Hierbei trat sie ihm vertraulich näher und flüsterte: »Die Familie war
gegen Sie, mein Herr, und sie wußte das. Aber sie wollte nicht auf sie
hören. Wenn sie wohl genug war, um denken zu können, dann dachte sie an
nichts als an Ihr Kommen. Und -- still! Da ist der alte Herr.«
Trefusis blickte sich um und sah Mr. Jansenius, dessen hübsches
Gesicht blaß und entstellt von Kummer und Unruhe war. Er wich vor der
hingestreckten Hand seines Schwiegersohnes zurück wie ein zu sehr
gequältes Kind vor einem unzeitigen Versuch, es zu liebkosen. Trefusis
hatte Mitleid mit ihm. Die Wärterin hustete und zog sich zurück.
»Haben Sie mit Mrs. Jansenius gesprochen?« fragte Trefusis.
»Ja,« antwortete Jansenius in beleidigendem Tone.
»Ich unglücklicherweise auch. Bitte, entschuldigen Sie mich bei ihr.
Ich war ungezogen. Die Umstände hatten mich aus der Fassung gebracht.«
»Sie waren nicht aus der Fassung gebracht, mein Herr,« sagte Jansenius
laut. »Sie scheren sich den Teufel darum.«
Trefusis wich zurück.
»Sie pfeifen auf meine Gefühle, und ich will auf die Ihrigen pfeifen,«
fuhr Jansenius in demselben Tone fort. Trefusis blickte unwillkürlich
nach der Türe, durch die er soeben hereingekommen war. Dann faßte er
sich und sagte ruhig:
»Es macht nichts. Sie kann uns nicht hören.«
Bevor Jansenius antworten konnte, kam seine Frau die Treppe
heraufgelaufen, faßte ihn beim Arm und sagte: »Sprich nicht mit ihm,
John. Und Sie,« fügte sie, zu Trefusis gewandt, hinzu, »_wollen_ Sie
machen, daß Sie fortkommen?«
»Was?« rief er und sah sie spöttisch an. »Ohne meine Leiche! Ohne mein
Eigentum! Nun gut, es soll so sein.«
»Was wissen Sie von den Gefühlen eines achtbaren Mannes?« fuhr
Jansenius fort und brach trotz der Anwesenheit seiner Frau von neuem in
Wut aus. »Ihnen ist nichts heilig. Da sieht man, was Sozialisten für
Kerle sind!«
»Und was Väter sind und was Mütter sind,« entgegnete Trefusis und
verlor seine Selbstbeherrschung. »Ich glaubte, Sie liebten Hetty, aber
jetzt sehe ich, daß Sie nur Ihre Gefühle und Ihre Achtbarkeit lieben.
Der Teufel hole beides! Sie hatte ganz recht. Meine Liebe zu ihr, so
unvollständig sie war, war doch noch größer als die Ihrige.« Und er
verließ wütend das Haus.
Aber er blieb eine Weile auf der Straße stehen, um über sich selbst und
über seinen Schwiegervater zu lachen. Dann nahm er einen Hansom und
ließ sich zu seinem Rechtsbeistand fahren, denn er wollte mit ihm die
Regelung der Angelegenheiten seiner Frau besprechen.
Zehntes Kapitel.
Am Tage vor dem Heiligen Abend wurden die Überreste Henrietta Trefusis'
auf dem Highgate-Friedhof beerdigt. Drei Edelleute sandten ihre Wagen
zu dem Begräbnis, und die Freunde und Kunden von Mr. Jansenius kamen
in großer Zahl persönlich. Die Totenbahre war mit einer Überfülle
kostbarer Blumen bedeckt. Der Leichenbestatter wußte, daß keine Kosten
gespart werden sollten. Er hatte langschwänzige schwarze Pferde
besorgt, mit schwarzen Decken auf den Rücken und schwarzen Federn
auf den Köpfen. Die Kutscher waren mit Schleifen und langen Stiefeln
geschmückt, sie trugen schwarze Kutschdecken, Mäntel und Handschuhe.
Viele gemietete Leidtragende gingen mit. Sie wären aber sofort
entlassen worden, hätten sie es gewagt, irgendeine Gemütsbewegung zu
zeigen oder irgendwie ihre Aufgabe zu überschreiten, die darin bestand,
daß sie Stäbe mit Messingspitzen in den Händen trugen und neben dem
Leichenwagen hergingen.
Unter den echten Leidtragenden war Mr. Jansenius, der in Tränen
ausbrach, als er etwas Erde in das Grab schüttete. Ferner der Knabe
Arthur, den es verwirrte, daß er zum erstenmal in einem langen Rock
an der Spitze eines öffentlichen Aufzuges marschierte, und der bei
dem Anblick seines weinenden Papas das Gefühl hatte, er sei nicht so
traurig, wie er es sein müßte. Dann ein Vetter, der einst Henrietta
einen Heiratsantrag gemacht hatte und der jetzt, voll von tragischen
Betrachtungen, in dem intensiven Genuß seiner Verzweiflung schwelgte.
Die übrigen erzählten sich flüsternd, wenn sie es in schicklicher
Weise tun konnten, von einem befremdlichen Mangel in der Anordnung.
Der Gatte der Verstorbenen fehlte. Familienmitglieder und näher
stehende Freunde erfuhren durch Daniel Jansenius, der Witwer habe
wie ein Lump gehandelt, und die Jansenius' gäben keine zwei Pfennige
darum, ob er käme oder zu Hause bliebe. Trotz der Unschicklichkeit
der Sache sei es ihnen sogar noch lieber, daß er sich fernhielte.
Andere, die keinen Anspruch auf eine private Auskunft hatten, fragten
den Vertreter des Leichenbestatters. Dieser meinte, der Gentleman
wolle kein großes Leichenbegängnis haben, und auf die Frage -- warum
denn? -- sagte er, wahrscheinlich, weil er die Ausgabe scheue. Da man
aber hiergegen einwand, Mr. Trefusis sei sehr reich, so fügte der
Leichenbestatter hinzu, er habe das auch gehört. Aber er glaube, das
Geld stamme nicht von der Frau her, und die Leute verwendeten selten
viel Geld auf ein Leichenbegängnis, außer wenn sie etwas durch den
Tod erbten. Außerdem knauserten viele Menschen desto mehr, je mehr
sie hätten. Bevor sich das Leichengefolge zerstreute, hatte sich der
Bericht, den Mr. Jansenius' Bruder gegeben hatte, mit den Ansichten des
Leichenbestatters vermischt, und aus dem Ganzen war eine Geschichte
entstanden, Trefusis hätte seiner Freude über den Tod seiner Frau mit
schrecklichen Flüchen Ausdruck gegeben, und zwar im Hause ihres Vaters,
während ihre Leiche noch da lag, und er hätte sich geweigert, auch nur
einen Pfennig für das Leichenbegängnis zu bezahlen.
Ein paar Tage später, als das Gerede über den Gegenstand schon
nachließ, wurde es durch einen frischen Skandal neubelebt. Ein
schriftstellernder Freund half Mr. Jansenius eine Grabschrift entwerfen
und fügte ein paar hübsche und ergreifende Strophen hinzu. Von
Henriettas Wesen wurde darin gerühmt, es sei von seltener Anmut und
Tugendhaftigkeit gewesen, und ihre Freunde würden nie aufhören, über
ihren Verlust zu trauern. Ein Geschäftsmann, der sich als Grabbildhauer
bezeichnete, brachte ein Buch mit Abbildungen von Grabdenkmälern,
und Mr. Jansenius wählte ein außerordentlich prächtiges heraus und
erbot sich, die Hälfte der Kosten für seine Aufstellung zu bezahlen.
Trefusis wandte hiergegen ein, die Grabschrift sei unwahr, und sagte,
er sähe nicht ein, warum man grade auf Leichensteinen falsche Berichte
veröffentlichen dürfte. Es wurde sogar berichtet, er habe seine frühere
schlechte Aufführung noch übertrumpft, indem er seinen Schwiegervater
einen Lügner nannte und einen ganz gewöhnlichen Grabstein in einem
billigen Laden in Eastend bestellte. Er hatte tatsächlich den
Monumentenhändler verächtlich einen >Ausbeuter< der Arbeit genannt
und einen jungen Steinmetzgehilfen, ein Mitglied der Internationalen
Vereinigung, gebeten, zur Befriedigung Jansenius' ein Grabdenkmal zu
zeichnen.
Der Steinmetz brachte auch mit vieler Angst und Mühe einen
Originalentwurf zustande. Trefusis billigte ihn und beschloß,
ihn durch die Hand des Zeichners ausführen zu lassen. Er mietete
ein Bildhaueratelier, besorgte nach den Angaben des Steinmetzen
Marmorblöcke und lud ihn ein, sich sofort ans Werk zu machen.
Trefusis stieß jetzt auf eine Schwierigkeit. Er wollte dem Gehilfen
grade den Wert seiner Arbeit bezahlen, nicht mehr und nicht weniger.
Aber das ließ sich nicht berechnen. Der einzige Maßstab, den er hatte,
war der Marktpreis, und den lehnte er ab, weil er nur durch den
Wettbewerb von Kapitalisten entstanden war. Diese konnten ja ihren
Profit nur erlangen, indem sie von den Arbeitern mehr Arbeitsprodukte
erhielten, als sie ihnen bezahlten -- und ihre Kunden verführten
sie zum Kaufen, indem sie ihnen einen Teil der unbezahlten Arbeit
als Preisermäßigung überließen. Die Unternehmer gaben den Arbeitern
die unentbehrlichen Mittel zum Arbeiten und Leben nur unter der
Bedingung, daß sie der müßigen Unternehmerklasse den Lebensunterhalt
gewährten und sich selbst mit einer viel niedrigeren Lebenshaltung
begnügten. Darum war eine gerechte Bestimmung des Austauschwertes und
ein ehrenhaftes Übereinkommen mit ihnen unmöglich. Trefusis mußte
schließlich den Steinmetz fragen, wieviel er als anständige Bezahlung
für die Ausführung des Entwurfs verlangen müßte, obgleich er wußte,
daß der Mann das Problem ebensowenig lösen konnte wie er selbst. Denn
wenn er auch soviel verlangte, als er zu bekommen hoffte, so wurde doch
seine Forderung durch seine Armut und durch den Wettbewerb mit dem
Grabsteinunternehmer begrenzt. Trefusis erledigte die Sache dadurch,
daß er doppelt soviel gab, wie der andere gefragt hatte, und nur die
Bedingung stellte, daß der Steinmetz die Arbeit selbst ausführen
mußte und keinen Nebenverdienst hatte, indem er zum Marktpreis andere
Arbeiter dafür mietete.
Der Entwurf aber sollte zum Erstaunen seines Zeichners noch besonders
bezahlt werden. Der Steinmetz schwankte lange Zeit zwischen einer
Forderung von zwei Pfund und zehn Schillingen und einer solchen
von fünf Pfund, bis ihm ein Arbeitskollege, der ihn mit Whiskygrog
traktiert hatte, Mut machte, die höhere Summe zu verlangen. Trefusis
bezahlte das Geld sofort und gab sich dann daran, herauszufinden,
was wohl ein ähnlicher Entwurf von der Hand eines hervorragenden
Akademikers gekostet hätte. Da er zufällig einen Gentleman in
dieser Stellung kannte, fragte er ihn und erhielt den Bescheid, daß
er wahrscheinlich fünfhundert bis tausend Pfund gekostet hätte.
Trefusis verhehlte nicht seine Ansicht, daß ihm die Forderung des
Steinmetzgehilfen vernünftiger zu sein schiene, worauf ihn sein
künstlerischer Freund etwas unwillig daran erinnerte, wie viele Jahre
ein Akademiebildhauer darauf verwende, bis er seine Kunstfertigkeit
so weit ausgebildet hätte. Trefusis entgegnete, die Lehrzeit eines
Steinmetzen sei gradeso lang, doppelt so mühsam und nicht halb so
angenehm. Der Künstler hatte sich bisher eingeredet, er sympathisiere
mit Trefusis' sozialistischen Ansichten, aber jetzt begann er sie
sowohl häßlich als auch gefährlich zu finden. Er fragte, ob denn
nichts für das Talent bezahlt würde, und Trefusis entgegnete heftig,
das Talent koste seinem Besitzer nichts, es sei die Erbschaft eines
ganzen Geschlechts, die zufällig einem einzelnen Menschen zugefallen
sei. Wenn nun dieser Mensch sein Monopol dazu benutze, um andern das
Geld abzunehmen, so verdiene er nichts Besseres, als aufgehängt zu
werden. Der Künstler verlor schließlich die Geduld und meinte, wenn
Trefusis auch kein Gefühl dafür habe, daß die Vorrechte der Kunst
göttlichen Ursprungs seien, vielleicht könne er aber doch begreifen,
daß ein Maler kein solcher Narr sei, ein Grabdenkmal für fünf Pfund
zu entwerfen, wenn er für ein gemaltes Porträt tausend Pfund erhalte.
Trefusis erwiderte, schon diese Tatsache, daß jemand tausend Pfund
für ein Porträt bezahle, bewiese, daß er das Geld nicht erarbeitet
habe, und daß er daher ein Dieb oder ein Bettler sein müßte. Ein
gewöhnlicher Arbeiter, der sechs Pence von seinem Wochenlohn opfere,
um seinem Schatz eine billige Photographie zu schenken, oder einen
Schilling für ein Paar Öldruckbilder oder Delfter Figuren, die er auf
den Kamin stellen wollte, ein solcher Arbeiter lege sich, um in den
Besitz eines Kunstgegenstandes zu kommen, eine größere Entbehrung
auf als der Großgrundbesitzer oder Aktionär, der viel zu reich sei,
um den Verlust der tausend Pfund zu spüren, die er für ein Bild wie
Hogarths Jack Sheppard ausgebe, also für ein Bild, das nur Studenten
der Kriminalphysiognomie interessiere. Jetzt entstand ein lebhafter
Streit. Trefusis wies auf die Torheit der Künstler hin, daß sie sich
einbildeten, sie seien eine priesterliche Kaste, während sie doch
nur die Parasiten und begünstigten Sklaven der besitzenden Klasse
seien. Sein Freund, der im Augenblick sein Feind war, spottete dagegen
bitter über die Gleichmacher, die alles auf einen niedrigeren Stand
bringen wollten, anstatt auf einen höheren. Schließlich waren sie des
Zankens müde. Sie schämten sich ihrer scharfen Worte und speisten
freundschaftlich miteinander zu Abend.
Das Grabmal wurde durch einen kleinen Trupp Arbeiter, die Trefusis als
Arbeitslose entdeckt hatte, auf dem Highgate-Friedhof errichtet. Es
trug folgende Inschrift:
=~Hier liegt~=
=~Henrietta Jansenius~=
=~Geboren am 26. Juli 1856~=
=~Vermählt mit Sidney Trefusis am 23. August 1875~=
=~Gestorben am 21. Dezember desselben Jahres.~=
Mr. Jansenius sah das für eine Beschimpfung des Andenkens seiner
Tochter an, und da andere Familien, die durchaus nicht so hoch standen
als die Janseniussche, noch viel größere Grabmäler hatten, so führte
er es als Beweis für die Filzigkeit seines Schwiegersohnes an. Andere
Leute bewunderten dagegen das Denkmal, und Trefusis hoffte, es würde
seinem Schöpfer zum Wohlstand verhelfen. Doch das Gegenteil trat ein.
Als der Steinmetz wieder an seine gewöhnliche Arbeit gehen wollte,
teilte man ihm mit, er hätte die Handwerksgebräuche übertreten, und
seine früheren Arbeitgeber wollten nichts mehr mit ihm zu tun haben.
Als er sich um Rat und Hilfe an die Gewerkschaft wandte, deren Mitglied
er war, erhielt er dieselbe Antwort, und man warf ihm sogar Verrat
an seinen Arbeitsgenossen vor. Er ging wieder zu Trefusis und sagte
ihm, der Auftrag mit dem Grabstein hätte ihn ruiniert. Trefusis wurde
wütend und schrieb einen polemischen Brief an die >Times<, der aber
nicht gedruckt wurde, einen spöttischen an die Gewerkschaft, der nichts
erreichte, und einen groben an die Unternehmer, worauf diese mit einer
Beleidigungsklage drohten. Es blieb ihm nichts übrig, als den Mann an
Kaminsimsen und andern Steinarbeiten in dem Trefusisschen Landgut zu
beschäftigen. Nach einem oder zwei Jahren hatte sich der Steinmetz
dank seiner freigebigen Bezahlungen soviel zurückgelegt, um sich als
Unternehmer selbständig zu machen. Hierbei begann er sehr schnell reich
zu werden, denn er wußte durch Erfahrung ganz genau, wie viel man
von den Arbeitern erzwingen konnte, und wie wenig man ihnen zu geben
brauchte. Dann begann er sich für die Tugenden der Sparsamkeit, der
Enthaltsamkeit und des ausdauernden Fleißes zu interessieren, und er
verließ die internationale Vereinigung, deren begeisterter Anhänger er
als einfacher, arbeitender Steinmetzgehilfe gewesen war.
Inzwischen ging Agathas Schulleben zu Ende. Ihren Entschluß, noch ein
Semester eifrig in der Anstalt zu studieren, hatte sie nicht gefaßt,
weil sie gebildet werden wollte, sondern um Smilasch mehr würdig zu
sein. Und als sie die Wahrheit über ihn von seinen eigenen Lippen
hörte, wurde ihr die Idee, noch einmal an den Schauplatz dieser
Demütigung zurückzukehren, unerträglich. Sie verließ Alton unter
dem Eindruck, ihr Herz sei gebrochen, denn ihre brennende Eitelkeit
wollte natürlich nicht begreifen, daß sie selbst die Ursache dieser
Kränkung war. So sagte sie denn Miß Wilson adieu, und die Biene an der
Fensterscheibe wurde nicht mehr in der Altonschule gehört.
Die Nachricht von Henriettas Tod erschütterte sie um so mehr, weil
sie gegen ihren Willen glücklich war, daß die einzige Person, die
außer Smilasch von ihrer närrischen Liebe zu ihm wußte, nun für immer
schwieg. Dies schien ihr eine schreckliche Entdeckung ihrer eigenen
Verdorbenheit zu sein. Sie wurde darüber fast religiös und machte
ihrer Mutter wegen ihrer Gesundheit Sorge. Die Mutter konnte ihre
ungewohnte Ernsthaftigkeit nicht begreifen und besonders auch nicht
ihren Entschluß, über das häßliche Benehmen Trefusis' nicht zu reden,
das jetzt den vorwiegenden Gesprächsstoff in der Familie bildete.
Agatha lauschte schweigend den geschwätzigen Auseinandersetzungen
über seine Flucht von seiner Frau, seine herzlose Gleichgültigkeit
bei ihrem Verscheiden, seine Heftigkeit und gemeine Sprache an ihrem
Totenbette, seine Geizigkeit, seinen gehässigen Widerstand gegen die
Wünsche der Jansenius', seinen billigen Grabstein mit der beleidigenden
Aufschrift, seine Verbindung mit gewöhnlichen Arbeitern und niedrigen
Demagogen, seine vermutliche Teilnahme an einer geheimen Gesellschaft
zur Ermordung der Königlichen Familie und zu Dynamitattentaten auf
die Armee, seine atheistische Glaubenslosigkeit, die er in einer
Schmähschrift an die Geistlichkeit gezeigt hatte, als er sich gegen
eine Darlegung des Erzbischofs von Canterbury, nur durch geistige
Hilfe könnte die Lage der Armen in Eastend gebessert werden, wandte,
und schließlich die Hauptschande, sein Versuch, den Gerichtshof in
Old Bailey in aufrührerischer Weise zu beschimpfen, was ihm eine
Gefängnisstrafe von sechs Monaten eintrug. Leider befreite ihn die
Genialität seines Anwalts von dieser Strafe, denn dieser entdeckte
einen Schreibfehler in der Klageschrift, und es gelang ihm unter großen
Kosten für Trefusis, daß das Urteil für ungültig erklärt wurde. Agatha
wurde zuletzt müde, immer nur von seinen Missetaten zu hören. Sie hielt
ihn zwar für herzlos, selbstsüchtig und verführt, aber sie wußte, daß
er kein lärmender, roher, eingebildeter und unwissender Zänker war,
wie es die meisten Klatschschwestern ihrer Mutter glaubten. Sie fühlte
sogar, wenn auch widerstrebend, eine Art Dankbarkeit gegen die wenigen,
die es wagten, ihn zu verteidigen.
Die Vorbereitungen zu ihrer ersten Ballsaison halfen ihr, ihr
Mißgeschick zu vergessen. Sie wurde zur gehörigen Zeit in die
Gesellschaft eingeführt und fand alles sehr langweilig. Manchmal
wurde bei ihr dieses Gefühl so stark, daß sie sich fragte, ob
sie wohl je wieder glücklich sein würde. Auf der Schule hatte es
Kameradschaftlichkeit gegeben, Spaß, Regeln und Vorschriften, die
den Willen stärkten, wenn man sie beobachtete, und eine entzückende
Aufregung brachten, wenn man sie übertrat. Da war man frei von
Förmlichkeit gewesen, konnte Zuckerzeug machen, das Geländer
hinabfliegen und einer ganzen Schar Mädchen den Soldat im Kamin
vorführen. In der Gesellschaft gab es lächerliche Gespräche, die eine
halbe Minute dauerten, oberflächliche Bekanntschaften, die sich auf
solchen halben Minuten gründeten, ein allgemeines wechselseitiges
Mißtrauen, dicht gedrängte Menschenmengen, ungenügende Ventilation,
schlechte Musik, die dazu schlecht gespielt wurde, langes Aufbleiben,
ungesundes Essen, vergiftende Liköre, ein eifersüchtiger Wettbewerb in
nutzlosen Ausgaben, Jagd nach einem Mann, Flirten, Tanzen, Theater und
Konzerte. Die letzten drei Dinge liebte Agatha, und sie machten ihr den
Unterschied zwischen Alton und London erträglich, aber sie hatten ihre
Schattenseiten, denn gute Partner beim Tanzen und gute Aufführungen
der geistlosen Opern und Musikstücke waren bedauerlich selten.
Flirten konnte sie nicht ertragen. Sie trieb die Männer weg, sobald
sie zärtlich wurden, denn sie sah in ihnen die Falschheit Smilaschs
ohne seinen Geist. Die jüngeren Herren ihres Bekanntenkreises hielten
sie für ungeschliffen. Sie unterhielten sich über Agathas schlechte
Manieren und beschlossen sie dadurch zu bestrafen, daß sie sie nicht
mehr zum Tanze holten. So wurde sie, ohne zu wissen auf welche Weise,
die Aufmerksamkeiten los, aus denen sie sich auch nicht das geringste
machte, denn sie behielt die grausame Verachtung der Schulmädchen für
>Jungens< bei. Sie genoß jetzt, so gut sie es konnte, die Gesellschaft
älterer oder vernünftigerer Männer, die nicht so unduldsam gegen
Mädchen waren.
Jedenfalls hatte sie sich noch nie so wenig glücklich gefühlt wie in
diesem Jahr. Sie brachte wiederholt ihre Mutter in Aufregung, indem sie
Pläne faßte, Krankenpflegerin, Sängerin oder Schauspielerin zu werden.
Jeder dieser Pläne führte zu flüchtigen, planlosen Studien. Um die
Befähigung zu einer Krankenpflegerin zu bekommen, las sie ein Handbuch
der Physiologie, und Mrs. Wylie hielt das für einen so unpassenden
Gegenstand für eine junge Dame, daß sie weinend zu Mrs. Jansenius ging
und sie bat, ihr ungezogenes Kind doch zurechtzuweisen. Mrs. Jansenius,
besser unterrichtet, war der Ansicht, je mehr eine Frau wüßte, desto
vernünftiger würde sie jedenfalls handeln, und Agatha würde die
Physiologie schon bald aus eigenem Antrieb fallen lassen. Das erwies
sich als richtig. Agatha hatte ihr Buch, in dem sie viel überschlug,
schnell beendigt und ging nun zum Studium der Pathologie über nach
einem Band klinischer Vorlesungen. Sie fand darin genau ihre eigenen
Empfindungen beschrieben, und zwar als Symptome der schrecklichsten
Krankheiten. Sie legte es voller Schrecken weg und nahm einen Roman
zur Hand. Dieser war frei von den Fehlern ihrer früheren Lektüre, denn
keines von den Gefühlen, die in dem Roman vorkamen, glich auch nur im
mindesten denen, die sie schon gehabt hatte.
Nach einer kurzen Frist ließ sie sich von einem beliebten Gesanglehrer
untersuchen, ob ihre Stimme stark genug sei für die Bühne. Er empfahl
ihr, bei ihm sechs Jahre lang zu lernen, und versicherte ihr, daß
sie am Ende dieser Zeit -- wenn sie seinen Anweisungen folgte -- die
größte Sängerin der Welt sein würde. Hiergegen hatte sie in Gedanken
die entscheidende Einwendung, daß sie in sechs Jahren eine alte Frau
sei. So beschloß sie, es selbst zu versuchen, vielleicht würde sie
allein schnellere Fortschritte machen. Für den Fall, daß aus ihrer
Sängerinnenlaufbahn nichts würde, beschloß sie, zum Schauspiel zu
gehen, und nahm Unterricht in der Aussprache und in Leibesübungen.
Diese Übungen hatten einen so günstigen Einfluß auf ihre körperliche
und geistige Gesundheit, daß ihr bisheriges Streben ihr noch gar nicht
weit genug ging. Sie versuchte nacheinander alle Künste, wurde aber
jedesmal durch ihre Willensschwäche entmutigt, wenn sie versuchte,
ausdauernd zu sein. Sie wußte als allgemeine Regel, daß schwächliche
und lächerliche Versuche der Anfang von allem Tüchtigen sind, aber sie
fand nie eine Regel für ihren eigenen Fall und glaubte noch immer,
sie sei eine Ausnahme, grade wie sie es in ihrer Liebe zu Smilasch
geglaubt hatte. Sie lag noch ganz in den Selbsttäuschungen der Jugend.
Inzwischen beängstigten ihre Fortschritte gar sehr ihre Mutter.
Diese kannte solche Anfälle von heiterer Stimmung, auf die dann das
quälende Gefühl des Mißerfolgs und der Nutzlosigkeit folgten, nur als
>Wildheit< und >schlechte Laune< und bekämpfte sie mit Handarbeit als
beruhigendem Mittel und Fleischtee als anregendem Mittel. Mrs. Wylie
hatte es auswendig gelernt, daß die ganzen Pflichten einer Dame darin
beständen, anmutig, gütig, hilfreich, bescheiden und selbstlos zu
sein und ruhig abzuwarten, was ihr diese Tugenden bescherten. Aber
dann hatte sie durch Erfahrung gelernt, daß das Geschäft einer Dame
in der Gesellschaft nur das sei, sich zu verheiraten, und daß alle
diese Tugenden und Vollkommenheiten nur den Wert hätten, passende
junge Männer anzuziehen. Da diese Wahrheit unanständig ist, überläßt
man es gewöhnlich den jungen Damen ein oder zwei Jahre lang, es
selbst herauszufinden. Es wird ihnen selten bei ihrem Eintritt in die
Gesellschaft ausdrücklich mitgeteilt. Daher weisen sie oft in ihrer
ersten Saison großartige Partien zurück und müssen sich nachher zu
sehr reduzierten Preisen anbieten, je nachdem wie ihre Reize anfangen
schal zu werden. Dieses Schicksal fürchtete auch Mrs. Wylie, die durch
Mrs. Jansenius gewarnt war, für Agatha. Von Zeit zu Zeit wurde ihr
ein junger, wohlhabender Gentleman vorgestellt, aber sie vertrieb ihn
jedesmal in barscher Weise, sobald er eine Anspielung auf ihre Gefühle
machte. Die angstvolle Mutter tröstete sich damit, wenn ihre Tochter
auch die wünschenswerten und die nichtwünschenswerten Partien in
gleich grausamer Weise zurückstieß, so knüpfte sie doch wenigstens
keine unschicklichen Verbindungen an und war außerdem noch sehr jung.
Auch würde sie wohl weniger spröde sein, wenn sie etwas älter und, wie
Mrs. Jansenius es nannte, vernünftiger wurde.