Pachacamac (Schöpfer der Erde) war der mächtigste Gott der +Yunkas+.

Als die Yunkas von den +Inkas+ überwunden wurden, warfen diese die

Götzenbilder aus dem Tempel, weihten ihn der Sonne und bestimmten

königliche Jungfrauen (Sonnen-Jungfrauen) ein ewiges Feuer darin zu

unterhalten. So wie die Inkas die Yunkas vertrieben, ihre Götzenbilder

zerstört, sie gezwungen hatten, die Sonne anzubeten, eben so erging es

den Inkas später durch die Christen, als Pizarro das Land eroberte.

Die christlichen Horden verfuhren jedoch mit dem Volke noch grausamer,

als die Inkas mit den Yunkas. Die Sonnen-Jungfrauen wurden den rohen

Kriegern übergeben und das Volk durch Feuer und Schwert zur Annahme

einer neuen Religion gezwungen, die es hassen und verabscheuen mußte,

da es die Anhänger derselben die schändlichsten Gräuelthaten verüben

sah! --

Von dem Tempel, den wir von allen Seiten untersuchten, bestehen nur

mehr einfache Mauerreste, die gleichwohl von seiner ehemaligen Größe

zeugen. Die wenigen erkennbaren Kämmerchen gleichen kleinen Zellen

ohne Fenster und erhielten das Licht wahrscheinlich von oben. Auch

zwei kleine Feuerstellen waren noch zu erkennen. Die Mauern, Wände und

Wälle sind aus ungebrannten Ziegeln aufgeführt: hie und da besteht

die unterste Lage aus behauenen Steinen. An einer einzigen Wand

fanden wir noch ein kleines Stückchen sehr feines und hartes Plaster

von ziegelrother Farbe, ganz ähnlich wie ich es in den ausgegrabenen

Häusern zu +Pompeji+ bei Neapel gesehen hatte.

Die schönen Monumente der Peruanischen Bauart stehen bei +Cusco+ im

Innern des Landes, zweihundert Leguas von Lima. Die Hauptkunst der

Peruanischen Baumeister bestand darin, die größten Steine ohne Mörtel

so ineinander zu fügen, daß sie eine Festigkeit bekamen, als wäre das

Ganze aus einem Stücke gehauen. Noch heut zu Tage liegen die Steine so

fest auf einander, daß man mit keiner Messerklinge dazwischen dringen

kann.

Erheiternd ist der Blick von den Ruinen über das zu Füßen liegende

Thal. Die Umgebung von Lurin ist lieblich; blühende Felder, zartes

Gebüsch bedecken den ursprünglich sandigen Boden. Als die Spanier

Peru eroberten, war das Thal von Pachacamac das fruchtbarste an der

Küste und reich bevölkert. Die Wasserleitung in der Nähe von Chorillos

spricht noch von jenen schönen Zeiten.

Von den interessanten Denkmälern einer zerstörten Vergangenheit hinweg

begaben wir uns nach der prosaischen Hazienda +St. Pedro+, die zu dem

Kloster St. Pedro gehört, große Zuckerpflanzungen und viele Sklaven

besitzt.

Dergleichen Haziendas werden auf eine bedeutende Anzahl von Jahren

verpachtet. Jede Verbesserung, die der Pächter anbringt, erhält er zu

gut gerechnet. Oft belaufen sich zu Ende des Pachtes die Forderungen

so hoch, daß der Besitzer froh ist, wenn der Pächter um einen geringen

Preis den Pacht fortbehält. In dieser Hazienda hat der Pächter eine

Dampfmaschine zum Zuckerpressen (die erste im Lande) errichtet.

Es war Sonntag, und als wir ankamen, endete so eben der Gottesdienst.

Der ganze Haufen der Sklaven wurde von der Kirche in eine Abtheilung

des Hofes getrieben und diese geschlossen. Sie gingen singend, lachend

und lärmend nach ihrem Gefängnisse, aber gerade dadurch kamen sie mir

wie eine Heerde Vieh vor. Nie ergriff mich eine Scene so sehr, wie

diese, denn an keinem Orte sah ich die Menschheit so erniedrigt, so

ganz dem Thiere gleich gestellt. Jede Freude war nun für mich dahin:

ich konnte dieß Bild nicht aus dem Gedächtnisse streichen.

Die Armen sandten nach Branntwein, den ihnen ihr Herr verkauft; sie

wollten den Tag mit Trunk, Tanz und Gesang verbringen.

Ich war in Brasilien und in andern Ländern auf vielen Plantagen, die

mit Sklaven bearbeitet wurden; allein überall sah ich diese besser

gekleidet, als hier, und nirgends wurden sie eingesperrt.

Die Sklaverei ist in Peru bei der Unabhängigkeits-Erklärung nicht

aufgehoben, sondern dahin bestimmt worden, daß die von Sklaven

erzeugten Kinder nach fünfundzwanzig Jahren frei sein sollen. Später

wurden jedoch statt der fünfundzwanzig Jahre fünfzig festgesetzt.

Eingeführt darf kein Sklave mehr werden. Betritt ein Sklave

Peruanischen Boden, so ist er frei; dieß gilt auch von jenem, der

z. B. von seinem Herrn in ein fremdes Land oder über See mitgenommen

und wieder zurückgebracht wird. Im allgemeinen sollen die Sklaven gut

behandelt werden, besonders die Haussklaven, und von den Gesetzen sehr

in Schutz genommen sein. Der Sklave kann sich, wenn er hart behandelt

wird, selbst an einen andern Herrn verkaufen; auch läßt man ihnen

Zeit und Gelegenheit, sich Geld zu verdienen, damit sie sich selbst

loskaufen können. Die meisten aber ziehen es vor, das Verdiente in

Branntwein zu vertrinken und den Brodherrn für ihre Bedürfnisse sorgen

zu lassen.

Herr Rodewald hatte einen Sklaven, dem er die Freiheit schenken wollte;

dieser wies das Geschenk zurück, mit der Bemerkung, daß er sorgenloser

lebe, wenn ihn sein Herr behalte.

Den Rückweg nach Chorillos nahmen wir durch die +Playas+, d. h. an der

Meeresküste.

Die Nacht blieb ich in dem Badeorte und am folgenden Morgen fuhr ich

nach +Miraflores+, einem Dörfchen, auf halbem Wege zwischen Chorillos

und Lima gelegen. Auch hieher ziehen viele Familien aus der Stadt,

um in den Sommermonaten eine bessere, frischere Luft zu genießen.

Niedliche Ranchos (Sommerhäuschen) mit Gärten und ein hübscher Platz

zieren das freundliche Oertchen; im Vergleich zu Chorillos könnte man

Miraflores ein kleines Eden nennen.

Ich verlebte hier zwei sehr angenehme Tage in Gesellschaft der beiden

geistreichen, höchst gebildeten Frauen +Smiths+ und +Dardnell+. Erstere

Dame ist eine ausgezeichnete Malerin, Madame Dardnell mit einer schönen

Stimme begabt, und beide sind höchst achtungswerthe, liebenswürdige

Hausfrauen.

Nach Lima zurückgekehrt, dachte ich an die Fortsetzung meiner

Wanderungen.

Ich war mit der Absicht nach Lima gekommen, von hier aus die

Cordilleren zu überschreiten, nach +Loretto+ an den Amazonenstrom, und

von dort mit den Brasilianischen Dampfern nach +Para+ (an der Ostküste

Amerika’s) zu reisen. Allein die Revolution hinderte die Ausführung

dieses Planes. Sie hatte sich gerade nach den Gegenden gezogen, durch

die ich sollte. Ich hätte weder Führer noch Maulthiere bekommen, denn

bei Revolutionen oder Kriegen nimmt hier Freund wie Feind Leute und

Thiere in Beschlag; erstere werden den Soldaten eingereiht, letztere

für die Kavallerie oder Artillerie benützt.

Vergebens wartete ich bis gegen Ende Februar, die Lage der Dinge

änderte sich nicht, man rieth mir daher, mein Glück über +Quito+ zu

versuchen. Ich war dazu um so mehr geneigt, als mir Herr +Muncajo+,

~Chargé d’affaires~ der Republik Ecuador, sehr viel von Seite

seines Gouvernements versprach. Er sagte mir, daß der Präsident

sein besonderer Freund sei, daß er mir Briefe an ihn, wie auch an

andere hochgestellte, wichtige Personen geben, daß sich der Präsident

sicher selbst sehr für meine Reise interessiren und sie auf alle Art

unterstützen werde.

Im Vertrauen auf diese Versicherungen und wohl ausgerüstet mit einem

Dutzend, wie ich meinte, sehr gewichtiger Briefe, begab ich mich

fröhlichen Muthes auf die Reise, und ging auf dem Dampfer +Santiago+,

Kapitän +Joy+, wieder zurück nach Guayaquil.

[9] Den Antritt des neuen Jahres feierte ich in Panama bei Dr.

Autenrieth.

[10] Aber nicht so süß und aromatisch, wie im Ostindischen Archipel.

[11] Man hat berechnet, daß auf den Chincha-Inseln allein noch ein

Vorrath von mehr als zwölf Millionen Tonnen Guano vorhanden

sei. Die Regierung verkauft den Guano auf eigene Rechnung in

Europa und Nordamerika und gewinnt per Tonne fünfzehn bis

fünfundzwanzig Dollars.

[12] Wie ich später in Zeitungen las, endete die Revolution mit dem

Sturze des Präsidenten.

[13] Alle, deren Hautfarbe der weißen nur etwas nahe kommt, nennen

sich „Alt-Spanier,“ sie wünschen sehr, zu dieser Race gezählt zu

werden. Kreolen heißen jene, die von echt Europäischen Eltern

geboren sind.

[14] Ein Esel trägt für gewöhnlich zweihundert, ein Maulthier

dreihundert Pfund.

[15] Die Jahreszeiten, bekanntlich jene der nördlichen Hemisphäre,

sind entgegengesetzt.

Sechzehntes Kapitel.

Ecuador. -- Reise nach Quito. -- Fahrt auf dem Guaya. -- Savanetta.

-- Die Tambos. -- Der Camino real. -- Guaranda. -- Uebergang über

die Cordilleren nächst dem Chimborazo-Gipfel. -- Die Hochebenen von

Ambato und Latacungo. -- Ausbruch des Cotopari. -- Haziendas-Besitzer.

Auf dem Dampfer Santiago fand ich die Kabinen besetzt und bekam

einen Platz in der bereits beschriebenen Kajüte auf dem Vorderdecke

angewiesen. Ich kam Abends an Bord und mußte den Weg dahin im Finstern

suchen -- der Zugang war nicht einmal mit einem Lämpchen erleuchtet.

Ich tappte über die Achsen der Wasserräder durch Kohlenschmutz und

Nässe, gerieth zu weit links, und stieß -- an die Hörner von Ochsen,

die, wie ich am folgenden Morgen sah, kaum zwei Schritte von dem

Eingange der Kajüte standen. Mich rechts wendend, fiel ich über einen

Kohlenhaufen, der noch nicht eingeräumt war und gerade vor unserer

Thüre lag -- eine höchst comfortable Einrichtung, die der Reisende aber

auch mit schwerem Gelde bezahlen muß.

Am +1. März+ erreichten wir Guayaquil.

In dieser, der wichtigsten Hafenstadt des Reiches Ecuador, gibt es

keinen Gasthof. Jeder Reisende muß sich mit Briefen an Familien

versehen, um irgend wo aufgenommen zu werden. Ich wagte es, ohne Brief

zu dem Hamburger Konsul Herrn +Garbe+ zu gehen, der mir sein Haus auch

gastfreundlich öffnete.

Ecuador hat sich im Jahre 1830 von dem Spanischen Mutterlande

losgesagt und als Republik erklärt. Die Bevölkerung des Landes besteht

aus 400,000 Seelen, die Staatseinkünfte betragen 900,000 Dollars,

die Ausgaben bedeutend mehr; dessen ungeachtet hat der Staat keine

Schulden. Die Regierung macht einen kurzen Prozeß und zahlt die Gehalte

meistens nur zur Hälfte. Die Regierungsform ist dieselbe wie in Peru.

Die Hauptausfuhr des Landes besteht in Cacao (jährlich fünfzehn,

sogar bis fünfundzwanzig Millionen Pfund), Kaffee noch wenig, aber

von vorzüglicher Güte, vielen heilsamen Kräutern und Pflanzen,

schön geflochtenen und sehr dauerhaften Strohhüten (dreißig bis

vierzigtausend Stück per Jahr), die in ganz Südamerika von Männern und

Frauen getragen werden.

Ich kam unglücklicher Weise nach Guayaquil zur Regenzeit, die im Monat

December beginnt, bis halben April währt, und natürlich zur Reise in

das Innere die ungünstigste ist. Man sagte mir, die Wege seien so

schlecht, daß jeder Verkehr mit der Hauptstadt des Landes (Quito),

die Post ausgenommen, für diese Zeit unterbrochen werde. Der Postbote

selbst habe die größte Mühe durchzukommen und müsse oft auf Bäume

klettern und sich von einem zum andern an den Aesten fortschwingen, um

derart über die grundlosen Sümpfe zu gelangen. Ich dachte aber, daß

manches von der Beschreibung übertrieben sein möge; auch traute ich mir

noch so viel Kraft und Ausdauer zu, eben so gut fortkommen zu können,

wie der Postbote, und traf meine Anstalten zur Reise.

Wider meinen Willen war ich gezwungen, meine Reise drei Wochen

zu verzögern, da ich abermals einige Anfälle des abscheulichen

Sumatra-Fiebers hatte.

Während meines Aufenthalts zu Guayaquil wurde der Unabhängigkeits-Tag

(+6. März+) gefeiert. Vormittags fand in der Kirche ein Hochamt statt,

Abends eine Beleuchtung. Letztere war über alle Maßen erbärmlich, kaum,

daß hie und da ein Paar Kerzen an einem Fenster prangten. Am folgenden

Abend ward dasselbe Kinderspiel wiederholt. Zugleich mit diesem

Feste wurde die Sklaverei gänzlich aufgehoben, welche, vermöge eines

Vertrages bei der Unabhängigkeits-Erklärung, noch zehn Jahre länger,

nämlich bis 1864, hätte dauern sollen.

Am +22. März+ ging ich Abends 5 Uhr mit dem Postboten in einem kleinen

Boote nach dem Städtchen +Bodegas+ ab.

Man hatte mich zu überreden gesucht, einen Diener mitzunehmen,

besonders weil ich der Spanischen Sprache nicht mächtig sei, und weil

in den Gebirgen während der Regenzeit, wo jeder Verkehr unterbrochen

ist, die Tambos (Schenken) unbewohnt wären; die Leute gingen für diese

Zeit in die Niederungen, ich könnte daher weder einen Trunk Wasser,

noch Feuer oder sonst etwas bekommen. Trotz meinem Abscheu gegen solche

Diener ließ ich mich leider dazu bewegen -- die Folge zeigte, daß ich

auch dießmal Unrecht hatte, nachzugeben.

Bodegas liegt 15 Leguas stromaufwärts an dem Flusse Guaya. Wir hatten

eine häßliche Nacht: es war stockfinster und der Regen strömte

unausgesetzt auf uns herab.

+23. März.+ Nachmittags landeten wir an der Treppe des ersten Beamten

von Bodegas. Das ganze Städtchen steht während der Regenzeit so tief

unter Wasser, daß man in Booten von einem Hause zum andern fährt. Die

Häuser sind auf Pfähle gebaut.

Als ich die wenigen Stufen hinan stieg, hob ein Neger mein kleines

Gepäck aus dem Boote und trug es mir nach; ich hielt ihn für den Diener

des Hauses. Kaum hatte er es jedoch abgelegt, so verlangte er zwei

Realen[16] für diese unbedeutende Mühe. Der Beamte so wie mein Diener

hörten dieß unverschämte Begehren; allein weder der eine noch der

andere machten die geringste Einwendung: weil das Zahlen nur mich und

nicht sie anging, waren sie zu träge, den Mund zu öffnen. Ich erzähle

absichtlich dergleichen Prellereien und Betrügereien, um meinen Lesern

einen Begriff von diesem abscheulichen Volke zu geben, und zugleich zu

beweisen, daß ich Recht habe, wenn ich behaupte, mich als einzelne,

schutzlose Frau unter den Wilden überall besser befunden zu haben, als

unter Christen. Ueberall, wo ich hinkam, hieß es zwar in diesem Lande:

„~Pobrezita Sennorita~;“ dabei war man aber schon bedacht, wie man

dieser „armen Frau“ ihr bischen Geld abnehmen könnte.

So hatte ich z. B. einen Brief an einen Kaufmann in Bodegas, Herrn

+Verdesotto+. Dieser Mann kam zu mir, und seine erste Frage war, ob

ich einen Sattel habe. Als ich es verneinte, sagte er, ich müsse

durchaus einen solchen haben, da man mir keinen mit den Maulthieren

vermiethen werde; er besitze einen sehr guten, beinahe ganz neuen,

den er mit einer Unze bezahlt habe; aus Rücksicht der Empfehlung wolle

er ihn mir um die Hälfte überlassen. Als er sah, daß ich zu dem Handel

nicht geneigt war, erklärte er, mich ohne Sattel nicht fortlassen zu

können, und wollte mir denselben um acht Thaler geben. Ich bezahlte das

Geld, und er sandte mir einen Sattel, der so schlecht, zerrissen und

erbärmlich war, daß man ihn kaum mehr gebrauchen konnte[17]. Derselbe

ehrliche Mann wollte mich auch noch um einen halben Thaler mehr

betrügen. Er hatte für mich für den kommenden Tag ein Boot von hier

nach +Savanetta+ bestellt, sagte der Preis sei 2½ Thaler und verlangte

im voraus das Geld. Zufällig erfuhr ich von dem Beamten, bei welchem

ich wohnte, daß man nur zwei Thaler zu bezahlen habe; der Betrüger

mußte mir daher einen halben Thaler wiedergeben.

In dem Hause des Beamten aß ich zum ersten Male nach der Landessitte.

Das Mahl fing mit der Sopa an, einer Art Wassersuppe mit Fett,

Kartoffeln und vielem rothen Pfeffer, dann kamen kleine Stückchen

geröstetes Fleisch, Reis, geröstete Pisangs, und zum Schlusse Locro,

ein Mittelding zwischen Sauce und Suppe, aus kleinen Fleischstückchen,

Brod, Käse, ein Paar hart gekochten Eiern und rothem Pfeffer

bestehend. Als Nachtisch fungirte eine Süßigkeit unter dem allgemeinen

Namen Dulce (Früchte, zu einer Sulze in Zucker gekocht), ohne welche

der Reichste wie der Aermste (den Indianer ausgenommen) keine Mahlzeit

schließen kann; der Arme begnügt sich mit Syrup (Molasses); aber süß

muß die Mahlzeit enden.

Zum Schlafen wurde mir eine Hängematte angewiesen; glücklicher Weise

gab es keine Mosquitos, weshalb ich auch ohne Netz schlafen konnte.

Die Hängematten sind hier wie in Peru so beliebt und so im Gebrauche,

daß eher jedes Möbel, nur dieses nicht, fehlen darf. Den ganzen Tag

über wiegt sich alles in Hängematten, jeder Besucher trachtet einer

solchen habhaft zu werden. Mädchen und Frauen verrichten sogar die

Handarbeiten in schaukelnder Bewegung.

+24. März.+ Savanetta, 5 Leguas. Von dem Postboten hatten wir uns schon

gestern getrennt; dieser setzte seine Reise ohne Unterlaß fort.

Savanetta ist ein kleines, schmutziges Oertchen mit elend gebauten,

strohgedeckten Bambushütten. Aus seinem Aeußeren würde man auf größte

Armuth schließen; dessen ungeachtet soll sein Handel ziemlich bedeutend

sein. Es ist der Hauptstapelplatz der Lebensmittel und Waaren, welche

von und nach den Cordilleren gebracht werden. Die höher gelegenen

Gegenden liefern hauptsächlich Kartoffeln, Butter, Käse, Schweinefett,

Eier, Geflügel; auch die meisten Säcke zur Verpackung der Cacaobohnen

werden in den Gebirgen verfertigt. Alles wird hier in kleine Boote oder

auf Thiere geladen, erstere gehen auf dem Savanetta-Flusse nach dem

Guaya, auf diesem nach Guayaquil, letztere mit Salz, Zucker, Kaffee und

anderen Waaren nach Quito und anderen Gegenden.

Mädchen und Frauen sahen durch die Nachlässigkeit in der Kleidung

ekelhaft aus. Sie tragen Kleider nach Französischem Schnitt, sind

aber zu bequem, sich in die engen Leiber derselben zu pressen. Sie

lassen sie lose herab fallen; eben so luftig hängt das Hemd über die

Achseln. Die Leute kamen mir wie Megären vor. Die Negerinnen bedienen

sich derselben Tracht, nie aber sah ich sie an einer Indianerin.

Letztere tragen gefärbte wollene Röcke und ein drei Ellen langes, eine

Elle breites Stück Wollenstoff, das sie gleich einem Shawl über den

Obertheil des Körpers schlagen.

In der trockenen Jahreszeit macht man die Reise schon von Bodegas aus

zu Lande; in der jetzigen aber ging es noch eine Legua über Savanetta

hinaus zu Boot. Doch mußte ich hier Maulthiere miethen. Bei dieser

Gelegenheit zeigte es sich, daß mich mein Diener betrogen hatte. Ich

nahm ihn nach Quito, wohin er ohnedieß zu gehen hatte, unter der

Bedingung mit, daß ich nur ein Maulthier für ihn, aber keins für sein

Gepäck zu bezahlen habe. Als ich bei der Abreise von Guayaquil in dem

Boote vieles Gepäck sah, sagte er, es gehöre nicht ihm; der Bootführer

habe es da- oder dorthin zu bringen. Hier erwies es sich, daß es dem

Schurken, meinem Diener gehörte, der nach Quito ging, um zu handeln. Er

mußte für sein Gepäck ein Thier miethen, dessen Zahlung natürlich bei

der meinigen eingerechnet wurde. Zum Glück kam die Reise doch nicht so

hoch zu stehen, als ich dachte; der Preis per Maulthier bis Quito (62

Leguas) betrug nur zehn Thaler.

Die Nacht in Savanetta gehörte zu den schlechtesten, obwohl ich nicht

ohne Empfehlungsbrief gekommen war. Ich fing schon früh an, einen

geringen Begriff von der Gastfreundschaft dieses Landes zu bekommen.

Sie steht bei weitem nicht auf dem Höhepunkt, auf welchem ich sie unter

den Arabern, Beduinen oder den wilden Völkern Borneo’s und anderer

Länder gefunden habe. In Bodegas betrog mich der eine, an den ich einen

Brief hatte, mit dem Sattel, der andere, bei dem ich wohnte, wies mir

eine Hängematte zum Schlafen an, während die Uebrigen vom Hause in

Betten unter Mosquito-Netzen schliefen, und ließ mich Morgens, obwohl

es schon gegen 9 Uhr war, ohne Imbiß aus seinem Hause ziehen. Hier

mußte ich in eine Garküche gehen, um meinen Hunger zu stillen, und

Nachts auf dem Boden schlafen, in einem Gemache mit vielen Leuten, die

rund um mich ihre Mosquito-Netze aufzogen. Mir gab man keins, obwohl es

hier ganze Schwärme dieser abscheulichen Thiere gab.

+25. März.+ +Playas+, 4 Leguas. Erst um 9 Uhr kamen wir fort. Die

erste Legua machten wir in einem kleinen Kahne, der von den Leuten

mehr fortgestoßen und gezogen, als gerudert wurde. Dann ward meine

Geduld noch eine ganze Stunde auf die Probe gestellt, bis die Thiere

erschienen. Die Umgebung glich einem Sumpfe, wir setzten uns auf

abgehauene Baumstämme und erwarteten so die Maulesel. Die ferneren

drei Leguas waren zwar sehr schlecht: es ging beständig durch Morast

und Wasser, allein der Beschreibung nach hatte ich es mir noch ärger

vorgestellt. Eine große Entschädigung für den schlechten Weg bot mir

der Anblick der schönen Waldungen, durch die wir ritten. Obgleich

die Bäume weder sehr hoch noch sehr umfangreich waren, fand ich hier

doch eine so reiche, herrliche Vegetation, eine solche Fülle der

schönsten, mannigfaltigsten Flora, wie sie mir auf allen meinen Reisen

nur in Brasilien vorgekommen ist. Wenn die Sonne nur einigermaßen

durch das Gewölk drang, schwärmte sogleich eine große Anzahl der

verschiedenartigsten, buntgefärbtesten Schmetterlinge und Libellen

umher, sich scherzend verfolgend oder auf den Blumen wiegend. Einige

dieser holden Schwärmer fielen mir zur Beute; wie ein tüchtiger Jäger

nie ohne Gewehr, war ich nie ohne Schmetterlingsnetz, und da das Reiten

sehr langsam ging, konnte ich, auf dem Maulthiere sitzend, gar manchen

Gefangenen machen.

In Playas betrat ich zum ersten Male einen Tambo, d. h. eine Art

Schenke, meistens eine erbärmliche Hütte, gerade groß genug, den

Eigenthümer sammt Familie nebst einigen Gästen gegen das Unwetter zu

schützen. In derlei Schenken findet der Arriero (Eseltreiber) ein Glas

Branntwein, die Thiere Klee, der Reisende, wenn es gut geht, eine

Portion Sopa. Wir waren nicht so glücklich. Die Bewohner hatten keine

Reisenden erwartet und so wenig gekocht, daß sie uns nichts überlassen

konnten. Ein zweites Mal ihre Kochkunst zu entfalten, dazu waren sie

viel zu faul. Ich hatte Käse und Brod bei mir, an Wasser fehlte es

nicht, und ich gab mich daher zufrieden. Für die Nacht mußte ich mit

der offenen Veranda vorlieb nehmen, die das Wohngemach umgab.

+26. März.+ +Jorje+, 6 Leguas. Heute erhielt ich schon einen

richtigeren Begriff von den hiesigen Wegen in der Regenzeit, und

fand es sehr natürlich, daß niemand reist, wenn nicht das wichtigste

Geschäft ruft. Wir hatten viel bergauf zu steigen, das Erdreich war

weich und lehmig, die Thiere glitten vor- und rückwärts aus, sanken

von einem Loch in’s andere, von Pfütze in Pfütze; es galt noch als

ein Glück, wenn Löcher und Pfützen nicht grundlos waren, und die

Thiere sich herausarbeiten konnten; aber oft versanken sie so tief,

daß man absteigen und ihnen die Lasten abnehmen mußte. Gerade an den

schlechtesten Stellen hieß es: zu Fuße gehen. Ich kam kaum vorwärts,

glitt und fiel fast bei jedem Schritte. Zwar rief ich meinen Diener;

aber weil ich nur eine Frau war und seine Maulthiere leider schon

bezahlt hatte, ging er ruhig seines Weges und überließ mich meinem

Schicksale. Einer der Arrieros, ein Indianer, nahm sich meiner an,

zog mich aus den Pfützen und half mir fort. Wir hatten zu einer Legua

durchschnittlich zwei starke Stunden nöthig. Auch mehrere Gießbäche

warfen sich über den Weg; sie waren jetzt tief und reißend, mitunter

höchst gefährlich; im Sommer soll von den meisten das Flußbett kaum

benetzt sein.

Die Gegend war schön: man hatte herrliche Ueberblicke üppiger

Gebirgsthäler, von Hügeln durchzogen und von den ersten Ketten der

Cordilleren umschlossen.

In dem Tambo zu Jorje fand ich ausnahmsweise ein gedieltes Zimmer

zum Schlafen und eine Sopa. Alles war zwar ekelhaft und schmutzig;

aber das muß man in diesen Ländern nicht so genau nehmen, und dem

Himmel danken, wenn man ein Obdach und ein dampfendes Gericht findet,

besonders in solcher Jahreszeit, wo die Tambos häufig geschlossen oder

die Leute auf den Besuch der Reisenden nicht vorbereitet sind.

Wir waren diesen Tag so unvorsichtig gewesen, unserem Arriero voraus zu

reiten; zur Strafe hatte ich für die Nacht nichts von meinem Gepäcke,

nicht einmal meine wollene Decke; ich vermochte kaum zu schlafen vor

Kälte, die hier Nachts schon sehr empfindlich ist. Die beladenen Thiere

konnten der gräßlichen Wege halber nicht bis Jorje gelangen.

+27. März.+ +Bogia+, 2 Leguas. Diesen Morgen kamen wir erst nach 9

Uhr fort, da wir unsere Thiere erwarten mußten. Die Wege waren heute

noch schrecklicher als gestern; wir hatten den sehr bedeutenden Berg

+Angos+ zu ersteigen. Glücklicher Weise trafen wir zu Jorje einen Zug

leer gehender Thiere, die demselben Eigenthümer gehörten, von welchem

wir die unseren gemiethet hatten. Das Gepäck wurde abgetheilt und den

leeren Thieren aufgebürdet. Trotz dieser Abhilfe verzweifelten die

Leute beinahe, an einigen Stellen durchzukommen. Nachdem wir die Hälfte

des Berges erstiegen hatten, wozu wir sieben Stunden benöthigten, wurde

beschlossen, in dem ersten besten Tambo einzukehren, weil weder wir

noch die Thiere weiter konnten.

Ich kam so durchaus beschmutzt an, daß ich aussah, als hätte ich

ein Schlammbad genommen. Die Schuhe nebst dem Regenmantel gab ich

meinem Diener, sie zu reinigen; allein er ließ sie liegen und that

mir durchaus keine Dienste. Es war gerade, als hätte ich ihn nur

mitgenommen, um das Vergnügen zu haben, seine Maulthiere und seine Kost

zu bezahlen. Ich mußte Schuhe und Mantel selbst waschen, und konnte mir

sogar das hierzu nöthige Wasser nur mit Mühe verschaffen, denn obwohl

in diesen Gegenden überall der größte Ueberfluß an Holz und Wasser ist,

findet man davon in den Hütten doch keine Vorräthe. Die Trägheit der

Leute geht so weit, daß sie nicht einmal hinein schaffen, was vor der

Thüre liegt. Das Wasser holen sie in Töpfen, die kaum zwei Flaschen

enthalten; ein größeres Gefäß zu tragen, wäre schon eine viel zu

beschwerliche Arbeit. Zum Waschen der Hände und des Gesichts erhält man

höchstens eine kleine Tasse voll. Ich sah nicht selten die Kartoffeln

in dem Wasser waschen, in welchem die Leute erst sich selbst, dann

das Kochgeschirr gereinigt hatten. Eben so sparsam wird mit dem Holze

umgegangen. An ein Trocknen der durchnäßten Kleidung ist nicht zu

denken, da kaum so viel Feuer vorhanden ist, um die Sopa zu kochen.

Der Tambo Bogia war einer der schlechtesten. Die Hütte hatte kaum

Raum für die Familie und die Feuerstelle. Ich mußte mein Quartier vor

der Hütte auf einer hölzernen Bank aufschlagen. Gewöhnlich springt

das Dach so weit vor, daß man gegen den Regen geschützt ist, was wir

wahrhaftig sehr nöthig hatten, denn Regen war auf dieser Reise unser

steter Begleiter. Selten zerstoben die schweren Wolken auf Augenblicke

und ließen uns die wundervollen Naturschönheiten gewahren. Welch’

entzückende Gebirgswelt! Welche Massen von Bergen und Bergketten. Die

niedlichsten, üppigsten Thäler lagerten dazwischen, oft tief, tief

unter uns. Das Geräusch der tosenden Wildbäche schlug nicht einmal

an unser Ohr, wir sahen nur den Lichtstreifen in der Tiefe, gleich

einem Silberfaden. Was für einen hinreißenden Zauber muß diese Reise

in schöner Jahreszeit entfalten! Entschädigten mich doch jetzt die

seltenen Momente der Anschauung überreich für die unzähligen Mühen und

Leiden. --

Diese Nacht um 11 Uhr fühlte ich vier gleichmäßige Erdstöße von Süden

nach Norden; sie folgten ziemlich rasch auf einander; kaum hatte ich

Zeit, zur Ueberzeugung zu gelangen, daß es ein Erdbeben sei. Ich

sprang von meinem Lager auf -- in demselben Augenblicke stürzten die

Einwohner unter dem Rufe „~Misericordia!~“ aus der Hütte und warfen

sich auf die Kniee.

Nach überstandener Gefahr sagten sie mir, daß dieses Erdbeben wie

zwei andere, die sie kürzlich verspürten, von dem Vulkane +Cotopaxi+

herrühre, welcher gegenwärtig so thätig sei, wie er es seit 57 Jahren

nicht gewesen.

+28. März.+ +Tamboco+, 6 Leguas. Lange ging es noch den Angos hinauf

-- wir hatten heute wie gestern zu steigen. Einen Theil des Weges

nannte man „+Camino real+.“ Ein ähnlich schlechter, unausgesetzt

halsbrecherischer Weg wie dieser ist mir nirgends vorgekommen. Ich

stieg oft von meinem Thiere ab, und mußte, um nicht fortwährend

zu gleiten, gleich den Indianern mit bloßen Füßen gehen -- eine

unangenehme Aufgabe, da es beständig regnete und kalt war. Besonders

eisig waren die Gebirgswässer, die sich respektlos über den

„königlichen Weg“ ergossen.

Statt schöner Aussichten umhüllten uns Nebel und Wolken. Bald senkten

sie sich in dichten Massen auf uns nieder, daß wir kaum dreißig

Schritt weit sehen konnten, bald ließen sie die Höhen etwas freier,

verdeckten dagegen die Tiefe unter uns. Zuweilen zerriß wohl auch das

graue Leichentuch, und wie durch Fensterchen sahen wir dann auf die

blühenden, in der Sonne erglänzenden Landschaften. Besonders reizend

war dieses Bild durch den auffallend bezeichneten Uebergang der

Vegetation von der tropischen Zone in die gemäßigte; hier wucherten die

Palme, der Kaffee- und Cacaobaum, die Banane, das saftige Zuckerrohr,

etwas höher hinauf erinnerten mich die mit Getreide, Kartoffeln,

Feldbohnen, Klee[18] bepflanzten Felder an meine Heimath.

Wenn man so schöne, reiche Gegenden sieht, sollte man meinen, die

Bewohner müßten damit übereinstimmen -- leider ist dieß hier weniger

der Fall als irgendwo. Die erbärmlichen Hütten des Volkes sind von

Strauchwerk geflochten, mit Erde überworfen; keine Oeffnung außer dem

Eingange verbreitet Licht über die grenzenlose innere Dürftigkeit. Da

gibt es weder Betten noch Hausgeräth, noch Kisten und Körbe, da die

Leute nichts zu bewahren haben. Sie schlafen entweder auf dem nackten

Erdboden oder höchstens auf einem Bambus-Gestelle mit einer Strohmatte

überlegt, in den einzigen Kleidungsstücken, die sie besitzen, und die

sie so lange tragen, bis sie als Lumpen vom Körper fallen. So dürftig

wie ihre Wohnung und Kleidung ist ihre Nahrung. Sie leben durchgehends

schlecht, die Indianer beinahe ausschließend nur von Gerste, die sie

ein wenig rösten und zu Pulver stoßen. Dieses Mehl essen sie für

gewöhnlich ohne alle Beimischung in trockenem Zustande, oder sie rühren

es mit Wasser ab und trinken es. Wenn sie auf einige Zeit vom Hause

gehen, nehmen sie nichts mit als solches Mehl in einem ledernen Sacke.

Auch der wohlhabende Alt-Spanier genießt es zuweilen, mischt dann aber

gewöhnlich etwas Zucker bei, wodurch es einen ziemlich guten Geschmack

erhält. Auf langen Reisen nimmt er es gleichfalls mit, und mischt dann

nebst Zucker zerriebenen Cacao und Zimmet bei. Auf diese Art bereitet,

ist es nicht nur ein sehr schmackhaftes, sondern auch ein sehr gesundes

und nahrhaftes Gericht. Man braucht wenig Raum, um es mitzuführen und

weder Feuer noch Topf zum Kochen. Der Soldat auf Märschen hat selten

eine andere Nahrung als Gerstenmehl.

Daß die Indianer die Parias dieses Landes sind, ist leicht

begreiflich; aber selbst bei den Alt-Spanischen Bauern, ja sogar

bei den Hazienda-Besitzern sieht man selten äußerlich anscheinende

Wohlhabenheit. Und doch stehen sich viele, z. B. die Eigenthümer von

Tambos, gewiß nicht so schlecht, um in einem so elenden Zustande zu

leben. Sie lassen sich ihre Sopa, ihren Klee verhältnißmäßig sehr

gut bezahlen. Sie begehren für ein paar Löffel dieser erbärmlichen

Wassersuppe, die nichts als einige Kartoffeln und etwas rothen

Pfeffer enthält, einen Medio[19], eben so viel für die Fütterung eines

Maulthieres. Im Sommer nehmen sie des Tages oft mehrere Thaler ein,

ohne Ausgaben zu haben, denn jeder Wirth ist zugleich der Erzeuger der

Produkte, die er verkauft.

Diesen Nachmittag stieß ein kleiner Trupp von acht Llamas zu uns. Ich

fühlte mich ganz glücklich, diese lieben Thiere mit ihren schlanken

Hälsen, ihrer stolzen Haltung, ihren sanften Augen um mich zu sehen.

Ich schreibe meine Vorliebe für die Llamas der Geschichte Robinson

Crusoe’s zu, die ich als Kind gelesen. In Verbindung mit dieser

Geschichte kehrten bei dem Anblicke dieser Thiere die Erinnerungen

meiner frühen Jugend in mein Gedächtniß zurück.

Der Tambo zu Tamboco war im Vergleich zu dem vorigen ein Palast. Er

war aus ungebrannten Ziegeln erbaut und bestand aus einem großen

Gemache mit einem halben Dutzend hölzerner Schragen zum Schlafen. Ein

Theil des Gemaches diente zwar zur Bewahrung der Feldgeräthschaften,

und das ganze war voll Schmutz und Unrath; doch war man vor Wind und

Wetter wohl geschützt und nicht gezwungen, mit den Tambo-Besitzern in

Gemeinschaft zu leben.

Eine sonderbare Sitte herrscht in diesem Lande. In den Tambos, wo man

übernachtet und Abends etwas genießt, muß man sogleich bezahlen, da

der Wirth dem Gaste nicht bis zur Abreise traut, obgleich er dessen

Thier nebst der Ladung unter seinen Händen hat, ein Beweis, welche hohe

Meinung die Leute selbst von einander haben.

+29. März.+ +Guaranda+, 5 Leguas. Heute gab es nur hie und da schlechte

Stellen; der größte Theil des Weges war ziemlich gut. Wir waren nun der

schönen Gebirgskette, deren Haupt der Chimborazo ist, schon ganz nahe;

allein Nebel und Wolken hielten uns den edlen Ahnherrn sammt seiner

riesigen Verwandtschaft gänzlich verborgen. Wir mußten uns mit dem

Anblicke der nahen Thäler begnügen, deren Hügelreihen mit den üppigsten

Pflanzungen prangten.

Der Pueblo (Markt, Dorf) Guaranda liegt in einem schönen, beinahe

zirkelrunden Thale, am Fuße des Chimborazo. Ich stieg hier bei einem

ziemlich wohlhabenden Hazienda-Besitzer ab und wurde freundlich

aufgenommen.

Ich kam gerade zu einer kleinen Feierlichkeit zurecht; es wurde ein

acht Monate altes Kind reicher Leute begraben. Da in kleinen Orten

alles Aufsehen erregt und das Volk erscheinen macht, besonders in

einem Lande wie dieses, wo die Leute an Arbeiten nicht gewöhnt sind

und daher Zeit genug haben, so sah ich bei dieser Gelegenheit die

schöne und unschöne Welt vereint. Das Kindchen saß in einer Art kleiner

Loge, die mit weißem Musselin drapirt, mit Gold- und Silberfransen und

Blumen verziert war, und mittelst Stangen getragen wurde. Der Kopf des

Kindes war durch eine Schlinge um den Hals an den oberen Theil der Loge

befestigt, aber so lose, daß er hin und her schwankte. Dieß machte

einen abscheulichen Eindruck, denn es sah aus, als wäre das Kindchen

aufgehangen. Dem Zuge folgte Musik, aus zwei Violinen und einer

Harfe bestehend, welch’ letztere auf den Rücken zweier Jungen ruhte.

Der Spieler riß von Zeit zu Zeit einen jämmerlich klingenden Accord

herunter. Auf dem Friedhofe wurde das Kind in einen kleinen Sarg gelegt.

Die Leute sahen hier schon viel blühender aus als in der heißen Gegend

von Guayaquil. Die Kinder besonders waren mit ihren rothen Backen, den

großen, feurigen Augen gar hübsch anzusehen. Auch an schönen Frauen

und Mädchen gab es keinen Mangel, besonders unter der wohlhabenden

Klasse. Die reinen Indianer sind gerade nicht hübsch, doch auch nicht

unangenehm. Der Kopf ist ein klein wenig zusammen geschoben, der Körper

gedrungen, die Augen bei vielen etwas schmal geschlitzt (doch haben

sie mitunter auch schöne Augen), die Nase etwas breit, aber bei weitem

nicht so gequetscht, wie bei den Malaien. Auch der Mund ist nicht gar

so groß und häßlich wie der Malaische, die Zahnkiefer sind gut geformt,

die Zähne glänzend weiß. Ihre Hautfarbe ist schmutzig bräunlich-gelb.

Am meisten entstellt sie das Haar, welches in größter Unordnung um das

Gesicht flattert; hätten sie es besser geordnet, so würden sie sich im

ganzen nicht übel ausnehmen.

Die Kleidung der Alt-Spanier, desgleichen der Indianer, ist wie in

Peru. Die Frauen und Mädchen tragen hier Umschlagetücher, die zugleich

den Kopf und das halbe Gesicht verbergen. Sogar zu Hause lieben sie

es, ihren höchst nachlässigen Anzug mit solch einem Tuche zu bedecken.

Sie sind beständig so eingewickelt, daß sie kaum die Hände gebrauchen

können. Freilich haben sie dieß auch nicht nöthig, denn arbeiten ist

nicht ihre Leidenschaft. Ich sah bei Familien, in welchen es drei bis

vier erwachsene Töchter gab, Kleider und Wäsche in dem elendesten

Zustande, die Kinder in Lumpen herum laufen, mit nackten Füßen oder

ganz zerrissenen Schuhen; man hätte sie für Bettelkinder halten

können. Dergleichen beleidigt das Auge der Leute nicht, weder Mütter

noch Töchter gewahrte ich je beschäftigt, zerrissene Wäsche oder

Kleidungsstücke auszubessern; dagegen ist das Hemd oft oben und unten

mühsam ausgenäht und gestickt, welche nutzlose Arbeit sich bis auf die

Polsterüberzüge, ja bis auf die Handtücher erstreckt.

In Guaranda war ich genöthigt, die Thiere zu wechseln. Man muß sich nie

bereden lassen, dieselben Thiere von Savanetta bis Quito zu behalten,

außer man ruht hie und da einen Tag aus, denn mit abgematteten Thieren

ist es nicht möglich, den Uebergang über den Chimborazo zu machen.

+30. März.+ Der heutige Tag gehörte unter die besonders merkwürdigen

meines Lebens; ich überstieg die Riesenkette der Cordilleren oder

+Anden+ an einem der interessantesten Punkte, dem Chimborazo. Zur

Zeit, als ich jung war, galt dieser Berg für den höchsten der Welt

(21,000 Fuß); seit man aber die Spitzen des Himalaja-Gebirges in Asien

gemessen, ist er in die zweite Klasse getreten.

Wir brachen sehr zeitlich auf, da wir elf Leguas auf theilweise

schrecklichen Wegen, beinahe unausgesetzt bergan, zu machen hatten. Vor

diesen elf Leguas gab es kein Obdach für die Nacht.

Zu Anfang war der Weg wirklich fürchterlich, ich sah mich abermals

genöthigt, auf den schlechtesten Parthien vom Maulthier zu steigen

und zu Fuß zu gehen, was mir um so beschwerlicher fiel, als die

kalte Gebirgsluft sehr auf meine Brust wirkte. Ich fühlte große

Beängstigungen, Athemlosigkeit und Zittern am Körper -- ich fürchtete

jeden Augenblick, hinzusinken; allein es hieß: Vorwärts, und nur mit

der größten Mühe schleppte ich mich fort durch Koth und Schlamm, durch

Gießbäche, Löcher, Sümpfe und über Gestein. Wenn ich mich schon auf der

Höhe befunden hätte, würde ich mein Uebelbefinden der zu feinen Luft

zugeschrieben haben, die bei vielen dieselbe Erscheinung bewirkt. Man

nennt dieses Uebel „Veta.“ Es währt bei manchen nur einige Tage, bei

anderen, wenn sie auf den Höhen verbleiben, wohl auch einige Wochen.

Nach den ersten zwei Leguas fing der Weg an, mehr felsig und steinig

zu werden; ich konnte dann wenigstens auf meinem Thiere sitzen

bleiben. Wir hatten fortwährend Regengüsse, Schauer, sogar einen

kurzen Schneefall. Der Schnee löste sich sogleich auf, als er die Erde

berührte; nur an sehr wenig Stellen blieb er liegen; ich kann daher

doch sagen, daß ich über Schnee ging. Die Wolken und Nebel lüfteten

sich leider kein einziges Mal; ich bekam die Kuppe des Chimborazo nicht

zu sehen, ein Unglück, das mir noch ungleich empfindlicher war, als

mein körperliches Leiden.

Bis auf den höchsten Punkt des Ueberganges rechnet man von Guaranda

sechs Leguas. Der Rücken des Berges bildet da eine kleine Ebene von ein

paar hundert Schritten, die von allen Seiten abfällt, die Nordseite

ausgenommen, auf welcher die Kuppe des Chimborazo beinahe senkrecht

emporsteigt.

Auf dieser kleinen Hochebene ist ein Haufen Steine zusammengeworfen,

nach einigen als Zeichen, daß man hier den Höhenpunkt des Ueberganges

erreicht habe, nach andern als Denkmal eines Mordes, der hier im

vorigen Jahre an einem Engländer verübt wurde. Dieser Mann ging von

einem Arriero allein begleitet über die Cordilleren. Wahrscheinlich

wäre ihm nichts widerfahren, hätte er nicht die Unvorsichtigkeit

gehabt, bei jeder Gelegenheit, wo es etwas zu zahlen gab, seine mit

Gold wohlgefüllte Börse sehen zu lassen. Diesem Schimmer konnte der

Führer nicht widerstehen, und als er sich mit dem Krösus in dieser

verlassenen Gegend allein sah, schlug er ihn von rückwärts mit einem

großen, in ein Tuch gewickelten Stein (gewöhnliche Art des Todtschlags

hier zu Lande) auf’s Haupt. Die Leiche verbarg er im Schnee. That und

Thäter wurden jedoch bald entdeckt, letzterer durch das Gold, von

welchem er einige Stücke wechseln ließ.

Ich stieg, obwohl im höchsten Grade ermüdet, von meinem Thiere ab,

trug einen Stein herbei und fügte ihn dem Denkmale hinzu; ich dachte:

der Stein wird noch da ruhen, wenn meine Gebeine schon längst in Staub

verwandelt sind. Dann kletterte ich an der Westseite des Berges hinab,

bis ich Wasser fand, füllte damit meinen Becher, trank einige Mund

voll, eilte mit dem Rest auf die Ostseite und goß ihn in das erste

Bächlein. Dasselbe that ich mit einem Becher Wasser von der Ostseite

des Berges. Ich hatte in den Reisen des Herrn +v. Tschudi+ gelesen, daß

er dieß auf der Wasserscheide bei +Passeo de serro+ auf den Cordilleren

gethan habe. Der Gedanke, daß ein Becher Wasser, der nach dem stillen

Meere fließen sollte, auf diese Art nach dem atlantischen Ocean floß,

und so umgekehrt, machte ihm Vergnügen und gefiel auch mir so gut, daß

ich ihn gleichfalls in Ausführung brachte[20].

Die Höhe des Ueberganges konnte ich nicht mit Bestimmtheit erfahren;

die einen gaben 14,000, die andern 16,000 Fuß an. Ich möchte sie auf

nicht ganz 15,000 schätzen. Die Schneelinie wird unter dem Aequator

auf 15,000 Fuß gerechnet. Wir kamen über kein eigentliches Schneefeld,

hätten jedoch, um zur ewigen Schneelinie zu gelangen, höchstens noch

zwei- bis dreihundert Fuß zu steigen gehabt; sie lag ganz nahe an

unserer Seite. Der Thermometer stand auf Null (Réaumur).

Die Vegetation hört nur auf dieser kleinen Hochebene gänzlich auf.

Bis drei Leguas von Guaranda findet man Feldbau, dann folgen magere

Waldungen mit vielen schönen Blumen. Farrenbäume, wie auf den Höhen

von Sumatra oder Java, fand ich nirgends; das höchste Farrenkraut maß

hier nur drei Fuß. Dagegen rankten sich noch sehr verkrüppelte, dünne

Bäumchen bis zu einer Höhe von 14,000 Fuß, aber nur auf der Westseite;

auf der Ostseite zeigte sich lange kein Baum. Die Bäumchen hatten ein

merkwürdiges Aussehen: sie waren beinahe von Rinde ganz entblößt und

trugen gar kein Moos.

Auf der kleinen Hochebene des Chimborazo herrschen häufig rauhe, sehr

heftige Winde, die dem Reisenden Sand und Steinchen in großer Menge in

das Gesicht werfen. Man bindet deshalb gewöhnlich eine seidene Maske

vor, die an den Augenstellen mit Gläsern versehen ist. In den Monaten

August und September ist der Uebergang mitunter sogar lebensgefährlich:

plötzliche Winde kommen nicht selten mit solcher Kraft, daß sie die

Maulthiere sammt der Last in die Luft führen und weit vom Platze erst

wieder zur Erde setzen.

Von dieser Hochebene bis zur Nachtstation +Chacquiporgo+, einem

einzelnen, elenden Hause, rechnet man noch fünf Leguas. Die Wege waren

nun gut, es ging zeitweise sachte nach abwärts oder über Hügelland;

allein der beständige Regen, die kalten Winde machten diesen Ritt im

höchsten Grade unangenehm. In meinem Leben kam ich nie so gänzlich

erschöpft an, wie diesen Abend. Ich litt sehr von Brustbeschwerden,

dabei klapperten mir die Zähne vor Kälte, ich war so steif und starr,

daß ich mich nur mit Mühe von meinem Maulthiere bis zur Schlafstelle

schleppen konnte. Obgleich von Koth und Schmutz ganz bedeckt, Gesicht

und Hände nicht ausgenommen, fühlte ich mich unfähig, mir selbst Wasser

zu holen, mein Diener brachte mir keins, ich sank hin auf die hölzerne

Lagerstätte und hüllte mich in meinen Mantel. Doch fand ich wenig

Erholung, die Brustbeschwerden zwangen mich oft, aufzusitzen. Erst

nach einigen Stunden war ich im Stande, einige Bissen Brot und Käse

zu mir zu nehmen. Ich erhielt nichts Warmes, weder zu essen noch zu

trinken; auch Morgens mußte ich ohne warmen Imbiß weiter ziehen. In der

Winterszeit hält sich kein Wirth hier auf, denn es reist Niemand.

Das Haus +Chacquiporgo+ auf dem Chimborazo ist das einzige Gebäude,

welches zwischen Guayaquil und Quito von der Regierung für Reisende

errichtet ist. Es besteht aus zwei Gemächern mit einigen hölzernen

Schlafstellen und Bänken und einem großen Raume für die Arrieros. In

keinem Lande der Welt, von allen, die ich bisher bereiste, sah ich so

wenig, oder, besser gesagt, nichts für Reisende gethan, wie in diesem.

Die Tambos sind so über alle Maßen klein und unsauber, daß man sie

für Schweineställe und nicht für menschliche Wohnungen halten möchte.

Der Reisende findet darin nichts weiter, als ein Obdach gegen Regen

und Sturm und, wenn es gut geht, zum Imbiß die elende Sopa. Dem armen

Arriero ist in den Tambos nicht einmal ein Plätzchen gegönnt; er kann

von Glück sagen, wenn er neben dem Tambo ein Dach findet, das auf vier

Pfählen ohne Seitenwände ruht. Sein Loos ist wirklich bedauernswerth.

Den ganzen Tag muß er auf den schrecklichsten Wegen neben seinen

Thieren herlaufen; kommt er Abends an, und hat er die Thiere abgeladen,

so muß er fort, das Futter für sie zu schneiden (der Wirth thut dieß

nicht; nur in Ortschaften, wo die Kleefelder entfernter sind, findet

man den Klee in gebundenen Büscheln). Hat er sein Tagwerk vollbracht,

so kann er sich auf die nasse Erde hinstrecken, mit seinem zerrissenen

Poncho bedecken und seinen Hunger mit Gerstenmehl stillen.

Nicht minder bemitleidete ich die armen Lastthiere. Man nennt Lima

„die Hölle der Esel;“ man kann diesen Namen auf ganz Peru und Ecuador

ausdehnen, und nicht nur auf die Esel allein, sondern auch in Bezug auf

Maulthiere, Pferde und Arrieros anwenden.

Man beladet hier z. B. ein Maulthier, ein Pferd mit acht bis zehn

Arobas (eine Aroba = 25 Pfund), einen Esel mit vier bis sechs. Die

Ladung muß hinauf, die Thiere mögen auf Rücken und Seiten ganz wund

sein, das kümmert nicht. Eines Tages empfand ich während des Reitens

einen beständigen, starken, unangenehmen Geruch; als ich Abends

abgestiegen war, fand ich mein Kleid voll Blut, das von einer Wunde

meines armen Thieres herrührte. Ich sah mehrmals auf schlechten Wegen

zwei Personen auf einem Pferde oder Maulthiere, auch wohl auf einem

Esel sitzen.

Wie ganz anders sorgt der Türke, der Perser, der Hindu, ja sogar der

Kannibale auf Sumatra (der Battaker) für Reisende und Thiere. In den

Karavansereien der Türken und Perser, in den Serai’s der Hindu findet

der Reisende ein Kämmerchen für sich, der Treiber ein gleiches mit

seinen Gefährten, die Thiere einen gedeckten Stall; der Battaker

hat in jedem Dorfe Hütten (Soppo) für die Reisenden errichtet. Und

diese Hütten sind ohne Unterschied dem Eingebornen wie dem Fremdlinge

geöffnet, ohne daß er dafür etwas zu bezahlen hat. Wie höchst nöthig

wären nicht dergleichen menschenfreundliche Anstalten zwischen

Guayaquil und Quito, einer Straße, die von vielen Reisenden begangen

wird, auf welcher im Sommer täglich große Züge von Lastthieren

verkehren! Und mit wie geringen Kosten könnten mehrere hölzerne Häuser

aufgeführt werden, in einem Lande, wie dieses, wo es nirgends an

Baumaterial fehlt.

+31. März.+ +Ambato+, 8 Leguas. Schon gestern fiel mir der merkwürdig

grelle Unterschied zwischen der Ost- und Westseite der Cordilleren auf.

Auf der Westseite ist das gebirgige Element vorherrschend, mit Klüften

und Pässen und meistens schmalen Thälern, die wie zwischen die Berge

eingeschoben erscheinen; dabei die üppigste Vegetation, Ebenen und

Höhen mit den schönsten Waldungen, und die Berge selbst in bedeutender

Höhe mit üppigen Feldern bedeckt. -- Ganz anders ist es auf der

Ostseite; Berge und Hügel werden von großen Hochebenen zurückgedrängt,

die wegen ihrer geringen Vegetation das Auge durch ihre Einförmigkeit

ermüden. Die schönen Wälder verschwinden, die Blumen sind seltener, und

Haidegras, das jedes Thier verschmäht, bedeckt große Strecken. Drei

Leguas von dem Uebergangspunkte entfernt, sah ich wohl schon wieder in

den Tiefen hie und da kleine Viehheerden weiden; den ersten Anbau fand

ich aber erst sieben Leguas hinter dem Uebergangspunkte. Eine Strecke

von neun bis zehn Leguas ist daher unangebautes Land, von welchem

jedoch gewiß ein großer Theil urbar gemacht werden könnte, wäre die

Bevölkerung nicht so geringe.

Wir ritten heute viel zwischen Alleen von Kaktus und Aloe. Die Kaktus

wachsen hier zu einer Höhe von acht bis zehn Fuß; die Aloes glichen

jenen, die ich um Neapel gesehen habe; der Blüthenstamm schoß aus der

Mitte der Blätter zu einer Höhe von einigen zwanzig Fuß.

Die Hochebene von Ambato gehört zu den schönen; sie ist von dem

Chimborazo, dem +Tungaragua+ und andern majestätischen Bergen

eingefaßt. Die Temperatur ist hier schon wieder so mild, daß die Banane

und andere südliche Früchte vorkommen.

Das Städtchen Ambato liegt in einem Kessel dieser Hochebene und

gewährt, von der Höhe gesehen, mit seinen Gärten und Fruchtbäumen,

die es von allen Seiten umsäumen und durchschneiden, einen wahrhaft

überraschenden Anblick. Ich hielt mein Thier mehrmals an und

betrachtete mit Vergnügen das liebliche Bild. Das Städtchen ist

ungemein ausgedehnt, die Häuser sind jedoch über alle Beschreibung

erbärmlich und klein, da die meisten gar keine Fenster und nur eine

Thür haben; erst gegen den Platz zu gestaltet sich das Ganze ein wenig

besser.

Ich stieg hier ebenfalls bei einem Hazienda-Besitzer ab. Die guten

Leute verstehen noch nicht, daß man einem Reisenden, besonders wenn er

von Regen triefend ankommt, wie es mit mir der Fall war, ein Fleckchen

anweist, wo er sich waschen und umkleiden kann. Hier bietet man ihm

nicht einmal eine Erfrischung an, wenn man auch weiß, daß er vielleicht

ein Dutzend Leguas mit leerem Magen gemacht hat. Er muß unter der

Familie in seinen nassen, beschmutzten Kleidern oft zwei bis drei

Stunden sitzen bleiben und mit Geduld die Mahlzeitstunde erwarten. Die

Familie, die sich den ganzen Tag in den Hängematten schaukelt und die

Zeit mit Schwatzen verbringt, ist froh, wenigstens ein neues Gesicht

angaffen zu können. Bei mir, die ich der Spanischen Sprache nicht

mächtig war, hatten sie wahrhaftig kein anderes Vergnügen.

+1. April.+ +Latacunga+, 8 Leguas. Aus der Tiefe des Kessels steigend,

gelangten wir an einen schönen Gebirgsfluß, der sich in eine

natürliche Grotte verlor und nach einigen hundert Schritten wieder

zum Vorschein kam. Einige tiefe Schluchten oder Erdspalten hatten

wir auf lebensgefährlichen Brückchen zu überschreiten, andere zu

durchziehen. In solchen Schluchten ist ein Zusammentreffen, selbst mit

einzelnen Reitern, sehr unangenehm, da die Wege so schmal sind, daß

gerade nur ein Thier Platz hat. Der Arriero schreit, pfeift und lärmt

auch beständig, wenn er an einen solchen natürlichen Hohlweg gelangt,

um sein Dasein so weit als möglich zu verkünden. Diese Stellen

abgerechnet, war der Weg gut, und zum ersten Male trübte kein Regen

unsere Tagereise.

Ein großer Theil der Hochebene von Ambato war kultivirt; Dörfer oder

Hütten gab es jedoch nur sehr wenige. Der Tungaragua, der sich aus den

Wolken immer mehr und mehr heraus arbeitete, stieg ohne Verbindung mit

den andern Bergen als kolossaler Kegel majestätisch vor uns auf.

Von der Hochebene Ambato kamen wir in die noch weit bedeutendere und

schönere von +Latacunga+, an deren Eingange das Städtchen gleichen

Namens liegt. Den Chimborazo verliert man nun schon aus dem Gesichte,

dagegen tauchen andere hohe Berge auf, unter welchen besonders der

+Cotopaxi+ und der +Iliniza+.

In Latacunga, einem gleich Ambato sehr ausgedehnten Neste, stieg ich

ebenfalls wieder bei einem Hazienda-Besitzer ab. Ich wurde zwar überall

freundlich aufgenommen, allein Morgens ließ man mich stets fortziehen,

ohne mir auch nur eine Tasse Thee oder Chocolade zu reichen, obgleich

die Morgen kalt, nebelig oder gar regnerisch waren, und man wohl

wußte, daß ich oft bis Abend keinen Ort finden würde, wo ich einige

Erfrischungen erhalten konnte.

Ich war nun schon viel mit Hazienda-Besitzern in Berührung gekommen,

brachte ganze Tage unter ihnen zu und hatte daher Gelegenheit, ihre

Lebensweise zu beobachten. Die Mehrzahl lebt in einer Unordnung, in

einer Dürftigkeit und Unsauberkeit, die jede Beschreibung übertrifft.

Ich ziehe das Haus eines nur einigermaßen bemittelten Deutschen

Bauers den meisten dieser Hazienda’s vor. In ersterem findet man doch

so viel Reinlichkeit, daß man sich mit Lust an den Tisch setzt, um

das einfache, aber gut gekochte Mahl zu verzehren. Nicht so in den

letzteren. Da wird der Tisch mit einem zerrissenen Tuche gedeckt, das

vor Schmutzflecken kaum eine weiße Stelle mehr aufzuweisen hat. Auch

an den anderen Tischgeräthschaften ist selten das Nöthigste vorhanden.

So fand ich z. B. in einer Hazienda elf Personen an der Tafel, und

ich glaube nicht, daß es drei ganze Bestecke der gemeinsten Art gab.

Eine Person besaß einen Löffel, die andere eine Gabel, die dritte

ein Messer. Hatte der Löffelbesitzer seine Suppe gegessen, so gab er

den Löffel seinem Nachbar, eben so ging es mit Messer und Gabel; die

Kinder aßen zum Theil mit den Fingern. Eine zerbrochene Waschkanne

enthielt das Trinkwasser, ein Glas diente der ganzen Gesellschaft.

Die Kinder kamen in zerlumpten Kleidern zu Tische, mit bloßen Füßen

oder mit abgenützten Schuhen, mit beschmutzten Händen und Gesichtern;

dabei hatten sie aber ein so hübsches, blühendes Aussehen, so feurige,

schöne Augen, daß ich mit wahrem Vergnügen diesen bausbackigen

Engelsköpfen zusah, wie sie einen Bissen nach dem andern mit wahrer

Herzenslust verschlangen. Eine in Lumpen gehüllte Negerin oder ein paar

kleine, halbnackte Negerkinder besorgten die Aufwartung bei Tische.

In demselben Hause wurde mir ein Zimmer zum Schlafen angewiesen, das

Gott weiß wie lange nicht gereinigt worden war, und außer dem Bett

nichts als zwei zerbrochene Stühle nebst dem Fragmente eines Tischchens

enthielt. Alles, was ich benöthigte, mußte ich begehren; ich fand nicht

einmal Wasser, und als man es mir brachte, mußte ich vor die Thür

gehen, mich zu waschen, denn ein Waschbecken war nicht vorhanden.

In einem andern Hause lag ich kaum ein halbes Stündchen im Bette,

so sprang ich wieder heraus -- ich war im vollsten Sinne des Wortes

von Ungeziefer bedeckt. Die ganze Nacht brachte ich auf einem Stuhle

zu, und Morgens war ich so voll rother Flecke, als hätte ich einen

Ausschlag bekommen. Und beinahe in jedem Hause traf ich eine, auch

mehrere erwachsene Töchter, die ohne große Mühe das Hauswesen in guter

Ordnung hätten halten können. Allein das ist nicht ihre Sache. Das

große Tuch um Kopf, Schultern und Arm geworfen, sitzen sie den ganzen

Tag umher, und stehlen, wie wir Deutsche sagen, unserem lieben Gott

die Zeit. Bei der grenzenlosen Bettelhaftigkeit einerseits findet man

andererseits mitunter einigen Luxus zur Schau gestellt. In einem Hause

war der Empfangssaal mit Teppichen, Spiegeln u. s. w. geschmückt, in

einem andern fand ich ein ziemlich gutes Klavier, eine sehr schöne

Englische Reiseschatulle -- alles Gegenstände, die hier sehr hoch

kommen, da man sie mühsam über die Gebirge schleppen muß. Die Frauen,

die Töchter zeigten mir kostbare Kleider, Chinesische Shawls u. s. w.

Mich wunderte dieß um so mehr, als die Hazienda-Besitzer hier zu Land

durchschnittlich nicht sehr wohlhabend sind. Sie besitzen wohl viel

Grund; aber es fehlt an Märkten und an Straßen. Große Städte gibt es

nicht, und die Wege sind so schlecht, daß es kaum die Mühe lohnt,

Lebensmittel drei bis vier Tagereisen weit zu senden.

+2. April.+ +Machacha+, 11 Leguas. Heute ging es fortgesetzt auf

der Hochebene von Latacunga. Die Wege waren sehr gut und führten

größtentheils zwischen Hecken von Kaktus und Aloe, reich untermischt

mit schönen Blumen, hindurch. Umfaßt von dem Kranze der herrlichsten

Gebirge, von welchen, wie bemerkt, der Cotopaxi und Iliniza die

hervorragendsten, würde diese Hochebene entzückend schön sein, hätte

die eigensinnige Natur nicht zwei Hauptsachen vergessen: Waldparthien

und Wasser. Kultivirt ist wenig; es mag wohl an Händen fehlen. Der

Boden scheint auch nicht aus so fetter Erde zu bestehen, wie auf der

Westseite der Cordilleren. Der größere Theil des Thales zeigt wohl

ein frisches, saftiges Grün; doch gibt es auch viel Staub und Sand

und genug Strecken voll großer Steine und Felsstücke, die gewiß einst

der Cotopaxi in seiner Wuth rings umher geschleudert hat. Dieser

Riesen-Vulkan hielt den ganzen Tag meine Aufmerksamkeit gefesselt.

Die mächtigsten Rauchsäulen entwirbelten seinem Krater, umfangreichen

Baumstämmen mit reichen Kronen, oder Aehren vergleichbar, oder in wild

sich auf einander folgenden Wolken aufsteigend. Leider zerstoben die

pittoresken Gebilde eben so schnell, als sie entstanden.

Der Cotopaxi war bis an den Krater mit einer leichten Schneedecke

bekleidet; der ihm gegenüber stehende Iliniza aber prangte in einer so

dichten, weißen Hülle, daß man sah, wie die Strahlen der Sonne keine

Macht über ihn ausübten.

Die Nacht brachte ich sehr schlecht in einem Tambo zu.

+3. April.+ +Quito+, 8 Leguas. Morgens, bevor ich das Maulthier

bestieg, blickte ich noch einmal nach dem Vulkan zurück, um ihm

Lebewohl zu sagen, denn der Weg leitete uns nun in die Hochebene von

Quito. Der Feuerspeier schien meine Aufmerksamkeit dankbar anzuerkennen

und lohnte mir mit einem prachtvollen Ausbruche. Dichte Rauchwolken

wirbelten auf, das Feuer schlängelte sich gleich blitzenden Flammen

hindurch, überstieg die Rauchwolken und senkte sich in einem dichten

Regen zur Erde. Wie herrlich müßte dieses Schauspiel bei Nacht gewesen

sein! Doch auch so war ich reichlich befriedigt, und dankte Gott,

daß er mir gestattete, von vielen Wundern der Natur auch dieses zu

erblicken.

Wenn man anstatt über Ambato über Riobamba nach Quito geht, kommt

man dem Cotopaxi um vieles näher, und sieht bei dieser Gelegenheit

die Ruinen dreier kleiner Gebäude, die noch aus den Zeiten der Inkas

stammen. Der Zeichnung nach, die ich später zu Gesicht bekam, würde

sich jedoch der Umweg nicht lohnen, am wenigsten in der Regenzeit.

Das Wetter war heute herrlich, die Wege trefflich, drei Leguas

ausgenommen, welche wieder zu den sehr schlechten gehörten. Es gab

Schluchten, steile Hügel, große Steine mitten auf dem Wege. Nicht

einmal so nahe der Stadt sorgt die Regierung für einige Abhilfe. Für

Wege und Brücken wird in diesem Lande gar nichts gethan. Findet man

hie und da eine feste, gemauerte Brücke, einen etwas besseren Weg, so

kann man versichert sein, daß sie noch aus den Zeiten der Spanischen

Regierung rühren.

[16] Ein Thaler hat hier acht Realen, auf eine Unze gehen zwanzig bis

einundzwanzig Thaler, je nach dem Kurse. Ein hiesiger Thaler ist

um ein Fünftheil weniger werth, als ein Spanischer Thaler.

[17] In Quito gab man mir, im Umtausche gegen einen andern, einen

halben Thaler dafür.

[18] Der Klee erreicht hier eine Höhe von 2½ Fuß.

[19] Auf einen Thaler gehen sechzehn Medios.

[20] Gut war es, daß ich es dießmal that, wo der Regen sehr stark

und ich um Wasser nicht verlegen war; auf der Rückreise hätte

ich ungleich größere Mühe gehabt, denn die Quellen, die hier die

Wasserscheide bilden, liegen weit auseinander.

Siebzehntes Kapitel.

Quito. -- Rohheit des Volkes. -- Sehenswürdigkeiten. -- Kirchliche

Feste. -- Die Geistlichkeit und die Regierung. -- Die Indianer. --

Theater. -- Rückreise nach Guayaquil. -- Der Chimborazo. -- Ein

Stiergefecht. -- Todesgefahr. -- Panama. -- Reise über den Isthmus.

-- Aspinwall.

Quito liegt ebenfalls in einer Hochebene, die zwar auch groß und schön,

aber bei weitem nicht so ausgedehnt und von keinen solchen Riesenbergen

eingesäumt ist, wie jene von Latacunga. Die Stadt selbst sieht man

erst zwei Leguas, bevor man sie erreicht. Ihr Anblick hat nichts

überraschendes. Die Häuser sind niedrig und mit leicht aufsteigenden

Ziegeldächern gedeckt. Ein Paar Thürme oder Kuppeln unterbrechen diesen

Steinhaufen. Die beiden Berge +Panicillo+ und +Pinchincha+, an welche

sich die Stadt lehnt, sind weder mit Bäumen noch mit Untergebüsch

bewachsen; eben so ist das ganze Gebirge beschaffen, das die Hochebene

einfaßt. Die einzige Schönheit dieser Gegend besteht in dem Kreise

der angehäuften Berge, von welchen einer über den andern blickt. Es

breiten sich wohl überall in dem Thale schöne Wiesenteppiche aus,

und viele kultivirte Felder liegen dazwischen; doch erwartet man

unter diesem himmlischen Klima eine ungleich mehr in’s Auge fallende

Vegetation, herrliche Waldungen, Hecken, Gebüsche, Blumen u. s. w. Die

Berge sind nur mit ganz kurzem Grase bewachsen; die Kultur bemerkt

man natürlich erst bei genauerer Betrachtung, und so kommt es, daß

der Reisende, der von dieser Stadt und deren Lage die übertriebensten

Beschreibungen gelesen hat, durch den Anblick sehr enttäuscht wird.

So ging es auch mir, je näher ich kam, desto mehr fiel meine

Begeisterung. Die nächste Umgebung hat außer Feldern und Wiesen wenig

Gärten oder Fruchtbäume. Die Häuschen in der Vorstadt sind klein, halb

zerfallen und über alle Beschreibung unrein gehalten, die Straßen so

voll Pfützen und Unrath, daß man sich die Nase hätte verhalten mögen,

das Volk in die ekelhaftesten Lumpen gekleidet. Letzteres gaffte mich

an, lachte mich aus, wies mit den Fingern nach mir, lief mir nach --

Fremdlinge kommen selten in dieß vergessene Land, und sind sie nicht

ganz so gekleidet, wie der Eingeborne (ich trug wohl den Poncho, allein

der kleine Strohhut fehlte mir), so treibt das Volk sein Gespött mit

ihnen.

Näher dem Platze werden die Häuser etwas stattlicher: sie zeigen ein

Stockwerk und statt der Fenster Glasthüren mit Balkonen. Der Platz

weist einige hübsche Gebäude auf, darunter die Kathedrale, der Palast

des Bischofs und jener des Präsidenten. Beide Gebäude haben eine

Säulenkolonnade. Der Palast des Präsidenten würde sich nicht übel

ausnehmen, wäre er nicht schon halb in Ruinen zerfallen, was besonders

von der Treppe an der Façade gilt. Er ist jedoch wenigstens nicht wie

jener in Lima durch die angehängten kleinen Kaufmannsbuden verunziert.

Den Platz schmückt ferner ein Kunstbrunnen, welchem jedoch eine

Kleinigkeit fehlt -- das Wasser.

In der Stadt Quito, die gegen 50,000 Einwohner zählen soll, gibt es

keinen Gasthof. Ich war wohl mit vielen Empfehlungsbriefen versehen;

allein ich hatte nur einen, an Herrn +Algierre+ lautend, bei der Hand;

die übrigen lagen im Koffer, der in Wachstuch eingenäht war.

Wir hielten vor dem Hause des Herrn Algierre an, fanden es aber

verlassen. Herr Algierre war vor einigen Tagen mit seiner Familie nach

seiner Hazienda gegangen. Für den ersten Augenblick wußte ich nun

nicht, wohin mich wenden. Mein Schlingel von Diener kümmerte sich nicht

im geringsten um mich, das Volk fing an, sich um mich zu versammeln,

bestürmte mich mit neugierigen Fragen, schrie und lachte -- ich war

eine Frau, allein, ohne männlichen Schutz, es ließ daher ohne Rückhalt

seiner Ausgelassenheit die Zügel schießen. Die Unannehmlichkeit meiner

Lage stieg von Minute zu Minute, da trat endlich ein Herr herbei,

reichte mir schnell einen kleinen Strohhut, wie ihn die Leute hier zu

Lande tragen, und sagte meinem Diener, mich in sein Haus zu bringen.

Daselbst angekommen, packte ich meinen Koffer schnell aus, zog mich ein

wenig an, nahm unter den Briefen jenen an den Amerikanischen ~Chargé

d’affaires~, Herrn +White+, heraus, und eilte, von einem Indianerjungen

begleitet, nach dessen Wohnung. Mein Diener war bereits verschwunden.

Noch war nicht alles Unangenehme überstanden. Mein Anzug gab diesem

civilisirten Volke abermals Anlaß zu Gespött. Ich trug nämlich eine

Mantille und einen seidenen Hut, nicht das landesübliche große Tuch,

und ging ohne Begleitung, denn den Indianerjungen beachtete man nicht.

Glücklicher Weise lag Herrn White’s Wohnung nicht sehr entfernt, und

nach einigen Minuten war ich in Sicherheit.

Herr White und seine Frau boten mir sogleich ihr Haus an. Auch Herr +de

Paz+, der Spanische Minister, und seine Gemahlin erwiesen mir in der

Folge sehr viele Aufmerksamkeiten.

Ich kam in Quito häufig in Häuser der Alt-Spanier. Bei den Reichen

sieht man, wenigstens in den Empfangssälen, viel Luxus. Die Wohnungen

bestehen aus großen Gemächern, was man, der Außenseite der Häuser nach

zu urtheilen, nicht vermuthen würde; aber auch hier, wie in Peru, geht

die eigentliche Façade nach dem Inneren zu, auf hübsche Höfe, die mit

Blumen, Springbrunnen u. dgl. geschmückt sind.

Die Frauen fand ich liebenswürdig, nur sehr wenig gebildet, woran wohl

zum Theil die Abgelegenheit ihrer Stadt Schuld sein mag. Es verliert

sich dahin nicht so leicht ein guter Lehrer, viel weniger ein Künstler

oder Gelehrter; daher hören und sehen die Leute wenig oder nichts von

Künsten und Wissenschaften, um so weniger, als sie der Literatur nicht

hold sind. Ich glaube, daß die ganze Damenwelt Quitos kein anderes,

als ein Gebetbuch zur Hand nimmt. Was geistige Auffassungskraft und

Talente betrifft, sollen sie, gleich den Peruanischen Frauen, das

männliche Geschlecht übertreffen. Sie mengen sich auch in alles, und

ganz besonders in die Staatsangelegenheiten, für welche sie oft mehr

Interesse zeigen, als die Männer. Dafür werden hier aber auch Mädchen

und Frauen für politische Vergehen eben so gut gestraft, wie die

Männer, und nicht selten auf Monate und Jahre in Klöster gesperrt. Ich

lernte eine junge, sehr interessante Frau kennen (Schwiegertochter

des Generals +Algierre+), die auf ein ganzes Jahr in ein Kloster

gesperrt werden sollte; sie hielt sich jedoch lange Zeit verborgen, bis

die Geschichte halb in Vergessenheit gerieth, und entging glücklich

der Strafe. Gegen die Verbannung der Jesuiten, die vor ungefähr zwei

Jahren statt hatte, kämpften die Frauen mit aller Macht; doch blieben

die Männer Sieger, und die geistlichen Herren mußten den Wanderstab

ergreifen und dem schönen Lande Lebewohl sagen.

Die einzigen Sehenswürdigkeiten Quitos sind die Kirchen. Die Jesuiten-,

Franziskaner-, St. Domingo-Kirche und die Kathedrale zeichnen sich

besonders aus. Sie sind ganz im Geschmacke der Augustinerkirche zu

Lima, im Innern reich und fein vergoldet von der Decke bis zum Grunde,

mit schönem Holzschnitzwerk bedeckt, die Statuen abgerechnet, die

hier wie in Lima wahren Fratzengestalten gleichen. Zu meinem größten

Erstaunen hörte ich dessen ungeachtet stets von den vielen guten

Bildhauern und Bilderschnitzern sprechen, die Quito besitzen soll[21].

Die Hauptaltäre, desgleichen die Säulen rings um den Tabernakel, sind

mit Silberplatten belegt. Außer diesen vier Kirchen gibt es noch

mehrere andere, die reich an Vergoldung und innerer Ausstattung und

nur etwas klein sind. An den Festtagen erscheinen die Heiligen in

kostbaren Kleidern, mit echtem Schmucke. Der Schmuck, den die heilige

Maria am Grün-Donnerstage trägt, soll über 200,000 Thaler werth sein.

Das ausgezeichnetste Stück daran ist ein Rosenkranz von sehr großen,

schönen Perlen.

Die Spitäler für Kranke, Irrsinnige und Aussätzige fand ich unter

aller Kritik. Es wäre gewiß Gott viel wohlgefälliger, wenn die Leute

etwas weniger auf die Ausschmückung seiner Tempel verwendeten und

dagegen jene Anstalten etwas besser bedächten. Ich bediene mich nie

wohlriechender Wässer; aber bei dem Besuche der Spitäler hätte ich

gern ein Fläschchen Kölner Wasser herzaubern mögen. Die verpestete

Luft, die in den Gemächern herrschte, wäre allein hinreichend, Gesunde

krank zu machen. Die sogenannten Säle bestehen aus langen Gängen mit

Nischen, in welchen die armen Kranken auf hölzernen, mit Ochsenhäuten

überspannten Schragen liegen, ohne Polster und Decke. Die Unreinigkeit

war grenzenlos, die Luft dick von Gestank. Jeder der Gänge hatte blos

zwei winzige Fensterchen, das eine am oberen, das andere am unteren

Ende, und selbst diese waren fest verschlossen.

Eben so beschaffen ist das Irrenhospital, in welchem sich auch die

Leprekranken, jedoch in einer besonderen Abtheilung, befinden. Die

Irrsinnigen liefen im Hofe, der gegen die Straße zu nicht einmal

geschlossen war, frei herum; die Leprekranken sind eingesperrt. Wenn

sich ein Paar Leprekranke verheirathen wollen, wird es ihnen gestattet,

und so finden sogar an diesem Orte des größten Elendes manchmal

Hochzeiten statt. Zum Glück für die Nachkommenschaft erfreut sich ein

solches Ehepaar nie eines Kindes.

Weder in diesem noch in dem andern Hospitale sah ich eine Arznei an

der Seite eines Kranken stehen. Es ist wohl eine Apotheke vorhanden;

aber Gott mag dem beistehen, der etwas von den Heiltränken nimmt, die

da zusammen gemischt werden. Die Unordnung ist so groß, daß die Leute

gar nicht finden, was man verlangt. Ich benöthigte Terpentingeist

für meine Insekten und Senfmehl für mich. Ich fühlte mich nämlich,

vielleicht in Folge der feinen Luft oder der beschwerlichen Reise,

während der ersten vierzehn Tage sehr unwohl, konnte nur sehr langsam

gehen, der Athem fehlte mir; auch hatte ich Stechen auf der Brust und

Husten. Nichtsdestoweniger ging ich jeden Tag aus und schleppte mich

überall hin, wo es etwas zu sehen gab. Doch wieder auf die Apotheke

zurück zu kommen -- beim Suchen nach dem Terpentingeist wurde von ein

Paar Dutzend Flaschen jede geöffnet und dazu gerochen, denn sie waren

nicht einmal mit Etiketten versehen; das Senfmehl wollte gar nicht

zum Vorschein kommen. Nachdem ich eine Viertelstunde gewartet hatte

und eben fortgehen wollte, fand man es in einem Winkel. Die Preise

sind ungefähr zehnfach so hoch als bei uns in Deutschland, so daß die

Armen keine Arznei kaufen können und (vielleicht zu ihrem Glücke) zu

Hausmitteln ihre Zuflucht nehmen müssen.

Das Kollegium ist nicht groß, aber für die Zahl der Schüler

hinreichend. Schon in Guayaquil erzählte man mir von einem Museum,

das sich in dem Kollegium Quito’s befinden solle; in Quito selbst

bestätigte man mir sein Vorhandensein. Als ich in das Kollegium ging,

um es zu besehen, führte man mich in -- +einen ganz leeren Saal+, der

vielleicht einst zu einem Museum bestimmt und schon in vorhinein mit

diesem Namen getauft worden ist.

Auch eine Münze wird den Besuchern gezeigt, die aber den größten Theil

des Jahres friedlich ruht.

Um einen gesammten Ueberblick der Stadt und Umgebung zu haben, muß

man den nicht sehr hohen Berg +Panicillo+ ersteigen. Man übersieht

die ganze Hochebene mit den sie begrenzenden, übereinander gehäuften

Gebirgszügen und vielen einzelnen Gebirgsstöcken. Die Gebirge haben

keine auffallenden oder pittoresken Formen. Die ganze Gegend scheint

wasserarm zu sein: nirgends zeigt sich ein Fluß; ein winziges, kleines

Bächlein stürzt sich von dem Pinchincha in eine Schlucht und versieht

ganz Quito mit Trink- und Waschwasser. Morgens und Abends wird es in

offene Kanäle geleitet, welche die Straßen der Stadt durchlaufen, und

säubert sie so wenigstens einigermaßen vom Unrathe.

Auf dem Panicillo sind noch Mauerreste einer Festung zu sehen, die

unter der Spanischen Regierung erbaut worden war.

Neben dem Panicillo erhebt sich der bedeutend höhere Pinchincha, ein

einstiger Vulkan, der aber seit mehreren hundert Jahren erloschen

schien. Zwei Tage, bevor ich Quito verließ, öffnete sich an einer Seite

des Berges, und zwar gerade an jener der Stadt zugewandten, eine kleine

Spalte, welcher Rauch entstieg. Man kann sich denken, in welche Unruhe

diese Erscheinung die Stadtbewohner versetzte. Ich habe in der Folge

nicht vernommen, ob die gefahrdrohenden unterirdischen Kräfte eine

fernere Thätigkeit entwickelten.

Das Leben in Quito ist sehr billig; dennoch gibt es hier, wie in Peru,

Chili, Neu-Granada u. s. w., keine Kupfermünzen. Als die kleinste Münze

kann man den Medio betrachten. Es existiren zwar Quartillos (zwei

auf einen Medio); sie sind aber so selten, daß man sie kaum zu sehen

bekommt. Man pflegt statt der Scheidemünze Brot oder Eier heraus zu

geben, welche Gegenstände auch der Verkäufer an Geldesstatt annimmt.

Man findet in Quito ganz eingerichtete Miethhäuser, mit Spiegeln,

Teppichen, Möbeln, Lampen u. s. w. Für ein sehr wohleingerichtetes

Haus mit acht bis zehn Zimmern zahlt man per Monat höchstens 50

Thaler -- ein sehr billiger Preis, wenn man bedenkt, wie hoch Möbel,

Teppiche, Spiegel u. dgl. durch den Transport über die Cordilleren zu

stehen kommen, denn obgleich es in Quito der Sculpteurs in Menge gibt,

ist doch niemand im Stande, einen ordentlichen Stuhl oder Tisch zu

verfertigen.

Auch die Dienerschaft wird nicht besonders theuer bezahlt. Ein Diener,

eine Magd erhalten nebst Kost drei Thaler per Monat, ein Koch sechs

Thaler. Letzterem gibt man gewöhnlich für den Unterhalt des Hauses

eine bestimmte Summe. In Familien z. B., die aus Mann, Frau, einem

Kinde und ein Paar Dienstleuten bestehen, erhält er einen Thaler per

Tag, wofür er zwei reichliche Mahlzeiten schafft, Morgens eine Suppe,

Sancochado genannt, die aus Fleisch, Mais und Juka (Jams-Wurzeln)

bereitet wird, dann noch zwei Fleischgerichte, Kartoffeln, Eier, Brot,

Butter und Milch; zur zweiten Mahlzeit Hühnersuppe mit Reis, dreierlei

Fleischgerichte, Kartoffeln, Brot und oft noch eine Mehlspeise, und

Abends Brot und Milch zum Thee. Wahrlich genug für einen Thaler, der

nur achtzig Cents gilt!

Ich befand mich gerade in der Charwoche zu Quito und hatte deshalb

Gelegenheit, den wichtigsten kirchlichen Festen beizuwohnen.

Die erste feierliche Prozession fand am Palmsonntage nach der

Kathedrale statt; sie stellte den Einzug des Erlösers in Jerusalem dar.

Den Zug eröffnete die Geistlichkeit, ihr folgten der Präsident, die

Stabsoffiziere, Beamten und Honoratioren, dann kam ein lebensgroßes,

aus Holz geschnitztes Christusbild, auf eine Eselin gebunden; das Thier

erwartete jedoch die Prozession vor der Kirchenthüre und trat erst in

ihre Reihe, als sie in die Kirche einzog. Den Schluß machte das Volk.

Ich sah hier zum ersten Male einem Esel den Eintritt in eine Kirche

gestattet.

Am Montage sollte die Indianische Prozession statthaben. Indianer,

Mischlinge, Alt-Spanier, mit einem Worte alle Ecuadorianer bekennen

sich zwar zur katholischen Religion; allein die Alt-Spanier wollen

nicht mit den Indianern auf eine Stufe gestellt werden, und daher haben

letztere ihre besondere Prozession. Machen es ja die Anglikaner und

Protestanten auch nicht anders, die haben gar Sperrsitze und Logen in

den Kirchen, und wehe dem Armen, der sich in die aristokratischen

Plätze eindrängen wollte! In den katholischen Kirchen Ecuador’s wie

Peru’s findet doch wenigstens keine Absonderung der Reichen und Armen

statt. Der Sklave kann sich neben seinen Herrn setzen, wenn er einen

Platz an seiner Seite leer findet. Es gibt wenig Bänke in der Kirche;

man pflegt kleine Teppiche mitzunehmen, um darauf zu knieen.

Die Indianische Prozession bekam ich leider nicht zu sehen; sie wurde

von dem Bischof zum ersten Male verboten, weil es in den vergangenen

Jahren gar zu toll dabei zugegangen war. Die Anzüge der Leute sollen

so barock und komisch gewesen sein, daß der Zug der lächerlichsten

Maskerade, nicht aber einer heiligen Prozession glich.

Die Hauptprozession fand am Grün-Donnerstag Nachmittags statt. Bei

dieser machte das Militär den Anfang, hierauf folgten Beamte und

Honoratioren, Laienbrüder, Geistliche und eine bildlich dargestellte

Scene aus der Leidensgeschichte Jesu. Nach dieser kamen abermals

Beamte, Honoratioren, Geistliche und Laienbrüder, eine zweite Scene

u. s. w.; ich zählte im ganzen sechs verschiedene Scenen. In einer sah

man Christus am Oelberge, wie ihm der Engel den Labebecher reicht,

während die drei Jünger im Hintergrunde schlafen; in einer andern

sah man ihn, das Kreuz tragend, in einer dritten an die Schandsäule

gebunden, gegeißelt u. s. w. Die Schmerzens-Mutter war mit dem Dolche

in der Brust dargestellt, hatte aber dabei ein langes Schleppkleid von

schwarzem Sammet an und war mit Edelsteinen und dem bereits erwähnten

kostbaren Rosenkranze geschmückt. Die Figuren dieser Scenen waren

lebensgroß in Holz geschnitzt und vollkommen bekleidet; auf dem Kopfe

trugen sie sogar Perücken. Sie waren auf Tribünen befestigt und wurden

mittelst vieler Stangen zu meinem Erstaunen von Indianern getragen. Ich

sage: zu meinem Erstaunen, denn die stolzen Alt-Spanier, die sich mit

den Indianern nicht vermengen wollen und eine besondere Prozession für

sie veranstalten, sollten ihnen um so weniger gestatten, die Bildnisse

Gottes und seiner Heiligen zu tragen.

Den Schluß der Prozession machten neun Domherren in langen, schwarzen

Kleidern mit zwölf Fuß langen Schleppen, die sie nachzogen. Hinter

jeder Schleppe gingen vier Jungen, die nichts anderes zu thun hatten,

als die Schleppen gehörig auszubreiten, wenn sie sich aufschlugen oder

zusammenrollten.

Ich fand an dieser Prozession durchaus nichts erbauliches; sie kam mir

im Gegentheile eher wie ein theatralisches Gepränge vor.

Am Charfreitag Abends ging das Kirchen- und Gräberbesuchen an. Die

Beleuchtung der Kirchen war wahrhaft blendend, der ganze Hintergrund

strahlte in dem Glanze von Hunderten von Lichtern. Auch bei dieser

Gelegenheit waren Scenen aus dem Leben Jesu dargestellt, z. B. das

letzte Abendmahl, die Brotaustheilung, die sieben Sakramente u. s. w.

Lächeln kann man über solche Scenen nicht, der Gegenstand ist zu ernst,

zu würdig; aber bis in das Innerste muß sich jeder nur einigermaßen

denkende Mensch verletzt fühlen, wenn er mit dem Heiligsten solch

ein schmachvolles Spiel treiben sieht. Eine Beschreibung der

fratzenhaften Figuren, der barocken Stellungen, der überaus komischen

Zusammenstellung der Kleidertrachten aus ältester und neuester Zeit

zu machen, wäre schwer, wenigstens für meine Feder. Die Figur z. B.,

die in den sieben Sakramenten die letzte Oelung empfing, hatte die

vollsten, schön gefärbtesten Wangen und leuchtende Augen, gleich

funkelnden Sternen. Gar abscheulich nahm sich die Ehe aus: Braut

und Bräutigam hatten die Gesichter ganz verzogen und so unsichere

Stellungen, daß man meinte, jetzt und jetzt müßte das eine vor-, das

andere rückwärts sinken. In der Scene, wo Jesus die Kindlein zu sich

kommen läßt, hatten diese Banditenmäntel um, die ihnen bis über die

Füße hingen, und dazu auf den Köpfen Strohhütchen oder Käppchen.

Es wäre nöthig, daß der Papst einige ernste, würdige Priester hierher

sendete, um so manchem unsinnigen Treiben Schranken zu setzen. Unter

den bestehenden Verhältnissen ist es freilich nicht zu wundern, daß das

Volk so verdummt und charakterlos ist. Die Geistlichkeit schiebt die

Verderbtheit des Volkes auf die Regierung. Unzweifelhaft tragen beide

Schuld. Noch sind diese Länder viel zu weit zurück und vor allem zu

demoralisirt, um einer republikanischen Verfassung fähig zu sein.

Jede andere Regierungsform, auch die absoluteste, wäre für solche

Staaten besser, als diese republikanische Karikatur. Ich bin nun

schon zu alt, um in meinem Leben noch Gutes von jenen Gegenden zu

hören; aber ich hoffe, daß sie mit der Zeit alle von den Amerikanern

der Vereinigten Staaten verschlungen werden, die mit einem Theile

Mexiko’s bereits den Anfang gemacht haben. Es ist wahr, ich sah auch

in Kalifornien mitunter abscheuliche Handlungen, es waren aber mehr

Einzelnheiten, wie sie unter jeder Regierung vorkommen, und besonders

unter einer neuen und in einem Lande, in welches der Golddurst so viele

Abenteurer lockt.

Am traurigsten ist in Ecuador das Loos der Indianer, dieser armen

Nachkommen der rechtmäßigen Besitzer des Landes.

Ich habe bereits erwähnt, daß während meines Aufenthaltes zu Guayaquil

die Sklaverei aufgehoben wurde. Gänzliche Freiheit! Welche schöne

Worte! -- Man sollte glauben, daß Ecuador den übrigen Republiken

weit voraus sei. Leider ist dem nicht so. Die Lage der Indianer ist

schlechter als Sklaverei. Diese unglücklichen Menschen haben nicht

einen, sondern mehrere Herren, denen sie dienen müssen, von welchen

sie aber keiner kleidet oder speiset. Für ihre Bedürfnisse müssen sie

selbst sorgen, das ist der einzige Vortheil, den sie von der Freiheit

haben. Jeder männliche Indianer muß jährlich eine Kopfsteuer von drei

Thalern zahlen, die mit seinem neunzehnten Jahre beginnt und mit dem

fünfzigsten aufhört. Der sogenannte Alt-Spanier[22], er mag Bauer

oder was immer sein, ist von dieser Steuer befreit. Eine Geldtaxe

ist in diesem Lande, wo der Verkehr durch die hohen Gebirge, durch

die grenzenlos schlechten Wege, durch Mangel an Brücken u. s. w. so

erschwert ist, die härteste Last, besonders für den Indianer, der ohne

Besitzthum, gedrückt und niedergehalten ist.

Die philanthropischen Ecuadorianer behaupten zwar, daß der Indianer,

die Kopfsteuer ausgenommen, dieselben Rechte besitze, wie der

Alt-Spanier, daß er Land bekommen könne, soviel er im Stande sei zu

bebauen. Wie kann er aber Land begehren, wenn er keine Mittel hat es

urbar zu machen, wie kann er die Zeit abwarten, bis es ihm Ernten gibt,

und dabei noch der Regierung, die ihn mit nichts unterstützt, sondern

nur von ihm haben will, die schwere Kopfsteuer zahlen?! --

Gewöhnlich vermiethet er sich als Arbeiter bei den Haziendas-Besitzern.

Diese geben ihm ein Stückchen Land zum Unterhalte, unterstützen

ihn mit allem was er bedarf, natürlich gegen Abrechnung, bezahlen

seine Kopfsteuer und geben ihm einen jährlichen kleinen Gehalt. Der

Hazienden-Besitzer sucht dem Indianer in Lebensmitteln, Branntwein,

Kleidungsstücken fortwährend so viel vorzustrecken, daß letzterer sein

Schuldner bleibt, denn so lange der Indianer Schuldner seines Herrn

ist, kann er ihn nicht verlassen. Im entgegengesetzten Falle kann

er es thun. Stirbt er als Schuldner seines Herrn, so ist die Schuld

aufgehoben: sie wird nie von seiner Familie gefordert.

Ein ferneres großes Uebel für diese armen Menschen sind die

Truppenmärsche. Der Indianer ist zwar als Ersatz für diese schwere

Kopfsteuer von dem Soldaten-Dienste befreit; allein er muß bei den

Märschen die Effekten, Lebensmittel der Soldaten auf seinem Rücken

tragen und erhält als Entschädigung, Schimpfworte und Rippenstöße.

Geht ein freier Indianer zufällig in dem Augenblicke an einer Kaserne

vorüber, in welcher man eines Arbeitsmannes oder eines Gehülfen bedarf,

so springt ein Soldat auf ihn zu und reißt ihm den Strohhut vom Kopfe,

als Zeichen, daß er ihm folgen müsse. Folgt er nicht gutwillig, so

wird er mit Prügeln dazu gezwungen. Ich selbst war in Quito mehrmalen

Augenzeuge solcher barbarischer, widerrechtlicher Handlungen.

Kommt ein Indianer zum ersten Male von den Gebirgen in die Ebenen, so

kann er von jedermann mit Gewalt auf eine bestimmte Zeit in Dienst

genommen werden. Er wird zwar dafür bezahlt, aber natürlich sehr

schlecht. Ich sah in einem Hause einen Indianer sammt seinem Weibe

für einen Thaler per Monat ohne Kost und Kleider dienen. Die armen

Menschen kamen mir wie die Parias in Hindostan vor; sie aßen alles was

man im Hause weg warf, sie kochten die äußeren Blätter des Kohles, des

Krautes, mischten etwas Gerstenmehl bei und genossen das Gericht ohne

alle andere Zuthat, ja sogar ohne Salz; sie schliefen auf der Erde in

einem Winkel der Küche oder der offenen Veranda, kaum zur Hälfte mit

ihren zerrissenen Ponchos zugedeckt.

Diese bedauernswerthe Menschenklasse, noch die beste und

rechtschaffenste im ganzen Lande, wird nicht nur von Alt-Spaniern,

sondern auch von den Mischlingen, ja sogar von den Negern, als tief

unter ihnen stehend betrachtet und mit Verachtung behandelt.

Während meines Aufenthaltes in Quito fügte es der Zufall, daß eine

Theatervorstellung angekündigt wurde, eine Sache, die sich in dieser

Stadt selten ereignet, da sich nicht leicht ein Trupp Schauspieler oder

Künstler über die Cordilleren verliert. Ich freute mich sehr auf diese

Vorstellung, da ich erwartete eine Gesellschaft zu sehen, wie sie bei

uns auf dem Lande von Dorf zu Dorf wandern, die Bühne in der ersten

besten Scheune aufschlagend.

Hier diente das Museum als Theater. Man stellte hölzerne Bänke hinein,

brachte Stühle auf die Gallerie und zündete Talglichter an, die den

Leuten die Kleider beschmutzten. Am Eingang des Vorsaales, in welchem

man die Billete löste, paradirte ein wachthabender Soldat, sein Gewehr

vor den Eingang pflanzend und die Leute mit dem „~A donde va~“ (Wohin

geht Ihr?), so derb anschreiend, daß man ordentlich zurückprallte. Man

mußte antworten: „In das Theater!“ Bei dem wirklichen Eingang in das

Theater stand ein zweiter Posten, ebenfalls das Gewehr vor die Thür

pflanzend und denselben martialischen Anruf wiederholend. Ist mir doch

in meinem Leben kein ähnlicher Unsinn vorgekommen!

Das Publikum war echt republikanisch. Da sah man lumpig gekleidete

Indianer, deren Weiber sogar ihre Säuglinge mitbrachten, Neger, deren

Ausdünstung gerade keine Wohlgerüche verbreitete, Gassenjungen, die

sich um Plätze balgten, als wären sie auf offener Straße; dazwischen

saßen Herren und Offiziere mit ihren Frauen und Töchtern, erstere

in ihren Ponchos, letztere in den großen Umschlagetüchern, die sie

zugleich über den Kopf gezogen hatten. Nur eine Gesellschaft von

drei Frauen und einigen Herren machte eine Ausnahme. Diese Leute

waren geschmückt, als hätte es einen Besuch des Opernhauses in

Paris oder London gegolten -- die Damen sehr entblößt und beladen

mit Schmuck, Federn und Blumen, die Herren in schwarzem Anzuge mit

Glacé-Handschuhen. Das sah wirklich komisch aus inmitten dieser

schmutzigen, etwas gar zu gemischten Gesellschaft.

Die Vorstellung selbst war nicht ein Theaterstück, wie ich erwartete;

ein Taschenspieler machte die erbärmlichsten Kunststücke, die man nur

sehen kann. Jedes Kind hätte sie zum besten geben können; es fand

auch nicht die geringste Täuschung statt. Aber das Publikum war damit

zufrieden, es klatschte dem Pfuscher aus Leibeskräften Beifall zu,

erhob sich und stieg sogar auf die Bänke. Bei einem der Kunststücke

wurde eine Pistole losgeschossen. Dieser unvermuthete Lärm schreckte

die schlummernden Säuglinge auf, und sie fingen alle plötzlich aus

vollen Kehlen zu schreien an, so daß der große Künstler mit seiner

Vorstellung einhalten mußte, bis die kleinen Störer von ihren Müttern

beschwichtiget und wieder eingeschlummert waren.

Nach dem ersten Akte verließ ich das Haus, es war mir nicht möglich

länger zu bleiben. Die einzige Freude, die mir diese Unterhaltung

verschaffte, war zu sehen, daß der Eintritt niemand versagt war.

Der Indianer, der Neger hatte, sobald er bezahlen konnte, dieselben

Rechte, wie jene geputzte und geschmückte Gesellschaft. Die Preise

waren für Quito so hoch (der erste Platz einen halben, der zweite

einen Viertel-Thaler), daß es mir ein wahres Räthsel wurde, woher

das Bettelvolk und die Gassenjungen das Geld hiezu aufgebracht haben

mochten.

Vor meiner Abreise von Quito besuchte ich noch die Hazienda des

Generals +Algierre+, die von allen Hazienda’s, die ich in Ecuador

gesehen, eine glänzende Ausnahme macht. Da herrscht doch geregelte

Ordnung, Reinlichkeit und Wohlhabenheit. Das Wohnhaus ist eines der

schönsten im Lande. Der älteste Sohn des Generals, Herr Carlos Algierre

hat einen Theil seiner Erziehung in Paris genossen; er ist ein feiner,

gebildeter Weltmann und verbindet damit, wie man mir allgemein

versicherte, einen sehr gediegenen Charakter, wie überhaupt die ganze

Familie. Ich fand bei ihm die auserlesensten Werke der französischen

Literatur.

Vater und Sohn haben sich durch Anlegung einer Fabrik, in welcher

weißes Kammertuch erzeugt wird, um ihr Vaterland verdient gemacht.

Sie ließen die hiezu nöthigen Maschinen von Belgien kommen. Ueber

neunhundert Lastthiere waren nöthig, sie von Guayaquil nach Chillo (so

heißt die Hazienda) zu schaffen. Die größeren Maschinen mußten von

Menschen getragen werden. Die Baumwolle wird angekauft, wie sie von

der Ernte kömmt, und verläßt als fertiges Kammertuch die Fabrik. Ein

Belgier leitet das ganze Werk. Außer dieser Fabrik gibt es nur noch

eine im Lande, in welcher grobes Tuch für die Ponchos gemacht wird.

Chillos liegt fünf Meilen von Quito in einem herrlichen, fruchtbaren

Thale, von mächtigen Gebirgen eingefaßt, über welche die Spitze des

Cotopaxi ragt.

Die Briefe, die mir der Ecuadorianische ~Chargé d’affaires~ in Lima,

Herr +Muncayo+, für den Präsidenten und die hohen Beamten mitgab,

brachten mir nicht den geringsten Nutzen. Der Präsident dieser großen

Republik von 400,000 Seelen fand sich im Gefühle seiner hohen Stellung

zu stolz und zu gewichtig, mir den Anblick seiner Person zu gönnen. Er

gab mir, nachdem ich ihm den Empfehlungsbrief gesandt hatte, weder eine

Antwort, noch ließ er mich zu sich bescheiden. Ein anderer Großer des

kleinen Reiches, ein Herr +Larrea+, an den ich ebenfalls einen Brief

hatte, trieb die Höflichkeit noch weiter: er lud Herrn und Frau +White+

zu einer Abendunterhaltung ein, ohne meiner zu erwähnen, obgleich ich

Herrn White’s Gast war. Unter solchen Umständen war natürlich an meine

projectirte Reise nach dem Amozonenstrom nicht zu denken, denn ohne

kräftige Hilfe der Regierung, nicht etwa mit Geld, sondern mit sichern

Leuten, konnte ich sie nicht unternehmen. Die wilden Indianer-Stämme,

durch deren Länder die Reise geht, geben den Reisenden weder Boote noch

Leute; man muß alles mit Gewalt erzwingen, oder durch seine eigenen

Leute Boote zimmern lassen, und sogar die nöthige Nahrung theils

mitnehmen, theils sich durch Erlegung von Wild verschaffen.

Ich war zu meinem großen Leidwesen gezwungen, diesem Plane zu entsagen,

und wollte dafür zu Lande nach +Bogota+, der Hauptstadt Neu-Granadas,

gehen. Diese Reise, fortwährend zwischen den Cordilleren hinführend,

soll im Sommer herrlich, in der Regenzeit aber fürchterlich sein.

Nichts destoweniger war ich dazu entschlossen, denn das schöne Wetter

abzuwarten, dauerte mir zu lange, die Regenzeit endigte, nach dieser

Richtung erst im Monate Juni, und jetzt waren wir noch im April.

Ich handelte von dem Koche des Herrn White einen guten Sattel aus,

bei welcher Gelegenheit ich abermals sah, wie geneigt dieses Volk

zu Betrügereien ist. Der Mann verlangte drei Thaler für den Sattel

in Gegenwart zweier Herren. Ich sagte ihm selbe zu, wenn der Sattel

gut befunden würde (den Sattel hatten wir nicht gesehen, da er ihn

in einem andern Hause bewahrte). Als ich ihn gesehen und bezahlen

wollte, schob der Verkäufer die drei Thaler zurück, dreist behauptend,

daß er vier Thaler gefordert habe. Alle diese Schlechtigkeiten und

viele andere, mit deren Erzählung ich meine Leser verschone, ärgerten

mich so sehr, daß ich sehnlichst wünschte, bald aus dem Bereiche

der südamerikanischen Republiken zu kommen. Die größten Mühen und

Beschwerden sind nicht vermögend meine Reiselust zu vermindern; allein

Völker mit so schlechtem, nichtswürdigem Charakter würden es nur zu

bald bewirken. Ich fühlte mich unter den Kannibalen Sumatras ungleich

zufriedener, als unter diesem christlichen Gesindel.

Ich hatte schon Thiere gemiethet zur Reise nach Bogota, und ging nur

noch zu dem Spanischen Minister, Herrn +de Paz+, um Abschied zu nehmen.

Dieser gute Mann bot seine ganze Beredsamkeit auf, mich von der Reise

abzubringen. Er sagte mir, daß ich sie, obwohl die Entfernung nur 250

Leguas (750 englische Meilen) betrage, in der jetzigen Jahreszeit nicht

unter fünfzig Tagen machen könne, daß ich die größten Schwierigkeiten

finden dürfte, einige der vorkommenden bedeutenden Flüsse zu

übersetzen, und daß ich als Frau den unverschämtesten Betrügereien

und Schlechtigkeiten von Seite der Eingebornen ausgesetzt wäre, da in

dieser Entfernung Briefe oder selbst Befehle der Regierung sehr wenig

oder gar nicht geachtet werden. Ich gab seinen Vorstellungen Gehör,

wozu wohl auch mein Wunsch, diesen erbärmlichen Völkern baldigst den

Rücken zu kehren, viel beitrug, und änderte meinen Reiseplan dahin ab,

daß ich nach Guayaquil zurückkehrte.

Ich kann wohl sagen, daß ich Herrn de Paz mein Leben danke, da

mich seine Vorstellungen dieser Reise entsagen machten. Meine

Gesundheit hatte durch die beständig sich wiederholenden Anfälle des

Sumatra-Fiebers sehr gelitten, und ich glaube kaum, daß ich fünfzig

Tage voll Mühen und Entbehrungen mit stetem Regen und Klimawechsel

hätte überstehen können.

Am +25. April+ verließ ich Quito, und zwar bloß in der Begleitung eines

+Arrieros+. Ich hatte gelobt, keinen Diener mehr mit mir zu nehmen.

Die Reise ließ sich sehr gut an, und ich genoß das Glück, viermal den

Chimborazo in voller Schönheit zu sehen, das erste Mal bei meiner

Ankunft in Ambato, das zweite Mal bei der Abreise, das dritte Mal

bei dem Uebergange und das vierte Mal in Guaranda. Die Sonne selbst

schien entzückt zu sein, das herrliche Werk Gottes beleuchten zu

können; sie goß ihr ganzes Feuer, ihr volles Licht auf ihn und machte

sein jungfräulich-schneeiges Haupt in unbeschreiblichem Schimmer

erglänzen. Ich versank in Anschauung und tiefe Bewunderung. Leider

währten diese erhabenen Anblicke stets zu kurz -- Wolken und Nebel

umschwebten bald die Spitzen, senkten sich immer tiefer und tiefer und

verhüllten nur gar zu rasch dieß Heiligthum der Cordilleren mit ihrem

undurchdringlichen Schleier. --

Ich bemerkte, daß der Chimborazo nicht in einer Spitze ausgeht: er hat

eine Hauptkuppe und drei kleinere; zwischen der Hauptkuppe und den

kleineren scheint sich eine ziemlich bedeutende schiefe Fläche von

Westen nach Osten zu ziehen.

Am überraschendsten ist der Anblick des Berges von Ambato aus, welcher

Ort bedeutend tiefer liegt, als Guaranda. Man glaubt wahrlich, den

Koloß beinahe an die Himmelsdecke stoßen zu sehen. Das letzte Drittel

seiner Höhe steigt in wunderbar ebenmäßiger, kuppelartiger Form empor.

Das Vergnügen, das ich in der Anschauung dieses herrlichen Berges

fand, ließ mich alle Gefahr vergessen. Erst als ich auf die kleine

Hochebene, an die Stelle gelangte, wo der Engländer von seinem Arriero

ermordet worden war, machten mir die die ganze Gegend verdeckenden

Nebelwolken die grausige Einsamkeit fühlbar, in der ich mich befand.

Doch glücklich ward auch diese Tagereise (die vierte von Quito)

vollbracht, und ohne Unfall erreichte ich Guaranda.

Hier kam ich abermals zu einer mir ganz neuen Scene zurecht. Es

war gerade Sonntag, und die Leute unterhielten sich mit einem sein

sollenden Stiergefecht, das aber eben so läppisch und erbärmlich

war, wie die Künste des Taschenspielers in Quito. Dem Stier waren an

den Hörnern Stricke befestigt, die von vielen Männern an zwei Seiten

gehalten wurden, so daß er sich weder links noch rechts einen Schritt

weiter bewegen konnte, als man es für gut fand. Man suchte ihn durch

Zuwerfen von bunten Tüchern und anderen Gegenständen aufzureizen,

allein ohne Erfolg; er blieb ruhig stehen und blickte die versammelte

Volksmenge wie verblüfft an. Am Ende warf man ihm gar eine Schlinge um

den Hals und band ihm die Füße. Nachdem er so gefesselt war, stürmten

die Männer und Jungen auf ihn ein und quälten ihn auf allerlei Weise.

Viele waren auch zu Pferde und jagten im Triumphe um ihn herum; es

konnte kein grausameres und zugleich alberneres Kinderspiel geben

als dieses. Was würden die guten, gemütlichen Hindostaner von diesen

Menschen gedacht haben, wenn sie dieselben eine so schmähliche

Tierquälerei hätten verüben sehen! Nachdem das Spiel mehrere Stunden

gewährt, die Männer, gleich Schuljungen dem gefesselten Thiere

gegenüber ihren Muth und ihre Unerschrockenheit gezeigt, machte die

Nacht dieser edlen Unterhaltung ein Ende.

Ich mußte in Guaranda einen Tag bleiben, um frische Thiere zu miethen.

Ich verstand nun schon so viel von der Spanischen Sprache, um mit den

Leuten ein wenig verkehren zu können und ihre Gespräche aufzufassen.

Zu meinem Erstaunen hörte ich Frauen in Gegenwart ihrer Kinder, in

Gegenwart von Männern und Jünglingen Gegenstände besprechen, die bei

uns kaum zwischen Frauen allein besprochen werden. Diese Leute haben

nicht das geringste Zartgefühl. Ein Herr, der auf Besuch zu der Familie

kam, bei welcher ich wohnte, zog ohne Umstände sein Reitbeinkleid, das

er über ein anderes Beinkleid trug, vor der ganzen Gesellschaft aus.

Ich fand in Guaranda einen Italiener, den ich ersuchte, die Thiere

für mich auszuhandeln, und die Dauer der Reise auf vier Tage

festzustellen. Man macht sie, wenn die Regenzeit im Abnehmen ist,

gewöhnlich in drei Tagen; ich wollte aber vier Tage dazu verwenden,

weil man durch viele Waldungen und Gebüsche kommt, die von Insekten und

Schmetterlingen reich belebt sind, so daß ich mir eine ausgiebige Jagd

versprechen konnte. Ich bezahlte deshalb für die Thiere auch mehr als

den gewöhnlichen Preis. Der Vermiether verlangte die ganze Summe in

vorhinein; ich wollte nur die Hälfte erlegen, um den Arriero in meiner

Gewalt zu haben. Allein der Italiener gab vor, den Mann gut zu kennen,

und versicherte mir, daß ich nichts dabei wage, wenn ich das ganze Geld

sogleich gäbe. Leider that ich es. Kaum waren wir eine Tagereise von

Guaranda entfernt, so sagte mir der Arriero, daß ich die Reise in drei

Tagen machen müsse, sein Herr habe es ihm so aufgetragen. Vergebens

berief ich mich auf die Versicherung des Italieners, auf die größere

Bezahlung. Das Geld war in den Händen des Eigentümers, und wie mir der

Arriero sagte, hatte sein Herr dem Italiener einen kleinen Theil davon

abgegeben, damit er mich zur Vorausbezahlung bewege. Gegen dergleichen

Betrügereien ist freilich nichts zu machen -- kein Mensch hätte meine

Klage angehört, niemand mir Recht verschafft.

Die Wege von Guaranda nach Savanetta waren noch gefährlicher als auf

der Herreise, da es viel und stark bergab ging. Die Thiere glitten

beinahe bei jedem Schritte aus, oder stolperten über die Steine, oder

fielen in die Löcher, von welchen die Straße voll war. Ich hatte das

Unglück, daß mein Maulthier gerade an einem sehr steilen Abhange in ein

Loch stürzte, wobei der Sattelgurt riß, so daß ich mit dem Sattel über

den Kopf des Thieres flog. Der Arriero, statt mir zu helfen, lachte aus

vollem Halse über meinen Sturz. Glücklicherweise kam ich unbeschädigt

davon.

In die größte Lebensgefahr aber geriet ich auf dem Flusse Guaya. Ich

mußte nämlich von Savanetta bis Guayaquil in einem kleinen Boote fahren

(drei Tage). Während des Fahrens an die Außenseite steigend, hatte

ich das Unglück auszugleiten und in den Fluß zu stürzen, der voll von

Kaimans ist. Im ersten Augenblicke erschrack ich nicht so sehr, obwohl

ich nicht schwimmen konnte, da ich dachte, daß die Bootsleute gute

Schwimmer seien und mich gewiß augenblicklich heraus holen würden.

Ich wußte auch, daß ich zweimal an die Oberfläche des Wassers käme,

und sie mich derart leicht sehen könnten. Die Kaimans hatte ich ganz

vergessen. Als ich aber das erste Mal an die Oberfläche kam, sah ich

mich vergebens nach einem Retter um -- ich hatte gerade nur so viel

Zeit, das Boot zu gewahren und zu bemerken, daß die Leute gar keine

Miene machten, mir zu Hülfe zu kommen. Ich sank das zweite Mal. Nun

bekam ich wohl Angst, verlor aber zum Glück die Besinnung nicht; ich

wußte, daß man die Hände vor sich strecken und gleich Rudern gebrauchen

müsse -- ich versuchte, was in meinen Kräften lag -- auf menschliche

Hülfe hatte ich nicht mehr zu rechnen. Und siehe -- als ich zum zweiten

Male auftauchte, befand ich mich unmittelbar an dem Boote; ich hatte

nur nöthig, mich daran zu klammern. Die Bootsleute betrachteten dieß

alles ruhig und gelassen; keiner reichte mir die Hand oder ein Ruder.

Einer der Reisenden (ein Eingeborner) half mir in das Boot. Ich gestehe

aufrichtig, daß, wenn ich dieser Scene gedenke, es mich heute noch

kalt überläuft. Gottes Schutz schien mich auf allen meinen Reisen zu

geleiten, bewahrte mich in zahllosen Gefahren; aber so augenscheinlich,

so unverkennbar ruhte seine Hand nie auf mir wie dießmal. Ich kann

mit Worten meine Gefühle nicht ausdrücken, aber tief fühle ich seine

unendliche Güte und Barmherzigkeit.

Kaum war ich gerettet, so stürzten sich zwei Bootsleute in den Strom,

um sich zu baden. Sie schwammen die längste Zeit um das Boot herum;

es war gerade, als wollten sie mir zeigen, daß sie mir hätten helfen

können, wenn sie gewollt.

Als ich in Guayaquil meinen Unglücksfall erzählte, und mich über die

Schlechtigkeit der Bootsleute beklagte, wunderte man sich noch, daß sie

mich wieder in das Boot gelassen und nicht weggestoßen hatten. Es soll

sich manchmal ereignen, daß die Leute einen Reisenden, vorzüglich wenn

er fremd ist, vorsätzlich in das Wasser werfen, um sich seiner Habe zu

bemächtigen.

In Guayaquil widerfuhr mir zum Abschiede noch der letzte Betrug von

Seite eines edlen Ecuadorianers. Das Boot, in welchem ich die Fahrt von

Savanetta nach Guayaquil machte, gehörte einem reichen Kaufmann, Namens

+Alvaro+, der gleichfalls nach Guayaquil fuhr, jedoch in einem andern

Boote. In dem Preise der Ueberfahrt hatte ich mein kleines Gepäck

ausdrücklich mit einbedungen. Nichts destoweniger war der reiche Mann

so unverschämt, mir bei der Ankunft zu Guayaquil meinen Koffer nicht

auszuliefern, bis ich ihm einen halben Thaler mehr bezahlte.

Geld, Geld ist das einzige, wornach die Leute in diesem Lande

streben; die Menschen thun es zwar überall, aber doch nicht auf so

niederträchtige Weise, durch ähnlich unverschämte Betrügereien wie hier.

Von Guayaquil fuhr ich mit dem Dampfer wieder nach Panama, wo ich

am 21. Mai anlangte und von ~Dr.~ +Autenrieth+ herzlich willkommen

geheißen wurde. Wenige Tage später ging ich über den Isthmus nach

+Aspinwall+, eine sehr kleine Reise (117 englische Meilen), die aber,

wie ich bereits beschrieben, sehr großes Geld kostet. Eine Eisenbahn

war nun schon zum größten Theile vollendet, man war der lästigen

Flußfahrt überhoben und hatte nur mehr sechszehn englische Meilen zu

reiten. Diese kleine Strecke kostete fünfzehn Thaler. Für das Gepäck

mußte man per Pfund fünfzehn Cents (hundert auf einen Dollar) bezahlen.

Ein Platz auf der Eisenbahn kostete 12½ Thaler. Glücklicherweise

gehört die Eisenbahn einer Amerikanischen und nicht einer Englischen

Gesellschaft; in Folge dessen gab man mir mit größter Bereitwilligkeit

unentgeldlich eine Karte.

In einigen Monaten wird die Eisenbahn bis Panama beendet sein, und der

Reisende diesen vor kurzem noch so beschwerlichen Uebergang in wenigen

Stunden machen können.

In Aspinwall wird man von Trägern, Wirthen und dergleichen Volk auf

wahrhaft Kalifornische Art mitgenommen. In den ersten Gasthöfen zahlt

man per Tag vier und fünf, in den billigsten zwei Dollars.

Aspinwall besteht erst seit anderthalb Jahren. Dieses junge Städtchen

hat ein ganz Nordamerikanisches Ansehen; die Häuser sind alle von

Holz und wurden aus den Vereinigten Staaten herüber gebracht, wodurch

sie billiger zu stehen kommen, als wenn sie bei der übertrieben

theuern Arbeit hier angefertigt worden wären. Wo der Amerikaner

etwas zu verdienen hofft, ist er flink bei der Hand; nur will er

die Gelegenheiten gar zu gut benützen, und prellt den Reisenden wo

er kann -- das thut aber der Amerikaner nicht allein, das thun alle

civilisirten und uncivilisirten christlichen Völker.

Am +31. Mai+ Abends verließ ich Aspinwall auf dem schönen Dampfer

„Eldorado“, Kapitän +Grey+, mit der Bestimmung nach Neu-Orleans.

[21] Ich besuchte einige der vorzüglichsten Ateliers und fand überall

die gleich schlecht geschnitzten, hölzernen Figuren, wie in den

Kirchen.

[22] Hier wie in Peru nennt sich zwar alles „Alt-Spanier“, was nur

einige Tropfen Spanischen Blutes in seinen Adern hat, und nicht

reiner Indianer oder Neger ist; allein die Regierung geht, der

jährlichen drei Thaler wegen, dabei etwas genauer zu Werke.

Meine zweite Weltreise(#75640) · 第 6 / 6 题