diesem Lande kann ein Mann kein Christ sein. Ich habe es versucht und
gefunden, daß es unmöglich ist, sowohl wegen der Gesetze als auch
wegen der Zustände. Ich bin ein Kapitalist und ein Grundbesitzer. Ich
habe Eisenbahnaktien, Grubenaktien, Gebäudeaktien, Bankaktien und
Aktien von fast jeder Art, und sie machen mir die größten Sorgen. Aber
diese Aktien sind ja kein wirklich existierender Reichtum. Sie sind
nur ein Pfandbrief auf die Arbeit von ungeborenen Generationen von
Arbeitern, die arbeiten müssen, um mich und die Meinen in Müßiggang
und Luxus zu erhalten. Wenn ich sie verkaufte, würde dann wohl der
Pfandbrief ungültig gemacht und die ungeborenen Generationen aus ihrer
Knechtschaft befreit werden? Nein. Er würde nur in die Hände eines
andern Kapitalisten übergehen, und die arbeitende Klasse wäre durch
meine Selbstaufopferung nicht besser daran. Sir Charles kann nicht dem
Gebot Christi folgen, er soll es nur einmal versuchen! Er mag sein
Land für einen öffentlichen Park hergeben, aber nur die reicheren
Klassen werden die Muße haben, ihn zu genießen. Und wenn er ihn dicht
bei den Wohnungen der Armen anlegt, damit sie wenigstens seine Luft
einatmen, so wird er nur den Wert der umliegend Häuser steigern und
die Armen daraus vertreiben. Lassen Sie ihn eine Schule für die Armen
ausstatten, wie Eton oder Christs Hospital, und die Reichen werden
sie für ihre eigenen Kinder nehmen, grade wie in den zwei soeben
genannten Fällen. Sir Charles will nicht die Armut pflegen, sondern sie
zerstören. Es ist gleichgültig, wieviel Sie den Armen geben, alles,
mit Ausnahme der nacktesten Existenzmittel, wird ihnen mit Gewalt
wieder abgenommen. Alles Reden über praktisches Christentum oder selbst
einfache Gerechtigkeit ist heute nur Verschwendung von Worten. Wie
können Sie einem Arbeiter einen gerechten Lohn geben, wenn Sie dank
der allgemeinen Gewohnheit, ihm seine Arbeit zu stehlen, ihren Wert
gar nicht festsetzen können? Ich weiß das aus Erfahrung. Ich wollte
den richtigen Preis für das Grabmal meiner Frau bezahlen, aber ich
konnte seinen Wert nicht herausfinden und werde es auch nie können.
Der Grundsatz, nach dem wir unsere nationale Industrie einzelnen zur
Ausplünderung verpachten, die sich für die Rente durch Erpressungen
entschädigen, hat uns so verdorben und schlecht gemacht, daß wir gar
nicht mehr ehrenhaft sein können, selbst wenn wir es wollen. Und der
Grund, weshalb wir das so ruhig ertragen, ist, weil sehr wenige es
wirklich anders wollen.«
»Ich muß diese wichtige Frage studieren,« sagte Sir Charles unruhig und
füllte seinen Becher wieder. »Können Sie mir ein gutes Buch über den
Gegenstand empfehlen?«
»Jede gute Abhandlung über Nationalökonomie genügt,« sagte Trefusis.
»In der ökonomischen Wissenschaft führen alle Wege zum Sozialismus,
obgleich in neun von zehn Fällen der Studierende nicht sein Ziel
erkennt und den Fluch auf sich lädt, den Jeremias über die ausspricht,
die gegen Belohnung die Bösen in Schutz nehmen. Ich werde Ihnen ein
oder zwei Bücher aussuchen. Und wenn Sie das nächste Mal, da Sie in
London sind, Donovan Brown aufsuchen, so wird er sich, das weiß ich
sicher, sehr freuen. Er trifft sich mit sehr wenigen Männern, die
sowohl mit seiner sozialen als auch seiner künstlerischen Anschauung
übereinstimmen.«
Sir Charles Augen glänzten, als er an Donovan Brown erinnert wurde.
»Ich werde mir eine Einführung bei ihm zu hoher Ehre anrechnen,« sagte
er. »Ich hatte keine Ahnung, daß er ein Freund von Ihnen war.«
»Ich war ein sehr tätiger junger Sozialist, als ich ihn zum erstenmal
traf,« sagte Trefusis. »Als Brown noch unbekannt und ein erbärmlich
armer Mann war, kaufte meine Mutter auf Bitten eines seiner Freunde
aus Barmherzigkeit eins seiner Bilder für dreißig Pfund, und er war
sehr froh, das Geld zu bekommen. Nach zehn Jahren, als meine Mutter
tot und Brown berühmt war, wurden mir achthundert Pfund für dieses
Bild angeboten, das übrigens nach meiner Meinung ein sehr schlechtes
war. Nun würde, wenn ich auch den gewöhnlichen, ungerechtfertigten
Abzug machte, für die Zinsen der dreißig Pfund während der zwölf
Jahre, die ungefähr verflossen waren, mir der Verkauf des Bildes doch
noch einen Verdienst von über siebenhundertundfünfzig Pfund gebracht
haben, eine unverdiente Bereicherung, auf die ich keinen Anspruch
hatte. Mein Anwalt, demgegenüber ich die Sache erwähnte, meinte, ich
könnte mit Recht die siebenhundertundfünfzig Pfund einstecken. Meine
Mutter habe sie durch ihre Mildtätigkeit verdient, mit der sie ein
voraussichtlich wertloses Bild von einem unbekannten Maler kaufte.
Er überzeugte mich aber nicht davon, daß ich ein Recht hätte, mir
die Tugenden meiner Mutter bezahlen zu lassen, obgleich wir darin
übereinstimmten, daß weder ich noch meine Mutter irgendeine Vergütung
in Form von Vergnügen bei der Betrachtung des Bildes empfangen hatten,
denn es war seit seiner Erwerbung durch das Blindwerden der Farben im
hohen Maße verdorben. Schließlich ging ich mit dem Bilde nach Browns
Atelier. Ich sagte ihm, es habe für mich keinen Wert, da ich es für ein
besonders schlechtes Bild halte, und er sollte es für fünfzehn Pfund,
die Hälfte des früheren Preises, zurückhaben. Er sagte mir sofort, ich
würde von jedem Händler mehr dafür bekommen, als er selbst mir geben
könnte. Aber er sagte auch, ich hätte kein Recht, mit seiner Arbeit
ein Geschäft zu machen, und er bot mir den Originalpreis von dreißig
Pfund an. Ich nahm sie und sandte ihm dann den Mann zu, der mir die
achthundert angeboten hatte. Zu meinem Verdruß weigerte sich Brown,
das Bild überhaupt zu verkaufen, weil er es für seiner unwert hielt.
Der Mann bot bis fünfzehnhundert Pfund, aber Brown blieb standhaft,
und so fand ich, daß ich ihm nicht nur keine siebenhundertundsiebzig
Pfund in die Tasche gesteckt, sondern ihm sogar dreißig weggenommen
hatte. Ich bot ihm daher an, die dreißig Goldstücke zurückzugeben.
Brown empfand dieses Anerbieten als eine Beleidigung und lehnte jede
weitere Auseinandersetzung mit mir ab. Dann bestand ich darauf,
daß die Angelegenheit dem Schiedsgericht unterworfen werde, und
verlangte fünfzehnhundert Pfund als den vollen Handelswert des
Gemäldes. Alle Schiedsrichter fanden das ungeheuerlich, worauf ich
mich damit zufriedengab, wenn sie mein Anrecht auf den Handelswert
nicht anerkennen wollten, dann sollten sie mir wenigstens mein Anrecht
auf den Gebrauchswert anerkennen. Sie stimmten dem zu und setzten
ihre Entscheidung für vierzehn Tage aus, um Adam Smith zu lesen und
zu entdecken, was in aller Welt ich mit meinen Gebrauchswerten und
Handelswerten meinte. Ich zeigte ihnen darauf, daß das Gemälde für mich
keinen Gebrauchswert habe, da ich es nicht liebte, daß ich daher zu gar
nichts berechtigt sei und Brown die dreißig Pfund zurücknehmen müßte.
Sie freuten sich, mir dies auch zuzugeben, da sie alle Kunstfreunde
von Brown waren und nicht wünschten, daß er bei dem Handel sein
Geld verlöre, obgleich sie heimlich ebenso wie ich das Bild für ein
schlechtes hielten. Hierauf wurden Brown und ich sehr gute Freunde. Er
duldete anfangs meine Annäherung, damit es nicht aussähe, als ob er
über die Herabsetzung seines Werkes beleidigt sei. Nach und nach ging
er zu meinen Ansichten über, gradeso wie Sie es getan haben.«
»Das ist sehr interessant,« sagte Sir Charles »Wie vornehm --
fünfzehnhundert Pfund zurückzuweisen! Er konnte sie wahrscheinlich gut
gebrauchen.«
»Heldenhaft war es -- nach den Ansichten des neunzehnten Jahrhunderts
über Heldentum. Aus freien Stücken auf eine Gelegenheit, Geld
zu verdienen, zu verzichten. Das ist das =non plus ultra= des
Märtyrertums. Browns Frau war sehr böse über ihn, weil er so gehandelt
hatte.«
»Es ist eine interessante Geschichte -- oder könnte als eine solche
gelten,« sagte Erskine. »Aber Sie machen mich ganz verdreht mit Ihrem
verdammten Wertaustausch und dergleichen Unsinn. Alles ist bei Ihnen
eine Zahlenfrage.«
»Das kommt daher, weil ich kein Poet bin,« sagte Trefusis. »Aber wir
Sozialisten sollten die romantische Seite unserer Bewegung studieren,
um die Frauen zu gewinnen. Wenn Sie eine Sache groß machen wollen, dann
interessieren Sie jedes weibliche Wesen dafür. Sie ist verheiratet
oder wird es eines Tages sein, und dann widerspricht sie ihrem Mann
mit Fetzen aus unsern Beweisgründen. Ein Wortstreit wird folgen, und
ihr Sohn wird zuhören und zu denken anfangen, wenn er überhaupt dazu
fähig ist. So setzen sich unsere Ideen in die Köpfe der Leute. Ich habe
schon manches junge Mädchen bekehrt. Die meisten wissen nicht mehr von
der volkswirtschaftlichen Theorie des Sozialismus, als sie von Chaldäa
wissen, aber sie fürchten und verurteilen nicht mehr länger diesen
Namen. Oh, ich versichere Ihnen, es kann auf diesem Gebiete viel von
Männern getan werden, die nicht ängstlich vor Frauen sind und Zeit
haben, ruhig zu warten, bis ihre ausgestreute Saat aufgegangen ist.«
»Nehmen Sie sich in acht. Eine von Ihren weiblichen Proselyten wird
einmal die Oberhand über Sie bekommen. Der zukünftige Ehemann, dem man
widerspricht, kann auch Sidney Trefusis sein. Ha, ha, ha!« Sir Charles
hatte ein zweites großes Glas mit Wein geleert und war etwas erhitzt
und laut.
»Nein,« sagte Trefusis, »ich selbst habe genug bekommen von der Liebe,
und ich bin auch nicht der Mann, der so leicht welche einflößt. Frauen
machen sich nichts aus Männern, denen, wie Erskine sagt, alles eine
Zahlenfrage ist. Früher flirtete ich mit Frauen, jetzt belehre ich sie,
und ich verabscheue das Flirten eines Mannes noch mehr als das einer
Frau. Noch etwas Wein? Oh, Sie dürfen den Rest dieser Flasche nicht
umkommen lassen.«
»Ich denke, wir gehen am besten, Brandon,« sagte Erskine, der ein
wachsendes Mißtrauen gegen Trefusis empfand. »Wir haben versprochen,
vor zwei zurück zu sein.«
»Das sollen Sie auch,« sagte Trefusis. »Es ist jetzt noch nicht
Viertel nach eins. Übrigens, ich habe Ihnen noch nicht Donovan Browns
Lieblingsdokument zur Erneuerung der Gesellschaft gezeigt. Hier ist es.
Eine Riesenpetition, die verlangt, daß es für ein schweres Verbrechen
erklärt wird, wenn man einem Arbeiter irgendeinen Teil des Wertes, den
seine Arbeit hat, vorenthält. Das ist alles.«
Erskine stieß leise Sir Charles, und dieser sagte schnell: »Danke sehr,
aber ich will lieber nichts unterzeichnen.«
»Ein Baronet soll eine solche Petition unterzeichnen!« rief Trefusis
aus. »Ich dachte gar nicht daran, Sie darum zu bitten. Ich zeige es
Ihnen nur als ein interessantes geschichtliches Dokument, das die
Unterschriften einiger Künstler und Dichter enthält. Hier ist zum
Beispiel die von Donovan Brown. Er hat auch die Petition angeregt,
die kaum viel Gutes erwirken wird, da die Sache gar nicht auf solche
Art durchgeführt werden kann. Indessen, ich habe Brown versprochen,
so viele Unterschriften wie möglich zu sammeln. Darum mögen Sie
sie wenigstens unterzeichnen, Erskine. Sie enthält zwar nichts in
Blankversen über die heilige Pflicht des Tyrannenmordes, aber sie ist
doch ein Schritt vorwärts auf dem rechten Wege. Sie werden doch nicht
bei einer solchen Kleinigkeit Bedenken haben -- oder sind Sie durch die
Kritiken ängstlich geworden? Kommen Sie, Ihren Namen und Ihre Adresse.«
Erskine schüttelte den Kopf.
»Haben Sie denn nur dann revolutionäre Gefühle, wenn Sie dadurch Ruhm
als Dichter gewinnen können?«
»Ich zeichne einfach nicht, weil ich keine Lust dazu habe,« sagte
Erskine erregt.
»Mein lieber Freund,« sagte Trefusis fast herzlich, »wenn ein Mann
ein Gewissen hat, so kann er in Überzeugungssachen nicht schwanken.
Ich habe irgendwo in Ihrem Buch gelesen, daß der Mann, der für die
Freiheit seines Bruders nicht sein Blut vergießt, ein Feigling und ein
Sklave ist. Wollen Sie nicht einen Tropfen Tinte vergießen -- dazu noch
meiner Tinte -- für das Anrecht Ihrer Brüder an ihrer Hände Werk? Ich
machte mir auch zuerst nichts daraus, diese Petition zu unterschreiben,
denn ich könnte ebensogut einen Tiger bitten, seine Beute mit mir
zu teilen, wie unsere Herrschenden, die gestohlene Arbeit, von der
sie leben, fahren zu lassen. Aber Donovan Brown sagte zu mir: >Sie
haben keine Wahl. Entweder glauben Sie, daß dem Arbeiter der Ertrag
seiner Arbeit gehört, oder Sie glauben es nicht. Wenn Sie es aber
glauben, dann bekennen Sie auch Ihre Überzeugung, selbst wenn das so
nutzlos sein wird, als das Händewaschen des Pilatus.< So habe ich denn
unterzeichnet.«
»Donovan Brown hatte recht,« sagte Sir Charles. »Ich will
unterzeichnen.« Und er schrieb sorgfältig seinen Namen hin.
»Brown wird entzückt sein,« sagte Trefusis. »Ich werde ihm heute
schreiben, daß ich wieder eine gute Unterschrift für ihn erlangt habe.«
»Zwei Unterschriften,« sagte Sir Charles. »Sie sollen zeichnen,
Erskine. Der Teufel soll mich holen, wenn Sie es nicht tun! Es ist nur
gegen die Halunken, die davonlaufen und ihren Arbeitern nicht ihre
Löhne bezahlen.«
»Oder, die sie nicht ganz bezahlen,« bemerkte Trefusis mit seltsamem
Lächeln. »Aber unterzeichnen Sie lieber nicht, wenn Sie keine Lust
haben.«
»Chester, wenn Sie nach mir nicht zeichnen, sind Sie ein Duckmäuser,«
sagte Sir Charles.
»Ich weiß nicht, was es bedeutet,« sagte Erskine unschlüssig. »Ich
verstehe nichts von Petitionen.«
»Es bedeutet, was es sagt. Man kann Sie nicht für irgendeine Meinung
verantwortlich machen, die nicht darin ausgedrückt ist,« erwiderte
Trefusis. »Aber lassen wir es sein. Sie mißtrauen mir, glaube ich,
etwas und möchten lieber nichts mit meinen Petitionen zu tun haben.
Aber Sie werden eine bessere Ansicht darüber bekommen, wenn Sie
erst mehr mit mir bekannt sind. Inzwischen hat es ja keine Eile.
Unterschreiben Sie jetzt noch nicht.«
»Unsinn! Ich zweifle gar nicht an Ihrer ehrlichen Überzeugung,« sagte
Erskine schnell und leugnete seinen Verdacht, den er wohl fühlte,
für den er aber keine Begründung wußte. »Hier haben Sie es!« Und er
unterzeichnete auch.
»Sehr gut!« sagte Trefusis. »Das wird Brown für einen Monat glücklich
machen.«
»Es ist jetzt Zeit für uns, daß wir gehen,« meinte Erskine verdrießlich.
»Besuchen Sie mich zu jeder Zeit. Sie sind mir willkommen,« sagte
Trefusis. »Sie brauchen in keiner Weise formell zu sein.«
Dann schieden sie voneinander, und Sir Charles versicherte Trefusis,
daß er noch nie einen so interessanten Vormittag verlebt habe. Er
schüttelte ihm dreimal lange die Hand. Erskine sagte wenig, bis er mit
seinem Freunde auf dem Riverside Road war, dann aber brach er plötzlich
heraus:
»Was zum Teufel soll das heißen, daß Sie mittags um ein Uhr zwei
Glas von solch einem berauschenden Zeug trinken, und dazu noch im
Hause eines so gefährlichen Menschen, wie er es ist? Es tut mir sehr
leid, daß ich den Burschen besucht habe. Ich hatte schon vorher meine
Besorgnisse, und sie sind vollständig eingetroffen.«
»Wieso?« fragte Sir Charles und fuhr zurück.
»Er hat uns angeführt. Ich war ein richtiger Narr, daß ich das Papier
unterzeichnete, und Sie auch. Deswegen hat er uns nur eingeladen.«
»Unsinn, mein lieber Junge. Es war nicht sein Schriftstück, sondern das
von Donovan Brown.«
»Das bezweifle ich. Wahrscheinlich hat er Brown ebenso zum Zeichnen
beschwatzt, wie er uns beschwatzt hat. Seine Wege sind grade so schief
wie seine Ansichten. Hörten Sie, wie er über Miß Lindsay log?«
»Oh, Sie haben sich darüber geirrt. Er macht sich gar nichts aus ihr
oder aus sonst jemand.«
»Gut, wenn Sie zufrieden sind, ich bin es nicht. Sie würden darüber
nicht in so guter Laune sein, wenn Sie so wenig Wein getrunken hätten
wie ich.«
»Pah! Sie sind zu komisch. Es war famoser Wein. Glauben Sie etwa, ich
sei betrunken?«
»Nein. Aber Sie würden auch nicht unterschrieben haben, hätten Sie
nicht das zweite Glas getrunken. Wäre ich nicht durch Sie gezwungen
worden -- nachdem Sie das Beispiel gegeben hatten, konnte ich nicht
anders -- ich hätte ihn lieber am Galgen gesehen, als mich mit seiner
Petition abgegeben.«
»Ich sehe nicht ein, was das für schlimme Folgen haben kann,« sagte Sir
Charles und unterdrückte mit Gewalt eine in ihm aufsteigende Unruhe.
»Nie wieder betrete ich sein Haus,« sagte Erskine mürrisch. »Wir waren
wie zwei Fliegen in einem Spinnennetz.«
Unterdessen schrieb Trefusis, wie er versprochen hatte, an Donovan
Brown.
Sallusts Haus.
Lieber Brown, ich habe den Vormittag damit verbracht, zwei noch sehr
junge Fische zu angeln, und ich habe sie mit mehr Mühe ans Land
gebracht, als sie es wert sind. Einer ist ein hohes Tier. Er ist
Baronet und Kunstliebhaber, mit Respekt zu sagen. Alle meine Gründe
und mein kleines Museum von Photographien waren an ihm verloren, aber
als ich Ihren Namen nannte und ihm Ihre Bekanntschaft versprach,
biß er sofort an. Er war halb betrunken, als er unterschrieb, und
ich hätte ihn nicht das Papier berühren lassen, wenn ich mich
nicht vorher überzeugt hätte, daß er es ehrlich meinte und daß
mein Wein nur seine bessere Natur von ihrer gewöhnlichen Feigheit
und Voreingenommenheit befreit hatte. Wir müssen es in möglichst
vielen Zeitungen veröffentlichen, daß er unsere große Petition
unterschrieben hat. Das wird andere verlocken, gradeso wie Ihr
Name ihn verlockt hat. Der zweite Neubekehrte, Chichester Erskine,
ist ein junger Dichter. Er wird uns nicht viel nützen, obgleich
er ein Vorkämpfer der Freiheit in Blankversen ist und seine Werke
Mazzini und andern widmet. Er hat widerstrebend unterschrieben. Ihr
ganzes Zaudern ist die Unentschlossenheit, die von der Unwissenheit
herrührt. Sie haben aus sich heraus noch nicht die Wahrheit gefunden
und wagen es nicht: mir zu vertrauen, da es sich hier um Dinge
handelt, in denen keiner dem andern vertrauen kann.
Ich habe hier eine hübsche junge Dame kennen gelernt, die Ihnen als
Modell für Ihre Hypatia dienen könnte. Sie ist vollgepfropft mit
allen adeligen Vorurteilen, aber ich bin dabei, sie zu kurieren. Ich
habe es mir in den Kopf gesetzt, sie mit Erskine zu verheiraten, und
er ist eifersüchtig auf mich, weil er glaubt, ich stellte ihr nach.
Das Wetter ist hier fein, und ich führe ein lustiges Leben, aber ich
finde, daß ich dabei zu müßig bin. Usw. usw.
Sechzehntes Kapitel.
An einem sonnigen Vormittag saß Agatha auf der Türschwelle vor dem
Treibhaus und las. Der Schatten ihres seidenen Sonnenschirmes wurde
plötzlich dunkler, und als sie aufblickte, sah sie Trefusis vor sich
stehen.
»Oh!«
Sie bot ihm sonst keinen Gruß an, denn sie war mit ihm übereingekommen,
soviel als möglich alle Begrüßungen und Förmlichkeiten zu vermeiden. Er
schien es nicht eilig zu haben, etwas zu sagen, und so begann sie nach
einer Pause: »Sir Charles --«
»Ist in die Stadt gegangen,« sagte er. »Erskine ist mit dem Zweirad
aus. Lady Brandon und Miß Lindsay sind in dem Wagen ins Dorf gefahren,
und Sie sind hier herausgekommen, um die Sommersonne zu genießen und um
braun zu werden. Ich weiß schon alle Ihre Neuigkeiten.«
»Sie sind sehr klug und irren sich, wie gewöhnlich. Sir Charles ist
nicht in die Stadt gegangen. Er ist nur wegen einiger Papiere zur
Eisenbahnstation gegangen und wird vor dem Essen zurück sein. Woher
wissen Sie das alles, was hier vorgeht?«
»Ich war mit meinem Feldstecher auf dem Dache meines Hauses. Ich sah
Sie herauskommen und hier Platz nehmen. Dann kam Sir Charles vorbei.
Dann Erskine. Dann Lady Brandon, die mit großer Energie losfuhr und
einen bemerkbaren Gegensatz zu der hochmütigen Ruhe Gertrudes bot.«
»Gertrude! Mir gefällt Ihre Dreistigkeit.«
»Sie wollen sagen, Ihnen mißfällt meine Anmaßung.«
»Nein, ich halte Dreistigkeit für ein bezeichnenderes Wort als
Anmaßung, und ich will sagen, daß sie mir gefällt -- daß sie mich
amüsiert.«
»Wirklich! Was lesen Sie jetzt?«
»Ich lese, was Sie jetzt grade sagten, nämlich Unsinn. Einen Roman.«
»Also eine erlogene Geschichte von zwei Menschen, die niemals gelebt
haben, und die ganz anders handeln würden, wenn sie lebten.«
»Das ist richtig.«
»Könnten Sie sich nicht etwas ebenso Amüsantes aus sich selbst
erdenken?«
»Vielleicht, aber es würde mir zu viele Mühe machen. Übrigens benimmt
einem das Kochen den Appetit zum Essen. Ich würde keinen Geschmack an
Geschichten haben, die ich selbst geschrieben habe.«
»Bei welchem Band sind Sie jetzt?«
»Beim dritten.«
»Dann sind wohl der Held und die Heldin grade dabei, sich zu
vereinigen?«
»Ich weiß es wirklich nicht. Es ist einer von diesen geistreichen
Romanen. Ich wollte, die Personen würden nicht soviel reden.«
»Das ist Nebensache. Zwei von ihnen sind doch ineinander verliebt?«
»Ja. Sonst würde es doch kein Roman sein.«
»Glauben Sie in Ihrem geheimsten Innern, Agatha -- ich nehme mir die
Freiheit, Sie beim Vornamen zu nennen, weil ich sehr ernst sein will --
glauben Sie wirklich, daß schon einmal zwei menschliche Wesen selbstlos
genug gewesen sind, sich in der Art der Romane zu lieben?«
»Natürlich. Wenigstens vermute ich es. Ich habe nie viel darüber
nachgedacht.«
»Ich bezweifle es. Meine Ansicht geht dahin, daß heutzutage kein Mann
mehr an die Tiefe und Dauer seiner Zuneigung zu seiner Gefährtin
glaubt. Trotzdem zweifelt er nicht an der Aufrichtigkeit ihrer
Geständnisse, und er verbirgt die Unredlichkeit seiner eigenen vor ihr,
zum Teil, weil er sich schämt, zum Teil auch, weil er mit ihr Mitleid
hat. Und sie auf der andern Seite spielt genau dieselbe Komödie.«
»Ich glaube, daß die Männer das tun, aber nicht die Frauen.«
»Wirklich! Bitte, erinnern Sie sich, wie Sie einst vorgaben, Sie seien
sehr in mich verliebt, als --«
Agatha errötete und stützte ihre Hand auf die Türschwelle, wie um
aufzuspringen. Aber sie blieb ruhig und sagte: »Halt, Mr. Trefusis.
Wenn Sie darüber sprechen, werde ich gehen. Ich wundere mich über Sie!
Haben Sie kein Taktgefühl?«
»Gar keins. Und ich, der beleidigte Teil war an jenem -- halt, gehn Sie
nicht fort. Ich will nicht wieder darauf anspielen. Ich fürchte mich
immer mehr vor Ihnen. Sonst pflegten Sie vor mir Angst zu haben.«
»Ja, und Sie pflegten mich einzuschüchtern. Sie haben die Gewohnheit,
Frauen einzuschüchtern, die schwach genug sind, sich vor Ihnen zu
fürchten. Sie sind viel klüger als ich und wissen wohl auch mehr, aber
ich fürchte Sie nicht im mindesten.«
»Dazu haben Sie auch keinen Grund, ebensowenig wie Sie früher einen
hatten. Wenn Henrietta am Leben wäre, sie könnte es bezeugen, daß
der einzige Mangel in meinen Beziehungen zu Frauen der ist, daß
ich zu übertrieben liebenswürdig bin. Ich könnte einer Frau keinen
Herzenswunsch verweigern, außer wenn sie meine Hand zur Ehe haben
wollte. Solange Ihr Geschlecht davor halt macht, kann es mit mir tun,
was es will.«
»Wie grausam! Ich dachte, Sie wären sozusagen verlobt mit Gertrude.«
»Die gewöhnliche Deutung einer Freundschaft zwischen einem Mann und
einer Frau! Ich habe nie an so etwas gedacht, und ich bin sicher, daß
sie es auch nie getan hat. Wir sind nicht halb so vertraut miteinander
wie Sie und Sir Charles.«
»Oh, Sir Charles ist verheiratet. Und ich rate Ihnen, sich zu
verheiraten, wenn Sie nicht durch Ihre Freundschaften Mißverständnisse
schaffen wollen.«
Trefusis war betroffen. Anstatt zu antworten, stand er da, nachdem er
ihr einen überraschten Blick zugeworfen hatte, und starrte unbeweglich
auf den Knöchel seines Zeigefingers.
»Haben Sie Mitleid mit unserm armen Geschlecht,« sagte Agatha boshaft.
»Sie sind so reich und so klug und sehen wirklich so hübsch aus, daß
Sie sich mit jemand verheiraten müßten. Gertrude würde nur zu glücklich
sein.«
Trefusis lächelte und schüttelte langsam, aber bestimmt den Kopf.
»Ich glaube, ich würde keine Aussicht haben,« fuhr Agatha pathetisch
fort.
»Ich würde natürlich entzückt sein,« entgegnete er mit gespielter
Verwirrung, aber mit einem lauernden Aufleuchten seiner Augen, das sie
vielleicht zurückgeschreckt hätte, wenn sie es bemerkt hätte.
»Heiraten Sie mich, Mr. Trefusis,« flehte sie und faltete ihre Hände in
übermütigem Spott. »Bitte, tun sie es.«
»Ich danke Ihnen,« sagte Trefusis entschlossen. »Ich will es tun.«
»Ich bin ganz sicher, daß Sie es nicht tun,« sagte Agatha, nachdem sie
einen Augenblick ungläubig geschwiegen hatte. Dann sprang sie auf und
faßte ihren Rock an, als wollte sie davonlaufen. »Sie glauben doch
nicht etwa, es sei mir ernst gewesen?«
»Ohne Zweifel tu ich das. Und ich bin im Ernst.«
Agatha zauderte und wußte nicht, ob er nicht vielleicht mit ihr
spielte, grade so wie sie vorhin mit ihm gespielt hatte. »Nehmen Sie
sich in acht,« sagte sie. »Ich könnte meine Ansicht ändern und auch im
Ernst sein. Und wie würde es Ihnen dann zumute sein, Mr. Trefusis?«
»Ich denke, unter den veränderten Beziehungen sollten Sie mich lieber
Sidney nennen.«
»Und ich denke, wir sollten lieber mit dem Scherz aufhören. Es war
sehr geschmacklos von mir, und ich hätte es vielleicht nicht tun
sollen.«
»Es wäre ein schändlicher Scherz, und darum habe ich gar nicht die
Absicht, ihn als solchen zu betrachten. Ich werde Sie beim Wort halten,
Agatha. Sind Sie in mich verliebt?«
»Durchaus nicht. Nicht im allergeringsten. Ich weiß auf der ganzen Welt
niemand, in den ich weniger verliebt wäre oder in den ich mich weniger
verlieben könnte.«
»Dann müssen Sie mich heiraten. Wenn Sie in mich verliebt wären, würde
ich davonlaufen. Meine verstorbene Henrietta betete mich an und ich
erwies mich ihrer Anbetung unwürdig -- obgleich sie mir unendlich
schmeichelte.«
»Ja, gewiß. Die Art, wie Sie Ihre erste Frau behandelt haben, müßte
genügen, um jedes Mädchen zu warnen, Ihre zweite zu werden.«
»Jedes Mädchen, das mich liebt, wollen Sie sagen. Aber Sie lieben mich
ja nicht, und wenn ich davonlaufe, dann haben Sie das Vergnügen, mich
los zu sein. Unser Heiratsvertrag kann so eingerichtet werden, daß er
Ihnen für diesen Fall mein halbes Vermögen zusichert.«
»Sie werden nie die Möglichkeit haben, von mir davonzulaufen.«
»Ich werde es auch nicht wünschen. Ich bin nicht mehr so eigen, wie ich
früher war. Ich glaube nicht, daß ich von Ihnen davonlaufen werde.«
»Ich glaube es auch nicht.«
»Gut, und wann wollen wir uns heiraten?«
»Niemals.« sagte Agatha und wollte weglaufen. Aber bevor sie einen
Schritt getan hatte, erfaßte er sie.
»Tun Sie es nicht,« sagte sie atemlos. »Nehmen Sie Ihren Arm weg. Wie
können Sie es wagen?«
Er ließ sie frei und schloß die Türe zu dem Gewächshaus. »Wenn Sie
jetzt davonlaufen wollen, dann müssen Sie ins Freie laufen.«