Sir Charles war jetzt in ihre Tonart hineingekommen. Er erinnerte sie

wieder an die Musik, indem er innehielt und sie fragte, ob er richtig

spiele. Sie kannte schon aus Erfahrung die Fehler, die er gewöhnlich

machte. Sie gab ihm seinen Ton an und spielte weiter. Sie hatten aber

noch nicht lange gesungen, als Jane zurückkam und sich hinsetzte,

wobei sie die Hoffnung ausdrückte, sie würde wohl nicht stören. Aber

sie störte sie. Agatha hatte das Gefühl, sie sei nur gekommen, um sie

zu überwachen, und Sir Charles wußte es. Und dann war Lady Brandon

stets unruhig in ihren Bewegungen, selbst wenn sie innerlich nichts

bewegte. Wegen der Musik konnte sie nicht sprechen, und obgleich

sie ein aufgeschlagenes Buch in der Hand hielt, konnte sie nicht zu

gleicher Zeit lesen und beobachten. Sie gähnte und lehnte sich über

das eine Ende des Sofas, bis sie im Begriff war, das Gleichgewicht zu

verlieren und sich mit einem mächtigen Ruck wieder aufrichtete. Der

Boden zitterte bei jeder Bewegung, die sie machte. Zuletzt konnte sie

nicht mehr länger schweigen.

»Lieber Himmel!« sagte sie laut gähnend. »Es muß mindestens schon fünf

Uhr sein.«

Agatha drehte sich auf dem Klavierstuhl herum. Sie fühlte, daß die

Musik und Lady Brandon sich nicht vereinigen ließen. Sir Charles

gab sich seines Gastes wegen die größte Mühe, seine Erregtheit zu

unterdrücken.

»Das kannst du leicht auf deiner Uhr sehen,« sagte er.

»Danke für die Auskunft,« sagte Jane. »Agatha, wo ist Gertrude?«

»Aber Jane, wie in aller Welt kann dir denn Miß Wylie sagen, wo sie

ist? Ich glaube, du bist heute verrückt geworden.«

»Sie spielt wahrscheinlich mit Mr. Erskine Billard,« sagte Agatha

schnell, um einer Antwort Janes und der dann unvermeidlichen

Auseinandersetzung zuvorzukommen.

»Ich halte es für sehr merkwürdig, daß Gertrude den ganzen Tag mit

Chester im Billardzimmer ist,« sagte Jane unzufrieden.

»Es ist auch nicht im geringsten etwas Unpassendes dabei,« sagte Sir

Charles. »Wenn Miß Lindsay als unser Gast nicht über jede Vermutung

erhaben ist, dann sollten wir uns etwas schämen. Was würdest du sagen,

wenn sonst jemand eine solche Bemerkung machte?«

»Ach, Unsinn,« sagte Jane verdrießlich. »Du machst wegen jeder

Kleinigkeit solch ein großes Geschwätz. Ich habe gar nicht behauptet,

daß sich Gertrude unpassend benehme. Sie ist nach meiner Meinung viel

zu förmlich, um eine angenehme Gesellschaft zu sein.«

Sir Charles war nicht imstande, sich noch länger zu beherrschen. Er

machte ein finsteres Gesicht und verließ das Zimmer, während Jane ihm

ein verächtliches Lachen nachsandte.

»Mache niemals die Dummheit und verheirate dich,« sagte sie, als

er gegangen war. Sie blickte, während sie das sagte, auf und wurde

ängstlich, weil Agatha, die auf dem Flügel saß, wie in der Schulzeit

eine schwingende Bewegung mit den Füßen machte.

»Jane,« sagte sie und warf ihrer Wirtin einen kühlen Blick zu, »weißt

du, was ich an Sir Charles' Stelle täte?«

Jane wußte es nicht.

»Ich würde einen dicken Stock nehmen, dich braun und blau schlagen und

dich dann eine Woche lang bei Wasser und Brot einsperren.«

Jane erhob sich etwas mit rotem, ärgerlichen Gesicht. »Wa -- was?«

fragte sie und sank wieder auf das Sofa zurück.

»Wenn ich ein Mann wäre, ich ließe mich nicht aus einfacher Galanterie

wie ein lästiger Hund behandeln. Du brauchst eine gesunde Tracht

Prügel.«

»Ich möchte den sehen, der _mich_ schlägt,« sagte Jane. Sie hatte sich

wieder erhoben und reckte ihren gewaltigen Körper. Dann brach sie in

Tränen aus und sagte. »Ich will mir so etwas nicht in meinem eigenen

Hause sagen lassen. Wie kannst du es wagen?«

»Du verdienst es, weil du auf mich eifersüchtig bist,« sagte Agatha.

Janes Augen erweiterten sich vor Zorn. »Ich -- ich! -- eifersüchtig

auf dich!« Sie sah sich nach einem Wurfgeschoß um. Da sie nichts fand,

setzte sie sich wieder hin und sagte mit tränenerstickter Stimme: »Eif

-- eifersüchtig auf _dich_, herrlich!«

»Du hast guten Grund dazu, denn er hat mich lieber als dich.«

Jane riß krampfhaft ihren Mund und die Augen auf, aber sie konnte nur

nach Luft schnappen, und Agatha fuhr ruhig fort: »Ich bin höflich gegen

ihn, und das bist du nie. Wenn er mit mir spricht, lasse ich ihn seinen

Satz beendigen, ohne daß ich wie du ihn mit einer vorgefaßten Meinung

unterbreche, die nicht des Anhörens wert ist. Ich gähne und spreche

nicht, während er singt. Wenn er sich mit mir über Kunst und Literatur

unterhält, wovon er zweimal so viel versteht als ich und wenigstens

zehnmal so viel als du« -- Jane schnappte wieder nach Luft -- »dann

gebe ich ihm keine verrückte Antwort oder wende mich an meinen Nachbar

auf der andern Seite mit einer Bemerkung über den Pferdestall oder das

Wetter. Wenn er bereit ist, sich zu unterhalten, und das ist er immer,

dann bin ich unterhaltend. Und deswegen hat er mich gern.«

»Er hat dich _nicht_ gern. Er ist gegen jeden Menschen so.«

»Mit Ausnahme seiner Frau. Er hat mich so gern, daß du wie eine

wirkliche Gans -- was du ja auch bist -- hereinkamst, um unsere Duette

zu überwachen. Und du machtest dich so unangenehm, wie du nur konntest,

während ich mich angenehm machte. Der arme Mann schämte sich deiner.«

»Das tat er nicht,« sagte Jane schluchzend. »Ich habe nichts getan und

nichts gesagt. Ich laß mir das nicht gefallen. Ich will mich scheiden

lassen. Ich will --«

»Du wirst dein Benehmen bessern, wenn du noch etwas Vernunft hast,«

sagte Agatha ohne Reue. »Mach nicht solchen Lärm, sonst kommt jemand

und sieht, was es gibt, und ich muß von dem Flügel herunter, wo ich

sehr bequem sitze.«

»_Du_ bist eifersüchtig.«

»Oh, wirklich, Jane? Ich habe bisher Sir Charles nicht gestattet, sich

in mich zu verlieben, aber ich kann das sehr leicht tun. Was willst du

wetten, daß er mich vor morgen abend küßt?«

»Es wird sehr gemein und schmutzig von dir sein, wenn er es tut. Du

denkst wohl, ich ließe mich wie ein Kind behandeln?«

»Du bist auch ein Kind,« sagte Agatha. Sie stieg von ihrem Sitz

herunter und schickte sich an hinauszugehen. »Ein gelegentlicher Klaps

ist dir ganz gut.«

»Es geht dich nichts an, ob ich mich mit meinem Manne gut stehe oder

nicht,« sagte Jane in plötzlicher Wut.

»Solange ihr euch zankt, wenn ihr allein seid, wie das gut erzogene

Paare tun, gewiß nicht. Aber wenn es in meiner Gegenwart vorkommt, dann

macht es mir Unbehagen, und das lasse ich mir nicht gefallen.«

»Du würdest überhaupt nicht hier sein, wenn ich dich nicht eingeladen

hätte.«

»Stell dir nur vor, Jane, wie langweilig ohne mich das Haus wäre.«

»Wirklich! Es war vor deiner Ankunft gar nicht langweilig. Gertrude hat

sich wenigstens immer wie eine Dame benommen.«

»Es tut mir leid, daß ihr Beispiel so gar keine Wirkung auf dich

ausgeübt hat.«

»Ich ertrage das nicht,« sagte Jane schluchzend und ließ sich auf das

Sofa fallen, daß die Glasprismen an dem Kronleuchter klirrten. »Ich

würde dich nie eingeladen haben, wenn ich gedacht hätte, du könntest so

gehässig sein. Ich werde dich nie wieder bitten.«

»Ich werde veranlassen, daß sich Sir Charles wegen der

Unverträglichkeit deines Charakters von dir scheiden läßt, und ihn dann

heiraten. Dann habe ich das ganze Haus für mich allein.«

»Er kann sich Gott sei Dank deswegen nicht scheiden lassen. Du weißt

nicht, was du redest.«

Agatha lachte. »Komm, Jane,« sagte sie gutmütig. »Sei kein alter Esel.

Wasch dein Gesicht, bevor es jemand sieht, und denk daran, was ich dir

über Sir Charles gesagt habe.«

»Es ist sehr hart, in seinem eigenen Hause ein Esel genannt zu werden.«

»Es ist noch härter, als ein solcher behandelt zu werden, wie es deinem

Mann geschieht. Ich werde im Billardzimmer nach ihm sehen.«

Jane lief hinter ihr her und faßte sie beim Ärmel. »Agatha,« bat sie,

»versprich mir, daß du nicht gemein bist. Sage, daß du dich nicht in

ihn verliebst.«

»Ich will es mir überlegen,« entgegnete Agatha ernst.

Jane sank stöhnend in einen Sessel, der unter ihrem Gewicht krachte.

Agatha wandte sich auf der Schwelle um, und als sie sah, wie Jane den

Kopf schüttelte, die Augen zusammenpreßte und in unterdrückter Wut mit

den Absätzen auf den Boden hämmerte, sagte sie schnell:

»Da kommen die Waltons und die Fitzgeorges und Mr. Trefusis die Treppe

herauf. Wie geht es Ihnen, Mrs. Walton? Lady Brandon wird sich sehr

freuen, Sie zu sehen. Guten Abend, Mr. Fitzgeorge.«

Jane sprang auf, wischte sich die Augen und lief zu einem Spiegel,

während sie sich mit den Händen die Haare ordnete. Da aber keine

Besucher erschienen, begriff sie, daß sie wieder und vielleicht zum

hundertstenmal in ihrem Leben einem Schelmenstreich Agathas zum Opfer

gefallen war. Diese war befriedigt, weil ihr Versuch, die alte

Herrschaft über Jane wiederzugewinnen, geglückt war. Sie hatte es

selbst nicht geglaubt, obgleich sie sich ganz ruhig gestellt hatte.

Jetzt ging sie hinunter in die Bibliothek, wo Sir Charles in traurigem

Brüten saß und versuchte, seinen häuslichen Ärger durch Beschäftigung

mit der Kunstkritik zu vergessen.

»Ich dachte, Sie wären im Billardzimmer,« sagte Agatha.

»Ich habe nur flüchtig hineingeschaut,« entgegnete er. »Aber es scheint

da etwas Besonderes vorzugehen, und ich hielt es für das Beste, mich

davonzuschleichen. So bin ich die ganze Zeit allein geblieben.«

Das Besondere, was Sir Charles nicht unterbrechen wollte, war weiter

nichts als eine Partie Billard. Es war die erste Gelegenheit, die

Erskine jemals gehabt hatte, mit Gertrude allein und in Muße zu

sprechen. Doch war ihre Unterhaltung noch nie eine so alltägliche

gewesen. Sie liebte das Spiel und spielte gut, während sie gleichgültig

plauderte. Er spielte schlecht und brachte gegen seinen Willen die

trivialsten Gesprächsstoffe vor. Nachdem sie anderthalb Stunden

gespielt hatten, sagte Gertrude, daß jetzt das letzte Spiel komme. Er

dachte voller Verzweiflung, wenn er so weiter die Bälle ausließ, dann

mußte die Partie bald zu Ende sein, und dann hatte er eine Gelegenheit,

die vielleicht niemals wiederkam, unbenutzt vorbeigehen lassen. Er

beschloß, ihr ohne weitere Einleitung zu sagen, daß er sie anbete. Als

er aber seine Lippen öffnete, kam ganz von selbst eine Frage über die

persische Art, Billard zu spielen, heraus. Gertrude war nie in Persien

gewesen, aber sie hatte im Indischen Museum einige orientalische

Queues gesehen. Hatten nicht die Hindu eine wunderbare Fähigkeit,

Filigranarbeit, Teppiche und dergleichen anzufertigen? Ob er nicht auch

der Ansicht sei, daß die Verschrobenheiten ihrer Teppichmuster ein

Mangel seien? Viele Leute gäben vor, grade das zu bewundern, aber sei

das nicht alles Unsinn? War nicht ein moderner, gebohnter Fußboden mit

einem Teppich in der Mitte viel besser als der alte Teppich, der in den

Ecken des Zimmers angebracht wurde? Ja. Viel besser. Unendlich --

»Aber, woran denken Sie heute, Mr. Erskine? Sie haben mit meinem Ball

gespielt.«

»Ich denke an Sie.«

»Was sagten Sie?« fragte Gertrude, die den ernsten Sinn, den er der

Unterhaltung gegeben hatte, noch nicht begriff und ihr Queue zu einem

Stoß anlegte. »Oh, ich spiele so schlecht wie Sie. Das war, glaube ich,

der schlechteste Stoß, den ich je gemacht habe. Verzeihen Sie, Sie

sagten grade etwas.«

»Ich weiß es nicht mehr. Es war nichts Wichtiges.« Und er stöhnte über

seine eigene Feigheit.

»Ich schlage vor, wir hören auf,« sagte sie. »Es hat keinen Zweck, die

Partie zu Ende zu spielen, wenn unsere Hände unsicher sind. Ich bin

ziemlich müde geworden.«

»Gewiß -- ganz, wie Sie wünschen.«

»Wenn Sie wollen, können wir auch zu Ende spielen.«

»Durchaus nicht. Was Ihnen gefällt, gefällt mir auch.«

Gertrude machte ihm eine leichte Verbeugung und stieß müßig mit ihrem

Queue nach den Bällen. Erskines Augen wanderten umher, seine Lippen

bewegten sich unentschlossen. Er war mit sich darüber im klaren

gewesen, daß er eine offene Erklärung geben wollte -- Herz gegen Herz.

Er hatte es sich genau ausgemalt, wie er in zarter Weise ihre Hand

ergriff und sagte: »Gertrude, ich liebe Sie! Darf ich Ihnen das ewig

versichern?« Aber diese Form schien ihm jetzt gar nicht ausführbar.

»Miß Lindsay.«

Gertrude, die sich über das Billard neigte, blickte beunruhigt auf.

»Dieser Augenblick ist eine gute Gelegenheit, denn ich will -- ich soll

-- ich will --«

»_Soll_,« wiederholte Gertrude. »Haben Sie jemals die Lehre von der

Notwendigkeit studiert?«

»Die Lehre von der Notwendigkeit?« fragte er verwirrt.

Gertrude folgte einem Ball an die andere Seite des Billards. Sie erriet

jetzt, was kommen sollte, und wollte es erwarten. Nicht weil sie die

Absicht hatte, ja zu sagen, sondern weil sie wie andere junge Damen,

die in solchen Auftritten Erfahrungen haben, die Heiratsanträge, die

man ihr machte, zählte, wie die Rothäute die abgeschnittenen Skalpe.

»Wir haben hier eine sehr schöne Zeit verlebt,« sagte er und legte

die wichtige Lehre von der Notwendigkeit als unerklärbar zur Seite.

»Wenigstens habe ich es getan.«

»Nun,« meinte Gertrude schnell, die leicht eine verborgene Anspielung

auf ihre persönliche Unzufriedenheit vermutete, »ich auch.«

»Ich bin sehr glücklich darüber -- viel mehr, als ich Ihnen in Worten

ausdrücken kann.«

»Was geht das Sie an?« fragte sie und gab ihrer üblen Laune nach, die

er, ohne es zu wissen, in ihr wachgerufen hatte. Sie vermutete auch

Mitleid in seinem Bemühen, teilnehmend zu sein.

»Ich wollte, es dürfte mich etwas angehen. Das Glück dieses ganzen

Aufenthalts habe ich nur Ihnen zu verdanken.«

»Wirklich,« sagte Gertrude und zuckte zusammen. Denn alle bösen Dinge,

die ihr Trefusis über sie gesagt hatte, traten jetzt wieder in ihre

Erinnerung, als Erskine seine unglückselige Anspielung auf ihre Macht,

andere zu erfreuen, vorbrachte.

»Hoffentlich quäle ich Sie nicht,« sagte er mit Ernst.

»Ich weiß nicht, worüber Sie reden,« entgegnete sie und richtete sich

in plötzlicher Ungeduld auf. »Sie scheinen zu glauben, es sei sehr

leicht, mich zu quälen.«

»Nein,« sagte er furchtsam und war ganz verwirrt durch den Eindruck,

den er hervorgebracht hatte. »Ich fürchte, Sie mißverstehen mich. Ich

bin sehr unbeholfen. Vielleicht ist es besser, wenn ich nichts weiter

sage.«

Gertrude wandte sich weg und nahm ihr Queue wieder auf. Sie wollte

ihm dadurch zeigen, daß es seine Sache sei, darüber nachzudenken. Sie

beabsichtigte nicht, sich deshalb stören zu lassen. Als sie ihn wieder

ansah, stand er bewegungslos und ängstlich da, mit einem traurigen

Gesichtsausdruck, wie ihn ein Hund zeigt, der eine Zärtlichkeit

angeboten hat und getreten worden ist. Reue und ein unbestimmtes

Gefühl, in ihrem Benehmen gegen ihn liege etwas Niedriges, überkamen

sie. Sie sah ihn einen Augenblick an und verließ das Zimmer.

Ihr Blick erregte ihn. Er verstand ihn nicht und wagte auch nicht,

ihn zu verstehen. Aber es war ein Blick, den er nie vorher auf ihrem

Gesicht oder auf dem Gesicht einer anderen Frau gesehen hatte. Es

packte ihn als eine plötzliche Offenbarung eines Wortes aus den

Patriotischen Märtyrern: »Das köstliche Geheimnis eines Frauenherzens«

-- und es gab ihm das Gefühl, daß er sich jetzt keiner gewöhnlichen

gesellschaftlichen Unterhaltung widmen dürfte. Er eilte aus dem Hause

und ging schnell die Allee hinunter nach der Hütte, in der er sein Rad

stehen hatte. Er hinterließ Bescheid, daß er einen Ausflug mache und

wahrscheinlich nicht zum Essen zurück sein werde. Dann bestieg er sein

Rad und fuhr den Riverside Road hinunter. In weniger als zwei Minuten

passierte er die Pforte zu Sallusts Haus, wo er beinahe ein altes Weib

überrannt hatte, das mit einem Korb Kohlen beladen war. Sie stellte

ihre Last hin und schickte Verwünschungen hinter ihm her. Das brachte

ihn zur Besinnung, daß seine unvernünftige Schnelligkeit gefährlich

sein könnte. Er ließ etwas nach und sah gleich darauf Trefusis, der

hingestreckt am Flußufer lag, das Gesicht auf die Ellbogen gestützt,

und aufmerksam las. Erskine hatte ihm vor ein paar Tagen ein Exemplar:

»Die patriotischen Märtyrer und andere Dichtungen« verehrt, und er

versuchte jetzt, einen Blick auf das Buch zu werfen, in dem Trefusis

so ernsthaft las. Es war ein Blaubuch, voll von Zahlen. Erskine fuhr

enttäuscht weiter und tröstete sich mit der Erinnerung an Gertrudes

Gesicht.

Die Landstraße entfernte sich jetzt vom Fluß und stieg zu einer

steilen Anhöhe empor, auf deren Gipfel er haltmachte und sich umsah.

Das Tageslicht bekam einen rötlichen Schein, und die Schatten wurden

länger. Trefusis lag noch hingestreckt in dem Grase, und das alte Weib

war auf dem Felde und sammelte Schierling.

Erskine fuhr in vollem Schwung den Hügel hinunter und sah sich nicht

mehr um, bis er bei Sonnenuntergang eine kleine Stadt erreichte.

Er ließ sich Bier und Butterbrot geben und aß ohne großen Appetit.

Gertrude hatte ihn in eine Aufregung versetzt, die ihm die Geduld zum

Essen nahm.

Es war jetzt dunkel. Er befand sich viele Meilen von Brandon Beeches

und kannte nicht einmal genau den Rückweg. Plötzlich beschloß er, heute

abend noch seinen abgebrochenen Heiratsantrag zu vollenden. Er konnte

nicht schnell genug zurückfahren, um seine Ungeduld zu befriedigen. Er

versuchte den Weg abzuschneiden, verlor sich und verbrachte fast eine

Stunde damit, die Landstraße wieder aufzufinden. Endlich kam er an eine

Eisenbahnstation und konnte grade noch einen Zug erreichen, der ihn bis

auf eine Meile an seinen Bestimmungsort brachte.

Als er aus den Polstern des Eisenbahnwagens herausstieg, fühlte er sich

doch etwas ermüdet und bestieg steif sein Fahrrad. Aber sein Entschluß

stand so fest wie vorher, und sein Herz klopfte heftig, als er in dem

Häuschen sein Rad zurückließ und durch den tiefen Schatten der Buchen

die Allee hinaufging. Nahe beim Hause erreichten ihn die ersten Noten

von >=Crudel perche finora=<, und er ging mit leisen Schritten auf

den Rasen zu, damit das Geräusch seiner Fußtritte auf dem Kies nicht

die Hunde aufschreckte, die durch ihr Bellen die Musik gestört haben

würden. Ein Rascheln veranlaßte ihn, stehenzubleiben und zu lauschen.

Dann flüsterte Gertrudes Stimme durch die Dunkelheit:

»Was meinten Sie mit dem, was Sie mir da drinnen sagten?«

Eine ganz seltsame Empfindung überkam Erskine, verwirrte Ideen aus

einem Feenland flogen durch seine Phantasie. Dann folgte eine bittere

Enttäuschung, als ob er aus einem glücklichen Traum erwachte, als

Trefusis' Stimme in weicherem Tone, als er sie jemals gehört hatte,

antwortete:

»Einfach, daß das Reich der Sterne, die über uns funkeln, nicht

unbegrenzter ist als meine Verachtung für Miß Lindsay und nicht

strahlender als mein Vertrauen auf Gertrude.«

»Bitte, Mr. Trefusis, für Sie bin ich immer Miß Lindsay.«

»Für mich sind Sie niemals Miß Lindsay. Das sind Sie für die, die nicht

in Ihre Seele hineinblicken können, die Gertrude ist. Es gibt Tausende

Miß Lindsays auf der Welt, die alle förmlich und unecht sind. Aber es

gibt nur eine Gertrude.«

»Ich bin ein schutzloses Mädchen, Mr. Trefusis, und Sie können mich

nennen, was Sie wollen.«

Einen Augenblick kam Erskine der Gedanke, dies sei eine gute

Gelegenheit, vorzuspringen und Trefusis, dessen Gestalt er jetzt

undeutlich unterscheiden konnte, ein blaues Auge zu schlagen. Aber er

zauderte, und die Gelegenheit ging vorbei.

»Schutzlos!« sagte Trefusis. »Aber Sie sind doch rings umzäunt und

eingeriegelt in Sitten, Vorschriften und Lügen, die die Wahrheit von

den Lippen eines jeden Mannes zurückschrecken würden, dessen Glaube an

Gertrude weniger stark wäre als der meine. Gehen Sie zu Sir Charles und

erzählen Sie ihm, was ich zu Miß Lindsay gesagt habe. In zehn Minuten

werde ich außerhalb dieses Tores sein, mit einer Warnung, mich ihm nie

mehr zu nähern. Ich bin in Ihrer Gewalt, und wäre ich nur in der Gewalt

von Miß Lindsay, ich hätte wenig mehr zu sagen. Glücklicherweise sieht

Gertrude ein, obgleich sie es nur dunkel fühlt, daß Miß Lindsay ihre

bitterste Feindin ist.«

»Das ist lächerlich. Ich bestehe nicht aus zwei Personen, ich bin

nur eine. Was mache ich mir daraus, ob Ihre Verachtung für mich so

grenzenlos wie die Sterne ist?«

»Ah, Sie erinnern sich dieser Worte. Wenn Sie einen Mann über die

Sterne reden hören, dann können Sie sicher sein, daß er entweder ein

Astronom oder ein Narr ist. Aber Sie und eine schöne Sternennacht

können aus jedem Mann einen Narren machen.«

»Ich verstehe Sie nicht. Ich gebe mir alle Mühe, aber es gelingt mir

nicht. Oder wenn ich Sie verstehe, dann weiß ich nicht, ob Sie ernst

reden oder nicht.«

»Ich rede im vollen Ernst. Lassen Sie doch ein für allemal diese

Befürchtungen fallen, ich scherzte mit Ihnen, oder ich wollte eine

müßige Stunde vertändeln, wie das Männer tun, die in Gesellschaft einer

schönen Frau sind. Was ich sage, meine ich wörtlich und im tiefsten

Ernst. Sie zweifeln an mir, wir haben ja die Gesellschaft so weit

gebracht, daß wir uns gegenseitig mißtrauen. Aber die Wahrheit erzwingt

sich von denen, die imstande sind, sie zu begreifen, früher oder später

doch Glauben. Jetzt darf ich wohl Miß Lindsay zur Besinnung bringen,

indem ich sie daran erinnere, daß wir schon zehn Minuten hier draußen

sind und daß unsere Wirtin nicht die Frau ist, die unser Fortbleiben

ohne Bemerkung zuläßt.«

»Wir wollen hineingehen. Ich danke Ihnen, daß Sie mich daran

erinnerten.«

»Ich danke Ihnen, daß Sie es vergaßen.«

Erskine hörte, wie sich ihre Fußtritte entfernten, und sah die zwei

gleich darauf in den Lichtschein hineintreten, der aus der offenen

Türe des Billardzimmers hervorleuchtete, durch das sie ins Haus

gingen. Trefusis, ein Mann, der heute in der wunderschönen Landschaft

gelegen hatte, blind für alles außer den Ziffern eines Blaubuchs,

war sein erfolgreicher Nebenbuhler, obgleich man schon an dem Klang

seiner Stimme hören konnte, daß er Gertrude nicht liebte -- daß er

sie nicht lieben konnte. Nur ein Dichter konnte das. Trefusis war

kein Dichter, sondern ein schmutziger, roher Patron, der höchstens in

einer Volksversammlung Interesse erregen konnte, aber nicht bei einem

Weibe, und am allerwenigsten bei einem so zarten Weibe wie Gertrude.

Dabei war sie noch stolz, und doch hatte sie dem Burschen erlaubt, sie

zu beschimpfen -- hatte es ihm verziehen, weil er ihr ein paar grobe

Komplimente machte. Erskine wurde zornig und spöttisch. Der Vorfall

beleidigte sein poetisches Gefühl. Anstatt daß sein Herz von einem

tragischen Schmerz erfüllt war, wie ihn ein patriotischer Märtyrer

unter ähnlichen Umständen empfunden hätte, fühlte er sich verhöhnt und

verspottet. Und was ihm zuerst als ganz selbstverständlich erschienen

war, daß Trefusis tief unter ihm stehe, das war ihm jetzt gar nicht

mehr so sicher.

Er blieb unter den Bäumen stehen, bis Trefusis wieder erschien, um

nach Hause zu gehen. Er machte dabei, wie Erskine dachte, mit seinen

Absätzen auf dem Kies ein Geräusch, das ein ganzes Regiment fein

erzogener Menschen nicht hervorgebracht hätte. An dem Wärterhäuschen

fragte er noch etwas und ging dann hinaus, und seine Schritte erstarben

in der Dunkelheit.

Erskine war steif und erfroren und hatte eine Empfindung, als ob er

sich eine böse Erkältung zugezogen hätte. Als er ins Haus hineinkam,

war er froh, daß sich Gertrude schon zurückgezogen hatte und daß Lady

Brandon, trotzdem sie bestimmt glaubte, er sei in der Dunkelheit in den

Fluß hineingefahren, doch ein warmes Abendessen für ihn bereit gehalten

hatte.

Fünfzehntes Kapitel.

Erskine fand jetzt Stoff genug, seinem neu erworbenen bitteren Spott

nachzuhängen. Gertrudes Benehmen gegen ihn wurde so milde, daß er

glaubte, sie hätte ihr Herz seinem Nebenbuhler geschenkt und wollte ihn

jetzt zu einem Antrag bewegen, um ihn zurückzuweisen. Sir Charles, dem

er den Auftritt in der Allee erzählt hatte, drückte ihm sein Mitgefühl

aus, aber er schien auch zugleich befriedigt zu sein, weil hinter

Trefusis' Aufmerksamkeiten gegen Agatha keine ernsthaften Absichten

steckten. Daraufhin schrieb Erskine drei bittere Sonette über falsche

Freundschaft und zeigte sie Sir Charles, der nicht wußte, daß sie

sich auf ihn bezogen, und sie sehr lobte. Sir Charles zeigte sie dann

Trefusis, ohne den Autor um Erlaubnis zu bitten. Trefusis bemerkte nur,

in einer verdorbenen Gesellschaft zeugten Ausdrücke des Mißvergnügens

immer von dem Feingefühl eines Schriftstellers, aber sonst lobte er die

Verse nicht viel.

»Wie ist er denn auf solche Sachen gekommen?« fragte er. »Hat er in der

letzten Zeit irgendeine Enttäuschung erlitten? Hat er Miß Lindsay einen

Antrag gemacht und eine Absage bekommen?«

»Nein,« sagte Sir Charles, erstaunt über diese offene Anspielung auf

einen Gegenstand, über den sie nie vorher gesprochen hatten. »Aber er

beabsichtigt auch nicht, Miß Lindsay einen Antrag zu machen.«

»Er hat aber die Absicht gehabt?«

Der Amateursozialist: Roman · 第 17 / 23 段