»Aber es ist so verdächtig. Seine Erklärung über den Schirm gab er nur,

um mein Mißtrauen zu entkräftigen. An der Art, wie er ihn benutzte und

sich auf ihn stützte, sah man, daß er viel vertrauter damit war als mit

dem Spaten, um den er so besorgt tat. Und all seine Kleider sind neu.«

»Das ist wahr,« sagte Fairholme, »aber das hat nicht viel zu besagen.

Arbeiter sind heutzutage die reinen Gentlemen. Doch ich will ihn im

Auge behalten.«

»Oh, ich danke Ihnen sehr,« sagte Agatha.

Fairholme, der Verdacht schöpfte, daß sie sich über ihn lustig

mache, runzelte die Stirne, und Miß Wilson warf der Spötterin einen

strengen Blick zu. Es wurde jetzt wenig mehr gesprochen -- nur ein

paar Bemerkungen über die Dauer des Regens fielen, bis das Dach einer

Droschke, eine alte Trauerkutsche, und drei triefende Hüte über der

Hecke sichtbar wurden. Smilasch saß auf dem Bock neben dem Kutscher.

Als der Wagen hielt, sprang er herab, ging ohne ein Wort zu sprechen

wieder in das Haus und erschien mit dem Regenschirm. Er spannte ihn

über Miß Wilsons Haupt auf und sagte:

»Nun, Eure Gnaden, wenn Sie mitkommen wollen, ich werde Sie trocken in

den Wagen bringen, und Ihre geehrten Nichten werde ich eine nach der

andern abliefern.«

»Ich komme zuletzt,« sagte Miß Wilson, verwirrt durch seine Annahme,

die Gesellschaft sei eine Familie. »Gertrude, du gehst am besten vor.«

»Gestatten Sie mir,« sagte Fairholme, indem er vortrat und den Schirm

zu nehmen versuchte.

»Danke sehr, ich will Sie nicht bemühen,« sagte sie sehr kühl und

trippelte mit Smilasch, der mit großer Besorgtheit den Schirm über ihr

hielt, durch das schlammige Feld. Auf dieselbe Art geleitete er auch

die andern zu dem Fahrzeug, in das sie sich mit einiger Schwierigkeit

zurechtsetzten. Agatha, die als vorletzte kam, gab ihm drei Pence.

»Sie haben ein nobles Herz und einen mutigen Blick, Miß,« sagte er und

schien sehr bewegt. »Gott segne Sie!«

Er holte dann Jane, die auf dem schlüpfrigen Gras ausglitt und

hinfiel. Er brauchte seine ganze Kraft, um ihr wieder aufzuhelfen.

»Ich hoffe, Sie sind nicht so naß geworden von dem Regen, Miß,« sagte

er. »Sie sind ein feines Mädel für Ihr Alter. Hundertzwanzig bis

hundertfünfzig Pfund schwer, glaube ich.«

Sie errötete und eilte nach der Droschke, in der Agatha saß. Aber sie

war voll, und Jane mußte sehr gegen ihren Willen in die Kutsche, wo sie

beträchtlich den Platz verminderte, der für Miß Wilson freigelassen war.

Smilasch kehrte inzwischen zu dieser zurück. »Nun, teure Lady,« sagte

er, »nehmen Sie sich in acht, daß Sie nicht fallen. Kommen Sie mit.«

Miß Wilson, die die Einladung nicht beachtete, nahm einen Schilling aus

ihrer Börse.

»Nein, Lady,« sagte Smilasch mit tugendhafter Miene. »Ich bin ein

ehrlicher Mann und habe noch nie mit dem Gefängnis Bekanntschaft

gemacht, außer viermal, wovon aber nur zweimal für Stehlen waren. Ihre

jüngste Tochter -- die mit dem mutigen Blick -- hat mich mehr als

anständig bezahlt.«

»Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß diese jungen Damen nicht meine

Töchter sind,« sagte Miß Wilson scharf. »Warum hören Sie nicht auf das,

was ich Ihnen sage?«

»Seien Sie nicht so streng gegen einen gewöhnlichen Mann, Lady,« sagte

Smilasch unterwürfig. »Die junge Dame hat mir grade drei halbe Kronen

gegeben.«

»Drei halbe Kronen!« rief Miß Wilson aus, sehr zornig über solch eine

Verschwendung.

»Gott segne ihre Unschuld, sie weiß nicht, was man so einem Menschen

wie mir geben muß? Aber ich will die junge Lady nicht bestehlen. Eine

halbe Krone ist anständig genug bezahlt für den Gang, und eine halbe

Krone will ich behalten, wenn es eure vornehme Gnaden gestatten. Aber

die andern fünf Schillinge will ich Ihnen für sie anvertrauen. Haben

Sie auch schon einmal ihr mutiges Wesen bemerkt?«

»Unsinn, mein Herr. Behalten Sie lieber das Geld, das Sie bekommen

haben.«

»Was! Für fünf Schilling soll ich die hohe Meinung, die Eure Gnaden von

mir haben, aufs Spiel setzen! Nein, teure Lady, das können Sie nicht

von mir erwarten. Die letzten Worte meines seligen Vaters waren --«

»Sie erzählten doch vorhin, Sie wären ein Findling,« sagte Fairholme.

»Was soll man nun glauben, he!«

»Das war ich auch, Herr, aber nur von Mutters Seite. Eure Gnaden wollen

bitte das Geld zurücknehmen, denn ich behalte es nicht. Ich gehöre mal

zur niederen Klasse und bin daher kein Mann von Wort. Aber wenn ich

schon einmal daran festhalte, halte ich auch wie Pech daran fest.«

»Nehmen Sie es,« sagte Fairholme zu Miß Wilson. »Nehmen Sie es ruhig.

Es war lächerlich, ihm für das, was er getan hatte, sieben und einen

halben Schilling zu geben. Es würde ihn nur zum Trinken verleiten.«

»Seine Ehrwürden sagen die Wahrheit, Lady. Die eine halbe Krone hält

mich vollständig betrunken bis Sonntag morgen, und mehr will ich gar

nicht.«

»Zähmen Sie ein bißchen Ihre Zunge, mein Mann,« sagte Fairholme, indem

er ihm die beiden Silberstücke abnahm und sie Miß Wilson gab. Diese bot

den Geistlichen guten Abend und ging unter dem Schirm zur Kutsche.

»Wenn Eure Gnaden einen gewandten Mann brauchen, um eine

außergewöhnliche Arbeit zu besorgen, dann werden Sie hoffentlich an

mich denken,« sagte Smilasch, als sie den Hügel hinabgingen.

»Oh, Sie wissen, wer ich bin?« fragte Miß Wilson trocken.

»Die ganze Gegend weiß es, Miß, und verehrt Sie. Als Schmied kommt mir

keiner gleich, und wenn Sie eine geschlagene Medaille brauchen, um sie

für gutes Betragen oder dergleichen zu vergeben, ich glaube, ich würde

Sie schon zufriedenstellen. Und wenn Eure Gnaden geschmuggelte Spitzen

brauchen --«

»Nehmen Sie sich lieber etwas in acht, damit Sie nicht in

Ungelegenheiten kommen,« sagte Miß Wilson streng. »Sagen Sie dem

Kutscher, er sollte abfahren.«

Die Wagen setzten sich in Bewegung, und Smilasch nahm sich die

Freiheit, seinen Hut hinter ihnen her zu schwenken. Dann kehrte er zu

dem Landhaus zurück, brachte den Schirm hinein und schloß die Türe,

als er wieder herausgekommen war. Er steckte den Schlüssel in die

Tasche und schritt durch den Regen über den Hügel davon, ohne von den

erstaunten Geistlichen auch die mindeste Notiz zu nehmen.

Inzwischen konnte sich Miß Wilson nicht enthalten, ihrem Unwillen über

Agathas Verschwendung Luft zu machen, und sie erzählte es den Mädchen

in der Kutsche. Aber Jane erklärte, daß Agatha überhaupt nur drei Pence

besäße, und daß sie daher unmöglich dem Mann dreißigmal soviel hätte

geben können. Als sie zu Hause waren und Agatha von Miß Wilson befragt

wurde, öffnete sie erstaunt die Augen und erklärte lachend: »Ich hab

ihm nur drei Pence gegeben. Er hat mir vier Schilling und neun Pence

als Geschenk geschickt!«

Viertes Kapitel.

Der Samstag, der schon an und für sich ein halber Feiertag ist,

war in der Anstalt zu Alton ein vollständiger. Des Morgens gab es

nur Unterricht im Turnen, Tanzen, Zeichnen und im Vortrag, und der

Nachmittag wurde mit Tennisspielen verbracht. Hierzu waren dann Damen

aus der Nachbarschaft eingeladen, die ihre Ehegatten, Brüder oder Väter

mitbringen durften, denn Miß Wilson wollte ihre Zöglinge nicht mit der

komischen Unbeholfenheit von Schulmädchen, die an keine Gesellschaft

gewöhnt sind, in die Welt schicken.

Ende Oktober kam aber ein Samstag, der sich für Miß Wilson durchaus

nicht als ein Feiertag erwies. Um halb zwei, als der Lunch vorbei war,

ging sie hinaus auf den Rasenplatz, der zwischen der Südseite des

Gebäudes und einer Anpflanzung von Buschwerk lag. Hier fand sie eine

Gruppe Mädchen, die Agatha und Jane zusahen, wie sie eine Rasenwalze

hinter sich herschleiften. Eine von ihnen schleuderte mit einem Racket

einen Ball empor und warf ihn zufällig in das Gebüsch hinein, aus dem

dann zum Erstaunen der Gesellschaft Smilasch auftauchte. Er hatte den

Ball in der Hand, kniff ein Auge zu und sagte, obgleich er nur ein

gewöhnlicher Mann sei, hätte er doch Gefühle wie jeder andere, und sein

Auge sei schließlich weder aus Stein noch aus Holz. Er war wie früher

gekleidet, aber sein Anzug, der mit Lehm und Kalk beschmutzt war, sah

jetzt nicht mehr neu aus.

»Bitte, was wollen Sie hier?« fragte Miß Wilson.

»Ich glaubte wahrhaftig, Sie hätten nach mir geschickt, Lady«

antwortete er. »Der Bäckerjunge sagte es mir, als er heute morgen meine

niedrige Hütte betrat. Hätte nie gedacht, daß er mich belügen könnte.«

»Es ist ganz richtig, ich habe nach Ihnen geschickt! Warum sind Sie

aber nicht an die andere Seite gegangen, zum Eingang für Dienstboten?«

»Ich suche ihn ja, Lady. Eben sah ich mich danach um, als mich hier

der Ball traf« -- er berührte sein Auge. »Von solch einem Hieb vergeht

einem Hören und Sehen, und ein anständiger Kerl sieht aus wie ein

Räuber.«

»Agatha,« sagte Miß Wilson, »kommen Sie einmal her.«

»Ihr Diener, Miß,« sagte Smilasch und zog an seiner Stirnlocke.

»Das ist der Mann, der mir die fünf Schilling gab. Er sagte, er hätte

sie von Ihnen bekommen. Ist das so?«

»Gewiß nicht. Ich hab ihm nur drei Pence gegeben.«

»Aber ich zeigte doch Eure Gnaden das Geld,« sagte Smilasch, indem er

unruhig an seinem Hut drehte. »Ich gab es Ihnen. Wie soll ich an fünf

Schilling kommen, wenn nicht durch die Güte der Reichen und Vornehmen?

Wenn die junge Lady glaubt, ich hätte die andere halbe Krone auch

nicht behalten dürfen, so hab ich nichts dagegen, daß sie mir vom Lohn

abgehalten wird, wenn ich hier Arbeit finde. Aber --«

»Aber das ist ja Unsinn,« sagte Agatha. »Ich hab Ihnen nie drei Kronen

gegeben.«

»Vielleicht haben Sie sich geirrt. Pence sind bald so groß wie halbe

Kronen, und das Wetter war sehr dunkel.«

»Das war unmöglich,« sagte Agatha. »Jane hatte die ganze Woche über

mein Portemonnaie, Miß Wilson, und sie kann Ihnen bestätigen, daß nur

drei Pence darin waren. Sie wissen, daß ich immer am Ersten mein Geld

bekomme, und es reicht nie länger als eine Woche. Der Gedanke, ich

könnte am Sechzehnten noch sieben und einen halben Schilling besitzen,

ist lächerlich.«

»Aber erlauben Sie, Miß, ist es nicht noch mal so lächerlich, daß ich

armer Arbeiter Geld weggeben sollte, das ich nie bekam?«

Eine unbestimmte Unruhe ergriff Agatha, als ob sie ihren eigenen Sinnen

nicht mehr trauen dürfte.

»Alles, was ich weiß,« sagte sie protestierend, »ist, daß ich es Ihnen

nicht gegeben habe. Dann müssen sich also meine Pennystücke in Ihrer

Tasche in halbe Kronen verwandelt haben.«

»Meinswegen,« sagte Smilasch ernsthaft. »Ich habe gehört und weiß es

für gewiß, daß sich den reichen Leuten das Geld in der Tasche von

selbst vermehrt. Warum nicht auch in den Taschen der Armen? Warum soll

man erstaunen über etwas, das alle Tage vorkommt?«

»Hatten sie damals eigenes Geld bei sich?«

»Woher soll so einer wie ich eigenes Geld bekommen haben? --

entschuldigen Eure Gnaden, daß ich so dreist bin, so zu fragen.«

»Ich weiß nicht, woher Sie es bekommen haben,« sagte Miß Wilson

verdrießlich. »Ich frage Sie nur, hatten Sie Geld?«

»Ja, Lady, ich weiß es nicht mehr. Ich will Sie nicht täuschen, aber

ich kann mich nicht erinnern.«

»Dann haben Sie sich geirrt,« sagte Miß Wilson, indem sie ihm sein

Geld zurückgab. »Hier, wenn es nicht Ihr Geld ist, unseres ist es auch

nicht. Darum ist es besser, Sie behalten es.«

»Es behalten! Oh, Lady, aber das ist der Gipfel der Großmut! Und was

soll ich tun, Lady, um Ihre Wohltätigkeit zu verdienen?«

»Es ist nicht meine Wohltätigkeit. Ich gebe es Ihnen, weil es mir nicht

gehört, und weil ich glaube, daß es Ihnen gehört. Sie scheinen ein sehr

einfältiger Mann zu sein.«

»Ich danke Eure Gnaden, hoffentlich bin ich das. Und jetzt, um von der

Tagesarbeit zu sprechen, haben Sie keine Beschäftigung für einen armen

Mann?«

»Nein, danke sehr. Ich habe keine Verwendung für Ihre Dienste. Ich

schulde Ihnen noch den Schilling, den ich Ihnen für das Herbeischaffen

der Wagen versprach. Hier ist er.«

»Noch einen Schilling!« schrie Smilasch überwältigt.

»Ja,« sagte Miß Wilson, die anfing sich zu ärgern. »Ich will, bitte,

nichts mehr darüber hören. Verstehen Sie denn nicht, daß Sie ihn

verdient haben?«

»Ich bin ein gewöhnlicher Mann und verstehe sozusagen gar nichts,«

entgegnete er ehrerbietig. »Aber wenn Sie mir einen Tag Arbeit geben,

damit ich mir etwas helfen kann, dann heb ich all dies Geld in einer

kleinen hölzernen Sparbüchse auf, die ich zu Haus habe und bewahre es

dann für später, wenn einmal Krankheit und Alter, wie man so sagt,

ihre Hände auf mich legen. Ich könnte wunderschön den Rasen glätten.

Die jungen Damen machen sich kaputt mit der schweren Walze. Wenn

Tennis gespielt wird, ich stelle die Netze so stramm auf, daß sich

Paradiesvögel darin fangen. Wenn der Flur geweißt werden soll, ich kann

eine so grade Linie ziehen, daß Sie sich kaum enthalten werden, ein

gleichseitiges Dreieck darauf zu zeichnen. Ich bin ein ehrlicher Mann,

wenn man gut auf mich acht gibt, ich kann eine Tafel aufwarten so gut

wie der Kellermeister des Lordmayors von London.«

»Ich kann Sie nicht ohne Zeugnisse beschäftigen,« sagte Miß Wilson, die

sich über den Brocken aus Euklid amüsierte und sich wunderte, wo er ihn

wohl aufgeschnappt haben mochte.

»Ich habe die besten Zeugnisse, Lady. Der hochwürdige Pfarrer kennt

mich von meiner Knabenzeit her.«

»Ich habe gestern mit ihm über Sie gesprochen,« sagte Miß Wilson und

sah ihn streng an. »Er sagte, Sie seien ihm vollständig unbekannt.«

»Die Gentlemen sind so vergeßlich,« sagte Smilasch betrübt. »Aber ich

spielte auf meinen einheimischen Pfarrer an -- den Pfarrer in meinem

Heimatdorf Auburn. >Süßes Auburn, lieblichstes Dörfchen im Tale<, wie

der Gentleman es nannte.«

»Das ist nicht der Name, den Sie Mr. Fairholme gegenüber erwähnten. Ich

weiß nicht mehr, was Sie ihm sagten, aber es war nicht Auburn, und ich

habe auch nie von einem solchen Ort gehört.«

»Nie was über das süße Auburn gelesen?«

»Weder in einem Geographiebuch noch in einem Lexikon. Erinnern Sie

sich, daß Sie mir erzählten, Sie hätten im Gefängnis gesessen?«

»Nur sechsmal,« verteidigte sich Smilasch, während seine Gesichtszüge

krampfhaft zuckten. »Urteilen Sie nicht zu streng über einen

gewöhnlichen Mann. Nur sechsmal, und jedesmal wegen Trunkenheit. Aber

ich habe es abgeschworen und es seit achtzehn Monaten treu gehalten.«

Miß Wilson war sich jetzt darüber klar, daß sie es mit einem nicht

recht gescheiten, aber witzigen Landburschen zu tun hatte, einem jener

eingebildeten Originale, die sich, ohne es zu wollen, beliebt machen,

weil sie dem gesunden Verstand derjenigen schmeicheln, die ihnen

überlegen sind.

»Sie haben ein schlechtes Gedächtnis, Mr. Smilasch,« sagte sie

gutgelaunt. »Sie erzählen jedesmal etwas anders über sich.«

»Ich weiß, ich kann mich nicht mit Exaktiertheit ausdrücken. Ladies und

Gentlemen haben die Gewalt der Worte. Sie können immer sagen, was sie

meinen, aber ein gewöhnlicher Mann kann das nicht. Die Worte kommen

ihm nicht von selbst. Er hat mehr Gedanken als Worte, und seine Worte

passen nicht zu seinen Gedanken. Soll ich mal den Rasen umwälzen und

mich bis heute abend für neun Pence nützlich machen?«

Miß Wilson, die heute nicht nur ihre gewohnten Samstagsbesucher

erwartete, überlegte sich den Vorschlag und stimmte zu. »Aber merken

Sie sich das,« sagte sie. »Sie sind hier fremd in der Gegend, und Ihr

Ruf in Lyvern hängt davon ab, wie Sie sich bei dieser Gelegenheit

aufführen.«

»Ich bin Eure Gnaden sehr dankbar. Meine Tasche, in der ich meine

Zeugnisse aufbewahre, hat ein Loch, und darum verliere ich sie immer.

Möge die Güte Eurer Gnaden das Loch zunähen. Es ist ein schlechter

Platz, dort seine Zeugnisse aufzuheben, aber es ist einmal so der

Brauch. Und darum ein Hurra dem glorreichen neunzehnten Jahrhundert!«

Er zog seinen Rock aus, ergriff die Walze und begann sie mit

einer Energie hinter sich herzuziehen, die der abgemessenen eines

Berufsarbeiters fremd ist. Miß Wilson sah ihn mißtrauisch an, aber sie

war in Eile und ging ins Haus hinein, ohne eine weitere Bemerkung zu

machen. Agatha beschloß, sich ihn noch einmal genauer anzusehen. Mit

einem Racket in der Hand, ging sie langsam über das Gras und kam bis

dicht an ihn heran, als er, ohne sie zu bemerken, einen Seufzer der

Erschöpfung ausstieß und sich zum Ausruhen hinsetzte.

»Schon müde, Mr. Smilasch?« fragte sie spöttisch.

Er schaute kaltblütig auf, zog eine seiner Waschlederhandschuhe ab

und wedelte sich damit Kühlung zu, indem er eine feine und weiße Hand

zeigte. Schließlich antwortete er in dem Tone und in der Aussprache

eines Gentleman:

»Außerordentlich.«

Agatha fuhr zurück. Er fächelte sich ohne die geringste Unruhe.

»Sie -- Sie sind kein Arbeiter,« sagte sie endlich.

»Offenbar nicht.«

»Ich dachte es mir.«

Er nickte ihr zu.

»Angenommen, ich erzählte das weiter,« sagte sie und bekam mehr Mut, da

sie sich erinnerte, daß sie nicht mit ihm allein war.

»Wenn Sie das tun, werde ich mich schon herausreden, wie ich mich aus

den drei halben Kronen herausgeredet habe, und Miß Wilson wird zu der

Ansicht kommen, Sie seien nicht ganz bei Sinnen.«

»Dann habe ich Ihnen also wirklich keine sieben und einen halben

Schilling gegeben?« fragte sie erleichtert.

»Was glauben Sie?« entgegnete er, indem er drei Pence aus seiner Tasche

nahm und sie in der Faust klingen ließ. »Wie heißen Sie?«

»Das brauchen Sie nicht zu wissen,« antwortete Agatha voll Würde.

Er zuckte mit den Schultern. »Vielleicht haben Sie recht,« sagte er.

»Ich würde Ihnen auch nicht meinen Namen nennen, wenn Sie mich danach

fragten.«

»Ich habe nicht die mindeste Absicht, Sie danach zu fragen.«

»Nicht? Dann werden Sie also mit Smilasch auskommen und ich mit Agatha.«

»Es wäre besser für Sie, wenn Sie sich etwas in acht nähmen.«

»Wovor?«

»Vor dem, was Sie sagen, und -- haben Sie keine Furcht, daß man Sie

ausfindig macht?«

»Ich bin doch schon entdeckt -- von Ihnen. Und ich befinde mich dabei

ganz wohl.«

»Angenommen, die Polizei macht Sie ausfindig?«

»Die nicht! Übrigens brauche ich mich auch vor der Polizei nicht zu

fürchten. Ich habe das Recht, Manchester zu tragen, wenn ich ihn feinem

Stoff vorziehe. Und nun denken Sie an die Vorteile, die ich jetzt

genieße! Ich bin dadurch hier in die Anstalt hineingekommen und genieße

das Vergnügen Ihrer Bekanntschaft. Entschuldigen Sie, wenn ich die

Walze weiterziehe, nur um den Schein zu wahren. Ich kann beim Walzen

sprechen.«

»Das können Sie, wenn Sie Selbstgespräche lieben,« sagte sie und wandte

sich fort, als er sich erhob.

»Im Ernst, Agatha, Sie dürfen den andern nichts über mich erzählen.«

»Nennen Sie mich nicht Agatha,« sagte sie heftig.

»Wie soll ich Sie denn nennen?«

»Sie brauchen mich überhaupt nicht anzureden.«

»Ich brauche es und will es. Seien Sie nicht boshaft.«

»Aber ich kenne Sie ja gar nicht. Ich wundere mich über Ihre --« sie

zauderte, das Wort, das ihr grade einfiel, auszusprechen, aber sie fand

kein besseres -- »über Ihre Dreistigkeit.«

Er lachte, und sie beobachtete ihn, während er ein paarmal die Walze

auf- und abzog. Dann erholte er sich, indem er einen Blick auf sie

warf, und da er sie dabei ertappte, wie sie ihn ansah, lächelte er.

Sein Lächeln war etwas Alltägliches im Vergleich mit dem Lächeln,

das sie ihm zurückgab, in das ihre Augen, ihre Zähne und der goldene

Schimmer ihrer Gesichtsfarbe mit einzustimmen schienen. Er hielt sofort

mit dem Walzen ein und stand da, das Kinn auf den Walzenstiel gestützt.

»Wenn Sie Ihre Arbeit vernachlässigen,« sagte sie boshaft, »werden Sie

nicht mit dem Gras fertig sein, bis die Leute kommen.«

»Was für Leute?« fragte er verwirrt.

»Oh, eine Masse Leute. Wahrscheinlich auch welche, die Sie kennen. Es

kommen Besucher von London: Mein Vormund mit Frau und Tochter, meine

Mutter und hundert andere.«

»Im ganzen vier. Weshalb kommen sie? Wollen sie Sie besuchen?«

»Sie wollen mich abholen,« antwortete sie und beobachtete ihn, ob ihn

die Nachricht mißvergnügt machte.

Er war offenbar betroffen. »Weshalb, zum Henker, will man Sie

fortnehmen?« fragte er. »Ist Ihre Erziehung beendigt?«

»Nein. Ich habe mich schlecht aufgeführt und werde weggejagt.«

Er lachte wieder. »So ist es recht!« sagte er, »Sie fangen an,

Smilaschs Manier zu begreifen. Was haben Sie denn getan?«

»Ich sehe nicht ein, warum ich Ihnen das erzählen soll. Was haben _Sie_

getan?«

»Oh, ich habe nichts getan. Ich bin ein unromantischer Gentleman, der

sich vor einer romantischen Lady verbirgt, die sich in ihn verliebt

hat.«

»Die Ärmste!« sagte Agatha spöttisch. »Natürlich hat sie Ihnen einen

Antrag gemacht, und Sie haben ihn zurückgewiesen.«

»Im Gegenteil, ich machte den Antrag, und sie nahm ihn an. Deshalb muß

ich mich jetzt vor ihr verstecken.«

»Sie erzählen hübsche Geschichten,« sagte Agatha. »Leben Sie wohl. Da

kommt Miß Carpenter und will hören, worüber wir uns unterhalten.«

»Leben Sie wohl. Es tut mir sehr leid, daß Sie weggejagt werden --

Kann sich ein gewöhnlicher Mann vielleicht die Frage erlauben, wo die

Schälmaschine ist?«

Diese Worte waren an Jane gerichtet, die mit einigen von den andern

herbeikam. Agatha erwartete, daß Smilasch jetzt sofort entlarvt würde,

denn seine Verstellung war nun doch zu durchsichtig. Sie wunderte sich,

wie die andern sich dadurch irreführen ließen. Es schlug jetzt zwei

Uhr, und das erinnerte sie an das bevorstehende Zusammentreffen mit

ihrem Vormund. Eine Angst überkam sie und ein Verlangen, sich an einem

einsamen Platz zu verbergen, bis man sie rief. Aber sie hatte es sich

zur Ehrensache gemacht, stets die vollkommenste Gleichgültigkeit gegen

alle Sorgen zu zeigen, und so blieb sie bei den Mädchen, lachte und

plauderte mit ihnen, während sie Smilasch beobachteten, der sorgfältig

die Felder markierte und die Netze ausspannte. Agatha brachte alle

zum Lachen, und grade ihre geheime Aufregung, die durch unerträgliche

Anfälle von Angst verschärft wurde, trieb sie dabei an, während das

Romantische an Smilaschs Verkleidung ihr die Vorstellung des Träumens

einflößte. Ihre Phantasie beschäftigte sich bereits mit einem Drama,

in dem sie die Heldin und Smilasch der Held war, obgleich sie dem

lebendigen Mann da vor sich nicht so viel düstere Charaktergröße

andichten konnte wie einer gänzlich erträumten Person. Das Spiel ihrer

Phantasie war ein sehr einfaches, an dem sie sich im geheimen immer

wieder ergötzte. Die Heldin liebte den Helden und starb an gebrochenem

Herzen, weil er ihre Leidenschaft nicht erwiderte. Denn Agatha, die

stets bereit war, bei ihren Gefährtinnen jede Gefühlsschwelgerei

zu verspotten, die mit einem ansteckenden Sinn für Possen begabt

war, schwelgte doch heimlich in ihrem Innern in Vorstellungen von

Verzweiflung und Sterben. Sie durchlebte oft die ganze Marter eines

erfolgreichen Clowns, der beim Publikum wahre Stürme von Gelächter

auslöst und sich doch im Grunde für einen geborenen Tragöden hält. Sie

wußte, daß es manches in ihrem Wesen gab, das nicht grade durch ihre

so beliebte Darstellung des Soldaten im Kamin verkörpert wurde.

Um drei Uhr kamen die Gäste aus der Umgegend an, und es wurde auf vier

Feldern, die Smilasch glatt gewalzt und hergerichtet hatte, Tennis

gespielt. Die beiden Geistlichen waren da mit einigen Gentlemen aus

dem Laienstande. Mrs. Miller, der Pfarrer und ein paar Mütter und

sonstige Anstandsdamen sahen zu. Sie genossen leichte Erfrischungen,

die Smilasch, der eine erborgte weiße Kellnerschürze umgebunden hatte

und eine übertriebene Dienstfertigkeit entwickelte, auf Teebrettern

servierte. Eine Viertelstunde später kam eine Botschaft von Miß Wilson,

die Miß Wylie wegrief. Die Besucher begriffen nicht, warum jetzt mit

einem Male die jungen Damen ein so zerstreutes Benehmen zeigten. Jane

brach fast in Tränen aus und gab Josephs eine unhöfliche Antwort, als

er sie ganz unschuldig fragte, was denn geschehen sei. Agatha ging

anscheinend ganz gleichgültig fort, obgleich ihre Hand zitterte, als

sie ihr Racket weglegte.

In einem geräumigen Empfangszimmer an der Nordseite des Gebäudes

fand sie ihre Mutter, eine schmächtige Dame in Witwentracht, mit

verblichenem braunen Haar und verweinten Augen. Auch Mrs. Jansenius

und ihre Tochter waren dort. Die beiden älteren Damen bewahrten ein

ernstes Schweigen, während Agatha sie küßte, und Mrs. Wylie nach ihrem

Taschentuch griff. Henrietta umarmte Agatha überschwenglich.

Der Amateursozialist: Roman · 第 3 / 23 段