ruhig sprach, »wenn ein Sozialist hört, daß man für eine Zeichnung, die
Andrea del Sarto gerne für einen Schilling verkaufte, hundert Pfund
bezahlt, dann quält er sein Herz nicht mit Mitleid für den angeblichen
Verlust der Künstler, wie das die modernen Kapitalisten tun. Und doch
ist das heutzutage der einzige Weg, um Sympathie für die alten Meister
zu zeigen. Das ist das Schlimme an der Sache, wenn Sie Ihre Zeichnungen
verkaufen wollen, dann haben sie noch nicht diesen Marktwert. Aber,«
fügte er, sich schüttelnd, hinzu und sah sich fröhlich um, »ich bin
nicht hierher gekommen, um Fachgespräche zu führen. Wir wollen nicht an
die Sündflut denken und uns auf unsere Art weiter vergnügen.«
»Nein,« sagte Jane. »Reden Sie nur über Kunst. Es ist eine solche
Erlösung, wenn man jemand vernünftig darüber sprechen hört. Ich hasse
das Radieren. Man bekommt schlechte Augen davon -- wenigstens hat die
Säure Sir Charles' Augen angegriffen, und der Unterschied zwischen dem
ersten und zweiten Abzug besteht nur in der Einbildung, höchstens, daß
der letzte Abzug schlechter ist als der -- da ist das Essen!«
Sie gingen dann hinab. Trefusis saß zwischen Agatha und Lady Brandon,
mit der er sich ausschließlich unterhielt. Sie plauderten zusammen,
ohne daß sie sich viel durch das Geschäft des Essens stören ließen.
Denn Jane hatte trotz ihres Umfangs nur einen geringen Appetit und
fürchtete sich, zu fett zu werden, und Trefusis war grundsätzlich
mäßig. Sir Charles zeigte sich ungewöhnlich schweigsam. Er fürchtete
sich, über Kunst zu reden, damit ihm nicht Trefusis widersprechen
sollte, der, wie er schon fühlte, sich weniger daraus machte, aber
mehr davon verstand als er selbst. Nachdem er Agatha zuerst ein paar
Bemerkungen über die Schönheit des erwachenden Frühlings gesagt und
sie dann gefragt hatte, ob sie von der Reise ermüdet sei, hatte er
auch alles gesagt, was ihm bei einem solchen ersten Zusammentreffen
einfallen konnte. Sie selbst richtete ihre ganze Aufmerksamkeit auf
Trefusis, der nach ihrer Meinung doch wissen mußte, daß ihm alle mit
Ausnahme von Jane feindlich gesinnt waren. Aber er schien ebenso
selbstzufrieden zu sein wie damals, als er sie zum Narren gehalten
hatte. Dieser Gedanke stumpfte ihren Zorn ab. Sie zweifelte nicht an
ihrer aufrichtigen Antipathie gegen ihn, obgleich sich heimlich in ihr
ein Widerspruch regte, als sie sich einredete, sie sei unzufrieden, ihn
wieder zu treffen und sie wolle nicht mit ihm sprechen. Gertrude gab
inzwischen Erskine kurze Antworten und lauschte auf Trefusis. Sie hatte
aus dem häuslichen Gezänke der letzten Tage so viel entnommen, daß Lady
Brandon gegen den Willen ihres Mannes einen berüchtigten Demagogen,
den reichen Sohn eines erfolgreichen Baumwollspinners, zu einem Besuch
auf Beeches eingeladen hatte. Sie war entschlossen, solch einen Mann
von oben herab zu behandeln. Als sie aber den längst vergessenen
Smilasch wiedererkannte, war sie so erstaunt, daß sie nicht wußte, was
sie tun sollte. So verharrte sie in steifem Schweigen, und um nichts
Unpassendes zu tun, tat sie gar nichts, wie das die Gewohnheit der
englischen Damen in solchen Fällen ist. Nach und nach hatte dann sein
unbefangenes Selbstbewußtsein sie ebenso gefesselt wie die andern, und
ihre Absicht, ihn verächtlich zu behandeln, verschwand, wie so viele
Vorsätze, die man nicht ausführt. Erskine blieb allein frei von dem
Einfluß des Eindringlings. Er wünschte sich selbst an einen andern Ort,
aber abgesehen von Gertrude störte ihn die Gegenwart oder Abwesenheit
irgendeines Menschen sehr wenig.
»Wie geht es den Jansenius'?« fragte Trefusis plötzlich und wandte sich
an Agatha.
»Danke, es geht ihnen sehr gut,« sagte sie in gemessenem Tone.
»Ich traf kürzlich John Jansenius in der Stadt. Sie kennen Jansenius?«
fügte er zu Sir Charles gewendet bei. »Cotmans Bank -- der letzte
Cotman, der in der Firma war, starb, bevor wir geboren wurden. Der
Präsident der Transkanadischen Eisenbahngesellschaft.«
»Ich kenne den Namen. Ich bin selten in der City.«
»Natürlich,« stimmte Trefusis bei. »Denn wer wollte sich wohl selbst
damit quälen und sich, ohne dazu gezwungen zu sein, unter eine solche
Sklavenmenge begeben? Ich meine natürlich Sklaven des Mammon. In
Cornhill an ihren Gesichtern vorbei Spießruten zu laufen, das kann
einen feinfühlenden Mann auf Stunden zur Verzweiflung bringen. Nun,
Jansenius, der eine hohe Stellung am Hofe Mammons einnimmt, sieht sich
dort nach einem guten Posten für seinen Sohn um. Jansenius ist übrigens
der Vormund von Miß Wylie und der Vater meiner verstorbenen Frau.«
Agatha hätte dem am liebsten widersprochen, da es aber wahr war, mußte
sie es ruhig anhören. Sie wollte aber zeigen, daß die Beziehungen
zwischen ihrer Familie und Trefusis keine herzlichen seien, und fragte
absichtlich: »Hat Mr. Jansenius mit Ihnen gesprochen?«
Gertrude blickte auf, als sei das eine unpassende Bemerkung für eine
Dame.
»Ja,« sagte Trefusis. »Wir sind die besten Freunde in der Welt --
wenigstens so weit das möglich ist. Er wollte meine Unterschrift zu
einem Fonds haben, der den Armen aus Eastend dadurch hilft, daß er
ihnen die Auswanderung möglich macht.«
»Ich nehme an, Sie haben reichlich gezeichnet,« sagte Erskine. »Das war
doch eine Gelegenheit, auch _praktisch_ etwas Gutes zu tun.«
»Ich hab es nicht getan,« sagte Trefusis und lächelte über den Spott.
»Diese Transkanadische Eisenbahngesellschaft hat von der kanadischen
Regierung eine große Menge mageres Land umsonst erhalten. Sie hält
es nun für eine gute Idee, englische Arbeiter dort anzusiedeln und
eine Rente von ihnen zu beziehen. Viele englische Arbeiter, die durch
Maschinen, billige fremde Arbeit oder durch sonst etwas brotlos
geworden waren, wollten gerne gehen. Da sie aber die Überfahrt nach
Kanada nicht bezahlen konnten, wandte sich die Gesellschaft an die
öffentliche Mildtätigkeit, durch Unterzeichnung für sie zu bezahlen, da
der Wechsel ihre elende Lage verbessern werde. Ich sah aber nicht ein,
warum ich Geld ausgeben sollte, um eine reiche Gesellschaft mit Farmern
zu versehen, und ich sagte das auch Jansenius. Er entgegnete, wenn es
auf Geld und nicht auf Redensarten ankäme, dann würden die englischen
Arbeiter bald einsehen, wer ihre wirklichen Freunde seien.«
»Ich verstehe nichts von solchen Fragen,« sagte Sir Charles und machte
ein Gesicht, als ob er etwas Überzeugendes vorbrächte. »Aber ich sehe
nicht ein, was man gegen die Auswanderung vorbringen könnte.«
»Die Idee der Auswanderung,« entgegnete Trefusis, »ist wirklich eine
für uns gefährliche. Machen Sie den Arbeiter erst damit vertraut,
dann wird er eines Tages einsehen, was für eine famose Sache das ist,
wenn er mich und Sie und das Oberhaus mit der ganzen Sippe müßiger
Besitzer nach St. Helena verschickt und uns als Entschädigung ein
reizendes Geschenk mit der Insel macht. Wir sind solch ein ruheloses,
unglückliches Geschlecht, daß ich nicht weiß, ob das Ganze nicht
auch für uns gut sein werde. Die Arbeiter würden nichts verlieren
außer dem Anblick unserer eleganten Person, unserer feinen Manieren
und unseres delikaten Geschmacks. Vielleicht schützen sie sich gegen
diesen Verlust, indem sie ein paar von uns herauswählen und als Zierrat
benutzen. Keine Nation, die Sinn für Schönheit hat, würde Lady Brandon
oder Miß Lindsay oder Miß Wylie verjagen.«
»Solch ein Unsinn!« sagte Jane.
»Sie werden es kaum glauben, wieviel Geld ich schon ausgegeben habe,
um Arbeiter ins Ausland zu senden, trotzdem das ja nach meiner Ansicht
nicht im Interesse des Landes liegt,« fuhr Trefusis, zu Erskine
gewandt, fort. »Sobald ich einen Arbeiter bekehrt habe, benutzt er die
erstbeste Gelegenheit, um irgendwo in einer Rede seine neuen Ansichten
darzulegen. Sein Brotherr entläßt ihn dann, er gibt ihm den Laufpaß,
wie man sagt. Die Entlassung ist das Schwert des Kapitalisten, und
der Hunger hält es stets scharf für ihn. Sein Schild ist das Gesetz,
das durch seine eigene Klasse ausdrücklich zu dem Zwecke gemacht ist.
So gewappnet, ruiniert er meinen armen Bekehrten, und dieser kommt
in seinem Elend zu mir und bittet um meine Hilfe. Da ich ihm für sein
ganzes Leben keine Rente bezahlen kann, schaffe ich ihn mir vom Halse,
indem ich ihm helfe, auszuwandern. Manchmal geht es ihm gut, und er
bezahlt mir das Geld zurück. Mitunter höre ich auch nichts mehr von
ihm, oder er kommt, wie er vorher gewesen war, wieder zurück. Ein Mann,
den ich nach Amerika sandte, erwarb sich ein Vermögen, aber er war kein
Sozialdemokrat. Er war ein Handlungsgehilfe, der eine Unterschlagung
gemacht hatte und sich an mich um eine Unterstützung wandte, weil
er glaubte, ich halte es für eine sehr verdienstliche Sache, einem
Kapitalisten die Kasse zu bestehlen.«
»Er war jedenfalls ein praktischer Sozialist,« sagte Erskine.
»Im Gegenteil, er war ein etwas zu habgieriger Individualist. Aber wie
es auch sei, ich ermöglichte es ihm, seine Unterschlagung wieder gut zu
machen -- in der City kann man jede Unterschlagung wieder gut machen,
wenn man das Geld zurückzahlt -- und nach Neuyork zu gehen. Aber er
wußte es besser als ich, denn er erwarb sich ein Vermögen, indem er
mit Geld spekulierte, das nur in der Einbildung derer existierte, mit
denen er Geschäfte machte. _Er_ hat mir nie etwas zurückbezahlt. Er ist
offenbar ein viel zu guter Geschäftsmann, um Geld zurückzuzahlen, das
man ihm nicht durch gesetzliche Mittel oder Abschneidung des Kredits
abnehmen kann. Mr. Erskine,« fügte Trefusis, zu dem Dichter gewandt,
mit ruhigerer Stimme hinzu, »es ist unrecht, daß Sie gegen Ihre eigene
Natur die Partei von Halunken und Glücksjägern nehmen, selbst wenn
diese von einem Mann angegriffen werden, der das Photographieren dem
Radieren vorzieht.«
»Aber ich versichere Ihnen -- Sie mißverstehen mich wirklich,« sagte
Erskine verwirrt. »Ich --« Er stockte, blickte Sir Charles um Hilfe an
und sagte dann lebhaft: »Ich zweifle nicht, daß Sie völlig recht haben.
Ich hasse Geschäfte und Geschäftsmenschen, und was die sozialen Fragen
angeht, so habe ich da nur einen Glaubensartikel, daß das einzige
Schöne im Menschenleben die schöne Kunst ist.«
»Und ich glaube, daß das einzige Schöne in der Kunst das Menschenleben
ist. Die Kunst wächst, wenn die Menschen wachsen, und sie verkommt,
wenn die Menschen verkommen. Was ist Ihre Meinung?«
»Ich stimme in mancher Beziehung mit Ihnen überein,« entgegnete Sir
Charles nervös, denn ein Mangel an Interesse für seine Mitmenschen und
ein Übermaß von Interesse für sich selbst waren die Ursache, daß er
nichts von sozialen Dingen verstand. Da er aber glaubte, ein Baronet
müßte das eigentlich auch wissen, fürchtete er sich natürlich, irgend
jemand zu widersprechen, der in zuversichtlicher Weise davon anfing.
»Wenn Sie an Kunstsachen Interesse haben, kann ich Ihnen, glaube ich,
manches Sehenswerte zeigen.«
»Das wird mich freuen. Ich werde Ihnen dafür gelegentlich eine Sammlung
von Photographien zeigen, von denen ich viele selbst aufgenommen habe.
Vielleicht wird sie Ihnen einige Belehrung bieten.«
»Ohne Zweifel,« sagte Sir Charles. »Wollen wir zur Galerie
zurückkehren? Ich habe da ein paar Schätze, die die Photographie so
bald noch nicht übertreffen wird.«
»Ich denke, wir gehen durch das Gewächshaus,« sagte Jane. »Lieben Sie
Blumen, Mr. Smi-- Nie kann ich mich doch auf Ihren richtigen Namen
besinnen.«
»Das ist seltsam,« sagte Trefusis.
Sie erhoben sich und betraten ein langgestrecktes Treibhaus. Lady
Brandon hatte Erskine an ihrer Seite -- Sir Charles und Gertrude gingen
vor ihr. Aber sie sah sich nach Trefusis um, denn sie beabsichtigte,
unter dem Vorwand, ihm die Blumen zu zeigen, ein wenig mit ihm zu
flirten. Er war nicht zu sehen, aber sie hörte seine Schritte auf dem
Wege an der andern Seite des Gewächshauses. Agatha war ebenfalls nicht
zu sehen. Jane, die diese Anordnung nicht ändern durfte, wenn sie nicht
ihre Absicht auffällig machen wollte, mußte mit Erskine weitergehen.
Agatha hatte ohne jede Absicht den andern Durchgang betreten. Als sie
sah, was sie getan hatte, und sich wirklich ganz allein mit Trefusis,
der ihr gefolgt war, fand, tadelte sie ihn deswegen und war schon
dabei, zurückzugehen, als er kühl bemerkte:
»Waren Sie bestürzt, als Sie von Henriettas plötzlichem Tod hörten?«
Agatha kämpfte einen Augenblick mit sich selbst und sagte dann mit
unterdrückter Stimme: »Wie können Sie es wagen, mit mir zu sprechen?«
»Warum nicht?« fragte er erstaunt.
»Ich will mich nicht in eine Auseinandersetzung mit Ihnen einlassen.
Sie wissen ganz gut, was ich meine.«
»Sie glauben, Sie wären durch mich beleidigt. Das ist klar genug. Aber
wenn ich von einer jungen Dame in freundlichster Weise scheide und sie
mich nach Jahren, während derer ich sie nicht gesehen und ihr nicht
geschrieben habe, gefragt werde, wie ich es wagen dürfte, mit ihr zu
reden, dann bin ich natürlich erstaunt.«
»Wir schieden nicht in freundlichster Weise.«
Trefusis spannte seine Augenbrauen an, als ob er sein Gedächtnis
anspannen wollte. »Wenn wir es nicht taten,« sagte er, »so habe ich es
auf mein Ehrenwort vergessen. Wann schieden wir voneinander, und was
geschah da? Es kann nichts sehr Ernsthaftes gewesen sein, sonst müßte
ich mich dessen erinnern.«
Seine Vergeßlichkeit verwundete Agatha. »Sie sind zweifellos sehr daran
gewöhnt --« Sie unterbrach sich selbst, und es gelang ihr schnell,
wieder in ihren gewöhnlichen Unterhaltungston einem Herrn gegenüber
zu kommen. »Jetzt, da ich nachdenke, erinnere ich mich kaum, was es
eigentlich war. Wahrscheinlich irgendeine Kleinigkeit. Lieben Sie
Orchideen?«
»Die haben jetzt nichts mit unserer Sache zu tun. Die Orchideen
interessieren Sie auch gar nicht so, sie wollen nur von dem
Mißverständnis davonlaufen, anstatt es aufzuklären. Das ist immer eine
kurzsichtige Politik.«
Agatha wurde unruhig, denn sie fühlte, wie sein früherer Einfluß sie
wieder überkam. »Ich habe nicht den Wunsch, darüber zu sprechen,« sagte
sie fest.
Ihre Festigkeit war bei ihm verloren. »Ich weiß noch immer nicht, worum
es sich überhaupt handelt,« sagte er. »Aber ich möchte es wissen,
denn ich glaube, es liegt da ein Mißverständnis vor, und es ist eine
Gewohnheit Ihres Geschlechts, Mißverständnisse zu verewigen, indem
Sie sich jede Anspielung darauf verbitten. Als ich Lyvern so schnell
verließ, habe ich vielleicht vergessen, ein Versprechen zu erfüllen
oder Lebewohl zu sagen oder sonst irgend etwas. Aber wissen Sie,
wie plötzlich ich weggerufen wurde? Ich erhielt eine telegraphische
Nachricht, daß Henrietta im Sterben liege, und ich hatte kaum die Zeit,
meine Kleider zu wechseln -- Sie erinnern sich ja an meine Vermummung
-- um den Zug zu erreichen. Und schließlich war sie schon tot, als ich
ankam.«
»Ich weiß das,« sagte Agatha ängstlich. »Bitte, sagen Sie nichts mehr
darüber.«
»Nicht, wenn es Sie betrübt. Hoffentlich denken Sie aber auch nicht,
ich machte Ihnen Vorwürfe wegen Ihres Anteils an der Sache, oder ich
hätte Jansenius davon erzählt. Das tat ich nicht. Ob ich Orchideen
liebe? Ja. Eine Pflanze, die auf einem Holzbrettchen leben kann, ist
ein Beweis für die Sparsamkeit der Natur --«
»_Sie_ machen _mir_ Vorwürfe!« schrie Agatha. »Ich habe es nie den
Jansenius' erzählt. Was würden sie von Ihnen gedacht haben, wenn ich es
getan hätte?«
»Sie hätten schlimmer über Sie gedacht als über mich, natürlich mit
Unrecht. Sie waren die unmittelbare Ursache der Tragödie, ich nur
die entfernte. Jansenius ist nicht weitblickend, wenn seine Gefühle
gekränkt werden. Die wenigsten Männer sind das.«
»Ich verstehe Sie nicht im mindesten. Welche Tragödie meinen Sie?«
»Henriettas Tod. Ich nenne ihn konventionell eine Tragödie, obgleich er
natürlich in Wirklichkeit nichts Ungewöhnliches an sich hatte.«
Agatha machte eine Pause und starrte ihn an. »Was soll das heißen,
was Sie jetzt sagten? Ich sei die unmittelbare Ursache der Tragödie,
und Sie reden von Henriettas -- von Henrietta? Ich hatte mit ihrer
Krankheit nichts zu tun.«
Trefusis sah sie an, als überlegte er, ob er weitergehen sollte. Dann
sagte er, indem er sie mit der Neugierde eines Vivisektors beobachtete:
»Es ist seltsam, Agatha« -- sie fuhr stolz zurück, als sie den Namen
hörte, »aber wenn Sie nicht gewesen wären, lebte Henrietta vielleicht
noch. Ich bin sehr froh, daß sie es nicht tut, und so brauchen Sie
sich also meinetwegen keine Vorwürfe zu machen. Sie starb durch eine
Reise nach Lyvern, die sie in großer Erregung und Trauer und bei
außerordentlich kaltem Wetter machte. Sie veranlaßten sie zu der Reise,
denn Sie schrieben ihr einen Brief, der sie eifersüchtig machte.«
»Wollen Sie mir etwa vorwerfen --«
»Halt! Nein,« sagte er schnell, und seine ganze Vivisektionslust
verging vor ihrer zitternden Stimme. »Ich werfe Ihnen gar nichts
vor. Warum sprechen Sie nicht aufrichtig zu mir, wenn Sie in Ihrer
gewöhnlichen Stimmung sind? Wenn Sie Ihre wirkliche Ansicht nur auf der
Folter gestehen, wer sollte nicht Lust bekommen, Sie zu foltern? Man
muß Ihnen gleich eine Mordtat vorwerfen, damit Sie von etwas anderm als
Orchideen sprechen.«
Aber Agatha hatte durch ihre früheren Erfahrungen gelernt und wollte
sich nicht mundtot machen lassen. »Es war nicht meine Schuld,« sagte
sie. »Es war Ihre -- ganz allein Ihre Schuld.«
»Ganz allein meine Schuld,« stimmte er zu und war froh, Sie unwillig
statt ängstlich zu finden.
Diese wörtliche Zustimmung besänftigte sie nicht. »Ihr Benehmen war
eines Mannes sehr unwürdig. Ich habe Ihnen das auch gesagt, und Sie
konnten es nicht leugnen. Sie behaupteten, daß Sie -- Sie behaupteten,
Sie hätten Gefühle -- Sie gaben sich Mühe, mir den Glauben daran
beizubringen -- Oh, was bin ich töricht, daß ich mit Ihnen rede. Sie
wissen ganz gut, was ich meine.«
»Vollständig. Ich versuchte, Ihnen den Glauben beizubringen, daß ich
Sie liebte. Woher wissen Sie, daß es nicht wahr war?«
Sie verschmähte es, zu antworten. Aber da er ruhig wartete, sagte sie:
»Sie hatten kein Recht, in mich verliebt zu sein.«
»Das ist kein Beweis dagegen, daß ich es nicht doch war. Sehen Sie,
Agatha, Sie gaben vor, mich zu lieben, und es lag Ihnen doch gar nichts
an mir. Das sprachen Sie deutlich genug in jenem Unglücksbrief aus,
den ich noch irgendwo zu Hause habe. Er ist quer durchgerissen, und
die Spur von ihrem Absatz ist noch daran zu sehen. Das arme Mädchen
muß ihn in ihrem Zorn mit Füßen getreten haben. So kann ich Ihnen also
Ihre eigene Handschrift als Beweis zeigen, daß Sie mit mir gespielt
haben, und Sie klagen mich -- ohne jeden Beweis -- an, ich hätte Sie
getäuscht.«
»Sie sind klug und können alles verdrehen. Welch ein Vergnügen macht es
Ihnen, mich zu quälen?«
»Ha!« rief er in einem abgebrochenen, bitteren Lachen. »Ich weiß es
nicht. Ich glaube, Sie behexen mich.«
Agatha gab keine Antwort und ging ruhig zu dem Ende des Gewächshauses,
wo die andern auf sie warteten.
»Wo haben Sie gesteckt und was haben Sie die ganze Zeit über
angefangen?« fragte Jane, als Trefusis eilig hinter Agatha herkam. »Ich
weiß nicht, wie Sie das nennen, ich nenne es einfach ungehörig.«
Sir Charles errötete über das schlechte Benehmen seiner Frau, und
Trefusis erwiderte ruhig: »Wir haben die Orchideen bewundert und uns
darüber unterhalten. Miß Wylie interessiert sich dafür.«
Dreizehntes Kapitel.
Eines Morgens erhielt Gertrude von ihrem Vater einen Brief:
_Meine liebe Gerty_, ich habe grade von Madame Smith eine Rechnung
von 110 Pfund für Deine Kleider erhalten. Darf ich mir vielleicht die
Frage erlauben, wie lange das noch so weitergehen soll? Ich brauche
Dir wohl nicht zu erzählen, daß ich nicht die Mittel habe, eine
solche Verschwendung noch fernerhin zu unterstützen. Ich bin, wie Du
weißt, immer ängstlich besorgt, daß Du Deiner Stellung entsprechend
auftreten kannst. Aber wenn das nicht anders geht, als daß ich
dabei jede Saison Hunderte von Pfund an Madame Smith wegwerfen muß,
dann ist es besser, wenn Du die Gesellschaft aufgibst und zu Hause
bleibst. Ich kann es tatsächlich nicht aufbringen. Soviel ich sehe,
hat das ganze Gesellschaftsleben Dir nicht viel genützt. Vorigen
Monat mußte ich 500 Pfund bei Franklands erheben, und es wäre noch
schöner, wenn ich noch mehr erheben müßte, um Deine Kleidermacherin
zu bezahlen. Wenn Du wenigstens eine Privatperson beschäftigtest,
oder eine, die keine solche Preise macht. Madame Smith erklärt mir,
sie will nicht länger warten, und sie verlangt für jedes einzelne
Kleid 60 Pfund. Ich hoffe, Du hast mich jetzt richtig verstanden, daß
diese Sache ein Ende haben muß.
Ich höre von Deiner Mutter, daß sich der junge Erskine mit Dir bei
den Brandons aufhält. Ich halte nicht viel von ihm. Er ist nicht
wohlhabend und wird es auch kaum werden, da er sich mit Poesie und
dergleichen abgibt. Und dann habe ich gehört, daß ein Mann namens
Trefusis jetzt sehr oft Beeches besucht. Er muß ein Narr sein, denn
er trat bei der letzten Wahl in Birmingham als Kandidat auf und
erhielt ganze zweiunddreißig Stimmen, weil er sich als Sozialdemokrat
oder mit einem ähnlichen ausländischen Unsinn bezeichnete, statt
wie ein Mann zu sagen, er sei ein Radikaler. Ich glaube, der Name
blieb ihm in der Kehle stecken, denn seine Mutter war eine von den
Howards auf Breconcastle. So fließt gutes Blut in ihm, obgleich sein
Vater ein Niemand war. Ich wollte, er hätte Deine Rechnungen zu
bezahlen. Er kann mich zehnmal kaufen und verkaufen, trotz meiner
fünfundzwanzig Jahre Staatsdienst.
Da ich vorhabe, das Haus etwas instand setzen zu lassen, so wäre es
mir lieb, wenn Du diesen Monat noch nicht zurückkämst, falls Du Dich
nur irgendwie bei den Brandons halten könntest. Empfehle mich ihm
und bestelle seiner Frau meine freundlichsten Grüße. Ich wäre Dir
dankbar, wenn Du einige Schierlingblätter bekommen könntest und sie
mir zuschicktest. Ich brauche sie für meine Salbe. Das Zeug, das die
Apotheker verkaufen, taugt nichts. Deine Mutter leidet wieder an den
Augen, und Dein Bruder Berkeley hat gespielt. Er scheint zu glauben,
ich müßte seine Schulden bezahlen. Das alles macht mir vielen Kummer,
und ich hoffe, daß Du bis zu Deiner Verheiratung vernünftiger
bleibst und mir nicht mehr diese immerwährenden Rechnungen auf
den Hals schickst. Du genießest das Leben und bist fern von allem
Unangenehmen, aber es lastet doch schwer auf
Deinem Dich liebenden Vater
C. B. Lindsay.
Ganz schwache Falten, die ersten Anzeichen des beginnenden Alters,
erschienen auf Gertrudes Gesicht, als sie den Brief las. Aber sie
beeilte sich, die Grüße des Admirals ihren Wirtsleuten mitzuteilen, und
besprach dann mit ihnen voll Mitgefühl den Gesundheitszustand ihrer
Mutter. Nach dem Frühstück ging sie in die Bibliothek und schrieb ihre
Antwort:
Brandon Beeches.
Dienstag.
_Lieber Papa_, es sind drei Jahre her, daß Du zuletzt eine Rechnung
an Madame Smith bezahlt hast, und damals machte es einschließlich
meines Kleides für den Hof nur 150 Pfund aus. Ich sehe daher nicht
ein, wie ich noch sparsamer sein kann, außer ich muß in Lumpen gehen.
Es tut mir leid, daß Madame Smith zu so ungelegener Zeit um Bezahlung
gebeten hat, aber als ich Dir im März vorigen Jahres riet, ihr etwas
zu bezahlen, sagtest Du mir, ich sollte sie durch einen guten Auftrag
beruhigen. Ich wundere mich gar nicht über ihre Unhöflichkeit, denn
sie hat unter ihren Kundinnen eine Menge Kaufmannstöchter, die ihr
für ihre Kleider mehr als 300 Pfund im Jahr bezahlen. Ich trage jetzt
einen Rock, den ich vor zwei Jahren erhielt.
Sir Charles fährt Donnerstag in die Stadt, er wird Dir den Schierling
mitbringen. Sage Mama, daß hier eine alte Frau wohnt, die ein
wunderbares Mittel gegen schlechte Augen kennt. Sie will die
einzelnen Bestandteile nicht nennen, aber es kuriert jeden. Es hat
auch keinen Zweck, einem Augenarzt zwei Guineen zu geben, damit der
uns erzählt, daß das Lesen im Bett schädlich für die Augen ist. Wir
wissen ja doch ganz gut, daß Mama diese Gewohnheit nie aufgibt. Wenn
Du Berkeleys Schulden bezahlst, dann vergiß nicht, daß ich noch von
ihm drei Pfund bekomme.