»Ja,« sagte Lady Brandon eifrig und vergaß Mauer und Zaun. »Aber wer

glauben Sie, daß am Donnerstag kommt? Ich traf sie zufällig, als ich

das letztemal in der Stadt war. Sie hat sich aber auch gar nicht

verändert. Sie können sie nicht vergessen haben, darum stellen Sie sich

nicht so verwirrt.«

»Sie haben mir noch nicht gesagt, wer es ist, und ich werde mich

ihrer kaum noch erinnern. Sie dürfen nicht von mir erwarten, daß ich

jedermann sofort wiedererkenne, wie ich Sie erkannte.«

»Welch ein Unsinn. Sie werden Agatha sofort erkennen.«

»Agatha Wylie!« sagte er mit plötzlichem Ernst.

»Ja, sie kommt Donnerstag. Freuen Sie sich?«

»Ich fürchte, ich werde keine Gelegenheit haben, sie zu sehen.«

»Oh, natürlich müssen Sie sie sehen. Es wird so lustig für uns alle

sein, daß wir wieder wie früher zusammentreffen. Warum können Sie nicht

am Donnerstag zum Luncheon kommen?«

»Ich werde entzückt sein, wenn Sie mir nach meiner heutigen Aufführung

wirklich erlauben, zu kommen.«

»Das werden die Anwälte erledigen. Jetzt, da Sie wissen, wer wir sind,

werden Sie natürlich aufhören, unsere Mauern einzureißen.«

»Natürlich,« sagte Trefusis lächelnd und zog ein Taschenbuch hervor,

um die Einladung zu notieren. »Ich muß schnell machen, daß ich zur

Wegekreuzung komme. Man hat mich wahrscheinlich inzwischen zum

Vorsitzenden gewählt und wartet darauf, daß ich die Versammlung

eröffne. Adieu. Sie haben mir diese Gegend, deren ich schon ganz müde

geworden war, in unerwarteter Weise interessant gemacht.«

Sie wechselten Blicke, wie sie es früher auf der Schule getan hatten.

Dann nickte er Sir Charles zu, winkte Erskine familiär mit der Hand und

folgte der Prozession, die jetzt außer Sicht war.

Sir Charles, der schon längst hatte sprechen wollen, aber wiederholt

durch die schnellen Worte seiner Frau und die unbedenklichen Antworten

Trefusis' daran gehindert wurde, wandte sich jetzt ärgerlich an sie und

sagte:

»Was soll das heißen, daß du diesen Burschen in mein Haus einlädst?«

»Wirklich, _dein_ Haus! Ich lade ein, wen ich will. Du scheinst dich

wieder einmal aufzuregen.«

Sir Charles sah sich um. Erskine war diskret fortgegangen und drehte

auf der Straße eine Schraube an seinem Rad fester. Die wenigen

Personen, die zurückgeblieben waren, standen außer Hörweite.

»Wer und was zum Teufel ist er, und wie kommt es, daß du ihn kennst?«

fragte er. Er fluchte sonst nie in Gegenwart einer Dame. Nur bei seiner

Frau machte er eine Ausnahme, und auch nur dann, wenn sie allein waren.

»Er ist ein Gentleman, und das kann man von dir nicht sagen,«

entgegnete sie und sandte mit einem Peitschenhieb, der beinahe die

Schulter ihres Mannes traf, den Braunen in wilden Sätzen durch die

Mauerbresche.

»Kommen Sie mit,« sagte sie zu Erskine. »Wir sind zu spät zum Luncheon

da.«

»Sollen wir nicht lieber auf Sir Charles warten?« fragte er unüberlegt.

»Lassen Sie mich in Ruhe mit Sir Charles, er ist schlecht gelaunt,«

sagte sie, ohne leiser zu sprechen. »Kommen Sie mit.« Und sie ritt im

Galopp davon. Erskine folgte ihr mit dem Gedanken, daß er sich für

seinen Besuch eine sehr unglückliche Zeit ausgesucht habe.

Zwölftes Kapitel.

Am folgenden Donnerstag trafen sich Gertrude, Agatha und Jane zum

erstenmal wieder, seit sie die Schule zu Alton verlassen hatten. Agatha

war am meisten zurückhaltend von den dreien und hatte sich äußerlich

am wenigsten verändert. Sie glaubte, sie sei sehr verschieden von der

Agatha aus Alton, aber sie hatte nur ihre Ansicht über sich verändert,

ihr Wesen war dasselbe geblieben. Sie hatte bei ihren Freundinnen

eine ähnliche Veränderung erwartet und zweifelte sehr daran, daß ihr

Zusammentreffen ein fröhliches sein werde.

Sie fürchtete das mehr wegen Gertrude als wegen Jane, denn Lady Brandon

war, wie sie schon bei der kurzen Unterhaltung in London gefunden

hatte, im Benehmen, Denken und Sprechen dieselbe geblieben, die sie

als Miß Carpenter gewesen war. Aber Jane flößte selbst Agatha jetzt

mehr Respekt ein als früher, denn sie hatte sich aus einem übergroßen

Mädchen in eine schöne Frau verwandelt und machte in ihrer ersten

Saison eine brillante Partie, während viele ihrer hübschen, stolzen

und klugen Altersgenossinnen, die sie auf der Schule beneidet hatte,

noch unverheiratet waren und zu Hause ein ungemütliches Heim hatten,

weil ihre Eltern die Last ihres Unterhalts los werden und durch ihre

Verheiratung ihren Geldbeutel oder ihre Stellung verbessern wollten.

Dies war auch bei Gertrude der Fall. Wie Agatha hatte sie alle

Heiratsanträge abgewiesen. Sie war stolz auf ihre Familie und ihre

Vornehmheit und wollte so wenig wie möglich mit Leuten zu tun haben,

die ihr darin nachstanden. Zuerst schlug sie die Bekanntschaft mit

verschiedenen sehr reichen und vornehm lebenden Familien ab, weil sie

ihre Vorfahren nicht kannten oder sich ihrer schämten. Nachdem sie sich

aus diesem Kreise ausgeschlossen hatte, wurde sie bei Hofe vorgestellt

und nahm von da ab nur noch Einladungen von solchen Leuten an, die nach

ihrer Meinung das Recht zu der gleichen Ehre hatten. Und sie nahm es

in diesem Punkte viel genauer als Lord Chamberlain, der, wie sie sagte,

seinen Rang geschändet hatte, indem er tatsächlich der reine Kommunist

geworden sei. Sie war gut erzogen, hatte feine Sitten und Manieren und

kannte die Vorschriften der Etikette so genau, daß sie damit jeden

Neuling in Verlegenheit setzte. Sie war zart gebaut, hatte feine Zähne

und ein Gesicht von fast griechischem Schnitt, wäre nicht die leicht

aufgestülpte Nase und das etwas zu stark ausgeprägte Kinn gewesen.

Ihr Vater war ein pensionierter Admiral. Er hatte genügend Einfluß,

um seinem Sohne, der nach der Verbindung mit einer reichen Erbin

strebte, durch die konservative Regierung eine Sinekure zu verschaffen.

Aber Gertrude blieb ledig, und der Admiral, der früher über seine

Mittel hinaus für ihre Erziehung gesorgt hatte und noch jetzt in

derselben Weise ihren Aufwand bestritt, beklagte sich so bitter über

ihre Mißerfolge und über die Last, die sie ihm machte, daß ihr das

häusliche Leben fast unerträglich wurde. Sie kam schließlich so weit,

daß sie jeden Gentleman aus guter Familie, wie unpassend auch sonst

sein Alter und sein Charakter war, genommen hätte, nur damit er sie

aus der demütigenden Abhängigkeit befreite. Sie war bereit, auf alles,

wonach sich ihre Natur bei einem Manne sehnte, auf Jugend, Schönheit

und Tüchtigkeit zu verzichten, wenn sie nicht anders von ihren Eltern

loskommen konnte. Nur in einem stand ihr Entschluß fest: sie wollte

lieber als alte Jungfer sterben, als einen Emporkömmling heiraten.

Ihre Pläne scheiterten an der Geldfrage. Der Admiral war arm. Er hatte

kaum sechstausend Pfund Einnahmen im Jahr, und obgleich er mit der

äußersten Genauigkeit wirtschaftete, um einen möglichst großen Aufwand

damit zu treiben, konnte er doch seiner Tochter keine Mitgift geben.

Nun hatten die vornehmen jungen Leute aus ihrem Kreise alle mehr

blaues Blut und weniger Reichtum, als sie brauchten. Sie bewunderten

Gertrude, machten ihr Komplimente, tanzten mit ihr, aber keiner konnte

es sich gestatten, sie zu heiraten. Einige von ihnen sagten ihr das

auch gradezu. Sie heirateten die reichen Töchter von Teehändlern,

Eisengießern oder erfolgreichen Börsenmaklern und versuchten dann

zwischen ihr und ihren niedrig geborenen Schwägern eine Verbindung

anzuknüpfen.

So war also Gertrude, als sie Lady Brandon traf, heimlich in keiner

beneidenswerten Lage, und sie nahm gerne die Einladung nach Brandon

Beeches an, schon um dem täglichen Gespötte des Admirals über die

Heiratsliste in der >Times< zu entgehen. Sie konnte das um so eher tun,

weil Sir Charles kein neugebackener Adliger war, und Jane gegenüber

hatte sie ja schon auf der Schule -- die ihr jetzt als die glücklichste

Zeit ihres Lebens erschien -- anerkannt, daß ihre Familie und ihr

Bekanntenkreis neben ihrem eigenen der vornehmste in Alton war. Agatha,

deren Großvater sich als Besitzer von Gaswerken seinen Reichtum

erworben hatte, hatte sie niemals ihre Freundschaft angeboten. Agatha

hatte sich diese teils durch moralische, teils durch physische Gewalt

einfach erzwungen. Aber die Gaswerke wurden doch niemals vergessen,

und als Lady Brandon als eine köstliche Neuigkeit erwähnte, sie habe

ihre alte Schulfreundin wieder gefunden und sie eingeladen, auch

herüber zu kommen, da war Gertrude durchaus nicht angenehm berührt.

Andererseits war sie, als sie zusammentrafen, die einzige, deren

Augen feucht wurden, denn sie war die am wenigsten Glückliche von den

dreien, und ihr Stolz war, ohne daß sie es wußte, etwas gebrochen. Sie

glaubte, Agatha habe ihre Mädchenhaftigkeit verloren, sie sei aber

dafür mutiger, energischer und gewandter geworden. In Wirklichkeit

mußte Agatha ihre ganze Selbstbeherrschung zusammennehmen, um ihre

Schüchternheit zu verbergen. Sie entdeckte auch Gertrudes Bewegung,

denn diese versuchte im letzten Augenblick nicht mehr, sie zu

verbergen. Sie hätte sie sogar frei in Worten ausgedrückt, wenn ihre

gesellschaftliche Erziehung sie nicht nur gelehrt hätte, ihre Gefühle

zu verhehlen, sondern auch, ihnen Worte zu geben.

»Denkt ihr noch an Miß Wilson?« fragte Jane, als die drei von der

Eisenbahnstation nach Brandon Beeches fuhren. »Denkt ihr noch an

Mrs. Miller und ihren Kater? Denkt ihr noch an das Sündenbuch? Wißt ihr

noch, wie ich in den Kanal fiel?«

Diese Erinnerungen gaben ihnen Gesprächsstoff, bis sie das Haus

erreichten und auf Agathas Zimmer gingen. Jetzt hatte Jane etwas im

Haushalt zu besorgen und mußte sie verlassen. Sie tat das ungern, denn

sie war eifersüchtig auf Gertrude und wollte nicht, daß sie ihr bei

der Gewinnung von Agathas Zuneigung zuvorkommen sollte. Sie versuchte

sogar, ihre Nebenbuhlerin mit sich zu nehmen. Aber es war vergebens,

Gertrude wollte sich nicht rühren.

»Was ist das ein schönes Haus und ein prächtiger Platz hier!« sagte

Agatha, als Jane gegangen war. »Und was für ein reizender Mensch Sir

Charles ist! Wir haben immer über Jane gelacht, aber jetzt kann sie

noch über die glücklichste von uns lachen. Ich habe immer gesagt, sie

würde stets blindlings ins Glück hineintappen. Ist es wirklich wahr,

daß sie sich in ihrer ersten Saison verheiratet hat?«

»Ja. Und Sir Charles ist ein Mann von hoher Bildung. Ich kann das nicht

verstehen. Ihr Umfang geht über alles, und ihre Manieren sind schlecht.«

»Ja!« sagte Agatha mit einem pfiffigen Gesicht. »Jane hatte immer

etwas an sich, was die Männer anzog. Und sie ist mehr schelmisch als

närrisch. Aber sie ist gewiß ein großer Esel.«

Gertrude warf ihr einen ernsten Blick zu, um anzudeuten, daß sie jetzt

aus der Gewohnheit heraus sei, auf eine solche Sprache zu hören. Agatha

wurde dadurch gereizt und fuhr fort:

»Hier sind wir beide und halten uns für doppelt so ansehnlich und

umgänglich, als sie ist, aber wir sind alte Jungfern.« Gertrude fuhr

zurück, und Agatha setzte schnell hinzu: »Und dabei bist du doch zum

Beispiel so außerordentlich hübsch! Sie hat uns übrigens ausdrücklich

eingeladen, um uns zu verheiraten.«

»Sie würde doch nicht etwa wagen --«

»Unsinn, liebe Gertrude. Sie glaubt, wir seien ein paar Narren, die

ihre eigenen Angelegenheiten verpfuscht haben, und da sie selbst es so

gut gemacht hat, hält sie es für eine Kleinigkeit, uns zu helfen. Hat

sie dir etwa nicht gesagt, bevor ich ankam, es sei Zeit für mich, daß

ich mich verheiratete?«

»Nun ja. Aber --«

»Genau dasselbe hat sie mir über dich gesagt, als sie mich einlud.«

»Ich würde sofort dieses Haus verlassen,« sagte Gertrude, »wenn ich

dächte, sie wollte sich in meine Angelegenheiten hineinmischen. Was

geht das sie an, ob ich verheiratet bin oder nicht?«

»Wo hast du denn all diese Jahre gelebt, wenn du nicht weißt, daß eine

Frau, sobald sie eine gute Partie gemacht, nichts Eiligeres zu tun hat,

als nun auch ihre ledigen Freundinnen unter die Haube zu bringen. Jane

meint es gar nicht böse. Sie tut es aus lauter Herzensgüte.«

»Ich brauche Janes Herzensgüte nicht.«

»Ich auch nicht. Aber es schadet doch nichts, und sie soll sich

ruhig damit amüsieren, ihre männlichen Bekannten zu meiner Auswahl

vorzuführen. Still! Da kommt sie.«

Gertrude schwieg. Sie konnte sich nicht mit Lady Brandon zanken, ohne

das Haus zu verlassen, und wenn sie das Haus verließ, dann mußte sie zu

ihren Eltern zurückkehren. Aber im stillen beschloß sie, Erskine bei

seinen Aufmerksamkeiten zu entmutigen, denn sie vermutete, daß er gar

nicht in sie verliebt war, wie er behauptete, sondern sie einfach auf

eine Empfehlung von Jane hin heiraten wollte.

Chichester Erskine hatte mit Sir Charles zusammen in Palästina Skizzen

gemalt und war mit ihm durch manche europäische Gemäldegalerie

gewandert. Er war ein junger Mann von adliger Abkunft und hatte von

seiner Mutter eine Rente von fünfhundert Pfund geerbt, während das

Hauptvermögen der Familie an seinen älteren Bruder gefallen war. Da er

keinen Beruf hatte und Bücher und Gemälde liebte, hatte er sich den

schönen Künsten gewidmet, was die billigste Art war, um sich selbst

eine hohe Meinung von der Feinheit und den Fähigkeiten seiner eigenen

Natur beizubringen. Er hatte ein Drama veröffentlicht mit dem Titel:

>Die patriotischen Märtyrer< mit einem radierten Titelblatt von Sir

Charles. Eine Auflage war schnell durch die Dedikationsexemplare an

die Freunde des Künstlers und Dichters und an die Zeitschriften und

Zeitungen abgesetzt worden. Sir Charles hatte dann einen hervorragenden

Tragöden, den er kannte, gebeten, das Werk auf die Bühne zu bringen

und einen von den patriotischen Märtyrern zu spielen. Aber der Tragöde

wandte ein, die Rollen der andern patriotischen Märtyrer seien ja grade

so bedeutend wie seine eigene. Erskine weigerte sich entrüstet, diese

Teile zu kürzen oder fallen zu lassen, und so wurde aus der Aufführung

nichts.

Seitdem trug sich Erskine mit dem Gedanken, ein zweites Drama zu

schreiben, ohne sich um die Forderungen der Bühne zu kümmern. Aber er

hatte es noch nicht begonnen, denn seine Stimmung kam ihm stets zu

ungelegener Zeit, meist spät in der Nacht, wenn er getrunken hatte

und nur Lust empfand, Sonette zu schreiben. Die Morgenluft und das

Radfahren waren verhängnisvoll für die Art von Poesie, die ihm als

die einzige wertvolle erschien. Indessen war trotz des Radfahrens das

Drama, das den Titel >Hypatia< trug, auf dem besten Wege, wirklich

geschrieben zu werden, denn der Dichter hatte Gertrude Lindsay kennen

gelernt und sich in sie verliebt. Ihre fast griechischen Gesichtszüge

und etwas Kenntnis von der Differentialrechnung, die sie in Alton

erworben hatte, verhalfen ihm zu dem Glauben, sie sei ein passendes

Modell für seine Heldin.

Als die Damen herunterkamen, fanden sie ihren Wirt und Erskine in der

Gemäldegalerie, die in der Umgegend berühmt war, weil sie Sir Charles

eine große Summe gekostet hatte. Es gab neue Radierungen zu bewundern,

und der Baronet bat sie, das, was er den Ton des Bildes nannte, zu

beachten -- Agatha würde es den Grad der Schmiererei genannt haben. Sir

Charles ließ seine Augen oft von seinem Kunstwerk abschweifen. Zweimal

sah er auf seine Uhr und sagte endlich:

»Ich habe den Leuten gesagt, sie sollten pünktlich mit dem Essen sein.«

»O ja. Es ist schon gut,« sagte Lady Brandon. Sie hatte Befehl gegeben,

das Essen vor der Ankunft eines weiteren Gastes nicht zu servieren.

»Zeige Agatha das Bild des Mannes in --«

»Mr. Trefusis,« meldete ein Mädchen.

Mr. Trefusis trat herein, noch immer in gelbbraunem Anzug. Der Rock war

nicht zugeknöpft. Er ging in ungezwungener Gleichgültigkeit und schien

bei keiner Gelegenheit irgendwelche Rücksicht auf gesellschaftliche

Formen für nötig zu halten.

»Da sind Sie ja endlich,« sagte Lady Brandon. »Sie kennen doch alle

hier?«

»Wie geht es Ihnen?« fragte Sir Charles und bot ihm mit der ernsten

Miene eines Mannes, der eine Pflicht gegen den Gast seiner Frau

erfüllt, die Hand. Er schüttelte sie herzlich, nickte Erskine zu

und sah ohne eine Miene des Erkennens Gertrude an, deren frostiges

Schweigen sich gegen die Annahme der Lady Brandon zu verwahren schien,

als ob der Fremde mit ihr bekannt sei. Dann wandte er sich zu Agatha

und verneigte sich vor ihr. Sie gab ihm keine Antwort, sie war wie

erstarrt. Lady Brandon errötete vor Ärger. Sir Charles bemerkte den

Empfang seines Gastes mit innerer Genugtuung, aber er teilte doch auch

die Verlegenheit, die alle mit Ausnahme von Trefusis ergriffen hatte.

Dieser schien ganz gleichgültig und zufrieden zu sein und brachte

unbewußt den Eindruck hervor, die andern hätten sich nicht richtig

benommen, was ja auch tatsächlich der Fall war.

»Wir sahen uns grade ein paar Radierungen an, als Sie hereinkamen,«

sagte Sir Charles und beeilte sich, das Stillschweigen zu brechen.

»Machen Sie sich etwas aus solchen Dingen?« Und er händigte ihm einen

Abzug ein.

Trefusis warf einen Blick darauf, als ob er noch nie in seinem Leben so

etwas gesehen habe und nicht wüßte, was er damit anfangen sollte. »Alle

diese Kritzeleien scheinen mir keinen Sinn zu haben,« sagte er unsicher.

Sir Charles warf Erskine ein geringschätziges Lächeln und einen

bezeichnenden Blick zu. Dieser, der schon eine instinktive Abneigung

gegen Trefusis fühlte, sagte ausdrucksvoll:

»Da ist keine von diesen Kritzeleien, die nicht einen Sinn hat.«

»Das zum Beispiel, das aussieht wie das Bein einer Mücke -- was

bedeutet es?«

Erskine zauderte einen Augenblick. Dann faßte er sich und sagte: »Es

stellt unverkennbar -- wenigstens für mich -- die Zeichnung eines

Fahrweges vor.«

»Keine Spur davon.« sagte Trefusis. »Nie hat es auf einem Fahrwege

solch einen Einschnitt gegeben. Es scheint ein sehr schlecht geratener

Brombeerstrauch zu sein, aber Brombeersträuche wachsen nicht mitten auf

dem Wege, besonders auf so belebten, wie der nach den ausgefahrenen

Geleisen zu sein scheint.« Er legte die Radierung fort und schien keine

Lust mehr zu haben, noch einmal in die Mappe hineinzusehen. Dann sagte

er: »Die einzige Kunst, die mich interessiert, ist das Photographieren.«

Erskine und Sir Charles wechselten wieder Blicke, und Erskine sagte:

»Photographieren ist nach meiner Ansicht keine Kunst, es ist ein

Verfahren.«

»Und ein viel angenehmeres und vollkommeneres Verfahren als dieses.«

sagte Trefusis und wies auf die Radierungen. »Die Künstler kleben nur

deshalb an dem alten, barbarischen, schwierigen und unvollkommenen

Verfahren des Radierens oder Porträtmalens, um den Monopolwert der

dazu erforderlichen Geschicklichkeit hochzuhalten. Die neue, viel

kompliziertere und vollkommenere und doch so einfache und schöne

Methode des Photographierens haben sie Geschäftsleuten überlassen.

Sie rümpfen öffentlich die Nase darüber und nehmen heimlich ihre

Zuflucht zu ihr. Schließlich werden die Photographen bessere Künstler

als sie selbst, und das ist auch ganz natürlich. Denn wo wie beim

Photographieren das Zeichnen nichts ist, da ist das Denken und Urteilen

alles. Und wo wie beim Radieren und Klecksen eine große Handfertigkeit

dazu gehört, um etwas für das Auge Gefälliges hervorzubringen, da

gilt die Ausführung mehr als das Denken, und wenn ein Bursche, dessen

Anlagen vielleicht dazu ausreichen, Steine beim Bau hinaufzutragen,

nur so viel Ehrgeiz und Ausdauer besitzt, seine Hand auszubilden und

sich vorzudrängen, so können Sie ihn nicht mehr auf seinen gehörigen

Platz zurückweisen, weil gut ausgebildete Hände so selten sind. Sehen

Sie sich die Verhältnisse in der Literatur an. Unsere Bücher sind

rein technisch die Arbeit von Druckern und Papiermachern. Sie können

einem Schriftsteller die Hände abschneiden, und er ist so gut ein

Schriftsteller wie vorher. Was ist die Folge? In einer einzigen Nummer

einer Groschenzeitschrift steckt mehr Phantasie, als in einem halben

Dutzend Akademiesälen während einer ganzen Saison. Kein Schriftsteller

kann gleichzeitig von seiner Arbeit leben und so beschränkt sein, wie

es im Durchschnitt ein erfolgreicher Maler ist. Andererseits betrachten

Sie die Hilfsmittel der Musik -- das Klavier zum Beispiel. Niemand

außer einem Akrobaten wird freiwillig Jahre auf eine so schwierige

mechanische Aufgabe, wie die Beherrschung der Klaviatur verwenden, und

so genießen wir Beethovens Sonate durch die Aufführungen von Akrobaten,

die einander in der Schnelligkeit ihrer Prestos oder in der Ausdauer

ihres linken Handgelenks zu übertreffen suchen. Menschen mit Ideen

werden nicht ihr Leben damit verbringen, Taschenspielerkunststücke zu

lernen. Erfinden Sie ein Klavier, das so feinfühlend dem Drehen eines

Handgriffs gehorcht, wie unsere jetzigen dem Druck der Finger, und die

Akrobaten werden wieder zu ihren Teppichen und Trapezen zurückkehren

müssen, denn die einzige Veranlagung, die der vortragende Musiker

braucht, wird die musikalische Veranlagung sein, durch nichts anderes

kann er sich Gehör verschaffen.«

Die Gesellschaft war etwas verwirrt durch diese unerwartete Belehrung.

Sir Charles fühlte, daß solche Ansichten sich gegen sein innerstes

Wesen wandten, daß sie das Ideale zerstörten und sich an niedrige

Instinkte wandten. Er wollte schon eine verdrießliche Antwort geben,

als ihm Erskine zuvorkam und Trefusis fragte, welche Ansicht er über

die zukünftige Entwicklung der Kunst habe. Er erwiderte sofort:

»Photographie, vervollkommnet durch die neue Erfindung, die Farben

ebenso wiederzugeben wie die Umrisse. Die Historienmalerei wird durch

Photographien von lebenden Bildern verdrängt, die von tüchtigen

Schauspielern und Künstlern entworfen und ausgeführt werden und

hauptsächlich zur Belehrung von Kindern dienen. Neun Zehntel unserer

heutigen Malerei wird durch den Wettbewerb solcher Photographien

verschwinden, und das andere Zehntel hält sich gegen sie nur durch

außerordentlich hervorragende Leistungen! Unsere mißtönigen und schwer

zu spielenden Orgeln und Klaviere werden durch harmonische Instrumente

ersetzt, die man so leicht handhaben kann wie Drehorgeln! Dichtungen

werden verdrängt durch interessante Gesellschaft und Unterhaltung. Die

Menschen werden aus der Kinderei herauswachsen, mit der sie sich an

Geschichten ergötzten, die ihnen groß gewordene Kinder wie Romandichter

und dergleichen erzählten! Man wird der verrückten Konfusion ein

Ende machen, die sich hinter dem Gesamtnamen Kunst verbirgt, und

die Narretei und Täuschung unserer Theateraufführungen wird man

beseitigen, um dem Menschen eine höhere Kenntnis seines eigenen Wesens

zu geben! Jeder Künstler ein Amateur, und dementsprechend Rückkehr zu

der alten, gesunden Ansicht, daß jeder, der mit der Kunst sein Brot

verdienen will, als ein Vagabund betrachtet wird und aus der Reihe der

anständigen Menschen verjagt wird!«

»Worauf die Künstler verhungern und wir keine Kunst mehr haben.«

»Mein Herr,« sagte Trefusis, den dieses Wort erregt hatte, »ich als

Sozialist kann Ihnen erzählen, daß heute das Verhungern unmöglich

ist, wenn nicht, wie in England, freie Männer mit Gewalt verhindert

werden, ihre nötige Nahrung zu produzieren. Und Sie als Künstler können

mir erzählen, daß heute alle großen Künstler verhungern müssen, wenn

sie nicht durch Mildtätigkeit, eigenes Vermögen oder durch mühsame

Lohnarbeit, die sie von ihrem eigentlichen Beruf abbringt, am Leben

gehalten werden.«

»Oh,« sagte Erskine. »Dann haben schließlich die Sozialisten sehr wenig

Sympathie mit den Künstlern.«

Der Amateursozialist: Roman · 第 14 / 23 段