»Warum?« fragte Trefusis und mißbilligte offenbar sehr diese
Sinnesänderung.
Sir Charles zuckte mit den Schultern und gab keine Antwort.
»Es tut mir leid, daß ich das höre. Ich wollte, Sie könnten ihn
bewegen, diesen Entschluß aufzugeben. Er ist ein prächtiger Mensch
und kann ganz anständig leben, obgleich er nach Ihren Anschauungen
ein armer Mann ist, so daß sie ihn vollständig uneigennützig heiraten
kann. Es wird ganz gut für sie sein, wenn sie jemand heiratet, der
ihr keinen pekuniären Vorteil bietet. Sie wird viel mehr Selbstachtung
empfinden. Denn wenn sie auch aus Liebe heiratet, so wird es ihr doch
nicht am Lebensunterhalt fehlen, und sie braucht ihren Mann nicht
wegen seiner Abkunft zu verachten. Machen Sie eine Partie daraus, wenn
Sie eben können. Ich interessiere mich für das Mädchen, es hat gute
Anlagen.«
Sir Charles' Vermutung, Trefusis mache Agatha wirklich den Hof,
kehrte nach dieser Unterredung zurück. Er wiederholte sie Erskine,
der sich ärgerte, daß man seine Gedichte einem Leser von Blaubüchern
gezeigt hatte, und im übrigen glaubte, Trefusis wollte damit nur seine
Absichten auf Gertrude verbergen. Sir Charles wollte diese Ansicht
nicht gelten lassen, und die beiden Freunde gerieten scharf aneinander,
als sie sie besprachen. Nach dem Diner, als die Damen weggegangen
waren, drängte Sir Charles nachgiebig und herzlich Erskine, er sollte
mit Gertrude sprechen, ohne sich an die Aufrichtigkeit Trefusis' zu
stören. Aber Erskine wußte, daß er eine Abweisung nicht ertragen
konnte, und es widerstrebte ihm, sich einer solchen Gefahr auszusetzen.
»Hätten Sie den Ton ihrer Stimme gehört, als sie ihn fragte, ob er im
Ernst sei, Sie würden nicht so zu mir sprechen,« sagte er mutlos. »Ich
wollte, er wäre nie hierhergekommen.«
»Nun, das war wenigstens nicht meine Schuld, mein lieber Freund,« sagte
Sir Charles. »Er kam gegen meinen Willen hierher. Aber jetzt, da es
scheint, daß er wegen des Rasens im Recht ist -- wenigstens gesetzlich
-- würde es gehässig aussehen, wenn ich ihn schnitte. Übrigens ist er
wirklich kein schlechter Mann, wenn er nur die Mädchen in Ruhe ließe.«
»Wenn er mit Miß Lindsay sein Spiel treibt, werde ich ihn bitten, über
den Kanal zu kommen, und mich mit ihm schießen.«
»Ich glaube nicht, daß er mitkommen würde,« sagte Sir Charles
zweifelnd. »Wenn ich an Ihrer Stelle wäre, ich versuchte sofort mein
Glück mit Gertrude. Trotz allem, was Sie gehört haben, glaube ich
nicht, daß sie einen Mann von seiner Herkunft heiraten würde. Sein Geld
gibt ihm ja gewiß einige Aussichten, aber Gertrude hat schon reicheren
Männern, als er ist, den Laufpaß gegeben.«
»Ich will ehrlich gegen ihn sein,« sagte Erskine. »Ich irre mich
vielleicht, denn alle Menschen können sich in ihrem Urteil über sich
selbst irren, aber ich glaube doch, daß ich sie glücklicher machen
könnte, als er es kann.«
Sir Charles war dessen nicht ganz gewiß, aber er entgegnete freundlich:
»Gewiß. Er ist überhaupt nicht der Mann für sie, aber Sie sind es. Er
weiß das auch selbst.«
»Pah!« murmelte Erskine und erhob sich verächtlich. »Wir wollen
hinaufgehen.«
»Übrigens, wir müssen ihn morgen besuchen und sein Haus und die
Photographien besichtigen. Die Photographien! Ha, ha!«
»Der Teufel hole sein Haus!« sagte Erskine.
Am nächsten Tage gingen sie nach Sallusts Haus. Es stand mitten auf
einem Felde, das mit Ausnahme eines Küchengartens unbebaut war. Das
Wärterhäuschen am Eingang war unbewohnt, und vor dem offen stehenden
Tor waren Schmutz und abgefallenes Laub aufgehäuft. Zwei verlaufene
Ponys, eine Ziege und ein Vagabond, der auf dem Rasen schlief, hatten
so Eingang gefunden. Das Weib des Vagabonden saß in der Nähe und
bewachte ihn.
»Ich möchte am liebsten wieder gehen,« sagte Sir Charles und sah sich
voll Ekel um. »Der Platz ist schändlich vernachlässigt. Sehen Sie nur,
wie der Lump da direkt vor den Fenstern schläft.«
»Ich bewundere seine Kühnheit,« sagte Erskine. »Übrigens ein hübsches
Paar Ponys.«
Sallusts Haus war viereckig und hatte einen zimtbraunen Anstrich.
Unter dem Gesims war ein gelber Fries mit Figuren von tanzenden
Kindern, eine Nachahmung von Bildern Donatellos in sehr ungeschickter
Ausführung. Dann war da eine armselige Säulenhalle von vier Säulen,
rot angestrichen, und ein schmuckloser, gelb angestrichener Giebel.
Die Farben, die zu dem Anstrich der Wände passen sollten, standen in
Wirklichkeit dazu in einem schreienden Widerspruch. Sie waren von einem
offenbar farbenblinden Künstler frisch erneuert worden. Die Türe unter
dem Säulengang stand offen. Sir Charles klingelte, und eine ältere Frau
meldete sich. Aber bevor sie die Besucher anreden konnte, erschien
Trefusis in einem weißen, baumwollenen Malerkittel. Sie folgten ihm
ins Haus und fanden, daß es ein leeres Viereck bildete, das einen Hof
mit einem Bad in der Mitte und einem Brunnen darin einschloß. Der
Hofraum, der früher unter freiem Himmel gestanden hatte, war jetzt
mit einem schmutzigen Glasdach bedeckt. Die Nymphe, die einst das
Wasser des Brunnens ausgegossen hatte, war beschädigt und trocken.
Das Bad war zum Teil mit alten Brettern bedeckt, der freie Raum
enthielt in einer Ecke einen Haufen Kohlen, in der andern einen Haufen
Kartoffeln, ferner ein Bierfaß, ein paar alte Teppiche, ein Segeltuch
und einen zerbrochenen Nachen. Der Marmorboden erstreckte sich bis
zu den Außenwänden des Hauses und war an den Seiten durch die oberen
Stockwerke überdacht, die durch gerillte, steinerne Säulen getragen
wurden. Die Säulen waren alle beschmutzt und zerfallen. Trefusis führte
seine Besucher zu einem breiten Treppenhaus, das an der Hinterwand des
Hauses lag und durch einen Gang zu den oberen Räumen führte.
»Dieses Haus ist im Jahre 1780 von einem Vorfahren meiner Mutter erbaut
worden,« sagte Trefusis. »Er galt für einen Mann von auserlesenem
Geschmack. Er wollte, dieses Haus sollte für immerdar -- er gebrauchte
in seinem Testament ausdrücklich dieses Wort -- als Familiensitz
gelten, und er sammelte eine schöne Bibliothek, die ich gut gebrauchen
konnte, denn alle die Bücher kamen in gutem Zustande in meinen Besitz,
bei den meisten waren nicht einmal die Blätter beschnitten. Es gibt
Leute, die grade für unaufgeschnittene Bücher von alten Ausgaben
hohe Preise bezahlen. Ein Händler gab mir für einen Teil von ihnen
dreihundertundfünfzig Pfund. Ich kam auch in Besitz einer Anzahl
Familienfetische -- oder Erbstücke, wie man sie nennt. Da war noch
ein Schwert, das einer meiner Vorfahren bei Edgehill und in andern
Schlachten zur Zeit Karls des Ersten trug. Wir kämpften natürlich auf
der verkehrten Seite, aber das Schwert brachte doch fünfunddreißig
Schilling ein. Sie werden es kaum glauben, daß mir hundertundfünfzig
Pfund für einen goldenen Becher angeboten wurden, der ungefähr
fünfundzwanzig wert war, nur weil einmal die Königin Elisabeth daraus
getrunken hat. Dies ist mein Arbeitszimmer, es war als Festsaal
gedacht.«
Sie betraten einen Saal, der so lang war wie die Front des Hauses. An
einer Seite befanden sich vier hohe Fenster. Dazwischen standen eckige
Pfeiler mit den korinthischen Kapitälen, die das Gesims trugen und halb
in die Wand hineingesunken waren. Ähnliche Pfeiler befanden sich auf
der gegenüberliegenden Seite, aber zwischen ihnen waren anstatt der
Fenster Bogennischen angebracht. In den Nischen standen lebensgroße
Gipsfiguren, alle zerbrochen und unglaublich entstellt. Der Fußboden
war aus schräg gestellten, schmalen Parketthölzern zusammengesetzt. Er
hatte keinen Teppich und war nicht gebohnt. Die Decke war mit Fresken
geschmückt, die sofort Sir Charles' Interesse erregten. Mit Unwillen
entdeckte er, daß ein großer Teil der Malerei an der nördlichen Seite
des Zimmers zerstört und durch ein eingesetztes Glasdach entstellt
war. An andern Stellen waren Haken hineingetrieben, um die Seile eines
Trapezes und anderer Stücke eines gymnastischen Apparats zu tragen. Die
Wände waren geweißt, und es erschien ungefähr vier Fuß über dem Boden
ein dunkler Streifen, der von Bleistiftnotizen und kleinen Zeichnungen
herrührte, die auf den weißen Grund gekritzelt waren. Das eine Ende des
Raumes war unmöbliert, nur ein gymnastischer Apparat befand sich da,
eine photographische Dunkelkammer, eine Leiter, die in der Ecke stand,
und ein gewöhnlicher, billiger Tisch, der mit Ölkannen und Farbentöpfen
bedeckt war. Am andern Ende des Raumes hatte man einen fast luxuriösen
Anblick. Es standen da ein großer Bücherschrank, eine kunstvolle
Verbindung von Sekretär und Schreibtisch, ein Gestell mit einem Gewehr,
einem Satz Rapieren und einem Schirm daran. Auf einem Tisch befanden
sich verschiedene Albums in Folioformat; einige bequeme Stühle und
Sofas und ein dicker Teppich vervollständigten die Einrichtung. Dicht
dabei und gar nicht dazu passend stand eine Tischlerbank mit dem
gewöhnlichen Zubehör und eine Anzahl von Brettern verschiedener Stärke.
»Das ist eine Art Bequemlichkeit, die sich nur ein reicher Mann leisten
kann,« sagte Trefusis, sich umwendend, und überraschte seine Besucher
dabei, wie sie sich Blicke des Erstaunens über seinen Geschmack
zuwarfen. »Ich halte mir einen Salon der gewöhnlichen Art, um Gäste zu
empfangen, gegen die man konventionell sein muß, aber ich betrete ihn
nur bei solchen Gelegenheiten. Wie gefällt Ihnen dieses Arbeitszimmer?«
»Wirklich, Trefusis, ich glaube, Sie sind verrückt,« sagte Sir Charles.
»Das Zimmer sieht aus, als ob es eine Belagerung durchgemacht hätte.
Wie haben Sie das angefangen, diese Statuen so zu zerbrechen und die
Wände in einer so schrecklichen Weise zu beschädigen?«
Trefusis nahm eine Zeitung von dem Tisch und sagte:
»Hören Sie, bitte: >Trotz des ungünstigen Wetters war das Jagdergebnis
des Kaisers und seiner Gäste in Steiermark ein ausgezeichnetes. In
drei Tagen wurden zweiundfünfzig Gemsen und neunundsiebzig Hirsche und
Rehe durch neunzehn einläufige Gewehre erlegt, da der Kaiser keine
andern erlaubte.< -- Ich teile die Lust des Kaisers am Schießen, aber
ich bin kein Schlächter und brauche den königlichen Geschmack am
Blut für meinen Sport nicht. Und ich teile auch nicht den Geschmack
meines Vorfahren an Statuen. Deshalb --« Hier öffnete Trefusis eine
Schublade, zog eine Pistole heraus und feuerte nach der Hebe, die in
der entferntesten Nische stand.
»Gut gemacht!« sagte Erskine kühl, als das letzte Bruchstück von Hebes
Kopf unter der Berührung mit dem Geschoß in Splitter ging.
»Eine sehr nutzlose Arbeit,« sagte Trefusis. »Ich bin ein guter
Schütze, aber was nützt mir das? Nichts. Ich traf einmal einen
Wildhüter, einen Methodisten. Er war ein ganz ausgezeichneter Redner,
aber ein schlechter Schütze. Wenn er seine Anlagen mit meinen hätte
austauschen können, ich würde ihm gerne zehntausend Pfund zugegeben
haben, obgleich er schon bei dem Austausch an sich ebensoviel Vorteil
gehabt hätte wie ich. Ich habe nicht mehr Verlangen oder Bedürfnis,
ein guter Schütze zu sein, als König von England oder Eigentümer eines
Derbysiegers oder sonst einer komischen Sache, und doch habe ich nie in
meinem Leben mein Ziel verfehlt -- dank meiner Verhältnisse ohne Zweck!«
»König von England!« sagte Erskine mit verächtlichem Lachen, um
Trefusis zu zeigen, daß andere Leute ebenso freiheitliebend seien als
er. »Ist es nicht lächerlich, daß sich eine Nation seiner Freiheit
rühmt und doch einen König erträgt?«
»Oh, zum Teufel mit Ihrem Republikanismus, Chester!« sagte Sir Charles,
der im stillen nicht viel von der politischen Seite der patriotischen
Märtyrer hielt.
»Ich lasse mir in dem Punkt nichts sagen,« entgegnete Erskine. »Ich
bewundere einen Mann, der einen König tötet. Darin werden Sie doch mit
mir übereinstimmen, Trefusis?«
»Durchaus nicht,« sagte Trefusis. »Ein König ist heutzutage nur eine
Puppe, die man aufstellt, um das Feuer von den wirklichen Unterdrückern
abzulenken. Und das bißchen Gehalt, das er nach Gefallen ausgeben
kann, ist gewöhnlich viel zu klein für sein Risiko, seine Sorgen und
den Zustand persönlicher Sklaverei, dem er unterworfen ist. Welcher
Privatmann in England ist übler dran als der konstitutionelle Monarch?
Wir gestatten ihm keine Zurückgezogenheit, er darf nicht heiraten,
wen er will, sich nicht seinen Umgang aussuchen, sich nicht nach
seinem Geschmack kleiden, oder leben, wo er will. Ich glaube nicht
einmal, daß er das essen und trinken kann, was er am liebsten hat.
Eine Vorliebe für Schweinebauch oder Zwiebeln von seiner Seite würde
eine Beschwerde des Kronrats herbeiführen. Wir schreiben ihm alles vor
mit Ausnahme seiner Gedanken und Träume, und selbst diese muß er für
sich behalten, wenn sie nach unserer Ansicht für seine Stellung nicht
passend sind. Die Arbeit, die wir ihm auferlegen, hat alle Beschwerden
der gewöhnlichen Arbeit. Sie ist unfruchtbar, anhaltend, eintönig, und
muß meistens mit quälender Langeweile ausgeführt werden. Wir machen
ihm sein Königreich zur Tretmühle und treiben ihn darauf von einem Ende
zum andern herum. Schließlich, nachdem wir ihm sonst alles weggenommen
haben, was uns Menschen wertvoll ist, fallen wir über seinen Charakter
her und über den Charakter jedes Menschen, dem er es wagt, seine Gunst
zu zeigen. Wir legen ihm enorme Ausgaben auf, halten ihn knapp und
sticheln über seinen Geiz. Wir gehen mit ihm um, wie ich mit diesen
Statuen umgehe -- wir stellen ihn auf einen Ehrenplatz, damit wir ihn
um so leichter verunstalten und mißhandeln können. Wir schicken ihn
durch unsere übervölkerten Städte und behaupten, er sei die Ursache
von allem Guten und allem Schlechten in der Nation. Und er weiß, daß
die meisten Menschen das glauben, er weiß, daß es eine Lüge ist, daß
er nicht den Arbeitstag um eine Stunde verkürzen kann, daß er nicht
die Löhne um einen Groschen erhöhen kann, daß er nicht das kleinste
Gerichtserkenntnis umstoßen kann, so ungerecht es ihm auch erscheinen
mag. Er weiß, daß jeder Bergarbeiter im Königreich Dynamit anfertigen
kann, daß Revolver für weniger als einen Schilling das Stück verkauft
werden. Er weiß, daß er nicht kugelfest ist, daß man schon auf jeden
europäischen König in den Straßen geschossen hat. Er muß lächeln und
sich verbeugen und eine Miene graziösen Vergnügens bewahren, während
der Bürgermeister und die Räte ihm diese geistlose Ansprache halten,
die er schon tausendmal gehört hat. Ich verlange nicht von Ihnen, daß
Sie königstreu sind, Erskine, aber ich erwarte, daß Sie aus einfacher
Menschenliebe Mitgefühl mit der Hauptfigur in dem Possenspiel haben,
die für die mannigfachen Übel und Schändlichkeiten in ihrem Reich nicht
mehr verantwortlich ist, als der Lord-Mayor für die Diebstähle der
Taschendiebe, die seinem Umzug am neunten November folgen.«
Sir Charles lachte über die Mühe, die sich Trefusis gab, um seine
Ansicht klarzulegen, und sagte beschwichtigend: »Mein lieber Freund,
Könige sind an so etwas gewöhnt, sie erwarten es so, und sie lieben es
so.«
»Und offenbar sehen sie es ebensowenig in demselben Lichte wie ich, wie
es die meisten Menschen tun,« stimmte Trefusis zu.
»Welch ein feines Gesicht!« rief Erskine plötzlich und blickte auf
eine Photographie in einem Rahmen von schwerem Gold und Korallen, der
auf einer mit rotem Samt verzierten Miniaturstaffelei stand. Trefusis
wandte sich schnell um und war augenscheinlich so befriedigt, daß
sich Sir Charles beeilte, auszurufen: »Reizend!« Dann blickte er erst
auf das Bild und fügte, etwas erstaunt, hinzu: »Es ist sicherlich ein
außergewöhnlich anziehendes Gesicht.«
»Vor Jahren,« sagte Trefusis, »als ich dieses Gesicht zum erstenmal
sah, da hatte ich dasselbe Gefühl, was Sie jetzt haben.«
Es trat ein Schweigen ein. Die beiden Besucher sahen das Bild, und
Trefusis blickte sie an.
»Eine fremdartige Schönheit,« sagte Sir Charles schließlich etwas
zurückhaltender als zuvor.
Trefusis lachte unangenehm. »Erkennen Sie in ihr den Künstler -- den
begeisterten Amateur?« sagte er und öffnete eine andere Schublade, aus
der er ein Bündel Zeichnungen herausholte, die er ihnen zur Ansicht
gab.
»Sehr gut. Wirklich sehr gut,« sagte Sir Charles. »Ich möchte die Dame
kennen lernen.«
»Ich war oft nahe daran, sie zu verbrennen,« sagte Trefusis. »Aber sie
sind noch immer hier und werden auch wahrscheinlich hierbleiben. Das
Porträt ist viel bewundert worden.«
»Können Sie uns nicht mit dem Original einmal bekannt machen, alter
Freund?« fragte Erskine.
»Glücklicherweise nicht. Sie ist tot.«
Sie waren unangenehm berührt und sahen ihn einen Augenblick mit
Abneigung an. Dann wandte sich Erskine mitleidig und enttäuscht zu dem
Bilde und sagte: »Armes Mädchen! War sie verheiratet?«
»Ja. Mit mir.«
»Mrs. Trefusis!« rief Sir Charles aus. »Ach! Lieber Himmel!«
Erskine, der jetzt einen Beweis vor sich hatte, daß es auch einem
schönen Mädchen möglich war, Trefusis zu heiraten, sagte nichts.
»Ich halte mir ihr Bild immer vor Augen, um meine natürliche
Verliebtheit zu bekämpfen. Ich verliebte mich in sie und heiratete sie.
Seitdem habe ich mich noch ein- oder zweimal verliebt, aber ein Blick
auf meine verlorene Hetty hat mich auch von der leisesten Neigung zu
heiraten, geheilt.«
Sir Charles gab keine Antwort. Es kam ihm der Gedanke, daß Lady
Brandons Bild, wenn sonst nichts mehr von ihr da sei, wohl in derselben
Art nützlich sein werde.
»Oh, Sie werden sich schon demnächst einmal wieder verheiraten,« sagte
Erskine und zwang sich zu einem ermutigenden Tone.
»Es ist möglich. Männer sollten heiraten, besonders reiche Männer. Aber
ich versichere Ihnen, augenblicklich habe ich keine Neigung, es zu tun.«
Erskines Gesicht verdunkelte sich, und er ging zu dem Tisch, auf dem
die Albums lagen.
»Dies ist die Sammlung von Photographien, von denen ich sprach,«
sagte Trefusis, indem er ihm folgte und eins von den Büchern öffnete.
»Viele von ihnen habe ich selbst aufgenommen, wobei mir das Licht
große Schwierigkeiten machte -- die einzige Schwierigkeit, die Geld
nicht immer beseitigen konnte. Dies ist eine Ansicht von dem Hause
meines Vaters -- oder vielmehr von einem seiner Häuser. Es kostete
fünfundsiebzigtausend Pfund.«
»Wirklich sehr hübsch,« sagte Sir Charles voll innerlichem Widerwillen,
weil er eine Photographie eines gewöhnlichen Landhauses, wie sie
Häusermakler zeigen, bewundern sollte, einfach nur aus dem Grunde, weil
es fünfundsiebzigtausend Pfund gekostet hatte. Die Zahlen waren sogar
in das Bild hineingeschrieben.
»Dies ist das Gesellschaftszimmer und dies eines der besten
Schlafzimmer. Auf der rechten Seite des Kartons finden Sie eine
Aufstellung über die Kosten der Möbel, der Einrichtung, des Weißzeugs
und so fort. Sie waren von der kostbarsten Art.«
»Sehr interessant,« sagte Sir Charles und verbarg kaum die Ironie
seiner Bemerkung.
»Hier ist eine Ansicht -- es ist dies der erste meiner Versuche -- des
Zimmers von einem der unteren Diener. Es ist bequem und geräumig und
solid ausgestattet.«
»Das sehe ich.«
»Dies sind die Ställe. Sind sie nicht hübsch?«
»Palastartig. Die reinen Säle.«
»Da ist jeder Luxus, den sich ein Pferd wünschen kann, einschließlich
einer Menge von Bedienten, um ihm aufzuwarten. Sie bemerken hoffentlich
die Zahlen. Es sind die Kosten des Gebäudes und der jährlichen Ausgaben
für jedes Pferd.«
»Ich sehe es.«
»Hier ist das Äußere eines Hauses. Was halten Sie davon?«
»Es ist sehr malerisch in seinem verfallenen Zustand.«
»Malerisch! Würden Sie darin leben wollen?«
»Nein,« sagte Erskine. »Ich sehe nichts wirklich Malerisches daran.
Was hat Sie denn veranlaßt, eine solche verkommene alte Räuberhöhle zu
photographieren?«
»Hier ist eine Aufnahme des besten Zimmers darin. Die Photographie gibt
Ihnen ein treues Bild von dem zerbrochenen Fußboden und den verklebten
Fensterscheiben, aber den Schmutz und den Geruch in dem Zimmer müssen
Sie sich selber vorstellen. Einige von den Flecken kamen durch den
durchsickernden Regen, andere durch den Dunst und den Schmutz. Der
Hausverwalter hat das Haus von einem Pair und vermietet es weiter. Drei
Familien wohnten in diesem Zimmer, als ich es aufnahm. Sie können an
den Zahlen in der Ecke sehen, daß es dem Besitzer mehr einbringt als
durchschnittlich ein Haus in den feineren Teilen Londons. Hier ist der
Keller. Er ist an eine Familie für anderthalben Schilling die Woche
vermietet, was für besonders billig gilt. Die Sonne scheint natürlich
niemals hier herein. Ich habe ihn bei Blitzlicht aufgenommen. Zu der
Miete müssen Sie den Betrag für eine genügende Menge schlechten Bieres
hinzufügen, die den Mieter unempfindlich gegen den Schmutz in seiner
Wohnung macht. Bier ist das Chloroform, das den Arbeiter befähigt, die
schwierige Operation des Lebens auszuhalten. Deshalb können wir uns
auch immer, wenn wir beim Wein sitzen, gegenseitig versichern, das
Elend all dieser Lumpen komme nur durch das gewohnheitsmäßige Saufen.
Wir verübeln ihm das, denn wenn er das Leben ohne Bier ertragen könnte,
würden wir das Geld für das Bier sparen -- und ihn gegen niedrigere
Löhne kaufen können. Kurz gesagt, wir würden reicher und er nüchterner
sein. Hier ist der Hofraum, die Zustände sind unbeschreiblich. Sieben
von den Bewohnern hatten vor Jahren in der Spinnerei meines Vaters
gearbeitet. Das heißt, sie hatten einen großen Teil der ungeheuren
Geldsummen geschaffen, auf die ich Sie zu Ihrem Mißvergnügen vorhin
aufmerksam machte.«
»Das war ich nicht,« sagte Sir Charles zaghaft.
»Sie können sehen, wie sehr ihre Lage gegen die der Pferde meines
Vaters zurücksteht. Die sieben Mann, die ich erwähnte, wurden mit
dreihundert andern durch dieses hier auf die Straße gesetzt.« Hier
schlug er ein Blatt um und zeigte die Photographie einer komplizierten
Maschine. »Sie ermöglichte es meinem Vater, auf ihre Dienste zu
verzichten und dafür ein paar Frauen und Kinder einzustellen. Er
hatte das Patent der Maschine für fünfzig Pfund von dem Erfinder
gekauft, denn dieser war fast ruiniert durch die Ausgaben seiner
Erfindertätigkeit und würde für eine Handvoll bares Geld alles
geopfert haben. Hier ist ein Porträt meines Vaters in seinen
Freimaurerabzeichen. Er glaubte, daß die Freimaurer im allgemeinen
in der Welt vorwärtskämen, und da es der Hauptplan seines Lebens
war, vorwärtszukommen, so trat er zu ihnen über und wollte, daß ich
dasselbe tun sollte. Aber ich wollte von diesen angeblich geheimen
Gesellschaften und ihrem Hokuspokus nichts wissen und weigerte
mich. Sie sehen, was er war -- ein würdevoller, unternehmender,
selbstsüchtiger Geschäftsmann. Betrachten Sie den erfolgreichen Mann,
den königlichen Kaufherrn mit Schiffen auf allen Meeren, den Brotherrn
von Tausenden von Arbeitern, den freigebigen Wohltäter bei allen
Veranstaltungen öffentlicher Mildtätigkeit, den Kirchenvorsteher, den
Parlamentsabgeordneten, den mildtätigen Freund seiner Verwandten --
seine Selbstgerechtigkeit lag immer im Kampf mit seiner angeborenen,
niedrigen Geldgier -- den unwissenden und unersättlichen Ausbeuter
fremder Arbeit, den Mann, der seine eigene Meinung und seine Würde für
Luxus und Delikatessen verkaufte, die zu genießen er viel zu grob war,
und für die Gesellschaft von Leuten, die ihm seine niedrige Herkunft
bei jeder Gelegenheit zu verstehen gaben --«
»Und den Mann, dem Sie alles verdanken, was Sie besitzen,« sagte
Erskine grob.