»Sie sind sehr unverschämt. Lassen Sie mich sofort gehen.«

»Wollen Sie, daß ich Sie um Ihre Hand bitte, nachdem Sie mir Ihre

Zustimmung aus freien Stücken gegeben haben?«

»Aber ich scherzte doch nur. Ich mache mir gar nichts aus Ihnen,« sagte

sie und sah sich nach einem Ausweg um.

»Agatha,« sagte er mit grimmiger Geduld, »vor einer halben Stunde hatte

ich nicht mehr die Absicht, Sie zu heiraten, als eine Reise nach dem

Mond zu machen. Aber, als Sie mir den Vorschlag machten, da fühlte ich

mit einem Male alle Gewalt, die darin liegt, und jetzt kann mich nichts

auf der Welt zufrieden stellen, als Sie beim Wort zu halten. Von allen

Frauen, die ich kenne, sind Sie die einzige, die nicht ganz ein Narr

ist.«

»Ich würde ein großer Narr sein, wenn --«

»Wenn Sie mich heirateten, wollen Sie sagen. Aber ich bin nicht Ihrer

Meinung. Ich bin der einzige Mann von Ihrer Bekanntschaft, der nicht

ganz ein Esel ist. Ich kenne meinen und Ihren Wert. Und ich liebte Sie

schon lange, als ich noch kein Recht dazu hatte.«

Agatha zog ihre Brauen zusammen. »Nein,« sagte sie. »Es hat keinen

Zweck, noch weiter hierüber zu reden. Die Sache ist ganz außer Frage.«

»Aber seien Sie doch nicht rachsüchtig. Ich war aufrichtiger, als

Sie es waren. Sie haben unsere wieder angeknüpfte Bekanntschaft dazu

benutzt, sich gegen mich zu verteidigen, mir Vorwürfe zu machen, mich

zu hänseln und zu verlocken. Seien Sie einmal großmütig, und sagen Sie

gutwillig ja.«

»Oh, ich habe Sie _nie_ verlockt,« schrie Agatha. »Ich tat es nicht.

Das ist nicht wahr.« Er antwortete nichts, sondern bot ihr die Hand

dar. »Nein, gehen Sie fort. Ich will nicht.« Er blieb unbewegt und sie

fühlte plötzlich, wie die Kraft ihres Widerstandes verschwand. Voller

Schrecken sagte sie hastig: »Es hat durchaus keinen Zweck, mich zu

quälen. Ich werde Ihnen heute keine Antwort geben.«

»Versprechen Sie mir bei Ihrer Ehre, daß Sie morgen ja sagen werden,

und ich will Sie bis dahin in Frieden lassen.«

»Ich will nicht.«

»Der Kuckuck hole Ihr Geschlecht,« sagte er klagend. »Sie kennen jetzt

meinen Entschluß, und ich muß hier stehen und mit Ihnen kokettieren,

weil Sie selbst Ihren eigenen nicht kennen. Wenn ich auf meine

Bequemlichkeit Wert legte, würde ich Junggeselle bleiben.«

»Ich rate Ihnen, das zu tun,« sagte sie, und stahl sich rückwärts

nach der Türe hin. »Sie sind ein sehr interessanter Witwer. Eine

Frau würde Ihnen diesen Vorzug nehmen. Und dann bedenken Sie die

Unannehmlichkeiten des Haushalts.«

»Ich liebe Unannehmlichkeiten. Sie machen stark -- aha!« Sie hatte

nach dem Türknopf gegriffen, und er legte schnell seine Hand auf die

ihrige und hielt sie zurück. »Noch nicht, wenn ich bitten darf. Können

Sie denn nicht wie eine Frau reden -- wie ein Mann, meine ich? Sie

mögen Max einen Knochen vorenthalten, bis er sich auf den Hinterfüßen

aufrichtet und schön macht, aber mich sollten Sie nicht wie einen Hund

behandeln. Sagen Sie offen ja, und lassen Sie mich nicht länger bitten.«

»Warum in aller Welt, wollen Sie mich denn heiraten?«

»Weil ich so veranlagt bin, einen Haushalt auf den Schultern zu tragen,

und weil ich es tun will. Ich will das tun, was für mich das Beste

ist, und ich werde nie wieder eine so gute Wahl haben. Und dann kann

ich auch gar nicht anders, ich weiß nicht warum. Das ist die volle

Wahrheit in der Sache. Sie wollen doch eines Tages jemand heiraten.«

Sie schüttelte ihren Kopf. »Gewiß werden Sie das tun. Warum wollen Sie

mich nicht heiraten?«

Agatha biß auf ihre Unterlippe, blickte kläglich über den Rasen und

sagte nach einer langen Pause widerstrebend: »Nun gut. Aber bedenken

Sie, daß Sie sehr töricht handeln, und wenn Sie nachher enttäuscht

sind, müssen Sie _mir_ keine Vorwürfe machen.«

»Ich übernehme die Verantwortung für mein Handeln,« sagte er und ließ

ihre Hand frei. Dann zog er sein Taschenbuch heraus und lehnte es

gegen die Türe. »Sie brauchen sie für Ihr Handeln nicht zu übernehmen,

und ich hoffe, daß Sie nicht das schlechtere Los von uns beiden

ziehen. Wir haben heute den siebzehnten Juni. Welcher Tag vor dem

vierundzwanzigsten Juli wird Ihnen passen?«

»Sie meinen doch den vierundzwanzigsten Juli nächsten Jahres?«

»Nein, ich meine dieses Jahr. Ich muß an diesem Tage, verheiratet oder

nicht, ins Ausland gehen und einer Konferenz in Genf beiwohnen, und

ich möchte Sie mitnehmen. Ich will Ihnen eine Menge Plätze und Dinge

zeigen, die Sie nie vorher gesehen haben. Es ist Ihr Recht, den Tag zu

bestimmen, aber Sie haben keine ernsthaften Besorgungen und ich habe

sie.«

»Aber Sie wissen ja gar nicht, was ich alles besorgen müßte. Sie warten

besser, bis Sie vom Festlande zurück sind.«

»Sie brauchen für gar nichts außer der Wohnung und Ihrer Aussteuer

zu sorgen. Die Aussteuer, das ist alles Unsinn, und Jansenius kennt

mich, wie schnell ich eine Wohnung einrichte. Ich war in sechs Wochen

verheiratet.«

»Ja,« sagte Agatha scharf, »aber ich bin nicht Henrietta.«

»Nein, Gott sei Dank, nicht,« stimmte er ruhig zu.

Agatha fühlte Gewissensbisse. »Es war häßlich von mir, das zu sagen,«

bemerkte sie. »Und von Ihnen auch!«

»Was wahr ist, soll man sagen, ob es häßlich ist oder nicht. Wollen Sie

am vierundzwanzigsten mit nach Genf kommen?«

»Aber -- Ich dachte wirklich nicht, als ich -- Ich wollte nicht sagen,

ich würde -- Ich --«

»Ich weiß es. Sie wollen mitkommen, wenn wir verheiratet sind.«

»Ja. _Wenn_ wir verheiratet sind.«

»Wir werden verheiratet sein. Schreiben Sie nicht, weder an Ihre Mutter

noch an Jansenius, bis ich Sie darum bitte.«

»Ich habe gar nicht die Absicht. Ich wüßte nicht, was ich darüber

schreiben sollte.«

»Sie Schelm! Und seien Sie nicht eifersüchtig, wenn Sie mich dabei

ertappen, wie ich Lady Brandon den Hof mache. Ich tue das immer, sie

erwartet es von mir.«

»Sie mögen den Hof machen, wem Sie wollen. Das geht mich nichts an.«

»Hier kommt der Wagen mit Lady Brandon und Ger-- und Miß Lindsay. Ich

darf sie jetzt nur noch Gertrude nennen, wenn Sie nicht dabei sind.

Bevor die andern uns unterbrechen, darf ich Sie wohl noch einmal an

drei Punkte erinnern, über die wir uns einig sind. Ich liebe Sie. Sie

lieben mich nicht. Wir heiraten vor dem Vierundzwanzigsten nächsten

Monats. Jetzt muß ich eilen und der gnädigen Frau beim Aussteigen

behilflich sein.«

Er lief zur Haustüre, vor der der Wagen grade gehalten hatte. Agatha

war verwirrt und schämte sich, ihren Freundinnen gegenüberzutreten. Sie

ging durch das Gewächshaus in ihr Zimmer und schloß sich ein.

Trefusis ging mit Gertrude in die Bibliothek, während sich Lady Brandon

noch im Hausflur aufhielt, um ihre Handschuhe auszuziehen und an die

Hausmädchen einige Fragen zu stellen. Als sie dann folgte, fand sie die

beiden nebeneinander am Fenster stehen. Gertrude hörte ihm mit dem

geduldigen Ausdruck zu, den sie jetzt oft zeigte, wenn er sprach. Er

lächelte, aber es fiel Jane doch auf, daß er etwas unruhig war.

»Ich begann grade,« sagte er, »Miß Lindsay von dem außerordentlichen

Ereignis zu erzählen, das in Ihrer Abwesenheit vorgekommen ist.«

»Ich weiß schon,« rief Jane mit plötzlicher Überzeugtheit aus. »Die

Heizvorrichtung im Gewächshaus ist gesprungen.«

»Möglich,« sagte der Trefusis. »Aber wenn es der Fall ist, ich habe

nichts davon gehört.«

»Wenn sie nicht gesprungen ist, wird sie noch springen,« sagte Jane

verdrießlich. Dann zwang sie sich mit einiger Mühe, für Trefusis'

Neuigkeiten Interesse zu zeigen, und fügte hinzu: »Nun, was hat sich

ereignet?«

»Ich plauderte vorhin mit Miß Wylie, und da fiel uns eine merkwürdige

Idee ein. Wir besprachen sie eine Zeitlang, und das Ergebnis ist, wir

werden uns vor Ende des nächsten Monats verheiraten.«

Jane errötete und starrte ihn an, und er blickte scharf nach ihr

zurück. Gertrude wechselte, obgleich sie unbeobachtet war, ihre ruhige,

glückliche Miene keine Sekunde, aber eine grünlichweiße Farbe erschien

auf ihrem Gesicht und machte nur langsam ihrem gewöhnlichen Teint Platz.

»Wollen Sie sagen, Sie verheiraten sich mit _Agatha_?« fragte nach

einer Pause Lady Brandon ungläubig.

»Ja. Ich hatte diese Absicht noch nicht, als ich Sie das letztemal sah,

sonst hätte ich es Ihnen gesagt.«

»So was habe ich in meinem Leben noch nicht gehört! Sie haben sich also

innerhalb fünf Minuten ineinander verliebt?«

»Lieber Himmel, nein! Wir sind nicht ineinander verliebt. Glauben Sie,

ich würde mich aus solch einem leichtfertigen Grunde verheiraten? Nein.

Die Idee kam ganz plötzlich, und die Vorteile einer Heirat zwischen uns

drängten sich mir gewaltsam auf. Ich war glücklich genug, sie zu meiner

Ansicht zu bekehren.«

»Gewiß, es wird ein starker Druck bei ihr nötig gewesen sein.

Freilich!« sagte Jane und warf Gertrude, die ausdruckslos lächelte,

einen Blick zu.

»Wie Sie durchblicken lassen,« bemerkte Trefusis kühl, »mag ihr

Widerstreben nur Verstellung gewesen sein. Sie war vielleicht nur zu

glücklich, einen solchen reizenden Gatten zu bekommen. Aber in diesem

Falle hat sie das sehr gut zu verbergen gewußt.«

Gertrude nahm ihren Hut ab und verließ, ohne etwas zu sagen, das Zimmer.

»Das ist meine Rache, weil Sie Brandon geheiratet haben,« sagte er dann

und näherte sich Jane.

»O ja,« entgegnete sie ironisch. »Ich glaube Ihnen das natürlich alles.«

»Sie haben für seine Wahrheit denselben Beweis wie für all die

törichten Dinge, die ich Ihnen gestehe. Hier!« Er zeigte auf einen

Spiegel, der Janes Figur in voller Größe zurückwarf.

»Ich sehe nichts, was daran zu bewundern ist,« sagte Jane und sah

sich mit großem Wohlgefallen an. »Höchstens meine Größe, wenn Sie die

bewundern.«

»Es ist unmöglich, von einer guten Sache zuviel zu haben. Aber ich

darf Sie jetzt nicht mehr ansehen. Wenn auch Agatha sagt, sie liebt

mich nicht, so weiß ich doch nicht sicher, ob es ihr angenehm ist, wenn

ich jemand anderm einen Liebesblick zuwerfe.«

»Sie sagt, sie liebt Sie nicht! Glauben Sie ihr das nicht. Sie hat sich

Mühe genug gegeben, Sie zu fangen.«

»Sie schmeicheln mir. Sie selbst haben mich doch ohne Mühe gefangen,

und doch würden Sie mich nicht haben wollen.«

»Es gehört sich, daß ein Mädchen wartet, bis sie gefragt wird. Ich

glaube, Sie haben an Gertrude schändlich gehandelt -- hoffentlich sind

Sie nicht beleidigt, weil ich Ihnen das sage. Ich tadele Agatha am

meisten. Sie ist ein schrecklich falsches Geschöpf.«

»Wieso?« fragte Trefusis erstaunt. »Was hat Miß Lindsay damit zu tun?«

»Das wissen Sie sehr gut.«

»Ich versichere Ihnen, daß ich es nicht weiß. Wenn Sie von sich selbst

sprächen, könnte ich es verstehen.«

»Oh, Sie verstehen sich schlau herauszuwinden, wie alle Männer. Aber

mich können Sie nicht täuschen. Sie hätten nicht tun sollen, als ob

Sie Gertrude liebten, wenn Sie wirklich ein Band mit Agatha anknüpfen

wollten. Und sie, die so tut, als wollte sie mit Sir Charles flirten --

als ob er sich auch nur so viel aus ihr machte!«

Trefusis schien etwas verwirrt. »Ich hoffe, Miß Lindsay hat nicht

solche -- aber das konnte sie ja auch nicht.«

»So, konnte sie das nicht? Sie werden das ja bald sehen.«

»Sie haben uns falsch beurteilt, Lady Brandon. Miß Lindsay weiß es

besser. Und dann bedenken Sie, daß mein Antrag gar nicht vorher

beschlossen war. Heute morgen hatte ich durchaus keine zärtlichen

Gedanken an irgend jemand -- ausgenommen an eine, die ich jetzt nicht

nennen kann.«

»Oh, das sind alles Redensarten. Es hat _jetzt_ keinen Zweck mehr.«

»Ich will nichts mehr sagen. Ich muß zum Dorfe fahren, um an meinen

Anwalt zu telegraphieren. Wenn ich Erskine treffe, will ich ihm die

gute Nachricht mitteilen.«

»Er wird entzückt sein. Er, wie wir alle, dachte, Sie wollten ihn bei

Gertrude ausstechen.«

Trefusis lächelte, schüttelte seinen Kopf und ging mit einem Blick

bewundernder Huldigung für Janes Reize hinaus. Jane betrachtete sich

im Spiegel, bis ein Dienstmädchen sie bat, zu Master Charles und Miß

Fanny zu kommen. Sie eilte die Treppe hinauf in die Kinderstube, wo ihr

Sohn und ihre Tochter sich um das Vorrecht balgten, das Baby zu quälen.

Sie waren durch Janes Eintritt etwas erschreckt, aber durchaus nicht

besänftigt. Sie schalt, schmeichelte, drohte, gab gute Worte, zitierte

Dr. Watts, flehte das Kindermädchen an und beschimpfte es dann, fragte

die Kinder, ob sie einander liebten, ob sie Mama liebten, und ob sie

eine gehörige Tracht Prügel haben wollten. Schließlich geriet sie außer

sich, weil sie nicht imstande war, Ordnung zu schaffen. Sie nahm das

Baby, das ununterbrochen laut geschrien hatte, und sagte, es täte das

mit Absicht, und sie wollte ihm einen wirklichen Grund zum Schreien

geben. Sie gab ihm einen gehörigen Schlag und befahl den andern

beiden, zu Bett zu gehen. Der Knabe war entsetzt über das Schicksal

seines kleinen Bruders und machte den Vermittlungsvorschlag, er wollte

brav sein, wenn Miß Wylie käme und mit ihm spielte, worauf ihm seine

eifersüchtige Mutter eine Ohrfeige verabreichte, daß er heulend in

seine Ecke flog. Dann verließ sie das Zimmer, nachdem sie in der Türe

sich noch einmal umgewandt und erklärt hatte, wenn sie heute noch einen

Laut hörte, dann könnte man von ihr das Schlimmste erwarten. Als sie

erhitzt und ärgerlich in das Gesellschaftszimmer herabkam, fand sie

Agatha dort allein. Sie blickte mit einem Ausdruck zum Fenster hinaus,

als ob die Landschaft etwas besonders Unbefriedigendes böte.

»Selbstsüchtige, kleine Bestien!« rief Jane und erregte mit ihren

Röcken einen kleinen Wirbelwind, als sie hereinkam. »Charlie ist direkt

ein kleiner Teufel. Er verbringt alle seine Zeit damit, nachzudenken,

wie er mich quälen kann. Ach ja! Er ist genau wie sein Vater.«

»Danke sehr, mein Schatz,« sagte Sir Charles vom Eingang her.

Jane lachte. »Ich wußte, daß du da warst,« sagte sie. »Wo ist Gertrude?«

»Sie ist ausgegangen,« sagte Sir Charles.

»Unsinn! Sie ist soeben erst mit mir von der Ausfahrt zurückgekommen.«

»Ich weiß nicht, was du mit dem Wort Unsinn willst,« sagte Sir Charles

gereizt. »Ich sah sie, wie sie den Riverside Road entlang ging. Ich war

auf der Dorfstraße, und sie sah mich nicht. Sie schien in Eile zu sein.«

»Ich traf sie auf der Treppe und sprach sie an,« sagte Agatha. »Aber

sie hörte mich nicht.«

»Hoffentlich ist sie nicht fortgegangen, um sich im Fluß zu ertränken,«

sagte Jane. Dann wandte sie sich zu ihrem Manne und fragte ihn: »Hast

du schon die Neuigkeit gehört?«

»Die einzige Neuigkeit, die ich gehört habe, ist aus dieser Zeitung,«

sagte Sir Charles und zog ein Blatt heraus, das er auf den Tisch

schleuderte. »Hier wird in einem Artikel gesagt, ich hätte mich einer

höllischen sozialistischen Verbindung angeschlossen, und dann habe ich

auch gehört, daß in der >Times< ein Aufsatz über die Ausbreitung des

Sozialismus steht, in dem mein Name genannt ist. Das verdanke ich alles

Trefusis, und ich glaube, er hat mir einen ganz schändlichen Streich

gespielt. Das werde ich ihm auch sagen, sobald ich ihn treffe.«

»Du solltest dir lieber in Agathas Gegenwart überlegen, was du über

ihn sagst,« bemerkte Jane. »Oh, du brauchst nicht aufgeregt zu

werden, Agatha. Ich weiß schon alles. Er hat es uns in der Bibliothek

erzählt. Wir fuhren diesen Morgen aus -- Gertrude und ich -- und als

wir zurückkamen, fanden wir Mr. Trefusis und Agatha am Eingang zum

Gewächshaus in sehr vertrautem Gespräch. Sie hatten sich grade verlobt.«

»Wirklich!« sagte Sir Charles verwirrt und mißvergnügt und versuchte

zu lächeln. »Dann darf ich Ihnen also gratulieren, Miß Wylie?«

»Sie brauchen das nicht,« sagte Agatha und bewahrte ihre Fassung, so

gut sie es konnte, »Es war nur ein Scherz. Wenigstens kamen wir im

Scherz dazu. Er hat kein Recht, zu sagen, wir seien verlobt.«

»Unsinn! Dummes Zeug!« sagte Jane. »Das geht nicht, Agatha. Er ist

fortgegangen, um an seinen Sachwalter zu telegraphieren. Es ist ihm

vollständig Ernst.«

»Ich bin ein großer Narr,« sagte Agatha. Sie setzte sich hin und rang

ratlos die Hände. »Ich glaube, ich habe irgend etwas gesagt, aber ich

habe mir wirklich nichts dabei gedacht. Er brachte mich zum Sprechen,

bevor ich wußte, was ich sagte. Ich habe mir da eine schöne Suppe

eingebrockt!«

»Es freut mich, daß du endlich einmal übertölpelt worden bist,« sagte

Jane mit schadenfrohem Lachen. »Du hast nie mit mir das geringste

Mitleid gehabt, wenn ich im Augenblick nicht die richtigen Worte finden

konnte.«

Agatha ließ die Stichelei unbeachtet. Ihr Blick wanderte umher und

blieb zuletzt flehend auf Sir Charles haften. »Was soll ich tun?«

fragte sie ihn.

»Nun, Miß Wylie,« antwortete er ernst, »wenn Sie keine Lust hatten,

ihn zu heiraten, dann hätten Sie es ihm nicht versprechen sollen. Ich

möchte mich nicht gleichgültig verhalten, und ich weiß, daß es sehr

schwer ist, Trefusis los zu werden, wenn er auf etwas Absicht hat, aber

noch --«

»Laß sie in Ruhe,« unterbrach ihn Jane. »Sie will ihn ebenso ernsthaft

haben, wie er sie haben will. Du würdest ja ganz unglücklich sein, wenn

er davonliefe, trotz allem deinem interessanten Sprödetun.«

»Es ist wirklich nicht so,« sagte Agatha ernst. »Ich wollte, ich hätte

mir Zeit ausbedungen, um darüber nachzudenken. Jetzt hat er es wohl

schon aller Welt erzählt.«

»Dann können wir die Sache wohl als entschieden betrachten?« fragte Sir

Charles.

»Natürlich kannst du das,« antwortete Jane verächtlich.

»Bitte, Jane, laß Miß Wylie für sich selber sprechen. Ich gestehe, ich

weiß nicht, warum Sie noch im Zweifel sind -- wenn Sie ihm wirklich

Ihre Zusage gegeben haben.«

»Ich glaube, ich habe mich einverstanden erklärt,« sagte Agatha. »Mir

ist es, als ob ich noch ein schlimmes Bedenken gehabt hätte, aber ich

weiß nicht mehr, was es war. Ich wollte, ich hätte ihn nie gesehen.«

Sir Charles war verwirrt. »Ich verstehe das Benehmen der Damen in

solchen Dingen nicht,« sagte er. »Da es indessen nicht mehr zweifelhaft

scheint, daß Sie und Trefusis verlobt sind, so werde ich ihm natürlich

nichts sagen, was ihm seine Besuche hier unangenehm macht. Aber ich muß

doch bemerken, daß er -- um mich gelinde auszudrücken -- mir gegenüber

leichtfertig gehandelt hat. Ich unterzeichnete in seinem Hause ein

Schriftstück unter dem ausdrücklichen Vorbehalt, daß es streng privat

sei. Und jetzt hat er es in die ganze Welt ausposaunt und öffentlich

meinen Namen nicht nur mit seinem zusammengebracht, sondern auch mit

dem von Personen, von denen ich nur weiß, daß ich nichts mit ihnen zu

tun haben möchte.«

»Was macht es?« fragte Jane. »Niemand legt den geringsten Wert darauf.«

»Ich lege Wert darauf,« sagte Sir Charles ärgerlich. »Kein

vernünftiger Mensch kann mir vorwerfen, ich überschätzte meine eigene

Bedeutung, wenn ich dagegen protestiere, daß mein Name öffentlich zur

Unterstützung von Bestrebungen benutzt wird, die ich nicht billige.«

»Vielleicht hatte Mr. Trefusis nichts damit zu tun,« sagte Agatha. »Die

Zeitungen veröffentlichen doch, was sie wollen.«

»So ist's recht!« fiel Jane boshaft ein. »Laß niemand etwas Böses über

ihn sprechen.«

»Ich spreche nichts Böses über ihn,« sagte Sir Charles, bevor Agatha

erwidern konnte. »Es ist nur eine Vermutung, und ich würde sie gar

nicht erwähnt haben, wenn ich die veränderten Beziehungen zwischen ihm

und Miß Wylie gekannt hätte.«

»Bitte, sprechen Sie nicht davon,« sagte Agatha. »Am liebsten würde ich

mit dem nächsten Zug davonfahren.«

Inzwischen kehrte Erskine von seinem Morgenausflug zurück und traf im

Dorf Trefusis, an dem er mit einem Kopfnicken vorbeizukommen suchte.

Aber Trefusis rief ihn an, zu halten, und er stieg widerstrebend ab.

»Ich möchte nur sagen, daß ich mich verheirate,« sagte Trefusis.

»Mit --?« Erskine konnte Gertrudes Namen nicht herausbringen.

»Mit einer Ihrer Freundinnen auf Beeches. Raten Sie, mit welcher.«

»Mit Miß Lindsay vermutlich.«

»Wer zum Teufel hat Ihnen allen in den Kopf gesetzt, Miß Lindsay und

ich seien besonders miteinander befreundet?« rief Trefusis aus. »Sie

sind mir immer als der richtige Mann für Miß Lindsay erschienen. Ich

werde mich mit Miß Wylie verheiraten.«

»Wirklich!« rief Erskine mit einem Gefühl, als ob plötzlich nach einem

strengen Frost Tauwetter eingetreten sei.

»Natürlich. Und jetzt, Erskine, haben Sie den Vorteil, ein armer Mann

zu sein. Lassen Sie das prächtige Mädchen nicht für Geld heiraten. Wenn

Sie wie bisher weiter zögern, dann machen Sie sich selbst und sie auch

unglücklich.« Er nickte ihm zu und ging weiter. Der andere stand da und

starrte ihm nach.

»Wenn er sie hintergangen hat, ist er ein Schuft,« sagte Erskine. »Es

tut mir leid, daß ich ihm das nicht gesagt habe.«

Er bestieg wieder sein Rad und fuhr langsam den Riverside Road

hinunter. Er vermutete zuerst, Trefusis habe ihn getäuscht, aber dann

kam er doch dazu, ihm zu glauben, und beschloß auf jeden Fall, seinem

Rat in bezug auf Gertrude zu folgen. Die Unterhaltung, die er in der

Allee belauscht hatte, machte ihn noch unsicher. Er konnte sie nicht

übereinbringen mit Trefusis Geständnis, daß er keine Absichten auf

Gertrude habe.

Sein Rad trug ihn geräuschlos auf den Gummireifen zu der Stelle, an

der der Schierling wuchs, und hier sah er Gertrude auf dem niedrigen

Erdwall sitzen, der das Feld von dem Wege schied. Ihr Strohkorb, mit

der Schere darin, lag neben ihr. Sie hatte ihre Finger gekreuzt und

ließ ihre Hände auf den Knien ruhen. Ihr Gesichtsausdruck war ganz leer

und verriet so wenig ernsthafte Bewegung, daß Erskine lachte, als er

dicht neben ihr absprang.

»Sind Sie müde?« fragte er.

»Nein,« entgegnete sie ganz ohne Überraschung, und sie lächelte

mechanisch, was eine ungewöhnliche Herablassung von ihrer Seite war.

»In Träume versunken?«

»Nein.« Sie setzte sich etwas zur Seite und bedeckte den Korb mit ihrem

Kleid.

Er fing an zu fürchten, daß etwas nicht in Ordnung sei. »Ist es

möglich, daß Sie sich wieder unter diese vergifteten Pflanzen gewagt

haben?« fragte er. »Sind Sie krank?«

»Durchaus nicht,« antwortete sie und richtete sich etwas auf. »Ihre

Besorgnis ist ganz weggeworfen. Ich fühle mich vollkommen wohl.«

»Ich bitte Sie um Verzeihung,« sagte er gekränkt. »Ich dachte -- halten

Sie es nicht für gefährlich, auf diesem feuchten Erdwall zu sitzen?«

»Er ist nicht feucht. Er zerfällt vor Trockenheit in Staub.« Ein

unnatürliches Lachen, mit dem sie schloß, verstärkte den Eindruck ihrer

inneren Ruhelosigkeit.

Er begann einen Satz und hielt wieder inne, und um Zeit zu gewinnen,

stellte er sein Rad in den gegenüberliegenden Graben. Sie sah ihm

ungeduldig zu, als sie seine Absicht, hier zu bleiben und zu sprechen

erkannte. Sie war aber die erste, die etwas sagte, und sie tat es mit

einer so stumpfen Gleichgültigkeit, daß er erschrak.

»Haben Sie die Neuigkeit gehört?«

»Welche Neuigkeit?«

»Über Mr. Trefusis und Agatha. Sie sind verlobt.«

»Trefusis erzählte es mir. Ich traf ihn im Dorfe. Ich war sehr erfreut,

als ich es hörte.«

»Natürlich.«

»Aber ich hatte einen besonderen Grund, erfreut zu sein.«

»Wirklich?«

»Ich hatte eine verzweifelte Furcht, bevor er mir die Wahrheit

erzählte, daß er andere Absichten hätte -- Absichten, die meinen

teuersten Hoffnungen unheilvoll gewesen wären.«

Gertrude runzelte die Stirne, und ihr Stirnrunzeln stachelte ihn auf,

sie herauszufordern. Er verlor seine Selbstbeherrschung, die schon

durch ihr seltsames Benehmen erschüttert war. »Sie wissen, daß ich Sie

liebe, Miß Lindsay,« sagte er. »Es mag vielleicht keine vollkommene

Liebe sein, aber, menschlich gesprochen, ist sie eine treue Liebe. Ich

war ja ungefähr so weit, Ihnen das zu sagen, als wir an jenem Tage

zusammen in dem Billardzimmer waren. Aber an demselben Abend tat ich

etwas sehr Unehrenhaftes. Als Sie mit Trefusis in der Allee sprachen,

stand ich dicht dabei und belauschte Sie.«

»Dann haben Sie ihn gehört,« schrie Gertrude heftig. »Sie hörten, wie

er schwur, es sei ihm ernst.«

»Ja,« sagte Erskine zitternd. »Und ich dachte, er meinte, daß er

Sie im Ernst liebte. Sie dürfen mich kaum deswegen tadeln. Ich war

selbst verliebt, und die Liebe ist blind und eifersüchtig. Ich gab

alle Hoffnung auf, bis er mir erzählte, daß er sich mit Miß Wylie

verheiraten würde. Darf ich jetzt mit Ihnen sprechen, da ich weiß, daß

ich mich geirrt habe, oder da Sie andern Sinnes geworden sind.«

»Oder da _er_ anderen Sinnes geworden ist,« sagte Gertrude höhnisch.

Der Amateursozialist: Roman · 第 21 / 23 段