»Verdammt!« rief die Stimme und richtete sich diesmal an jemand, der

sich draußen befand. »Sie können uns nicht verstehen.« Und das Klopfen

begann von neuem und mit verstärkter Heftigkeit. Agatha faßte erregt

Miß Wilson an ihrem Morgenkleid und wiederholte ihr, was die Stimme

gesagt hatte. Miß Wilson hatte es deutlich genug gehört, und sie

fühlte auch irgendwie, daß sie die Türe öffnen müsse, aber sie war

fast überwältigt von einer unbestimmten Furcht vor dem Kommenden. Sie

begann die Kettet abzuhängen, und Agatha half ihr bei dem Aufriegeln.

Zwei Dienstmädchen erklärten, sie würden sicher alle in ihren Betten

ermordet werden, und liefen davon. Einige von den Schülerinnen schienen

geneigt, ihrem Beispiel zu folgen. Bis endlich die freigewordene Tür

weit aufflog und Miß Wilson und Agatha zurückwarf. Ein Wirbelwind fuhr

in den Hausflur, riß an den Kleidern der Mädchen und blies die Kerzen

aus. Agatha sah beim Aufzucken eines Blitzstrahls zwei Männer, die sich

an der Türe abmühten, wie Matrosen an einer Ankerwinde. Dann hörte der

Wind auf, und sie wußte, daß die Türe geschlossen war. Streichhölzer

wurden angezündet, die Kerzen in Brand gesetzt, und man konnte jetzt

die Ankömmlinge deutlich erkennen.

Smilasch stand in bloßem Kopf und ohne Rock da, seine Manchesterweste

und Hose waren schwer vom Regen. Neben ihm stand ein struppig

aussehender Mann im mittleren Alter, der die ärmliche Kleidung eines

Viehhirten trug und gleichfalls ganz durchnäßt war. Er hatte das

armselige, geduldige und verzweifelte Gesicht eines Menschen, der

vom Unglück hart verfolgt und am Ende seiner Kräfte ist. Zwei kleine

Kinder, ein Knabe und ein Mädchen, die fast nackt waren, verbargen

sich unter einem alten Sack, den sie als Schirm gebraucht hatten. Auf

der Polsterbank aber lag ein Bündel abgetragener Kleidungsstücke,

Sackleinen und zerrissener Decken, das mit Smilaschs Rock und Südwester

bedeckt war. Unter diesem Haufen Lumpen verbarg sich ein erschöpftes

Weib mit einem armseligen Säugling an der Brust. Smilaschs Gesicht

bekam einen grimmigen Ausdruck, als er nach ihr hinsah.

»Verzeihen Sie, daß wir Sie stören, Lady,« sagte der Mann nach einem

ängstlichen Blick auf Smilasch, da er erwartete, daß dieser sprechen

würde. »Aber mein Dach und eine Wand von dem Haus sind bei dem Sturm

eingestürzt, und meine Frau hat noch ein anderes kleines Kind gehabt,

und es tut mir so leid, daß wir Sie belästigen, Miß. Aber -- aber --«

»Belästigen!« schrie Smilasch. »Es ist das höchste Vorrecht einer Dame,

Ihnen zu helfen -- das höchste Vorrecht.«

Der kleine Junge begann hier vor lauter Elend zu weinen, und die Frau

erhob sich, indem sie sagte: »Schäme dich, Tom! Hier vor der Lady.«

Dann aber sank sie zusammen, zu schwach, um sich noch um etwas zu

bekümmern, was jetzt geschehen konnte.

Smilasch sah ungeduldig Miß Wilson an, die zauderte und ihn endlich

fragte: »Was erwarten Sie denn, daß ich tun soll?«

»Helfen sollen Sie uns,« antwortete er. Dann fügte er mit einem

Ausbruch nervöser Energie hinzu: »Tun Sie, was Ihr Herz Ihnen gebietet.

Geben Sie dem Weibe Ihr Bett und Ihre Kleider und lassen Sie die

Mädchen auf ein paar Tage ihre Bücher zum Teufel werfen, damit sie für

die armen, kleinen Geschöpfe etwas Kleidung anfertigen. Die Armen haben

schwer genug gearbeitet, um _sie_ zu bekleiden. Lassen Sie jetzt die

Mädchen auch einmal die Armen bekleiden.«

»Nein, nein. Alles was recht ist, Master,« sagte der Mann,

augenscheinlich sehr bedrückt durch ein Gefühl, unwillkommen zu sein,

und er trat einen Schritt vor, um Miß Wilson günstig zu stimmen. »Die

Ladys haben keine Schuld. Wenn ich so kühn sein darf, Sie um was zu

bitten, dann geben Sie nur meiner Frau bis morgen Obdach. Irgend ein

Platz genügt, sie ist dran gewöhnt, sich durchzuschlagen. Wenn sie nur

ein Dach über dem Kopf hat, bis ich im Dorf ein Zimmer finde, wo wir

einziehen können.« Hier brachten ihn seine eigenen Worte dazu, an die

Zukunft zu denken, und er blickte verzweifelt an dem Säulengebälk des

Flures vorbei, als ob da ein Gefach sei, in dem vielleicht jemand eine

passende Unterkunft für ihn gelassen hätte.

Miß Wilson wandte entschlossen und verächtlich Smilasch den Rücken

zu. Sie hatte ihre Fassung wiedergefunden. »Ich will Ihr Weib hier

behalten,« sagte sie zu dem Mann. »Es wird für sie in jeder Weise

gesorgt werden. Die Kinder können auch hier bleiben.«

»Dreimal hoch die moralische Beeinflussung!« schrie Smilasch begeistert

und fiel wieder in seine rohe Sprache zurück, die er in seinem Zorn

ganz vergessen hatte. »Was sagte ich, Nachbar, als ich sagte, Sie

sollten Ihre Frau zu der Anstalt bringen, und Sie sagten ironisch, >Ach

ja, die werden verflucht froh sein, wenn sie uns da sehen.< Sagte ich

nicht, die Lady hat ein nobles Herz, und sie zeigt es auch, wenn solch

ein Malör an sie herantritt?«

»Wie können Sie meine übereilten Worte hier gegen mich vorbringen,

Master, da die Lady so freundlich ist?« entgegnete der Mann erregt.

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, Miß, und Beß auch. Wir fühlen, wie lästig

wir --«

Miß Wilson, die sich mit der Haushälterin beraten hatte, schnitt

seine Rede kurz ab, indem sie ihm sagte, er solle jetzt sein Weib zu

Bett bringen. Er tat das auch mit Hilfe Smilaschs, der jetzt jubelte.

Während sie fort waren, weigerte sich ein Dienstmädchen, eine Bettdecke

in das Zimmer der Frau zu bringen, und sagte, solche Menschen wollte

sie nicht bedienen. Miß Wilson gab ihr im heftigsten Tone Bescheid, sie

könnte am nächsten Tag die Anstalt verlassen. Das war aber auch der

einzige Fall von Übelwollen gegen die Ankömmlinge. Die jungen Damen

wurden dann gebeten, wieder zu Bett zu gehen.

Unterdessen hatte der Mann seine Frau untergebracht. Es war das

reine Palastzimmer im Vergleich mit dem, das durch den Sturm über ihr

zusammengebrochen war. Er gratulierte ihr zu ihrem Glück und bedrohte

die Kinder mit der strengsten Züchtigung, wenn sie sich nicht ganz

brav aufführten, solange sie in diesem Hause blieben. Bevor er sie

verließ, küßte er seine Frau. Sie hatte sich etwas erholt und bat ihn,

noch einmal den Säugling zu betrachten. Er tat es und gab ihm dabei

ein böses Schimpfwort, denn er dachte an die Zeit, da der Appetit des

Kleinen nicht mehr an der Brust der Mutter gestillt werden könnte,

da man für ihn im Laden einkaufen müßte. Sie lachte und machte ihm

Vorwürfe, und so schieden sie fröhlich voneinander. Als er mit Smilasch

zur Halle zurückkehrte, standen da zwei Krüge Bier für sie. Die Mädchen

hatten sich entfernt, nur Miß Wilson und die Haushälterin waren

zurückgeblieben.

»Zur Gesundheit, Madame,« sagte der Mann, bevor er trank. »Mögen Sie

auch so jemand finden, wenn Sie einmal in Sorgen kommen, was der Herr

verhüte.«

»Ist Ihr Haus ganz zerstört?« fragte Miß Wilson. »Wo wollen Sie denn

die Nacht verbringen?«

»Denken Sie nicht an mich, Madame. Hier Master Smilasch nimmt mich bis

morgen auf.«

»Seine Gesundheit!« sagte Smilasch, indem er den Krug mit seinen Lippen

berührte.

»Das Dach und die südliche Wand sind ganz fortgeweht,« fuhr der Mann

fort, nachdem er einen Moment geschwiegen und über Smilaschs Worte

gegrübelt hatte. »Ich zweifle, ob noch ein Stein auf dem andern steht.«

»Aber Sir John wird es für Sie wieder aufbauen. Sie sind doch einer von

seinen Hirten, nicht wahr?«

»Jawohl, Miß. Aber er baut nicht. Er wird nur zu froh sein, daß es

glücklich zusammengebrochen ist. Er hat es nicht gern, wenn Leute auf

dem Felde wohnen. Ich hab es ihm immer und immer wieder gesagt, daß

das Häuschen einfallen würde. Aber er meinte, ich könnte doch nicht

verlangen, daß er für ein Haus Geld ausgäbe, das ihm keine Miete

einbrächte. Sie wissen, Miß, ich bezahlte keine Miete. Ich bekam einen

niedrigen Lohn, und das bißchen Hütte wurde mir dafür angerechnet, weil

ich weniger erhielt als die andern Leute. Ich konnte es nicht instand

setzen lassen, obgleich ich nach Kräften daran ausbesserte. Und jetzt

werde ich sicher Vorwürfe bekommen, weil ich es einstürzen ließ. Ich

werde in der Stadt ein halbes Zimmer bewohnen müssen und zwei oder drei

Schillinge Miete die Woche bezahlen, abgesehen davon, daß ich jeden Tag

drei Meilen hin und zurück zu meiner Arbeit gehen muß. Ein Gentleman

wie Sir John weiß schwerlich, welchen Wert ein Penny für das arbeitende

Volk hat und wie schwer diese Gutsvorschriften und dergleichen auf uns

lasten.«

»Sir Johns Gesundheit!« sagte Smilasch und berührte den Krug wie

vorher. Der Mann trank unterwürfig einen Schluck, und Smilasch fuhr

fort: »Das ist der glorreiche Landadel von Altengland. Gott erhalte

ihn!«

»Master Smilasch spaßt nur,« sagte der Mann entschuldigend. »Er ist

einmal so.«

»Sie sollten keine Kinder auf die Welt setzen, wenn Sie so arm sind,«

sagte Miß Wilson streng. »Sehen Sie denn nicht ein, daß Sie sich

dadurch nur ärmer machen, um die Sache von einem höheren Gesichtspunkt

zu betrachten.«

»Hochwürden Mr. Malthus' Gesundheit!« bemerkte Smilasch und wiederholte

seine Bewegung mit dem Kruge.

»Einige sagen, es kommt durch die Kinder, andere sagen, es kommt durch

das Trinken, Miß,« sagte der Mann demütig. »Aber so weit ich sehe,

Familie oder nicht Familie, betrunken oder nicht betrunken, mit jedem

Tag werden die Armen ärmer und die Reichen reicher.«

»Ist es nicht widerwärtig, wenn ein Mann eine so krasse Unwissenheit

über die gehobene Lebenslage seiner Klasse verrät?« fragte Smilasch,

indem er sich an Miß Wilson wandte.

»Wenn Sie beabsichtigen, den Mann mit nach Hause zu nehmen,« sagte sie

und sah ihn scharf an, »dann tun Sie es am besten jetzt gleich.«

»Ich finde es gütig von Ihnen, daß Sie mich bitten, etwas zu tun.

Früher waren Sie doch so erzürnt und sagten Mr. Wickens, ich sei die

letzte Person in Lyvern, der Sie eine Arbeit anvertrauen würden.«

»Das sind Sie auch -- die allerletzte Person. Warum trinken Sie Ihr

Bier nicht?«

»Nicht weil ich Ihr Gebräu verachte, Lady. Aber ich bin nur ein

gewöhnlicher Mann, und Wasser ist gut genug für mich.«

»Ich wünsche Ihnen gute Nacht, Miß,« sagte der Mann. »Und ich danke

auch vielmals wegen Beß und der Kinder.«

»Gute Nacht,« sagte sie und ging an die Seite, um jede Begrüßung durch

Smilasch zu vermeiden. Aber er trat zu ihr hin und sagte mit leiser

Stimme, indem er wieder das Benehmen und den Ausdruck des Trefusis

annahm:

»Gute Nacht, Miß Wilson. Sollten Sie jemals die Dienste eines Hundes,

eines Mannes oder eines Hausingenieurs gebrauchen, dann erinnern Sie

Smilasch an Beß und die Kinder, und er wird sofort zur Stelle sein.«

Sie öffneten vorsichtig die Türe und fanden, daß der Sturm, durch den

Regen überwältigt, nachgelassen hatte. Miß Wilsons Kerze flackerte zwar

in dem Zugwinde, aber sie wurde diesmal nicht ausgelöscht. Die beiden

Frauen waren jetzt allein. Sie schlossen und verriegelten die Türe

und lauschten auf die Fußtritte, die auf dem Kiesboden knirschten und

langsam in dem gleichmäßigen Gießen des Regens erstarben.

Siebtes Kapitel.

Agatha ging um diese Zeit in ihr siebzehntes Jahr. Sie hatte eine

scharfe Auffassung für die Schwächen der andern und keinen Respekt

vor den älteren Schülerinnen, die sie für stumpfsinnig, ängstlich und

lächerlich alltäglich hielt. Aber sie war einer Einbildung unterworfen,

die die Jugend so oft dem Alter gegenüber benachteiligt: sie hielt sich

für eine Ausnahmenatur. Während sie Mr. Jansenius und dem gewöhnlichen

Menschenpack nur eine oberflächliche Kenntnis der gröbsten Tatsachen

des Lebens zutraute, fühlte sie in ihrer Seele ein zartes Verständnis

und eine hingebende Liebe zur Natur, die nur ihre Lieblingsdichter,

ihre Roman- und Geschichtshelden teilten. Deshalb konnte sie wie die

meisten jungen Menschen viel besser die Angelegenheiten fremder Leute

beurteilen als ihre eigenen. Über ihre Mitschülerinnen, die irgendeinen

Hans oder Heinrich anbeteten, nicht aus dem kindischen Gefühl, das

die Welt Liebe nennt, sondern weil grade dieser Hans oder Heinrich

ein Phönix war, auf den die Gesetze, die sonst die Beziehungen junger

Leute regeln, nicht paßten, lachte sich Agatha ins Fäustchen. Je mehr

sie solche Schwächen bei ihren Freundinnen sah, desto sicherer fühlte

sie sich selbst davor. Sie war ja gewarnt. Sie glich einem Doktor, der

glaubt, er sei vor den Pocken sicher, weil er schon viele Fälle davon

gesehen hat. Oder einem Seemann, der weiß, wie viele Schiffe im Kanal

untergehen, und der nun ohne Steuermann fährt, weil er die Gefahren

viel zu gut kennt, um etwas von ihnen zu befürchten. Und wie der Doktor

an einer solchen Meinung festhält, weil er glaubt, er sei anders

veranlagt als die gewöhnlichen Menschen, wie der Schiffer so lossegelt,

weil er sein Schiff -- für einen Stern hält: so fand auch Agatha eine

falsche Sicherheit in dem Unterschied zwischen ihren Mitschülerinnen,

die sie von außen beurteilte, und sich selbst, die sie innerlich

kannte. Als sie sich zum Beispiel in Mr. Jefferson Smilasch verliebte

-- sie entschloß sich dazu am Tage nach dem Sturm -- gab ihre Phantasie

diesem wonnigen Gefühl eine höhere Weihe, die es weit über die

nichtigen Schwärmereien setzte, die ihr die andern Mädchen anvertrauten

und deren Gegenstand Hans oder Heinrich waren.

»Ich kann ihn ganz kühl und gleichgültig ansehen,« sagte sie sich

selbst. »Obgleich sein Gesicht einen seltsamen Einfluß ausübt, der

sicherlich mit einer unerklärlichen Macht in mir in Verbindung steht,

ist es doch kein vollkommenes Gesicht. Ich habe viele Männer gesehen,

die streng genommen viel hübscher sind. Wenn auch ein überirdisches

Licht aus seinen Augen leuchtet, es sind doch keine hübschen Augen --

sie sind nicht halb so klar wie meine. Obgleich er seine gewöhnliche

Kleidung mit einer unaussprechlichen Grazie trägt, die seine feine

Erziehung mit jedem Schritt verrät, er ist doch nicht schlank,

dunkelhaarig und melancholisch, wie mein idealer Held sein würde, wenn

ich eine solche Närrin wäre wie die andern Mädchen in meinem Alter.

Wenn ich auch verliebt bin, ich habe doch genug Verstand, um mir durch

meine Liebe nicht mein klares Urteil trüben zu lassen.«

Sie erzählte niemand von dem neuen Reiz, den ihr Leben gewonnen hatte.

Sie war die stärkste in dem Mädchenkreise und benutzte ihre Macht in

gutmütiger Weise, um die beliebte Anführerin der andern zu werden. Aber

sie schreckte auch gelegentlich nicht davor zurück, sich die Vorrechte

eines Schultyrannen zu verschaffen. Aber Beliebtheit und Vorrechte

genügten ihr nur, wenn sie die Laune dafür hatte. Die Mädchen wollen

wie die Männer gehätschelt, getröstet und mit Aufmerksamkeit behandelt

werden, wenn sie mutlos und niedergeschlagen sind oder unerwiderte

Liebe fühlen. Solche Dienste kann aber der Schwache nicht dem

Starken erweisen, und der Starke will es nicht tun, außer wenn beide

verschiedenen Geschlechts sind. Agatha wußte durch Erfahrung, daß ein

schwaches Mädchen nicht versteht, warum die stärkere Schwester sich

an sie anlehnt, daß sie sich einfach an der Tatsache erbaut und statt

aller Tröstung nur Geschwätz gibt. Agatha suchte Verständnis und kein

Geschwätz. Da sie das nicht finden konnte, beschloß sie, auf Mitgefühl

zu verzichten und zu schweigen. Sie hatte das schon oft tun müssen,

und jetzt half ihr die Empfindung, wie lächerlich ihr Gefühl einem

gewöhnlichen Auge erscheinen mußte.

Ihr Geheimnis war leicht zu verbergen, da man sie auf der Schule jeder

zarteren Empfindung für unfähig hielt. Die Liebe beeinflußte sie

äußerlich gar nicht. Sie versetzte sie nur in den Glauben, daß jetzt

ihre Mädchenzeit hinter ihr läge, daß sie jetzt eine Frau mit neu

entstandenen Trieben und Fähigkeiten sei, über die sie noch vor kurzem

in kindischer Weise gespottet hätte. Sie schämte sich jetzt über die

Biene an der Fensterscheibe, obgleich sie das Stück trotzdem ebenso

häufig summte als vorher. Ihr Tagesplan war früher eine einförmige

Folge von Unterrichtszeit, Eßzeit, Spielzeit und Schlafzeit gewesen,

jetzt wurde er in unregelmäßiger Weise durch Spaziergänge nach dem

Landhaus und gelegentliche flüchtige Blicke auf seinen Bewohner

eingeteilt.

Anfang Dezember stellte sich ein scharfer Frost ein, und die Schiffahrt

auf dem Kanal wurde aufgehoben. Wickens Junge kam mit der Nachricht

in die Anstalt, Wickens Weiher trüge schon, und die jungen Damen

wären zu jeder Zeit willkommen. Der Weiher war nur vier Fuß tief, und

da Miß Wilson viel von der körperlichen Erziehung ihrer Schülerinnen

hielt, gab sie ihnen Erlaubnis zum Schlittschuhlaufen. Agatha, die

sehr gewandt im Eislaufen war, schlug sofort vor, am nächsten Morgen

noch vor dem Frühstück sollte eine ausgewählte Abteilung hinausgehen.

Handlungen, die an sich nicht verdienstlich sind, erscheinen uns oft

als solche, wenn man früh aufstehen muß, um sie auszuüben, und so gaben

einige Kandidatinnen der Cambridge-Prüfung, die nie einen Nachmittag

einem Vergnügen geopfert hätten, sofort ihre Zustimmung. Ohne sie wäre

übrigens der Plan gar nicht ausgeführt worden. Denn als sie am nächsten

Morgen um halb sieben Agatha aufforderten, ihr warmes Bett zu verlassen

und in die schneidende Kälte hinauszukommen, würde sie sich ohne

Bedenken geweigert haben, hätte sie sich nicht vor den emsigen Mädchen

geschämt, die halberfroren und hungrig dastanden und doch bereit

waren, aufs Eis zu gehen. Als Agatha sich zitternd und zähneklappernd

angezogen hatte, beschwichtigten sie ihr innerliches Unbehagen durch

ein paar Biskuits, die sie aßen, nahmen ihre Schlittschuhe und gingen

quer über die bereiften Felder an geduldigen Kühen vorbei, die ganze

Wolken von Dampf ausatmeten, nach Wickens Teich. Hier fanden sie zu

ihrem Erstaunen Smilasch, der sich auf elektrisch versilberten, ganz

teuren Schlittschuhen mit allem Eifer in den schwierigsten Figuren

übte. Es zeigte sich bald, daß sein Ehrgeiz größer war als seine

Übung, denn er taumelte eine Weile wild umher, hielt sich ein paarmal

mit genauer Not aufrecht und stürzte dann mit Ellbogen, Waden und

Hinterkopf gleichzeitig auf das Eis. Als er sich kläglich zu einer

sitzenden Stellung erhoben hatte, bemerkte er, daß acht junge Damen

sein Tun mit Interesse beobachteten.

»Das kommt davon, wenn ein gewöhnlicher Mann sich über seinen Stand

erhebt und die Schlittschuhe eines Gentlemans anzieht,« sagte er.

»Hätte ich mich mit einfachem Schlittern begnügt, wie es mein Vater

tat, dann würde ich jetzt ein glücklicher Mann sein.« Er erhob sich

seufzend, indem er Miß Ward durch Berühren seiner Mütze grüßte. Dann

zog er seine Schlittschuhe aus und fügte hinzu: »Guten Morgen, Miß.

Miß Wilson schickte mir die Nachricht, ich sollte hier punkt sechs Uhr

sein und den jungen Ladys die Schlittschuhe anziehen. Da erlaubte ich

mir, ein paarmal über das Eis zu laufen, um mich warm zu machen.«

»Miß Wilson hat mir nichts davon gesagt, daß sie Sie hierher bestellt

hat,« bemerkte Miß Ward.

»Wie nobel von ihr! Sie denkt an alles und läßt sich doch nichts

merken. Sie ist eine gütige Lady und eine studierte -- grad wie Sie

selbst, Miß. Setzen Sie sich auf den Feldstuhl und geben Sie mir Ihren

Absatz, wenn ich so kühn sein darf, eine Schraube hineinzubohren.«

Er brachte willkommene Hilfe, und Miß Ward erlaubte ihm, ihr die

Schlittschuhe anzuziehen. Sie war eine Kanadierin und lief sehr gut.

Jane, die ihr zunächst folgte, hatte große Angst, ob das Eis auch fest

genug sei. Als sie sich aber erst darüber beruhigt hatte, hielt sie

sich vorzüglich, denn sie liebte alle Übungen und hatte die Genugtuung,

daß sie außerhalb der Schule über alle diejenigen lachen konnte, die

sie in der Schulstube verlachten. Agatha ließ ganz gegen ihre sonstige

Gewohnheit ihre Mitschülerinnen vor, und ihre Schuhe waren die letzten,

mit denen sich Smilasch beschäftigte.

»Wie geht es Ihnen, Miß Wylie?« fragte er und ließ die

Smilasch-Betonung fallen, weil die andern nicht mehr in Hörweite waren.

»Danke, sehr gut,« antwortete Agatha scheu und gezwungen. Da ihm diese

Art bei ihr neu war, ließ er ihre Absätze in seiner Hand ruhen und sah

neugierig zu ihr empor. Sie faßte sich wieder, blickte ihn ruhig an und

sagte: »Wie konnte Miß Wilson Ihnen die Nachricht schicken, Sie möchten

herkommen? Sie erfuhr ja von unserm Ausflug erst um halb zehn gestern

abend.«

»Miß Wilson hat mir gar keine Nachricht geschickt.«

»Aber Sie haben es doch grade Miß Ward erzählt.«

»Ja. Ich muß jetzt als einfacher Arbeiter fast so viele Lügen erzählen

wie früher als Gentleman. Oder vielleicht noch mehr.«

»Ich weiß in Zukunft, wieviel ich von dem glauben soll, was Sie sagen.«

»Die Wahrheit ist die. Ich bin vielleicht der schlechteste

Schlittschuhläufer auf der Welt, und darum ist mir nach einem

natürlichen Gesetz die geringste Auszeichnung auf dem Eis mehr wert

als ein unsterblicher Ruhm auf einem Gebiete, für das mich die Natur

besonders befähigt hat. Ich beneide Ihre große Freundin -- Jane

heißt sie, glaube ich -- mehr, als ich Plato beneide. Ich kam heute

morgen hierher, um mich im stillen zu üben, und glaubte, die ganze

Schlittschuhwelt sei zu Bett.«

»Das freut mich, daß wir Sie dabei erwischt haben,« sagte Agatha

boshaft, denn er enttäuschte sie. Er sollte etwas Heroisches in seinen

Reden haben, aber das tat er nicht.

»Ich glaube es,« entgegnete er. »Ich habe gefunden, daß es das größte

Entzücken für eine Frau ist, den Eigendünkel eines Mannes zu verletzen,

und das größte Entzücken eines Mannes, den Eigendünkel einer Frau zu

befriedigen. So gibt es wenigstens ein Geschöpf, das noch niedriger

steht als ein Mann. Aber jetzt los mit Ihnen. Soll ich Sie halten, bis

Sie sich fest in den Knöcheln fühlen?«

»Danke,« sagte sie ärgerlich. »Ich kann sehr gut Schlittschuh laufen

und glaube nicht, daß Sie mir viel helfen können.« Und sie glitt

vorsichtig davon, denn sie fühlte, daß ein Hinfallen nach solchen

Worten für sie beschämend sein müßte.

Er stand am Ufer, lauschte auf den knirschenden, jagenden Ton der

Schlittschuhe und beobachtete die immer kühneren Schleifen, die sie in

das Eis einschnitten. Allmählich wurden die Mädchen warm und gewöhnten

sich an das Laufen. Sie lachten, scherzten und schrien sorglos,

wenn sie gegeneinander stießen, und segelten die ganze Länge des

Teichs hinunter vor dem Wind in einer gefährlichen Schnelligkeit. Je

ausgelassener sie wurden, desto finsterer blickte Smilasch.

»Kein Unterschied zwischen ihnen und einer Auswahl Zweipennypuppen,«

sagte er. »Nur daß einige von ihnen sich bewußt sind, daß ein Mann sie

beobachtet, obgleich es nur ein lumpiger Arbeiter ist. Sie erinnern

mich in jeder Beziehung an Henrietta. Ob ich jetzt wohl lachen würde,

wenn die ganze Eisdecke in tausend Stücken unter ihnen zusammenbräche?«

Grade jetzt krachte das Eis mit einem bedenklichen Knall, und die

Schlittschuhläuferinnen, mit Ausnahme von Jane, flogen nach allen

Richtungen auseinander.

»Jane, du brichst das ganze Eis in Stücke!« rief Agatha aus sicherer

Entfernung. »Wie kann es dein Gewicht tragen?«

»Ihr Narrenpack!« entgegnete Jane unwillig. »Das Knacken zeigt nur, wie

stark es ist.«

Der Schreck, den Smilasch bei dem Krachen empfunden hatte, beantwortete

ihm seine eigene Frage. »Man sollte sich das merken: Wünsche, die

auf die Vernichtung des Menschengeschlechts ausgehen, können noch so

vernünftig und ernst gemeint sein, sie sind gegen die Natur,« sagte

er, als er seine Fassung wiedergefunden hatte. »Übrigens, was wäre

ich wohl für ein prachtvoller Narr, wenn ich in einer internationalen

Vereinigung von Menschen mitarbeitete, die nur zerstören wollen! He,

Lady! Ein Wort, Miß!« Dies galt Miß Ward, die in der Nachbarschaft

vorbeiglitt. »Es ist so 'n kalter Morgen und ich habe nur armseliges

und gewöhnliches Blut, sehn Sie es als eine Freiheit an, wenn ich hier

etwas mitlaufe oder wenn ich in einer Ecke ganz für mich übe?«

»Sie können da oben laufen, wenn Sie wollen,« sagte sie, nachdem sie

einen Augenblick überlegt hatte, und wies nach einem verlassenen Fleck

am hinteren Ende des Teichs, wo das Eis zu uneben war, als daß man da

bequem laufen konnte.

»Ein nobler Vorschlag!« rief er grinsend und eilte nach dem

angewiesenen Platz. Das Schlittschuhlaufen war hier nicht möglich, und

so glitt er ein paarmal auf und ab und machte sich so lange Bewegung,

bis sein Gesicht glühte und seine Finger in der frostigen Luft juckten.

Die Zeit verging schnell. Als Miß Ward zu ihm hinschickte, er solle

ihre Schlittschuhe abnehmen, entstand ein allgemeines Klagen und

Erklären, es könnte unmöglich schon halb neun sein. Smilasch kniete

vor dem Feldstuhl hin und war sofort eifrig beim Aufschnallen und

Abschrauben. Als Jane an die Reihe kam, krachte der Stuhl unter ihrem

Gewicht. Agatha machte ihr wieder Vorstellungen, schalt sich aber

sofort selbst wegen ihrer Redseligkeit in Smilaschs Gegenwart, denn sie

wollte auf ihn den Eindruck eines tiefen, ernsthaften Charakters machen.

»Der feinste Fuß in der Gesellschaft,« sagte er kritisch, indem er

ihren Fuß zwischen Zeigefinger und Daumen hielt, als ob er irgendeine

Kostbarkeit sei, die er beurteilen müßte. »Und er gehört der am

feinsten gebauten Dame.«

Jane riß errötend ihren Fuß weg und sagte: »Wirklich! Ich bin gespannt,

was jetzt kommt.«

Der Amateursozialist: Roman · 第 8 / 23 段