Aber eine Saison folgte auf die andere, und es blieb fraglich, wen man

mehr beglückwünschen sollte, Agatha, weil sie nach der Schulzeit das

Leben begonnen, oder Henrietta, weil sie es beendet hatte.

Elftes Kapitel.

Brandon Beeches im Themsetal war der Wohnsitz von Sir Charles Brandon,

dem siebten Baronet dieses Namens. Er hatte seinen Vater verloren,

bevor er mündig geworden war, und heiratete kurz nachher, so daß er

mit fünfundzwanzig Jahren Vater von drei Kindern war. Er sah trotz

seiner Jugend etwas verlebt aus, aber er war schlank und ansprechend

und hatte eine gewinnende Art, die Unglücksfälle der andern von einer

freundlichen und beruhigenden Seite zu nehmen. Er war ein guter

Erzähler, liebte Musik und konnte etwas spielen und singen. Er liebte

das Zeichnen und skizzierte in Wasserfarben, er las jede Zeitschrift

von London bis Paris, die Kunstkritiken brachte, er hatte ein paar

Reisen gemacht, er fischte etwas, schoß etwas und botanisierte etwas,

er lief rastlos hinter den Frauen her und verschwendete seine Energie

auf all den tausend Wegen, die ihm sein Reichtum und seine Fähigkeiten

offen machten. Auf keinem Gebiete besaß er genauere Kenntnisse, aber

er hatte sich doch vieles so weit angesehen, daß er an die Stelle

vollständiger Unkenntnis gemäßigte Unwissenheit setzen konnte. Er hatte

nie den Genuß gekannt, etwas Großes zu vollbringen, und quälte sich

mit einer unbefriedigten Sehnsucht, die ihn melancholisch machte und

ihn überzeugte, er sei ein geborener Künstler. Seine Frau fand ihn

selbstsüchtig verdrießlich und wankelmütig und sagte, er hielte sich

jedesmal für gefährlich krank, wenn er sich nur etwas erkältet habe.

Lady Brandon, die übrigens glaubte, er verstände alle die Dinge,

über die er redete, weil sie sie selbst auch nicht verstand, war

eine seiner Enttäuschungen. Ihrem Äußern nach glich sie keinem der

Schönheitsideale, die die Maler ihrer Zeit darstellten, aber sie hatte

Reize, für die wenige Männer unempfindlich sind. Sie war groß, weich

und stark, mit vollen, wohlgeformten Armen, Schultern und Hüften.

Mit ihrem kleinen Kopf, den zarten Ohren, den hübschen Lippen, den

schelmischen Augen stellte sie, da sie eine sehr große Person war,

eine Fülle von halb weiblicher, halb kindlicher Lieblichkeit dar,

die selbst ernsten Männern das Verlangen einflößte, sie in ihre Arme

zu nehmen und zu küssen. Dieses Verlangen hatte den oberflächlichen

geistigen Geschmack Sir Charles' auf den ersten Anblick besiegt. Seine

Einbildung versah sie mit jenem Verständnis für die höheren Künste,

das er von einer Frau verlangte, und er heiratete sie in ihrer ersten

Ballsaison, um dann zu entdecken, daß das Liebesbedürfnis in ihrem

Wesen so gering und so matt war, daß sie alle seine Versuche, zärtlich

gegen sie zu sein, ins Lächerliche zog und ihn um alle Liebesgenüsse

brachte, nach denen er sich mit dem ganzen vorher empfundenen Entzücken

gesehnt hatte. Auf geistigem Gebiete enttäuschte sie seine Hoffnungen

aber noch viel mehr. Nach ihrer Meinung war seine Lieblingskunst, das

Malen, für Amateure nur ein Zeitvertreib und für Berufskünstler ein

Nebenzweig beim Einrichten eines Hauses. Wenn er diesen Gegenstand

mit seinen Freunden erörterte, dann pflegte sie ihre Ansicht mit

einem Eigendünkel zu äußern, der um so unangenehmer war, weil sie oft

die gröbsten Schnitzer machte, während er selbst seine Schlüsse mit

der höchsten Feinheit und Ernsthaftigkeit durchführte. Bei solchen

Gelegenheiten machte sie sich aus seinem Widerwillen durchaus nichts,

sie frohlockte sogar darüber. Sie war zu der Überzeugung gekommen, die

Ehe sei noch eine größere Torheit und die Männer seien noch größere

Narren, als sie geglaubt hatte. Aber diese Überzeugung verstärkte eher

ihr Pflichtgefühl, als daß es sie enttäuscht hätte, und da sie genügend

Geld, genügend Dienerschaft, genügend Gäste und genügend Reitübungen

hatte, die sie übermäßig liebte, so verfloß ihre Zeit aufs angenehmste.

Behaglichkeit erschien ihr als der natürliche Zustand des Lebens, jede

Störung setzte sie in Erstaunen. Die Freunde ihres Mannes, die mit

Mißtrauen in die Zukunft sahen und mit Bitterkeit an manche vergangene

Stunde zurückdachten, waren ihr nur Beispiele dafür, daß vieles Lesen

und ein Leben ohne Bewegung die Menschen mißmutig und stumpf mache.

An einem schönen Maimorgen, als sie auf einem mächtigen, braunen

Pferd die Einfahrt nach Brandon Breeches hinuntergaloppierte, öffnete

sich an dem Ende das Tor, und ein junger Mann kam auf einem Zweirad

herausgefahren. Er war von schmächtiger Gestalt mit schönen, dunkeln

Augen und feinen Nasenflügeln. Als er Lady Brandon erkannte, schwenkte

er seine Mütze, und als er sie erreicht hatte, sprang er von seinem

leblosen Stahlroß ab, so daß das braune Pferd scheute.

»Ruhig, du dummes Tier!« rief sie und schlug es mit dem Ende ihrer

Peitsche. »Zwar, es ist kein Wunder, wenn es erschrickt. Wie geht es

Ihnen? Wie hübsch ist es, daß man jetzt auf einem Pferd reiten kann,

das auf Rädern läuft.«

»Aber ich bin nicht reich genug, um ein wirkliches Pferd zu halten,«

sagte er und trat näher, um den Braunen zu streicheln, nachdem er sein

Rad gegen einen Baum gelehnt hatte. »Übrigens fürchte ich mich vor

Pferden, ich bin nicht an sie gewöhnt. Ich verstehe auch nicht, sie zu

füttern. Mein Rad braucht kein Futter. Es beißt und tritt nicht. Es

geht nie lahm, es wird nicht krank, stirbt nicht, braucht keinen Diener

und --«

»Das ist alles Unsinn,« sagte Lady Brandon heftig. »Es stolpert und

gibt Ihnen die schrecklichsten Stöße, es geht lahm, weil seine Pedale

oder sonst etwas sich lösen, und trägt sich ab, und es macht zweimal so

viele Mühe, wenn man es sauber halten und den Schmutz entfernen will,

als ein Pferd. Und so ist es bei allem. Ich glaube, der lächerlichste

Anblick auf der Welt ist ein Mann auf einem Zweirad. Er strampelt nach

Leibeskräften mit den Füßen und glaubt, sein Roß trüge ihn, während er

doch, wie es jeder sehen kann, sein Roß trägt. Sie brauchen mir nicht

vorzureden, es sei ebenso leicht, eine große, leblose eiserne Maschine

mitzuschleppen, wie auf gewöhnliche Art zu gehen. Das ist heller

Unsinn.«

»Trotzdem kann ich es in einem Tag hundert Meilen weiter bringen, als

mich selbst allein. Das sind die Wunder der Mechanik. Doch ich weiß,

neben Ihnen und diesem prächtigen Tier schneiden wir zwei nur eine

armselige Figur -- kein Mensch wirft einen Blick auf mich, während Sie

mit vollem Recht allgemeine Aufmerksamkeit erregen.«

Sie warf ihm einen Blick zu, daß ihn ein Schwindelgefühl überkam und

sein Herz schneller pochte. Das war so eine alte Gewohnheit von ihr.

Sie bewahrte sie aus Liebe zum Spaß und hatte keine Ahnung, welchen

Eindruck sie auf entzündlichere Herzen als ihr eigenes machte. Er

setzte hastig hinzu:

»Ist Sir Charles zu Hause?«

»Ach ja, das ist die lächerlichste Sache, von der ich je in meinem

Leben gehört habe,« rief sie aus. »Ein Mann, der unten auf dem

Riverside Road ganz allein in einem Häuschen wohnt, das so klein ist

wie eine Spielzeugsparbüchse -- Sie kennen ja die Dinger, die ich meine

-- er nennt es Sallusts Haus, behauptet, es bestände ein Wegerecht

über unsern neuen Rasenplatz. Als ob irgend jemand da noch ein Recht

haben könnte, nachdem wir all das Geld ausgegeben haben, um es von

drei Seiten zu umzäunen, nachdem wir die Mauer an der Straße entlang

errichtet, nachdem wir planiert, gepflanzt, entwässert und Gott weiß

was sonst getan haben. Und jetzt sagt der Mann, all das gewöhnliche

Volk und die Strolche aus der Umgegend hatten ein Recht, quer darüber

zu gehen, weil sie zu faul sind, den kleinen Umweg über die Straße zu

nehmen. Nun ist Sir Charles hingegangen, um mit dem Mann über die Sache

zu sprechen. Natürlich tat er nicht, was ich wollte.«

»Und was war das?«

»Dem Mann schreiben, er solle sich um seine eigenen Angelegenheiten

bekümmern, und ihm mitteilen, die erste Person, die man bei dem Versuch

ertappte, in unser Eigentum einzubrechen, würde der Polizei übergeben.«

»Dann werde ich also niemand daheim finden. Verzeihen Sie, daß ich das

so nenne, aber es ist der einzige Platz, der so etwas wie ein Heim für

mich ist.«

»Ja, es ist so gemütlich, seit wir das Billardzimmer gebaut und all

die häßlichen Vorhänge beseitigt haben. Ich habe so lange wie möglich

versucht --«

Sie wurde durch einen alten Arbeiter unterbrochen, der so schnell, wie

ihm seine Gicht erlaubte, herangehumpelt kam und ohne weitere Umstände,

nur daß er seine Kappe abnahm, zu sprechen begann.

»Sie sind auf den neuen Rasen gekommen, Mylady, eine Masse Menschen!

Und ein Geistlicher ist dabei und eine Fahne! Sir Charles weiß nicht,

was er sagen soll. So was ist noch nicht da gewesen.«

Lady Brandon wurde blaß und zog an ihrem Zügel, als ob sie ihr Pferd

aus einer Gefahr zurückziehen wollte. Ihr Besucher fragte ganz verwirrt

den alten Mann, was er damit sagen wollte.

»Es kommt ein Aufzug über den neuen Rasen,« antwortete dieser, »und

der Herr kann sie nicht aufhalten. Sie haben die Mauer niedergerissen,

drei Meter breit liegt sie an dem Riverside Road. Und ein Geistlicher

ist dabei und eine Fahne. Und der Mann aus Sallusts Haus ist dabei und

feuert sie an.«

»Die Mauer niedergerissen!« rief Lady Brandon aus und wurde vor

Entrüstung abwechselnd rot und wieder blaß. »Welch eine schändliche

Geschichte! Wo ist die Polizei? Chester, wollen Sie mitkommen und

sehen, was sie machen? Sir Charles ist zu nichts zu gebrauchen. Glauben

Sie, daß eine Gefahr dabei ist?«

»Es sind zwei Polizisten da,« sagte der alte Mann. »Und den Mann aus

Sallusts Haus wagen sie nicht anzuhalten. Sie sehen ruhig zu. Und ein

Geistlicher ist dabei. Ich sah, wie er mit eigener Hand ein Stück von

der Mauer wegriß.«

»Den Spaß will ich mir doch ansehen,« sagte Chester.

Lady Brandon überlegte. Aber ihr Ärger und ihre Neugierde überwanden

ihre Furcht. Sie überholte das Zweirad, und sie kamen beide durch

das Tor und über die Landstraße zu dem Schauplatz, den der alte Mann

beschrieben hatte. Ein Haufen von Steinen und Mörtel lag auf der Straße

rechts und links von einer Bresche in einer neuerbauten Mauer, und

Lady Brandon konnte von ihrem hohen Sitz auf dem Pferderücken einen

Trupp von ungefähr dreißig Mann sehen, der quer über den Rasenplatz

auf sie zukam. Sie marschierten schweigend und in guter Ordnung zu

dreien nebeneinander. Mit Ausnahme von ein paar lustigen Kerlen machten

sie alle Gesichter, als ob sie Andächtige wären, die eine religiöse

Handlung vornähmen. Der ernste Eindruck der Prozession wurde durch

die Anwesenheit eines Geistlichen in ihren Reihen verstärkt. Sonst

waren es Leute der mittleren Klassen und ein paar Arbeiter. Sie trugen

ein Banner mit der Inschrift: »Der Boden Englands dem ganzen Volke.«

Es waren auch vier Frauen dabei, auf die Lady Brandon mit äußerstem

Unwillen und Verachtung blickte. Kein Mann aus der Nachbarschaft hatte

es gewagt, sich anzuschließen. Sie standen flüsternd auf der Landstraße

und versuchten dann und wann über die Witze zweier Landstreicher zu

lachen, die stehengeblieben waren, um sich den Spaß anzusehen, und die

sich gar nichts aus Sir Charles machten.

Sir Charles stand etwas vom Wege ab auf dem Rasen und stritt sich

ärgerlich mit einem Mann seiner eigenen Klasse, der die Hände in den

Taschen seines gelbbraunen Anzugs mit dem Rücken nach der Bresche zu

stand und mit stolzer Zufriedenheit die Prozession betrachtete. Lady

Brandon vermutete sofort, daß dies der Mann aus Sallusts Hause sei. Die

Ergebenheit der Menge -- die meisten machten ihr Platz und faßten an

ihre Mützen -- gab ihr Mut. Sie schlug mit ihrer Peitsche heftig auf

ihr Pferd ein und ritt, daß die Hufe trappelten und die Rasenstücke

umherflogen, mitten auf ihren gelbbraunen Feind los, der schnell zur

Seite springen mußte, um sich zu retten. Ein stürmisches Gelächter

erscholl auf der Landstraße, und der Mann wandte sich scharf nach ihr

um. Aber plötzlich lächelte er freundlich, steckte seine Hände wieder

in die Taschen, nachdem er mit dem Hut gegrüßt hatte, und sagte:

»Wie geht es Ihnen, Miß Carpenter? Ich dachte, Sie wären eine

Kavallerieattacke.«

»Ich bin nicht Miß Carpenter, ich bin Lady Brandon, und Sie sollten

sich etwas schämen, Mr. Smilasch, daß Sie diese abscheulichen Menschen

hergebracht haben.«

In seinen Augen lag ein beredtes Bedauern, daß sie nicht mehr

Miß Carpenter sei. »Ich bin nicht Smilasch,« entgegnete er, »ich bin

Sidney Trefusis. Ich hatte grade das Vergnügen, zum ersten Male mit

Sir Charles zusammenzutreffen, und wir werden die besten Freunde sein,

wenn ich ihn nur erst überzeugt habe, daß es schwerlich recht ist, sich

eines Weges zu bemächtigen, der den Leuten gehört, und sie zu zwingen,

einen Umweg von anderthalb Meilen um sein Besitztum zu machen, statt

hier durchzugehen.«

»Ich habe Ihnen schon gesagt, mein Herr,« bemerkte Sir Charles, »daß

ich beabsichtige, noch einen kürzeren Weg anzulegen, und ich werde

allen Arbeitern von guter Aufführung erlauben, zweimal täglich diesen

Weg zu überschreiten. So können sie zu ihrer Arbeit gehen und abends

zurückkehren, und ich will den Weg auf meine Kosten im Stande erhalten.«

»Danke sehr,« sagte Trefusis trocken. »Aber weshalb sollen wir Ihnen

die Mühe machen, wenn wir selbst einen Weg haben, den wir fünfzigmal

am Tag betreten können, falls wir dazu Lust verspüren, und auf dem uns

kein Mann den Zugang verlegt, bis ihm einmal zufällig unsere Aufführung

gefällt? Übrigens würde Ihr nächster Erbe sicherlich sofort den Weg

schließen, wenn er das Besitztum anträte.«

»Wenn man ihnen einen Weg anbietet, werden sie erst recht

unverschämt,« sagte Lady Brandon zu ihrem Gatten. »Warum hast du ihnen

überhaupt etwas versprochen? Sie würden es nicht für eine Beschwerde

halten, wenn sie anderthalb oder auch zwanzig Meilen gehen müßten,

um ein Wirtshaus zu erreichen, aber um zu ihrer Arbeit zu kommen, da

halten sie einen Weg von einem Meter schon für etwas Schreckliches.

Vielleicht hätten Sie es auch gern, wenn wir ihnen unseren Wagen

liehen, um darin zu fahren.«

»Ich zweifle nicht, daß sie es gerne hätten,« sagte Trefusis und sah

sie freundlich an.

»Bitte, laß mich das in Ordnung bringen, Jane. Das ist kein Platz für

dich. Begleite Erskine nach Hause, er muß sich hier --«

»Warum sorgt die Polizei nicht dafür, daß sie fortgehen?« fragte Lady

Brandon, die zu erregt war, um auf ihren Mann zu hören.

»Bitte, Jane, sei still. Was können drei Mann gegen dreißig oder

vierzig ausrichten?«

»Sie sollten jemand als Exempel für die andern herausgreifen.«

»Sie haben sich in der artigsten Weise erboten, mich festzunehmen, wenn

Sir Charles den Haftantrag stellt,« sagte Trefusis.

»Nun also!« sagte Lady Jane und wandte sich zu ihrem Gatten. »Warum

läßt du ihn -- oder sonst irgend jemand -- denn nicht verhaften?«

»Du verstehst davon nichts,« sagte Sir Charles mit dem quälenden

Gefühl, sie mache ihn öffentlich lächerlich.

»Wenn du es nicht tun willst, will ich es tun,« fuhr sie fort. »Diese

Frechheit, auf unsern Grund und Boden einzubrechen und unsere neue

Mauer einzureißen! Das wäre ja noch schöner, wenn die Leute mit fremdem

Eigentum tun könnten, was sie wollten. Ich will die ganze Gesellschaft

verhaften lassen.«

»Würden Sie mich ins Gefängnis werfen lassen?« fragte Trefusis in

melancholischem Tone.

»Ich habe nicht grade Sie gemeint,« sagte sie, sanfter werdend. »Aber

ich werde den Geistlichen verhaften lassen, der müßte doch mehr

Einsicht haben. Er ist der Anstifter der ganzen Geschichte.«

»Er wird entzückt sein, Lady Brandon. Er schmachtet nach dem

Märtyrertum. Aber wollen Sie ihn wirklich in Haft geben?«

»Natürlich,« sagte sie heftig und bekräftigte ihre Versicherung, indem

sie im Sattel auffuhr, so daß das Pferd unruhig wurde.

»Auf wessen Rechnung?« fragte er und tätschelte das Pferd, indem er zu

ihr aufblickte.

»Das ist mir gleich, auf wessen Rechnung,« erwiderte sie und fühlte,

daß er sie mit Bewunderung und nicht mit Mißvergnügen ansah. »Sie

sollen ihn einfach mitnehmen, weiter nichts.«

Menschen zu Pferde sind so sehr Zentauren, daß jede Freiheit, die man

sich mit den Pferden erlaubt, als gegen die Menschen gerichtet gelten

können. Sir Charles sah, daß Trefusis den Braunen tätschelte, und er

fühlte sich so sehr beschimpft, als ob Lady Brandon selbst getätschelt

worden wäre. Dazu ärgerte er sich über sie, weil sie ihm solche

Vertraulichkeit gestattete. Er atmete auf, als jetzt die Prozession

näher kam. Sie hielt inne, und die Führer gingen zu Trefusis, der mit

ernster Stimme sagte:

»Gentlemen, ich gratuliere Ihnen zu der Festigkeit, mit der Sie heute

die Rechte des Volkes vertraten, da es sich darum handelte, die

Benutzung eines der wenigen Stückchen Land zu verteidigen, die man uns

noch nicht geraubt hat.«

»Gentlemen,« rief ein erregtes Mitglied der Prozession, »ein

dreimaliges Hurra auf die Zurücknahme des englischen Landes durch das

englische Volk! Hip, hip, hurra!«

Die Hurras wurden mit großer Begeisterung gegeben, und Sir Charles'

Wangen färbten sich bei jeder Wiederholung dunkler. Er blickte

ärgerlich auf den Geistlichen, aber der war jetzt ganz durch die Reize

der Lady Brandon gefesselt, die ihre Verachtung über den Anblick der

Menge durch ein Schmollen zum Ausdruck brachte, das ihren schönen

Lippen entzückend stand.

Dann trat ein Arbeiter im mittleren Alter von der Landstraße auf den

Rasen. Er hatte seinen Hut in der Hand, verbeugte sich ehrfurchtsvoll

und sagte: »Sehen Sie her, Sir Charles. Achten Sie nicht auf die Kerle.

Kein Mann aus der Nachbarschaft ist dabei, keiner, der bei Ihnen

oder auf Ihrem Land beschäftigt ist. Wir empfehlen uns Ihnen und der

gnädigen Frau, und wir vertrauen Ihnen, daß Sie schon das tun, was für

uns recht ist. Wir wollen keine Eindringlinge von Lunnon, die uns mit

Ew. Gnaden in Unfrieden bringen, und --«

»Du erbärmlicher Hund,« schrie Trefusis wütend, »welches Recht hast

du, seinen ungeborenen Kindern die Freiheit deiner ungeborenen Kinder

fortzugeben?«

»Wir haben keine ungeborenen Kinder,« sagte Lady Brandon unwillig, »das

zeigt wieder, wie wenig Sie davon wissen.«

»Auch bei mir sind keine,« sagte der Mann und war stolz, weil die

gnädige Frau ihm half. »Und wer sind Sie, daß Sie mich einen Hund

nennen?«

»Wer ich bin? Ich bin ein reicher Mann -- einer von euren Herren, und

ich habe das Vorrecht, euch zu nennen, was ich will. Sie sind ein

kriechender, halbverhungerter Sklave. Nun gehen Sie und suchen Sie

beim Gesetz gegen mich Recht. Ich kann mir die Gesetze kaufen, um Sie

zu ruinieren, und es würde mich weniger Geld kosten, als in Schottland

Wild zu schießen oder hier Raubzeug. Wie gefällt Ihnen dieser Zustand?

He?«

Der Mann war niedergedrückt. »Sir Charles wird mir beistehen,« sagte er

nach einer Pause mit gezwungenem Vertrauen und einem ängstlichen Blick

auf den Baronet.

»Wenn er das tut, nachdem er die Antwort gehört hat, die Sie mir gaben,

weil ich für Ihre Sache eintrat, dann ist er ein größerer Narr, als ich

es glaube.«

»Ruhig, ruhig,« sagte der Geistliche. »Man kann manche Entschuldigung

für den armen Kerl finden.«

»Ich bin so ruhig, wie Sie wollen, gegen jeden, der im Herzen ein

freier Mann ist,« sagte Trefusis. »Aber Sklaven muß man hetzen, und

dieser Kerl ist ein Sklave bis ins Mark.«

»Trotzdem muß man nachsichtig sein. Er versteht nicht --«

»Er versteht eine ganze Menge mehr als Sie,« sagte Lady Brandon, ihn

unterbrechend. »Und das ist um so beschämender für Sie, weil Sie es

am besten wissen sollten. Ich nehme an, daß Sie irgendwie Erziehung

genossen haben. Sie werden kaum mit sich zufrieden sein, wenn Ihr

Bischof hiervon hört. Ja,« fügte sie hinzu und wandte sich an Trefusis

mit einer kindlichen Miene, als ob sie eigentlich weinen wollte, aber

gegen ihren Willen zum Lachen gezwungen wurde, »Sie können lachen,

soviel es Ihnen gefällt -- machen Sie sich nicht die Mühe und stellen

sich, als ob Sie nur gehustet hätten -- aber wir werden an seinen

Bischof schreiben, und er soll seine Strafe haben.«

»Um Gottes willen, Jane, schweige doch,« sagte Sir Charles, indem er

das Pferd beim Zaum nahm und es von Trefusis entfernte.

»Ich will aber nicht. Wenn es dir so gefällt, hier ruhig zuzusehen, wie

sie die Mauer in den Taschen davontragen, ich tu es nicht und will es

nicht. Warum kannst du die Polizei nicht veranlassen, etwas zu tun?«

»Sie können nichts tun,« sagte Sir Charles und war fast außer sich vor

Scham. »Ich kann auch nichts tun, bis ich mit meinem Anwalt gesprochen

habe. Wie kannst du das ertragen, hier zu stehen und dich mit diesen

Burschen herumzuzanken. Es ist so würdelos!«

»Du hast gut von Würde reden, aber ich verstehe nicht die Würde,

es zu dulden, daß andere Leute ohne Erlaubnis auf unserem Grund

herumtrampeln. Mr. Smilasch, wollen Sie die Leute veranlassen,

fortzugehen, und ihnen sagen, sie würden alle angezeigt und ins

Gefängnis gebracht?«

»Sie gehen zu der Straßenkreuzung, um eine öffentliche Versammlung zu

veranstalten und natürlich Reden zu halten. Ich sollte Ihnen sagen,

daß sie es aufs tiefste bedauern, wenn sie mit ihrer Kundgebung Sie

persönlich belästigt haben, Lady Brandon.«

»Das sollten sie auch,« antwortete sie. »Sie sehen nicht sehr betrübt

aus. Sie bekommen natürlich langsam Angst über das, was Sie angerichtet

haben, und sie wären offenbar froh, wenn Sie durch eine Entschuldigung

den Folgen Ihrer Handlungsweise entgingen. Aber das sollen Sie nicht.

Ich bin nicht so dumm, wie Sie glauben.«

»Sie glauben das nicht, Sie haben das Gegenteil bewiesen.«

»Jane,« fragte Sir Charles verdrießlich, »kennst du diesen Herrn?«

»Natürlich kenne ich ihn,« sagte Lady Brandon mit Nachdruck.

Trefusis verneigte sich, als ob er soeben in aller Form dem Baron

vorgestellt worden sei, worauf dieser die Begrüßung steif erwiderte,

da er nicht imstande war, einen älteren, bestimmteren und hier auch

gewandteren Mann zu ignorieren.

»Es scheint das eine unnachbarliche Handlung zu sein, Sir Charles,«

sagte Trefusis ganz behaglich. »Aber es handelt sich um eine

öffentliche Angelegenheit, die nicht auf unsere privaten Beziehungen

überzugreifen braucht. Wenigstens hoffe ich das.«

Sir Charles verbeugte sich von neuem und noch kühler als zuvor.

»Ich bin wie Sie ein Kapitalist und Grundbesitzer --«

»Wozu Sie, wenn Sie ernsthaft reden, kein Recht haben,« fiel hier

Chester ein, der bisher schweigend an Sir Charles' Seite gestanden

hatte.

»Gewiß habe ich kein Recht, das zu sein,« sagte Trefusis und sah ihn

mit Interesse an. »Aber ich kann es nun einmal nicht ändern. Habe ich

das Vergnügen, mit Mr. Chichester Erskine zu sprechen, dem Schöpfer der

Tragödie >Die patriotischen Märtyrer<, die mit begeisterter Hingabe dem

Genius der Freiheit und einigen berühmten Kämpfern für seine Grundsätze

gewidmet ist, und die mit kraftvollen Worten den letzten russischen

Zaren und Napoleon den Dritten der Tyrannei anklagt?«

»Ja, mein Herr,« sagte Erskine errötend, denn er fühlte, daß diese

Beschreibung seines Dramas ihn in den Augen der Anwesenden, die es

nicht gelesen hatten, lächerlich machen mußte.

»Dann,« sagte Trefusis und streckte die Hand aus -- Erskine dachte

zuerst, er wollte die seine schütteln -- »geben Sie mir eine halbe

Krone für die Kosten unseres heutigen Unternehmens, das die Rechte des

Volkes sichern soll, den Boden zu betreten, auf dem wir jetzt stehen.«

»Sie sollen das nicht tun, Chester,« schrie Lady Brandon. »So was hab

ich in meinem Leben noch nicht gehört. Bezahlen _Sie_ uns die Mauer und

den Zaun, die Ihre Leute zerstört haben, Mr. Smilasch, das würde zu

dem Zwecke besser sein.«

»Wenn ich tausend Männer finden könnte, die so tüchtig sind wie

Sie, Lady Brandon, ich würde die nächste große Revolution vor dem

Ende dieses halben Jahres durchführen.« Er sah sie einen Augenblick

forschend an, als ob er sich an etwas erinnern wollte, und fügte dann

unerwartet hinzu: »Wie geht es Ihren Freundinnen? Da war eine Miß --

Miß -- ich fürchte, ich habe alle Namen außer Ihrem eigenen vergessen.«

»Gertrude Lindsay ist hier bei uns zu Besuch. Erinnern Sie sich ihrer?«

»Ich glaube -- nicht, ich fürchte -- nein. Warten Sie. War es nicht

eine stolze, junge Dame?«

Der Amateursozialist: Roman · 第 13 / 23 段