seine Schlittschuhe. Er hatte seine Beine vorgestreckt und balancierte
seine Hacken auf dem Eise. »Ich glaubte, Sie seien in mich verliebt,
und dachte, die Wahrheit würde ein zu schwerer Schlag für Sie sein.
Ha, ha! Und aus demselben Grunde vermieden Sie es großmütig, mir zu
sagen, daß Sie nicht mehr in mich verliebt waren als in den Mann im
Mond. Jeder spielte eine Posse und täuschte dem andern vor, es sei eine
Tragödie.«
»Es gibt so unwürdige, lieblose und grausame Worte,« sagte Agatha, »daß
ich nicht verstehe, wie ein Gentleman sie zu einem Mädchen sagen kann.
Bitte, sprechen Sie nicht wieder mit mir. Miß Ward! Kommen Sie doch
einen Augenblick her. Mir ist nicht wohl.«
Miß Ward eilte herbei. Smilasch, der Agatha einen Augenblick erstaunt
und voll Teilnahme angesehen hatte, verschwand unter der Menge. Als er
das entgegengesetzte Ufer erreicht hatte, zog er seine Schlittschuhe
aus und bat Jane, die sich absichtlich in diese Ecke verirrt hatte, sie
möchte Miß Wylie sagen, er sei fortgegangen und würde nicht wieder hier
Schlittschuh laufen. Ohne ein Wort der Erklärung hinzuzufügen, verließ
er sie und wandte sich nach seiner Wohnung. Als er in den Hohlweg kam,
da, wo die Landstraße durch die Anpflanzung ging, an der Seite nach
der Anstalt zu, entdeckte er einen Jungen in einer Postuniform, der
über den gefrorenen Graben schlitterte. Ein Vorgefühl böser Nachrichten
kam über ihn, wie ein plötzliches Dunkel über den Himmel jagt. Er
beschleunigte seinen Schritt.
»Etwas für mich?« fragte er.
Der Junge, der ihn kannte, kramte in einer Brieftasche herum und zog
einen Lederumschlag heraus. Er enthielt ein Telegramm.
Von Jansenius, London.
An J. Smilasch, Chamounix-Villa, Lyvern.
Henrietta nach der Reise gefährlich erkrankt. Verlangt Sie zu sehen.
Arzt sagt, sofort kommen.
Er schwieg eine Weile. Dann faltete er sorgfältig das Papier und
steckte es in seine Tasche, als ob es vollständig für ihn erledigt sei.
»Und so,« sagte er, »folgt vielleicht die Tragödie doch noch auf die
Posse.«
Er sah den Jungen an, der vor ihm zurückwich, weil er seinen
Gesichtsausdruck fürchtete.
»Du hast den ganzen Weg von Lyvern bis hierher geschlittert?«
»Nur um schneller vorwärts zu kommen,« sagte der Botenjunge zitternd.
»Ich kam so schnell wie ich konnte.«
»Die Nachrichten, die du trugst, waren schwer genug, um das dickste Eis
zu brechen, das je gefroren ist. Ich hätte Lust, dich über den Gipfel
von dem Baum da zu werfen, anstatt daß ich dir diese halbe Krone gebe.«
»Sie tun mir nichts,« wimmerte der Junge und trat noch einen Schritt
zurück.
»Geh nach Lyvern zurück, so schnell du laufen oder schlittern kannst,
und sage Mr. Marsch, er sollte mir den schnellsten Wagen schicken, den
er hat, damit ich nach der Eisenbahnstation fahren kann. Hier ist deine
halbe Krone. Und jetzt vorwärts. Wenn ich nicht zur rechten Zeit meinen
Wagen habe, dann wirst du was erleben.«
Der Junge näherte sich mißtrauisch dem dargereichten Gelde und rannte
davon, so schnell er konnte. Smilasch ging in seine Hütte und kam nie
wieder zum Vorschein. Statt seiner kam Trefusis heraus, ein Gentleman
in einem Ulster, der eine Reisedecke trug. Er verschloß die Türe und
eilte die Landstraße nach Lyvern hinunter, bis ihn ein Wagen aufnahm,
der ihn in schnellster Fahrt zur Eisenbahnstation brachte, grade noch
zur rechten Zeit, um den Zug nach London zu erreichen.
»Abendblätter gefällig?« rief eine Stimme durch das Fenster, als er
sich in einer Ecke eines Wagens erster Klasse zurechtsetzte.
»Nein, danke sehr.«
»Fußwärmer gefällig?« fragte ein Dienstmann, der an der Stelle des
Zeitungsverkäufers erschien.
»Ah, das ist eine gute Idee. Ja, bringen Sie mir einen Fußwärmer.«
Der Fußwärmer wurde hereingebracht, und Trefusis machte es sich für
seine Reise bequem. Sie verging ihm sehr schnell, und er konnte es kaum
begreifen, als der Zug in London ankam, daß die Fahrt fast drei Stunden
gedauert hatte.
Die Reisenden und die Leute, die sie am Bahnhof abholten, waren von
einer Weihnachtsstimmung erfüllt. Der Dienstmann, der an die Wagentür
kam, erinnerte Trefusis durch sein Benehmen und den Ton seiner Stimme,
daß jetzt die Zeit war, in der ein Gentleman fröhlich und freigebig
sein muß.
»Was für Gepäck? Hansom oder Droschke gefällig?«
Einen Augenblick überfiel Trefusis die Vagabundenlust, in der Sprache
Smilaschs zu reden und dem Mann aufzubinden, er hätte Körbe voll
Truthähnen und Plumpudding im Gepäckwagen. Aber er unterdrückte es und
stieg in einen Hansom, der ihn nach der Belsize Avenue zum Hause seines
Schwiegervaters brachte. Unterwegs beobachtete er in scharfer, bitterer
Stimmung das in ihm aufsteigende Angstgefühl, das sich am Ende der
Fahrt bis zum Herzklopfen steigerte. Zwei Wagen standen vor der Türe,
als er ausstieg. Die schweigsamen Gesichter der Kutscher flößten ihm
einen Schrecken ein.
Die Türe öffnete sich, bevor er klingelte. »Bitte, mein Herr,« sagte
das Mädchen mit leiser Stimme, »wollen Sie in die Bibliothek eintreten?
Der Doktor wird sofort mit Ihnen sprechen.«
Im ersten Stock an der Treppe standen zwei Herren und sprachen mit
Mr. Jansenius. Dieser zog sich schnell zurück. Aber ein flüchtiger
Blick auf sein trauriges, verdrießliches Gesicht hatte Trefusis doch
schon ein seltsam prickelndes Gefühl gegeben, und es war ihm, als ob er
seit zwanzig Jahren ein Witwer gewesen sei. Er lächelte gleichgültig,
während er dem Mädchen in die Bibliothek folgte, und fragte sie, wie
es ihr ginge. Sie murmelte irgendeine Antwort und eilte davon. Dabei
dachte sie, der arme junge Mann würde wohl bald seinen Ton ändern.
Gleich darauf trat ein Herr mit grauem Backenbart herein, der
sorgfältig gekleidet war und sich sehr behutsam benahm. Trefusis
stellte sich vor, und der Arzt sah ihn mit Interesse an. Dann sagte er:
»Sie sind zu spät gekommen, Mr. Trefusis. Es tut mir leid, daß ich
Ihnen das mitteilen muß, aber es ist alles vorbei.«
»War die lange Eisenbahnfahrt, die sie in dem kalten Wetter unternahm,
die Ursache ihres Todes?«
Einige bittere Worte, die der Arzt oben gehört hatte, sagten ihm, daß
dies eine heikele Frage war. Aber er antwortete ruhig: »Zweifellos die
unmittelbare Ursache.«
»Sie erhielt vor Ihrer Abreise eine unangenehme und ganz unerwartete
Nachricht. Glauben Sie, daß das etwas mit ihrem Tode zu tun hatte?«
»Es hat vielleicht einen ungünstigen Einfluß ausgeübt,« sagte der Arzt
steif und zog seine Handschuhe an. »Die Gewohnheit, solche Ereignisse
mit dergleichen Ursachen in Verbindung zu bringen, geht in der Regel zu
weit.«
»Ohne Zweifel. Ich bin nur neugierig, weil dieses Ereignis etwas
Neues in meinen Erfahrungen ist. In den Ihrigen wird es wohl etwas
Gleichgültiges sein.«
»Verzeihen Sie. Der Tod einer Dame von solcher Jugend und solcher
günstigen Lebenslage ist weder nach meiner Erfahrung noch nach meiner
Ansicht etwas Gleichgültiges.« Der Arzt erhob während dieser Worte
seinen Kopf, um sich gegen jede Annahme zu verwahren, als ob sein
Mitgefühl durch seinen Beruf abgestumpft worden sei.
»Hat sie gelitten?«
»Ja, einige Stunden. Wir konnten etwas ihre Schmerzen lindern -- das
arme Ding!« Er vergaß ganz Trefusis Anwesenheit, als er das Nachwort
hinzufügte.
»Stunden voll Schmerz! Können Sie mir irgend etwas nennen, wozu diese
Stunden gut waren?«
Der Arzt schüttelte seinen Kopf, ohne daß man erkennen konnte, ob er
diese Frage verneinen wollte oder nur solche Erwägungen bedauerte. Er
machte dann eine Bewegung, als ob er aufbrechen wollte. Es war ihm
bei der Unterhaltung mit Trefusis nicht wohl zumute, denn er fühlte,
daß dieser sicherlich jetzt Fragen stellen oder Bemerkungen machen
würde, bei deren Besprechung er sich irgendwie bloßstellen mußte. Sein
Gewissen war nicht ganz ruhig. Er wußte, daß Henriettas Schmerzen zu
nichts gut gewesen waren, aber er wollte das nicht zugestehen, damit er
nicht in den Ruf der Religionslosigkeit kam und seine Praxis verlor.
Er war überzeugt, daß der Hausarzt, der ihn herbeigerufen hatte, als
der Fall sich verschlimmerte, Henrietta verkehrt behandelt hatte, aber
seine Standesehre band ihn so streng, daß er lieber seinem Kollegen
erlaubt hätte, ganz London zu dezimieren, ehe er seine Unfähigkeit
aufdeckte.
»Noch ein Wort,« sagte Trefusis. »Wußte sie, daß sie sterben mußte?«
»Nein. Ich hielt es für das beste, daß man ihr das nicht mitteilte. So
entschlief sie ohne Angst.«
»Dann kann man beruhigt daran denken. Das arme Kind fürchtete den Tod.
Ich wundere mich, daß die Torheit hier im Hause sich nicht über Ihre
Vernünftigkeit hinweggesetzt hat.«
Der Arzt verneigte sich und ging hinaus. Er schätzte sich fast
glücklich, daß man ihm keine Vorwürfe gemacht hatte, weil er in seiner
Menschlichkeit Henrietta hatte sterben lassen, ohne daß sie es wußte.
Einen Augenblick später trat der Hausarzt herein. Trefusis überraschte
ihn, als er den andern zur Türe begleitete, wie er draußen sein Gesicht
grade in lange Falten zog. Er unterdrückte ein Verlangen, ihn bei
der Gurgel zu fassen, setzte sich auf den Rand des Tisches und sagte
freundlich:
»Nun, Doktor, wie ist es Ihnen ergangen, seit wir uns zuletzt gesehen
haben?«
Der Doktor fuhr zurück, aber die ernsten Falten auf seinem Gesicht
blieben unverändert, als er salbungsvoll fragte: »Hat Sir Francis Ihnen
die trüben Nachrichten mitgeteilt, Mr. Trefusis?«
»Ja. Es ist schrecklich, nicht wahr? Es ist Gottes Wille. Heute leben
wir, morgen sind wir dahin.«
»Ja, ja, so ist es!«
»Sir Francis hat eine hohe Meinung von Ihnen.«
Der Doktor blickte etwas verwirrt drein. »Alles, was wir tun konnten,
Mr. Trefusis, das haben wir getan. Aber Mrs. Jansenius war sehr
besorgt, daß nichts unversucht bleibe. Sie war so freundlich, mir zu
sagen, sie wollte nur deshalb Sir Francis rufen, damit Sie keinen Grund
hätten, über irgend etwas Klage zu führen.«
»Wirklich!«
»Eine ausgezeichnete Mutter! Und solch ein trauriges Ereignis für sie!
Ach ja! Mein Gott! Ein sehr trauriges Ereignis!«
»Sehr unangenehm. Und dabei das kalte Wetter. Es ist vielleicht
angenehmer, im Himmel zu sein, als hier unten in solchem Wetter.«
»Ach ja!« sagte der Doktor, als ob ein rechter Trost in diesen Worten
gelegen hätte. »Ich hoffe es, ich hoffe es. Ohne Zweifel ist es so. Sir
Francis erlaubte uns nicht, es ihr mitzuteilen, und ich fügte mich ihm
natürlich. Vielleicht war es so am besten.«
»Dann hätten Sie es ihr wohl gesagt, wenn Sir Francis keinen Einspruch
erhoben hätte?«
»Ja, sehen Sie, es gibt da Erwägungen, über die wir in unserm Beruf
nicht hinweggehen dürfen. Das Sterben ist eine ernsthafte Sache, woran
ich Sie wohl nicht besonders zu erinnern brauche, Mr. Trefusis. Wir
haben oftmals höhere Pflichten, als die natürlichen Gefühle unserer
Patienten zu schonen.«
»Ganz gewiß. Die Möglichkeit ewiger Freuden und die Wahrscheinlichkeit
ewiger Höllenqualen sind Tröstungen, die man natürlich einem sterbenden
Mädchen nicht so leicht vorenthalten soll. Aber was vorbei ist, kann
nicht wieder gutgemacht werden. Alles in allem muß ich sehr dankbar
sein. Ich bin ein junger Mann und werde als Witwer keine schlechte
Figur machen. Und jetzt sagen Sie mir, Doktor, man ist doch oben nicht
sehr ungehalten über mich?«
»Mr. Trefusis! Mein Herr! Ich kann mich nicht in
Familienangelegenheiten einmischen. Ich kenne meine Pflichten und
überschreite sie nie.« Der Doktor war schließlich doch verletzt und
sprach so stolz wie er konnte.
»Dann will ich hingehen und mit Mr. Jansenius sprechen,« sagte Trefusis
und stand vom Tische auf.
»Warten Sie, mein Herr. Einen Augenblick. Ich habe noch nicht zu Ende
gesprochen. Mrs. Jansenius bat mich, Sie zu fragen -- ich wollte Ihnen
grade sagen, daß ich jetzt nicht als ärztlicher Berater der Familie
spreche, sondern als ein alter Freund -- und -- ach ja! Mrs. Jansenius
bat mich, Sie zu fragen -- ob Sie nicht Mr. Jansenius entschuldigen
würden. Er ist ganz niedergeschlagen durch den Kummer und, wie ich
Ihnen -- als Arzt -- versichern kann, nicht imstande, irgend jemand zu
sehen. Sie wird mit Ihnen sprechen, sobald sie sich dazu fähig fühlt --
vielleicht später, im Laufe des Abends. Inzwischen, wenn Sie natürlich
irgendwelche Wünsche haben -- Sie müssen durch Ihre Reise ermüdet
sein, und ich empfehle immer den Leuten, nicht so lange zu fasten,
es führt eine Art akuter Verdauungsschwäche herbei -- also, wenn Sie
irgendwelche Wünsche haben, sie werden natürlich sofort ausgeführt
werden.«
»Ich danke,« sagte Trefusis nach kurzem Überlegen, »ich werde mir einen
Hansom kommen lassen.«
»Es liegt natürlich kein Übelwollen vor,« sagte der Doktor, der
als langsamer Mann durch schnelle Entscheidungen stets beunruhigt
wurde, wenn sie ihm auch, wie dieses Mal, ganz vernünftig erschienen.
»Hoffentlich schließen Sie nicht aus dem, was ich gesagt habe --«
»Durchaus nicht. Sie sind sehr taktvoll gewesen. Aber ich halte es für
das Beste, wenn ich gehe. Jansenius kann Tod und Elend mit vollkommener
Seelenstärke ertragen, wenn sie in großem Maßstabe auftreten und sich
in schmutzigen Hintergassen verbergen. Aber wenn sie in sein eigenes
Haus einbrechen und sein Eigentum angreifen -- seine Tochter war bis
vor kurzem sein Eigentum -- dann ist er grade der Mann dafür, seinen
Kopf zu verlieren und mit mir zu streiten, weil ich meinen bewahre.«
Der Doktor war nicht imstande, auf diese Rede, die ihm versteckte
schreckliche Ansichten zu enthalten schien, etwas zu erwidern. Da er
aber sah, daß Trefusis gehen wollte, fragte er mit gedämpfter Stimme:
»Wollen Sie nicht hinaufgehen?«
»Hinaufgehen! Warum?«
»Ich -- ich dachte -- Sie möchten vielleicht einen Blick --« Er
beendete den Satz nicht, aber Trefusis zuckte zusammen. Das Zaudern
hatte ihm gesagt, was der andere meinte.
»Ich soll etwas sehen, was einst Henrietta war, und was wir jetzt
unter abergläubischer Mummerei hinausstoßen und verbergen müssen, um
den Anschein der Frömmigkeit zu bewahren. Warum haben Sie mich daran
erinnert?«
»Aber, mein Herr, was auch Ihre Ansichten sind, wollen Sie denn nicht,
nur der Form halber und in Rücksicht auf die Gefühle der Familie --«
»Warum sparen sie nicht ihre Gefühle für die Lebenden? Ich habe mich
deswegen oft genug vergebens an sie gewandt,« schrie Trefusis und
verlor seine Geduld. »Ich pfeife auf ihre Gefühle!« Hiermit wandte er
sich zur Türe und fand sie geöffnet. Mrs. Jansenius stand lauschend
davor.
Trefusis war verwirrt. Er wußte, welchen Eindruck seine Worte machen
mußten, und fühlte, es sei töricht, eine Entschuldigung oder Erklärung
zu versuchen. Er steckte seine Hände in die Taschen, lehnte sich gegen
den Tisch und sah sie schweigend an, wobei er gespannt war, was sie
jetzt wohl tun werde.
Der Doktor brach das Schweigen und sagte zitternd: »Ich habe die
betrübende Nachricht Mr. Trefusis mitgeteilt.«
»Hoffentlich haben Sie ihm auch gesagt,« bemerkte sie streng, »daß,
wie sehr es uns auch an Gefühl mangeln mag, wir doch für unser Kind
alles taten, was in unsern Kräften lag.«
»Ich bin vollkommen befriedigt,« sagte Trefusis.
»Ohne Zweifel sind Sie das -- nämlich mit dem Resultat,« sagte
Mrs. Jansenius hart. »Ich wünsche zu wissen, ob Sie sich über etwas zu
beklagen haben.«
»Über nichts.«
»Bitte, denken Sie nicht, daß etwas durch unsere Nachlässigkeit
gekommen ist.«
»Worüber sollte ich mich beklagen. Sie hatte ein warmes Zimmer und ein
kostbares Bett, um darin zu sterben, und die beste ärztliche Hilfe von
der Welt. Eine Menge Menschen verhungert und erfriert heute, damit wir
die Mittel haben, in vornehmer Weise zu sterben. Fragen Sie _die_,
ob sie einen Grund zur Klage haben. Glauben Sie, ich will mich an
Henriettas Leiche über den Betrag des Geldes zanken, den Sie für ihre
Krankheit ausgegeben haben? Kann man danach abmessen, welchen Grund sie
zur Klage hatte? Ich habe ihr niemals Geld vorenthalten -- wie konnte
ich das, da ich weiß, daß ich umsonst mehr bekommen habe, als ich je
verschwenden kann? Oder wie konnten Sie das tun? Trotzdem hat sie
vielen Grund, sich über mich zu beklagen. Das werden Sie wohl zugeben.«
»Das ist auch vollkommen richtig.«
»Gut, wenn ich einmal dazu gelaunt bin, werde ich mir selbst Vorwürfe
machen und nicht Ihnen.« Er hielt inne und wandte sich dann heftig nach
ihr hin, indem er fortfuhr: »Warum wählen Sie grade diese Stunde, um
mir solche bitteren Worte zu sagen?«
»Ich erinnere mich nicht, daß ich etwas gesagt habe, was Sie zu einer
solchen Bemerkung berechtigt. Haben _Sie_« -- sie wandte sich an den
Doktor -- »mich so etwas sagen gehört?«
»Mr. Trefusis will das auch sicherlich nicht von Ihnen behaupten. O
nein. Mr. Trefusis' Gefühl ist natürlich -- ist erregt. Das ist alles.«
»Meine Gefühle!« rief Trefusis ungeduldig. »Glauben Sie, meine Gefühle
sind eine Raritätensammlung gesellschaftlicher Vorurteile, und sie
ließen sich nach Vorschrift erregen und bei Leichenbegängnissen zur
Schau stellen? Sie ist dahin, wie wir alle drei auch bald dahin gehen
werden. Wenn wir unsterblich wären, hätten wir einen vernünftigen
Grund, die Tote zu bemitleiden. Da wir es aber nicht sind, sollten wir
lieber unsere Kräfte anspannen, um das Unrecht zu verringern, das wir
sicher noch tun, ehe wir ihr folgen.«
Der Doktor war durch diese Worte tief beleidigt, denn die Feststellung,
daß er eines Tages sterben müßte, schien ihm eine Bezweiflung seiner
berufsmäßigen Bemeisterung des Todes zu sein. Mrs. Jansenius freute
sich, daß Trefusis ihre schlechte Ansicht von ihm und ihre Schilderung
über ihn durch seine eigene Aufführung und Sprache in des Doktors
Gegenwart bestätigte. Es entstand eine kurze Pause, und dann verließ
Trefusis das Zimmer, da seine Gefühle zu weit von den ihrigen entfernt
waren, als daß er die Unterredung in eine freundlichere Stimmung
hinüberführen konnte. Er wollte grade im Flur seinen Überzieher
anziehen, als er es sich überlegte und ihn unentschlossen wieder
hinhing. Plötzlich rannte er die Treppe hinauf. Bei dem Geräusch
seiner Fußtritte kam eine Frau aus einem der Zimmer und sah ihn fragend
an.
»Ist es hier?« sagte er.
»Ja, mein Herr,« flüsterte sie.
Ein peinliches Krampfgefühl legte sich auf seine Brust, er wurde bleich
und blieb mit der Hand an dem Türgriff stehen.
»Haben Sie keine Furcht, Herr,« sagte die Frau mit ermutigendem
Lächeln. »Sie sieht ganz schön aus.«
Er sah sie mit einem seltsamen Grinsen an, als ob sie einen grausigen,
aber unwiderstehlichen Witz gemacht hätte. Er ging hinein, und als er
das Bett erreichte, wünschte er, er wäre draußen geblieben. Er gehörte
nicht zu denen, die wenig auf den Gesichtern der Lebenden sehen und
wenig auf denen der Toten vermissen. Die Art, wie man ihr Haar auf
das Kissen gelegt hatte, der angenehme Faltenwurf und die Blumen,
die die Wärterin angebracht hatte, um den künstlerischen Eindruck zu
vervollständigen, auf den sie so vertrauensvoll hingewiesen hatte,
alles das war für ihn verloren. Er sah nur die leblose Maske, die das
Gesicht seines Weibes gewesen war, und bei diesem Anblick versagten
ihm die Knie, und er mußte sich an der Querstange, die am Fußende des
Bettes war, festhalten.
Als er wieder aufblickte, schien das Gesicht sich verändert zu
haben. Es war keine wachsartige Maske mehr, sondern Henrietta
selbst, mädchenhaft und in ausdrucksvoller Ruhe. Der Tod schien ihre
Verheiratung und alles Frauenhafte ausgelöscht zu haben, nie war sie
ihm so jung erschienen. Eine Minute verging, und dann fiel eine Träne
auf die Bettdecke. Er fuhr auf, ließ noch eine Träne auf seine Hand
fallen und starrte sie ungläubig an.
»Das ist ein Schwindel, den ich mir nie geträumt hätte,« sagte er.
»Tränen und doch kein Kummer. Hier steh ich und weine! Ich werde immer
sentimentaler! Und dabei bin ich froh, daß sie gegangen ist und mich
freigemacht hat. Irgendwo steckt in mir das Triebwerk der Trauer.
Bei ihrem Anblick beginnt es sich zu drehen, obgleich ich keinen
Schmerz empfinde, grade so, wie sie das Getriebe der Leidenschaft in
Bewegung setzte, wenn ich keine Liebe hatte. Aber das machte für sie
keinen Unterschied. Wenn die Räder herumgingen, war sie zufrieden.
Ich hoffe, das Getriebe des Kummers wird ebenso schnell nachlassen
und stillstehen, wie es das andere Getriebe tat. Ich glaube, es steht
schon still. Welch ein Unsinn! Solange es sich drehte, glaubte ich, ich
sei betrübt. Und doch, würde ich sie wohl wieder zum Leben erwecken,
wenn ich es könnte? Vielleicht, und darum bin ich dankbar, daß ich es
nicht kann.« Er lehnte sich mit verschränkten Armen auf das Fußende des
Bettes und redete ernst auf die tote Figur ein. Sie beeinflußte ihn
noch immer so stark, daß er all seinen Willen zusammennehmen mußte,
um ihr mit Gemütsruhe ins Gesicht zu sehen. »Wenn du mich wirklich
liebtest, ist es gut für dich, daß du tot bist -- wie konnte ich Idiot
auch glauben, die Leidenschaft, die du armes Kind mir einflößtest,
würde von Dauer sein. Jetzt sind wir beide glücklich. Ich habe mich von
dir freigemacht, und du hast dich von dir selbst befreit.«
Er atmete jetzt freier und sah sich das Zimmer an, um sich durch
eine gleichgültige Handlung und den alltäglichen Anblick der
Schlafzimmereinrichtung in eine nüchterne Stimmung zu bringen. Er
trat an das Kissen und neigte sich darüber, um das Gesicht genau zu
betrachten.
»Armes Kind!« sagte er noch einmal in zärtlichem Tone. Dann redete
er sich mit plötzlichem Stimmungswechsel statt seines Weibes selber
an. »Armer Esel! Armer Idiot! Armer Affe! Hier liegt der Körper eines
Weibes, das fast so alt war wie ich selbst und vielleicht vernünftiger,
und ich stelle moralische Betrachtungen darüber an, als sei ich Gott
der Allmächtige und sie ein kleines Kind! Je mehr man einen Mann daran
erinnert, was er ist, desto eingebildeter wird er. Scheußlich! Ich
werde mich sogleich für unsterblich halten.«
Mit einem schwachen Versuch, roh zu sein, berührte er ihre Wange und
fühlte, wie kalt sie war. Dann berührte er seine eigene und sagte:
»Auch ich fliege auf dieses Ziel hin mit der reißenden Geschwindigkeit
von sechzig Minuten in der Stunde.« Er stand da, die Augen auf ihr
Gesicht gerichtet, und genoß lange Zeit die Bitterkeit seiner düsteren
Betrachtung. Endlich ermannte er sich und sagte etwas heiterer:
»Schließlich ist sie ja gar nicht tot. Jedes Wort, das sie gesagt
hat -- jeder Gedanke, den sie gefunden und geäußert hat, war ein
unauslöschlicher und unzerstörbarer Eindruck.« Er hielt inne, überlegte
wieder eine Zeitlang und fiel in seine trübe Stimmung zurück. »Und
das Dutzend anderer Namen, die morgen mit ihr in der >Times< stehen?
Auch ihre Worte liegen noch in der Luft, um die ganze Ewigkeit zu
überdauern. Hm! Was die Luft mit Unsinn vollgepfropft sein muß? Zwei
Töne heben sich manchmal gegenseitig auf, warum sollten sie nicht auf
dieselbe Art auch Ideen gegeneinander aufheben. Nein, mein Lieb, du
bist tot und dahin, und alles ist vorbei. Und auch ich werde bald genug
tot und dahin sein, und alles ist vorbei, ehe ich noch Muße habe, mich
mit Hoffnungen auf Unsterblichkeit zu narren. Arme Hetty! Nun leb wohl,
mein Liebling. Wir wollen einen Augenblick denken, du könntest mich
hören; ich weiß, daß dir das gefällt.«
Alles dieses sagte er in einem halbvernehmbaren Flüstern. Dann schwieg
er, neigte sich über den Körper und sah ihn aufmerksam an. Selbst
als er ihn genug betrachtet hatte und sich zum Gehen wandte, änderte
er noch einmal seine Absicht, um sie noch eine Weile anzusehen. Dann
richtete er sich auf und ging beruhigt und erfrischt mit festem Schritt
aus dem Zimmer. Die Frau wartete draußen. Als sie sah, daß er nicht
mehr so betrübt war wie beim Hereintreten, sagte sie:
»Hoffentlich sind Sie zufrieden, mein Herr!«
»Entzückt! Bezaubert! Die Arrangements sind außerordentlich hübsch und
geschmackvoll. Sehr tröstlich.« Und er gab ihr einen halben Sovereign.
»Danke sehr,« sagte sie und machte eine Verbeugung. »Die arme, junge
Lady! Sie hat so nach Ihnen verlangt, mein Herr. Sie sagte immerzu, Sie
wären der einzige, der sich etwas aus ihr machte! Und wie wütend sie
auf ihre Mutter war. >Sagt ihm, daß ich gefährlich krank bin,< rief
sie, >und er wird kommen.< Das arme Ding wußte nicht, wie wahr ihre
Worte waren. Und sie starb, ohne es zu erfahren!«
»Sie machte sich und mir Hoffnung. Glückliches Mädchen!«