war ihm teuer, und er sah, daß ihre Enttäuschung sie gleichgültig
dagegen machte. »Sagen Sie mir jetzt nichts, Miß Lindsay, damit Sie
nicht --«
»Was habe ich gesagt? Was soll ich sagen?«
»Nichts, außer über meine eigenen Angelegenheiten. Ich liebe Sie von
Herzen.«
Sie machte eine ungeduldige Bewegung, als ob das eine sehr
gleichgültige Sache sei.
»Ich hoffe, Sie glauben mir das,« sagte er furchtsam.
Gertrude machte eine Anstrengung, um ihre gewöhnliche Zurückhaltung als
Dame wiederzugewinnen, aber ihre Energie ließ nach, bevor sie mehr als
ihren Kopf erhoben hatte. Sie sank in ihre Teilnahmlosigkeit zurück und
machte eine schwache Bewegung des Widerstrebens.
»Es kann Ihnen doch nicht ganz gleichgültig sein, wenn Sie geliebt
werden,« sagte er und wurde ungeduldiger und dringender. »Sie sind mein
ganzes Glück. Ich biete Ihnen meine Dienste und meine Verehrung an.
Ich bitte Sie um keine Belohnung.« Er sprach jetzt sehr schnell und
fast unhörbar. »Sie mögen meine Liebe annehmen, ohne sie zu erwidern.
Ich wünsche -- ich suche keinen Vorteil zu erlangen. Wenn Sie einen
Freund brauchen, so können Sie sich auf mich viel vertrauensvoller
verlassen, da Sie wissen, daß ich Sie liebe.«
»Oh, Sie glauben das,« unterbrach ihn Gertrude. »Aber Sie werden
darüber hinwegkommen. Ich bin nicht die Art von Frauen, in die sich die
Männer verlieben. Sie werden bald Ihre Neigung ändern.«
»Sie sind nicht die Art? Oh, wie wenig wissen Sie!« sagte er und wurde
beredt. »Ich hatte übergenug Zeit, anderen Sinnes zu werden, aber ich
bin darin so fest wie jemals. Wenn Sie Zweifel haben, dann warten Sie
und stellen Sie mich auf die Probe. Aber behandeln Sie mich nicht rauh.
Sie quälen mich mehr als Sie denken, wenn Sie heftig oder gleichgültig
sind. Ich spreche im Ernst.«
»Ha, ha! Das ist leicht gesagt.«
»Nicht von meiner Seite. Ich wechsele in meinem Urteil über andere
Leute je nach meiner Stimmung, aber ich glaube standhaft an Ihre Güte
und Schönheit -- als ob Sie ein Engel wären. Mir ist meine Liebe zu
Ihnen so ernst wie meine Liebe zu meinem eigenen Leben, das ich nur
durch Ihre Hilfe und Ihren Einfluß vervollkommnen kann.«
»Sie irren sich sehr, wenn Sie glauben, ich sei ein Engel.«
»Es ist unrecht, daß Sie sich selbst mißtrauen. Aber ich denke an das,
was ich Ihnen schuldig bin, nicht an das, was ich von Ihnen erwarte,
wenn ich Sie einen Engel nenne. Ich weiß, daß Sie für sich selber kein
Engel sind. Aber für mich sind Sie es sicher.«
Sie saß da und verharrte in eigensinnigem Schweigen.
»Ich will Sie jetzt nicht zu einer Antwort drängen. Ich bin zufrieden,
daß Sie meine Gefühle jetzt kennen. Wollen wir zusammen zurückkehren?«
Sie sah sich langsam um und blickte nach dem Schierling und von da über
den Fluß. Dann nahm sie ihren Korb, erhob sich und wandte sich mit
gezwungener Bewegung zum Gehen.
»Wollen Sie noch etwas Schierling?« fragte er. »Ich will Ihnen gerne
welchen pflücken.«
»Ich wollte, Sie ließen mich allein,« sagte sie in plötzlichem Ärger.
Dann fügte sie, etwas beschämt, hinzu: »Ich habe Kopfschmerzen.«
»Es tut mir sehr leid,« sagte er bestürzt.
»Ich habe nur nicht gerne, wenn man mit mir spricht. Es schmerzt meinen
Kopf, wenn ich zuhöre.«
Er nahm demütig sein Rad aus dem Graben und fuhr, ohne weiter ein Wort
zu sagen, neben ihr her bis Beeches. Sie gingen durch das Gewächshaus
in das Speisezimmer, wo sie voneinander schieden. Bevor sie ihn
verließ, sagte sie etwas reuig: »Ich hatte nicht die Absicht, Ihnen weh
zu tun, Mr. Erskine.«
Er errötete, murmelte etwas und versuchte, ihre Hand zu küssen. Aber
sie riß sie weg und ging schnell hinaus. Diese Zurückweisung kränkte
ihn, und er stand da und quälte sich mit den Gedanken daran, bis ihn
der Eintritt eines Dienstmädchens aufstörte. Er erfuhr von ihr,
daß Sir Charles im Billardzimmer war. Er ging zu ihm und fragte ihn
gleichgültig, ob er schon die Neuigkeit gehört habe.
»Über Miß Wylie?« fragte Sir Charles. »Ja, ich dächte. Ich glaube,
die ganze Gegend weiß es schon, obgleich sie noch keine drei Stunden
verlobt sind. Haben Sie dieses hier gesehen?« Und er legte ein paar
Zeitungen auf den Tisch.
Erskine mußte sich ein paarmal zusammennehmen, bevor er lesen konnte.
»Sie waren ein Narr, daß Sie dieses Schriftstück unterzeichnet haben,«
sagte er. »Ich habe es Ihnen damals schon gesagt.«
»Ich verließ mich darauf, daß der Bursche ein Gentleman sei,« sagte
Sir Charles erregt. »Ich sehe nicht ein, daß ich ein Narr war. Ich
sehe nur, daß er ein ungehobelter Patron ist, und wegen der Sache mit
Miß Wylie möchte ich ihm meine Meinung sagen. Ich will Ihnen nur sagen,
Chester, daß er mit Miß Lindsay ein falsches Spiel gespielt hat. Oben
ist der Teufel los. Sie hat grade Jane erzählt, daß sie sofort nach
Hause fahren muß. Miß Wylie erklärt, sie wolle nichts mit Trefusis zu
tun haben, wenn Miß Lindsay ein früheres Anrecht an ihn habe, und Jane
ist entrüstet, weil er alle Welt bewundert, nur sie nicht. Es geschieht
mir recht. Mein Instinkt warnte mich von Anfang an vor diesem Kerl.«
Grade jetzt wurde das Essen angekündigt. Gertrude kam nicht herunter.
Agatha war schweigsam und verdrießlich. Jane versuchte von Erskine
einen Bericht über sein Zusammentreffen mit Gertrude zu bekommen, aber
er enttäuschte ihre Neugierde, indem er aus seiner Beschreibung alles
ausließ, was über alltägliche Redensarten ging.
»Ich finde ihr Benehmen sehr seltsam,« sagte Jane. »Sie besteht darauf,
mit dem Vieruhrzug abzufahren. Ich betrachte das als eine Unhöflichkeit
gegen mich, besonders da sie immer so viel auf ihr feines Benehmen
gegeben hat. So etwas ist mir noch nicht vorgekommen!«
Nach Tisch gingen sie zusammen in das Gesellschaftszimmer und waren
kaum dort angelangt, als Trefusis gemeldet wurde. Er war auch schon im
Zimmer, ehe sie die Bestürzung verbergen konnten, die sein Name auf
ihren Gesichtern hervorrief.
»Ich komme, um mich zu verabschieden,« sagte er. »Ich finde, daß ich
mit dem Vieruhrzug zur Stadt fahren muß, um meine Angelegenheiten
persönlich in Ordnung zu bringen. Die Telegramme, die ich erhalten
habe, reden nur von Aufschub. Haben Sie die >Times< gelesen?«
»Gewiß habe ich das,« sagte Sir Charles nachdrücklich.
»Sie stehen auch schon in einigen anderen Zeitungen und werden im
Laufe der nächsten vierzehn Tage noch in ein weiteres halbes Dutzend
hineinkommen. Leute, die sich zu einer Ansicht bekannt haben, haben
immer Ärger mit den Zeitungen, einige, weil sie nicht hineinkommen
können, andere, weil man sie nicht draus läßt. Wenn Sie ein donnerndes
revolutionäres Manifest erlassen hätten, keine Tageszeitung würde
es wagen, darauf anzuspielen. Es gibt doch keine Feigheit, wie die
Feigheit vor der Fleetstreet! Ich muß forteilen, Ich habe noch viel
zu tun, bevor ich abreise, und es geht auf drei Uhr an. Adieu, Lady
Brandon, und die andern.«
Er schüttelte Jane die Hand, nickte den andern einzeln zu, wobei er zu
Agathas Gunsten keine Ausnahme machte, und eilte hinaus. Sie starrten
ihm einen Augenblick nach, und dann rannte Erskine hinaus und die
Treppe hinunter, indem er immer zwei Stufen auf einmal nahm. Trotzdem
mußte er bis zur Allee laufen, bis er seinen Mann einholte.
»Trefusis,« sagte er atemlos, »Sie dürfen nicht mit dem Vieruhrzug
fahren.«
»Warum nicht?«
»Miß Lindsay fährt mit demselben Zug zur Stadt.«
»Um so besser, mein lieber Junge, um so besser. Sie sind doch jetzt
nicht mehr eifersüchtig auf mich?«
»Sehen Sie, Trefusis. Ich weiß nicht und frage auch nicht, was zwischen
Ihnen und Miß Lindsay vor sich gegangen ist. Aber Ihre Verlobung hat
sie ganz aus der Fassung gebracht, und sie flieht nur deswegen nach
London. Wenn Sie hört, daß Sie mit demselben Zug fahren, wird sie bis
morgen warten, und ich glaube, der Aufschub würde ihr sehr unangenehm
sein. Wollen Sie ihr auch diese Pein noch zufügen?«
Trefusis war augenscheinlich verwirrt und sah Erskine zweifelnd an,
indem er einen Augenblick überlegte. »Ich glaube, Sie sind in dieser
Sache auf einer falschen Fährte,« sagte er. »Meine Beziehungen zu
Miß Lindsay hatten nichts mit Gefühlen zu tun. Haben Sie ihr etwas
gesagt -- ich meine, in Ihrer eigenen Sache?«
»Ich habe über beide Angelegenheiten mit ihr gesprochen und weiß aus
ihrem eigenen Munde, daß ich recht habe.«
Trefusis stieß einen leisen Pfiff aus.
»Es ist nicht das erstemal, daß ich in dieser Sache einen klaren
Einblick gewann,« sagte Erskine bezeichnend. »Bitte, behandeln Sie die
Sache ernsthaft, Trefusis. Verzeihen Sie mir, wenn ich Ihnen offen
sage, daß nur Ihr gänzlicher Mangel an Gefühl sie wegen der Art, wie
Sie gegen sie gehandelt haben, entschuldigt.«
Trefusis lächelte. »Verzeihen Sie mir dafür meine Neugierde,« sagte er.
»Was antwortete sie Ihnen auf Ihren Antrag?«
Erskine zauderte und zeigte durch sein Benehmen, daß Trefusis nach
seiner Ansicht kein Recht zu dieser Frage hatte. »Sie sagte gar
nichts,« antwortete er.
»Hm!« sagte Trefusis. »Gut, was den Zug angeht, so können Sie sich auf
mich verlassen. Hier ist meine Hand darauf.«
»Ich danke Ihnen,« sagte Erskine mit Wärme. Sie schüttelten sich die
Hände und schieden voneinander. Trefusis ging mit einem Grinsen davon,
das alles andere als Vertrauen erweckte.
Siebzehntes Kapitel.
Gertrude, die nichts davon wußte, in welchem Grade sie schon ihre
Enttäuschung verraten hatte, glaubte, daß ihre Besorgnis für die
Gesundheit ihres Vaters, die sie als Grund zu ihrer plötzlichen
Abreise angab, ihre Freunde täuschen könnte. Es war ihr völlig
unmöglich, mit Agatha zu sprechen oder ihre Anwesenheit zu ertragen.
Eine heftige Wut erfaßte sie, wenn sie an die Art von Mitleid dachte,
die man gewöhnlich verlassenen Mädchen widmet. Das Schlimmste aber war
ihre Furcht, mit Trefusis zusammenzutreffen. Sie hatte ihn seit einiger
Zeit für einen rechtschaffenen und vollkommenen Mann gehalten, der sich
aufs stärkste für sie interessierte. Aber obgleich ihre Erziehung eine
verhältnismäßig freie gewesen war, dachte sie doch nicht entfernt an
die Möglichkeit, daß sich ein Mann für eine Frau interessieren könnte,
ohne sie heiraten zu wollen. Er hatte es in seinen ernsthafteren
Stimmungen versucht, ihr eine Empfindung dafür beizubringen, wie
gewöhnlich ihre gesellschaftliche Oberflächlichkeit war. Aber er
schmeichelte ihr dabei nur durch seine unverhehlte und auch wirklich
ernst gemeinte Überzeugung, daß sie eines höheren Lebens fähig sei. Und
dazu kam seine unverbesserliche Galanterie, der sein Humor und seine
Zärtlichkeit gegen Frauen, die er leiden konnte, Reiz und Abwechslung
gaben. Alles das konnte in einem Augenblick an die Stelle seiner
Ernsthaftigkeit treten, und Gertrude hatte ein viel zu gleichmäßiges
Wesen, um ihm darin zu folgen. Sie glaubte, er rede noch immer im
vollen Ernst, wenn er längst in blühender Romantik schwärmte, und wurde
dadurch gefährlich getäuscht. Er empfand gar keine Bedenken bei seinem
Liebesspiel, weil er sich nicht für einen Mann hielt, der den Frauen
so leicht Liebe einflößte. Andererseits wußte Gertrude nicht, daß ihre
Schönheit jeder Stunde, die man mit ihr verbrachte, einen Reiz gab, dem
wenige Männer von Phantasie und Gefühl widerstehen konnten. Sie, die
seit ihrem Austritt aus der Schule immer auf dem Heiratsmarkt gelebt
hatte, betrachtete das Liebeln als das ernsthafteste Geschäft von der
Welt. Für ihn war es nur eine angenehme Spielerei, deren Reiz durch ein
leises Bedauern, daß gar so wenig dahintersteckte, nur gehoben wurde.
Von allen Umständen bei ihrer Abreise war ihr der Kuß, den sie Agatha
anbieten mußte, am unangenehmsten. Sie war auf der Schule schon auf
sie eifersüchtig gewesen, trotzdem sie sich für die vornehmere von
den beiden hielt. Aber dieser Vorzug konnte sie kaum über Agathas
schnellere Auffassung trösten, über ihre Gewandtheit, ihren Mut, ihre
Erfindungsgabe, ihre Fähigkeit, schwierige Gedankengänge zu finden oder
ihnen zu folgen, und die daraus folgende Macht, andere zu verwirren.
Ihre Eifersucht auf diese Eigenschaften war jetzt noch verstärkt
worden, weil sie fühlte, daß Agatha darin viel mehr mit Trefusis
verwandt war als sie selbst. Es machte ihr wenig aus, wie sie sich
selbst im Vergleich mit Agatha vorkam. Aber es machte alles aus, daß
sie Trefusis langsam, steif, kalt und gekünstelt vorkam, und daß sie
ihn nicht davon überzeugen konnte, wie sie in Wirklichkeit war. Denn
sie wollte die Richtigkeit des Eindrucks nicht zugeben, den sie durch
ihr Benehmen machte, da sie ja meist das Gegenteil von dem tat, was sie
tun wollte. Sie sah sich in ihrer Einbildung nicht so, wie sie war,
sondern wie sie sein wollte. Was die einzige Eigenschaft anging, in der
sie sich stets Agatha überlegen gefühlt hatte, die sie >gute Erziehung<
nannte, so hatte grade darin Trefusis ihren Dünkel so sehr zerstört,
daß sie jetzt anfing zu zweifeln, ob es nicht ihr Hauptmangel sei.
Sie konnte kein Wort hervorbringen, als sie ihre Schulfreundin umarmte,
und Agathas Zunge war ebenfalls gelähmt. Ein Gefühl von Reue und
geheimer Zärtlichkeit erstickte ihre Worte, und ihr Schweigen würde
peinlich gewesen sein, wenn nicht Jane für alle drei genug geredet
hätte. Sir Charles saß draußen im Wagen und wartete, um Gertrude nach
der Station zu fahren. Erskine hielt sie im Hausflur auf, als sie
hinausgehen wollte. Er sagte ihr, er würde trostlos sein, wenn sie fort
wäre, und bat sie, seiner zu gedenken. Seine kleine Bitte rührte sie
wenig, und ihr fiel nur auf, daß sie das beredte Flehen, das in seinen
dunklen Augen lag, schon einmal bei den Känguruhs im Zoologischen
Garten gesehen hatte.
Während sie auf der Station zum Zuge ging, brachte er die Pferde in
Ordnung, um von der peinlichen Unterhaltung über die plötzliche Abreise
seines Gastes entbunden zu sein. Er hatte ein paar Bemerkungen über die
Ängstlichkeit der jungen Pferde gemacht und über das Wetter, bis sie
das hübsche Stationsgebäude erreichten, das auf freiem Felde stand und
von dem Bahnsteig aus einen Blick über den Fluß gewährte. Zwei Wagen
waren da, zwei Gepäckträger, ein Bücherstand und ein Erfrischungsraum,
hinter dessen Bar sich eine verblühte Schönheit abhärmte. Sir Charles
hielt sich noch am Schalter auf, um für Gertrude, die schon auf den
Bahnsteig gegangen war, ein Billett zu kaufen. Der erste Mensch, den
Gertrude sah, war Trefusis, der dicht neben ihr stand.
»Ich fahre mit diesem Zuge zur Stadt, Gertrude,« sagte er schnell. »Ich
darf mich Ihnen wohl zur Verfügung stellen. Ich habe Ihnen etwas zu
sagen, denn es ist da ein Mißverständnis zwischen uns entstanden, das
ein Ende nehmen muß. Sie --«
Grade jetzt kam Sir Charles heraus und stand erstaunt da, als er sie in
der Unterhaltung sah.
»Ich fahre zufällig mit diesem Zug,« sagte Trefusis. »Ich will für
Miß Lindsay sorgen.«
»Miß Lindsay hat ihr Mädchen bei sich,« sagte Sir Charles fast
stotternd und blickte auf Gertrude, deren Gesichtsausdruck
undurchdringlich war.
»Wir können in den Pullmanwagen einsteigen,« sagte Trefusis. »Wir sind
dort so ungestört wie in einer Ecke eines überfüllten Salons. Ich darf
doch mit Ihnen reisen, nicht wahr?« sagte er, als er Sir Charles'
verwirrten Blick sah, und wandte sich an sie um besondere Erlaubnis.
Sie fühlte, wenn sie ihn abwies, dann stieß sie ihre letzte Aussicht
auf Glück von sich. Indessen beschloß sie, es doch zu tun, und wenn
sie vor Schmerz auf dem Wege nach London sterben sollte. Als sie ihren
Kopf erhob, um es ihm um so ausdrucksvoller zu verbieten, begegnete sie
seinem Blick, der ernst und erwartungsvoll war. Für einen Augenblick
verlor sie ihre Fassung, und so sagte sie: »Ja, ich werde mich sehr
freuen.«
»Gut, wenn das der Fall ist,« sagte Sir Charles in einem Tone, als ob
seine Sympathie durch ein unverzeihliches Verbrechen verwirkt worden
sei, »dann hat es keinen Zweck, wenn ich hier warte. Ich lasse Sie in
den Händen von Mr. Trefusis. Adieu, Miß Lindsay.«
Gertrude fuhr zurück. Es wurde ihr schwer, von einem Mann, der sonst
immer freundlich war, beim Abschied diese Unfreundlichkeit zu ertragen.
Sie wollte ihm schon schweigend die Hand anbieten, als Trefusis sagte:
»Warten Sie, bis wir abfahren. Wenn wir zufällig auf der Reise getötet
werden -- was auf einer englischen Bahn leicht möglich ist -- werden
Sie sich selbst später Vorwürfe machen, wenn Sie uns nicht im letzten
Augenblick gesehen haben. Hier ist der Zug, Sie werden keine Minute
verlieren. Sagen Sie Erskine, daß Sie mich hier gesehen haben, daß
ich mein Versprechen nicht vergessen habe, und daß er sich auf mich
verlassen kann. Gehen Sie hier hinein, Miß Lindsay.«
»Mein Mädchen,« sagte Gertrude bedenklich, denn sie wollte nicht so
kostspielig reisen. »Sie --«
»Sie kommt mit uns, um auf mich acht zu geben. Ich habe für alle
Billette,« sagte Trefusis und half ihnen hinein.
»Aber --«
»Bitte einsteigen,« sagte der Schaffner. »Fahren Sie mit, mein Herr?«
»Adieu, Sir Charles. Grüßen Sie vielmals Lady Brandon und Agatha und
die lieben Kinder. Und ich danke auch für die sehr angenehme --« Jetzt
fuhr der Zug ab, und Sir Charles wurde weich. Er lächelte und schwenkte
seinen Hut, bis er plötzlich Trefusis' Gesicht sah, auf dem ein so
satanisches Lächeln lag, daß er ganz versteinert mitten in seinen
Gestikulationen einhielt und mit seinem ausgestreckten Arm wie ein
optischer Telegraph aussah.
Die Rückfahrt beruhigte ihn wieder etwas, aber er war noch ganz voller
Erstaunen, als er im Gesellschaftszimmer in Beeches Agatha, seine Frau
und Erskine traf. Im Augenblick, als er hereintrat, sagte er ohne jede
Einleitung: »Sie ist mit Trefusis davongefahren.«
Erskine, der gelesen hatte, fuhr empor und packte sein Buch, als wollte
er es nach jemand schleudern. Dann schrie er: »War er am Zug?«
»Ja, und er ist mit nach der Stadt gefahren.«
Erskine schleuderte das Buch heftig auf den Boden. »Dann ist er ein
Schurke und ein Lügner,« sagte er.
»Was ist los?« fragte Agatha, sich erhebend, während Jane ihn mit
offenem Munde anstarrte.
»Ich bitte Sie um Verzeihung, Miß Wylie, ich vergaß sie. Er verpfändete
mir seine Ehre, daß er nicht mit diesem Zuge gehen wollte. Ich werde
--« Er eilte aus dem Zimmer. Sir Charles lief hinter ihm her und holte
ihn unten an der Treppe ein.
»Wo gehen Sie hin? Was wollen Sie tun?«
»Ich will dem Zug folgen und ihn an der nächsten Station abfangen. Ich
kann das mit meinem Rad.«
»Unsinn, Sie sind verrückt. Sie haben einen Vorsprung von
fünfunddreißig Minuten, und der Zug macht fünfundvierzig Meilen in der
Stunde.«
Erskine setzte sich auf die Treppe und starrte ausdruckslos auf die
gegenüberliegende Wand.
»Sie müssen ihn mißverstanden haben,« sagte Sir Charles. »Ich sollte
Ihnen mitteilen, daß er sein Versprechen nicht vergessen habe und daß
Sie sich auf ihn verlassen könnten.«
»Was ist denn geschehen?« fragte Agatha, die, von Lady Brandon gefolgt,
herunterkam.
»Miß Wylie,« sagte Erskine aufspringend, »er gab mir sein Wort, als ich
ihm sagte, daß Miß Lindsay mit diesem Zuge führe, daß er nicht hingehen
werde. Er hat sein Wort gebrochen und diese Gelegenheit benutzt, da
ich töricht und leichtgläubig genug war, ihm davon zu erzählen. Wenn
ich an Ihrer Stelle gewesen wäre, Brandon, ich hätte ihn eher erwürgt
oder unter die Räder geworfen, ehe ich ihn hätte gehen lassen. Wie
bei jeder Gelegenheit, hat er sich auch jetzt wieder als Schwindler
und Verschwörer gezeigt, als ein Mann von Schleichwegen, Ränken,
Kunstgriffen, verlogenen Spitzfindigkeiten, herzloser Selbstsucht,
grausamem Zynismus --« Er hielt inne, um Atem zu schöpfen, und Sir
Charles legte sich ins Mittel.
»Sie regen sich wegen gar nichts auf, Chester. Sie sind mit ihrem
Mädchen und vielen andern Leuten in einem Pullmanwagen, und sie gab
ihm ausdrücklich Erlaubnis, mit ihr zu fahren. Er fragte sie offen
in meiner Gegenwart, und ich muß gestehen, ich fand es eine starke
Zumutung, daß sie zustimmen sollte. Jedenfalls stimmte sie zu, ich war
natürlich nicht in der Lage, ihn zu hindern, nach London zu gehen,
wenn es ihm Spaß machte. Also machen Sie keine Szene, alter Junge. Wir
können es nicht ändern.«
»Es tut mir sehr leid,« sagte Erskine und ließ den Kopf hängen. »Ich
wollte keine Szene machen. Ich bitte Sie um Verzeihung.«
Er ging auf sein Zimmer, ohne noch etwas zu sagen. Sir Charles
folgte ihm und versuchte, ihn zu trösten. Aber Erskine erfaßte seine
Hand und bat, ihn allein zu lassen. So kehrte denn Sir Charles in
das Gesellschaftszimmer zurück, wo seine Frau endlich einmal vor
Verlegenheit kaum zu bemerken wagte, daß sie so etwas noch nie in ihrem
Leben gehört hätte.
Agatha verhielt sich schweigend. Sie war schon vor langer Zeit ganz
von selbst zu der Ansicht gekommen, daß sie und Trefusis die einzigen
Mitglieder der Gesellschaft auf Beeches waren, die viel gesunden
Verstand hatten. Deshalb glaubte sie auch nicht leicht, daß bei einem
Mißverständnis Trefusis unrecht und Erskine recht hatte. Agatha besaß
eine leichtfertige Art, die Leute, deren Gewohnheiten und Gedanken von
den ihrigen abwichen, als Esel abzutun. Von allen Arten von Männern
verkörperte ein unbedeutender Dichter am meisten ihre Vorstellung von
einem menschlichen Esel, und Erskine, obgleich er wirklich ein hübscher
Mensch und durchaus gut und anständig war, er war doch nach ihrer
Meinung nur ein minderwertiger Dichter und daher ein ausgesprochener
Esel. Trefusis dagegen war der letzte Mann in ihrer Bekanntschaft,
den sie für einen wirklich hübschen Menschen oder einen sittsamen
Gentleman gehalten hätte. Aber er war kein Esel, obgleich er hartnäckig
an seinen sozialistischen Liebhabereien hing. Sie hatte ihn wirklich
im Verdacht einer fast eselhaften Schwäche gegenüber Gertrude gehabt,
aber in ihren Beziehungen zu Frauen waren nun einmal alle Männer
Esel, und seit er seine Schwäche auf sie übertragen hatte, brauchte
er keine Rechtfertigung mehr. Aber jetzt, da sie sich über Erskine,
den sie bemitleidete, beruhigte, empfand sie die Reise Trefusis' mit
Gertrude voll Unwillen als einen Eingriff in ihren soeben erlangten
Alleinbesitz seiner Person. Gertrude hatte einen gewissen Schein von
aristokratischem Stolz an sich, um den Agatha sie früher beneidet
hatte, und sie fürchtete jetzt, Trefusis möchte ihn für ein Anzeichen
von Gesinnungsadel und feiner Lebensart halten. Agatha glaubte nicht,
daß ihr Unwille das gewöhnliche Gefühl war, das man Eifersucht nennt,
denn sie hielt sich noch immer für eine Ausnahmenatur, aber es gab
ihr doch eine Empfindung, gekränkt zu sein, was ihre Stimmung nicht
verbesserte.
Das Diner war langweilig. Lady Brandon sprach in einem leisen Tone, als
ob im Nebenzimmer eine Leiche liege. Erskine litt unter dem Bewußtsein,
daß er am Nachmittage seinen Kopf verloren und töricht gehandelt habe.
Sir Charles kam auch nicht über die bange Ungewißheit fort, die sie
alle wegen der Reise nach London empfanden. Er aß und trank und sagte
nichts. Agatha, die sich über sich selbst und über Gertrude ärgerte und
schwankte, ob sie sich auch über Trefusis ärgere oder ihm herzliches
Vertrauen schenken sollte, folgte dem Beispiel ihres Wirtes. Nach dem
Essen begleitete sie ihn bei einer Reihe Schubertliedern. Aber das
machte die Stimmung nicht leichter, sondern noch schwerer. Sir Charles
zog melancholische Lieder vor, da er grade den Schmerz am besten zum
Ausdruck bringen konnte. Und da seine musikalischen Ansichten wie
bei den meisten Engländern sich auf dem gründete, was er in seinen
Kinderjahren in der Kirche gehört hatte, so war sein Vortrag unangenehm
eintönig. Agatha benutzte die erste passende Gelegenheit, um sich vom
Klavier zurückzuziehen. Sir Charles fühlte, daß sein Vortrag nicht
gelungen war, und bemerkte, nachdem er ein- oder zweimal gehustet
hatte, er hätte sich wohl auf der Rückfahrt von der Station erkältet.
Erskine saß mit gesenktem Kopf auf dem Sofa und ließ die gefalteten
Hände zwischen den Knien herabsinken. Agatha stand am Fenster und sah
in die letzte Glut des Sommerabends. Jane gähnte und brach dann das
Schweigen.
»Du hast genau den Blick wie auf der Schule, ich könnte mir fast
vorstellen, daß wir wieder auf Numero Sechs wären.«