kam auf einen Wiesenplatz, der an den Leinpfad des Kanals anstieß. Hier
am Abhang einer Aushöhlung, wo das Moos trocken und weich war, setzte
er sie nieder, warf sich selbst, auf seine Ellbogen gestützt, vor ihr
hin und sagte keuchend:
»Nessus, der Dejanira davontrug, war nichts gegen mich! Huh -- ja! Nun,
mein Liebling, bist du froh, daß du mich wiedersiehst?«
»Aber --«
»Bitte, komm mir nicht mit aber, wenn du nicht wünschst, daß ich noch
einmal und für immer verschwinde. Ich armer Kerl habe mich, seitdem
ich von dir fortgelaufen bin, mehr als einmal unaussprechlich nach dir
gesehnt. Du hast dir natürlich nichts draus gemacht?«
»O wohl. Natürlich tat ich das. Warum hast du mich verlassen, Sidney?«
»Damit nicht noch etwas Schlimmeres kam. Aber wir wollen nicht
die wenigen Augenblicke, die wir haben, mit Auseinandersetzungen
verschwenden. Gib mir einen Kuß.«
»Dann willst du mich also wieder verlassen. O Sidney --«
»Denk nicht an morgen, Hetty. Sei wie die Sonne und die Wiese, die sich
nicht im geringsten um den kommenden Winter kümmern. Warum blickst du
auf den abscheulichen Kanal, der träge seine Schlammladung von einem
Ort zum andern wälzt, bis er sie in die See ausspeit -- grade wie eine
übervölkerte Straße ihre Ladung langsam auf den Kirchhof bringt? Sieh
mich an und gib mir einen Kuß!«
Sie gab ihm mehrere und sagte schmeichelnd, noch immer ihren Arm auf
seiner Schulter: »Du sagst das alles nur, um mich zu erschrecken,
Sidney, ich weiß das wohl.«
»Du bist die helle Sonne für meine Augen,« sagte er und umarmte sie.
»Ich fühle, wie mein Herz und mein Kopf unter deinem Lächeln versengt
werden, und ich werfe sie dir mit Entzücken als Beute zu. Wie glücklich
bin ich, daß ich eine Frau habe, die mich deswegen nicht verachtet --
die mich eher noch mehr liebt!«
»Sei nicht närrisch!« sagte sie mit unbestimmtem Lächeln. Dann begriff
sie halb, was er meinte. Sie stieß ihn voll Schmerz zurück und sagte
ärgerlich: »_Du_ verachtest _mich_ ja.«
»Nicht mehr, als ich mich selbst verachte. Oder vielmehr nicht einmal
so viel, denn manche Gefühle, die tatsächlich niedrige sind, scheinen
äußerlich liebenswert zu sein.«
»Du willst mich wieder verlassen. Ich fühle es. Ich weiß es.«
»Du glaubst, du weißt es, weil du es fühlst. Auch kein schlechter
Grund.«
»Dann verläßt du mich also wirklich?«
»Du weißt und fühlst es doch? Ja, meine angebetete Hetty, das tue ich
sicherlich.«
Sie brach in verzweifelte Schmerzensrufe aus, und er zog ihren Kopf
an sich heran und küßte sie in einer zarten Weise, der sie nicht
widerstehen konnte, und mit einem verzerrten Gesicht, das sie nicht sah.
»Meine arme Hetty, du verstehst mich nicht.«
»Ich verstehe nur, daß du mich hassest und daß du von mir fortgehen
willst.«
»Das würde leicht zu verstehen sein. Aber das Seltsame liegt darin, daß
ich dich _liebe_ und daß ich von dir fortgehen will. Nicht für immer.
Nur für eine Zeit.«
»Aber ich will nicht, daß du fortgehst. Ich lasse dich nicht gehen,«
sagte sie, und ein Zug von Heftigkeit mischte sich in ihr Flehen.
»Warum willst du mich verlassen, wenn du mich liebst?«
»Wie soll ich das wissen? Ich kann dir ebensowenig das Wie und
Warum meines Handelns erklären, wie ich mich selbst an einem Gürtel
hochheben und in eine andere Provinz bringen kann, was man ja gegen
die eingewendet hat, die das Perpetuum mobile erfinden wollen. Ich bin
zu sehr Pessimist, um auf meine eigenen Gefühle Rücksicht zu nehmen.
Weißt du, was ein Pessimist ist?«
»Ein Mann, der glaubt, die andern seien ebenso abscheulich wie er
selbst, und der sie dafür haßt.«
»Ungefähr so. Die moderne englische feine Gesellschaft, von der
ich ausgegangen bin, scheint mir so verdorben zu sein, wie sie
nur bei ihrer Einbildung auf ihre Kultur und bei ihrem Mangel an
Ehrenhaftigkeit sein kann. Ein scheinheiliger Mob, der die Lüge liebt,
die Wirklichkeit haßt, der Unsinn schreibt und schwatzt, der nach
Reichtum, Vergnügen und Berühmtheit jagt, der die Furcht vor der Hölle
verloren hat, aber sie noch nicht durch die Liebe zur Gerechtigkeit
ersetzt hat, ein solcher Pöbel strebt nur danach, sich den Löwenanteil
vom Wohlstand zu sichern, und er erpreßt ihn aus den Händen der
Gesellschaftsklassen, die ihn schaffen, indem er sie mit Verhungern
bedroht. Wenn du mich mit törichten Redensarten unterbrichst, Hetty,
werfe ich dich in den Kanal und sterbe nachher vor Kummer über meine
verlorene Liebe. Du weißt, was ich nach der herkömmlichen Beschreibung
bin: ein steinreicher Gentleman. Weißt du, welchen verruchten Ursprung
dieses Geld und diese Vornehmheit haben?«
»Oh, Sidney, hast du irgend etwas getan?«
»Nein, meine innigst Geliebte, ich bin ein Gentleman und habe nichts
getan. Daß ein Mann nichts zu tun braucht und doch nicht verhungert,
das ist seltsamerweise kein Widerspruch. Jeder Pfennig, den ich
besitze, ist gestohlenes Geld. Aber es war gesetzlich erlaubter
Diebstahl, und was für dich von einigem praktischen Wert ist, ich
könnte es den rechtmäßigen Eigentümern durchaus nicht zurückgeben,
selbst wenn ich wollte. Weißt du, was mein Vater war?«
»Was geht uns das jetzt an? Sei nicht so abscheulich und voll von
diesen lächerlichen Ideen, lieber Sidney. Ich habe nicht deinen Vater
geheiratet.«
»Nein, aber du hast -- natürlich nur zufällig -- meines Vaters Vermögen
geheiratet. Der Halsschmuck, den du da trägst, ist mit seinem Gelde
gekauft, und ich kann fast die Blutflecken sehen --«
»Halt, Sidney. Ich kann diese Art von Übertreibung nicht leiden. Es ist
alles Unsinn. Bitte, sei lieb zu mir.«
»Ich weiß, daß Schweißflecken daran sind.«
»Du abscheulicher Mensch!«
»Natürlich nicht von dir, mein Herzchen, aber von den unglücklichen
Menschen, die Sklavenarbeit tun, damit wir müßig leben können. Ich will
dir erklären, warum wir so reich sind. Mein Vater war ein schlauer,
energischer und ehrgeiziger Baumwollhändler, der unter einem Austausch
jeder Art nur ein Geschäft verstand, bei dem der eine verliert und
der andere gewinnt. Er machte es sich zur Aufgabe, so oft wie möglich
diesen Austausch vorzunehmen und dabei stets der gewinnende Teil zu
sein. Ich weiß nicht genau, woher er stammte, denn er schämte sich
sowohl seiner Vorfahren wie auch seiner Verwandten, woraus ich nur
schließen kann, daß sie ehrliche und darum erfolglose Leute waren.
Jedenfalls erwarb er etwas Kenntnis vom Baumwollhandel, legte etwas
Geld zurück, erborgte noch mehr, was man ihm gerne anvertraute, weil
er im Ruf stand, die Leute im Geschäft über's Ohr zu hauen, und fing
dann, wie er mir später wörtlich erzählte, _für sich selbst_ an. Er
kaufte eine Fabrik und etwas Rohbaumwolle. Nun mußt du wissen, wenn
ein Mann eine Zeitlang an einem Stück Rohbaumwolle arbeitet, kann er
sie in ein Stück gewebte Baumwolle verwandeln, fertig für Bettücher,
Hemden und dergleichen. Die gewebte Baumwolle ist wertvoller als
die Rohbaumwolle, sie kostet Abnutzung der Maschinen, Abnutzung der
Fabrik, Zinsen für das Grundstück, auf der die Fabrik gebaut ist, und
menschliche Arbeit oder Abnutzung von Menschenleben, die durch Nahrung,
Obdach und Rast bezahlt wird. Verstehst du das?«
»Das lernten wir alles auf der Schule. Ich sehe aber nicht ein, was das
mit uns zu tun hat, du arbeitest doch nicht im Baumwollhandel.«
»Du lerntest sicherlich genau so viel, als man es für gut fand, dir zu
lehren, aber ich glaube nicht, daß du alles lerntest. Als mein Vater
für sich anfing, gab es viele Männer in Manchester, die auch gerne auf
diese Art gearbeitet hätten. Aber sie besaßen keine Fabrik, um darin zu
arbeiten, keine Maschinen, um damit zu arbeiten, keine Rohbaumwolle,
um daran zu arbeiten, einfach, weil alle diese unentbehrlichen
Produktionsmittel sich schon in festem Besitz befanden. So standen
sie da mit leerem Magen, zitternden Gliedern und hungrigen Frauen und
Kindern in einem Land, das sie ihr eigenes Vaterland nannten, in dem
aber jeder Fetzen Boden, jede mögliche Nahrungsquelle fest verschlossen
im Besitz anderer war und von bewaffneten Soldaten und Polizisten
bewacht wurde. In dieser hilflosen Lage waren die armen Teufel dann
gezwungen, um Zulaß zu der Fabrik und zu der Rohbaumwolle zu bitten und
mit allem zufrieden zu sein, wenn sie nur ihr Leben fristen konnten.
Mein Vater bot ihnen die Benutzung seiner Fabrik, seiner Maschinen und
seiner Rohbaumwolle unter folgenden Bedingungen an: Sie mußten lange
und schwer arbeiten, von früh bis spät, und seiner Rohbaumwolle neuen
Wert hinzufügen, indem sie sie verwebten. Aus diesem so von ihnen
geschaffenen Mehrwert mußten sie ihn entschädigen für das, was er ihnen
lieferte: nämlich Miete, Obdach, Gas, Wasser, Maschinen, Rohbaumwolle
und alles andere, und sie mußten ihm für seine eigenen Dienste als
Direktor, Leiter und Kaufmann bezahlen. Soweit verlangte er nichts,
als was ihm grade gebührte. Aber nachdem dies alles bezahlt war, blieb
noch ein Betrag, den sie nur ihrer eigenen Arbeit verdankten. >Von
allem diesen<, sagte mein Vater, >sollt ihr grade genug bekommen, damit
ihr nicht verhungert, und den Rest gebt ihr mir als Geschenk, weil
ich es so gut verstehe, Geld anzusammeln. Das ist das Geschäft, wie
ich es vorschlage. Es ist nach meiner Meinung angemessen und darauf
berechnet, sparsame Gewohnheiten bei euch herbeizuführen. Wenn ihr
es nicht in dem Licht seht, könnt ihr euch selbst eine Fabrik und
Rohbaumwolle anschaffen. Meine braucht ihr nicht zu benutzen.< In
andern Worten, sie konnten zum Teufel gehen und verhungern -- Hobsons
Wahl! -- denn alle andern Fabriken waren im Besitz von Männern, die
keine besseren Bedingungen anboten. Die Leute in Manchester ertrugen
aber das Verhungern nicht, und sie konnten auch nicht sehen, wie ihre
Kinder verhungerten, so nahmen sie also seine Bedingungen an und
gingen in die Fabrik. Die Bedingungen, weißt du, waren von der Art,
daß sie nicht, wie er, sich Geld zurücklegen konnten. So schufen sie
einen großen Reichtum und lebten sehr ärmlich, so daß der Überschuß,
den sie für nichts meinem Vater gaben, sehr groß war. Er kaufte damit
noch mehr Baumwolle, noch mehr Maschinen und noch mehr Fabriken. Er
beschäftigte immer mehr Menschen, die für ihn Reichtum schafften, und
sah sein Vermögen anwachsen wie einen herabrollenden Schneeball. Er
wurde enorm reich, aber die Arbeiter waren nicht besser daran als im
Anfang, und sie durften nicht aufsässig werden und mehr von dem Geld
verlangen, das sie schufen, denn draußen gab es immer genug hungrige
Lumpen, die gerne zu den alten Bedingungen ihre Plätze einnahmen. Oft
hatte er es mit einer Krisis zu tun, so zum Beispiel, wenn er in seinem
Eifer, sein Lager zu vergrößern, durch seine Leute mehr Baumwolle
verarbeiten ließ, als das Publikum brauchte. Oder wenn er nicht genug
Rohbaumwolle bekommen konnte, wie es während des amerikanischen
Bürgerkrieges vorkam. Dann paßte er sich den Umständen an, indem er so
viele Arbeiter entließ, wie es nach dem Absatz oder dem Baumwollvorrat
nötig war. Sie verhungerten natürlich oder fielen der öffentlichen
Wohltätigkeit zur Last. Während des Bürgerkrieges ging eine gewaltige
Liste rund für diese armen Unglücklichen, und mein Vater zeichnete
hundert Pfund trotz seiner eigenen großen Verluste, wie er sagte.
Dann kaufte er neue Maschinen, und da an diesen die Frauen und Kinder
ebensogut arbeiten konnten wie die Männer, und da sie billiger und
lenksamer waren, setzte er ungefähr siebzig von jedem Hundert seiner
Hände (so nannte er die Männer) auf das Pflaster und ersetzte sie durch
ihre Frauen und Kinder, die schneller als je für ihn Geld machten. Zu
dieser Zeit hatte er es längst aufgegeben, seine Fabriken selbst zu
leiten, und er bezahlte tüchtigen Menschen, die selbst kein eigenes
Vermögen hatten, ein paar hundert Pfund im Jahr, weil sie das für ihn
besorgten. Er erwarb auch Aktien von anderen Unternehmungen, die nach
denselben Grundsätzen geleitet wurden. Er steckte Dividenden ein,
die in Gegenden erworben waren, die er nie besucht hatte, und von
Männern, die er nie gesehen hatte. Er kaufte sich von einer armen und
bestechlichen Wählerschaft einen Sitz im Parlament und half die Gesetze
bewahren, durch die er groß geworden war. Später, als der Ruf seines
Reichtums sich immer mehr verbreitete, brauchte er niemand mehr zu
bestechen, denn die modernen Menschen verehren die Reichen als Götter
und wählen einen Mann zu ihrem Leiter aus keinem andern Grunde, als
weil er ein Millionär ist. Er äffte den Adligen nach, wohnte in einem
Palast in Kensington und kaufte einen Teil von Schottland, um daraus
einen Jagdgrund zu machen. Es ist leicht genug, Jagdgründe anzulegen,
denn Bäume sind da nicht notwendig. Man jagt einfach die Bauern davon,
zerstört ihre Häuser und macht eine Wüste aus dem Land. Zwar schoß mein
Vater selbst nicht viel, er überließ gewöhnlich während der Saison
die Jagd andern, die das taten. Er verschaffte sich auch eine Frau
von adligem Geblüt -- das unbefriedigte Resultat steht vor dir. So
gelang es Jesse Trefusis, dem armen Handelsmann, ein Plutokrat und
Landedelmann zu werden. Und so bin ich, der ich nie in meinem Leben die
geringste Arbeit getan habe, überladen mit Reichtum, während die Kinder
der Männer, die diesen ganzen Reichtum geschaffen haben, Sklavenarbeit
tun wie ihre Väter, oder verhungern, oder im Arbeitshaus, auf den
Straßen oder Gott weiß wo sie sich herumtreiben. Was denkst du darüber,
mein Lieb?«
»Welchen Zweck hat es, sich deshalb zu quälen, Sidney? Du kannst das
jetzt nicht mehr ändern. Übrigens, wenn dein Vater sich Geld sparte
und die andern waren gleichgültig, dann verdiente er es, daß er ein
Vermögen machte.«
»Zugegeben! aber er machte gar kein Vermögen. Er nahm das Vermögen,
das die andern machten. In Cambridge lehrte man mir, seine Reichtümer
seien der Lohn seiner Sparsamkeit -- jener Sparsamkeit, die es ihm
ermöglichte, so viel zurückzulegen. Das beruhigte mein Gewissen, bis
ich anfing, mich zu wundern, wie ein Mann einen andern veranlassen
konnte, ihn für eine Tugend zu bezahlen. Dann kam die Frage: woran
sparte mein Vater? Die Arbeiter sparten an Essen, Trinken, frischer
Luft, guten Kleidern, anständigem Wohnen, an Feiertagen, Geld, an der
Gesellschaft ihrer Familie und fast an allem, was das Leben lebenswert
macht. Das war vielleicht der Grund, weshalb sie ungefähr zwanzig Jahre
früher starben, als Leute in unseren Kreisen. Aber niemand belohnte
sie für ihre Sparsamkeit. Die Belohnung bekam mein Vater, der an gar
nichts von allen diesen Dingen sparte, sondern sie nach Herzenslust
genoß. Übrigens, wenn Geld der Lohn für Sparsamkeit war, dann mußte
er logischerweise zehnmal so viel sparen, wenn er fünfzigtausend
Pfund im Jahr einnahm, als wenn er nur fünftausend hatte. Hier lag
ein Problem für meinen jungen Kopf. Man suche etwas, an dem mein
Vater sparte und in dem die Arbeiter schwelgten, etwas, an dem er
mehr und mehr sparte, je reicher er wurde. Das einzige Ding, welches
paßte, war schwere Arbeit, und da ich niemals einen vernünftigen Mann
gesehen habe, der einem andern etwas für sein Faulenzen bezahlt,
so begann ich zu begreifen, daß die wunderbaren Einnahmen meines
Vaters durch Gewalt erzwungen waren. Um gerecht gegen ihn zu sein, er
selbst rühmte sich nie seiner Sparsamkeit. Er betrachtete sich als
schwer arbeitenden Mann und beanspruchte sein Vermögen als Lohn für
sein Risiko, seine Berechnungen, seine Sorgen und seine Reisen, die
er in jeder Jahreszeit und zu jeder Stunde unternehmen mußte. Dies
beruhigte mich etwas, bis mir der Gedanke kam, wenn er ein Jahrhundert
früher gelebt und sein Geld in einem Pferd und in einem Paar Pistolen
angelegt hätte und Straßenräuber geworden wäre, daß dann seine Absicht
-- den andern die Frucht ihrer Arbeit zu entreißen, ohne ihnen etwas
Gleichwertiges zurückzugeben -- genau dieselbe und sein Risiko viel
größer gewesen wäre, denn er riskierte dabei an den Galgen zu kommen.
Fortwährendes Arbeiten, während ihm die Beamten auf den Hacken saßen,
und Berechnungen, ob er die Post nach Dover berauben sollte, würden
ihm übergenug Tätigkeit und Sorgen gegeben haben. Überhaupt, wenn das
Parlamentsmitglied Jesse Trefusis, der als Millionär in seinem Palast
in Kensington starb, ein Straßenräuber gewesen wäre, ich könnte keinen
tieferen Ekel vor den sozialen Einrichtungen empfinden, die eine solche
Laufbahn wie die seine nicht nur möglich, sondern auch in den Augen
seiner Zeitgenossen zu einer ehrenvollen machten. Die meisten Menschen
betrachten es als ihre Aufgabe, ihm nachzustreben, und hoffen in
derselben Art zu einem reichen und müßigen Leben zu kommen. Darum wende
ich ihnen den Rücken. Ich kann nicht bei ihren Festgelagen sitzen, da
ich weiß, wieviel diese an menschlichem Elend kosten, und da ich sehe,
wie wenig menschliches Glück sie hervorbringen. Was ist deine Meinung,
mein Schatz?«
Henrietta schien etwas gequält zu sein. Sie lächelte matt und sagte in
liebkosendem Ton: »Es war nicht deine Schuld, Sidney. _Ich_ tadle dich
nicht.«
»Ihr ewigen Mächte!« rief er aus und saß kerzengrade da, indem er den
Himmel anflehte, »hier dieses Weib glaubt, das einzige, was mich an der
Sache interessiert, sei, ob sie über mich persönlich deswegen etwas
Schlechtes denkt!«
»Nein, nein, Sidney. Nicht nur ich allein, niemand denkt deshalb etwas
Schlechtes von dir.«
»Ganz recht,« entgegnete er in höflicher Wut. »Niemand sieht etwas
Schlimmes darin. Das ist ja grade das Schlimme an der Sache.«
»Übrigens,« bemerkte sie nachdrücklich, »stammt deine Mutter aus einer
der ältesten Familien Englands.«
»Und was kann ein Mann mehr verlangen als Reichtum und adlige
Abstammung! Kann ein Mann glücklicher sein, als ich es sein
müßte, der von einem Monopolbesitzer aller Wohlstandsquellen und
Produktionsmittel, von Land und Maschinen, abstammt? Dieser selbe
Grund und Boden, auf dem wir hier stehen, war das Eigentum des Vaters
meiner Mutter. Wenigstens erlaubte ihm das Gesetz, ihn als solches zu
benutzen. Als er ein Knabe war, da hauste hier ein leidlich glückliches
Geschlecht von Bauern, die den Boden pflügten und für die Erlaubnis,
daß sie das tun durften, ihm eine Rente zahlten. Sie erzielten genug,
um seine großen Ansprüche und ihre kleinen Bedürfnisse zu befriedigen,
ohne daß sie sich dabei zu Tode arbeiteten. Aber mein Großvater war
ein schlauer Mann. Er begriff, daß Kühe und Schafe durch ihr Fleisch
und ihre Wolle mehr Geld einbrachten als die Bauern durch ihre
Landwirtschaft. So machte er klare Bahn. Das heißt, er vertrieb die
Bauern aus ihren Hütten, grade wie es später mein Vater auf seinem
Jagdgebiet machte. Oder, wie es auf seinem Grabstein hieß, er entdeckte
seinem Vaterlande neue Wohlstandsquellen. Ich weiß nicht, was aus
seinen Bauern geworden ist. _Er_ wußte es jedenfalls nicht, und ich
glaube auch nicht, daß es ihn irgendwie kümmerte. Wahrscheinlich
gingen die Alten ins Arbeitshaus, und die Jungen drängten sich in die
Städte und arbeiteten in Fabriken, wie sie mein Vater besaß. Auf ihren
früheren Wohnstätten hauste jetzt das Vieh, und es machte sich für das
Futter, das man ihm reichte, so gut bezahlt, daß mein Großvater unter
den Bedingungen der Manchestermänner Arbeiter mietete, die diesen Kanal
hier gruben. Mein Vater beteiligte sich mit Aktien an dem Unternehmen.
Als der Kanal fertig war, legten sie Schiffahrtsabgaben darauf, die
ihre Erben noch heute beziehen. Und die Söhne der Arbeiter, die ihn
gruben, und des Ingenieurs, der ihn zeichnete, bezahlen die Abgaben,
wenn sie zufällig darauf fahren oder Güter darauf befördern. Ich
erinnere mich meines Großvaters noch sehr gut. Er war ein vornehmer
Mann, ein vollkommener Gentleman in seinem Benehmen. Aber im ganzen,
glaube ich, war er schlechter als mein Vater, der nun einmal im
Räderwerk eines fehlerhaften Systems steckte und entweder andere
berauben mußte oder von ihnen beraubt wurde. Aber mein Großvater -- der
alte Schuft! -- war nicht in einer solcher Verlegenheit. Er war Herr
und Meister über seinen Anteil an dem alten, lustigen England, kein
Mensch konnte ihn zum Sklaven machen, und er hätte wenigstens leben
und leben lassen sollen. Mein Vater folgte ja seinem Beispiel, als er
sich die Jagdgründe anlegte, aber das war auch der Höhepunkt seiner
Schlechtigkeit, während es bei meinem Großvater nur der Anfang war.
Doch wie es auch sei und wem auch die Palme gebührt, die beiden sind
unsere Vorbilder, denen wir alle nachstreben.«
»Nicht alle, Sidney. Wir zwei doch nicht. Ich hasse Unternehmer und
Großgrundbesitzer. Wir gehören zu den Kultur- und Künstlerklassen, und
wir können uns von Handelsleuten fernhalten.«
»Ja, und wir verzehren inzwischen verschiedene tausend Pfund von Renten
und Zinsen. Nein, mein Schatz, so machen es die Leute, die selbst im
Himmel leben und nicht an die Hölle erinnert werden wollen, die aber
nichts dagegen haben, daß eine außerhalb ihres Bewußtseins existiert.
Ich habe vor meinem Vater mehr Achtung -- ich meine, ich verabscheue
ihn weniger -- weil er das Ausbeuten und Stehlen selbst besorgte, als
die gefühlvollen Faulenzer und Feiglinge, die ihm Geld gaben, damit er
damit andere ausbeutete und bestahl, und die nach gar nichts fragten,
wenn er nur die Zinsen pünktlich bezahlte. Und was deine Freunde, die
Künstler, angeht, das sind die Allerschlimmsten.«
»Oh, Sidney, du hast dir in den Kopf gesetzt, alles häßlich zu finden.
Künstler halten keine Fabriken.«
»Nein, aber die Fabriken sind auch nur ein Teil in dem Räderwerk des
Systems. Seine Grundlage ist die Tyrannei der Gehirnkraft, die unter
zivilisierten Menschen tun kann, was Muskelkraft unter Schuljungen und
Wilden tut. Der Schuljunge sagt: >Ich bin stärker als du, folglich mußt
du für mich Dienste tun.< Der Erwachsene befiehlt: >Ich bin schlauer
als du, darum mußt du für mich Dienste tun.< Diese Zustände, denen wir
uns unterwerfen, sind an und für sich schlimm genug, sie werden aber
unerträglich, wenn die mittelmäßigen oder schwachsinnigen Abkömmlinge
dieser schlauen Burschen den Anspruch erheben, ihre Vorrechte zu
erben. Nun hängen aber keine Menschen so sehr an der unbeschränkten
Herrschaft von Genie und Talent wie deine Künstler. Der große Maler ist
nicht damit zufrieden, daß er gesucht und bewundert wird, weil seine
Hände, was auch tatsächlich der Fall ist, mehr können als gewöhnliche
Hände -- nein, er will auch so ernährt werden, als ob sein Magen, was
nicht der Fall ist, mehr Nahrung brauchte als gewöhnliche Mägen. Ein
Tagewerk ist ein Tagewerk, nicht mehr und nicht weniger, und wer einen
Tag arbeitet, braucht dafür Unterhalt und Schlaf und Mußezeit, ob er
nun Maler oder Bauer ist. Aber der Halunke von einem Maler, Dichter,
Romanschreiber, oder was er sonst für eine Luxusbeschäftigung hat, ist
nicht damit zufrieden, daß er in der allgemeinen Achtung höher steht
als der Bauer, er will auch mehr Geld haben, als ob der Tag im Atelier
oder im Studierzimmer mehr Stunden hätte als auf dem freien Feld. Als
ob er mehr Nahrung brauchte, um seine Arbeit leisten zu können, als
der Bauer. Er spricht von der höheren Art seiner Arbeit, als ob diese
höhere Wertschätzung sein eigenes Verdienst sei -- als ob er das Recht
hätte, weniger für seinen Nachbarn zu tun, als sein Nachbar für ihn
tut, als ob der Bauer nicht leichter ohne ihn auskäme, als er ohne den
Bauer -- als ob der Wert der berühmtesten Gemälde nicht zweifelhafter
wäre als der einer graden Ackerfurche -- als ob nicht ebensoviele
Jahre des Lernens dazu gehörten, die Hand und das Auge eines Maurers
und eines Schmiedes auszubilden als die eines Künstlers -- als ob, um
es kurz zu sagen, der Kerl ein Gott wäre, wie ihm die phantasierenden
Kunstverehrer seit Jahren versichert haben. Die Künstler sind die
Hohenpriester des modernen Molochs. Neun Zehntel von ihnen sind kranke
Geschöpfe, die grade noch vernünftig genug sind, aus ihrer Nervosität
ein Geschäft zu machen. Die einzige Eigenschaft von ihnen, die mir
etwas Achtung abnötigt, ist eine gewisse erhabene Selbstsucht, die sie
veranlaßt, lieber zu verhungern und ihre Familie verhungern zu lassen,
als etwas zu tun, was sie nicht lieben.«