»Wo ist Onkel John?« fragte Agatha. »Ist er nicht mitgekommen?«

»Er ist im andern Zimmer bei Miß Wilson,« sagte Mrs. Jansenius. »Sie

erwarten dich dort.«

»Ich dachte, es wäre jemand gestorben,« sagte Agatha, »Ihr seht alle

aus wie bei einem Begräbnis. Nun steck dein Taschentuch fort, Mama.

Wenn du weinst, werde ich Miß Wilson meine Meinung sagen, weil sie dich

gequält hat.«

»Nein, nein,« sagte Mrs. Wylie erschreckt. »Sie war so nett!«

»So gut!« sagte Henrietta.

»Sie ist sehr vernünftig und gütig gewesen,« sagte Mrs. Jansenius.

»Das ist sie immer,« sagte Agatha nachgiebig. »Oder habt ihr gedacht,

sie würde in Krämpfe ausbrechen?«

»Agatha,« flehte Mrs. Wylie, »sei nicht eigensinnig und töricht.«

»O nein, das ist sie nicht. Ich weiß das,« sagte Henrietta

schmeichelnd. »Nicht wahr, liebe Agatha?«

»Meinetwegen kannst du tun, was du willst,« sagte Mrs. Jansenius. »Aber

ich hoffe, du bist zu vernünftig, um ohne Grund die Beendigung deiner

Erziehung zu verscherzen.«

»Deine Tante hat ganz recht,« sagte Mrs. Wylie. »Und dein Onkel ist

sehr böse auf dich. Er wird nie wieder mit dir sprechen, wenn du dich

mit Miß Wilson zankst.«

»Er ist nicht böse,« sagte Henrietta, »aber er ist so um dein Wohl

besorgt.«

»Er wird natürlich verstimmt sein, wenn du so in deinem Unverstand

fortfährst,« sagte Mrs. Jansenius.

»Alles, was Miß Wilson wünscht, ist eine Entschuldigung wegen der

schrecklichen Sachen, die du in ihr Buch geschrieben hast,« sagte

Mrs. Wylie. »Liebe Agatha, du wirst sie doch um Entschuldigung bitten?«

»Natürlich wird sie das tun,« sagte Henrietta.

»Es wäre auch noch schöner,« meinte Mrs. Jansenius.

»Vielleicht tu ich es,« sagte Agatha.

»Du bist mein einziges, liebes Kind,« sagte Mrs. Wylie und ergriff ihre

Hand.

»Und vielleicht tu ich es auch nicht.«

»Du tust es, Liebste,« drängte Mrs. Wylie und versuchte die

widerstrebende Agatha näher an sich heranzuziehen. »Um meinetwillen. Du

tust deiner Mutter einen Gefallen, Agatha. Du wirst es mir doch nicht

abschlagen, mein Herz?«

Agatha lachte milde über ihre Mutter, die schon seit langer Zeit solche

Art zu bitten aufgegeben hatte. Dann wandte sie sich zu Henrietta und

sagte: »Wie geht es deinem =caro sposo=? Es war häßlich, daß ich nicht

Brautjungfer wurde.«

Das Rot auf Henriettas Wangen leuchtete. Mrs. Jansenius fuhr schnell

dazwischen, indem sie daran erinnerte, daß Miß Wilson warte.

»Oh, sie macht sich nichts aus dem Warten,« sagte Agatha. »Sie glaubt,

ihr seid alle dabei, mir den Kopf zurecht zu setzen. Das hat sie mit

euch verabredet, bevor sie das Zimmer verließ. Mama weiß, daß mir

ein kleines Vögelchen alles das erzählt. Ich muß nun sagen, ihr habt

mich bis jetzt durchaus nicht nachgiebig gestimmt. Da sich aber der

arme Onkel John schrecklich ängstlich und unbehaglich fühlen muß,

werde ich doch so gut sein, ihn aus seiner Not zu erlösen. Adieu!«

Und sie schritt gemächlich hinaus. Gleich darauf steckte sie den Kopf

noch einmal in das Zimmer und sagte mit gedämpfter Stimme: »Macht

euch auf etwas Entsetzliches gefaßt. Ich bin grade in der Laune, die

schrecklichsten Dinge zu sagen.« Sie verschwand wieder, und dann hörten

sie ein Klopfen an der Tür nebenan.

Mr. Jansenius erwartete sie mit Besorgnis. Er hatte schon frühzeitig

in seiner Laufbahn die Entdeckung gemacht, daß sein würdiges Aussehen

und seine feine Stimme ihm bei den Leuten Ansehen verschafften und ihn

bei öffentlichen Versammlungen an den Vorstandstisch brachten. Er war

so sehr an diesen Respekt gewöhnt, daß ihn jede familiäre Annäherung

oder Vertraulichkeit aufs höchste in Verwirrung setzten. Agatha

andererseits, der man schon als Kind Onkel John als den Inbegriff von

Weisheit und Ehrwürdigkeit gepriesen hatte, verspottete ihn stets

als einen aufgeblasenen und geldstolzen Handelsmann, dessen filziges

Gehirn unfähig war, ihre ausschweifenden Ideen zu begreifen. Sie hatte

oft schon ihre Mutter in Schrecken gesetzt, indem sie sich mit jener

absoluten Verachtung über ihn lächerlich machte, deren nur die Kindheit

und die äußerste Unwissenheit fähig sind. Sie fühlte sich stets

erniedrigt, weil er so gütig gegen sie war -- denn er gab reichliche

Geschenke -- und mit dem Instinkt eines Anarchisten sah sie es für

ein Zeichen an, daß sie auf dem richtigen Wege war, wenn sie seine

Ratschläge verspottete und seine Autorität verachtete. Die Folge davon

war, daß er sie etwas fürchtete, obgleich er nicht wußte, warum -- und

daß sie ihn durchaus nicht fürchtete und sich dessen sehr wohl bewußt

war.

Als sie hereintrat, mit dem strahlendsten Lächeln, das sie ausspielen

konnte, saßen Miß Wilson und Mr. Jansenius am Tisch und sahen aus

wie zwei arme Sünder, die angeklagt waren. Miß Wilson wartete, daß

er sprechen sollte, da sie sich auf seine imponierende Anwesenheit

verließ. Da er aber dazu nicht imstande war, bat sie Agatha, Platz zu

nehmen.

»Danke sehr,« sagte Agatha süß. »Nun, Onkel John: kennst du mich nicht

mehr?«

»Ich habe mit Bedauern von Miß Wilson gehört, daß du dich hier sehr

ungehörig aufgeführt hast,« sagte er, indem er ihre Bemerkung nicht

beachtete, obgleich sie ihn im stillen ganz aus der Fassung gebracht

hatte.

»Ja,« sagte Agatha zerknirscht, »es tut mir sehr leid.«

Mr. Jansenius, der nach dem Bericht der Miß Wilson die äußerste

Halsstarrigkeit erwartet hatte, sah sie erstaunt an.

»Sie scheinen zu glauben,« sagte Miß Wilson, die Mr. Jansenius'

Erstaunen bemerkte und darüber beunruhigt war, »daß Sie immer und immer

wieder unsere Vorschriften übertreten und dann sich mit uns wieder ins

Einvernehmen setzen können« -- Miß Wilson bezeichnete Übertretungen

nie als Sünden gegen ihre eigene Autorität, sondern als solche gegen

die Autorität der Schule -- »indem Sie sagen, es täte Ihnen leid. Bei

unserer letzten Unterredung sprachen Sie in einem ganz andern Ton.«

»Ich war damals ärgerlich, Miß Wilson. Und ich dachte, ich hätte einen

Grund zur Klage -- alle glauben dasselbe von sich. Außerdem zankten wir

uns -- wenigstens tat ich es, und ich habe mich noch stets schlecht

aufgeführt, wenn ich mich zankte. Es tut mir _sehr_ leid.«

»Mit dem Buch, das war eine ernsthafte Sache,« sagte Miß Wilson streng.

»Sie scheinen das nicht zu glauben.«

»Wenn ich Agatha recht verstand, so sieht sie die Torheit ihres

Benehmens in der Sache mit dem Buch ein, und es tut ihr sehr leid,«

sagte Mr. Jansenius, indem er unwillkürlich für Agatha Partei nahm, da

sie die Stärkere war und ihm am wenigsten mit Geldangelegenheiten zur

Last fiel.

»Hast du das Buch gesehen?« fragte Agatha eifrig.

»Nein. Miß Wilson hat mir erzählt, was geschehen ist.«

»Oh, lassen Sie es mich holen,« rief sie aufspringend. »Onkel John

schreit vor Lachen. Darf ich, Miß Wilson?«

»Da haben Sie's!« sagte Miß Wilson unwillig. »Das ist dasselbe

unverbesserliche vorlaute Benehmen, über das ich mich beklagen muß.

Miß Wylie bringt nur Abwechslung hinein, indem sie auch vollständig

ungehorsam wird.«

Mr. Jansenius war ebenfalls entrüstet. Eine feine Röte stieg in seinem

Gesicht auf bei der Idee, er würde schreien. »Still, still!« sagte er.

»Du mußt ernsthaft sein und Miß Wilson mehr Respekt entgegenbringen.

Du bist doch jetzt alt genug, um das zu wissen, Agatha -- vollständig

alt genug.«

Agathas Heiterkeit verschwand. »Was hab ich denn gesagt oder getan?«

fragte sie, und dunkelrote Flecken erschienen auf ihren Wangen.

»Du hast dich über -- über das Buch lustig gemacht, auf das Miß Wilson

großen Wert legt, und zwar mit Recht.«

»Wenn ich es mit Recht tat, wie kannst du es mir dann vorwerfen?«

»Nun ist es genug,« schrie Mr. Jansenius, indem er absichtlich seine

Zurückhaltung aufgab, da er einsah, daß er sie so doch nicht im Zaume

halten konnte. »Sei nicht unverschämt, Miß.«

Agathas Augen erweiterten sich, eine flüchtige Röte bedeckte ihr

Gesicht und ihren Hals, und sie stampfte mit den Absätzen. »Onkel

John,« rief sie, »wenn du es _wagst_, mir noch einmal so etwas zu

sagen, werde ich dich nie mehr ansehen oder ansprechen und nie mehr

dein Haus betreten. Was verstehst du von gutem Benehmen, wenn du mich

unverschämt nennst. Einer absichtlichen Roheit unterwerfe ich mich nun

einmal nicht, gradeso hat auch mein Streit mit Miß Wilson angefangen.

Sie sagte mir, ich sei unverschämt, und ich ging weg und sagte ihr,

sie habe unrecht, indem ich es in das Fehlerbuch hineinschrieb. Sie

hat überhaupt in der ganzen Sache unrecht gehabt, aber ich wollte mich

mit ihr versöhnen und vergangene Dinge vergangen sein lassen, deshalb

schwieg ich. Aber wenn sie sich weiter streiten will, dann kann ich es

nicht ändern.«

»Mr. Jansenius, ich habe Ihnen schon auseinandergesetzt,« sagte

Miß Wilson, indem sie ihren Unwillen durch einen Versuch, ihn zu

unterdrücken, nur noch verstärkte, »daß Miß Wylie jede Gelegenheit,

sich mit mir wieder ins Einvernehmen zu setzen, zurückgewiesen hat.

Mrs. Miller und ich haben absichtlich über alles Persönliche in der

Sache hinweggesehen, und ich verlange nur, daß sie ihre Übertretung der

Anstaltsvorschriften einsieht.«

»Aus Mrs. Miller mach ich mir nicht _so_ viel,« sagte Agatha, indem sie

mit den Fingern schnipste. »Und Sie sind auch nicht halb so gut, wie

ich dachte.«

»Agatha,« sagte Mr. Jansenius, »ich wünsche, daß du deine Zunge hältst.«

Agatha atmete tief und sagte, indem sie sich resigniert hinsetzte: »So!

Nun ist es doch so gekommen. Ich habe die Fassung verloren, und jetzt

haben wir sie alle verloren.«

»Du hast kein Recht, die Fassung zu verlieren,« sagte Mr. Jansenius,

indem er sich einbildete, er hätte jetzt einen Vorteil über sie.

»Ich bin die jüngste und verdiene den geringsten Tadel,« entgegnete sie.

»Es hat keinen Zweck, noch etwas darüber zu reden, Mr. Jansenius,«

sagte Miß Wilson entschlossen. »Es tut mir leid, daß Miß Wylie es

vorzieht, mit uns zu brechen.«

»Aber ich ziehe es gar nicht vor, mit Ihnen zu brechen, und ich

halte es für sehr hart, daß Sie mich wegjagen. Niemand hat hier den

geringsten Streit mit mir gehabt, außer Mrs. Miller. Mrs. Miller zürnt

mir, weil sie mich in falschem Verdacht hat wegen ihrer Katze, aber

das ist doch nicht meine Schuld! Und wirklich, Miß Wilson, ich weiß

nicht, warum Sie mir so böse sind. Wenn ich weggejagt werde, glauben

alle Mädchen, ich hätte etwas Abscheuliches getan. Wenigstens müßte ich

bis Ende des Schuljahres bleiben, und was das Sünden- -- das Fehlerbuch

angeht, so haben Sie mir doch, als ich ankam, ganz ausdrücklich gesagt,

ich könnte hineinschreiben oder nicht, ganz wie ich wollte. Sie

würden nie etwas diktieren oder über eine Eintragung etwas sagen. Und

doch, das erstemal, daß ich etwas schreibe, was Ihnen nicht gefällt,

jagen Sie mich weg. Niemand wird mehr glauben, daß die Eintragungen

freiwillige sind.«

Miß Wilsons Gewissen war schon durch die Roheit und das Fehlen der

moralischen Überredung in Mr. Jansenius Wort: >Sei nicht unverschämt!<

getroffen worden, denn es klang wie das Echo ihrer eigenen Worte, und

jetzt fühlte sie sich aufs neue beunruhigt. »Das Fehlerbuch,« sagte

sie, »ist nur zu Selbstanklagen da, es darf nicht dazu dienen, andere

zu beschuldigen.«

»Ich weiß ganz gewiß, daß weder Jane noch Gertrude noch ich uns im

geringsten anklagten, weil wir die Treppen herunterglitten, aber Sie

hatten keinen Tadel, als wir das hineinschrieben. Übrigens sollte das

Buch der moralischen Überredung dienen -- wenigstens sagten Sie das

immer, und als Sie die moralische Überredung aufgaben, glaubte ich,

ich müßte darüber eine Eintragung machen. Natürlich war ich damals im

Zorn, aber als ich zur Ruhe kam, hielt ich es für ganz recht, was ich

getan hatte. Und ich glaube das auch noch heute, obgleich es vielleicht

besser gewesen wäre, wenn ich zu allem geschwiegen hätte.«

»Wieso behaupten Sie, ich hätte die moralische Überredung aufgegeben?«

»Den Leuten die Türe weisen, ist keine moralische Überredung. Sie

unverschämt nennen, ist auch keine.«

»Sie glauben also, ich müßte Ihnen geduldig zuhören, was Sie mir auch

zu sagen belieben, und wie ungehörig es auch in Anbetracht Ihrer

Stellung mir gegenüber sein mag?«

»Aber ich habe nichts Ungehöriges gesagt,« sagte Agatha. Dann brach

sie ungeduldig ab, lächelte wieder und sagte: »Oh, wir wollen nicht

mehr streiten. Es tut mir wirklich sehr leid, und ich habe Sie und die

Anstalt so gern. Und ich will auch nach den Ferien nur wiederkommen,

wenn Sie es wünschen.«

»Agatha,« sagte Miß Wilson schwankend, »diese Worte des Bedauerns

kosten Ihnen so wenig, und wenn sie ihren Zweck erreicht haben,

vergessen _Sie_ sie so bald, daß mich das nicht länger befriedigt.

Ich bestehe durchaus nicht gerne darauf, daß Sie die Anstalt jetzt

verlassen. Aber wie Ihr Onkel Ihnen gesagt hat, Sie sind alt und

verständig genug, um den Unterschied zwischen Ordnung und Unordnung zu

kennen. Bisher haben Sie auf der Seite der Unordnung gestanden, die

wir, wie Ihnen Mrs. Trefusis erzählen kann, früher, als Sie noch nicht

da waren, kaum gekannt haben. Trotzdem will ich durch alles Vergangene

einen Strich machen, wenn Sie mir versprechen, in Zukunft mehr auf

sich achtzugeben, und am Ende des Schuljahres werde ich dann sehen, ob

Sie weiter bleiben können.«

Agatha erhob sich strahlend vor Freude. »Liebe Miß Wilson,« »Sie sind

_so_ gut! Natürlich verspreche ich es. Ich werde hingehen und es Mama

erzählen.«

Bevor sie noch ein Wort dazu sagen konnte, hatte sie sich in einem

Wirbel zur Türe bewegt und floh davon, um sich einen Augenblick später

im Empfangszimmer den drei Damen vorzustellen, die sie mit launigem

Lächeln schweigend anblickte.

»Nun?« fragte Mrs. Jansenius fest.

»Nun, liebes Kind?« fragte Mrs. Trefusis zärtlich.

Mrs. Wylie unterdrückte einen Seufzer und sah ihre Tochter flehend an.

»Es hat mir unendliche Mühe gekostet, sie zur Vernunft zu bringen,«

sagte Agatha nach einer herausfordernden Pause. »Sie benahmen sich wie

Kinder, und ich war wie ein Engel. Natürlich bleibe ich.«

»Gott segne dich, mein Liebling,« stammelte Mrs. Wylie und versuchte

Agatha, die ihr gewandt auswich, zu küssen.

»Ich habe versprochen, in Zukunft sehr gut und fleißig und ruhig und

brav zu sein. Erinnerst du dich noch an meinen Kastagnettentanz, Hetty?

Tra! lalala, la! la! la!

Tra! lalala, la! la! la!

Tra! lalalalalalalalalalala!«

Und sie wirbelte in dem Zimmer herum, indem sie mit den Fingern wie mit

Kastagnetten knipste.

»Sei nicht so rücksichtslos und leichtfertig, meine Liebe,« sagte

Mrs. Wylie. »Du wirst deiner armen Mutter noch das Herz brechen.«

Miß Wilson und Mr. Jansenius traten jetzt grade herein, und Agatha

blieb bewegungslos stehen, indem sie zerstreut auf eine Vase mit

Blumen starrte. Miß Wilson lud ihre Besucher ein, an dem Tennisspielen

teilzunehmen. Mr. Jansenius blickte streng und mißbilligend auf

Agatha, die als Antwort ihr linkes Auge aufriß, während sie das

andere gleichzeitig zusammenkniff. Doch er schüttelte seinen Kopf,

um anzudeuten, daß Fertigkeiten im Gesichterschneiden, wie schwierig

und naturwidrig sie auch sein mochten, seine Achtung nicht gewinnen

konnten, und er ging mit Miß Wilson, mit Mrs. Jansenius und Mrs. Wylie

hinaus.

»Wo ist dein Hubby?« fragte Agatha darauf plötzlich Henrietta.

Mrs. Trefusis Augen füllten sich so schnell mit Tränen, daß sie auf

Agathas Hand fielen, als sie ihren Kopf neigte, um sie zu verbergen.

»Es ist solch ein lieber, alter Platz hier,« begann sie. »Die

Erinnerungen aus meinen Kinderjahren --«

»Was ist zwischen dir und Hubby geschehen?« fragte Agatha, sie

unterbrechend. »Wenn du es mir nicht sagst, werde ich ihn fragen, wenn

ich ihn treffe.«

»Ich wollte es dir grade erzählen, aber du läßt mir ja keine Zeit.«

»Das ist ja Quatsch,« sagte Agatha. »Aber meinetwegen, erzähle.«

Henrietta zauderte. Ihre Würde als verheiratete Frau und der Ernst

ihres Schmerzes lehnten sich gegen die seichte Auffassung des

Schulmädchens auf. Aber sie war jetzt ebensowenig wie früher als Kind

imstande, Agathas Tyrannei zu widerstehen, und sie sehnte sich nach

ihrem Mitgefühl. Außerdem hatte sie es schon gelernt, ihre Geschichte

lieber selbst zu erzählen, als das andern zu überlassen, weil dann die

Sache durchaus nicht immer im richtigen Lichte dargestellt wurde. So

erzählte sie Agatha von ihrer Ehe, ihrer milden Liebe zu ihrem Gatten,

seinem geheimnisvollen Verschwinden, ohne ein Wort oder eine Adresse zu

hinterlassen. Den Brief erwähnte sie nicht.

»Hast du nach ihm gesucht?« fragte Agatha, indem sie eine Neigung zum

Lachen unterdrückte.

»Aber wo? Hätte ich auch nur die entfernteste Spur, ich würde ihm

barfuß bis ans Ende der Welt folgen.«

»Ich glaube, du solltest alle Flüsse durchsuchen -- das müßtest du ja

barfuß tun. Er muß irgendwo hineingefallen oder irgendwo abgestürzt

sein.«

»Nein, nein. Meinst du, ich wäre hier, wenn ich dachte, daß sein Leben

in Gefahr sei? Ich habe Gründe -- ich weiß, daß er nur davongegangen

ist.«

»Oh, wirklich! Er nahm seinen Koffer mit sich, nicht wahr? Vielleicht

ist er nach Paris gereist, um dir etwas Hübsches zu kaufen und dir eine

angenehme Überraschung zu bereiten.«

»Nein,« sagte Henrietta traurig. »Er wußte, daß ich nichts brauchte.«

»Dann glaube ich, daß er deiner müde geworden und davongelaufen ist.«

Henriettas eigenartige dunkle Röte verschwand plötzlich von ihren

Wangen, sie riß Agathas Arm zurück und rief: »Wie kannst du das sagen!

Du hast kein Herz. Er betete mich an.«

»Unsinn!« sagte Agatha. »Die Menschen werden immer einander müde. Ich

werde meiner selbst müde, wenn ich nur zehn Minuten mit mir allein bin,

und liebe mich sicherlich selbst mehr, als sich sonst zwei Menschen

lieben können.«

»Das weiß ich,« sagte Henrietta gequält und boshaft. »Du warst immer

ganz besonders von dir selber eingenommen.«

»Sehr wahrscheinlich gleicht er mir in dieser Beziehung. In dem Falle

wird er seiner selbst bald müde werden und zurückkehren, und ihr werdet

bald wieder girren wie die Turteltauben, bis er von neuem davonläuft.

Hu! Es geschieht dir ganz recht, warum hast du dich verheiratet? Ich

wundere mich, wie die Leute so verrückt sein können, da sie doch alle

verheirateten Bekannten als warnende Beispiele vor Augen haben.«

»Du weißt nicht, was es heißt, jemand zu lieben,« sagte Henrietta

jammernd und doch belehrend. Ȇbrigens waren wir nicht so wie die

andern Paare.«

»Es scheint so. Aber mach dir nichts daraus, du kannst dich drauf

verlassen, sobald er seiner eigenen Gesellschaft überdrüssig wird,

kehrt er schon zurück. Quäle dich nicht damit, darüber nachzudenken,

komm, wir wollen eine Partie Lawn-Tennis spielen.«

Während dieser Unterredung hatten sie das Gesellschaftszimmer verlassen

und machten jetzt einen Umweg durch die Anlagen. Sie näherten sich den

Tennisspielplätzen auf einem Pfad, der zwischen zwei Lorbeerhecken

durch ein Buschwerk führte.

Inzwischen wartete Smilasch in seiner weißen Schürze und in Handschuhen

den Gästen auf. Er hatte sich ausdrücklich geweigert, diese abzulegen,

indem er anführte, er sei ein gewöhnlicher Mann, und Ladies und

Gentlemen könnten aus seinen gewöhnlichen Händen nicht Speise und

Trank entgegennehmen. Er benahm sich auch untadelig, bis Miß Wilson

mit ihren Gästen ankam. Er kehrte grade mit einem vollen Teebrett zum

Tische zurück und ging so schnell, daß er fast mit Mrs. Jansenius

zusammenstieß. Anstatt sich zu entschuldigen, verlor er seine Fassung

und begann rückwärts zu gehen, indem er hastig das Teebrett wie einen

Schild vor sein Gesicht hielt. Gleich darauf stolperte er gegen Miß

Lindsay, die schnell gerannt kam, um einen Ball zurückzuwerfen. Ohne

auf ihren ärgerlichen Blick und ihren barschen Tadel zu achten, wandte

er sich halb um und wich seitwärts in das Gebüsch hinein, wo das

Teebrett gleich darauf in die Höhe und quer über die Lorbeerhecke flog,

um mit dem Gepolter eines Theaterdonners auf dem gekrümmten Rücken des

Mr. Josephs zu landen. Miß Wilson gab der Wirtschafterin einen scharfen

Tadel, weil sie dem Mann die Bedienung überlassen hatte, und erklärte

dann ihren Gästen, daß er ein Idiot aus der Umgegend sei. Mr. Jansenius

lachte und sagte, er hätte zwar das Gesicht des Mannes nicht gesehen,

aber seine Gestalt erinnere ihn stark an irgend jemand, er wüßte nur

nicht genau, an wen.

Smilasch, der durch das Gebüsch davoneilte, fand das Ende des Weges

durch Agatha und eine junge Dame versperrt, deren Erscheinen ihn mehr

beunruhigte, als es vorher Mrs. Jansenius getan hatte. Er versuchte

mit Gewalt durch die Hecke zu brechen, aber vergebens. Der Lorbeer

war undurchdringlich, und das Geräusch erregte die Aufmerksamkeit

des herankommenden Paares. Er machte jetzt keinen Versuch mehr, zu

entweichen, sondern zog seine erborgte Schürze über den Kopf und stand

kerzengrade da mit dem Rücken nach dem Wege.

»Was macht der Mann da?« fragte Henrietta, indem sie mißtrauisch

stehenblieb.

Agatha lachte und sagte laut, damit er es hören sollte: »Es ist nur

ein harmloser Verrückter, den Miß Wilson beschäftigt. Er vermummt sich

gerne in irgendeiner verrückten Art und versucht uns zu erschrecken.

Hab keine Angst, komm nur mit.«

Henrietta blieb unentschlossen zurück, aber ihr Arm hing in dem

Agathas, und sie wurde wider Willen weitergezogen. Smilasch machte

keine Bewegung. Agatha schlenderte ruhig weiter, und als sie an ihm

vorüberkam, erfaßte sie die Schürze gewandt mit ihren Fingern und riß

sie ihm vom Gesicht. Sofort stieß Henrietta einen durchdringenden

Schrei aus, und Smilasch fing sie in seinen Armen auf.

»Schnell,« sagte er zu Agatha, »sie wird ohnmächtig. Laufen sie nach

etwas Wasser. Laufen Sie!« Und er neigte sich über Henrietta, die sich

wie wahnsinnig an ihn anklammerte. Agatha war ganz verwirrt über diese

Folge ihres scherzhaften Tuns. Sie überlegte einen Augenblick und

rannte dann nach dem Rasenplatz.

»Was ist geschehen?« fragte Fairholme.

»Nichts. Ich möchte etwas Wasser, schnell -- bitte! Henrietta ist im

Gebüsch in Ohnmacht gefallen, das ist alles.«

»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« sagte Miß Wilson gebieterisch, »Sie

werden sich nur auf dem Wege zusammendrängen und wertvolle Hilfe

verhindern. Miß Ward, holen Sie bitte etwas Wasser, und bringen Sie

es uns. Agatha, kommen Sie mit, und zeigen Sie mir, wo Mrs. Trefusis

ist. Sie können auch mitkommen, Miß Carpenter, Sie sind so stark. Die

übrigen wollen hierbleiben.«

Gefolgt von den beiden Mädchen eilte sie in das Gebüsch, wo

Mr. Jansenius schon ängstlich nach seiner Tochter suchte. Er war der

einzige Mensch, den sie dort fanden. Smilasch und Henrietta waren

verschwunden.

Anfangs stellten die Sucher nur Fragen an Agatha über die Stelle, wo

Henrietta in Ohnmacht gefallen war. Dann aber gab Mr. Jansenius zu

verstehen, daß eine Dame in den Händen eines halbverrückten Arbeiters

in einer gefährlichen Lage sei. Seine Aufregung steckte die andern an,

und als Agatha sie durch die Erklärung, Smilasch sei ein verkleideter

Gentleman, zu beruhigen suchte, gebot ihr Miß Wilson, die das für

eine Wiederholung ihrer früheren müßigen Ideen hielt, in scharfer

Weise zu schweigen, da es jetzt keine Zeit sei, Unsinn zu schwätzen.

Die Neuigkeit verbreitete sich unter der ganzen Gesellschaft, und die

Aufregung stieg aufs äußerste. Fairholme rief nach Freiwilligen, die

zusammen auf die Suche gehen sollten. Alle anwesenden Männer meldeten

sich, und sie waren schon im Begriff, in einem starken Trupp durch die

Anstaltstore zu eilen, als es einem Besonneneren von ihnen einfiel,

es sei besser, wenn sie sich in mehrere Abteilungen teilten, damit man

an verschiedenen Punkten gleichzeitig suchen konnte. Nun folgte für

zehn Minuten eine Verwirrung. Mr. Jansenius setzte sich mehrere Male

in Bewegung, um nach Henrietta zu suchen, aber wenn er einige Schritte

gegangen war, kehrte er wieder um und bat die andern, doch keine Zeit

mehr zu verlieren. Josephs, der einen einfältigen Glauben hatte, zog

sich zum Gebet zurück, und es war das beste, was er tun konnte, denn so

gab es in dem Lärm von Plänen, Einwendungen und Ratschlägen, den die

übrigen machten, und bei dem jeder den andern zu überschreien suchte,

eine Stimme weniger.

Der Amateursozialist: Roman · 第 4 / 23 段