»Wahrhaftig, du bist ganz im Unrecht, Sidney. In der Sladeschule war

ein Mädchen, das seine Mutter und zwei Schwestern durch Zeichnen

ernährte. Übrigens, was kannst du tun? Die Leute sind nun einmal so.«

»Ja, ich bin durch die Torheit der Leute Grundbesitzer und Kapitalist,

aber sie können mir das ja wieder abnehmen. Ich selbst habe keine

Möglichkeit, aus meiner Lage herauszukommen, außer wenn ich meine

Sklaven an Menschen abgebe, die sie nicht besser behandeln als

ich selbst, und selbst ein Sklave werde, was mir nicht so bald

einfallen wird. Nein, meine Geliebte, ich muß um deinetwillen und um

meinetwillen meinen Fuß auf ihren Nacken halten. Aber du gibst nicht

viel um solches langweiliges Zeug. Mein Gewissen quält mich, weil ich

dir, mein Engel, Verdruß damit machte. Du willst wissen, warum ich

hier wie ein Einsiedler in einer zweizimmerigen Hütte wohne, statt

mit meinem schönen und angebeteten Weib die Freuden des Londoner

Gesellschaftslebens zu genießen?«

»Aber du willst doch nicht etwa hierbleiben, Sidney?«

»Allerdings, und ich will dir auch sagen, warum. Ich will helfen, diese

Manchesterarbeiter, die die Sklaven meines Vaters waren, zu befreien.

Um das fertig zu bringen, müssen alle ihre Mitsklaven in der ganzen

Welt zu einer großen internationalen Vereinigung zusammentreten. Sie

müssen geloben, die Arbeit der ganzen Welt gerecht zu verteilen, die

Produkte der Arbeit gerecht zu verteilen, keinem erwachsenen, rüstigen

Faulenzer oder Simulanten einen Pfennig zu geben und jeden in der

Gemeinschaft als Ungeziefer zu betrachten, der mehr als seinen Anteil

vom allgemeinen Wohlstand haben will und weniger als seinen Anteil an

der Arbeit geben will. Es ist sehr schwer, das durchzuführen, denn die

Arbeiter, wie alle Leute, denen man helfen will, sehen ihre eigenen

Vorteile nicht ein und helfen oft ihren Unterdrückern, ihre eigenen

Retter unter den Klängen der =Rule Britannia= oder eines ähnlichen

verlogenen Unsinns zu vertreiben. Wir müssen ihre Köpfe erst davon

befreien und inzwischen fleißig die internationale Arbeitervereinigung

ausbauen. Ich mache jetzt Propaganda für ihre Grundsätze. Der

angeblich zum Regieren, in Wirklichkeit aber zum Unterdrücken der

Nation organisierte Kapitalismus würde bald genug unserer Vereinigung

Einhalt gebieten, wenn er unsere Absicht verstände. Aber er glaubt,

wir seien mit Pulverkomplotten und Verschwörungen zur Ermordung

gekrönter Häupter beschäftigt, und so geht, während die Polizei in

tölpelhafter Weise nach Beweisen hierfür sucht, unser wirkliches Werk

ungestört weiter. Ob ich selbst wirklich die Sache fördere, das ist

mehr, als ich sagen kann. Ich verbrauche eine Menge Freimarken, bezahle

vielen gleichgültigen Lesern die Lektüre, bestreite die Papierkosten

für Pamphlete und Zettel, auf denen die Arbeiter als das Salz der

Erde gepriesen werden, bin Redakteur und Herausgeber einer kleinen

sozialistischen Zeitung und tue im allgemeinen, was in meinen Kräften

steht. Es ist besser, wenn ich meinen übel erworbenen Reichtum auf

diese Weise verwende, als in einem teuren Haushalt und mit einem

Gefolge von Dienern. Ich ziehe meinen gewöhnlichen Anzug und meine

zweizimmerige Hütte deinem hübschen, lieben Hause vor, und deinen

hübschen, lieben Spielereien, und der hübschen, lieben Vernachlässigung

aller Arbeit, die mir am Herzen liegt. Vielleicht mache ich auch einmal

wieder Feiertage, und dann werden wir neue Flitterwochen verleben.«

Für einen Augenblick schien es, als wollte Henrietta zu weinen

anfangen. Dann rief sie plötzlich mit Begeisterung: »Ich will bei dir

bleiben, Sidney. Ich will an deiner Arbeit teilnehmen, ganz gleich,

was es ist. Ich will mich als Bauernmädchen kleiden und einen kleinen

Milcheimer tragen. Die Welt ist nichts für mich, wenn du nicht bei mir

bist, und ich würde gerne hier leben und nach der Natur zeichnen.«

Er wich zurück und errötete, ohne daß er seine Bestürzung verbergen

konnte. Sie war entschlossen, sich nicht vertreiben zu lassen, sie

klammerte sich an ihn an und hielt ihn fest. Dieses war die Bewegung,

die Wickens Jungen, der im benachbarten Graben saß, zum Lachen brachte.

Trefusis war froh über die Unterbrechung, und als er dem Jungen zwei

Pence gab und ihn fortwies, hoffte er halbwegs, daß er bleiben würde.

Aber obgleich der Junge meistens sehr eigensinnig war, zeigte er sich

diesmal ganz artig. Er verschwand auf die Landstraße, wo er einen

seiner Pence einem Phantasiespieler gab und mit ihm Kopf oder Schrift

spielte, bis das Erscheinen von Fairholmes Gruppe ihn aus seinem

Doppelzustand herausriß.

Inzwischen war Henrietta mit dringendem Bitten auf ihren Vorschlag

zurückgekommen.

»Wir würden so glücklich sein,« sagte sie. »Ich würde dir den Haushalt

führen, und du könntest soviel arbeiten, wie du wolltest. Unser Leben

wäre ein langes Idyll.«

»Mein Lieb,« sagte er und schüttelte seinen Kopf, als sie ihn flehend

ansah. »Ich habe zuviel Manchester Baumwolle in meinem Wesen für lange

Idylle. Und in Wahrheit, die erste Bedingung, wenn du mit mir arbeiten

willst, ist, daß du fortgehst. Solange du bei mir bleibst, kann ich

nur mit dir kosen. Du bezauberst mich. Wenn ich mich einen Augenblick

von dir freimache, dann seufze ich schon voll Reue über die Stunden,

die ich durch deine Verführung verloren habe und über die nutzlos

vergeudete Energie.«

»Wenn du mit mir nicht leben willst, dann hattest du auch kein Recht,

mich zu heiraten.«

»Ganz richtig. Aber das ist weder deine noch meine Schuld. Wir haben

gefunden, daß wir uns zu sehr lieben -- daß unser Verkehr uns an

unserer Betätigung hindert, und darum müssen wir voneinander scheiden.

Nicht für immer, mein Lieb, nur bis du eigene Sorgen und eigene Arbeit

gefunden hast, die dein Leben ausfüllen und dich daran hindern, meines

zu vergeuden.«

»Ich glaube, du bist von Sinnen,« sagte sie verdrießlich.

»Die Welt ist heutzutage von Sinnen und galoppiert zum Teufel, so

schnell die Habgier sie antreiben kann. Ich halte mich einfach von

diesem Rennen fern, weil ich das Ziel nicht liebe. Hier kommt eine

Barke, deren Führer mir ergeben ist, weil er glaubt, ich wollte einen

Aufruhr zur Abschaffung von Schleusengebühren und Zöllen veranstalten.

Wir wollen an Bord gehen und nach Lyvern fahren. Von dort kannst

du nach London zurückkehren. Du telegraphierst am besten von der

Umsteigestation nach der Anstalt. Sie müssen jetzt die reine Treibjagd

auf uns machen. Ich werde dir meine Adresse geben, und wir können uns

schreiben oder auch treffen, so oft wir wollen. Oder du kannst dich

auch von mir scheiden lassen, weil ich dich verlassen habe.«

»Ich weiß, daß dir das das liebste wäre,« sagte Henrietta schluchzend.

»Ich würde vor Verzweiflung sterben, mein Schatz,« sagte er freundlich.

»Schiff ahoi! Um Gotteswillen, höre auf zu weinen, Hetty. Du zerreißt

mir wahrhaftig die Seele.«

»Ahoi--i--i, Master!« brüllte der Schiffer.

»Guten Abend, Herr,« sagte ein Mann, der sich mit einer kurzen Peitsche

in der Hand neben dem Pferde herschleppte, das die Barke zog. »Komm

an!« fügte er übelgelaunt, nach dem Pferd gewandt, hinzu.

»Ich möchte aufsteigen und mit nach Lyvern fahren,« sagte Trefusis. »Es

scheint ein wohlgenährtes Tier zu sein.«

»Besser genährt als ich,« sagte der Mann. »Man kann aus einem

unternährten Pferd nicht dieselbe Arbeit herausziehen wie aus einem

unternährten Mann oder Weib. Ich bin in Gegenden in England gewesen, wo

Frauen die Barken zogen. Sie sind billiger als Pferde, denn es kostet

nichts, neue zu bekommen, wenn die alten verschlissen sind.«

»Warum schafft ihr sie denn nicht an?« fragte Trefusis mit ironischem

Ernst. »Der Grundsatz, Arbeitskräfte auf dem billigsten Markt zu kaufen

und ihre Produkte auf dem teuersten Markt zu verkaufen, hat viel dazu

beigetragen, daß England das geworden ist, was es ist.«

»Die Eisenbahngesellschaften halten Hospitäler für _seines_gleichen,«

sagte der Mann mit verschmitztem Lachen und zeigte auf das Pferd,

indem er ihm mit dem Ende seiner Peitsche klatschend gegen den Bauch

schlug. »Wenn Sie jemals im Ernst versuchen, ein Arbeiter zu sein, dann

versuchen Sie es auf vier Beinen. Sie werden finden, daß es bei weitem

der Arbeit auf zwei Beinen vorzuziehen ist.«

»Dieser Mann ist einer von denen, die ich bekehrt habe,« sagte Trefusis

abseits zu Henrietta. »Er sagte mir neulich, seit ich ihn zum Denken

gebracht habe, sieht er nie einen Gentleman, ohne daß er die Neigung

empfindet, einen Stein gegen ihn zu erheben. Ich finde, Sozialismus

wird oft von seinen minder intelligenten Anhängern und Gegnern dahin

mißverstanden, als ob er nur der natürlichen Neigung, angesehene

Personen mit Steinen zu bewerfen, Vorschub leiste. Jetzt werde ich dich

über diese Planke tragen. Wenn du dich ruhig hältst, werden wir wohl

die Barke erreichen. Andernfalls erreichen wir den Boden des Kanals.«

Er trug sie hinüber und wechselte mit dem Schiffer einige freundliche

Worte. Dann nahm er Henrietta mit nach vorne und starrte in das

Wasser, während sie geräuschlos an dem hügeligen Weidenland

vorbeiglitten.

»Das würde eine herrliche Fahrt sein,« sagte er, »wenn man die Frau da

unten vergessen könnte, die ihrem Mann in einer stickigen Höhle, so

groß wie dein Kleiderschrank, das Essen kocht, und --«

»Oh, rede kein Wort mehr von solchen Sachen,« sagte sie ärgerlich: »Ich

kann ihnen nicht helfen. Ich habe meinen eigenen Kummer. _Ihr_ Mann

lebt bei ihr.«

»Sie wird ihren Platz mit dir wechseln, mein Schatz, wenn du ihr das

Anerbieten machst.«

Es fiel ihr keine Antwort ein. Nach einer Pause begann er poetisch

über die Landschaft zu sprechen und ihr verliebte Redensarten und

Schmeicheleien zu sagen. Aber sie fühlte, daß er entschlossen war, sie

los zu werden, und er wußte, daß es keinen Zweck mehr hatte, seine

Absicht vor ihr zu verbergen. Sie wandte sich weg und setzte sich auf

einen Stoß Ziegelsteine, indem sie nur ärgerlich ihr Gesicht verzerrte,

wenn er sie zum Sprechen drängte. Als sie sich dem Ende der Reise

näherten, glaubte sie, daß sie ihren heftigen Schmerz über seine Flucht

nur halb zum Ausdruck gebracht hätte, und das Gefühl des erlittenen

Unrechts wurde ihr fast unerträglich.

Sie landeten an einer Werft und gingen über einen schmutzigen, von

tiefen Fahrgeleisen durchzogenen Weg auf die Hauptstraße von Lyvern.

Hier wurde er wieder Smilasch und ging ehrerbietig etwas vor ihr her,

als wenn er gemietet wäre, den Weg zu zeigen. Sie sah jetzt ein, daß

ihre letzte Gelegenheit, ihn anzuflehen, vorbei war, und sie brach bei

dem Gedanken fast in Tränen aus. Es kam ihr der Einfall, sie könnte

ihn vielleicht bewegen, wenn sie hier eine öffentliche Szene machte.

Aber die Straße war sehr belebt, und sie fürchtete sich auch etwas vor

ihm. Keines von diesen beiden Bedenken würde sie abgehalten haben,

wenn sie in einem ihrer wilden Zornesanfälle gewesen wäre, aber jetzt

war sie in ganz unterwürfiger Stimmung. Ihre wilden Launen schienen

nur zu kommen, wenn sie ihr schaden mußten. Sie ließ sich ruhig in den

Eisenbahnomnibus führen, der grade von dem Gasthofvorplatz abfahren

wollte, als sie dort ankamen. Aber obgleich er seinen Hut berührte und

fragte, ob er eine Botschaft ausrichten sollte, obgleich er ihr in

zartem Flüstern eine glückliche Reise wünschte, wollte sie ihn nicht

ansehen, oder ein Wort zu ihm sprechen. So schieden sie voneinander,

und er kehrte allein zu der Hütte zurück, wo er von den zwei Polizisten

empfangen wurde, die ihn nach der Anstalt brachten.

Sechstes Kapitel.

Das Jahr ging weiter, und es begannen die langen Winterabende. Die

lernbegierigen jungen Damen in der Alton-Anstalt saßen an ihren Pulten,

auf die Ellenbogen gestützt und den Kopf in den Händen vergraben,

und fröstelten in ihren Pelzkragen. Sie überluden ihr Gedächtnis mit

Darlegungen der Moralphilosophen oder schwammen, wie Menschen auf

Korkgürteln, auf den Grundproblemen der Mathematik herum. Hierbei

geschah es denn oft, je vernünftiger eine Schülerin in der Mathematik

war, desto unvernünftiger war sie im wirklichen Leben, weil es da keine

feststehenden Grundsätze gab, nach denen man sich richten konnte.

Agatha, die nicht lernbegierig war und auch keine Lust hatte, im

Winter zu frieren, begann mit wachsendem Eifer die Vorschrift Nr. 17

zu brechen. Die Vorschrift Nr. 17 verbot den Schülerinnen, die Küche

zu betreten, oder irgendwie die Dienstmädchen in ihrer häuslichen

Tätigkeit zu stören. Agatha brach sie, weil sie gerne braunen

Kandiszucker machte und ihn aß, weil sie ein warmes Feuer liebte

und alles, was verboten war, und weil ihr die Bewunderung gefiel,

mit der die Dienstmädchen ihren musikalischen und Bauchredekünsten

lauschten. Gertrude begleitete sie, weil sie ebenfalls Zuckerzeug

liebte, und weil sie sich etwas auf ihre Herablassung zu tiefer

Stehenden einbildete. Jane ging hin, weil ihre beiden Freundinnen

hingingen, und Abenteuerlust, böses Beispiel und Liebe zu Süßigkeiten

brachten oft mehr Freiwillige zu diesen Expeditionen, als Agatha für

sicher hielt, mitzunehmen. Eines Abends ging Miß Wilson allein in

ihren Privatweinkeller hinunter und wurde in der Nähe der Küche durch

einen Lärm ausgelassener Lustigkeit aufgehalten. Sie blieb lauschend

stehen und hörte zuerst den Kastagnettentanz, der sie an den Nachdruck

erinnerte, mit dem Agatha über Mrs. Miller mit dem Finger geschnipst

hatte. Dann kam die Biene an der Fensterscheibe, Robin Adair (in dessen

Refrain die Dienstmädchen einstimmten) und eine Verspottung ihrer

eigenen Person, wie sie Jane Carpenters bessere Natur anflehte, sich

auf die Aufnahmeprüfung für Cambridge vorzubereiten. Sie wartete, bis

die Kälte und die Furcht, hier beim Spionieren entdeckt zu werden, sie

zwangen, wieder hinaufzusteigen. Sie schämte sich, daß sie an einer

törichten Unterhaltung ihre Freude gehabt hatte, aber sie sah doch

lieber über eine Verletzung der Vorschriften hinweg, als daß sie einen

neuen Streit mit Agatha gewagt hätte.

Es war besonders eine Sache, in der Agatha sich nicht mehr so an die

Schuldisziplin hielt wie früher. Obgleich sie eine unverhältnismäßig

große Zahl von Eintragungen in das Sündenbuch geliefert hatte, war

jenes Bekenntnis, das beinahe zu ihrer Austreibung geführt hatte, ihr

letztes geblieben. Nicht, daß ihre Aufführung eine bessere geworden

wäre, sie hatte sich im Gegenteil verschlechtert. Miß Wilson erwähnte

nicht mehr die Angelegenheit, und so blieb das Sündenbuch eine

geheiligte Sache, auf die nie angespielt wurde. Aber sie bemerkte, daß

Agatha, obgleich sie nicht ihre eigenen Sünden bekennen wollte, doch

den andern bei der Entlastung ihres Gewissens half. Die Witzigkeit, mit

der Jane unerwarteterweise die Seiten des Sündenbuchs anfüllte, war

dafür bezeichnend genug.

Smilasch hatte jetzt auch ein Gewerbe angefangen. An den letzten

Herbsttagen hatte er sein Häuschen weiß getüncht, Türen, Fenster und

Veranda angestrichen, das Dach und das Innere ausgebessert und den

Platz so sehr verschönert, daß ihm der Grundbesitzer mitteilte, er

müßte nach Ablauf der zwölfmonatlichen Pachtung die Rente erhöhen. Ein

Mieter könne vernünftigerweise ein hübsches, regendichtes Wohnhaus

nicht für dasselbe Geld haben wie eine kaum bewohnbare Ruine.

Smilasch hatte ihm sofort versprochen, es am Ende des Jahres so zu

verderben, daß es wieder wie früher aussähe. Am Tor hatte er eine

Anschlagtafel angebracht mit einer Inschrift, die er von gedruckten

Karten abgeschrieben hatte. Er zeigte diese Karte den Leuten, die sich

zufällig mit ihm unterhielten.

=~Jefferson Smilasch~=

=~Maler, Dekorateur, Glaser, Klempner und Gärtner.

Klaviere werden gestimmt. Hausreparaturen aller Art.

Servieren bei Tisch und Bedienung.~=

=~Villa Chamounix,~=

=~Lyvern.~=

=~Auskunft gratis.

Kein vernünftiges Angebot wird abgeschlagen.~=

Das auf diese Weise angekündigte Geschäft, so umfassend es war, blühte

doch nicht. Wenn er von Neugierigen nach einem Zeugnis für seine

Tüchtigkeit und Achtbarkeit gefragt wurde, verwies er sie sorglos an

Fairholme, an Josephs und besonders an Miß Wilson, die, wie er sagte,

ihn von seiner frühesten Kindheit her gekannt hatte. Fairholme war

froh, wenn er beweisen konnte, daß er kein glattzüngiger Pfaffe war,

und erklärte auf jede Anfrage, Smilasch sei der größte Halunke in der

ganzen Gegend. Josephs sagte teils aus Wohlwollen, teils aus Furcht,

Smilasch möchte einmal etwas gegen ihn wegen Verleumdung unternehmen,

er sei jedenfalls ein wirklich billiger Arbeiter, und es würde eine

gute Tat sein, wenn man ihm zur Aufmunterung eine kleine Beschäftigung

gäbe. Miß Wilson bestätigte Fairholmes Bericht, und der Organist der

Kirche, der seit fast einem Vierteljahrhundert alle Klaviere in der

ganzen Umgegend einmal im Jahre gestimmt hatte, schwärzte ihn als

einen Menschen an, der alles anfange und nichts könne.

Hierauf begannen die Radikalen in Lyvern, eine kleine und verrufene

Partei, zu versichern, an dem Mann sei nichts Böses, und die

Geistlichen und Miß Wilson, die in einem feinen Hause wohnte und nur

ganz reiche Mädchen als Pensionärinnen aufnahm, könnten ihre freie Zeit

besser ausfüllen, als damit, einem armen Arbeiter das Brot aus dem Mund

zu nehmen. Aber da keiner aus dieser Gesellschaft häusliche Reparaturen

hatte, machte ihn ihre Unterstützung durchaus nicht reicher, und der

einzige Kunde, den er fand, war ein Hausmädchen, das seine Stellung

in einem Landhaus in der Umgegend aufgab. Sie wollte ihren Koffer

ausgebessert haben, dessen Deckel abgefallen war. Smilasch verlangte

eine halbe Krone für den Auftrag, aber auf ihr Zögern bat er sie gleich

um Verzeihung und ging auf einen Schilling herunter. Hierfür strich er

den Koffer neu an, malte die Anfangsbuchstaben ihres Namens darauf,

brachte neue Scharniere, ein Bramahschloß und Messinggriffe an. Er

hatte selbst für zehn Schillinge Ausgaben und mehrere Stunden Arbeit.

Dem Hausmädchen gefiel die Farbe des Anstrichs nicht, sie ließ ihn die

Griffe abnehmen, die sie, wie sie sagte, an einen Sarg erinnerten, und

beklagte sich, daß ein Schloß mit solch einem schmalen Schlüssel für

einen so schweren Koffer nicht stark genug sein könnte. Schließlich

gab sie zu, es sei ihre eigene Schuld, weil sie sich keinen Mann

genommen hatte, der etwas von der Sache verstand. Es sprach sich bald

rund, er habe daran ein gutes Geschäft gemacht, und da er, wenn man

es ihm vorwarf, das noch ausdrücklich bestätigte, so erhielt er weiter

keinen Auftrag. Sein Schild diente von jetzt ab nur zur Erheiterung von

Spaziergängern und Hirtenjungen, die gerne mit Steinen danach warfen.

Ein starker Sturm blies eines Nachts über Lyvern, und die jungen Damen

im Alton-Institut, die sich meistens vor Blitzen fürchteten, sprachen

mit einigem Ernst ihre Gebete. Um halb eins machten Regen, Wind und

Donner einen solchen Lärm, daß Agatha und Gertrude sich Halstücher

umschlugen und sich nach dem Flurfenster vor Miß Wilsons Arbeitszimmer

hinabstahlen, wo sie die Blitze beobachteten, die mit zuckendem

Schimmer die Landschaft erhellten. Dabei unterhielten sie sich im

Flüstertone darüber, ob es gefährlich sei, nahe am Fenster zu stehen,

und ob die messingenen Läuferstangen auf der Treppe die Blitze anziehen

könnten. Agatha, die bei einer einzelnen Gefährtin ebenso ernsthaft

und freundlich sein konnte, wie sie in einer größeren Gesellschaft

mutwillig und spöttisch wurde, genoß ruhig das Schauspiel. Das Blitzen

schreckte sie nicht, da sie wenig von dem Ernst des Lebens wußte und

sich etwas darauf einbildete, gleichgültig dagegen zu sein. Sie zuckte

zusammen, wenn stärkere Blitzschläge aufzuckten, aber das brachte

ihr nur ihren eigenen Mut zum Bewußtsein und ihren Gegensatz zu der

ängstlichen Gertrude, die endlich vor einer gespaltenen Zickzacklinie

von blauem Licht zurückfuhr und sagte:

»Wir wollen wieder zu Bett gehen, Agatha. Wir sind hier durchaus nicht

sicher.«

»Grade so sicher wie im Bett, und da können wir nichts sehen. Wie das

Haus zittert! Ich glaube, der Regen wird gegen die Fenster schlagen,

ehe --«

»Still,« flüsterte Gertrude und ergriff voll Schrecken ihren Arm. »Was

war das?«

»Was?«

»Ich habe bestimmt die Klingel gehört -- die Gartenklingel. Oh, wir

wollen wieder zu Bett gehen.«

»Unsinn! Wer wird in einer solchen Nacht ausgehen? Vielleicht hat sie

der Wind in Bewegung gesetzt.«

Sie warteten einige Augenblicke. Gertrude zitterte, und Agatha hatte in

der Dunkelheit ein Gefühl, wie es Leute haben, die sich vor Gespenstern

fürchten. Dann vermischte sich ein undeutlicher Klang in das Brausen

des Windes.

Ein paar scharfe und durchdringende Töne kamen unverkennbar von der

Gartenklingel auf dem Vorplatz. Es war eine laute Klingel, die bestimmt

war, die Dienstmädchen im Hause anzurufen, wenn das Tor geöffnet werden

sollte. Denn das Pförtnerhäuschen war unbewohnt.

»Was in aller Welt kann das sein?« fragte Agatha. »Können sie nicht das

Törchen finden, die Idioten?«

»Hoffentlich nicht! Bitte, komm herauf, Agatha.«

»Nein, ich will nicht. Geh nur, wenn du willst.« Aber Gertrude

fürchtete sich, allein zu gehen. »Es ist am besten, wenn wir Miß Wilson

wecken und es ihr sagen.« fuhr Agatha fort. »Es ist schrecklich, in

solch einer Nacht jemand nicht hereinzulassen.«

»Aber wir wissen ja nicht, wer es ist.«

»Nun, ich weiß jedenfalls, daß du keine Angst vor ihnen hast,« sagte

Agatha, obgleich sie das Gegenteil wußte. Aber sie benutzte die

Gelegenheit, Gertrude zu beschämen und zum Schweigen zu bringen.

Sie lauschten wieder. Der Sturm wütete jetzt besonders laut, und sie

konnten die Glocke nicht hören. Plötzlich klopfte jemand heftig an

die Haustüre. Gertrude schrie, und ihr Schrei erhielt aus den oberen

Räumen ein Echo. Verschiedene Mädchen hatten auch das Klopfen gehört

und waren dadurch so erschreckt worden, als hätten sie Alpdrücken. Eine

Kerze flackerte auf der Treppe, und man hörte Miß Wilsons Stimme, die

beruhigend fest klang.

»Wer ist da?«

»Das bin ich, Miß Wilson, und Gertrude. Wir haben uns das Wetter

angesehen, und da klopft jemand an die --« Ein wütendes Hämmern mit

dem Türklopfer unterbrach sie. Dann folgte ein Laut, der durch den

Sturmwind übertönt wurde, als ob ein Mann etwas riefe.

»Sie sollten lieber nicht die Tür öffnen,« sagte Miß Wilson etwas

beunruhigt. »Und Sie, Agatha, sind sehr unvernünftig, daß Sie hier

stehen. Sie werden sich zu Tod -- O Gott! Was kann da sein?«

Sie eilte, gefolgt von Agatha, Gertrude und einigen mutigeren

Schülerinnen, auf den Flur hinunter. Ein paar zitternde Dienstmädchen

standen neben der Haushälterin, die jammernd durch das Schlüsselloch

fragte, wer denn da wäre. Man hörte sie offenbar draußen nicht, denn

das Klopfen begann, während sie sprach, von neuem, und sie fuhr zurück,

als ob sie einen Schlag gegen den Mund bekommen hätte. Miß Wilson

rasselte jetzt mit der Kette und fragte von neuem, wer da wäre.

»Lassen Sie uns ein!« schrie jemand dumpf durch das Schlüsselloch.

»Hier ist eine sterbende Frau und drei Kinder. Macht die Tür auf!«

Miß Wilson verlor ihre Geistesgegenwart. Um Zeit zu gewinnen,

antwortete sie: »Ich -- ich kann nicht verstehen. Was sagten Sie?«

Der Amateursozialist: Roman · 第 7 / 23 段