damenwelt, sondern auch der grüne Tisch an, auf dem sie
oft bedeutende Summen zurücklassen. So sucht der Mensch Wechsel in das
Leben zu bringen und vertauscht oft das Bessere gegen das Schlechtere.
Aber Licht und Schatten schaffen ein schönes Bild; eines wie das andere
allein ist eintönig und wird mit der Zeit unerträglich.
Am folgenden Morgen ging es zu Pferde nach Lurin. Wir wählten
den Weg über die +Pampas+, das heißt: „Sandsteppen,“ in welchen
nichtsdestoweniger einige hübsche Zuckerrohr-Pflanzungen (Haziendas)
liegen.
Eine Legua hinter Chorillos zeigt noch eine kleine Reihe gemauerter
Bogengänge, daß hier einst eine Wasserleitung existirte.
Kurz vor dem Oertchen Lurin lenkten wir unsere Rosse etwas rechts
nach dem 555 Fuß hohen Hügel +Pachacamac+, auf welchem die Ruinen des
umfangreichen Sonnentempels stehen.