»Der andere Fuß,« antwortete er und machte sich an den zweiten

Schlittschuh. Als er ihn losgeschraubt hatte, blickte er zu ihr auf,

und sie warf ihm beim Aufstehen einen Blick zu, der zeigte, daß sie

sein Kompliment (ihre Füße waren wirklich klein und hübsch) gewürdigt

hatte.

»Gestatten Sie, Miß,« sagte er zu Gertrude, die an Agatha gelehnt auf

einem Beine stand und sich selbst die Schlittschuhe auszog.

»Nein, danke sehr,« sagte sie kühl. »Ich brauche Ihre Hilfe nicht.«

»Ich weiß wohl, daß mein Anerbieten vermessen war,« entgegnete er mit

einer Selbstzufriedenheit, die seinem Bekenntnis der Unterwürfigkeit

etwas Aufreizendes gab. »Wenn alle Schlittschuhe abgeschnallt sind,

werde ich sie nach Anordnung Miß Wilsons mit dem Feldstuhl nach der

Anstalt zurückbringen.«

Miß Ward gab ihm ihre Schlittschuhe und wandte sich fort. Gertrude

legte ihre auf den Stuhl und ging mit Miß Ward. Die andern folgten, und

er konnte auf einen Haufen Schlittschuhe starren und überlegen, wie

er sie am besten trüge. Er fand keinen besseren Plan, als die Riemen

zu verbinden und die Schlittschuhe in einer Kette über die Schultern

zu hängen. Als er das endlich fertig gebracht hatte, waren die jungen

Damen längst verschwunden, und sein Plan, auf der Rückkehr zur Anstalt

ihre Gesellschaft zu genießen, war vereitelt. Sie waren schon im

Schulgebäude verschwunden, bevor er es auch nur zu sehen bekam.

Er ärgerte sich über seine eigene Torheit und ging zum

Dienstboteneingang, um dort zu klingeln. Als die Türe geöffnet wurde,

sah er Miß Ward hinter dem Dienstmädchen stehen, das ihn eingelassen

hatte.

»Oh,« sagte sie und blickte auf die Kette von Schlittschuhen, als ob

sie schwerlich erwartet hätte, sie noch einmal wiederzusehen, »Sie

haben ja unsere Sachen zurückgebracht.«

»Ganz nach meinem Auftrag,« sagte er, denn ihr Benehmen machte ihn

bestürzt.

»Sie hatten ja gar keinen Auftrag. Wie können Sie unter einem falschen

Vorwande unsere Schlittschuhe in Verwahrung nehmen? Ich wollte grade

zur Polizei schicken, daß sie sie Ihnen wieder abnehmen sollte. Wie

konnten Sie mir sagen, Sie hätten den Auftrag, mir zu helfen, wenn Sie

selbst ganz gut wußten, daß es nicht wahr war?«

»Ich kann nicht dafür, Miß,« entgegnete er unterwürfig. »Ich bin ein

natürlicher, geborener Lügner -- ich war es immer. Ich weiß, das

muß Ihnen schrecklich erscheinen, da Sie nie in Ihrem Leben gelogen

haben und kaum wissen, was eine Lüge ist, denn Sie gehören zu einer

Gesellschaftsklasse, in der man nie lügt. Aber die gewöhnlichen Leute

lügen so leicht, wie eine Ente schwimmt. Ich bitte Sie ganz demütig

um Verzeihung, Miß, und ich hoffe, die jungen Ladys können ein Paar

Schlittschuhe von dem andern unterscheiden, denn ich kann es verdammt

nicht.«

»Legen Sie sie hin. Miß Wilson wünscht Sie zu sprechen, bevor Sie

gehen. Susanna, zeigen Sie ihm den Weg.«

»Hoffentlich haben Sie mich armen Kerl nicht in Verlegenheit gesetzt,

Miß?«

»Miß Wilson weiß, wie Sie sich betragen haben.«

Er lächelte sie wohlwollend an und folgte Susanna zur Treppe hinauf.

Unterwegs trafen sie Jane, die ihn verstohlen anblickte und grade

vorbeieilen wollte, als er sagte:

»Wollen Sie nicht ein paar Worte bei Miß Wilson für einen armen,

gewöhnlichen Burschen einlegen, geehrte junge Lady? Ich bin in

schreckliche Verlegenheit gekommen, weil ich so frei war, Ihnen heute

morgen zu helfen.«

»Geben Sie sich keine Mühe, so zu sprechen,« erwiderte Jane scharf.

»Wir wissen alle, daß Sie sich nur verstellen.«

»Nun, Sie können ja meine Gründe erraten,« flüsterte er und sah sie

zärtlich an.

»Solch ein Quatsch und Unsinn! So was hab ich in meinem Leben noch

nicht gehört,« sagte Jane und rannte davon. Sie war jetzt fest davon

überzeugt, daß er diese niedrige Stellung angenommen hatte, um Einlaß

in die Anstalt zu finden und das Glück zu genießen, sie zu sehen.

»Ich bin ein verdammter Narr!« sagte er zu sich selbst. »Ich kann doch

keine fünf aufeinanderfolgende Minuten wie ein vernünftiger Mensch

handeln.«

Das Dienstmädchen führte ihn zu dem Arbeitszimmer und meldete: »Hier

ist der Mann, Madame.«

»Jeff Smilasch,« fügte er erklärend hinzu.

»Herein!« sagte Miß Wilson streng.

Er trat hinein und verjagte den entschlossenen, ernsten Blick, den sie

ihm von ihrem Platz hinter dem Schreibtisch zuwarf, indem er höflich

sagte:

»Guten Morgen, Miß Wilson.«

Sie verneigte sich unwillkürlich, als ob sie einen Gentleman empfing.

Dann faßte sie sich und machte ein unerbittliches Gesicht.

»Ich muß Sie um Verzeihung bitten,« sagte er, »weil ich

unerlaubterweise heute früh Ihren Namen gebraucht habe -- indem

ich tatsächlich log. Es geschah beim Schlittschuhlaufen, als die

jungen Damen herunterkamen. Sie brauchten eine Hilfe und hätten

sie schwerlich von einem gewöhnlichen Mann angenommen -- verzeihen

Sie, daß ich den langweiligen Ausdruck unseres Bekannten Smilasch

übernehme. So beruhigte ich sie, indem ich ihnen erzählte, Sie hätten

mich beauftragt. Andererseits haben Sie mir ein schlechtes Zeugnis

ausgestellt -- natürlich kein schlechteres, als ich verdiene -- und so

würden sie sich offenbar geweigert haben, mich damit zu beauftragen.

Schließlich hätte ich auch eine Bezahlung annehmen müssen, die ich

natürlich nicht brauchte.«

Miß Wilson stellte sich erstaunt. »Ich verstehe Sie nicht,« sagte sie.

»Nicht ganz und gar,« sagte er lächelnd. »Aber Sie verstehen, daß ich

ein sogenannter Gentleman bin.«

»Nein. Die Gentlemen, mit denen ich verkehre, kleiden sich nicht so wie

Sie, sprechen nicht so wie Sie und handeln auch nicht so wie Sie.«

Er blickte sie an, und ihr Gesichtsausdruck bestätigte die

Feindseligkeit, die in ihrem Ton lag. Er nahm sofort in verstärktem

Maße das Wesen Smilaschs an.

»Ich will nicht mehr versuchen, mich als Gentleman aufzuspielen,« sagte

er. »Ich bin ein gewöhnlicher Mann, und Eurer Gnaden Blick erkennt mich

als solchen und ist nicht zu täuschen. Aber kommen Sie mir nicht damit,

zu sagen, ich sei nicht ehrlich, wenn ich so ehrlich bin, wie Sie es

mir nur erlauben. Es ist doch kein Verbrechen, wenn ich den jungen

Ladys die Schlittschuhe anziehe und ihnen den Feldstuhl trage.«

»Wenn Sie ein Gentleman sind,« sagte Miß Wilson errötend, »dann ist

Ihre Art, wie Sie in meiner Gegenwart bei diesen Possen beharren,

beleidigend für mich. Höchst beleidigend.«

»Miß Wilson,« entgegnete er unbewegt, »wenn Sie auf Smilasch bestehen,

sollen Sie Smilasch haben. Es macht mir ein närrisches Vergnügen, ihn

darzustellen. Wenn Sie Sidney wollen -- mein wirklicher Vorname -- er

steht Ihnen zur Verfügung. Aber erlauben Sie, daß ich das sage, Sie

müssen entweder den einen oder den andern wählen. Wenn Sie offen zu mir

sprechen, dann werde ich verstehen, daß Sie sich an Sidney wenden. Wenn

Sie zurückhaltend und streng sind, an Smilasch.«

»Es ist mir gleich, welches Ihr Name ist,« sagte Miß Wilson sehr

verdrießlich. »Ich verbiete Ihnen, hierher zu kommen und mit den

Mädchen, die in meiner Obhut sind, in irgendeine Verbindung zu treten.«

»Warum?«

»Weil ich das so will.«

»Das ist ein sehr gewichtiger Grund, Miß Wilson. Aber das sind nicht

die Grundsätze der moralischen Beeinflussung, von der Sie in Ihrem

Anstaltsprospekt reden. Ich habe ihn mit großem Interesse gelesen.«

Miß Wilson war seit ihrem Streit mit Agatha empfindlich in bezug auf

die moralische Beeinflussung. »Niemand ist hier zugelassen,« sagte

sie, »ohne eine vertrauenswürdige Einführung oder Empfehlung. Eine

Verkleidung ist kein genügender Ersatz für eines von diesen.«

»Verkleidungen werden im allgemeinen gewählt, um Verbrechen zu

verbergen,« bemerkte er kurz.

»Das werden sie auch,« sagte sie mit Ausdruck.

»Darum habe ich, um auch das noch zu sagen, einen zweifelhaften

Charakter. Nun hat sich zwischen mir und einigen Schülerinnen eine

flüchtige Bekanntschaft gebildet, die Sie, wie es scheint, mißbilligen.

Sie haben mir keinen genügenden Grund angegeben, warum ich die

Bekanntschaft aufgeben soll, und Sie können mich nur durch Ihre Wünsche

beeinflussen, die aber gewöhnlich auf zweifelhafte Charaktere keinen

starken Eindruck machen. Angenommen, ich mißachte Ihren Wunsch, und

eine oder zwei Schülerinnen kommen zu Ihnen und sagen: >Miß Wilson,

nach unserer Meinung ist Smilasch ein prächtiger Mensch. Man gewinnt

durchaus bei seiner Unterhaltung. Da es Ihr Grundsatz ist, daß wir nach

unserm eigenen Urteil handeln können, so wollen wir die Bekanntschaft

mit Smilasch weiter fortsetzen.< Wie werden Sie in dem Falle handeln?«

»Ich werde sie sofort zu ihren Eltern zurückschicken.«

»Ich sehe, Sie haben dieselben Grundsätze wie die englische Kirche.

Sie gestatten Ihren Schülerinnen das Recht der eigenen Meinung unter

der Bedingung, daß sie zu denselben Schlüssen kommen wie Sie selbst.

Entschuldigen Sie meine Bemerkung, daß die an sich ausgezeichneten

Grundsätze der englischen Kirche nicht dieselben sind, wie ich sie

bei Ihnen nach Ihrem Prospekt erwartet habe. Ihr Plan ist einfach ein

starrer Zwang.«

»Das kann ich nicht zugeben,« sagte Miß Wilson, denn sie war stets

bereit, ihr System zu verteidigen, selbst gegen Smilasch. »Die Mädchen

haben die vollständige Freiheit, nach ihrem eigenen Gutdünken zu

handeln, aber ich behalte mir die gleiche Freiheit vor, sie von der

Anstalt zu entfernen, wenn ich ihr Benehmen nicht billigen kann.«

»Ganz recht. Auf den meisten Schulen haben die Kinder die vollständige

Freiheit, ihre Aufgaben zu lernen oder nicht zu lernen, ganz wie sie

wollen. Aber der Lehrer beansprucht die gleiche Freiheit, sie zu

prügeln, wenn sie diese Aufgaben nicht wiederholen können.«

»Ich schlage meine Schülerinnen nicht,« sagte Miß Wilson unwillig. »Der

Vergleich ist beschimpfend.«

»Aber Sie jagen sie fort. Und da sie an Ihnen und an der Anstalt

hängen, ist diese Entlassung eine gefürchtete Strafe. Sie haben

das alte System, Gesetze aufzustellen und deren Beobachtung durch

Strafen zu erzwingen. Wenn die Altonschule den andern überlegen

ist, so liegt das nicht an einem Unterschied im System, sondern an

den verhältnismäßig vernünftigen Vorschriften und an der Milde und

Rücksicht, mit der diese Vorschriften erzwungen werden.«

»Mein System ist von Grund aus verschieden von dem alten. Doch ich

will mich mit Ihnen nicht darüber streiten. Ein Kopf, der mit den

Vorurteilen der alten Zwangserziehung ausgefüllt ist, sieht natürlich

in meinem System nur eine Wiederholung des alten, anstatt einer

vollkommenen Umkehrung und Neubildung.«

Er schüttelte traurig seinen Kopf und sagte: »Sie wollen andern Ihre

Ansichten aufdrängen, indem Sie die Widerspenstigen in Bann tun.

Glauben Sie mir, die Menschen haben nie etwas anderes getan, seit sie

begannen, sich mit Ideen zu befassen. Man hat gesagt, ein wohlwollender

Despotismus sei die beste Regierungsform, die möglich ist. Ich glaube

nicht an diesen Satz, weil ich an einen andern glaube, daß die Hölle

mit Wohlwollen gepflastert ist, was die meisten Menschen, denen dieser

Satz zu tief ist, dahin mißverstehen, die Hölle sei mit guten Vorsätzen

gepflastert. Als ob ein wohlwollender Despot durch einen Irrtum nicht

sein ganzes Königreich zerstören und dann wie Romeo, der seinen

Freund getötet hat, ausrufen könnte: >Ich dacht' es gut zu machen!<

Entschuldigen Sie meine Abschweifung. Ich wollte sagen, obgleich Sie

wohlwollend und gerecht sind, sind Sie doch ein Despot.«

Miß Wilson, der keine treffende Antwort einfiel, bedauerte, daß sie

ihn nicht kurzerhand entlassen hatte, bevor er so weit die Oberhand

gewinnen konnte. Nun aber war sie in einen Wortstreit verwickelt und

fand keinen Weg, ihn mit Würde zu beendigen. Er half ihr, indem er

unerwartet hinzufügte:

»Ihr System war die Ursache meiner törichten Heirat. Meine Frau erhielt

hier durch ihre Erziehung einen Grad von Kultur und Vernünftigkeit, daß

man glaubte, sie stände über den schnatternden Plaudertaschen, die die

Blüte der weiblichen Gesellschaft bilden. Ich bewunderte ihre dunklen

Augen und schloß nur zu gern aus ihrer Erziehung, daß wir nicht nur

eine leibliche, sondern auch eine geistige Verbindung eingehen würden.«

Miß Wilson war erstaunt und beschloß, ihm kühl zu sagen, sie habe keine

Zeit mehr. Aber während sie das aussprechen wollte, überkam sie die

Neugierde, und sie sagte nur: »Wer war es?«

»Henrietta Jansenius. Jetzt Henrietta Trefusis, und ich bin Sidney

Trefusis, wenn ich mich Ihnen anvertrauen darf. Ich sehe, ich habe

endlich Ihr Mitgefühl geweckt.«

»Unsinn!« sagte Miß Wilson schnell, denn in ihr Erstaunen mischte sich

wirklich ein Gefühl, daß er sich an Henrietta fortgeworfen habe.

»Ich lief von ihr fort und wählte diese Einsamkeit und diese

Verkleidung, um ihr nicht mehr zu begegnen. Es ging mir, wie es immer

geht, wenn man zu vorsichtig ist. Ich rannte gradenwegs in ihre Arme

-- oder vielmehr sie rannte in meine. Sie erinnern sich der Szene, die

Ihnen sehr seltsam vorkam.«

»Sie scheinen Ihre Eheschließung für keine wichtige Sache zu halten,

Mr. Trefusis. Darf ich Sie fragen, wer eigentlich an der Trennung

Schuld hatte? Natürlich Henrietta.«

»Ich habe ihr nichts vorzuwerfen. Ich erwartete, sie würde ein heftiges

Wesen haben, aber das war nicht der Fall -- ihr Benehmen war tadellos.

Ich betrug mich ebenso. Unser Glück war vollkommen, aber leider bin ich

nicht für häusliches Glück geschaffen -- jedenfalls ertrug ich es nicht

lange -- so floh ich, und als sie mich wiedergefunden hatte, konnte ich

ihr keine Entschuldigung für meine Flucht geben. Immerhin machte ich

ihr klar, daß ich unsere eheliche Verbindung jetzt noch nicht wieder

aufnehmen wollte. Wir schieden nicht im besten Einvernehmen. Ich hatte

die beste Absicht, ihr einen süßen Brief zu schreiben, damit sie mir

trotz allem vergeben sollte, aber nun sind die Wochen dahingegangen,

und ich bin noch immer bei der Absicht. Sie hat nicht mehr geschrieben

und ich auch nicht. Nicht wahr, Miß Wilson, das ist ein hübscher

Zustand nach allen ihren Vorzügen, die sie unter der moralischen

Beeinflussung und höhern Frauenerziehung erworben hat?«

»Nach dem, was Sie selbst zugegeben haben, scheint die Schuld an Ihrer

eigenen moralischen Erziehung zu liegen, nicht an der Henriettas.«

»Die Schuld liegt an den Umständen unserer Verbindung. Warum sie mich

im Anfang so mächtig angezogen und nachher so entsetzlich abgestoßen

hat, das ist eins von jenen Teufelsrätseln, die wir nicht entwirren

können, bis wir hinter die feinsten Winkelzüge unserer geheimen

Schlechtigkeit gekommen sind. Doch ich fürchte, ich nehme Ihnen Ihre

Zeit. Sie wollten Smilasch sprechen, und dessen Persönlichkeit habe ich

doch jetzt vernichtet. Vor der Öffentlichkeit aber muß ich diese Possen

weiter treiben. Noch eins. Ich wollte Sie fragen, ob Sie sich für den

Viehhirten interessieren, dessen Weib Sie in der Sturmnacht aufnahmen?«

»Er versicherte mir, ehe er seine Frau abholte, daß er eine gut

eingerichtete Wohnung in Lyvern gefunden habe.«

»Ja. Eine wirklich sehr gut eingerichtete. Für eine halbe Krone die

Woche durfte er mit zwei anderen Familien ein geräumiges Zimmer teilen

in einem Hause, das schwerlich in besserem Zustande war als seine durch

den Sturm zerstörte Hütte. Dieses Haus, das zehn Zimmer hat, bringt

seinem Eigentümer über zweihundert Pfund im Jahr, also mehr als die

Miete für ein bequemes herrschaftliches Wohnhaus in South Kensington.

Es ist etwas beschwerlich, die Miete einzusammeln, aber dafür hat man

auch keine Ausgaben für Reparaturen und sanitäre Einrichtungen, die man

in Mietskasernen für überflüssig hält. Unser Freund muß drei Meilen

bis zu seiner Arbeitsstätte gehen und drei Meilen zurück. Bewegung ist

eine prächtige Sache für Studenten und Bureaumenschen, aber für einen

Viehtreiber, der den ganzen Tag auf den Feldern zugebracht hat, ist ein

langer Marsch nach beendeter Arbeit etwas zu viel des Guten. Er bat um

eine Lohnerhöhung zum Ausgleich für den Verlust der Hütte, aber Sir

John deutete ihm an, wenn er nicht mit seiner Stellung zufrieden sei,

die könnte er leicht durch einen weniger anspruchsvollen Viehtreiber

ausfüllen. Sir John ließ sich sogar so weit herab, zu erklären, daß er

als Unternehmer durch die Gesetze der Sozialökonomie gezwungen sei, die

Arbeit auf dem billigsten Markte einzukaufen, und unser armer Freund,

der in ökonomischer Beziehung ebenso unwissend wie Sir John ist, wußte

natürlich nicht, daß das falsch sei. Da aber die Arbeit augenblicklich

überall so billig im Preis steht -- Downing-Street und einige andere

bevorzugte Plätze vielleicht ausgenommen -- so riet ich unserm Freund,

er sollte irgendwohin gehen, wo sein Marktpreis höher ist als in dem

lustigen England. Er war gern bereit dazu, doch es fehlten ihm die

Mittel. Darum borgte ich ihm eine Kleinigkeit, und er ist jetzt auf dem

Wege nach Australien. Arbeiter sind die Gänse, die die goldenen Eier

legen, aber sie fliegen manchmal davon. Ich höre einen Gong anschlagen.

Das erinnert mich, wie schnell die Zeit vergeht und welchen Wert sie

für Sie hat. Guten Morgen.«

Miß Wilson hatte plötzlich das Gefühl, sie dürfte ihn nicht

gehen lassen, ohne an seine bessere Natur appelliert zu haben.

»Mr. Trefusis,« sagte sie, »entschuldigen Sie, aber vergessen Sie nicht

in Ihrer Großmut gegen andere etwas -- Ihre Pflicht gegen sich selbst?

Und --«

»Es ist die erste und härteste aller Pflichten!« erklärte er. »Ich

bitte Sie um Verzeihung, weil ich Sie unterbrochen habe. Ich wollte

mich nur schuldig bekennen.«

»Ich kann nicht zugeben, daß es die erste aller Pflichten ist, aber es

ist manchmal vielleicht die härteste, wie Sie es nennen. Sie könnten

aber viel billiger gegen sich handeln, ohne sich all diese Mühe zu

geben. Wenn Sie ein niedriges Leben führen wollen, dann brauchen Sie

sich doch nicht für einen ungebildeten Mann auszugeben und nicht

solchen lächerlichen Namen anzunehmen. Warum in aller Welt nennen Sie

sich Smilasch?«

»Ich gebe zu, daß der Name ein Fehlgriff war. Ich habe mir viele Mühe

bei seiner Konstruktion gegeben, denn ich wollte einen angenehmen

Eindruck machen. Smilasch sollte heiter und freundlich klingen. Statt

dessen reizt es nur. Das ist sehr seltsam, aber es kommt wohl daher,

weil mein Aussehen und mein Wesen so gar nicht dazu passen.«

Miß Wilson sah ihn mißtrauisch an, aber er blieb vollkommen ernst. Es

entstand eine Pause. Dann sagte sie kurz: »Guten Morgen!« als ob sie

sich entschlossen hätte, beleidigt zu sein.

»Guten Morgen, Miß Wilson. Ein Millionärssohn ist wie ein Königssohn

selten frei von geistigen Krankheiten. Ich bin grade verrückt genug, um

die andern noch betrügen zu können. Wäre ich ein bißchen verrückter,

ich würde mich vielleicht wirklich für Smilasch halten, anstatt ihn

einfach darzustellen. Ob Sie mich nun bitten, meiner einen Augenblick

zu vergessen oder mich einen Augenblick an mich selbst zu erinnern,

ich bin der Sohn meines Vaters und kann es nicht ändern. Mit meiner

Selbstsucht, meiner Quacksalberei, meiner Geschwätzigkeit und meiner

Art, stets eigene Wege zu gehen, tauge ich zu keinem andern Geschäft,

als den Erlöser der Menschen zu spielen -- so wie sie es haben wollen.«

Nach einer eindrucksvollen Pause wandte er sich langsam um und verließ

das Zimmer.

»Wenn ich jetzt absichtlich meinen Weg verliere,« sagte er, als er über

den Flur ging, »dann kann ich vielleicht den Anblick dieses Mädchens

erhaschen, das wie ein goldenes Idol ist.«

Unten traf er auch auf seinem Wege zur Tür auf Agatha, die ihm

entgegenkam und mit einem Buch Fangball spielte. Der melancholische

Ausdruck ihres Gesichts, den sie immer hatte, wenn sie allein war,

zeigte, daß sie sich nicht amüsierte, sondern nur ihrer Rastlosigkeit

nachgab. Als ihr Blick dem emporfliegenden Buch folgte, sah sie

plötzlich Smilasch. Das Buch flog zur Erde. Er nahm es auf und übergab

es ihr, indem er sagte:

»Da treffe ich ja noch zur rechten Zeit das goldene Idol!«

»Was?« fragte Agatha verwirrt.

»Ich nenne Sie das goldene Idol,« sagte er. »Wenn wir nicht beieinander

sind, stelle ich mir immer Ihr Gesicht als ein Gesicht von Gold vor

mit Augen und Zähnen von Chalcedon oder Achat oder von unbekannten,

wundervollen Steinen in passenden Farben.«

Agatha stand fassungslos und stumm da und konnte nur abweisend zur Erde

blicken.

»Sie glauben, Sie müßten ärgerlich über mich sein, und Sie wissen nicht

genau, wie Sie mich das fühlen lassen sollen. Ist es nicht so?«

»Nein, ganz im Gegenteil. Wenigstens glaube ich, daß Sie sich irren.

Ich bin der allergewöhnlichste Mensch, den Sie sich vorstellen können

-- Sie müßten mich nur kennen. Ich glaube, es ist gleich, wie ich

aussehe.«

»Woher wissen Sie, daß Sie gewöhnlich sind?«

»Natürlich weiß ich das,« sagte Agatha, und ihre Augen wanderten

unruhig umher.

»Natürlich wissen Sie es nicht. Sie können sich nicht so sehen, wie

andere Sie sehen. Zum Beispiel, Sie haben sich niemals für ein goldenes

Idol gehalten.«

»Aber das ist lächerlich. Sie täuschen sich vollständig über mich.«

»Vielleicht -- ich weiß aber, daß Ihr Gesicht nicht aus wirklichem Gold

gemacht ist und daß es für Sie nicht denselben Reiz hat wie für andere

-- für mich.«

»Ich muß gehen,« sagte Agatha, plötzlich in Eile.

»Wann werden wir uns wieder treffen?«

»Ich weiß nicht,« antwortete sie in wachsender Unruhe. »Ich muß

wirklich gehen.«

»Glauben Sie mir, Ihre Eile ist nur eingebildet. Sie stellen sich

gewiß vor, Sie benähmen sich Ihrer unwürdig und ein Netz schlinge sich

rund um Sie.«

»Nein, das denke ich gar nicht.«

»Warum sind Sie denn so ängstlich, fortzukommen?«

»Ich weiß nicht,« sagte Agatha und versuchte zu lachen, als er sie mit

gesenkten Augenlidern ungläubig ansah. »Vielleicht habe ich ein wenig

dieses Gefühl, aber nicht so sehr, wie Sie sagen.«

»Ich will Ihnen diese Erregung erklären,« sagte er mit unterdrückter

Glut, die Agatha seltsam berührte. »Aber sagen Sie mir zuerst, ob es

für Sie etwas Neues ist oder nicht.«

»Es ist überhaupt keine Erregung. Davon habe ich nichts gesagt.«

»Machen Sie sich deswegen keine Sorge. Es kommt nur dadurch, weil Sie

mit einem Mann zusammen sind, den Sie bezaubert haben. Sie wären die

Herrin der Lage, wenn Sie nur einen Liebhaber zu leiten verständen. Es

ist das viel leichter, als ein Pferd zu leiten, Schlittschuh zu laufen

oder Klavier zu spielen oder sonst ein halbes Dutzend Kunststücke

fertig zu bringen, die Sie für nichts achten.«

Agatha errötete und hob ihren Kopf.

»Vergeben Sie mir,« sagte er und unterbrach ihre Bewegung. »Ich

versuche, Sie zu beleidigen, um mich selbst vor meiner Liebe zu Ihnen

zu retten, aber ich habe nicht das Herz, es durchzuführen. Bei Ihrem

Leben, hören Sie nicht auf mich und glauben Sie mir nicht. Ich habe

kein Recht, Ihnen so etwas zu sagen. Irgendein Unhold ergreift von mir

Besitz, wenn ich vor Ihnen stehe. Sie sollten einen Schleier tragen,

Agatha.«

Sie errötete. Ihre Wangen brannten, ihre Ohren summten, und alle

Selbstbeherrschung war verschwunden. Ein Gefühl der Erlösung überkam

sie, als sie hörte -- denn zu sehen wagte sie nicht -- daß er fortging.

Ihr Bewußtsein war in seliger Verwirrung, und nur ein klarer Gedanke

blieb darin, daß sie endlich ihren Geliebten erobert hatte. Trefusis

Stimme, die einen aufrichtigen und ernsthaften Ton hatte, seine

schnelle Auffassung, die leidenschaftliche Warnung, nicht auf ihn zu

achten, überzeugten sie, daß sie eine Verbindung eingegangen war, die

ihr ganzes Leben beeinflussen würde.

»Und doch,« sagte sie und machte sich selber Vorwürfe, »ich kann

ihn nicht lieben, wie er mich liebt. Ich bin selbstsüchtig, kalt,

berechnend, leichtfertig. Ich habe bis heute überhaupt gezweifelt,

ob es so etwas wie Liebe gäbe. Wenn ich ihn doch nur unbekümmert und

ausschließlich lieben könnte, wie er mich liebt!«

Smilasch sprach ebenfalls mit sich selbst, als er seines Weges ging.

Der Amateursozialist: Roman · 第 9 / 23 段