Dienstboten zu den Nachbarn und ließ aus dem Dorf die Polizei kommen.
Unter dem Kommando von Fairholme und anderer energischer Geister wurden
Abteilungen nach den verschiedensten Richtungen ausgesandt. Auch die
Mädchen bildeten unter sich Abteilungen, die durch Herren, welche die
andern verließen, verstärkt wurden. Miß Wilson ging in das Haus hinein
und untersuchte das ganze Innere der Anstalt. Nur zwei Personen blieben
auf dem Tennisplatz, Agatha und Mrs. Jansenius, die die ganze Zeit über
erstaunlich ruhig geblieben war.
»Sie brauchen sich nicht zu ängstigen,« sagte Agatha, die sich seit
ihrer Zurückweisung durch Miß Wilson abseits gehalten hatte. »Ich bin
sicher, daß keine Gefahr dabei ist. Es ist zwar äußerst merkwürdig, daß
sie fortgegangen sind, aber der Mann ist nicht verrückter als ich, und
ich weiß, daß er ein Gentleman ist. Er hat es mir selbst gesagt.«
»Wir wollen das Beste hoffen,« sagte Mrs. Jansenius ruhig. »Ich möchte
mich hinsetzen -- ich bin so müde. Danke sehr.« -- Agatha hatte ihr
einen Stuhl hingestellt. »Was sagten Sie, daß Ihnen dieser Mann erzählt
hat?«
Agatha berichtete die Umstände ihrer Bekanntschaft mit Smilasch,
indem sie aufs Mrs. Jansenius' Bitten eine genaue Beschreibung seines
Aussehens gab. Mrs. Jansenius bemerkte, es sei sehr seltsam, und sie
wäre überzeugt, daß Henrietta keine Gefahr drohe. Sie trank dann ein
Glas Wein und aß ein paar Butterbrote. Agatha freute sich, weil sie
jemand fand, der ihr ruhig zuhörte, aber sie staunte doch über die
Kaltblütigkeit ihrer Tante und deutete schließlich an, wenn Smilasch
auch kein Arbeiter sei, so folge noch nicht daraus, daß er ein
ehrenhafter Mann sei. Aber Mrs. Jansenius antwortete: »Oh, sie ist
sicher -- ganz sicher! Schließlich muß ich es wenigstens hoffen. Wir
werden schon bald Nachrichten bekommen.«
Die Sucher kehrten nach und nach fassungslos zurück. Sie hatten ein
paar Hirten, die einzigen Personen, die es in der Nachbarschaft gab,
gefragt, ob sie nicht eine junge Dame und einen Arbeiter gesehen
hätten. Einige hatten eine junge Frau mit einem Kleiderbündel gesehen,
vielleicht war sie das gewesen. Andere glaubten, wenn einer sie
entdeckte, dann würde es Phil Martin, der Kärrner, tun. Keiner aber
hatte eine sichere Aussage zu machen.
Der Nachmittag ging weiter, und eine Abteilung nach der andern
kehrte zurück. Alle waren ermüdet von dem erfolglosen Suchen, und an
die Stelle der Erregung trat Niedergeschlagenheit. Die Unterhaltung
war nicht mehr lärmend, sie wurde im Flüstertone geführt, und einige
Besucher aus der Umgegend schlichen sich davon in der immer stärker
werdenden Überzeugung, daß etwas Häßliches geschehen sei, und daß sie
am besten nichts damit zu schaffen hätten. Mr. Jansenius war, obgleich
ihn einige Worte seiner Frau überrascht und etwas beruhigt hatten, doch
noch immer in bejammernswerter Unruhe und Ängstlichkeit.
Endlich kam die Polizei, und beim Anblick ihrer Uniformen erhob sich
die Aufregung von neuem. Es herrschte die allgemeine Überzeugung, daß
jetzt etwas Entscheidendes geschehen würde. Aber die Beamten waren
auch nur sterbliche Menschen, und nach ein paar Minuten flüsterte
man sich zu, sie seien Narren. Sie bezweifelten alles, was man ihnen
erzählte, und drückten ihre Verachtung gegen das Suchen der Laien aus,
indem sie eine neue Untersuchung begannen und mit der größten Sorgfalt
die unwahrscheinlichsten Ecken durchstöberten. Zwei gingen fort nach
Smilaschs Hütte, um dort nach ihm zu suchen. Dann brachte Fairholme,
sonnenverbrannt, schwitzend und staubig, aber noch voll Energie,
den erschöpften Überrest seiner Abteilung zurück. Sie hatten einen
mürrischen Jungen bei sich, der den Polizeibeamten finstere Blicke
zuwarf und offenbar glaubte, er sollte an sie ausgeliefert werden.
Fairholme war überall gewesen, und da er nichts von dem verlorenen
Paar gesehen hatte, kam er zu dem Schluß, daß sie überhaupt nirgends
steckten. Er fragte jeden um Auskunft und sagte, er würde es
herausbekommen, wenn es nur möglich wäre. Aber es war nicht möglich.
Das einzige Resultat seiner Bemühungen war die Erzählung des Burschen,
dem er nicht glaubte.
»Hm!« sagte der Inspektor, der nicht sehr erfreut über Fairholmes Eifer
war, obgleich er ihm imponierte. »Du bist doch Wickens Junge, nicht
wahr?«
»Ja, ich bin Wickens Junge,« antwortete der Zeuge halb verächtlich,
halb weinerlich. »Und ich hab ihn doch gesehen, und wenn jemand sagt,
ich hätte ihn nicht gesehen, dann ist er ein Lügner.«
»Still,« sagte der Inspektor scharf. »Wir wollen deine
Unverschämtheiten nicht hören. Aber erzähle uns, was du gesehen hast,
sonst bekommst du es nachher mit mir zu tun.«
»Es ist mir gleich, mit wem ich es zu tun habe,« sagte der Junge
trotzig. »Sie können mir nichts tun, weil ich ihn sah, denn das geht
keinem Gesetz was an. Ich war in der Kiesgrube in der Wiese am Kanal --«
»Was hattest du da verloren?« fragte der Inspektor, ihn unterbrechend.
»Ich durfte da sein,« sagte der Junge in frechem Ton, aber er wurde
doch rot.
»Wer hat dir die Erlaubnis gegeben?« fragte der Inspektor weiter und
faßte ihn beim Kragen. »Ah,« fügte er hinzu, als der Gefangene in
Tränen ausbrach, »ich hab dir ja gesagt, du bekommst es mit mir zu tun.
Nun hör mit dem Geplärre auf und denk daran, wo du bist und mit wem du
sprichst. Vielleicht werde ich dich für diesmal nicht einsperren. Also
was hast du gesehen, als du verbotenerweise auf die Wiese kamst?«
»Ich sah ein junges Weib und einen Mann. Und ich sah, wie sie ihn
küßte. Und der Herr will mir nicht glauben.«
»Du meinst natürlich, du sahst, wie er sie küßte?«
»Nein, nein. Ich kenn das, wenn einem ein Mädchen küßt und man will es
nicht haben. Und ich schrie, um sie zu erschrecken. Und er rief mich
und gab mir zwei Pence und sagte: >Geh zum Teufel!< sagte er, >und sage
niemand, daß du mich hier gesehen hast, sonst,< sagte er, >werde ich
mich versucht fühlen, dich zu ertränken,< sagte er, >und was für ein
Schrecken würde das für deine Eltern sein!< >O ja, jedenfalls,< sagte
ich oder so ähnlich. Dann ging ich weg, weil er Mr. Wickens kennt, und
weil ich Angst hatte, er würde es ihm erzählen.«
Da der Trotz des Knaben jetzt gebrochen war, regnete es von allen
Seiten Fragen auf ihn. Aber seine Beobachtungsgabe und seine
Beschreibung wurden dadurch nicht besser. Da er Leute, in deren
Gewalt er war, freundlich stimmen wollte, gab er, so oft er konnte,
zustimmende Antworten. Mr. Jansenius fragte ihn, ob die junge Frau, die
er gesehen hatte, eine Lady gewesen sei, und er sagte ja. War der Mann
ein Arbeiter? Ja -- nach kurzem Überlegen. Wie war sie gekleidet? Das
hatte er nicht beobachtet. Hatte sie rote Blumen auf ihrem Hut? Ja.
War ihr Kleid grün? Ja. Waren die Blumen auf ihrem Hut gelb? (Agathas
Frage.) Ja. War ihr Kleid hellrot? Ja. Es war doch bestimmt nicht
schwarz? Keine Antwort.
»Ich sagte Ihnen ja, er ist ein Lügner,« bemerkte Fairholme verächtlich.
»Nun, ich glaube schon, daß er etwas gesehen hat,« sagte der
Inspektor. »Aber was es war oder wer es war, ist mehr, als ich aus ihm
herauskriegen kann.«
Es entstand eine Pause, und sie sahen Wickens Jungen mißtrauisch
an. Seine Erzählung über das Küssen machte es den Jansenius fast zu
einer Beleidigung, daß Henrietta die Frau sein könnte, die er gesehen
hatte. Jane riet, den Kanal abzusuchen, aber ein unwilliges >st, st<
gebot ihr Schweigen, während man den verlassenen Eltern besorgte
und mitfühlende Blicke zuwarf. Jane verschwand dann wieder aus dem
Brennpunkt der allgemeinen Aufmerksamkeit, als die beiden Polizisten,
die man nach der Hütte gesandt hatte, zurückkamen. Smilasch ging
zwischen ihnen, offenbar als Gefangener. Von weitem sah es aus, als ob
er eine schreckliche Verletzung am Kopf habe, als man ihn aber in die
Gesellschaft brachte, zeigte es sich, daß es nur ein rotes Taschentuch
über sein Gesicht gebunden hatte, wie um Zahnschmerzen zu mildern.
Er hatte ein ausgesprochenes Galgengesicht, als er vor dem Inspektor
stand. Er ließ seinen Kopf herabhängen und hielt seine Gesichtszüge von
Mr. Jansenius abgewendet, der, als er ihn forschend beobachten wollte,
nur einen Fetzen von dem roten Taschentuch sah.
Einer der Polizisten berichtete, wie sie Smilasch in dem Augenblick
gefunden hätten, als er grade seine Wohnung betreten wollte. Er habe
sich geweigert, irgendeine Erklärung zu geben oder auch nach der
Anstalt zu kommen, und als sie ihn gegen seinen Willen mitnehmen
wollten, habe er ihnen Trotz geboten. Als sie dann schließlich nach
dem Inspektor und Mr. Jansenius schicken wollten, hatte er sie Esel
genannt und eingewilligt, sie zu begleiten. Der Beamte schloß mit der
Erklärung, der Mann sei entweder betrunken oder sehr hinterlistig, da
er nicht vernünftig sprechen konnte oder wollte.
»Sehen Sie, Herr Wachtmeister,« begann Smilasch zum Inspektor, »Ich bin
ein gewöhnlicher Mann -- Sie können keinen gewöhnlicheren finden in --«
»Das ist er,« schrie Wickens Junge, den plötzlich das Gefühl überkam,
daß er ein wichtiger Zeuge sei. »Das ist er, den die Lady küßte, der
mir zwei Pence gab und mir drohte, mich zu ertränken.«
»Und mit demütigem und zerknirschtem Herzen bedaure ich, daß ich dich
nicht ertränkt habe, du grüner Halunke,« sagte Smilasch. »Ist das eine
Art, einen Mann, wenn auch einen gewöhnlichen, zu unterbrechen, der an
Alter und Weisheit dein Vater sein könnte.«
»Halt deinen Mund,« sagte der Inspektor zu dem Jungen. »Nun, Smilasch,
wollen Sie einen Bericht geben? Aber erwägen Sie wohl, was Sie sagen,
es kann nachher gegen Sie vorgebracht werden.«
»Wenn Sie mich sofort von hier zum Schafott bringen lassen, Herr
Oberwachtmeister, ich kann nicht mehr als die Wahrheit sagen. Wenn ein
Mann sagen kann, daß Jeff Smilasch lügt, dann soll er sich melden.«
»Das interessiert mich nicht,« sagte der Inspektor. »Da Sie hier in
der Gegend fremd sind, weiß niemand etwas Schlechtes von Ihnen. Aber
ebensowenig weiß jemand etwas Gutes von Ihnen.«
»Herr Wachtmeister,« sagte Smilasch tief bewegt, »Sie haben einen
durchdringenden Geist, und durchschauen einen schlechten Charakter auf
den ersten Blick. Nicht um Sie zu täuschen, bin ich so der Lüge und
Faulheit und Genüssen aller Art ergeben. Die einzige Entschuldigung,
die ich für mich finden kann, ist, daß es wohl so in der Natur der
menschlichen Rasse liegt. Denn die meisten Leute sind grade so schlimm
wie ich, und viele sind schlimmer. Ich spreche nicht persönlich von
Ihnen, Herr Wachtmeister, noch von den geehrten Gentlemen, die hier
versammelt sind. Denn Sie, Herr Wachtmeister, sind ein Inspektor von
der Polizei, was ich für einen höheren Rang als den der gewöhnlichen
Menschen halte. Und was die Gentlemen angeht, ein Gentleman ist kein
Mann -- wenigstens kein gewöhnlicher Mann -- denn der gewöhnliche
Mann ist nur der Sklave, der die Gentlemen, die über dem Gewöhnlichen
stehen, ernährt und bekleidet.«
»Halt,« sagte der Inspektor, der diesen Bemerkungen nicht folgen
konnte, »Sie sind ein gerissener Patron, aber mir sind Sie nicht
gerissen genug. Haben Sie eine Erklärung bezüglich der Dame abzugeben,
die man zuletzt in Ihrer Gesellschaft gesehen hat?«
»Eine Erklärung abgeben über eine Lady!« sagte Smilasch unwillig. »Fern
sei der Gedanke meiner Seele!«
»Was haben Sie mit ihr angefangen?« fragte Agatha heftig. »Sein Sie
nicht so mürrisch.«
»Sie wissen, daß Sie das nicht zu beantworten brauchen,« sagte der
Inspektor, der ein wenig aus der Fassung gebracht war, weil Agatha in
ihrer unverantwortlichen Stellung so direkt auf den Kernpunkt der Sache
gekommen war. »Sie können es tun, wenn Sie wollen. Wenn Sie aber etwas
Böses getan haben, schweigen Sie lieber. Im andern Fall können Sie
ruhig aussagen.«
»Ich will die junge Lady wegen ihrer verehrten Schwester beruhigen,«
sagte Smilasch. »Als die junge Lady mich erblickte, fiel sie in
Ohnmacht. Da ich erst ein junger Mensch bin und nicht mit Ladies
umzugehen weiß, will ich nicht leugnen, daß ich etwas erschrocken war,
und daß mein Kopf keine vernünftigen Überlegungen fassen konnte. Als
sie ihre Augensterne entschleierte, um mich so auszudrücken, umfaßte
sie meinen Hals, obgleich sie mich von Adam, unserm gemeinsamen
Stammvater her nicht kannte, und sagte: >Bringen Sie mir etwas Wasser,
und machen Sie, daß die Mädchen mich nicht sehen.< Da ich nicht so viel
Verstand hatte, um für mich selbst zu sprechen, tat ich grade, was sie
mir sagte. Ich hob sie in meinen Armen empor -- sie war ja nur ein
leichtes und zartes Wesen -- und schob, so schnell ich konnte, nach dem
Kanal. Als ich dort ankam, legte ich sie auf die Bank und holte Wasser.
Aber bei den Fabriken, Verunreinigungen und vornehmen Einrichtungen
aller Art kann man mit dem Wasser eines englischen Kanals keine Dame
bespritzen, viel weniger es ihr zu trinken geben. Da kam nun grade, wie
es der Zufall wollte, eine Barke daher und nahm sie an Bord, und --«
»Nein, so war es nicht,« sagte Wickens Junge hartnäckig und war stolz,
weil er die Unverschämtheit eines Angehörigen seiner eigenen Klasse
aufdecken konnte. »Ich sah Sie beide zusammenstehen, und sie küßte Sie.
Da war gar keine Barke.«
»Soll die jungfräuliche Sittsamkeit einer geborenen Lady angezweifelt
werden wegen der Worte eines gewöhnlichen Jungen, der nur durch die
Geduld der Landbesitzer und Geldbesitzer, die er mit ernähren hilft,
sein Dasein fristet?« rief Smilasch unwillig. »Pfui, du junger Heide,
eine Lady ist nicht aus demselben Leder geschnitten wie du. Sie weiß
nicht einmal, was ein Kuß ist, und wenn sie es wüßte, ist es zu
glauben, daß sie mich nahm, da ein so feiner Mann wie der Inspektor
hier nur zu glücklich wäre, ihr den Gefallen zu tun. Pfui, schäme dich!
Die Barke war rot und gelb mit einem Drachen als Bugfigur und einem
weißen Pferd, das sie zog. Vielleicht bist du farbenblind und kannst
rot und gelb nicht unterscheiden. Der Schifferknecht wurde von Mitleid
ergriffen, als er die arme, ohnmächtige Lady erblickte und als ihm eine
halbe Krone angeboten wurde, und er hatte eine Mutter, die wie eine
Mutter handelte. Es war eine Kabine auf dieser Barke, so groß wie der
Schrank, in dem Eure Gnaden Ihre eingemachten Sachen aufheben, und in
diesem Schrank von einer Kabine lebt der Schifferknecht ganz häuslich
mit seiner Frau und Mutter und fünf Kindern. Diese Kanalboote sind
sozusagen die hölzernen Mauern von England.«
»Los, fahren Sie in Ihrer Erzählung fort,« sagte der Inspektor. »Wir
wissen ebensogut wie Sie, was Barken sind.«
»Ich wollte, ich verstände mehr davon,« entgegnete Smilasch.
»Vielleicht könnte ich Ihnen bei Ihrer Aufgabe etwas mehr helfen.
Aber, wie ich schon sagte, wir fuhren den Kanal hinab nach Lyvern, wo
wir ausstiegen, und die Lady nahm ein Eisenbahnbillet und fuhr damit
fort. Mit der vornehmen Offenhändigkeit ihrer Klasse gab sie mir sechs
Pence. Hier sind sie, ein Beweis, daß ich die Wahrheit sage. Und ich
wünsche ihr, daß sie sicher zu Hause ankommt, und wenn man mich auf
die Folter spannt, ich kann nicht mehr erzählen, ausgenommen, daß ich
nach Hause ging und daß diese Polizisten gegen die englische Verfassung
Hand an mich gelegt haben. Wenn das gnädige Fräulein freundlichst dahin
gehen wollten, wo die Verfassung aufgeschrieben ist, und herausfänden,
was darin über meine Rechte und Freiheiten steht -- denn man hat mir
gesagt, daß der Arbeiter seine Freiheiten hat, und ich habe mich immer
dafür interessiert -- dann werden Sie einen armen Burschen mehr zum
Dank verpflichten, als er nach seiner geringen Erziehung ausdrücken
kann.«
»Mein Herr,« schrie Mr. Jansenius plötzlich, »wollen Sie nicht einmal
ihren Kopf erheben und mir ins Gesicht sehen?«
Smilasch tat es und fuhr dann mit theatralischer Bewegung zurück, indem
er ausrief: »Wen sehe ich?«
»Sie werden es kaum glauben,« fuhr er fort, indem er sich an die
Gesellschaft im allgemeinen wandte, »aber ich bin diesem vornehmen
Gentleman wohlbekannt. Auf Ihren Lippen, alter Herr, sah ich die Frage
nach meiner Frau, und ich danke Ihnen für die herablassende Teilnahme.
Es geht ihr gut, Herr, und daß ich hier meinen Aufenthalt habe, darüber
haben wir uns vollständig geeinigt. Was für eine kleine Wolke auch
über unserm häuslichen Himmel geschwebt haben mag, sie ist vergangen.
Und, alter Herr,« hier sank Smilaschs Stimme zu ernsterer Betonung
-- »wer sich jetzt zwischen Mann und Weib schiebt, lädt eine schwere
Verantwortung auf sich. Hier lebe ich, so wie Sie mich hier sehen, und
hier will ich bleiben, genau in der gleichen Gestalt. Das heißt, wenn
das Schicksal es erlaubt. Das Schicksal ist eine wunderliche Sache,
alter Herr. Als ich hierher kam, dachte ich, es sei der letzte Platz
auf der Welt, wo Sie mir vor die Augen kämen, und der Henker hol mich,
wenn Sie nicht ungefähr der erste sind, auf den ich hier stoße.«
»Ich beabsichtige nicht, mich an dieser Maskerade zu beteiligen.«
»Wenn Sie erlauben, alter Herr, daß ich Ihnen das Wort aus dem Munde
nehme, Sie brauchen sich an nichts zu beteiligen. Was nun mein früheres
Benehmen angeht, Sie können sich darüber äußern oder auch schweigen.
Wenn Sie aber etwas davon sagen, werde ich das übrige sagen. Alles oder
gar nichts. Sie haben das Recht, hier dem Inspektor zu sagen, ich sei
ein schlechter Kerl. Sein durchdringender Geist hat es schon von selbst
herausgefunden. Aber wenn Sie auf Namen und Einzelheiten eingehen, dann
handeln Sie nicht nur gegen die Wünsche meiner Frau, Sie zwingen mich
auch dazu, die ganze Geschichte hier offen vor aller Welt zu erzählen
und dann irgendwohin zu gehen, wo niemand mich finden kann.«
»Ich glaube, je weniger gesagt wird, desto besser ist es,« sagte
Mrs. Jansenius, die mit Unbehagen die Neugierde und das Erstaunen
bemerkte, das die Unterredung verursachte. »Aber verstehen Sie das
wohl, Mr. --«
»Smilasch, teure Lady. Jeff Smilasch.«
»Mr. Smilasch, was Sie auch mit Ihrer Frau abgemacht haben werden, es
geht mich nichts an. Sie haben schändlich gehandelt, und ich wünschte,
ich hätte in Zukunft so wenig wie möglich mit Ihnen zu tun.«
»Ich wünsche, daß ich mit Ihnen _gar nichts_ mehr zu tun habe --
_gar nichts_!« sagte Mr. Jansenius. »Ich sehe Ihr Benehmen als eine
persönliche Beschimpfung für mich an. Sie können leben, wie Sie wollen
und wo Sie wollen. Ganz England steht Ihnen offen, nur ein Platz nicht
-- mein Haus. Komm, Ruth.« Er bot seiner Frau den Arm, und sie wandten
sich zum Gehen, indem sie sich nach Agatha umsahen, die, von der
gaffenden Neugierde der andern angewidert, sich entschlossen aus der
Hörweite der Unterhaltung zurückgezogen hatte.
Smilasch hatte mit freundlichem Interesse den Zornesausbruch des
Mr. Jansenius beobachtet, als ob es ihn nur als neugierigen Beobachter
anginge. Aber Miß Wilson ließ ihre Blicke von Smilasch zu ihren beiden
aufbrechenden Besuchern gleiten. »Bitte, sehen Sie die Erklärung dieses
Mannes als eine befriedigende an?« sagte sie zu ihnen. »_Ich_ tu es
nicht.«
»Ich bin ein viel zu gewöhnlicher Mann,« sagte Smilasch, »als daß ich
imstande wäre, eine Erklärung abzugeben, die ein so kultiviertes
Gehirn wie das Ihrige befriedigen könnte. Aber ich möchte ganz
bescheiden andeuten, daß da drüben ein Junge mit einem Telegramm steht
und sich gerne durch die hochgeborene Menge drängen würde.«
»Miß Wilson!« schrie der Junge mit schriller Stimme.
Sie nahm das Telegramm, las es und runzelte die Stirne. »Wir haben alle
unsere Mühe für nichts gehabt, meine Damen und Herren,« sagte sie mit
unterdrücktem Ärger. »Mrs. Trefusis teilt hier mit, daß sie nach London
zurückgekehrt ist. Irgendeine Erklärung anzugeben, hat sie nicht für
nötig gehalten.«
Ein allgemeines Murmeln der Enttäuschung folgte.
»Lassen Sie den Mut nicht sinken, Ladies,« sagte Smilasch. »Vielleicht
ist sie trotzdem ertränkt oder ermordet worden. Es kann jemand das
Telegramm unter einem falschen Namen geschickt haben. Vielleicht ist
es ein Kniff. Hoffen wir um Ihretwillen wenigstens auf einen kleinen
Unfall -- vielleicht passiert etwas auf der Eisenbahnreise.«
Miß Wilson wandte sich nach ihm um und war froh, daß sie jemand hatte,
an dem sie so recht ihren Ärger auslassen konnte. »_Sie_ sollten sich
lieber an Ihre Arbeit machen,« sagte sie. »Und lassen Sie sich nie
wieder hier sehen.«
»Das ist hart,« sagte Smilasch klagend. »Ich habe es nur gut gemeint.
Aber ich weiß, warum Sie so sind. Weil das junge Ungeziefer sagte, die
Lady hätte mich geküßt.«
»Herr Inspektor,« sagte Miß Wilson, »Sie werden mich verbinden, wenn
Sie dafür sorgen, daß er die Anstalt so bald wie möglich verläßt!«
»Wo ist mein Lohn?« entgegnete Smilasch vorwurfsvoll. »Wo ist mein
gesetzlicher Lohn? Ich bin erstaunt, daß eine Dame wie Sie, die zum
Überlaufen voll ist von Moralphilosophie und Nationalökonomie, einen
armen Mann um das Seinige bringen will. Wo ist Ihre Zahlkasse? Wo ist
Ihr Lohnkapital?«
»Geben Sie ihm nichts, Madame,« sagte der Inspektor. »Mit dem Geld, das
er von der Lady hat, ist er reichlich bezahlt. Gehen Sie los, oder wir
werden Ihnen überraschend schnell Beine machen.«
»Nun gut,« murrte Smilasch: »Wir haben neun Pence abgemacht, und was
die Arbeit mit der Rasenwalze anging, das Öffnen der Seltersflaschen
und das Hinaustragen der schweren Tabletts, mir schwebte da so etwas
vor, was wie zwei Schilling klang. Aber ich verlange nicht mehr
als neun Pence, die Lady kann den Schilling und die drei Pence als
Ersparnis behalten. Das ist eine Ausbeutung der Arbeit im Maßstabe von
hundertfünfundzwanzig Prozent. Also geben Sie mir die neun Pence, und
ich marschiere sofort ab.«
»Hier ist ein Schilling,« sagte Miß Wilson. »Und nun gehen Sie.«
»Drei Pence zurück!« schrie Smilasch. »Ehrlichkeit ist immer mein --«
»Sie können den Rest behalten.«
»Sie haben ein nobles Herz, Lady. Aber Sie schlagen dem Gesetz von
Angebot und Nachfrage ins Gesicht. Wenn Sie auf diese Art bezahlen,
werden die Arbeiter die Anstalt stürmen und der Wettbewerb wird Sie
bald von einem Schilling auf sechs Pence herunterbringen, um von neun
Pence ganz zu schweigen. So gehen die Löhne herunter und die Todesrate
hinauf, denn es ist unser Unglück, daß wir uns wie Schweine auf dem
Markte verkaufen müssen.«
Er wollte noch etwas hinzufügen, aber der Beamte nahm ihn beim Arm,
drehte ihn herum und zeigte nachdrucksvoll nach dem Tor. Smilasch sah
ihn einen Augenblick gedankenlos an. Dann blinzelte er Fairholme zu und
ging ruhig davon, während die andern ihm schweigend nachstarrten.
Fünftes Kapitel.
Was zwischen Smilasch und Henrietta vorgefallen war, erfuhr sonst
niemand. Agatha hatte gesehen, daß Henrietta seinen Hals mit ihren
Armen umschlang, aber sie war schon fort, als sie >Sidney, Sidney<
rief, und sah nicht mehr, wie er ihr Gesicht gegen seine Brust drückte,
um ihre Stimme zu dämpfen, und wie er sagte: »Mein einziges Lieb, ich
flehe dich an, schreie nicht. Verflucht, wir haben die ganze Bande im
Augenblick hier. Still!«
»Verlaß mich nicht mehr, Sidney,« flehte sie und klammerte sich
fester an ihn an, denn sie las in seinem bestürzten Blick, der nach
dem Eingang der Gebüschanpflanzung gerichtet war, daß er sie im Stich
lassen wollte. Ein Geräusch von Stimmen, das aus dieser Richtung kam,
beendete seine Unentschlossenst.
»Wir müssen fortlaufen, Hetty,« sagte er. »Halte dich fest an meinem
Hals und erwürge mich nicht. Also los!« Er hob sie empor und rannte
eiligst davon. Als sie an eine Mauer kamen, setzte er sie hinauf,
kletterte selbst hinüber und fing sie in seinen Armen auf. Dann trug
er sie mühsam schwankend quer durch die Felder und taumelte über
jeden kleinen Erdhügel, während sie in unzusammenhängenden Worten
ihm Vorstellungen machte. »Du wirst mit jeder Sekunde ein paar Pfund
schwerer, mein Schatz,« sagte er keuchend. »Wenn du dich nicht grade
hältst, brichst du mir den Rücken. Oh, Himmel, hier ist ein Graben!«
»Laß mich herunter,« schrie Henrietta in einer Ekstase von Entzücken
und Angst. »Du wirst dir Schaden zufügen, und -- oh, bitte, nimm mich
--«