Reise von Batavia nach Kalifornien. -- Ankunft in San
Francisco. -- Die Stadt der Wunder. -- Hohe Preise.
-- Die Spielhäuser -- Amerikanisches Gerichtsverfahren.
-- Die Plaza. -- Sacramento. -- Amerikanische
Reisegesellschaft. -- Besuch bei General Sutter. --
Mary’s Ville. -- Brown’s Valley. -- Die Goldwäschereien
am Yuba-Flusse. -- Die Indianer 1
Vierzehntes Kapitel.
Crescent-City. -- Ausflug zu den Rogue-river-Indianern.
-- Ein Nachtlager im Wig-wam. -- Gefährliche Lage
meines Reisegefährten. -- Rachsucht der Indianer. --
San José. -- Acapulco. -- Panama 44
Fünfzehntes Kapitel.
Reise nach Lima. -- Die Englischen Dampfer. -- Guayaquil.
-- Callao. -- Die Deutschen Auswanderer. --
Lima. -- Kirchen und öffentliche Gebäude. -- Die Peruanischen
Damen. -- Erdbeben. -- Unsicherheit. --
Der Badeort Chorillos. -- Die Ruinen des Sonnentempels
Pachacamac. -- Die Hazienda St. Pedro 91
Sechzehntes Kapitel.
Ecuador. -- Reise nach Quito. -- Fahrt auf dem Guaya.
-- Savanetta. -- Die Tambos. -- Der Camino real.
-- Guaranda. -- Uebergang über die Cordilleren nächst
dem Chimborazo-Gipfel. -- Die Hochebenen von Ambato
und Latacunga. -- Ausbruch des Cotopaxi. --
Haziendas-Besitzer 133
Siebzehntes Kapitel.
Quito. -- Rohheit des Volkes. -- Sehenswürdigkeiten.
-- Kirchliche Feste. -- Die Geistlichkeit und die Regierung.
-- Die Indianer. -- Theater. -- Rückreise
nach Guayaquil. -- Der Chimborazo. -- Ein Stiergefecht.
-- Todesgefahr. -- Panama. -- Reise über
den Isthmus. -- Aspinwall 173
Dreizehntes Kapitel.
Reise von Batavia nach Kalifornien. -- Ankunft in San Francisco.
-- Stadt der Wunder. -- Hohe Preise. -- Die Spielhäuser. --
Amerikanisches Gerichtsverfahren. -- Die Plaza. -- Sacramento. --
Amerikanische Reisegesellschaft. -- Besuch bei General Sutter.
-- Mary’s Ville. -- Brown’s Valley. -- Die Goldwäschereien am
Yuba-Flusse. -- Die Indianer.
Die Reise von +Batavia+ nach +San Francisco+ geht beinahe um die
Hälfte des Erdkreises: 150 Meilen durch die Java-See, 2000 durch die
Chinesische und bei 8000 durch den stillen Ocean, im ganzen 10,150
Meilen.
Am 6. +Juli+ Nachmittags begleiteten mich meine Freunde, Herr und Frau
+Steuerwald+, bis an das Boot, das mich an Bord des Dreimasters +Seneca
Baltimore+, Kapitän +Feenhagen+, brachte.
Es ging nun nach einem neuen Lande, zu einem neuen Volke. Bisher hatte
sich das Glück mir treu bewährt, es begleitete mich auf allen meinen
großen und langen Wanderungen. Ich hoffte, es werde mich gleich
gute Aufnahme auch bei den Amerikanern finden lassen und mich ohne
Unfall nach der weit entfernten Heimath in die Arme meiner Theueren
zurückführen! --
Am 7. +Juli+ früh Morgens wurden die Anker gelichtet, am 9. und
10. schifften wir an den Banda-Inseln vorüber und lenkten in die
+Gaspar-Straße+, welche von den Inseln +Leat+ und +Lepa+ gebildet wird
und in die Chinesische See leitet. Alle Waffen wurden in Stand gesetzt,
da diese See nicht immer frei von Piraten ist.
Am 12. +Juli+ passirten wir den Aequator. Die See war so ruhig, daß
der Kapitän eines Schiffes, welches an unserer Seite segelte, zu uns
an Bord kam. Kaum hatte er uns wieder verlassen, so erhob sich so
plötzlich eine Bö, daß wir in Angst waren, er könne sein Schiff nicht
mehr erreichen; nur mit Mühe gelang es ihm.
Am 22. +Juli+ begann Nachmittags ein heftiger Sturm; wir zogen alle
Segel ein und befürchteten einen +Tifoon+ (Orkan).
Am folgenden Tage gelangten wir unter fortgesetztem Sturme zwischen
+Luzon+ und der Höhe von +Formosa+ in den stillen Ocean. Von nun an
sahen wir durch zwei ewig lange Monate nichts als Himmel und Wasser;
die einzigen lebenden Geschöpfe, die wir von Zeit zu Zeit zu Gesicht
bekamen, waren einige Möven, welche unsere Segel umflatterten.
Ich ward auf dieser Reise abermals vom Wechselfieber heimgesucht,
obgleich weder die Kost noch sonst etwas mir Bekanntes Anlaß gab. Jene
war so trefflich, daß ich auf der ganzen Reise nicht nöthig hatte, ein
Stückchen Salzfleisch zu essen. Meine Schlafkabine war geräumig wie
ein Kämmerchen, und für alle meine Bedürfnisse ward von dem guten und
gefälligen Kapitän mit liebenswürdiger Aufmerksamkeit gesorgt. Welcher
Unterschied zwischen dieser Reise und jener von London nach dem Kap der
guten Hoffnung (Kapitän +Brodie+)! Mit Grausen denke ich der letzteren
noch heut zu Tage.
26. +September.+ Endlich erscholl der längst ersehnte Ruf „Land, Land!“
Abends lag die Küste Kaliforniens vor unsern Augen. Und dennoch, obwohl
ich beinahe drei Monate in dem hölzernen Gefängnisse zugebracht, mehr
als zwei Monate kein Land gesehen hatte, machte diese Küste durchaus
keinen angenehmen, im Gegentheile einen recht traurigen Eindruck auf
mich. Sie war über alle Maßen öde und todt. Nackte Sandhügel stiegen
von allen Seiten schroff auf, kein Baum, kein Strauch, nicht der
ärmlichste Grashalm unterbrach die einförmige Farbe dieser unheimlichen
Wüste. Hieher, dachte ich, verbannen sich die Menschen freiwillig
-- warum? -- um ein Klümpchen Gold zu finden! Wie müßte wohl eine
Gegend aussehen, die den golddürstigen Weißen fern hielte, wenn er den
geliebten Mammon daselbst zu finden wüßte?
27. +September.+ Morgens kam der Pilot an Bord und geleitete uns durch
das „goldene Thor“ (so wird die Einfahrt genannt) in die Bay von +San
Francisco+. Diese, obwohl so ziemlich denselben Charakter tragend, wie
die Küste, der wir zuerst ansichtig wurden, ist doch im ganzen schön zu
nennen. Sie ist von einer Fülle von Bergen, Hügeln und Felsparthieen
umgeben, die in den mannigfaltigsten Gruppen bald vortreten, bald
zurückweichen, ferner besitzt sie viele kleine Eilande und bildet
Buchten, Becken und Straßen, so daß der Blick fortwährend gefesselt
bleibt. Ihre Länge beträgt 45 Meilen, ihre größte Breite 12. Wir
glitten an den Ziegen- und Vogel-Eiländchen vorüber und warfen endlich
Anker vor der Stadt selbst, die zwölf Meilen von der Einfahrt liegt und
sich in bedeutendem Umfange auf vielen Sandhügeln ausbreitet.
Den zerstreut umher liegenden Häuschen gönnt man zwar noch nicht das
Recht, zur eigentlichen Stadt gezählt zu werden; allein da die Stadt
in so raschem Aufblühen ist und sich gewiß mehrere Meilen nach allen
Richtungen ausbreiten wird, so werden sie wohl bald dazu gehören. Die
eigentliche Stadt besteht blos aus den Theilen, welche knapp am Strande
liegen, wo sich die hölzernen Quais und die Magazine befinden. Die
Bevölkerung des Ganzen (der Stadt und der sogenannten Vorstädte) wird
auf einige sechzigtausend Seelen gerechnet.
Die Häuser in den Vorstädten und in der Umgebung sind sehr klein und
von Holz; sie liegen ohne die geringste Regelmäßigkeit und Ordnung,
das eine in der Tiefe, das andere auf steilen, spitzen Sandhügeln, was
einen höchst erbärmlichen Anblick gewährt. Die Stadt dagegen besitzt
schon viele große, zwei bis drei Stock hohe, gemauerte Häuser, die zum
Theil auf Plätzen stehen, wo noch vor kurzem die See war, und zwar
mit einer Tiefe, daß die größten Schiffe vor Anker gehen konnten.
Da nämlich die Sandhügel auf allen Seiten beinahe senkrecht aus dem
Meere stiegen, war man gezwungen, sie theilweise abzutragen, mit
dem hinunter geworfenen Sande die See zurück zu drängen und so eine
künstliche Fläche für die Geschäftsstadt zu bilden. Diese Arbeiten, so
wie auch die hölzernen Quais und Werfte überraschten mich mehr noch,
als die großen Häuser. Man kann nicht umhin, beide Unternehmungen als
Riesenwerke zu betrachten, wenn man bedenkt, wie kurze Zeit das Land
von Amerikanern[1] und Europäern in Besitz genommen ist, wie weit man
das Holz für die Quais und Werfte zu führen hatte, und wie über alle
Maßen theuer die Handwerker und gemeinen Arbeiter waren und noch heut
zu Tage sind. Die ausgedehnten Quais und Werfte, in eine Linie neben
einander gestellt, würden gewiß eine Länge von vielen Meilen betragen.
Die See ist an der Küste so tief, daß Schiffe von zwei- bis dreitausend
Tonnen an den Quais anlegen können.
Kalifornien oder Neu-Mexiko gehörte zu dem Staate Mexiko, wurde im
Jahre 1846 von den Amerikanern nach einjährigem Kriege erobert und im
selben Jahre am 7. Juli zu +Monterey+ den Nordamerikanischen Staaten
feierlich einverleibt. Die Bevölkerung dieses neuen Staates mochte
damals an 150,000 Seelen betragen, von welchen der größte Theil
Indianer waren; heut zu Tage wird sie auf 300,000 geschätzt.
Das erste Goldlager wurde bei +Coloma+ im Distrikte +Eldorado+ durch
General +Sutter+ bei Ziehung eines Mühlgrabens im Juli 1848 entdeckt.
Man stieß mit der Schaufel auf einen harten Gegenstand, den man im
ersten Augenblicke beinahe ununtersucht bei Seite geworfen hätte.
Doch die besondere Schwere erregte Aufmerksamkeit, und bei genauerer
Untersuchung ergab sich, daß es ein reiner Goldklumpen war. Die
Goldausfuhr betrug bis Ende 1849 ungefähr zwanzig Millionen Dollars, im
Jahre 1850 vierzig Millionen. Seitdem rechnet man sie durchschnittlich
per Monat auf fünf Millionen, welche Schätze alle nach den Vereinigten
Staaten und Europa gehen.
Doch wieder zurück zu meiner Ankunft in San Francisco.
Ich hatte gar keinen Empfehlungsbrief, konnte mich daher an niemanden
wenden und wußte nur zu gut, daß dieser Platz ganz außergewöhnlich
theuer und wohl für Geschäftsleute, aber nicht für Reisende geschaffen
sei, deren Kasse stets ab- und nie zunimmt. Ich wanderte den ersten
Tag von früh Morgens bis spät Abends umher, um eine nur einigermaßen
billige Unterkunft zu finden. Ermüdet und ohne Erfolg kehrte ich auf
das Schiff zurück, wo mir der gute Kapitän +Feenhagen+ so lange zu
bleiben angeboten hatte, als er den Hafen nicht verließe. Aber noch
denselben Abend erhielt ich eine äußerst liebenswürdige schriftliche
Einladung, für die ganze Zeit meines Aufenthaltes in dieser Stadt von
dem mir vollkommen unbekannten Englischen Hause +Colquhonn Smith+ und
+Morton+. Man kannte mich auch hier schon durch meine früheren Reisen,
und kaum las man meinen Namen unter den Angekommenen, so sandte man die
Einladung an Bord. Es bedarf wohl keiner Worte, um zu sagen, in welcher
Art ich aufgenommen wurde, und wie man bemüht war, mir mit allem an
die Hand zu gehen. Wahrlich, von wenig Familien trennte ich mich so
schwer als von dieser! Auch der Oesterreichische Konsul, Herr +Eduard
Vischer+, erwies mir viele und große Gefälligkeiten. Dieser Herr machte
eine erfreuliche Ausnahme von den meisten Oesterreichischen Konsuln,
welchen ich bisher auf meiner Reise begegnete; ich möchte von Herzen
wünschen, daß es deren mehrere ähnliche gäbe. Herr Vischer hat aber
auch allgemein den Ruf eines sehr guten und gefälligen Mannes.
Einen äußerst drückenden und beängstigenden Eindruck machten anfänglich
auf mich die engen, niedrigen Wohnungen, in welchen die Leute hier
leben. Die größten Gemächer sind so winzig, daß man in den meisten
Wohnungen gewiß in Verlegenheit käme, wenn zehn bis zwölf Personen zur
Tafel eingeladen wären. Von den Kämmerchen und Nebengemächern will ich
schon gar nicht reden, die sind alle wie für Liliputaner. Mir fiel
dieß natürlich um so mehr auf, da ich gerade aus Batavia kam, wo jeder
Empfangssaal so groß ist, daß man ganze hiesige Häuser hineinstellen
könnte. Solche Grillenhäuser, aus welchen jetzt noch die Hälfte der
Stadt besteht, besitzen gewöhnlich fünf bis sechs Behältnisse, die man
mit großem Unrecht „Zimmer“ nennt. Die Einrichtung ist reich, meistens
überreich, so daß die vielen schönen Möbel dem armen Bewohner beinahe
den ganzen Raum stehlen. Die Fußböden sind mit kostbaren Teppichen
belegt, die Wände mit Tapeten und Spiegeln bedeckt.
Auch in den neugebauten großen Ziegelhäusern sind die meisten Gemächer
sehr klein, besonders die Schlafkammern; man sagte mir, dieß sei
Amerikanische Sitte.
Ausgezeichnet groß und schön fand ich dagegen die Verkaufs-Lokale:
viele können mit jenen der größten Europäischen Städte in die Schranken
treten, so reich an Waaren, so zierlich arrangirt und so prachtvoll
sind sie. Die größten und schönsten Waarenlager findet man in der
Sacramento-Kle-Montgomery-Straße und auf der Plaza. An Spiel-, Kaffee-,
Wein- und Tanzhäusern ist die Stadt überfüllt. Theater gibt es
bereits sechs, in welchen Englisch, Französisch, Deutsch und Spanisch
gespielt wird. Zeitungen erscheinen dreizehn, große Buchdruckereien
bestehen achtzehn, außerdem noch viele kleine, die heute entstehen und
morgen wieder verlöschen. Kirchen von allen denkbaren Sekten sind
sechsundzwanzig erbaut, die meisten davon ganz unbedeutend.
Das gesellschaftliche Leben ist sehr großartig. Wer sich darin gefällt,
findet gewiß jeden Abend in häuslichen und öffentlichen Zirkeln mehr
Unterhaltung, als er wünschen kann. Bei Einladungen wird in Hülle
und Fülle aufgetischt. Was mir bei den Diners auffiel, war, daß es
nirgends Servietten gab, oder so kleine, wie für Puppen. Dieß kommt
von dem hohen Preise, der für das Waschen verlangt wird: man zahlt per
Dutzend Stücke, groß oder klein, 3 Dollars (1 Dollar ~à~ 4 Schilling
Englisch oder 2 fl. Oesterreichisch Geld); man gibt daher in den
meisten Familien nur die größeren Stücke außer Haus und sucht allen
überflüssigen Aufwand an Wäsche so viel wie möglich zu vermeiden.
Ueberhaupt findet man hier, in Folge der übertrieben hohen Preise
vieler Gegenstände, die höchste Oekonomie an der Seite der größten
Verschwendung. Manche Familien mit vier bis sechs Kindern halten
nur eine Magd, während es an prächtiger Hauseinrichtung, Garderobe,
Gesellschaften und Unterhaltungen nicht fehlt.
Ich füge hier die Preise verschiedener Gegenstände bei, die manche
meiner Leser kaum für wahrscheinlich halten dürften.
Eine Wohnung von fünf bis sechs Kämmerchen per Monat auf den besten
Plätzen 250 Dollars, etwas abgelegener 150 bis 200; die größten
Modemagazine per Monat 700 bis 1000 Dollars. In letzteren werden oft
wieder kleine Eckchen von sechs bis sieben Fuß im Geviert per Monat
für 100 Dollars abgelassen. Ein Diener, eine Magd 50 und 60 Dollars
per Monat nebst Kost und Wohnung, ein Handlanger 4 Dollars, ein
Zimmermann, Maurer 8 Dollars per Tag. Eine Kleidermacherin 4 Dollars
per Tag nebst Kost. -- Ein Huhn kostete 2, ein Kalkuttischer Hahn 10
Dollars, ein Dutzend Eier 2 Dollars. Ein Pfund Rindfleisch ¼ Dollar.
Ein Pfund Hammel- oder Schweinefleisch 60 Cents (ein Dollar hat 100
Cents), eine Flasche Milch 25 Cents, ein Pfund gesalzene Butter 75
Cents u. s. w. In den Hotels bezahlt eine Person per Monat für Kost
und Wohnung 100 Dollars. Der Preis eines Lohnwagens per Stunde 6
Dollars, eines Reitpferdes, ob auf eine Stunde oder einen halben Tag,
5 Dollars, Sonntags für Wagen oder Reitpferd das Doppelte. Nach einem
Dampfboote zu fahren 10 Dollars, nach einem Balle hin und zurück 20
Dollars. Für Reitpferde, die von den Eignern gewöhnlich in Miethställe
zur Verpflegung gegeben werden, per Monat 50 Dollars. Ein Lohndiener
erhält für jeden Gang 1 Dollar. Zwei bis drei Jahre früher waren die
Preise noch ungemein höher. Verhältnißmäßig billig werden dagegen
viele Fabrik- und Manufaktur-Gegenstände verkauft, und zwar in Folge
der übergroßen Einfuhr, mit der die Bevölkerung in keinem Verhältnisse
steht[2]. Viele Europäische und Amerikanische Handelshäuser sollen
dabei großen Schaden erlitten haben. Die Einfuhrzölle sind sehr
bedeutend; gewöhnliche Bedürfnisse zahlen zwanzig bis dreißig Prozent
und so fort bis zu hundert; letzteres jedoch nur für geistige Getränke.
Die Gründe der Stadt, wie die der nahen Umgebung, waren von der
Regierung in Lots ~à~ 150 Fuß im Geviert getheilt worden. Wer das
Glück hatte, solche Plätze im ersten Entstehen der Stadt zu kaufen,
konnte mit einigen guten Lots reich werden. Man kaufte die besten
zu 5- bis 8000 Dollars, die jetzt 150,000 kosten. Ein dreistöckiges
Backsteinhaus auf ein ganzes Lot gebaut, das eine Ecke formt, kommt auf
200,000 Dollars zu stehen, trägt aber einen jährlichen Zins von 130,000
Dollars, so daß Haus und Grund in längstens drei Jahren gezahlt sind.
San Francisco wurde sechsmal von Feuersbrünsten zerstört, von welchen
die meisten angelegt waren. Die zwei größten hatten im Jahre 1852
statt. Am 4. Mai des letztgenannten Jahres brannte jener Theil
der Stadt ab, in welchem die größten Reichthümer in den Magazinen
aufgespeichert lagen, nämlich von der Ecke der Montgomery-Straße bis
an die Kerney-Straße. Das zweite Feuer im Juli legte den westlich
gelegenen Theil der Stadt in Asche. Während das Feuer noch wüthete,
kamen zu den Grundbesitzern schon Leute, um den Grund auf drei oder
vier Jahre zu pachten. Sie bauten auf den beinahe noch glimmenden Boden
hölzerne Häuschen, die sie vermieteten, und wenn der Kontrakt zu Ende
war, hatten sie hinlänglich gewonnen, um den Grundbesitzern das Haus
für nichts zu überlassen.
Einstimmig wird San Francisco die Stadt der Wunder genannt. Die
Amerikaner behaupten, daß ihre schnelle Entstehung, ihr oftmaliges
Wiederaufbauen nach den Feuersbrünsten das Wunderbarste sei, was die
Welt je gesehen habe. Dieß ist allerdings wahr. Es gibt auch nur zwei
Kräfte, welche solche Wunder bewirken können -- Despotie und Gold.
Hier war letzteres der Hebel. Der Durst nach Gold, dieser größte der
Despoten, zog die Leute aus allen Weltgegenden herbei, und hölzerne
oder gemauerte Obdächer entstanden überall wie durch Zauber. Was sind
aber diese einfachen Werke gegen jene antiken Städte Hindostans,
deren Ruinen noch heut zu Tage die vergangene Größe verkünden,
und von welchen, wie uns die Geschichte lehrt, manche ebenfalls in
unglaublich kurzer Zeit entstanden, wie z. B. +Fatipoor Sikri+, eine
Stadt voll der schönsten Paläste mit Skulpturen ganz überdeckt, mit
prachtvollen Tempeln und Minarets, mit hoch gewölbten Stadtthoren
u. s. w., deren Umfang sechs Meilen betrug, die mit vierzig Fuß hohen
massiven Steinwällen umgeben und in weniger als zehn Jahren erbaut
wurde. Dergleichen Städte kann man Wunderwerke nennen, denn zu ihrer
Ausführung muß eine ganze Bevölkerung von Künstlern und Architekten
gehören.
Die Wunderwerke San Francisco’s bestehen in ganz gewöhnlichen Wohn- und
Zinshäusern, zu deren Erbauung die Goldminen Kaliforniens hinlänglich
Mittel geschafft haben und täglich schaffen. Was mich in dieser reichen
und luxuriösen Wunderstadt am meisten wunderte, ist, daß man auf zwei
sehr große Bedürfnisse gar keine Rücksicht genommen hat, auf reinliche,
geebnete Wege und auf Beleuchtung.
Von den Löchern, Hügeln und Unebenheiten in den Straßen der Stadt
kann man sich gar keine Vorstellung machen. Hier geht es Stufen
hinauf, dort einige hinunter, hier ist der Fußweg erhöht, dort wieder
nicht, hier werden Stellen abgegraben, dort liegen ganze Berge von
Ziegeln, Bauholz, Kalk und Sand, und keine Lichter werden zur Warnung
hingestellt. Dieß macht die Straßen bei Nacht nicht nur für Fahrende
und Reiter, sondern auch für Fußgänger wahrhaft gefährlich, was ganz
besonders von den hölzernen Quais gilt. Die See darunter ist nicht
ausgefüllt, die Bretter sind so abgenützt, daß sie einbrechen. Selbst
bei Tage muß man der vielen Löcher wegen mit größter Vorsicht fahren.
Nachts ereignet es sich nicht selten, daß Fußgänger in die Tiefe
stürzen und nie wieder zum Vorschein kommen.
In den schönsten und befahrensten Straßen liegen alte Kleider,
Wäsche, Stiefel, Flaschen, Geschirre, Kisten, todte Hunde, Katzen und
ungeheuere Ratten, an welchen die Stadt überreich ist; aller Unrath
wird vor die Thüre geworfen -- man könnte wirklich Konstantinopel im
Vergleiche zu San Francisco die Stadt der Reinlichkeit nennen. Dort
gibt es wenigstens Leute und Hunde genug, welche die Straßen säubern,
erstere lesen die Kleider, Wäsche u. dgl. auf, letztere verzehren den
Unrath.
Zu allem diesem kommt noch die Ungebundenheit der Leute, jeder Mensch
kann thun und machen, was er will; die Karren halten nicht selten
an den schmalen, ausgetretenen Wegen, die über die bei Regenwetter
grundlosen Straßen führen, Reiter befestigen ihre Pferde an den Häusern
auf den Gehwegen, so daß der arme Fußgänger tief in den Koth treten
muß, um sie zu umgehen. Derlei Willkürlichkeiten arten oft so aus, daß
sie mitunter gefährlich werden. So ging ich eines Morgens durch die
Stadt, als mir ein Fußgänger zurief. „Ein Bär, ein Bär!“ -- Ich wußte
gar nicht, was das bedeuten sollte, und konnte mir nicht denken, in den
Straßen einer so belebten Stadt einem Bären zu begegnen. Ich sah mich
nach allen Seiten um -- wirklich kam ein Bär hinter mir her gelaufen
und war nicht mehr als zwei Schritte von mir, so daß ich kaum Zeit
hatte, auf die Seite zu flüchten. Das Thier war wohl an einem Stricke,
der Strick an einem Karren befestigt; der Strick war aber so lang, daß
der Bär rechts und links auf die Fußwege unter die Vorübergehenden
gelangen konnte. Der Fuhrmann nahm sich nicht einmal die Mühe, die
Leute anzurufen.
Ein Geschäfts- oder Spaziergang in San Francisco ist meiner Meinung
nach eine wahre Bußaufgabe. In der sogenannten Geschäftsstadt kann man
sich kaum durch das Gewirre von Menschen, Reitern, Karren und Wagen
winden; in jenen Theilen der Stadt oder Gegenden[3], wo die Straßen
nicht mit Brettern belegt sind, muß man fußtief im Sande waten; dabei
die ewig einförmige Ansicht der nackten Sandhügel -- wahrlich nur
derjenige, der sein Glück im Golde findet, mag sich über alle diese
Unannehmlichkeiten hinaus setzen und am Ende wohl gar vergessen, daß
es Bäume und Wiesenteppiche gibt, die doch wohl schöner sind, als die
Teppiche der goldbelasteten Spieltische.
Im Frühling soll die Umgebung freilich einen anderen Anblick gewähren
und der dürre Sandboden mit einer wunderbar schönen, üppigen Flora
bekleidet sein; aber die Könige des Pflanzenreichs, die majestätischen
Bäume, die zierlichen Gebüsche schafft doch keine Jahreszeit.
Außerordentlich schön fand ich in San Francisco die Pferde und
Maulthiere. Sie werden, wie die Ochsen und Kühe, alle zu Lande über die
Plains (Ebenen) von Nordamerika herüber gebracht. Pferde und Maulthiere
sind sehr hoch und kräftig. Es gibt Pferde, mit welchen man sechzig
Meilen in einem Tage reiten kann, Maulthiere, die drei Centner tragen.
Die Pferde in den Lohnkutschen und Omnibussen sind ungleich schöner als
in London. Von einer besonderen Pracht sind die Lohnkutschen. Man kann
nicht leicht etwas schöneres in dieser Art sehen; es soll aber auch ein
solcher Wagen mit dem Gespann bis 4000 Dollars kosten.
Der Verkehr ist schon sehr leicht und schnell. Dampfschiffe
durchkreuzen die Bay, befahren die Flüsse; Stage-coaches, die gleich
Postgelegenheiten die Pferde wechseln, gehen nach allen Richtungen des
Landes. Auch eine Telegraphen-Linie ist bereits eröffnet und erstreckt
sich über +St. José+ bis +Sacramento+, eine Länge von ungefähr 130
Meilen.
Eines Abends besuchte ich die öffentlichen Unterhaltungsorte, von
welchen mich die Spielhäuser am meisten interessirten, da ich bisher
noch keine öffentlichen gesehen hatte. Was mir in diesen vor allem
in das Auge fiel, war die höchst gemischte Gesellschaft. Neben dem
zierlichsten Dandy saß ein Matrose, ein Minenarbeiter im rothwollenen
Hemde ohne Jacke, die Hände kaum vom Theer oder Schmutz gereinigt, die
Stiefel bis hinauf voll Koth. Der Reiche wie der schmutzig Gekleidete
hatten nur Gold und harte Thaler vor sich liegen. Noch vor zwei Jahren
soll man blos Gold gesehen haben. In keiner Miene, selbst bei dem
sanguinischen Franzosen, dem lebhaften Mexikaner las man Aufregung
oder Leidenschaft, obwohl ich das Gegentheil häufig behaupten hörte.
Aus den Gesichtern hätte ich nicht beurtheilen können, wer von der
Glücksgöttin begünstigt oder vernachlässigt war. Was die Einrichtung
dieser Spielhäuser anbelangt, so ist sie darauf angelegt, nicht nur
die Leidenschaft des Spielers, sondern auch seine Sinne zu berauschen
und zu betäuben. Abscheulich verführerische Oelgemälde hängen an den
Wänden, lärmende Musik durchrauscht die geräumigen Säle, schöne Mädchen
sitzen hie und da als Lockvögel an den Tischen.
Ich bin weit und breit in der Welt herum gekommen, unter Völker,
die in Folge des Klimas und aus Mangel an Erziehung und Religion
zu den sinnlichsten gehören; aber solche öffentliche, schamlose
Verführungsanstalten sah ich nirgends -- man findet sie nur unter
christlichen Völkern, unter civilisirten Regierungen. Ich will damit
nicht behaupten, daß die Unsittlichkeit unter nicht christlichen
Völkern geringer sei; allein sie so öffentlich zur Schau zu legen, so
weit geht ihre Schamlosigkeit nicht.
Von den andern öffentlichen Unterhaltungsplätzen, den Tanzhäusern, den
Chinesischen Spiel- und Erfrischungshäusern will ich schweigen; nur
muß ich bemerken, daß es in den Chinesischen Spielhäusern anständiger
zuging, als in den Amerikanischen. Da gab es weder Gemälde, noch Musik,
noch Mädchen; letztere wenigstens nicht in den Spielzimmern.
Der Goldüberfluß in San Francisco ist so groß, die Preise sind so hoch,
daß gar keine Kupfermünze in Umlauf ist; die Leute wünschen auch nicht,
daß es je dazu kommen möge. Jedermann findet hinlänglichen Verdienst;
im Gegentheil, es fehlt noch überall an Händen. Dessen ungeachtet
vergeht kaum eine Nacht, daß man nicht von Diebstählen hört. In allen
Schlafzimmern sieht man Pistolen hängen, und Abends geht niemand
ohne Stockdegen oder Pistolen aus, denn auch in den Straßen kommen
manchmal Raubanfälle und selbst Morde vor. Die Polizei ist so schlecht
organisirt, daß kein Dieb so leicht entdeckt wird, die Bestrafungen so
geringe, daß sie kein Mensch fürchtet. Beinahe alle Vergehungen werden
mit einigen Wochen Gefängnißstrafe abgebüßt. Sogar die Mörder kommen
leicht durch. Der Thäter geht gewöhnlich selbst zum Richter, erzählt
den Vorfall nach Belieben, wobei es natürlich immer heraus kommt, daß
er den Mord aus Nothwehr begangen habe. Weiß er den Richter auf dem
rechten Flecke zu packen (d. h. mit Gold), so kommt er oft nicht einmal
in das Gefängniß.
Während meines Aufenthaltes zu San Francisco schoß ein Herr, den ich
persönlich kennen lernte, seinen Diener nieder. Die Kugel war in
die Seite gegangen, und deshalb der Schuß zwar nicht augenblicklich
tödtlich, doch hatte man am dritten Tage die Kugel noch nicht gefunden.
Der Herr ging zu dem Richter, gab seine That an und erklärte sie
ebenfalls für Nothwehr. Er führte an, daß sein Diener häufig betrunken
sei, und daß er demselben in solch einem Zustande den Dienst kündete.
Der Betrunkene, darüber erboßt, habe ihm geantwortet, daß er ohnehin
nicht mehr bleiben wolle, daß er aber, bevor er das Haus verließe, ihn
niederschießen werde; „+entweder+“, habe er hinzu gefügt, „+schieße ich
Sie todt, oder Sie müssen mich todt schießen+.“ Bei diesen Worten habe
der Diener ihm mit der Faust gedroht, worauf er (der Herr) eine Pistole
ergriffen und auf ihn geschossen habe. Der Mörder wurde auf einen Tag
eingesperrt, den zweiten gegen eine Kaution und das Versprechen, sich
nicht aus dem Stadtgebiete zu entfernen, wieder frei gegeben.
Kurze Zeit darauf verließ ich San Francisco und erlebte deshalb
nicht den Ausgang der Geschichte; allein man versicherte mir, daß,
selbst wenn der Diener stürbe, der Herr mit höchstens einigen Wochen
Gefängnißstrafe davon käme.
Vor zwei Jahren soll es noch ganz anders zugegangen sein, da war man
seines Lebens am hellen Tage nicht sicher. Hatte einer einen Haß gegen
jemanden, oder einen Streit, so schoß er seinen Gegner auf öffentlicher
Straße nieder. Zweikämpfe wurden ohne weitere Umstände gleich auf
der Plaza ausgemacht; die Kämpfer schossen da auf einander, ohne die
Vorübergehenden anzurufen und zu warnen. Mitunter traf eine Kugel statt
eines Kämpfers einen ganz Unschuldigen; das schadete aber nichts,
deshalb wurde niemand zur Rechenschaft gezogen.
Viel strenger verfuhr man zu jener Zeit mit den Dieben, zwar nicht
das Gericht, das schlief so fest und wo möglich noch fester als heut
zu Tage, sondern die Privatpersonen. Sie bildeten einen Verein und
übten die Gerechtigkeitspflege selbst aus[4]. Den ersten Dieb, den
sie erhaschten, hingen sie sogleich auf der Plaza auf. Dieß wirkte so
kräftig, daß die Diebstähle auf lange Zeit aufhörten.
Wie man sieht ist die Plaza ein höchst merkwürdiger Ort für die
Stadtbewohner. Jetzt dient sie nicht mehr als Schauplatz so
gewalttätiger Scenen; im Gegentheile kehrt mancher vielleicht ein
wenig gebessert von ihr heim. Ein sehr wackerer, würdiger Missionär,
Herr +Taylor+, hält nämlich jeden Sonntag Nachmittag kräftige, gute
Predigten dort. Ich hörte mehrere und jede befriedigte mich sehr.
Er sprach den Leuten so recht an das Herz und Gemüth, und nahm die
zweckmäßigsten Beispiele aus dem gewöhnlichen Leben. Man sah es dem
trefflichen Manne an, daß er Missionär aus wahrem, innerem Berufe war.
Die Leute hörten ihm auch sehr aufmerksam zu, und mancher Händedruck
von Zuhörern ward ihm zum Lohne. Meiner Meinung nach hätten die
Christen gute Missionäre weit nöthiger als die Heiden. Ein altes
deutsches Sprüchwort sagt: „Kehre zuerst vor deiner Thür.“
Von den öffentlichen Anstalten besuchte ich das Gefängniß und das
Stadthospital. Um diese Plätze besuchen zu dürfen, mußte ich eine Menge
Gänge machen und ein halbes Dutzend Erlaubnißscheine begehren.
Als ich in dem Gefängnisse dem Director meinen Schein vorwies, begab
sich ein komisches Mißverständniß. Da sich in San Francisco niemand
Zeit nimmt, eine öffentliche Anstalt zu besuchen, wenn ihn nicht ein
Geschäft dahin ruft, dachte der Direktor, ich sei gekommen, um einen
Gefangenen zu sprechen. Er las den Schein gar nicht durch, sein Blick
blieb blos auf meinem Namen haften. Er dachte eine Weile nach und sagte
endlich, er könne sich nicht entsinnen, daß ein Verbrecher dieses
Namens in dem Gefängnisse säße, worauf dann natürlich die Erklärung
folgte.
Das Gefängniß besteht aus dunklen, feuchten Kämmerchen, jedes für
sechs Personen und so klein und enge, daß die Leute kaum Platz zum
Schlafen haben. Der Boden ist nicht gedielt, es gibt weder Bänke noch
Schlafstellen, und wer Decke oder Polster nicht selbst mitbringt, muß
sich ohne sie behelfen. Die Kost ist etwas besser: sie besteht aus
Suppe, einem Stücke Fleisch und einer hinlänglichen Portion schönen
Brodes.
Vor ungefähr sechs Monaten bekam das Gefängniß einen ganz unerwarteten
Besuch: eine zahlreiche Gesellschaft von Männern (achtzig bis neunzig)
verlangten es zu besehen. Als man sie eingelassen hatte, bemächtigten
sie sich der Schlüssel, holten einen Verbrecher heraus, den das Volk
schon lange gerne gerichtet sehen wollte und der bei der üblichen
Fahrlässigkeit der Regierung wahrscheinlich mit geringer Strafe
entkommen wäre, und hingen ihn vor dem Gefängnisse auf.
Das Hospital ist ziemlich gut, besonders wenn man auf die Zeit
Rücksicht nimmt, zu welcher es errichtet wurde, im Jahre 1849. Es war
damals in San Francisco noch alles so kostspielig, daß man sich wundern
muß, wie die zur Errichtung eines anständig geordneten Krankenhauses
(gegenwärtig schon mit dreihundert Betten) nöthige Summe durch
freiwillige Beiträge zusammen gebracht werden konnte. Die Kranken
bezahlen per Woche in den allgemeinen Zimmern 15, in einem besonderen
25 Dollars; die meisten werden jedoch unentgeldlich aufgenommen. Was
mir sehr gut gefiel, ist, daß man Unheilbare nicht fortschafft: sie
bleiben bis zu ihrem Tode. Wer das Unglück hatte, vor Errichtung dieses
Hospitales zu erkranken, der konnte sich noch glücklich schätzen, wenn
man ihn in irgend einen Winkel trug und ruhig genesen oder sterben
ließ. Kein Mensch hatte Zeit, sich nach einem Leidenden umzusehen, --
Gold, Gold war das einzige Ziel und Streben.
Ich hatte Gelegenheit, in San Francisco eine sehr schöne Ausstellung
von Gemüsen, Früchten, Getreide-Gattungen und anderen Naturprodukten
Kaliforniens zu sehen, die Herr +Warren+ veranstaltete. Ein Kürbis
wog 125 Pfund, eine Runkelrübe 35 Pfund, eine weiße Rübe 25 Pfund,
ein Blumenkohl 22 Pfund, eine gelbe Rübe 6 Pfund, eine Kartoffel 4
Pfund, eine Zwiebel 2 Pfund, ein Krautkopf hatte 2½ Fuß im Durchmesser.
Weizen- und Gerstenhalme gab es von 12 Fuß Höhe, mit sehr großen,
reichgefüllten Aehren, Maisstengel von 17 Fuß Höhe mit 3 Kolben, wovon
jeder zwischen 550 und 600 Körner zählte. Die Früchte waren weniger
ausgezeichnet. Was kann Kalifornien nicht liefern, wenn sich die Leute
mehr und mehr mit Ackerbau und Kultur beschäftigen werden!
Nicht minder interessant war die Ausstellung eines
Riesen-Eichenstammes. Der Baum kam aus der nördlichen Gegend
Kaliforniens und war 250 Fuß hoch; der Stamm hatte am Grunde 97 Fuß,
oberhalb des Grundes 85 Fuß im Umfange. Man schätzte sein Alter auf
1500 Jahre. Als er gefällt wurde, war er noch vollkommen gesund. Man
löste die achtzehn Zoll dicke Rinde in Streifen ab, stellte sie in San
Francisco wieder zusammen und bildete daraus einen niedlichen Saal.
Eine Durchschnittsscheibe des Stammes wurde daneben gelegt, damit man
sich von dem Durchmesser des Baumes überzeugen konnte.
* * * * *
Ich machte von San Francisco drei Ausflüge in das Innere von
Kalifornien. Den ersten nach +Sacramento+, +Mary’s Ville+ und den
Goldminen an dem +Yuba-Fluß+, den zweiten nach +Crescent-City+ und zu
den +Rogue-River-Indianern+, den dritten nach +St. José+.
Am +3. October+ Nachmittags 4 Uhr schiffte ich mich auf dem schönen
Dampfer „+Senator+“ nach Sacramento (100 Meilen) ein.
Die Amerikanischen Dampfer sind die schönsten, die man sehen kann.
Sie verdienen mit vollem Rechte, „Wasserpaläste“ genannt zu werden,
denn sie sehen vollkommen wie Häuser aus. Die Flußdampfer besonders
haben Stockwerke mit großen Thüren, Fenstern und Galerieen. Ständen
sie nicht im Wasser, so würde kein Mensch sie für Schiffe halten. Die
innere Einrichtung gibt an Pracht und Vollkommenheit der äußeren nichts
nach. Wenn man Nachts einem solchen Dampfer begegnet, gewährt dieß
einen wahren Feenanblick; alles erglänzt im hellsten Lichte und die
Schornsteine speien Feuer, gleich Vulkanen.
Spät Abends lenkten wir in den +Sacramento-Fluß+, der bis zu der Stadt
Sacramento für Dampfer von zwölf- bis fünfzehnhundert Tonnen fahrbar
ist.
Am +4. October+ Morgens 5 Uhr landeten wir an der Stadt. Die Reisenden
stürzten wie besessen an’s Ufer, um ihre Reise mit Stage-coaches oder
anderen kleineren Dampfbooten ohne Zeitverlust fortzusetzen. Auch ich
folgte ihrem Beispiele, und eilte, um meinen Platz auf der Stage-coach
nach +Gras-Vale+ zu erobern. Allein meine Eile war umsonst. Die Kutsche
war schon um 4 Uhr abgegangen. Ich änderte meine Reise dahin ab, daß
ich auf einem Dampfer nach Mary’s Ville (50 Meilen) ging.
Die Zeit bis zur Abfahrt des Dampfers benutzte ich, die Stadt zu
besehen, die in einer staubigen, sandigen Ebene liegt, in deren weitem
Hintergrunde man dunkle Umrisse von Gebirgen entdeckt. Die Stadt
zählt 20,000 Einwohner und bietet in kleinerem Maßstabe dasselbe
unvollendete, unsaubere Bild wie San Francisco. Nach den Begriffen der
Amerikaner gehört auch Sacramento zu den Wunderwerken der Welt, da
sie gleich San Francisco eben so schnell entstanden und eben so oft
abgebrannt ist.
Um 11 Uhr ging es wieder an die Reise. Schon nach einigen Meilen
lenkten wir in den +Feather-Fluß+, an welchem Mary’s Ville liegt. Die
Ufer dieses Flusses bleiben sich so ähnlich, daß ich mich, nachdem
ich sie einige Zeit betrachtet hatte, in den Saal begab, um auch über
die Gesellschaft meine Bemerkungen zu machen. Ich befand mich hier
zum ersten Male in einer großen Gesellschaft von freien Amerikanern.
Wie in den Spielhäusern zu San Francisco fielen mir vor allem die
Kontraste in der Kleidung auf. Die Damen waren durchgehend sehr geputzt
und hätten in ihrem Reiseanzuge in den glänzendsten Gesellschaften
erscheinen können. Ganz anders verhielt es sich mit den Männern. Manche
waren wohl sehr anständig gekleidet; die meisten aber hatten Jacken
an, die nicht selten zerrissen waren, derbe, schmutzige Stiefel über
die Beinkleider gezogen und die Hände so außerordentlich plump und
verbrannt (eine Sache, die mir selbst bei den best angekleideten Herren
häufig auffiel), wie die gemeinsten Bauersleute. Man spielte Karten,
man kaute Tabak, selbst Jungen von zehn bis zwölf Jahren thaten dieß;
allein man spuckte nicht so herum, wie manche Reisende behaupten. Eine
andere Gewohnheit aber, nicht minder häßlich als das Spucken, ist, daß
sich die Leute wohl der Sacktücher, aber zuvor ihrer Finger bedienen;
ich sah dieß sogar bei elegant gekleideten Herren.
Der gesammten Männerwelt muß ich das Zeugniß geben, daß sie gegen
mein Geschlecht, alt oder jung, reich oder ärmlich gekleidet, gleich
artig und gefällig war. Die Amerikaner gleichen hierin nicht meinen
Landsleuten, und überhaupt nicht den Europäern, die ihre Artigkeit
gewöhnlich nur der Jugend, Schönheit und dem Putze widmen.
Bei Tische blieb man nicht lange sitzen und sprach beinahe kein Wort;
die Leute verschlangen die Speisen brühheiß und halb ungekaut. Sie
gönnten sich keine Zeit, obwohl niemand etwas zu thun hatte; allein es
ist nun einmal schon ihre Gewohnheit, alles als Geschäft zu betrachten
und alles mit größter Hast und Eile zu verrichten. Getrunken wurde
nichts als Wasser. Man sagte mir, daß der Amerikaner es vorziehe, die
spirituosen Getränke zu verschiedenen Zeiten des Tages in kleinem Maße
zu sich zu nehmen. Auf jeden Fall glaube ich jedoch, daß er hierin dem
Engländer nachsteht, denn auch Kaffee und Thee wurde nicht sehr stark
und nicht in großen Portionen genossen.
Die Fahrt nach Mary’s Ville währte sehr lange, der Fluß hatte in
dieser Jahreszeit wenig Wasser, und wir saßen alle Augenblicke auf
Sandbänken auf. Es zeigten sich hie und da einige Hügel, später sogar
Gebirgsketten.
Ich hielt sechs Meilen von Mary’s Ville bei der dem General +Sutter+
gehörigen Farm[5] an. Es war 10 Uhr Nachts, als ich an’s Ufer gesetzt
wurde. Ich wußte weder Weg noch Steg; doch lag die Farm nicht weit
entfernt. An dem Gartenzaune angekommen, stürmte ein halbes Dutzend
großer Hunde auf mich ein. Ich verhielt mich ruhig, wohl wissend, daß
es so bei dem Gebelle bleibe. Alles lag schon in tiefer Ruhe. Durch den
Lärm der Hunde aufgeweckt, kam endlich jemand daher. Man empfing den
späten Gast auf die zuvorkommendste Weise.
General Sutter, ein Schweizer von Geburt, hat nicht nur, wie bereits
erwähnt, die erste Goldmine entdeckt; er zeichnete sich auch als Soldat
in dem letzten Kriege gegen die Mexikaner sehr aus. Er lebt seitdem auf
seinen bedeutenden Ländereien.
Sein jüngster Sohn, ein Mann von zweiundzwanzig Jahren, ist schon
Oberst bei der Landmiliz. Uns Europäern kommt es sonderbar vor, in
Amerika junge Leute so hohe Stellen bekleiden zu sehen. Der Amerikaner
sagt: „Wenn junge Leute ihr Fach verstehen, sind sie den älteren
vorzuziehen, da sie mehr Thätigkeit, Fleiß und Ausdauer besitzen.“ Man
findet in Amerika Männer von sechsundzwanzig bis achtundzwanzig Jahren,
die sich als Kaufleute, Advokaten, Schiffskapitaine u. s. w. schon
ein schönes Vermögen erworben haben. Freilich fangen sie auch in sehr
frühen Jahren zu arbeiten an.
Ich verweilte zwei Tage in der Rock-Farm. Hier wird schon ziemlich viel
Getreide und Gemüse gebaut. Der Boden sieht in der trockenen Jahreszeit
so unfruchtbar aus (nichts als Sand und Staub), daß man denken sollte,
das wenige, was hier wachsen kann müsse mit der größten Sorgfalt
gepflegt werden. Man versicherte mich des Gegentheiles. Der Boden wird
weder gedüngt noch bewässert, und die Getreidehalme, welche man mir von
der letzten Ernte wies, waren groß und überreich an Körnern. Doch muß
man auch bedenken, daß der Boden erst vor ein Paar Jahren zum ersten
Male aufgebrochen wurde. Wer weiß, wie er sich nach fünfzig Jahren
zeigen mag.
Mit Herrn Sutters älterem Sohne, der sich viel mit Botanik beschäftigt,
machte ich einen Spaziergang nach einem nahe gelegenen Walde. Ich
sah da sehr schöne und sehr verschiedenartige Eichen, an welchen
Kalifornien überhaupt reich sein soll, ferner hübsche Schlinggewächse
und sehr viele wilde Weinreben, die sich hoch hinauf mit den Bäumen
verzweigten. Die Beeren waren klein und nicht sehr süß. Der Boden des
Waldes hatte nicht den geringsten Anflug von Gras oder Grün.
Ungefähr zwanzig Meilen von der Rock-Farm entfernt, erhebt sich eine
majestätische Gebirgskette, deren höchste Spitze +Chasta+ heißt und
14,000 Fuß hoch sein soll. Vor dieser Kette steigen mitten in der Ebene
senkrechte Felswände auf, die man einem riesigen Walle vergleichen
könnte. Sie bilden drei Hauptspitzen, welche die „drei Buds“ genannt
werden.
Am +7. Oktober+ ließ mich Herr Sutter nach Mary’s Ville führen. Dieses
Städtchen liegt am Zusammenflusse des Feather- und Yuba-Flusses. Ein
Privatmann ließ hier eine hölzerne Brücke von vielleicht 120 Fuß Länge
bauen, deren Ueberschreitung per Pferd oder Stück Hornvieh einen halben
Dollar kostet.
Mary’s Ville, später entstanden als Sacramento, enthält bereits 6000
Einwohner, hat schon zwei Zeitungen und ein Theater. Die Waarenlager
sind so überfüllt, daß sie den Bedürfnissen einer zehnmal größeren
Bevölkerung genügen würden. Es wird wohl viel hiervon nach den Minen
gesandt; aber die Mode- und Luxus-Artikel finden doch nur bei den
Städtern Absatz.
Kaum in Mary’s Ville angekommen, war ich so glücklich, dem Herrn
Baronet +Heinrich Huntley+ zu begegnen, einem Engländer, den ich in
San Francisco kennen gelernt hatte. Dieser Herr besitzt Quarz-Goldminen
zu +Brown’s-Valley+, nahe der Gebirgskette, 14 Meilen von Mary’s Ville,
und ließ daselbst eine Dampfmühle zur Stampfung der Steine bauen. Er
war so gefällig, mich auf sein Besitzthum mitzunehmen, um mir die
Quarzminen, so wie auch die Goldwäschereien an dem Yuba-Flusse, die 6
Meilen davon entfernt liegen, zu zeigen.
Herr Huntley hat sich in Brown’s-Valley erst vor drei Monaten
angesiedelt, zu welcher Zeit der Platz einer Wildniß glich. Jetzt
standen schon drei kleine Holzhäuschen, und das Hauptwerk, die
Dampf-Stampfmühle, war der Vollendung ziemlich nahe. Die Arbeitsleute
wohnten in Zelten umher, und es sah recht belebt aus.
Die ganze Umgebung besteht aus reichhaltigen Goldquarz-Lagern.
Das Verfahren in den Minen ist wie in anderen Ländern. Man macht
Schachten und Gänge, fördert das Gestein zu Tage, schafft es in die
Mühle, stampft es zu Pulver, sondert durch Waschen das Metall von
dem Quarzstaube, schmilzt es mit Schwefelsäure und bindet es mit
Quecksilber. Herr Huntley war so gefällig, mir die ganze Verfahrungsart
im Kleinen zu zeigen. Ein Quarzstein von fünf Pfund lieferte auf diese
Weise dreizehn Cents Werth in Gold. Jedermann kann graben; da aber das
Anlegen einer Mühle eine etwas bedeutende Summe kostet, verkaufen die
Minengräber ihre Steine an Herrn Huntley.
Den folgenden Tag führte man mich nach den großen Goldwäschereien an
dem Yuba-Flusse. Das Gold wird hier auf zweierlei Arten gewonnen. Die
Goldsucher graben Löcher an Stellen im Flußbette, in welche das Wasser
nach einiger Zeit Erde und Schlamm absetzt; bei trockener Jahreszeit
zieht es sich etwas zurück. Nun schürft man das Angeschwemmte heraus
und sondert das sich vorfindende Gold durch Waschen ab. Die zweite,
ungleich großartigere Weise besteht in dem Abdämmen des Flusses.
Man baut zu diesem Zwecke mehrere hundert Klafter lange hölzerne
Fluder, in welche man den Fluß leitet. Der ganze trocken gelegte
Theil des Flußbettes wird dann durchwühlt und das Erdreich gewaschen.
Zu allen diesen Unternehmungen verbinden sich die Leute in größeren
Gesellschaften und theilen den Gewinn am Ende jeder Woche. Es geht
dabei so ordentlich und redlich zu, daß nie ein Streit stattfindet.
Jede Gesellschaft wählt ein Haupt, welches mit der Austheilung
beauftragt ist. Mit nicht minderer Sicherheit kann der Eigenthümer
seinen Schatz ohne Schloß und Riegel in seinem Zelte liegen lassen; er
wird nie etwas davon vermissen. Nicht so sicher ging es in der ersten
Zeit zu. Da wurde gestohlen und gemordet. Die Goldsucher sahen sich
gezwungen, der Justiz vorzugreifen und selbst Ordnung zu schaffen. Sie
hingen Diebe wie Mörder ohne Umstände auf, und dieses Mittel war probat.
Wer nicht selbst arbeiten will, findet Leute, die sich verdingen. Viele
ziehen einen gewissen Lohn dem ungewissen Gewinne vor; sie erhalten
sechs bis acht Dollars per Tag.
Jedermann und jede Gesellschaft kann einen freien Platz zum Goldsuchen
auswählen; nur muß mit der Arbeit spätestens vierzehn Tage nach der
Besitznahme angefangen werden. Wird dieser Zeitpunkt versäumt, so ist
das Recht auf den Platz verloren, und jeder andere Liebhaber kann sich
darauf niederlassen.
Wenn jemand nur mit einiger Wahrscheinlichkeit anzugeben vermag, daß
auf dieser oder jener Stelle Gold zu finden sei, selbst auf Plätzen,
wo Häuser stehen, so muß sie der Besitzer gegen Schadenersatz dem
Minengräber überlassen. Dieselben Gesetze bestehen auch in Chili und
Peru.
Es wurde an dem Flusse ungemein viel gearbeitet, und die Ufer sahen
sehr belebt aus. Gegen fünftausend Menschen waren auf einer Strecke von
höchstens drei bis fünf Meilen Länge beschäftigt. Zeltdörfer reihten
sich an Zeltdörfer; die Leute können sich keine Holzhütten bauen, da
sie, so wie eine Stelle ausgebeutet ist, zu einer anderen ziehen. Die
verschiedenen Nationen halten sich in Arbeit und Wohnung meistens
zusammen, so die Deutschen, die Amerikaner, die Chinesen u. s. w.
Unter den Goldsuchern gibt es im Verhältniß nur wenige, die ein
Vermögen zusammenbringen. Sie können nur acht Monate im Jahre arbeiten,
bis zu dem Eintritte der Regenzeit. Die Arbeit ist sehr beschwerlich,
die Leute müssen den ganzen Tag im Wasser stehen, und während der
Dauer ihrer Arbeiten muß jeder auch der geringsten Annehmlichkeit und
Erholung des Lebens entsagen. Gehen sie dann während der vier Monate
in irgend eine Stadt, so leben sie da wie die Matrosen, die nach einer
langen Seereise das Land betreten. Systematisch angelegte Verführungen
lauern von allen Seiten auf sie, der Schwindel der Unterhaltung
ergreift die Unglücklichen, und wenn sie aus dem Taumel erwachen, ist
nur zu oft der schwer erworbene Gewinn verschwunden. Arm, wie das erste
Mal, als sie von der Heimath kamen, aber geschwächt an Körper und Seele
durch das wüste Leben in der Stadt, müssen sie nach der harten Arbeit
zurückkehren, und glücklich noch derjenige, den die gemachte Erfahrung
vor Wiederholung bewahrt!
Die Gegend um Brown’s-Valley wie um den Yuba-Fluß gehört zu den
waldigen und gebirgigen. Die Wälder sind aber sehr licht, alle vierzig
bis sechzig Schritte steht ein Baum, meistens Eichen. Untergebüsch,
Schlingpflanzen gibt es gar nicht; der Boden besteht aus Staub und
kleinen Steinen.
Nach einigen Tagen verließ ich diese Gegend und ging wieder nach Mary’s
Ville zurück. In dem letzteren Landstriche ist es viel wärmer als in
und um San Francisco, obwohl jener nicht bedeutend viel südlicher
liegt. Ich war hier abermals so unglücklich, einen Anfall von dem
hartnäckigen Sumatrafieber zu bekommen.
In Mary’s Ville fand ich einen Landsmann, einen Wiener, Herrn +Rogler+.
Unsere beiderseitige Freude, von der lieben Heimath sprechen zu können,
war so groß, daß mir der gute Mann einen ganzen Tag schenkte und mich
an alle Orte begleitete, wo es etwas zu sehen gab.
Am meisten interessirten mich hier die Eingebornen, die noch reine
Indianer sind und sich vor jeder Vermischung mit Spanischem Blute
bewahrt haben. Diese sogenannten „Wilden“ vermindern sich von Jahr zu
Jahr und werden überall von den harten Weißen verdrängt. Vor einigen
Jahren lebten noch mehr als sechzig Familien bei Mary’s Ville, jetzt
sind sie bis auf zwanzig zusammen geschmolzen[6].
Ich fand diese Indianer noch viel häßlicher als die Malaien. Ihr
Wuchs ist klein und gedrungen. Sie haben besonders kurze Hälse und
plumpe Köpfe. Die Stirn ist niedrig, das Nasenbein wenig erhoben,
die Nasenflügel breit, die Augen schmal gespalten, wenig Intelligenz
ausdrückend, die Backenknochen breit, der Mund groß; die Zähne, zwar
weiß, stehen selten in schönen Reihen. Die kurzen, dichten und straff
um den Kopf herab hängenden Haare sehen gerade wie eine Pelzmütze aus.
Die Farbe derselben ist braun, nicht selten lichter und dunkler auf
einem und demselben Kopfe; sie pflegen sie wenig und scheinen sie mit
keinem Fette zu schmieren. Kinder von vier bis sechs Wochen hatten
schon einen ganzen Wald von Haaren auf dem Kopfe. Ihre Hautfarbe ist
schmutzig gelbbräunlich; die Weiber sind sehr zum Fettwerden geneigt.
Männer wie Weiber haben die Ohrläppchen sehr weit durchstochen und
tragen lange, runde, fingerdicke Rollen darin, die mit Zeichnungen oder
Glasperlen verziert sind. Sie schmücken sich außerdem mit Glasperlen,
Knöpfen, Federn und allem, was sie von den Weißen erhalten können.
Die Weiber waren am Kinn ganz wenig tätowirt. Ursprünglich gingen die
Männer ganz nackt, die Weiber trugen blos eine fußlange Schürze um
die Mitte des Leibes; seit sich jedoch die Weißen hier niedergelassen
haben, lesen die Indianer die weggeworfenen Kleidungsstücke, Wäsche,
Stiefel u. s. w., von den Straßen auf und bedecken ihren Körper damit
oft auf die lächerlichste Weise.
In Bildung und Lebensweise stehen diese Menschen sehr tief. Sie treiben
weder Ackerbau noch Viehzucht noch Jagd, nichts als etwas Fischfang.
Zu ihren Wohnungen graben sie runde, fünfzehn bis zwanzig Fuß breite,
zwei Fuß tiefe Löcher in die Erde, über die sie ein zeltförmiges Dach
von Holzwerk und Erdreich legen. Die Thüre ist ein kleines Loch, durch
welches man auf Händen und Füßen kriechen muß; eine noch kleinere
Oeffnung an der Spitze des Daches läßt den Rauch durchziehen. Sie haben
weder Matten noch Geschirre und verstehen nichts als Körbe zu flechten.
In dieser Kunst sind sie wahre Meister, wissen die Körbe vollkommen
wasserdicht zu flechten und kochen sogar ihre Fische darin. Sie
flechten große, um den Vorrath von getrockneten Fischen zu bewahren,
kleinere, um Wasser zu holen, und ganz kleine, die ihnen zur Bedeckung
des Kopfes dienen.
Es war gegen Abend, als ich diesen Stamm besuchte. Die Leute saßen
vor ihren Höhlen an kleinen Feuern und bereiteten und verzehrten
ihr Abendessen, das aus gebratenen Fischen und Eichelbrot bestand.
Letzteres war fest, schwer, sehr feucht, hatte die Farbe der Chocolade
und einen etwas bitteren Geschmack. Sie zerstampfen hiezu die
getrockneten Eicheln zu Pulver und verfertigen daraus das Brot ohne
sonstige Beimischung als Wasser. Außer Fischen und Eicheln essen sie
so ziemlich alles, was sie bekommen können. Eidechsen, Heuschrecken,
Frösche, Käfer u. s. w. sind Leckerbissen für sie.
Ich sah unter diesem Völkchen leider sehr viele Fieberkranke, auch eine
Irrsinnige und auffallend wenig Kinder. Die Indianer, die in der Nähe
der Weißen bleiben, sterben noch ungleich schneller aus, als jene, die
in das Innere der Wälder fliehen. Erstere erhalten von den Weißen als
Tauschmittel für Fische häufig Branntwein, der Gift für sie ist, und,
wie man schon bemerkt hat, sie erkranken und selbst sterben macht.
Ein zweites, noch größeres Unglück sind für sie die Blattern, eine
Krankheit, die durch die Weißen eingeschleppt wurde, und an der die
Eingebornen sehr häufig sterben.
Ihre Armuth an Kindern rührt hauptsächlich davon her, daß sie sich
gemeiniglich nur in ihrem eigenen Stamme verheirathen; sie sind oft
ganz verschwistert und verwandt unter einander. Ihre Sitten sollen
gut sein. Keine Indianerin wird freiwillig mit einem Weißen umgehen;
sie würde von ihrem Stamme verstoßen oder wohl gar getödtet. Will ein
Weißer ein Verhältniß mit einer Eingebornen eingehen, so muß er den
Häuptling durch Geschenke zur Bewilligung zu gewinnen suchen.
Eine recht malerische Gruppe bildeten die drei Aeltesten des Volkes.
Sie hatten einige Europäische Kleidungsstücke an, einen reichen
Federschmuck auf den Häuptern und saßen ruhig und ernst auf der Spitze
einer ihrer Erdhöhlen. Es schien, als betrachteten sie in ihrem
einfachen Naturverstande das rastlose Treiben der nahe wohnenden weißen
Fremdlinge nicht mit Erstaunen und Bewunderung, sondern mit Verachtung
und Geringschätzung. Ich werde die Blicke nie vergessen, welche diese
drei Männer auf mich und meinen Begleiter warfen; als letzterer sie
ansprach, würdigten sie ihn kaum einer Antwort.
Von dem Werthe des Goldes haben die Leute noch keinen Begriff: die
kleinste wie die größte Summe ist bei ihnen 5 Dollars. Ich wollte eine
von den Rollen kaufen, die sie durch das Ohr stecken, so wie eines der
wasserdichten Körbchen; sie verlangten für den einen wie für den andern
Gegenstand 5 Dollars.
Abends besuchte ich auch in Mary’s Ville die Spiel-, Tanz- und anderen
öffentlichen Unterhaltungs-Häuser. Ich kann von ihnen nur wiederholen,
was ich von jenen in San Francisco geschrieben habe: sie sind Kopien
in kleinerem Style. Ich möchte wohl behaupten, daß in der kurzen Zeit,
seit der Weiße nach Kalifornien kam, viel mehr Verbrechen und Laster
begangen wurden, als in den Hunderten von Jahren, während der das Land
nur von Eingebornen bewohnt war.
Nach San Francisco zurück ging ich denselben Weg über Sacramento. Die
Ufer des Flusses Sacramento werden von den Amerikanern als bezaubernd
schön und üppig geschildert. Auf der Herreise konnte ich nicht viel
sehen, ich machte sie bei Nacht. Mit großer Erwartung begab ich
mich daher auf die Rückreise, bei welcher mich der hellste Tag, das
glänzendste Sonnenlicht begünstigten. Ich bemühte mich aber vergebens,
die schönen Landschaften zu erblicken, die von Hunderten und Tausenden
bewundert werden. Die Ufer waren wohl von einer Reihe von Bäumen und
von Gebüschen umsäumt; allein wenige Schritte nach dem Innern zu
hörte die Vegetation auf, und der Blick verlor sich auf der sandigen,
staubigen Ebene. Und selbst die Bäume, meistens Eichen, Weiden und
Eschen, konnte man nicht schön nennen: sie hatten zwar zum Theil
dicke Stämme und umfangsreiche Kronen und Aeste, welch letztere sich
mitunter weit über das Wasser neigten; allein das Laubwerk war sehr
klein, schmal und von schmutzig dunkelgrüner Farbe. Nur Leute, die
beständig in der nackten, baumleeren, sandigen Gegend von San Francisco
leben, können so viel Wesen aus diesen armseligen Ufern machen.
[1] Unter „Amerikaner“ versteht man nur die Bewohner der Vereinigten
Staaten; die übrigen Völker Amerika’s werden bei ihren
Völkernamen genannt, wie: Mexikaner, Brasilianer u. s. f.
[2] Die Einfuhr von Gütern jeder Art ist für eine Bevölkerung von
wenigstens einer Million, während in Kalifornien kaum 300,000
Seelen leben mögen.
[3] Es gibt Fahrstraßen in der Nähe der Stadt, die meilenlang mit
Brettern belegt sind.
[4] Das sogenannte Lynch-Gericht, auch in den Vereinigten Staaten,
besonders in früheren Zeiten, von dem Volke häufig ausgeübt.
[5] Farm heißt jeder Landsitz, groß oder klein.
[6] Nahe der Farm des General Sutter lebten, wie er mir selbst
erzählte, vor zwei Jahren über zweihundert Eingeborne in einem
großen Wig-wam (Dorf), jetzt sind sie bis auf einige dreißig
ausgestorben.
Vierzehntes Kapitel.
Crescent-City. -- Ausflug zu den Rogue-river-Indianern.-- Ein
Nachtlager im Wig-wam. -- Gefährliche Lage meines Reisegefährten. --
Rachsucht der Indianer. -- San José. -- Acapulco. -- Panama.
Mein zweiter Ausflug galt, wie bereits gesagt, dem neu angelegten
Städtchen +Crescent-City+, nördlich, nahe an der Grenze von Oregon, und
den +Rogue-river-Indianern+.
Die Entfernung nach Crescent-City beträgt nur 300 Meilen; der Preis der
Ueberfahrt 50 Thaler. Die Amerikaner sind aber mit freien Ueberfahrten
nicht so karg wie die Engländer. Ich hatte oft nur nöthig, meinen Namen
zu nennen, und man gab mir freie Fahrten, so auch hier zur Hin- und
Rückreise für Crescent-City.