»Ich besitze sehr wenig. Alles, was er mir hinterließ, habe ich mit

Ausnahme von ein paar Gemälden längst ausgegeben, und auch das wurde

durch seine Sklaven und nicht durch ihn erworben. Mein Reichtum kommt

jeden Tag frisch durch die Arbeit der armseligen Menschen, die in

solchen Höhlen wohnen, wie ich sie Ihnen vorhin zeigte, oder von ein

paar Aristokraten der Arbeit, die sich vielleicht zehn Schilling die

Woche besser stehen. Indessen gibt es eine Entschuldigung für meinen

Vater. Ich geriet einmal bei einem Wahltumult in einen offenen Kampf.

Ich bin ein friedfertiger Mensch, aber da ich mich wehren mußte, wenn

ich nicht niedergeschlagen und mit Füßen getreten werden wollte,

so schlug ich mich mit Männern, die vielleicht ebenso friedfertig

veranlagt waren wie ich selbst. Mein Vater, der in einen freien

Wettbewerb geriet -- frei in dem Sinne, daß der Kampf frei, das heißt

durch kein Gesetz gehindert ist -- mein Vater hatte die Wahl, entweder

selbst ein Sklave zu sein oder die andern zu Sklaven zu machen. Er

wählte das letztere, und da er Beifall erhielt und hoch gepriesen

wurde, weil er Erfolg hatte, wer darf ihn da tadeln? Ich nicht.

Übrigens tat er auch etwas, um die Anarchie zu zerstören, die es ihm

ermöglichte, die Gesellschaft so ungestraft auszuplündern. Er stattete

mich, seinen Feind, mit der mächtigen Waffe eines großen Vermögens aus.

So brütet unser System, die Industrie zu entwickeln, oft selbst die

Eier aus, aus denen seine Zerstörer hervorbrechen. Trägt Lady Brandon

viele Spitzen?«

»Ich -- Nein, das heißt -- Wie zum Kuckuck soll ich das wissen,

Trefusis? Welch eine merkwürdige Frage?«

»Dies ist die Photographie einer Häkelschule. Es war ein schmutziger,

zwölf Quadratfuß großer Raum. Er war mit Ziegelsteinen gepflastert,

und die Kinder durften nicht ihre Schuhe tragen, damit die Spitzen

nicht schmutzig wurden. Da aber dort zwanzig Kinder -- alles Mädchen

-- fünfzehn Stunden täglich arbeiteten, litten sie nicht sehr durch

die Kälte. Sie waren hübsch eng zusammengepackt -- oder mögen es noch

sein, was weiß ich. Sie brachten mitunter drei oder vier Schilling in

der Woche ihren zärtlichen Eltern heim, denn sie hatten flinke Finger,

die kleinen Geschöpfe, und arbeiteten fleißig, weil die Aufseherin sie

jedesmal schlug, wenn sie aufsahen oder --«

»Trefusis,« sagte Sir Charles und entfernte sich von dem Tische,

»ich bitte Sie um Verzeihung, aber ich habe keine Lust, jetzt solche

abscheulichen Dinge zu genießen. Sie müssen mich wirklich nicht bitten,

Ihre Sammlung durchzugehen. Sie ist zweifellos interessant, aber ich

kann sie nicht ertragen. Haben Sie nichts Angenehmes, um mich damit zu

unterhalten?«

»Pah! Sie ekeln sich. Immerhin, Sie sind ein Neuling, und wir

wollen uns das übrige aufheben, bis Sie sich daran gewöhnt haben.

Die Bilder sind durchaus nicht so schrecklich. Jeder Band befaßt

sich mit einem andern Lande. Dieses zum Beispiel enthält Bilder zu

der modernen Zivilisation in Deutschland. Das da ist Frankreich --

das Britisch-Indien. Hier haben Sie die Vereinigten Staaten von

Amerika, die Heimat der Freiheit, die Schaubühne des allgemeinen

Wahlrechts, das königslose und adellose Land des Schutzzolls, des

Republikanismus und des durchgeführten radikalen Programms, wo man

alle schwarzen Haussklaven in Lohnsklaven verwandelt hat (grade wie

die weißen Sklaven meines Vaters). Diese Befreiung der Sklaven in

Amerika hat achthunderttausend Menschenleben und einen unberechenbaren

Wohlstand gekostet. Sie und ich, wir sind Bettler im Vergleich mit

den Großkapitalisten jenes Landes, wo die Arbeiter mit den Chinesen

wie Hunde um einen Knochen kämpfen. Viele von diesen großen Männern

versahen mich mit Photographien ihrer Jachten und Paläste und hatten

keine Ahnung, welchen Gebrauch ich davon machen würde. Hier sind einige

Porträts, die Ihre Gefühle nicht verletzen werden. Dies ist meine

Mutter, eine Frau aus guter Familie, jeder Zoll eine Lady. Hier ist ein

Mädchen aus Lancashire, die Tochter eines gewöhnlichen Bergarbeiters.

Sie hat körperlich genau dieselben Merkmale wie meine adelige Mutter

-- denselben kleinen Kopf, zarte Gesichtszüge und so fort. Sie könnten

Schwestern sein. Diese beiden Männer mit den Halunkengesichtern sehen

wie Zwillingsbrüder aus, nur daß der auf der rechten Seite gute Laune

in seinen Gesichtszügen hat. Der gutgelaunte ist ein Schiffer auf dem

Lyvernkanal, der andere gehört dem höchsten englischen Adel an. Sie

zeigen, daß die Natur, selbst wenn sie Generationen lang durch Hunger

und Elend verdorben ist, sich doch nicht an die Unterscheidungen kehrt,

die wir zwischen den Menschen errichten. Diese Gruppe von Männern und

Frauen, alle erträglich intelligent und von gedankenvollen Gesichten,

sind sogenannte Feinde der Gesellschaft -- Nihilisten, Anarchisten,

Anhänger der Kommune, Mitglieder der Internationale und so weiter.

Diese andern armen Teufel, abgeplagt, gezwungen, skrofulös, unbeholfen,

geistlos und sogar gewöhnlich -- nur hier und da ist eine halbwegs

hübsche Frau darunter, sind europäische Könige, Königinnen, Großherzöge

und dergleichen. Hier sind Schiffskapitäne, Verbrecher, Dichter,

Männer der Wissenschaft, Pairs, Bauern, Nationalökonomen und Vertreter

aller möglichen Berufe. Der Zweck der Sammlung ist, die natürliche

Ungleichartigkeit der Menschen zu zeigen und das Verfehlte einer

künstlichen Ungleichartigkeit zu beweisen.«

»Es scheint mir eine Art höllischer Sammlung zu sein, um die Ansichten

der Leute zu verwirren,« sagte Erskine. »Sie sollten es eine

Paradoxenmappe nennen.«

»In einem vernünftigen Gesellschaftszustand würden sie Paradoxe sein,

aber so beweist die Zeit ihre Richtigkeit, grade wie bei Hamlets

Paradox. Sie ist aber eine Sammlung von Tatsachen, und ich will ihr

keinen Phantasienamen geben. Sie lieben keine Zahlen?«

»Ich liebe die Kunst.«

»Hier sind ein paar Zahlen, und es ist keine Kunst dabei. Dies ist

die Bilanz eines Versuches, den ich vor Jahren machte, um die Idee

der Internationalen Vereinigung der Arbeiter -- gewöhnlich unter dem

Namen die Internationale bekannt -- auszuführen, der Vereinigung

aller Arbeiter in der ganzen Welt, um die Interessen der Arbeit zu

verteidigen. Sie sehen das Ergebnis. Ausgaben: viertausendfünfhundert

Pfund. Zeichnungen von Arbeitern zweiundzwanzig Pfund, sieben Schilling

und zehn und einen halben Penny. Die englischen Arbeiter zeigten ihr

Verständnis für meine Bemühungen, sie freizumachen, indem sie mich

anklagten, ich wollte die Vereinigung benutzen, um meine eigene Tasche

zu bereichern. Sie schmähten und steinigten mich. Jetzt helfe ich ihnen

nur noch, wenn sie die Neigung zeigen, sich selbst zu helfen. Ich

beschäftige mich zum Teil damit, einen Plan zur Neugestaltung unserer

Industrie auszuarbeiten, dann aber greife ich auch meine eigene Klasse

mit Frauen und allem an, gradeso wie ich Sie angreife.«

»Ich fürchte, es hat wenig Zweck, uns anzugreifen,« sagte Sir Charles.

»Es hat viel Zweck,« entgegnete Trefusis zuversichtlich. »Sie haben

jetzt eine ganz andere Ansicht von unserer prahlerischen Kultur

wie damals, als ich Ihre Mauer niederriß und diese Fanatiker der

Bodenreform einlud, über ihre Spielplätze zu gehen! Sie haben in meinem

Album etwas gesehen, was Sie vor einer Stunde noch nicht kannten, und

Sie sind infolgedessen nicht mehr derselbe Mensch, der Sie vor einer

Stunde waren. Meine Bilder haften länger in meinem Gedächtnis als Ihre

gekritzelten Radierungen oder die verschwommenen Sachen, in deren Grau

Sie sich einbilden, zarte Harmonien zu sehen. Erskines nächstes Drama

mag wieder die Freiheit zum Vorbild nehmen, aber seine patriotischen

Märtyrer werden dann etwas Besseres zu tun haben, als ein unsinniges

Geschwätz gegen Puppenkönige zu richten, die in ihrem ganzen Leben im

geheimen nicht so viele feige Gemeinheit, Habgier, Grausamkeit und

Tyrannei geplant haben, als es bei jeder Halbjahrsversammlung von

einem Dividenden verschluckenden Gewürm offen beschlossen wird, deren

armselige Lohnsklaven sich sechszehn von den vierundzwanzig Stunden

abschinden müssen.«

»Und was soll das Ende von dem allen sein?« fragte Sir Charles etwas

verwirrt.

»Sozialismus oder Zerstörung. Sozialismus, wenn der Kampf schließlich

die Fähigkeit entwickelt, die Aufgaben der Gesellschaft zu ordnen;

denn die Gesellschaft ist zu übervölkert und zu kompliziert, um noch

länger nach dem alten Zufallssystem des Privateigentums geleitet zu

werden. Wenn wir nicht unsere Gesellschaft sozialistisch neuordnen

-- vom menschlichen Standpunkt aus ein sehr erhabenes und prächtiges

Unternehmen, volkswirtschaftlich ein sehr einfaches und gesundes --

dann wird der Freihandel durch sich selbst England zugrunde richten,

und ich will Ihnen genau sagen, auf welche Weise. Als mein Vater sein

Vermögen erwarb, hatten wir einen Vorsprung vor allen andern Völkern

durch die Entwicklung unserer Industrie und den Reichtum an Eisen

und Kohle. Andere Völker kauften unsere Erzeugnisse billiger, als

wenn sie sie selbst hervorgebracht hätten, und doch noch so hoch über

unserm Herstellungspreis, daß der Verdienst unsere Kapitalisten wie

eine Meeresflut überfiel. Als die Arbeiter durch ihre Gewerkschaften

ihren Anteil an dem Segen in Form von Lohnerhöhungen verlangten,

war es billiger, ihnen das wenige, was sie zu verlangen wagten, zu

bewilligen, als den Goldstrom zum Stillstand zu bringen und sie zu

bekämpfen und sie zu zerschmettern. Aber jetzt haben unsere Kunden in

ihren eigenen Ländern unsere industriellen Methoden nachgeahmt und

verbessert, und sie haben Plätze entdeckt, an denen man Kohle und

Eisen noch billiger haben kann als heute in England. Sie produzieren

für sich selbst, oder kaufen das, was sie früher bei uns gekauft

haben, anderswo. Unser Verdienst verschwindet, unsere Maschinen

stehen still, unsere Arbeiter liegen auf der Straße. Heute macht

es sich bezahlt, die Fabriken zu schließen und die Gewerkschaften

zu bekämpfen und zu zerstören, wenn die Männer nicht etwa für eine

Lohnerhöhung, sondern gegen eine Lohnherabsetzung streiken. Jetzt, da

diese Gewerkschaften geschlagen werden und hilflos in dem Maße, in

dem die Zahl der Arbeitslosen in ihren Reihen zunimmt, dem Bankrott

entgegengehen, jetzt werden sie von unserer Klasse gehätschelt und

gepriesen -- ein unfehlbares Zeichen, daß sie in ihrer Aufgabe,

uns zu vernichten, keine weiteren Fortschritte machen. Die kleinen

Kapitalisten hat die Ebbe auf den Strand gesetzt, die großen folgen

der Strömung des Wassers und bauen ihre Werke da, wo Dampfkraft,

Wasserkraft, Arbeitskraft und Güterbeförderung billiger sind als in

England, das früher in diesen Dingen am billigsten war. Die Arbeiter

werden mit den Fabriken auswandern, aber sie werden sich immer noch

stärker vermehren, als sie auswandern, und man wird ihnen vorwerfen,

daß sie durch ihre maßlosen Lohnansprüche das Kapital ins Ausland

trieben. Und das wird so weiter gehen, solange noch ein Chinese oder

Indier unbeschäftigt ist und sie unterbietet. Wenn die englischen

Fabriken geschlossen sind, werden sie durch Villen ersetzt werden.

Die Industriegegenden werden sich in elegante Aufenthaltsorte für

Kapitalisten verwandeln, die von den Erträgnissen ihrer ausländischen

Anlagen leben. Die Bauerngüter und Viehwirtschaften werden zerstört

und in Jagdgründe verwandelt. Alle Dinge, die irgendwie an andern

Orten hergestellt werden können als dort, wo sie gebraucht werden,

kommen von auswärts. Sie sind eine Bezahlung für die Benutzung der

Jagdgründe durch ausländische Jagdliebhaber oder für die Dividenden

der in England lebenden Kapitalisten. Aber da diese Kapitalisten

ihre Unternehmungen im Auslande haben, so wird die Einfuhr nicht

durch eine Ausfuhr bezahlt, denn für Mieten und Zinsen wird überhaupt

kein Gegenwert gegeben. Diese Tatsache wollen die Freihandelsmänner

nicht einsehen oder wenigstens nicht eingestehen, obgleich sie der

Schlüssel zu dem ganzen Geheimnis ihrer Gegner ist. Man wird stürmisch

nach Zollschutz verlangen. Aber keiner will zu einem nachweislich

unvernünftigen Mittel seine Zuflucht nehmen, das zuerst die Preise

erhöht und dann erst die Löhne, und das nirgendwo den Arbeiter geholfen

hat. Es wird nur noch solche Beschäftigung geben, die an Ort und

Stelle getan werden muß, wie das Auspacken und Verteilen der Einfuhr,

das Bedienen der Eigentümer als Haussklaven, das Theaterspielen,

Predigen, Straßenpflastern, Laternenanzünden und so weiter. Und auch

in diesen Berufen werden immer weniger Leute beschäftigt werden,

da die Kapitalisten zu der Erkenntnis kommen, daß der übertriebene

Prunk nicht vornehm ist, und ein einfacheres Leben genießen werden.

Ein ungeheueres Proletariat, das sich zuerst aus den früheren

Arbeitern in der Exportindustrie entwickelt hat, wird mit seiner

Nachkommenschaft dauernd ohne Beschäftigung sein. Sie werden ihren

Anteil an dem Land und an den Maschinen verlangen, um für sich selbst

zu produzieren, und man wird sie zurückweisen. Dann zerschlagen sie ein

paar Fensterscheiben und werden zerstreut. Ihre Führer bekommen eine

Warnung. Sie stecken einige Häuser in Brand, ermorden einen oder zwei

Polizisten, und jetzt wird an denen, die man verwarnt hat, ein Exempel

statuiert. Sie machen einen Aufstand, werden mit Maschinengewehren

niedergeschossen -- aus dem Lande verjagt und irgendwie und irgendwo

vernichtet. Denn die besitzenden Klassen denken gar nicht daran und

sehen auch keine Möglichkeit, anders den berechtigten Ansprüchen der

Arbeiter nachzukommen. Sie selbst, Sie haben nur zu leicht fünfzig

Pfund für Jansenius' Auswanderungsfonds gegeben, aber Sie würden

Polizei, Militär und die Aufstandsgesetze anrufen, wenn die Leute

nach Brandon Beeches kämen und Sie aufforderten, auszuziehen und

mit den andern für ihren Lebensunterhalt zu arbeiten. Nun, wenn das

überflüssige Proletariat vernichtet ist, dann bleibt eine Bevölkerung

von Kapitalisten übrig, die von einer unverdienten Einfuhr lebt und

von einem unzufriedenen Gefolge bedient wird. Eines Tages wird die

unverdiente Einfuhr aufhören, vielleicht weil draußen Revolutionen

oder Staatsbankrotte ausgebrochen sind, weil der Zinsfuß fällt, weil

Regierungen die Unternehmungen für lumpige Summen übernehmen, die

man dann anderweitig nicht wieder anlegen kann, oder aus sonstigen

Gründen. Unsere Kapitalistengemeinschaft ist dann auf den Rest der

letzten Dividende angewiesen, die sie längst verzehrt hat, ehe sie die

zerstörten Maschinen wiederhergestellt hat, um sich durch eigene Arbeit

am Leben zu erhalten. Pferde, Hunde, Katzen, Ratten, Brombeeren, Pilze

und Kannibalismus schieben dann das Ende hinaus, bis --«

»Hah! ha! ha!« rief Sir Charles laut. »Bei meiner Ehre, Trefusis, ich

dachte anfangs, Sie redeten ernst. Aber jetzt gestehen Sie nur, Sie

alter Bursche, es war alles Spaß von Ihnen. Ich hatte Sie halb im

Verdacht, Sie seien etwas verdreht.« Und er blinzelte Erskine zu.

»Was ich jetzt beschrieben habe, ist das unausbleibliche Ende unserer

heutigen Freihandelspolitik ohne Sozialismus. Die Theorie des

Freihandels ist nur auf ein Austauschsystem anwendbar, nicht auf eins

der Ausbeutung. Wir haben ein Ausbeutungssystem, und wenn wir es nicht

verlassen, müssen wir entweder zum Zollschutz zurückkehren oder auf

die Art, die ich soeben dargelegt habe, zugrunde gehen. Nun würde der

Cobden Klub, ehe er die Anhänger des Schutzzolls triumphieren ließe,

lieber selbst unter das Volk gehen und den Arbeitern zeigen, daß

Schutzzoll die englischen Besitzer zwingt, Sklaven zu beschäftigen,

die in England wohnen, und die daher wahrscheinlich -- wenn auch nicht

notwendigerweise -- Engländer sein müssen. Das würde schließlich dem

Volke die Augen darüber öffnen, daß es gar nicht im Besitze Englands

ist. Wenn sie das erst begriffen haben, werden sie es bald zu ihrem

Eigentum machen, und wenn erst England der Gemeinbesitz seiner Bewohner

ist, dann wird England sozialistisch. Die künstliche Ungleichheit

wird vor der wirklichen Vertragsfreiheit verschwinden. Ein freier

Wettbewerb, ein ungehindertes Nacheifern werden uns vorwärtsbringen,

und der Freihandel wird endlich seine Versprechungen erfüllen.«

»Und die Faulenzer und Bummler,« fragte Erskine. »Was wird aus denen?«

»Sie und ich natürlich,« sagte Trefusis, »wir werden wohl verhungern

müssen, wenn wir es nicht vorziehen, zu arbeiten, oder wenn man uns

nicht mit Rücksicht auf unsere schlechte Erziehung unterstützt.«

»Glauben Sie, man wird uns ausplündern?« fragte Sir Charles.

»Ich glaube, man wird uns daran hindern, die andern weiter

auszuplündern. Wenn die Arbeiter Bedenken tragen, uns bis aufs Hemd

auszuziehen oder uns die Kehlen abzuschneiden, falls wir den geringsten

Widerstand leisten, dann zeigen sie uns mehr Erbarmen, als wir ihnen je

gezeigt haben. Denken Sie daran, was wir getan haben, um unsere Zinsen

aus Irland und Schottland zu holen und unsere Dividenden aus Ägypten,

falls Sie meine Photographien und ihre Belehrung über unsere heimische

Grausamkeit vergessen haben. Ermorden wir nicht die große Masse dieser

armen Arbeiter durch Überarbeit und Bedrückung? Ihre durchschnittliche

Lebenszeit ist nicht halb so lang wie unsere, obgleich die menschliche

Natur in uns dieselbe ist wie in ihnen. Wenn wir ihrem Ansturm

widerstehen, wenn es uns gelingt, die Ordnung wiederherzustellen,

wie wir das nennen, dann werden wir sie erbarmungslos für ihre

Unbotmäßigkeit bestrafen, grade wie wir es 1871 in Paris taten, wo wir

ihnen übrigens auch lehrten, wie töricht es ist, seinen Feinden Pardon

zu geben. Wenn sie uns überwinden, dann werden wir unsere Schläge

bekommen, und es geschieht uns ganz recht. Da ist es doch viel besser,

schon jetzt vernünftig zu sein und Blutvergießen zu vermeiden. Nicht

wahr, Erskine?«

Erskine überlegte grade, welche Antwort er geben sollte, als ihn

Trefusis aus der Fassung brachte, indem er klingelte. Gleich darauf

erschien eine ältliche Frau, die einen länglichen Tisch vor sich

herschob, der wie ein Handwagen auf Rädern ging.

»Danke sehr,« sagte Trefusis und entließ sie. »Hier ist guter Wein,

gutes Wasser, gutes Obst und gutes Brot. Ich weiß, daß Sie am Wein

hängen wie an einer guten, gewohnten Herzstärkung. Was mich angeht, so

mache ich keinen Unterschied zwischen ihm und andern Pflanzengiften.

Ich genieße sie niemals. Wasser zur Beruhigung, Wein zur Anregung. In

mir sprudeln genug Quellen der Anregung, ich habe niemals Mangel daran

und brauche nur nach Beruhigung zu suchen. Indessen« -- hier entkorkte

er die Flasche, »ein voller Becher hiervon wird Sie für wenigstens

eine halbe Stunde sich wie Götter fühlen lassen. Sollen wir auf Ihre

Bekehrung zum Sozialismus trinken?«

Sir Charles schüttelte den Kopf.

»Wie, Mr. Donovan Brown, der große Künstler, ist ein Sozialist, warum

sollten Sie keiner sein?«

»Donovan Brown?« rief Sir Charles interessiert aus. »Ist das möglich?

Kennen Sie ihn persönlich?«

»Hier sind verschiedene Briefe von ihm. Sie können sie lesen. Schon das

einfache Autograph eines solchen Mannes ist interessant.«

Sir Charles nahm die Briefe und las sie aufmerksam durch, während ihm

Erskine über die Schulter sah.

»Ich stimme vollständig mit allem überein, was er hier sagt,« bemerkte

Sir Charles. »Es ist ganz richtig.«

»Natürlich stimmen Sie mit uns überein. Donovan Browns Bedeutung als

Künstler hat mir einen Rekruten erworben, und Ihre Bedeutung als

Baronet wird mir noch mehrere gewinnen.«

»Aber --«

»Aber was?« sagte Trefusis und öffnete schnell eins von den Albums, daß

das Bild eines widerlichen Zimmers zeigte. »Sie sind doch hiergegen,

nicht wahr? Donovan Brown ist dagegen, und ich bin dagegen. Sie mögen

sonst in allem anderer Meinung sein, aber Sie sind doch auf unserer

Seite. Nicht wahr?«

»Aber es kann die Folge von Trunksucht, Gleichgültigkeit oder --«

»Das Einkommen meines Vaters war fünfzigmal so groß wie das von Donovan

Brown. Glauben Sie, daß Donovan Brown fünfzigmal so trunksüchtig und

gleichgültig wie mein Vater war?«

»Gewiß nicht. Ich leugne auch gar nicht, daß vieles richtig ist an

dem, was Sie sagen. Aber Sie verlangen da von mir einen sehr wichtigen

Schritt.«

»Durchaus nicht. Ich verlange gar nicht, daß Sie sich durch Ihre

Unterschrift, Ihren Beitritt oder eine Bürgschaft an irgendeiner

Gesellschaft oder einer Verschwörung beteiligen sollen. Ich mochte

nur Ihren Namen zur Erwähnung gegenüber solchen Feiglingen, die den

Sozialismus für ganz richtig halten, aber ihn nicht bekennen wollen,

weil sie ihn nicht für geachtet ansehen. Sie werden sich nicht mehr

ihrer Überzeugung schämen, wenn sie hören, daß ein Baronet sie teilt.

Sie sehen also, daß Ihnen der Sozialismus schon etwas bietet, er gibt

Ihrem sonst wertlosen Titel einen wirklichen Wert.«

Sir Charles errötete ein wenig und wurde sich bewußt, daß das Beispiel

seines Lieblingsmalers ihn mehr beeinflußt hatte als seine eigene

Überzeugung oder die Beweise Trefusis'. »Was meinen Sie, Chester?«

fragte er. »Wollen Sie sich anschließen?«

»Erskine ist schon durch seine veröffentlichten Schriften dafür

bekannt, daß er für die Sache der Freiheit eintritt,« sagte Trefusis.

»Drei von den Broschüren auf diesem Büchergestell zitieren die

patriotischen Märtyrer.«

Erskine wurde rot, da es ihm schmeichelte, daß er zitiert worden war.

Diese Aufmerksamkeit war ihm erst einmal zuteil geworden, und zwar

durch einen Kritiker, der dadurch zeigen wollte, daß die patriotischen

Märtyrer nachlässig geschrieben seien.

»Nun?« fragte Trefusis. »Soll ich Donovan Brown schreiben, daß seine

Briefe die aufrichtigste Zustimmung und Sympathie von Sir Charles

Brandon gefunden haben?«

»Gewiß, gewiß. Das heißt, wenn mein unbekannter Name für ihn im

geringsten von Interesse ist.«

»Gut,« sagte Trefusis und füllte sein Glas mit Wasser. »Laßt uns mit

unserm Bruder Sozialdemokrat anstoßen.«

Erskine lachte laut, aber gezwungen. »Welch ein Esel sind Sie,

Brandon!« sagte er. »Sie, mit Ihrem großen Landbesitz und Säcken

von Gold, die in Eisenbahnen angelegt sind, Sie nennen sich einen

Sozialdemokraten. Wollen Sie alles verkaufen und verteilen nach dem

Wort: Verkaufe alles, was du hast, und gib es den Armen?« --

Der Amateursozialist: Roman · 第 19 / 23 段