doch nicht fälschlich für ein übernatürlich begabtes und liebliches
Weib halten -- so glücklich wie einen Engel gemacht. Und dem feinen
Mädchen, das sie Jane Carpenter nennen, geht es ebenso. Hoffentlich
werden sie über diese Sache sich keine Geständnisse machen.«
Achtes Kapitel.
Mrs. Trefusis fand ihre Eltern so gefühllos in der Angelegenheit ihrer
Ehe, daß sie kurz nach ihrem Besuch in Lyvern ihr Haus verließ und bei
einer gastlichen Freundin eine Wohnung nahm. Da sie aber über das, was
immerzu ihre Gedanken erfüllte, nicht schweigen konnte, so besprach
sie die Flucht ihres Mannes mit dieser Freundin. Diese sagte einfach,
Trefusis' Benehmen sei schändlich und gemein. Henrietta konnte das
nicht ertragen und suchte Obdach bei einer Verwandten. Hier kam es zu
derselben Unterredung, und die Verwandte sagte:
»Nun, Hetty, wenn ich offen sprechen soll, ich habe Sidney Trefusis
schon sehr lange gekannt, und es gibt keinen Menschen, mit dem man
leichter auskommen kann. Aber du bist, wie du weißt, manchmal sehr
schwer zu behandeln.«
»Also jetzt,« schrie Henrietta und brach in Tränen aus, »nachdem er
mich so schändlich behandelt hat, muß ich mir sagen lassen, ich sei
selbst an allem schuld.«
Sie verließ am nächsten Tage das Haus und folgte der Einladung einer
geschiedenen Frau, die den Gegenstand überhaupt nicht besprechen
wollte. Das erwies sich als unerträglich, und Henrietta zog zu ihrem
Onkel Daniel Jansenius, einem lustigen und nachgiebigen Mann. Er war
der Ansicht, es würde schon alles wieder in Ordnung kommen, sobald
beide Teile vernünftiger geworden wären. Und was die Schuldfrage
anging, so lautete sein Urteil: zu sechs Teilen trüge die eine Partei
die Schuld, zu einem halben Dutzend die andere. Wenn er seine Nichte
grübelnd oder weinend fand, dann lachte er und nannte sie eine
Strohwitwe. Henrietta fand, daß sie alles auf der Welt eher ertragen
könnte als das. Sie erklärte, die Welt sei abscheulich gegen sie, und
mietete eine möblierte Villa in St. Johns Wood, in die sie im Dezember
einzog. Da sie aber da sehr an der Einsamkeit litt, schrieb sie bald
einen überschwenglichen Brief an Agatha und lud sie ein, die kommenden
Weihnachtsferien bei ihr zu verbringen. Sie versprach jeden Luxus und
jedes Vergnügen, das unbegrenzte Zuneigung vorschlagen und unbegrenzte
Mittel gewähren konnten. Agathas Antwort enthielt einige unerwartete
Mitteilungen.
Alton-Lyvern, den 14. Dezember.
_Teuerste Hetty_,
ich glaube nicht, daß ich Deinen Vorschlag ganz annehmen kann, da ich
Weihnachten mit Mama in Chiswick verbringen muß. Aber ich brauche
erst Weihnachtsabend dorthin zu gehen, und wir brechen hier schon
nächste Woche, am 20., auf. Dann fahre ich gleich zu Dir hin und
bringe Dich mit zu Mama, wo wir die Feiertage viel besser verbringen
werden, als wenn wir uns in einem fremden Hause langweilen. Es ist
noch nicht ganz sicher, ob ich dann schon die Schule verlasse. Du
mußt mir versprechen, das niemand zu erzählen, ich habe nämlich
einen Freund hier -- einen Liebhaber. Nicht daß ich in ihn verliebt
bin, obgleich ich ihn sehr hoch schätze -- du weißt, ich bin keine
romantische Närrin. Aber er ist sehr in mich verliebt, und ich
wollte, ich könnte das erwidern, wie er es verdient. Die Franzosen
sagen, die eine Person hält die Wange hin, und die andere küßt sie.
Ganz so weit ist es noch nicht zwischen uns gekommen. In Wahrheit,
seit er mir seine Gefühle gestanden hat, hat er kaum ein paar
flüchtige Worte mit mir sprechen können, wenn ich Schlittschuh laufen
oder spazieren ging. Aber es ist wenigstens jedesmal ein vielsagendes
Wort oder ein Blick gewechselt worden.
Und jetzt, wer glaubst Du, daß es ist? Er sagt, er kennt Dich. Kannst
Du es erraten? Er sagt, Du wüßtest alle seine Geheimnisse. Er sagt,
er kennt auch sehr gut Deinen Mann. Der hätte Dich sehr schlecht
behandelt, und Du verdientest große Teilnahme. Errätst Du es jetzt?
Er sagt, er hätte Dich geküßt -- schäme Dich, Hetty! Hast Du es nun
erraten? Er wollte mir grade noch mehr erzählen, als wir unterbrochen
wurden, und ich habe ihn seitdem nur aus der Entfernung gesehen. Er
ist der Mann, mit dem Du an jenem Tag davongelaufen bist, was uns
alle solche Angst einflößte -- Mr. Sidney. Ich war die erste, die
seine Verstellung entdeckte, und an jenem selben Morgen hatte ich
es ihm vorgeworfen, und er gestand es mir ein. Er sagte damals, er
verberge sich vor einer Frau, die in ihn verliebt sei, und ich würde
mich gar nicht wundern, wenn sich das als wahr herausstellte, denn er
ist ein prachtvoller Mensch -- wirklich, ich kann ihn grade deswegen
so gut leiden, weil er bei weitem der tüchtigste Mensch ist, den
ich je getroffen habe. Und doch hält er gar nichts von sich selbst.
Ich kann mir gar nicht vorstellen, was er an mir Kostbares bemerkt,
obgleich er offenbar durch meine Reize gefesselt ist. Hoffentlich
entdeckt er nicht, wie närrisch ich bin. Er nennt mich sein goldenes
Idol --
Henrietta riß mit einem Schrei der Wut den Brief mitten durch und trat
darauf. Als der Anfall nachließ, hob sie die Stücke auf, hielt sie so
genau zusammen, wie es ihre zitternden Hände erlaubten, und las weiter.
-- aber er ist nicht lauter Honig und kann Dir die ernstesten Dinge
sagen, wenn er glaubt, er müßte es tun. Er hat mich wegen meiner
Unwissenheit so beschämt, daß ich entschlossen bin, hier noch ein
Semester zu bleiben und so eifrig zu lernen, wie ich kann. Ich
habe bisher noch nicht damit angefangen, weil es sich am Ende des
Semesters doch nicht lohnt, aber wenn ich im Januar zurückkomme,
gehe ich ernsthaft an die Arbeit. Daran kannst Du sehen, welchen
guten Einfluß er auf mich ausübt. Wenn wir uns treffen, werde ich
Dir alles über ihn erzählen, denn ich habe jetzt keine Zeit dazu,
weil die Mädchen mich drängen, mit zum Schlittschuhlaufen zu kommen.
Er gibt sich für einen Arbeiter aus und zieht uns die Schlittschuhe
an, und Jane Carpenter glaubt, er sei in sie verliebt. Jane ist
außerordentlich gutherzig, aber sie hat ein unbändiges Talent,
sich selbst lächerlich zu machen. Das Eis ist fein und das Wetter
freundlich; aus der Kälte machen wir uns gar nichts. Sie drohen mir,
ohne mich zu gehen -- adieu!
Deine Dich treu liebende
_Agatha_.
Henrietta sah sich nach einem scharfen Gegenstand um. Sie griff wütend
nach einer Schere und stach damit in die Luft. Dann wurde sie sich
ihres mörderischen Anfalls bewußt und erschauerte darüber, aber schon
einen Augenblick später ergriff sie von neuem ihre Eifersucht. Wie
erstickend schrie sie: »Es ist mir gleich, ich möchte sie töten!« Doch
sie nahm die Schere nicht wieder auf.
Schließlich klingelte sie heftig und verlangte einen Eisenbahnfahrplan.
Als sie hörte, daß keiner im Hause war, zankte sie das Mädchen so
unvernünftig aus, daß es einfach sagte, wenn es in einer solchen
Weise angeredet würde, dann möchte es lieber am Ende des Monats
gehen. Diese Zurechtweisung brachte Henrietta zur Besinnung. Sie
ging die Treppe hinauf und nahm den ersten Mantel, den sie fand.
Es war glücklicherweise ein schwerer Pelzmantel. Dann nahm sie
ihre Geldtasche, setzte den Hut auf und verließ das Haus. Die
erste Droschke, die vorbeifuhr, rief sie an und ließ sich nach
St. Pancrasstation fahren.
Als die Nacht hereinbrach, war die Luft in Lyvern in der schneidenden
Kälte wie scharfes Eisen. Die Bäume und der Wind schienen so fest
gefroren, wie es das Wasser war, und Schweigen, Stille und Sternenlicht
lagen eisig über der Landschaft. Smilasch saß in seiner Schweizerhütte
und hielt unbekümmert um den Preis der Kohlen ein prasselndes Feuer im
Gang, das durch die vorhanglosen Fenster glühte und die Vorübergehenden
quälte, die nicht wie die Viehhirten in der Nachbarschaft wußten,
daß sie ruhig hereinkommen und sich wärmen konnten, ohne daß sie von
dem Bewohner eine abschlägige Antwort erhielten. Smilasch war in
guter Stimmung. Er hatte sich zu einem tüchtigen Schlittschuhläufer
entwickelt, und Frostwetter galt ihm jetzt als Luxus. Es gab ihm
Spannkraft und verjagte seine trüben Stimmungen. Es steigerte aber auch
sein Mitgefühl für die Armen zu einem grimmen Humor, wenn er dachte,
daß sie kein Feuer und kein Schlittschuhlaufen hatten und sich in dem
ungesunden Dunst erwärmten, den eng zusammengedrängte Menschen zu jeder
Jahreszeit entwickeln.
Smilasch pflegte sich jeden Abend um halb zehn einen heißen Trank aus
Hafermehl und Wasser zu machen und dann um zehn zu Bett zu gehen. Er
öffnete die Türe, um etwas Wasser auszugießen, das noch vom letzten
Abwaschen im Kochtopf geblieben war. Es gefror, sowie es auf den Boden
fiel. Er blickte in die Nacht und schüttelte sich, um das bedrückende
Gefühl loszuwerden, in dieser eisigen Umklammerung der Luft verloren
zu sein. Denn das Thermometer war unter den gewohnten Stand frischer
und zerspringender Kälte gesunken und zeigte eine Temperatur, in der
die erstarrte Luft zu einer schwarzen Masse zu gefrieren schien. Nichts
rührte sich.
»Beim Henker!« sagte er, »das ist eine Nacht, an die man als reicher
Mann gar nicht denken darf!«
Er schloß die Türe und eilte zu seinem Feuer zurück. Dort machte er
sich an seinen warmen Trank, den er mit einer Sorgfalt beobachtete
und umrührte, die einen Berufskoch zum Lächeln gebracht hätte. Als
die Brühe fertig war, goß er sie in einen großen Krug, in dem sie
verlockend dampfte. Mit einem Löffel schöpfte er etwas heraus und
blies es, um es abzukühlen. Plötzlich klopfte es ein paarmal an die
Türe.
»Eine hübsche Nacht für einen Spaziergang,« sagte er und legte den
Löffel hin. Dann rief er: »Herein!«
Die Klinke erhob sich unsicher, und Henrietta, mit gefrorenen Tränen
auf den Wangen und einem unbestimmten Ausdruck von Elend und Zorn, trat
herein. Einen Augenblick sah er sie erstaunt an. Dann sprang er nach
ihr hin, nahm sie in seine Arme, und sie sank gegen ihren Willen mit
stummem Widerstreben an sein Herz.
»Du bist zu Tod erfroren,« rief er und trug sie aus Feuer. »Diese
Pelzjacke ist wie eine Umhüllung von Eis. Und dein Gesicht erst!« sagte
er und küßte es. »Was ist denn geschehen? Warum sträubst du dich so?«
»Laß mich gehen,« keuchte sie heftig. »Ich -- ich hasse dich.«
»Mein armes Lieb, du bist zu kalt, um jemand zu hassen -- selbst deinen
Mann. Ich muß dir diese schrecklichen französischen Schuhe ausziehen.
Deine Füße müssen ja vollkommen tot sein.«
Ihre Stimme und ihre Tränen tauten jetzt in der Wärme der Hütte und in
der Glut seiner Zärtlichkeiten auf. »Du sollst sie nicht ausziehen.«
sagte sie und weinte vor Frost und Kummer. »Laß mich in Ruhe. Rühr mich
nicht an. Ich geh fort -- ich gehe wieder zurück. Ich will nicht mit
dir sprechen oder meine Sachen ablegen, ich rühre hier im Hause nichts
an.«
»Nein, mein Lieb,« sagte er und setzte sie in einen geräumigen,
hölzernen Armstuhl. Dann knöpfte er ihr schnell die Schuhe auf. »Du
sollst auch nichts tun, was du nicht willst. Deine Füße sind wie Stein.
Ja, mein Schatz, ich bin ein Lump und nicht wert, daß ich lebe. Ich
weiß es.«
»Laß mich in Ruhe,« sagte sie kläglich. »Ich will deine
Aufmerksamkeiten nicht. Ich bin mit dir für immer fertig.«
»Komm, du mußt etwas von diesem abscheulichen Zeug trinken. Du mußt
dich stärken, damit du deinem Mann all die unangenehmen Sachen sagen
kannst, mit denen du geladen bist. Nimm wenigstens einen Schluck.«
Sie wandte ihr Gesicht ab und wollte nicht antworten. Er brachte noch
einen Stuhl her und setzte sich neben sie. »Mein armes, verlorenes,
verratenes Lieb --«
»Das bin ich,« schluchzte sie. »Du meinst es gar nicht so, aber ich bin
es doch.«
»Du bist auch meine Liebste und die beste von allen Frauen. Wenn du
mich je geliebt hast, Hetty, tu es ein einziges Mal um meinetwillen und
trinke, ehe es kalt wird.«
Sie schmollte, seufzte und ergab sich schließlich seinem zärtlichen
Drängen, wie ein Kind sich halb überreden, halb zwingen läßt, eine
Medizin einzunehmen.
»Fühlst du dich jetzt besser und gemütlicher?« fragte er.
»Nein,« sagte sie und ärgerte sich, weil sie sich doch so fühlte.
»Dann werde ich noch etwas Kohlen auf das Feuer legen,« sagte er
munter, als ob sie ihm in herzlichster Weise zugestimmt hätte. »Und wir
werden es so behaglich wie möglich haben. Mich ergreift eine milde
Seligkeit, wenn du so neben mir am Feuer sitzt und ich weiß, daß du
meine eigene Frau bist.«
»Ich wundere mich, wie du mir ins Gesicht sehen und so etwas sagen
kannst,« schrie sie.
»Ich würde mich über mich selbst wundern, wenn ich dir ins Gesicht sähe
und etwas anderes sagte. Hafergrütze ist das beste Erfrischungsmittel.
Die ganze Energie kommt wieder. So, jetzt sollst du einmal sehen, wie
das Feuer brennt.«
»Ich glaubte nie, daß du falsch seist, Sidney, was du sonst auch für
Fehler haben magst.«
»Da hast du recht, mein Lieb. Ich verstehe deine Gefühle. Mord,
Diebstahl, Unmäßigkeit oder geringere Laster würdest du ertragen haben.
Aber Falschheit kannst du nicht ausstehen.«
»Ich will fortgehen,« sagte sie verzweifelt und brach von neuem in
Tränen aus. »Ich will nicht verspottet und betrogen werden. Ich will
barfuß gehen.« Sie erhob sich und versuchte die Türe zu erreichen. Aber
er hielt sie auf und sagte:
»Mein Lieb, da liegt etwas Ernsthaftes vor. Was ist es? Sei nicht böse
über mich.«
Er brachte sie zu ihrem Stuhl zurück. Sie nahm Agathas Brief aus der
Tasche ihres Pelzmantels und überreichte ihn ihm, indem sie einen
schwachen Versuch machte, tragisch zu sein.
»Lies ihn,« sagte sie. »Und sprich nie mehr ein Wort zu mir. Zwischen
uns ist alles aus.«
Er nahm ihn neugierig und wandte ihn um, um die Unterschrift zu sehen.
»Aha,« sagte er, »mein goldenes Idol hat das Unheil angerichtet.«
»Da haben wir's!« rief Henrietta. »Du hast es mir ins Gesicht gesagt!
Du hast dich selbst durch deine eigenen Worte überführt!«
»Warte einen Augenblick, mein Lieb. Ich habe den Brief noch nicht
gelesen.«
Er erhob sich und ging, während er las, im Zimmer auf und ab. Sie
beobachtete ihn in dem zornigen Bewußtsein, daß er jetzt gleich seine
Fassung verlieren würde. Plötzlich ließ er den Kopf sinken, als ob
sein Rücken ihn nicht mehr trüge, und in seiner gekrümmten Haltung
las er den Rest des Briefes. Als er damit fertig war, warf er ihn
auf den Tisch, steckte seine Hände tief in die Taschen und brach
in ein schallendes Gelächter aus. Dabei zog er seinen Körper noch
mehr zusammen, als ob er sein Vergnügen verstärken wollte, indem er
es auf einen möglichst kleinen Raum zusammendrängte. Henrietta war
vor Entrüstung sprachlos und konnte ihren Gefühlen nur durch Blicke
Ausdruck geben. Schließlich kam er heran und setzte sich neben sie.
»Und da bist du nun,« sagte er, »als du den Brief bekamst, in die Kälte
hinausgelaufen und hast die Reise nach Lyvern gemacht. Es scheint mir
doch, du mußt mich entweder sehr lieben --«
»O nein. Ich hasse dich.«
»-- oder dich selbst sehr lieben.«
»Oh!« klagte sie und begann von neuem zu weinen. »Du bist ein
selbstsüchtiges Tier, und du tust, was du willst, ohne dich um jemand
anderes zu kümmern. Kein Mensch gibt etwas um mich. Und jetzt willst
du dir nicht einmal die Mühe machen, den schändlichen Inhalt dieses
Briefes zu leugnen.«
»Warum sollte ich ihn leugnen? Es ist die Wahrheit. Siehst du denn
nicht die Ironie in dem Ganzen? Ich mache mir den Spaß, einem
Schulmädchen ein paar Komplimente zu sagen, obgleich ich mir nicht mehr
daraus mache als aus irgendeinem andern ansprechenden und leidlich
hübschen Weibe, das ich treffe. Trotzdem fühle ich manchmal leichte
Gewissensbisse, weil ich denke, sie könnte mich ernsthaft lieben,
obgleich ich nur mit ihr spiele. Das arme Herz, das ich leichtfertig
umstrickt habe, tut mir leid. Und während der ganzen Zeit bemitleidet
sie mich aus demselben Grunde! Ihr Gewissen quält sie, weil sie nur
das Vergnügen genießt, >von dem tüchtigsten Mann, den sie je getroffen
hat<, angebetet zu werden, und sie ist grade so frei von Liebe wie ich
selbst! Ha, ha! Auf so etwas baut sich die Religion der Liebe auf,
deren Hohepriester die Dichter sind. Jeder Verehrer weiß, daß seine
Liebe nur eine flüchtige Leidenschaft oder eine Lüge ist, die er nach
seinem Lieblingsdichter nachempfunden hat, aber er glaubt getreulich,
daß die anderen ihn selbst in echter Weise lieben. Ho, ho! Ist das
keine verrückte Welt, mein Schatz?«
»Du hattest kein Recht, Agatha den Hof zu machen. Du hast überhaupt
kein Recht, jemand den Hof zu machen außer mir, und ich ließe es mir
auch nicht gefallen.«
»Du bist böse, weil Agatha dein Monopol angetastet hat. Stets ein
Monopol! Glaubst du törichtes Mädchen wirklich, ich gehörte dir mit
Leib und Seele? -- ich dürfte nur durch deine Liebe erregt werden oder
nur an deine Schönheit denken?«
»Du kannst mich soviel beschimpfen wie du willst, aber du hast kein
Recht, Agatha den Hof zu machen.«
»Meine Liebste, ich erinnere mich nicht, dich beschimpft zu haben. Ich
glaube aber, du sagtest etwas von einem selbstsüchtigen Tier.«
»Das ist nicht wahr. Aber du nanntest mich ein törichtes Mädchen.«
»Aber, mein Lieb, das bist du doch.«
»Und bei dir hatte ich recht. Du bist durch und durch selbstsüchtig.«
»Das leugne ich nicht. Doch wir wollen zu unserem früheren Gespräch
zurückkehren. Warum haben wir doch den Zank angefangen?«
»Ich zanke mich nicht, Sidney. Du tust das.«
»Nun gut, warum habe ich den Zank begonnen?«
»Wegen Agatha Wylie.«
»Oh, verzeih mir, Hetty, ihretwegen fing ich sicher nicht an, mich zu
streiten. Ich habe sie sehr gern -- viel mehr, als sie, wie es scheint,
mich leiden kann. Einen Augenblick, Hetty, ehe du von neuem mit deinen
Vorwürfen beginnst. Warum kannst du es nicht leiden, wenn ich Agatha
Schmeicheleien sage?«
Henrietta überlegte und sagte: »Weil du kein Recht dazu hast. Du zeigst
dadurch, wie wenig du dir aus mir machst.«
»Es hat mit dir gar nichts zu tun. Es zeigt nur, wieviel ich mir aus
ihr mache.«
»Ich bleibe nicht hier, um mich beschimpfen zu lassen,« sagte Hetty,
und ihr Schmerz überkam sie von neuem. »Ich will nach Hause gehen.«
»Nicht heute abend. Es fährt kein Zug mehr.«
»Dann geh ich zu Fuß.«
»Das ist zu weit.«
»Daraus mach' ich mir nichts. Ich will nicht hierbleiben, und wenn ich
vor Kälte am Straßenrand sterbe.«
»Meine Geliebte, ich habe dich absichtlich gequält, weil du mir
durch deinen Ärger zeigst, daß du mich noch gern hast. Ich habe wie
gewöhnlich unrecht und bin an allem schuld. Agatha weiß nicht, daß wir
verheiratet sind.«
»Ich tadle nicht so sehr dich,« sagte Henrietta und ließ ihn seinen
Kopf auf ihre Schulter legen. »Aber mit Agatha werde ich nie wieder ein
Wort sprechen. Sie hat sich schändlich gegen mich benommen, und ich
will es ihr sagen.«
»Sie wird zweifellos glauben, Liebste, du seiest an allem schuld und
ich hatte mich bewundernswert benommen. Zwischen euch werde ich dann
ohne Tadel dastehen. Aber jetzt, da es zu kalt zum Gehen ist, da es
schon spät ist und weit bis Lyvern und noch weiter bis London, so muß
ich dir hier etwas Bequemlichkeit herrichten.«
»Aber --«
»Aber da ist nichts zu ändern. Du mußt hierbleiben.«
Neuntes Kapitel.
Am nächsten Tage erhielt Smilasch von seiner Frau ein Versprechen, daß
sie sich Agatha gegenüber so benehmen würde, als hatte der Brief keine
Beleidigung enthalten. Henrietta flehte so beweglich wie sie konnte, er
möchte doch sofort mit ihr wieder zum häuslichen Leben zurückkehren,
aber er speiste sie mit zärtlichen Worten ab, versprach nichts als
ewige Zuneigung und schickte sie mit dem Zwölfuhrschnellzug nach London
zurück. Dann veränderte sich sein Gesichtsausdruck, und er ging nach
Lyvern zurück und von da nach seiner Hütte wie ein Mann, der von Ekel
und Reue geplagt wird.
Kurz darauf an einem Nachmittag nahm er seine Schlittschuhe, um sich
aufzuheitern, und ging nach Wickens Teich. Da es Samstag war, war er
von Altonschülerinnen und ihren Halbfeiertagsbesuchern bevölkert.
Fairholme, der mit seiner gewohnten energischen Miene seine Kreise
beschrieb, hielt inne und starrte mit unwilligem Staunen auf Smilasch,
der hinter ihm herschwankte.
»Geschieht das mit Ihrer Erlaubnis, daß der Mann hier ist?« fragte er
den Pächter Wickens, der umherging, als beaufsichtige er eine Ernte.
»Ich denke, er ist hier, weil er Lust dazu hat,« sagte Wickens
eigensinnig. »Er ist mein Nachbar und mein Freund. Haben Sie etwas
dagegen einzuwenden, daß ich einen Freund auf meinem eigenen Teich
habe, wenn sich ungefähr zwei oder drei Tonnen von anderer Leute
Freunde da herumtreiben, ohne daß sie eine besondere Zulaßkarte haben?«
»O nein,« sagte Fairholme etwas unsicher. »Wenn Sie zufrieden sind,
kann niemand etwas dagegen einwenden.«
»Das freut mich sehr. Ich dachte schon.«
»Ich darf Ihnen wohl sagen,« bemerkte Fairholme gereizt, »daß Ihr
Grundherr kaum erfreut wäre, wenn er ihn hier sähe. Smilasch hat einen
von Sir Johns besten Hirten aus dem Lande geschickt, nachdem er ihm den
Kopf mit Ideen angefüllt hatte, die über seinen Stand hinausgingen. Ich
hörte letzten Sonntag Sir John sich sehr erregt über ihn aussprechen.«
»Möglich, Mr. Fairholme. Ich hab einen Pachtvertrag auf dieses Land und
es ist ein sandiger, armer Boden -- und ich bin durchaus nicht an Sir
Johns Gefallen und Nichtgefallen gebunden. Es ist eine sehr gute Sache
für Sir John, daß ich die Pacht habe, denn es gäbe keinen Mann in der
Gegend, der jetzt das Gut übernehmen würde, wenn es morgen frei würde.
Übrigens ist es noch gar nichts, daß der junge Mensch dumme Sachen
über die Rechte der Landarbeiter und dergleichen Unsinn redet, Sir
John müßte ihn einmal hören, wenn er seine Ansicht über Grundrente und
Bodenverbesserung klarlegt und wie wir Pächter darum betrogen werden,
vielleicht würde er nächsten Sonntag erregter als je über ihn sprechen.«
Und in Wickens Lächeln, als er ihm zunickte und weiterging, lag die
ganze Befriedigung darüber, daß er es dem Geistlichen einmal gehörig
eingetränkt hatte.
Grade jetzt hörte Agatha, die mit Jane Carpenter Hand in Hand lief, die
Worte an ihr Ohr klingen: »Ich muß Ihnen etwas sehr Drolliges sagen.
Sehen Sie sich nicht um.«
Sie erkannte Smilaschs Stimme und gehorchte.
»Ich weiß nicht ganz sicher, ob es Ihnen auch soviel Spaß macht, wie
es eigentlich sollte,« fügte er hinzu und flog wieder davon, nachdem er
Miß Carpenter einen vielsagenden Blick zugeworfen hatte.
Agatha machte sich von ihrer Gefährtin los, lief einen Kreisbogen und
glitt nahe an Smilasch vorbei, indem sie fragte: »Was ist es?«
Smilasch schoß wie eine Schwalbe davon und umkreiste ein paarmal
Fairholme. Dann kehrte er zu Agatha zurück und lief neben ihr her.
»Ich habe den Brief gelesen, den Sie Hetty geschrieben haben,« sagte er.
Agathas Gesicht begann zu glühen. Sie vergaß, sich im Gleichgewicht zu
halten, und wäre fast gefallen.
»Geben Sie acht. Dann lieben Sie mich also nicht -- in der Art der
Liebesgeschichten?«
Keine Antwort. Agatha war bestürzt und wagte nicht, die Augenlider zu
erheben.
»Das ist ein Glück,« fuhr er fort, »denn -- guten Abend, Miß Ward. Ich
habe während der letzten Stunde nichts anderes getan, als Ihr Laufen
bewundert -- weil Männer immer Betrüger sind. Und ich bilde keine
Ausnahme, wie Sie sogleich zugeben werden.«
Agatha murmelte etwas, aber es war unverständlich in dem Lärm des
Schlittschuhlaufens.
»Sie glauben es nicht? Nun, vielleicht haben Sie recht. Ich habe Ihnen
nichts gesagt, was nicht in einem gewissen Sinne wahr ist. Sie haben
immer einen besonderen Reiz auf mich ausgeübt. Aber ich wollte nicht,
daß Sie das Hetty erzählten. Können Sie raten, warum?«
Agatha schüttelte den Kopf.
»Weil sie meine Frau ist.«
Agathas Knöchel erlahmten. Mit Mühe hielt sie sich aufrecht, bis sie
Jane erreichte und sich als Stütze an sie anklammerte.
»Tu das nicht,« schrie Jane. »Du wirfst mich um.«
»Ich muß mich setzen,« sagte Agatha. »Ich bin müde. Ich will mich nur
festhalten, bis wir zu den Stühlen kommen.«
»Unsinn! Ich kann eine Stunde laufen, ohne mich zu setzen,« sagte Jane.
Sie half aber doch Agatha, bis sie einen Stuhl gefunden hatte, und
verließ sie. Dann kam Smilasch, als ob er sich auch ausruhen wollte,
und setzte sich an den Rand des Weihers.
»Nun,« fragte er und machte sich keine Sorge, ob ihre Unterhaltung
auffiel oder nicht, »was halten Sie jetzt von mir?«
»Warum haben Sie mir das nicht früher gesagt, Mr. Trefusis?«