ich glaube, Mr. Trefusis wird noch einmal das Vergnügen haben,
ihre Rechnungen zu bezahlen. Er ist ein großer Liebling von Lady
Brandon. Sir Charles war zuerst böse, weil sie ihn einlud, und wir
wunderten uns alle darüber. Der Mann hat einen schlechten Ruf, und
er führte einen Pöbelhaufen an, der die Mauern des Parks niederriß.
Wir glaubten auch kaum, daß er den Mut haben würde, nach alledem
noch zu erscheinen. Aber er scheint sich nichts daraus zu machen,
ob wir ihn gern hier haben oder nicht, und er kommt, wenn er will.
Da er interessant redet, betrachten wir ihn als ein Geschenk Gottes
an diesem öden Platz. Es ist wirklich nicht solch ein Paradies, wie
Du denkst. Aber Du brauchst keine Angst zu haben, daß ich früher
zurückkomme, als ich dazu gezwungen bin.
Deine Dich liebende Tochter
Gertrude Lindsay.
Als Gertrude den Brief geschlossen und den ihres Vaters zerrissen
hatte, dachte sie noch etwas über beide nach. Sie hätten sie vielleicht
unglücklich gemacht, wenn sie vorher glücklich gewesen wäre. Aber
hoffnungslose Unzufriedenheit war jetzt ihr gewöhnlicher Zustand und
Fröhlichkeit ein seltener Zufall. Daher versetzten diese gegenseitigen
Beschuldigungen in dem Briefwechsel mit ihrem Vater sie höchstens
in eine schlechte Laune, aber sie wurde dadurch nicht im mindesten
enttäuscht oder gedemütigt.
Um etwas Bewegung zu haben, beschloß sie, den Brief selbst zu dem
Postamt im Dorfe hinzutragen und den Riverside Road zurückzukehren.
Sie hatte dort Schierling stehen sehen. Sie gab sich Mühe, ungesehen
hinauszukommen, denn sie fürchtete, daß Agatha sich anschließen wollte
oder daß Jane vorschlagen würde, sie sollten nachmittags zum Postamt
hinausfahren. Und Jane wäre den ganzen Tag verdrießlich gewesen, wenn
der Ausflug nicht auf den Nachmittag verlegt worden wäre. Gertrude nahm
zum Schutz gegen Stromer einen großen Berhardinerhund namens Max mit.
Dieses junge, lebhafte Tier hatte eine starke Zuneigung zu ihr und
hatte das offen und stürmisch zum Ausdruck gebracht. Und sie, deren
Gefühle zu Hause und in der Gesellschaft verhungert waren, hatte ihn
mit mehr Freundlichkeit ermutigt, als sie jemals einem menschlichen
Wesen gezeigt hatte.
Als sie im Dorf den Brief aufgegeben hatte, schlug sie einen Pfad ein,
der zum Riverside Road führte. Max, der nicht wußte, warum sie den
längsten Weg nach Hause wählte, war damit nicht zufrieden. Er blieb
mitten auf dem Pfade stehen, wedelte heftig mit dem Schwanz und ließ
ein mürrisches Bellen hören.
»Sei nicht so dumm,« sagte Gertrude ungeduldig, »ich gehe diesen Weg.«
Max verstand sie jetzt offenbar. Er flog hinter ihr her, überholte sie
und verschwand in einer Wolke von Staub, die er aufgewirbelt hatte, als
er genügend vorausgelaufen war und nun plötzlich halt machte. Als er
zurückkam, küßte sie seine Schnauze und lief mit ihm um die Wette, bis
sie ebenso keuchte wie er und stehenblieb, um Atem zu schöpfen, während
er herumsprang und wütend bellte. Seit Jahren hatte sie nicht mehr
solchen Spaß gehabt, und da ihr das einfiel, kamen ihr die Tränen in
die Augen. Etwas verdrießlich bat sie Max, ruhig zu sein, ging langsam
weiter, um sich abzukühlen, und spannte ihren Sonnenschirm auf zum
Schutze gegen Sommersprossen.
Die Sonne stand jetzt hoch am Himmel. Zur Rechten von Gertrude an einer
Böschung stand Sallusts Haus und gab mit seinen zimtbraunen Wänden und
dem gelben Fries der sonst ganz englischen Landschaft ein fremdartiges
Gepräge. Sie ging vorbei, ohne daran zu denken, wer dort wohnte. Etwas
weiter auf dem Wege, auf einem Stück wüsten Landes, das durch einen
trockenen Graben und einen niedrigen Erdwall von der Straße getrennt
war, stand ein fast sechs Fuß hoher Haufen von Schierlingpflanzen
und vergiftete die Luft mit seinem Geruch. Sie kreuzte den Graben,
nahm ein Paar Gartenhandschuhe aus ihrem aus Stroh geflochtenen
Handkorb und machte sich eifrig an die Schierlingsblätter, indem sie
die zartesten abriß, sie von den Stengeln befreite und den Korb mit
dem Grün anfüllte. Sie vergaß Max, bis das Gefühl eines tödlichen
Schweigens, als ob die ganze Erde erstarrt sei, sie veranlaßte, in
unbestimmter Angst um sich zu blicken. Trefusis stand ganz in ihrer
Nähe und beobachtete sie. Er hatte seine Hand dem Hunde zum Spielen
überlassen, der versuchte, sie ganz in seinen Mund hineinzuziehen.
Gertrude erblaßte und kam schnell zwischen den Sträuchern hervor. Dann
hatte sie die seltsame Empfindung, als ob hoch über ihrem Kopfe irgend
etwas geschehen sei. Sie hörte ein drohendes Knurren, einen befehlenden
Ruf, und dann folgte eine unerklärliche Stille, bis sie sich liegend
auf dem Rasenrand fand, wobei der aufgespannte Sonnenschirm ihr
Gesicht schützte. Ein plötzliches Lecken von Max' feuchter, warmer
Zunge an ihrem Ohr brachte sie wieder zur Bewegung. Sie setzte sich
auf und sah Trefusis an ihrer Seite knien. Mit ruhigem Gesicht hielt
er den Sonnenschirm, während an der andern Seite Max mit rastloser
Ängstlichkeit sie beschnupperte.
»Ich muß nach Hause fahren,« sagte sie. »Ich muß sofort nach Hause
fahren.«
»Durchaus nicht,« bemerkte Trefusis begütigend. »Sie haben grade
Nachricht geschickt, es sei alles in Ordnung und Sie brauchten nicht zu
kommen.«
»Haben sie das wirklich?« fragte sie matt. Dann fiel sie wieder hin,
und es schien ihr, als ob eine sehr lange Zeit vergehe. Plötzlich fiel
ihr ein, daß Trefusis sie sanft mit seiner Hand gestützt hatte, damit
sie nicht zu hart zurückfiel. Sie erhob sich von neuem und kam diesmal
mit seiner Hilfe auf ihre Füße zu stehen.
»Ich muß nach Hause fahren,« sagte sie wieder. »Es handelt sich um
Leben und Tod.«
»Nein, nein,« entgegnete er sanft. »Es ist alles in Ordnung. Sie können
sich auf mich verlassen.«
Sie sah ihn mit ernstem Blick an. Er hielt ihre Hand, um sie zu
stützen, denn sie schwankte ein wenig. »Sind Sie sicher?« fragte sie
und ergriff ihn beim Arm. »Sind Sie ganz sicher?«
»Vollständig sicher. Sie wissen doch, daß ich immer recht habe.«
»Ja, o ja! Sie sind immer aufrichtig gegen mich gewesen. Sie --« Hier
kehrte plötzlich ihre Besinnung wieder. Sie ließ seine Hand fahren, als
ob sie rotglühend geworden sei, und fragte scharf: »Wovon sprechen Sie
eigentlich?«
»Ich weiß es nicht,« antwortete er und nahm lachend sein gleichgültiges
Wesen wieder an. »Geht es Ihnen besser? Ich werde Sie nach Beeches
fahren. Mein Stall liegt nur einen Steinwurf von hier entfernt. Ich
kann in zehn Minuten ein Gespann haben.«
»Nein, danke sehr,« sagte Gertrude stolz. »Ich will nicht fahren.« Sie
machte eine Pause und fügte etwas verwirrt hinzu: »Was ist geschehen?«
»Sie wurden ohnmächtig, und --«
»Ich wurde nicht ohnmächtig,« sagte Gertrude unwillig. »Ich bin in
meinem Leben noch nicht ohnmächtig geworden.«
»Es ist aber so.«
»Verzeihen Sie, Mr. Trefusis. Ich wurde nicht ohnmächtig.«
»Sie sollen selbst urteilen. Ich kam über dieses Feld und sah, daß Sie
Schierling sammelten. Schierling ist interessant durch die Geschichte
des Sokrates, und Sie waren interessant als Dame, die Gift sammelt.
So blieb ich stehen und sah Sie an. Gleich darauf kamen sie aus dem
Gebüsch heraus, als ob Sie eine Schlange gesehen hätten. Dann fielen
Sie in meine Arme -- was mich auf die Vermutung bringt, Sie seien
ohnmächtig geworden -- und Max, der glaubte, ich sei daran schuld,
sprang mir fast an die Kehle. Sie wurden betäubt durch die Ausdünstung
des Wasserschierlings, die Sie zehn Minuten oder noch länger eingeatmet
haben müssen.«
»Ich wußte nicht, daß eine Gefahr dabei war,« sagte Gertrude
niedergedrückt. »Ich fühlte mich schon vorher sehr müde. Daher habe ich
auch das zweitemal so lange dagelegen. Ich konnte mir wirklich nicht
helfen.«
»Sie haben nicht sehr lange dagelegen.«
»Nicht beim erstenmal. Ich weiß, das war nur für ein paar Sekunden. Ich
muß mindestens noch zehn Minuten dagelegen haben, nachdem ich wieder zu
mir gekommen war.«
»Sie waren ungefähr eine Minute lang ohne Besinnung, als Sie zum
erstenmal fielen. Und nachdem Sie wieder zu sich gekommen waren, wurden
Sie noch einmal für eine Sekunde ohnmächtig. Dann phantasierten Sie,
und ich erfand passende Antworten, bis Sie mich plötzlich fragten,
worüber ich redete.«
Gertrude errötete etwas bei dem Gedanken, sie könnte in ihrer
Verwirrung unvorsichtig geredet haben. »Es war sehr töricht von mir,
daß ich ohnmächtig wurde,« sagte sie.
»Es war nicht Ihre Schuld, Sie sind nur ein menschliches Wesen. Ich
werde mit Ihnen nach Beeches gehen.«
»Danke sehr, ich will Sie nicht bemühen,« sagte sie schnell.
Er schüttelte seinen Kopf. »Ich weiß nicht, wie lange die Nachwirkung
von diesem abscheulichen Giftkraut dauert,« sagte er. »Ich darf Sie
jetzt nicht allein gehen lassen. Wenn Sie es vorziehen, will ich Sie
durch meinen Gärtner hinfahren lassen, aber ich würde Sie am liebsten
selbst begleiten.«
»Sie geben sich wirklich eine ganz unnötige Mühe. Ich will gehen. Ich
bin wieder ganz wohl und brauche keine Hilfe.«
Sie brachen auf, ohne noch etwas zu sagen. Gertrude mußte alle
ihre Willenskraft zusammennehmen, um vor ihm zu verbergen, daß sie
schwindlig war. Eine betäubende Müdigkeit hatte sie ergriffen, und sie
glaubte schon, daß sie nur träumte, als er sie aufweckte, indem er
sagte:
»Nehmen Sie meinen Arm.«
»Nein, danke sehr.«
»Seien Sie nicht so unvernünftig eigensinnig. Sie werden sich an
die Hecke anlehnen müssen, um sich zu stützen, wenn sie meine Hilfe
zurückweisen. Es tut mir leid, daß ich nicht darauf bestand, den Wagen
zu holen.«
Gertrude hatte eine solche Sprache seit ihrer Kindheit nicht mehr
gehört. »Ich fühle mich vollkommen wohl,« sagte sie scharf. »Sie sind
wirklich sehr zudringlich.«
»Sie fühlen sich nicht vollkommen wohl, und Sie wissen das auch. Aber
wenn Sie tapfer kämpfen, werden Sie vielleicht auch ohne meine Hilfe
gehen können, und die Anstrengung wird Ihnen gut tun.«
»Sie sind sehr grob,« sagte sie hartnäckig.
»Ich weiß das,« entgegnete er ruhig. »Sie werden drei Klassen von
Männern finden, die höflich gegen Sie sind -- Sklaven, Männer, die viel
von Ihren Manieren und nichts von Ihnen selbst halten, und solche, die
Sie lieben. Ich gehöre zu keiner von diesen und gebe Ihnen daher Ihre
schlechten Manieren mit Zinsen zurück. Weshalb widerstehen Sie Ihrem
besseren Selbst und unterdrücken solche aufrichtigen und natürlichen
Regungen. Sie kommen oft genug über Sie und bringen in Ihr Gesicht
einen Blick, der einen Bären zahm machen würde. Aber Sie beeilen sich,
diesen Blick auszulöschen, wie ein Dieb seine Laterne auslöscht, sobald
er nur einen Fußtritt hört.«
»Mr. Trefusis, ich bin nicht daran gewöhnt, mich belehren zu lassen.«
»Eben deswegen belehre ich Sie. Ich war neugierig, was aus Ihrer guten
Erziehung, auf die Sie, wie ich glaube, großen Wert legen, wohl unter
gänzlich neuartigen Umständen würde, zum Beispiel, wenn ein Mann
Ihnen seine aufrichtige Meinung sagt. Was ist nun das Ergebnis meines
Versuchs? Anstatt mich freundlich und würdig zurückzuweisen, was ich
trotz aller früheren Beobachtungen von Ihnen erwartet habe, verbitten
Sie sich in grober Weise die angebotene Hilfe, die Sie wirklich
brauchen, nennen mich selbst sehr roh, sehr zudringlich und tun, kurz
gesagt, was Sie können, um meine Lage unangenehm und demütigend zu
machen.«
Sie sah ihn hochmütig an, aber in seinem Gesicht lag nichts von
Beleidigung oder Furcht, und er fuhr, da sie keine Antwort gab, fort.
»Ich würde alles das von einer arbeitenden Frau ohne Einwendung
ertragen, denn sie schuldet mir weder feines Benehmen noch feine
Gefühle. Aber Sie sind eine Dame. Das heißt, viele haben sich in
schmutzigem Elend abgequält und haben gehungert, damit Sie weiße und
zarte Hände, schöne Kleider und feine Manieren haben -- daß Sie eine
lebende Quelle von allem sind, was die Natur und das Leben schön macht.
Wenn ein solches kostbares Ding wie eine Dame bei der ersten Berührung
durch eine feste Hand zusammenbricht, dann fühle ich mich berechtigt,
sie zu beklagen.«
Gertrude ging schnell vorwärts und sagte zwischen den Zähnen: »Ich will
nichts mehr von Ihren lächerlichen Ansichten hören, Mr. Trefusis.«
Er lachte. »Meine armen Ansichten!« sagte er. »Jedesmal, wenn ich
eine unbequeme Bemerkung mache, wird sie als Äußerung einer gewissen
gefährlichen Verrücktheit, mit der ich behaftet sein soll, zur Seite
geworfen. Wenn ich Sir Charles andeute, daß einer seiner Lieblingsmaler
etwas nicht genau beobachtet hat, bevor er daranging, es zu zeichnen,
dann entgegnet er: >Sie kennen unsere verschiedenen Ansichten über
diese Dinge, Mr. Trefusis.< Als ich Miß Wylies Vormund sagte, sein
Auswanderungsplan sei nicht viel besser als ein Betrug, meinte er:
>Sie müssen mich entschuldigen, aber ich kann auf Ihre merkwürdigen
Ansichten nicht eingehen.< Eine meiner augenblicklichen Ansichten
ist die, daß Miß Lindsay unter dem Einfluß des Schierlings viel
liebenswürdiger ist als unter dem des sozialen Systems, das sie so
unglücklich gemacht hat.«
»Nun gut!« rief Gertrude sehr beleidigt. Dann sagte sie nach einer
Pause: »Ich glaubte, ich sei in der Begleitung eines Gentleman.«
Trefusis blieb völlig ungerührt, und sie fügte nach einer weiteren
Pause hinzu: »Woran sehen Sie, daß ich unglücklich bin?«
»An einem gewissen Mangel in Ihrer Haltung. Ihnen fehlt die letzte
Schönheit, die nur das Glück verleiht. Ich sehe es ferner an einem
Mangel in Ihrer Stimme, der nie verschwinden wird, bis Sie es lernen,
die zu lieben oder zu bemitleiden, mit denen Sie sprechen.«
»Sie irren sich,« sagte Gertrude mit ruhiger Verachtung. »Sie verstehen
mich nicht im mindesten. Ich hänge sehr an meinen Freunden.«
»Dann habe ich Sie nie in ihrer Gesellschaft gesehen.«
»Auch darin irren Sie sich.«
»Wie können Sie denn so sprechen, blicken und handeln, wie Sie es tun?«
»Was meinen Sie damit? Wie blicke oder handle ich?«
»Wie einer von den Gitterstäben auf dem Belgrave Square blicken
und handeln würde, wenn er Bewußtsein hätte. Er würde sich vor dem
Urteil der andern Stäbe fürchten und Angst haben, aus der Reihe
herauszufallen. Sie sind kalt, mißtrauisch, grausam gegen nervöse und
unbeholfene Menschen, und Sie fürchten sich mehr vor der Kritik der
Leute, mit denen Sie tanzen und essen, als vor Ihrem eigenen Gewissen.
Wenn alles das nicht wäre, würden Sie den Blick eines Engels haben.«
»Danke sehr. Sie glauben wohl, Komplimentemachen gehöre zur Vollendung
eines Gentleman?«
»Habe ich Ihnen schon viele gemacht? Meine letzte Bemerkung war nicht
als Kompliment gemeint. Ich gebe Ihnen mein Wort, die Engel brauchten
nicht lieblicher zu sein, als Sie wären, wenn Sie jenen Blick in den
Augen und den Ton in der Stimme hätten, von dem ich vorhin sprach. Ich
weiß nicht, wie das Ihr Mißfallen erregen kann, wenn Sie das hören.
Wäre ich besonders hübsch, ich hätte es gern, wenn man mir so etwas
sagte.«
»Es tut mir leid, daß ich es Ihnen nicht sagen kann.«
»Oh! Ha, ha! Was für eine Entgegnung, Miß Lindsay! Es tut Ihnen gar
nicht leid, Sie sind sogar froh darüber.«
Gertrude wußte das und war ärgerlich über sich selbst. Nicht weil ihre
Entgegnung falsch war, sondern weil sie dachte, sie paßte sich nicht
für eine Dame. »Sie haben kein Recht, mich zu quälen,« rief sie gegen
ihren Willen aus.
»Nein, das habe ich auch nicht,« bemerkte er demütig. »Und wenn ich es
getan habe, so vergeben Sie mir, bevor wir voneinander scheiden. Ich
will Sie jetzt nicht weiter begleiten. Max wird Lärm machen, wenn Sie
auf der Allee ohnmächtig werden. Aber das wird wohl kaum geschehen, da
Sie ja den ganzen Schierling vergessen haben.«
»Oh, es ist zum Tollwerden!« schrie sie. »Ich habe meinen Korb liegen
lassen.«
»Machen Sie sich deswegen keine Sorgen. Ich werde ihn finden und ihn
Ihnen gefüllt zuschicken.«
»Danke sehr. Es tut mir leid, daß ich Ihnen die Mühe mache.«
»Sie machen mir keine Mühe. Hoffentlich wollen Sie nicht den Schierling
dazu benützen, um sich der Last des Lebens zu entledigen.«
»Unsinn. Ich brauche ihn für meinen Vater, der ihn als Heilmittel
benützt.«
»Ich werde ihn morgen selbst bringen. Ist das früh genug?«
»Vollständig. Ich bin nicht in Eile. Danke vielmals, Mr. Trefusis.
Adieu.«
Sie gab ihm ihre Hand und lächelte sogar ein wenig. Dann eilte sie
davon. Er blieb stehen und sah ihr nach, wie sie unter den Buchen die
Allee hinunterging. Einmal, als sie in einen Streifen Sonnenlicht trat,
das durch eine Öffnung zwischen den Buchenkronen durchbrach, gab sie in
ihrem violett und weißen Frühlingskleid ein so hübsches Bild, daß seine
Augen leuchteten, als er sie sah. Er nahm sein Notizbuch heraus und
trug ihren Namen und das Datum ein mit einem kurzen Bericht.
»Ich habe sie weich gemacht,« sagte er zu sich selbst, als er sein
Buch wieder einsteckte. »Bevor ich von ihr scheide, soll sie eine oder
zwei Lektionen lernen, die sie einmal ihren Kindern geben kann. Etwas
schlecht erzogen ist sie auch, sonst würde sie nicht so viel auf ihre
Erziehung geben. Henrietta pflegte gerade so ein Kleid zu tragen.
Es freut mich, daß keine Gefahr dabei ist, wenn sie an mir Gefallen
findet.«
Er wandte sich um und sah ein altes Weib vorbeigehen, das unter einer
Last Reisig gebeugt war. Er sah sie neugierig an. Sie warf ihm einen
finsteren Blick zu und eilte weiter.
»Hallo,« sagte er.
Sie ging noch ein paar Schritt. Dann aber sank ihr Mut, und sie blieb
stehen.
»Sie sind doch Mrs. Hickling?«
»Jawohl. Eure Gnaden.«
»Sie sind die Frau, die letzten Winter ein altes Holzgitter, das auf
Sir Charles Besitztum lag, fortnahm und als Brandholz benützte. Sie
mußten dafür sieben Tage ins Gefängnis gehen.«
»Sie können mich wieder hinschicken, wenn Sie wollen,« entgegnete sie,
und ihre Stimme knirschte zornig. »Aber der Herr wird es Ihnen eines
Tages vergelten. Verflucht seien die, die die Armen und Notleidenden
bedrängen. Das ist eine von den sieben Todsünden.«
»Die grünen Latten, die Sie da auf dem Rücken haben, sind die Reste
meiner Gartentüre,« sagte er. »Die erste Hälfte haben Sie letzten
Samstag fortgeholt. Das nächstemal, wenn Sie Feuerung gebrauchen, dann
kommen Sie ins Haus und verlangen Sie Kohlen. Meinen Zaun können Sie in
Ruhe lassen. Ich denke, das Feuer wird Sie auch wärmen, wenn Sie den
Brennstoff nicht gestohlen haben. Und jetzt sagen Sie mir als Vergütung
für das Gitter etwas, was ich wissen möchte.«
»Oh, Sie sind ein gütiger Herr. Gottes Segen --«
»Wozu braucht man Schierling?«
»Schierling, gütiger Herr? Natürlich für die Skrofeln.«
»Skrofeln!« rief er und fuhr zurück. »Der Vater von diesem schönen
Mädchen!« Er wandte sich nach Hause zu und schlenderte mit gesenktem
Kopf weiter, indem er murmelte: »Alles faul bis auf die Knochen. O
Kultur! Kultur! Kultur!«
Vierzehntes Kapitel.
»Was ist eigentlich in Gertrude gefahren?« sagte Agatha eines Tages zu
Lady Brandon.
»Wie? Ist etwas mit ihr geschehen?«
»Ich weiß es nicht. Sie ist nicht mehr dieselbe, seit sie sich
vergiftet hat. Und warum hat sie nichts davon erzählt? Wenn Trefusis
nicht wäre, wüßten wir es gar nicht.«
»Gertrude hat immer aus allem ein Geheimnis gemacht.«
»Sie war die zwei folgenden Tage in abscheulicher Laune, und jetzt ist
sie ganz verändert. Sie versinkt in langes Brüten und hört kein Wort
von allem, was um sie herum gesprochen wird. Dann kommt sie wieder zur
Besinnung und bittet einen mit der größten Sanftmut um Verzeihung, weil
sie nicht verstanden hat, was man gesagt hat.«
»Ich kann sie nicht leiden, wenn sie höflich ist, das liegt nicht
in ihrer Natur. Und daß sie so ins Träumen versinkt, das kommt von
dem Schierling. Wir kennen einen Mann, der in einem Bad einen Löffel
Strychnin nahm, und er war nachher nie wieder derselbe.«
»Ich glaube, sie hat sich entschlossen, Erskine zu ermutigen,« sagte
Agatha. »Als ich hierherkam, durfte er es kaum wagen, mit ihr zu
sprechen -- wenigstens behandelte sie ihn sehr verächtlich. Jetzt läßt
sie ihn reden, so viel er will. Sie schickt ihm sogar Nachrichten und
läßt ihn ihre Sachen tragen.«
»Ja. So eine wie Gertrude habe ich in meinem Leben nicht gesehen.
Wenn in London Männer aufmerksam gegen sie waren, warf sie ihnen
Zudringlichkeit vor. Ließ man sie in Ruhe, so fühlte sie sich
vernachlässigt. Nach meiner Meinung kann sie mit Erskine sehr zufrieden
sein.«
Hier erschien Erskine an der Türe und sah sich im Zimmer um.
»Sie ist nicht hier,« sagte Jane.
»Ich suche Sir Charles,« bemerkte er und zog sich etwas steif zurück.
»Welch eine Lüge!« sagte Jane und war mißvergnügt, weil er ihren Scherz
so aufgenommen hatte. »Er hat noch vor zehn Minuten mit Sir Charles im
Billardzimmer gesprochen. Die Männer sind solche eingebildete Narren.«
Agatha ging langsam an das Fenster und sah unzufrieden über die
Landschaft. Früher, auf der Schule, tat sie das oft, wenn sie allein
war, jetzt auch manchmal in der Gesellschaft. Die Türe wurde wieder
geöffnet, und Sir Charles erschien. Auch er sah sich um, aber als sein
flüchtiger Blick Agatha erreicht hatte, ließ er ihn an ihr haften und
trat herein.
»Haben Sie jetzt was vor, Miß Wylie?« fragte er.
»Ja,« sagte Jane schnell. »Sie wollte grade einen Brief für mich
schreiben.«
»Wirklich, Jane,« sagte er. »Ich denke, du bist doch alt genug und
kannst deine Briefe schreiben, ohne erst Miß Wylie zu bemühen.«
»Wenn ich meine Briefe selbst schreibe, findest du immer Fehler daran,«
entgegnete sie.
»Ich dachte, Sie würden vielleicht Lust haben, mit mir ein Duett zu
singen,« sagte er zu Agatha.
»Gewiß,« antwortete sie und hoffte es gut zu machen, indem sie ihm
willfahrte. »Der Brief wird schon vor der Postzeit fertig werden.«
Jane errötete und sagte kurz: »Ich will ihn selbst schreiben, wenn du
es nicht tun willst.«
Sir Charles verlor jetzt seine Selbstbeherrschung. »Wie kannst du
so verflucht roh sein?« fragte er seine Frau. »Was hast du dagegen
einzuwenden, wenn ich mit Miß Wylie Duette singe?«
»Das ist eine hübsche Sprache!« sagte Jane. »Ich habe nie behauptet,
ich hätte etwas dagegen. Und du hast kein Recht, sie zum Klavier zu
holen, wenn sie grade einen Brief für mich schreiben will.«
»Ich will nur, daß Miß Wylie das tut, was ihr am besten gefällt.
Aber Briefe an deine Handwerker zu schreiben, das scheint mir keine
angenehme Beschäftigung zu sein.«
»Bitte, nehmen Sie auf mich keine Rücksicht,« sagte Agatha. »Es macht
mir durchaus keine Mühe. Auf der Schule pflegte ich alle Briefe für
Jane zu schreiben. Ich denke, ich schreibe jetzt zuerst den Brief, und
dann singen wir das Duett. Es macht Ihnen doch nichts aus, wenn Sie
fünf Minuten warten?«
»Ich kann natürlich so lange warten, wie es Ihnen paßt. Aber es scheint
mir so ein unvernünftiger Mißbrauch Ihrer Gutmütigkeit, daß ich
unbedingt protestieren --«
»Oh, laß den Brief warten!« schrie Jane. »Wie kann man nur solch einen
lächerlichen Unsinn reden, weil ich Agatha bitte, mir einen Brief zu
schreiben, grade wenn du von ihr deine Duette gespielt haben willst.
Ich bin sicher, sie hat sie so von Herzen satt, daß es ihr übel davon
wird.«
Um diesem Streit zu entfliehen, ging Agatha auf die Bibliothek und
schrieb den Brief. Als sie in das Gesellschaftszimmer zurückkehrte,
fand sie niemand mehr vor, doch kehrte Sir Charles gleich zurück.
»Es tut mir leid, Miß Wylie,« sagte er, als er ihr den Flügel
aufmachte, »wenn Sie durch die lächerliche Eifersucht meiner Frau
belästigt werden.«
»Eifersucht!«
»Natürlich. Es ist blödsinnig!«
»Oh, Sie irren sich,« sagte Agatha ungläubig. »Wie könnte sie nur auf
_mich_ eifersüchtig sein?«
»Sie ist auf jeden und auf alles eifersüchtig,« antwortete er bitter.
»Und sie kehrt sich an niemand und an gar nichts. Sie wissen nicht, was
ich manchmal von ihr ausstehen muß.«
Agatha hielt es für das Beste, sich sofort hinzusetzen und anzufangen:
»Ich wollt, daß meine Liebe.« Während sie sang und spielte, dachte
sie darüber nach, was Sir Charles grade gesagt hatte. Sie liebte
seine Gesellschaft. Er war fröhlich, hatte Sinn für Musik und Spaß,
war höflich und aufmerksam. Er wußte ihre Anlagen zu schätzen, war
schlagfertig, ohne zu überlegen zu sein, und als verheirateter Mann
ungefährlich in seiner Zuneigung. Aber jetzt schien es ihr doch, als ob
sie in der letzten Zeit etwas zuviel zusammengewesen seien.