Agatha schüttelte ihren Kopf.

»Seh ich jemals so aus wie jene -- wie ich damals war?«

»Niemals,« sagte Agatha bestimmt, indem sie sich umwandte und die

Gestalt betrachtete, von der Miß Carpenter nur eine unreife Vorstufe

gewesen war.

»Aber warum nicht?« fragte Jane murrend. »Ich sehe nicht ein, warum ich

das nicht sollte. Ich habe mich doch nicht so verändert.«

»Du bist eine außergewöhnlich schöne Frau geworden, Jane,« sagte Agatha

ernst und wandte dann, ohne zu wissen warum, ihren forschenden Blick

auf Sir Charles, der unruhig wurde und hinausging. Eine Minute später

kehrte er zurück und hatte zwei gelbbraune Umschläge in der Hand.

»Ein Telegramm für Sie, Miß Wylie, und eins für Chester.«

Erskine fuhr, blaß vor unbestimmter Furcht, auf. Agathas Farbe verlor

sich und kam in verstärktem Maße wieder, als sie las:

Ich bin wohlbehalten angekommen und lächerlich glücklich. Lesen Sie

tausend Dinge zwischen den Zeilen. Ich werde morgen schreiben. Gute

Nacht.

»Du kannst es lesen,« sagte Agatha und gab es Jane.

»Sehr hübsch,« bemerkte diese. »Grade für einen Schilling

Aufmerksamkeit -- genau zwanzig Worte! Er kann sich mit Recht einen

Ökonom nennen.«

Plötzlich begann Erskine ein krähendes Lachen, daß sie sich nach ihm

umwandten und ihn anstarrten. »Welch ein Unsinn!« sagte er errötend.

»Was das für ein Kerl ist! Ich lege nicht den mindesten Wert darauf.«

Agatha faßte das Telegramm an einer Ecke und zog langsam daran.

»Nein, nein,« sagte er und hielt es fest. »Es ist zu lächerlich. Ich

glaube nicht, daß ich --«

Agatha riß es jetzt an sich und las den Inhalt laut vor. Das Telegramm

war von Trefusis.

»Ich verzeihe Ihnen Ihre Gedanken seit Brandons Rückkehr. Schreiben Sie

ihr heute abend und folgen Sie morgen persönlich Ihrem Brief, um eine

zustimmende Antwort zu bekommen. Ich versprach Ihnen, Sie könnten sich

auf mich verlassen. Sie liebt Sie.«

»So was habe ich in meinem Leben noch nicht gehört,« sagte Jane.

»Niemals.«

»Er ist wirklich ein ganz seltsamer Mensch,« sagte Sir Charles.

»Ich bin um meinetwillen froh, daß er nicht so schwarz ist, wie man

ihn gemalt hat,« sagte Agatha. »Sie können jedes Wort davon glauben,

Mr. Erskine. Tun Sie bestimmt, was er Ihnen sagt. Er weiß ganz sicher,

daß er sich nicht irrt.«

»Pah!« sagte Erskine und zerknitterte das Papier und steckte es in die

Tasche, als wäre es keines zweiten Blickes wert. Gleich darauf schlich

er sich fort und kam nicht wieder. Als sie im Begriff waren, sich

zurückzuziehen, fragte Sir Charles ein Mädchen, wo er sei.

»In der Bibliothek, Sir Charles. Er schreibt.«

Sie sahen sich gegenseitig bezeichnend an und gingen zu Bett, ohne ihn

zu stören.

Achtzehntes Kapitel.

Als Gertrude sich mit Trefusis in dem Pullmanwagen befand, wunderte

sie sich, wie sie dazu kam, gegen ihren Entschluß, wenn nicht gegen

ihren Willen, mit ihm zu fahren. Es waren noch zwei Frauen da, die

sie mit mißtrauischen Blicken beobachteten, als ob sie mit schlechten

Absichten hierhergekommen sei. Ferner ein Herr, der etwas weiter absaß

und sie bewunderte; ihr Mädchen, das Trefusis' Zeitungen las und grade

außerhalb der Hörweite war; ein Herr vom Lande, der gleichgültig und

mürrisch aus dem Fenster blickte; ein Kaufmann aus der City, der in

den >Economist< vertieft war, und eine höfliche Dame, die sie zwar

nicht anstarrte, aber doch im stillen beobachtete. Gertrude fühlte,

daß sie in Gegenwart aller dieser Menschen keine Szene machen durfte,

aber sie wußte, daß sie nicht hierhergekommen war, um eine gewöhnliche

Unterhaltung zu führen. Sie brauchte auch darüber nicht lange im

ungewissen zu bleiben. Er begann sofort zu sprechen und ging ohne

Umschweife auf den Kernpunkt der Sache los.

»Was denken Sie über meine Verlobung?«

Diese Frage war mehr, als sie ruhig ertragen konnte. »Was geht das mich

an?« fragte sie unwillig. »Ich habe nichts damit zu tun!«

»Nichts? Dann ist es mit Ihrer Freundschaft für mich nicht weit her.

Und ich hielt Sie für einen meiner besten Freunde.«

Sie machte eine Bewegung, als wollte sie ihn anblicken. Aber sie besann

sich. Sie preßte ihre Lippen zusammen und starrte auf den leeren Sitz

vor ihr. Für den Vorwurf, den er nach ihrer Ansicht verdiente, fand sie

keinen Ausdruck.

»Ich habe noch immer diese Überzeugung, trotzdem Miß Lindsay so

gleichgültig gegen meine Angelegenheiten ist. Aber ich muß auch

gestehen, ich weiß kaum, wie ich Ihnen etwas mehr Teilnahme für mich

einflößen soll. Sie sind erstens niemals verheiratet gewesen, ich

aber wohl. Dann sind Sie so viel jünger als ich, und zwar nicht nur

an Jahren. Höchst wahrscheinlich stammen Ihre Ansichten über solche

Dinge meistens aus Romanen, in denen ein glücklicher Ausgang schon so

wie so an sehr seltsame Umstände geknüpft ist -- an Umstände, die im

wirklichen Leben ganz andere Folgen haben. Wenn Ihre Freundschaft ein

Kapitel aus einem Roman wäre, was würde wohl das Ende sein? Nun, ich

müßte Sie entweder heiraten oder Ihnen durch meine Treulosigkeit das

Herz brechen.«

Gertrudes Augen wanderten umher, als habe sie die Absicht, zu

entfliehen.

»Aber unsere Beziehungen sind solche des wirklichen Lebens und darum

viel zartere als die eines Romanes. Ich habe nie davon geträumt, Sie

zu heiraten. Ich habe Ihre Freundschaft gewonnen und sie genossen,

ohne dabei geschäftliche Pläne zu haben, von denen sich die Menschen

des neunzehnten Jahrhunderts sonst nicht einmal im Schlafe freimachen.

Und Sie sind mir gegenüber ebenso uninteressiert und denken gar nicht

daran, sich das Herz brechen zu lassen. Aber ich glaube, daß Sie etwas

verletzt sind, weil ich einen so wichtigen Schritt, wie die Heirat

mit Agatha, überlegt und ausgeführt habe, ohne Ihnen meine Absicht

anzuvertrauen. Und zur Strafe sagen Sie mir, daß Sie nichts damit zu

tun hätten -- daß es Ihnen ganz gleichgültig sei. Doch ich habe diesen

Schritt gar nicht vorher überlegt und konnte ihn daher auch nicht vor

Ihnen verhehlen. Es geschah in weniger als einer Minute, daß ich den

Entschluß faßte und ihn ausführte. Obgleich meine erste Heirat eine

törichte Liebesgeschichte und ein Fehler war, so war ich mir doch immer

darüber im klaren, daß ich wieder heiraten müßte. Ein Junggeselle ist

ein Mann, der sich jeder Verantwortlichkeit und jeder Verpflichtung

entzieht. Ich suche sie aber grade und halte es für meine Schuldigkeit,

bei meinem ungeheuren Überfluß an Reichtum meine Neigungen nicht zu

sehr anwachsen zu lassen. Bei alledem hatte ich aber keine Eile. Es

gab so viele Dinge, die mich beschäftigten, ich liebte die Freiheit

meines Junggesellenlebens und wußte auch manchmal nicht, ob es recht

war, noch mehr Müßiggänger auf die Welt zu setzen, die die Arbeiter

ernähren mußten. Dazu kam die gewöhnliche Schwierigkeit, ein passendes

Mädchen zu finden. Ich wollte keine Gehilfin haben, ich kann mir selber

helfen. Ebensowenig erwartete ich eine hingebende Liebe zu finden. Das

Menschengeschlecht hat noch keinen Mann hervorgebracht, den man bei

intimer Bekanntschaft liebt. Sogar meine Eigenliebe ist weder tief noch

dauernd. Ich wollte einen munteren Gefährten für das häusliche Leben

haben, und es kam mir plötzlich der Gedanke, Agatha sei vielleicht

noch das Passendste, was ich auf dem Heiratsmarkt finden konnte. Denn

es ist sehr schwer, hier etwas Zusagendes zu finden, und wenn man

in der Hoffnung, etwas Besseres zu finden, zu lauge zaudert, dann

schnappen einem die andern noch den besten Handel vor der Nase weg.

Ich bewundere Agathas Mut und Befähigung. Ich glaube, ich werde ihr

Zuneigung zu mir einflößen, und dann wird unsere Vereinigung zu einem

festen Bande verwachsen, wie es für zwei verschiedene Wesen zuträglich

und notwendig ist. Vielleicht täusche ich mich über ihren Charakter,

denn ich kenne sie nicht so, wie ich Sie kenne, und ich habe schwerlich

soviel Zutrauen zu ihr, um mit ihr über solche Sachen wie mit Ihnen

zu sprechen. Und doch liegt auch ein romantischer Anstrich über dem

Ganzen, der mir Mut gibt. Agatha hat etwas Bezauberndes an sich. Finden

Sie das nicht auch?«

Gertrudes Bewegtheit war verschwunden. Sie antwortete mit kühler

Verachtung: »Es ist wirklich romantisch. Agatha ist sehr glücklich.«

Trefusis lachte und seufzte gleichzeitig und war froh, weil sie soviel

Selbstbeherrschung zeigte. »Es klingt so -- und vielleicht ist es auch

nichts anderes als die selbstsüchtige Berechnung eines enttäuschten

Witwers. Sie würden ein solches Angebot nicht besonders schätzen und

auch die Empfängerin nicht beneiden.«

»Nein,« sagte Gertrude mit ruhiger Geringschätzung.

»Und doch liegen hinter allen Anträgen solche Berechnungen. Wir

heiraten, um unsere Neigungen zu befriedigen, und je vernünftiger

unsere Neigungen sind, desto mehr Aussicht haben wir, daß sie wirklich

befriedigt werden. Ich sehe, Sie sind über mich enttäuscht. Ich

habe das befürchtet. Sie gehören zu der Art Frauen, die nur eine

Entschuldigung für die Ehe kennen -- die Liebe, die reine Gefühlsliebe,

die für jede Überlegung blind ist.«

»Ich interessiere mich wirklich nicht --«

»Sagen Sie das nicht, Gertrude. Ich beobachte ängstlich jeden Schritt,

den Sie tun, und ich glaube nicht, daß es Ihnen gleichgültig ist, ob

ich mich würdig verhalte. Glauben Sie mir, Liebe ist eine überschätzte

Leidenschaft. Man würde längst jedes Zutrauen dazu verloren haben, wenn

nicht die jungen Leute und die Romanschriftsteller, die von solchen

Tollheiten leben, ein immerwährendes Interesse daran hätten, dieses

Zutrauen wieder aufzufrischen. Keine Verbindung, die verschiedenartige

Pflichten und einen stetigen Verkehr zwischen zwei Menschen in sich

schließt, kann dauernd auf der Liebe allein begründet bleiben. Doch

soll man die Liebe nicht geringschätzen, wenn sie einer zarten Natur

entspringt. Es gibt einen Mann, der Sie genau so liebt, wie ich nach

Ihrer Ansicht Agatha lieben müßte -- wie ich sie aber nicht liebe.«

Gertrudes Erregung erwachte von neuem, und sie errötete. »Sie haben

jetzt kein Recht mehr, mir so etwas zu sagen,« bemerkte sie.

»Warum darf ich nicht für einen andern eintreten? Ich spreche von

Erskine.« Ihre Farbe verschwand, und er fuhr fort: »Ich hätte gerne,

wenn Sie ihn heiraten. Als verheiratete Frau werden Sie mich besser

verstehen, und unsere Freundschaft, die jetzt einen Stoß erhalten hat,

wird sich vertiefen. Denn jetzt, da Sie mich nicht mehr mißverstehen

können, darf ich Ihnen wohl sagen, daß mir kein weibliches Wesen auf

der Welt teurer ist, als Sie es sind. Das ist der Grund, den meine

Selbstsucht bei der Angelegenheit hat. Erskine ist ein armer Mann, und

seine behagliche Armut -- verzeihen Sie den Ausdruck -- wird Sie vor

der Erniedrigung bewahren, sich für Reichtum und Ansehen verheiraten zu

müssen. Für Mädchen Ihrer Klasse ist diese Erniedrigung eine ständige

Gefahr. Die andern Mädchen bewerben sich darum, Sie aber dürfen das

nicht tun. Erskine ist ehrenhaft und liebt Sie. Er ist jung, gesund und

umgänglich. Was glauben Sie, daß Ihnen die Welt mehr bieten könnte?«

»Hoffentlich viel mehr! Bedeutend mehr!«

»Ich fürchte, die Namen, die ich den Dingen gebe, sind nicht romantisch

genug. Er ist ein Dichter. Vielleicht würde er ein Held sein, wenn das

einem Manne heute möglich wäre. Aber das neunzehnte Jahrhundert wird

einst in der Geschichte als die schändliche Zeit dastehen, in der alle

Macht über die Natur nur dazu diente, die Habgier des Menschen zu

schärfen und die Aushungerung der Mitmenschen als offenes Kampfesmittel

zu proklamieren. Erskine ist wenigstens kein Spieler und kein direkter

Sklavenhalter. Wenn er von der Ausbeutung der Arbeit lebt, so kann er

ebenso wie ich gar nicht anders. Sagen Sie nicht, daß Sie viel mehr

erhoffen. Aber erzählen Sie mir, wenn Sie können, worauf Sie sonst

Aussicht haben. Ich frage nicht, was Sie wünschen -- wir haben alle

ausschweifende Wünsche. Ich frage Sie, was Sie mehr erreichen können.«

»Ich halte Mr. Erskine nicht für einen solchen wundervollen Menschen,

wie Sie das tun.«

»Er ist eben nur ein Mensch. Kennen Sie sonst jemand, der wundervoll

ist?«

»Übrigens würde auch meine Familie nicht damit einverstanden sein.«

»Das ist höchst wahrscheinlich. Wenn Sie es ihnen recht machen wollen,

müssen Sie sich an irgendeinen reichen Fabrikvampyr oder einen großen

Landbesitzer verkaufen. Wenn Sie sich an den armen Dichter weggeben,

der Sie liebt, wird ihre Enttäuschung grenzenlos sein. Wenn heute ein

Mädchen ihren Vater und ihre Mutter so ehren will, daß sie zufrieden

sind, muß sie sich selbst entehren.«

»Ich verstehe nicht, warum Sie so ängstlich bedacht sind, mich an einen

andern zu verheiraten!«

»An einen andern?« fragte Trefusis verwirrt.

»Ich meine nicht, an einen andern,« sagte Gertrude schnell und

errötete. »Warum soll ich überhaupt heiraten?«

»Warum heiratet überhaupt jemand? Warum heirate ich? Weil das eine

Aufgabe ist, die jeder erfüllen soll. Wenn Sie nicht beizeiten aus

freier Wahl heiraten, werden Sie später durch die Zudringlichkeit Ihrer

Bewerber und Ihrer Eltern dazu getrieben werden, oder Sie tun es, weil

Sie der Ungewißheit Ihres jetzigen Lebens müde sind. Haben Sie Mut bei

Ihrer Heirat! Werfen Sie sich nicht weg und verkaufen Sie sich nicht.

Verschenken Sie sich. Erskine hat ebensoviel zu verlieren wie Sie, und

doch bietet er sich ohne Furcht an.«

Gertrude erhob stolz ihren Kopf.

»Es ist ja richtig,« fuhr Trefusis fort, der etwas ärgerlich diese

Bewegung bemerkte, »daß er von Ihnen eine etwas höhere Meinung hat,

als Sie es verdienen, dafür unterschätzen Sie ihn auch wiederum.

Wenn Sie ihn heiraten, dann müssen Sie ihn vor einer grausamen

Enttäuschung bewahren, indem Sie sich wirklich zu dem hohen Standpunkt

emporschwingen, den Sie in seiner Einbildung innehaben. Das kostet Sie

etwas Mühe, und diese Anstrengung wird Ihnen guttun, ob Sie nun dabei

Erfolg haben oder nicht. Und was ihn angeht, den Standpunkt, auf dem er

in Ihren Gedanken steht, wird er schon immer erreichen, wenn nur Ihre

Gedanken ihn erreichen können.«

Gertrude machte eine Bewegung der Ungeduld.

»Wie!« sagte er schnell. »Mein langatmiger Appell an Ihre Vernunft ist

Ihnen wohl unangenehm? Ich glaube, ich spreche wider Willen so, weil

ich schließlich doch auf den Burschen eifersüchtig bin. Aber ich rede

im Ernst. Ich möchte, daß Sie sich verheirateten, obgleich ich immer

einen geheimen Groll gegen den Mann haben werde, der Sie heiratet.

Agatha hat mich im Verdacht der Treulosigkeit, wenn Sie es nicht tun.

Erskine wird enttäuscht sein. Sie selbst werden verdrießlich, elend und

-- unverheiratet sein.«

Gertrudes Wangen röteten sich bei dem Wort eifersüchtig und dann noch

einmal bei der Erwähnung Agathas. »Und wenn ich es tue,« sagte sie

bitter, »was dann?«

»Wenn Sie es tun, wird Agatha zufrieden und Erskine glücklich sein.

Sie haben sich selbst geopfert und werden das Glück finden, das einem

wertvollen Opfer folgt.«

»Sie sind es, der mich geopfert hat,« sagte sie, indem sie ihr

Stillschweigen aufgab. Sie blickte ihn jetzt zum erstenmal während

ihrer Unterhaltung an.

»Ich weiß es,« sagte er in halb geflüstertem Tone und neigte sich zu

ihr hin. »Ist nicht Entsagen der Anfang und das Ende aller Weisheit?

Ich habe Sie geopfert, weil ich unsere Freundschaft nicht entweihen

wollte, indem ich Sie bat, mein ganzes Leben mit mir zu teilen. Sie

sind dafür nicht geeignet, und so gehe ich eine andere Verbindung ein.

Aber ich bitte Sie, meinem Beispiel zu folgen, damit wir nicht einander

zu einem Schritt drängen, der bald beweisen würde, wie recht ich mit

meinem Wort habe, daß Sie für mich nicht geeignet sind. Ich habe Ihnen

nie gestattet, durch alle Zimmer meines Bewußtseins zu streifen, aber

ich habe für Sie dort ein Allerheiligstes und will es unentwegt für Sie

bewahren. Selbst Agatha soll den Schlüssel dazu nicht haben. Sie muß

zufrieden sein mit den andern Zimmern -- dem Gesellschaftszimmer, dem

Arbeitszimmer, dem Speisezimmer und so fort. Alle diese würden Ihnen

nicht passen, Sie würden weder die Einrichtung noch die Gäste lieben

und nach einiger Zeit nicht einmal mehr den Hausherrn. Wollen Sie mit

dem Allerheiligsten zufrieden sein?«

Gertrude biß auf ihre Lippen, die Tränen traten ihr in die Augen. Sie

sah ihn flehend an. Wären sie allein gewesen, sie hätte sich in seine

Arme geworfen und ihn gebeten, alles außer ihrer gegenseitigen starken

Zuneigung zu vergessen.

»Und wollen Sie einen Winkel in Ihrem Herzen für mich bewahren?«

Langsam warf sie ihm einen schmerzlichen Blick des Nachgebens zu.

»Wollen Sie tapfer sein und sich dem armen Mann opfern, der Sie liebt?

Er wird Sie vor nutzloser Einsamkeit und vor einer oberflächlichen Ehe

bewahren -- ich könnte den Gedanken nicht ertragen, daß eins von diesen

beiden Ihr Schicksal sein würde.«

»Ich mache mir nichts aus Mr. Erskine,« sagte sie und war kaum

imstande, ihre Stimme zu beherrschen. »Aber ich will ihn heiraten, wenn

Sie es wünschen.«

»Ich wünsche es ernstlich, Gertrude.«

»Dann haben Sie mein Versprechen,« sagte sie, und wieder kam ein

bitterer Ton in ihre Stimme.

»Aber Sie werden mich doch nicht vergessen? Erskine wird alles haben

außer diesem stillen Gedenken.«

»Kann ich mehr tun, als ich grade versprochen habe?«

»Vielleicht, aber ich bin zu selbstsüchtig, um etwas noch

Großmütigeres zu verstehen. Unser Entsagen wird uns fester

aneinanderbinden, als es unsere Vereinigung je hätte tun können.«

Sie sahen sich lange an. Dann zog er seine Uhr heraus und begann über

die Länge der Fahrt zu sprechen, die jetzt ihrem Ende entgegenging. Als

sie in London ankamen, war die erste Person, die sie auf dem Bahnsteig

sahen, Mr. Jansenius.

»Ah! Sie erhielten also mein Telegramm,« sagte Trefusis. »Vielen Dank

für Ihr Kommen. Warten Sie, bitte, während ich diese Dame zu Ihrem

Wagen begleite.«

Als der Wagen geholt war und Gertrude mit ihrem Mädchen darin saß,

flüsterte er ihr noch schnell zu:

»Trotz allem drückt es mich hier wie Bleigewicht.« Er zeigte auf sein

Herz. »Sie sind tapfer und ich bin vernünftig gewesen. Antworten Sie

mir nicht, aber denken Sie daran, daß wir für immer treue Freunde sind.«

Er drückte ihre Hand und wandte sich an den Kutscher, dem er die

Fahrtrichtung sagte. Gertrude sank in eine Ecke des Wagens zurück, als

er sich in Bewegung setzte. Trefusis aber atmete auf, wie ein Mann,

der grade von einer schweren, drückenden Last erlöst ist, und ging zu

Mr. Jansenius.

»Da geht ein echtes Weib,« sagte er. »Ich habe sie überredet, den

besten Schritt zu tun, der ihr möglich war. Ich begann als ehrlicher

Mann vernünftig zu sprechen und quälte mich damit eine halbe Stunde,

aber sie wollte mich nicht anhören. Dann redete ich fünf Minuten lang

romantischen Unsinn von der gewöhnlichsten Sorte, und mit Tränen in

den Augen stimmte sie mir zu. Wir wollen diesen Wagen nehmen. He!

Belsize Avenue. Ja, man muß manchmal mit den Weibern weiblich reden,

grade so, wie man mit einem Narren närrisch reden muß. Haben Sie jemals

darüber nachgedacht, Jansenius, ob ich ein ungewöhnlich ehrenhafter

Mann bin oder eines der schlechtesten Produkte dieser Gesellschaft, die

ich mit aller Macht zu vernichten suche -- ob ich also, kurz gesagt,

ein höllischer Schurke bin?«

»Aber ich bitte Sie, seien Sie doch nicht so töricht,« sagte

Mr. Jansenius. »Ich wundere mich, wie ein Mann von Ihrer Befähigung

manchmal so handeln und sprechen kann, wie Sie es tun.«

»Ich hoffe, ein wenig Aufrichtigkeit ist entschuldbar, wenn man sie als

Chloroform gebraucht -- um einer Frau über die Schmerzen verletzter

Eitelkeit hinwegzuhelfen. Übrigens, auf dem nächsten Postamt, an dem

wir vorbeikommen, muß ich zwei Telegramme aufgeben. Nun ja, wie ich

Ihnen schon mitteilte, ich werde mich mit Agatha verheiraten. Es war

nur noch ein anderer einzelner Mann und ein anderes Mädchen unten in

Brandon Beeches, und jetzt sind sie so gut wie verlobt. Und darum:

Hans nimmt sein Gretchen.

Jeder sein Mädchen;

Es find't seinen Deckel jeder Topf,

Und allen geht's nach ihrem Kopf.«

_$Ende.$_

+------------------------------------------------------------------+

| Anmerkungen zur Transkription |

| |

| Folgende Inkonsistenzen wurden belassen, da beide Schreibweisen |

| üblich waren: |

| |

| adelige -- adlige |

| anderen -- andern |

| anderer -- andrer |

| bekomm -- bekomme |

| benutzt -- benützt |

| besondern -- besonderen |

| gehen -- gehn |

| glaube -- glaub |

| gerade -- grade -- grad |

| Hohepriester -- Hohenpriester |

| höheren -- höhern |

| keines -- keins |

| Ladies -- Ladys |

| Lord-Mayor -- Lordmayor |

| Schierlingblätter -- Schierlingsblätter |

| sechszehn -- sechzehn |

| seh -- sehe |

| sehen -- sehn |

| seiest -- seist |

| steh -- stehe |

| trocknen -- trockenen |

| tu -- tue |

| ungeheueres -- ungeheuren |

| unseren -- unsern |

| Vagabond -- Vagabund |

| Versuches -- Versuchs |

| |

| Im Text wurden folgende Änderungen vorgenommen: |

| |

| S. 6 ">" durch » ersetzt. |

| S. 7 ">" durch » ersetzt. |

| S. 8 "sagt" durch "sagte" ersetzt. |

| S. 8 "«" eingefügt. |

| S. 32 Absatz eingefügt. |

| S. 32 "." eingefügt. |

| S. 36 "«" eingefügt. |

| S. 39 "hat" durch "hatte" ersetzt. |

| S. 41 "»" eingefügt. |

| S. 45 "Manschesterhosen" durch "Manchesterhosen" ersetzt. |

| S. 46 "Manschesterweste" durch "Manchesterweste" ersetzt. |

| S. 47 "Schwesters" durch "Schwestern" ersetzt. |

| S. 48 "«" entfernt. |

| S. 50 "." durch "?" ersetzt. |

| S. 50 "!" durch "." ersetzt. |

| S. 50 "Es" durch "Er" ersetzt. |

| S. 55 "bischen" durch "bißchen" ersetzt. |

| S. 60 "kaput" durch "kaputt" ersetzt. |

| S. 64 "Manschester" durch "Manchester" ersetzt. |

| S. 65 "?" durch "." ersetzt. |

| S. 65 "Sie" durch "sie" ersetzt. |

| S. 65 "auf und abzog" durch "auf- und abzog" ersetzt. |

| S. 69 "«" eingefügt. |

| S. 70 "," durch ":" ersetzt. |

| S. 81 "«" eingefügt. |

| S. 70 "Besonneren" durch "Besonneneren" ersetzt. |

| S. 118 "den" durch "denn" ersetzt. |

| S. 145 Die Zeilen |

| "Nachricht schicken, Sie möchten herkommen? Sie |

| erfuhr" |

| "ja von unserm Ausflug erst um halb zehn gestern" |

| mit der Zeile |

| "an und sagte: »Wie konnte Miß Wilson Ihnen die" |

| vertauscht. |

| S. 189 "hätte" eingefügt. |

| S. 199 "»" entfernt. |

| S. 219 "Salusts" durch "Sallusts" ersetzt. |

| S. 223 "«" eingefügt. |

| S. 224 "Sie" durch "Sir" ersetzt. |

| S. 225 "mir" durch "mich" ersetzt. |

| S. 227 "einer" durch "einen" ersetzt. |

| S. 238 "das" durch "des" ersetzt. |

| S. 245 "«" entfernt. |

| S. 286 "»" entfernt. |

| S. 307 "." eingefügt. |

| S. 313 "«" eingefügt. |

| S. 319 "Kanibalismus" durch "Kannibalismus" ersetzt. |

| S. 320 "Trefusius" durch "Trefusis" ersetzt. |

| S. 337 "." durch "?" ersetzt. |

| S. 348 "?" durch "!" ersetzt. |

| S. 353 "»" eingefügt. |

| S. 354 "deinen" durch "deinem" ersetzt. |

| S. 356 "«" entfernt. |

| |

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Der Amateursozialist: Roman · 第 23 / 23 段