hingesetzt und Bacchus beobachtet, der auf dem Feuerplatz saß. Er
blickte mit seinen träumerischen Augen so gedankenvoll und geduldig
in die Ferne, daß ich ihn um Verzeihung bat, weil ich ihn mit dir
verglichen habe. Wenn ich ihn eine boshafte Katze nannte, er würde es
mir einfach nicht glauben.«
»Weil er wirklich eine Katze ist,« sagte Jane mit dem Lächeln, das
meist so schnell auf Tränen folgt.
»Nein, aber weil er nicht boshaft ist. Gertrude bewahrt ein Sündenbuch
in ihrem eigenen kleinen Kopf, und es ist so voll von andrer Leute
Sünde -- alle in großen Buchstaben hineingeschrieben und durch ein
Vergrößerungsglas zu lesen -- daß sie keinen Platz hat, ihre eigenen
einzutragen.«
»Du drückst dich sehr poetisch aus,« sagte Gertrude. »Aber ich
verstehe, was du meinst, und ich werde es nicht vergessen.«
»Du undankbarer Wicht,« schrie Agatha, indem sie sich so plötzlich
und heftig gegen sie wandte, daß sie unwillkürlich zur Seite wich.
»Wie oft habe ich nicht, wenn du unverschämt und falsch gegen mich
sein wolltest, deinen bösen Engel vertrieben, indem ich dich kitzelte?
Hattest du, bevor ich hierher kam, eine Freundin in der Anstalt, außer
einem halben Dutzend Bauernmädchen? Und jetzt, weil ich dich manchmal
zu deinem eigenen Nutzen auf deine Fehler aufmerksam gemacht habe,
hegst du Groll gegen mich und sagst, es sei dir gleichgültig, ob wir
als Freundinnen scheiden oder nicht!«
»Das habe ich nicht gesagt.«
»Oh, Gertrude, du weißt ganz gut, daß du es gesagt hast,« bemerkte Jane.
»Du denkst wohl, ich hätte kein Gewissen,« sagte Gertrude jammernd.
»Ich wollte, du hättest keins,« sagte Agatha. »Sieh mich an! Ich habe
kein Gewissen und weiß, wieviel vergnügter ich dabei bin.«
»Du kümmerst dich nur um dich selbst,« sagte Gertrude. »Nie glaubst du,
daß andere Leute auch Gefühle haben. Auf mich nimmt überhaupt niemand
Rücksicht.«
»Oh, so hör ich dich gerne reden,« rief Jane ironisch. »Auf dich wird
überhaupt viel mehr Rücksicht genommen, als dir gut tut. Und je mehr
man auf dich Rücksicht nimmt, desto größere Ansprüche stellst du.«
»Der Appetit,« deklamierte Agatha theatralisch, »kommt mit dem Essen.
Das wußte auch schon Shakespeare.«
»Zum Henker mit Shakespeare!« sagte Jane ungestüm. »Der alte Narr
bildet sich etwas darauf ein, daß er abgedroschene Redensarten
vorträgt. Aber wenn _du_ dich beklagst, Gertrude, weil auf dich keine
Rücksicht genommen wird, was soll _ich_ denn sagen, die von allen zum
Narren gehalten wird? Aber ich bin nicht so närrisch wie --«
»Wie du aussiehst,« warf Agatha dazwischen. »Ich hab es dir unendlich
oft gesagt, Jane, und es freut mich, daß du dich endlich zu meiner
Meinung bekehrt hast. Was möchtest du lieber sein, ein größerer Narr
als du --«
»Oh, halt ein,« sagte Jane ungeduldig, »du hast mich das diese Woche
schon zweimal gefragt.«
Die drei schwiegen hierauf eine kurze Zeit. Agatha überlegte, Gertrude
war verdrießlich, Jane gedankenlos und unruhig. Schließlich sagte
Agatha:
»Dann leidet ihr zwei wohl auch unter der Rücksichtslosigkeit und
Selbstsucht der andern, die euch mißverstehen, die alles von euch
erlangen und nie Entschuldigungen für euch gelten lassen?«
»Ich weiß nicht, was du damit meinst, daß wir zwei darunter auch
leiden!« sagte Gertrude kühl.
»Ich ebenfalls nicht,« sagte Jane ärgerlich. »Das ist doch grade die
Art, wie alle mich behandeln. Du kannst lachen, Agatha, und sie mag
ihre Nase rümpfen, wie sie will, du weißt, daß es wahr ist. Gertrudes
Idee, uns einzureden, es würde nicht genug Rücksicht auf sie genommen,
ist weiter nichts als Gefühlsduselei, Eitelkeit und Blödsinn.«
»Sie sind außerordentlich roh, Miß Carpenter,« sagte Gertrude.
»Meine Manieren sind so gut wie die Ihrigen und vielleicht besser,«
entgegnete Jane. »Meine Familie ist sicher so gut.«
»Kinder, Kinder,« sagte Agatha in ermahnendem Tone, »vergeßt nicht, daß
Ihr geschworene Freundinnen seid.«
»Wir haben nicht geschworen,« sagte Jane. »Wir wollten drei geschworene
Freundinnen werden, und Gertrude und ich waren auch dabei, aber du
wolltest nicht schwören, und so wurde nichts aus der Sache.«
»So ist es,« sagte Agatha. »Und jetzt verschwende ich all meine
Zeit, um zwischen euch Frieden zu halten. Aber, um auf unser Thema
zurückzukommen, ist es einer von euch schon einmal in den Sinn
gekommen, daß niemand auf _mich_ Rücksicht nimmt?«
»Ich glaube, du hältst das für etwas Spaßhaftes. Du handelst wirklich
danach, daß man auf dich Rücksicht nimmt,« sagte Jane spöttisch.
»Du kannst nicht sagen, ich nähme keine Rücksicht auf dich,« sagte
Gertrude vorwurfsvoll.
»Ja, weil ich dich kitzle.«
»Ich nehme Rücksicht auf dich und bin nicht kitzlich,« sagte Jane
zärtlich.
»Wirklich! Laß mich einmal versuchen,« sagte Agatha und schlang ihren
Arm um Janes umfangreiche Taille, worauf sie ihr eine durchdringende
Mischung von Lachen und Schreien entlockte.
»Sst--sch!« flüsterte Gertrude schnell. »Da ist die Lady Abbeß.«
Miß Wilson war grade in das Zimmer eingetreten. Agatha tat so, als
bemerkte sie ihre Anwesenheit nicht. Sie zog verstohlen ihren Arm
zurück und sagte laut:
»Wie _kannst_ du nur so ein Geschrei machen, Jane? Du bringst ja das
ganze Haus in Aufruhr.«
Jane wurde rot vor Unwillen, aber sie mußte jetzt still sein, denn die
Augen der Vorsteherin ruhten auf ihr. Miß Wilson hatte ihren Hut auf.
Sie sagte, sie müßte nach Lyvern gehen, zum nächsten Dorfe. Ob einige
Damen aus der sechsten Klasse sie begleiten wollten?
Agatha sprang sofort von ihrem Sitz herunter, und Jane unterdrückte ein
Lachen.
»Miß Wilson sagte, die sechste Klasse, Miß Wylie,« bemerkte Miß Ward,
die auch hereingetreten war. »Sie sind nicht in der sechsten Klasse.«
»Nein,« sagte Agatha sanft, »aber ich möchte mitgehen, wenn ich darf.«
Miß Wilson sah sich um. Die sechste Klasse bestand aus vier
lernbegierigen jungen Damen, deren Lebensziel für den Augenblick eine
Aufnahmeprüfung an einer Universität, oder wie man auf der Schule
sagte, das Cambridgezeugnis war. Keine von ihnen antwortete.
»Dann die fünfte Klasse,« sagte Miß Wilson.
Jane, Gertrude und vier andere erhoben sich und stellten sich neben
Agatha.
»Gut,« sagte Miß Wilson. »Machen Sie nicht so lange mit dem Anziehen.«
Sie eilten schnell hinaus und stürmten mit Geräusch die Treppen hinauf.
Agatha, die für das Cambridgezeugnis gar kein Interesse hatte, strebte
voll Ehrgeiz danach, stets am schnellsten die Treppen hinauf- oder
hinunterzueilen.
Sie kamen bald zum Spaziergang gekleidet zurück und verließen zwei und
zwei in einer Prozession das Institut. Jane und Agatha gingen voran,
Gertrude und Miß Wilson kamen zuletzt. Die Landstraße nach Lyvern
führte über Weideland, das früher urbar gewesen war, aber jetzt dem
Vieh überlassen wurde, weil dieses dem Eigentümer mehr Geld einbrachte
als die Pächter, denen er es weggenommen hatte. Miß Wilsons junge Damen
hatten auch Unterricht in der Volkswirtschaft. Sie wußten, daß jeder
Gegenstand zu dem Zweck benutzt wurde, der am notwendigsten war, und
wenn hier der ganze Ertrag nur dem Eigentümer zufiel, so war das ganz
natürlich, weil er der vornehmste Gentleman in der Gegend war. Zwar
hatte dieser Zustand auch seine unangenehme Seite. Es gab da eine Menge
Rinder, so daß sie Angst hatten, die Felder zu überschreiten, es gab
eine Menge Vagabonden, so daß sie sich fürchteten, über die Landstraße
zu gehen, und es waren viel zu wenig Gentlemen da, die Verständnis für
den Zauber weiblicher Reize hatten.
Der Himmel war bewölkt. Agatha, die nichts auf schmutzige Schuhe
gab, watete durch die Haufen gefallener Blätter mit dem Entzücken
eines Kindes, das im Wasser herumpatscht. Gertrude setzte ihre
Füße sorgfältig hin, und die andern gingen leise plaudernd des
Weges, höchstens, daß sie hier und da einmal in lauterem Tone
eine wissenschaftliche oder philosophische Bemerkung machten,
damit Miß Wilson sie hörte und auch eine Freude hatte. Außer einem
Viehtreiber, der etwas von dem Wesen und Ausdruck der Rinder, die er
leitete, angenommen zu haben schien, trafen sie keinen Menschen, bis
sie sich dem Dorfe näherten. Hier aber tauchten hinter einer Anhöhe
zwei Personen männlichen Geschlechts in der Gestalt zweier Geistlichen
auf. Einer war groß und mager, hatte ein glatt rasiertes Gesicht, ein
Buch unter dem Arm und einen lang herausgereckten Hals. Der andere
war von mittlerer Größe, kräftigem Körper und grader Haltung. Er sah
unternehmungslustig aus mit seinem schwarzen Backenbart, und auf seinem
Gesicht lag ein energischer Protest gegen alle solche Ansichten, als
ob ein Geistlicher nicht heiraten, jagen, Kricketspielen oder sonst an
einem anständigen, weltlichen Sport teilnehmen dürfte. Der Geschorene
war Mr. Josephs und sein Begleiter Mr. Fairholme. Agatha hatte eine
böse biblische Veränderung dieser beiden Namen erfunden.
»Da kommen Pharao und Joseph,« sagte sie zu Jane. »Joseph wird erröten,
wenn du ihn ansiehst. Pharao errötet erst, wenn er an Gertrude
vorbeikommt, obgleich wir das heute nicht sehen können.«
»Wahrhaftig, Josephs!« sagte Jane verächtlich.
»Er liebt dich, Jane. Magere Männer wollen dicke Frauen haben. Pharao,
der ein Bauer ist, liebt blaues Blut, weil Gegensätze sich anziehen.
Deshalb fesselt ihn Gertrudes aristokratische Miene.«
»Wenn er nur wüßte, wie sehr sie ihn verachtet!«
»Er ist zu eitel, um das zu vermuten. Übrigens verachtet Gertrude jeden
Menschen, auch uns beide. Oder vielmehr, sie verachtet niemand im
besondern, sie ist nur hochmütig von Natur wie du dick bist.«
»Pah! Ich will lieber dick als eingebildet sein. Sollen wir uns
verneigen?«
»Ich tu es sicher. Ich will doch Pharao erröten machen.«
Die zwei Geistlichen taten so, als betrachteten sie mit Interesse den
wolkigen Himmel, und blickten erst auf die Mädchen, als sie dicht bei
ihnen waren. Jane warf Josephs mit solcher Verschlagenheit einen Blick
zu, daß an ihrer Lieblingsversicherung, sie sei nicht so dumm, wie die
Leute meinten, doch etwas Wahres sein mußte. Er errötete und zog seinen
niedrigen, weichen Filzhut. Fairholme grüßte sehr feierlich, denn
Agatha verneigte sich vor ihm in ausgeprägter Würde. Aber als seine
Ernsthaftigkeit und sein vornehmer Zylinderhut sich in ihrem höchsten
Glanze zeigten, warf sie ihm schnell ein spöttisches Lächeln zu, und
auch er errötete, und zwar um so tiefer, weil er über sein Erröten
wütend wurde.
»Hast du schon einmal zwei solche Narren gesehen?« flüsterte Jane
kichernd.
»Sie sind einmal Männer. Sie sagen immer, Frauen seien Narren, und sie
haben recht. Aber so schlimm wie die Männer sind wir Gott sei Dank doch
noch nicht! Ich möchte mich nach Pharao umsehen, wie er an Gertrude
vorbeigeht. Aber, wenn er das bemerkt, denkt er, ich bewundere ihn. Er
ist so schon eingebildet genug.«
Die beiden Geistlichen erröteten immer mehr, als sie an der Prozession
junger Mädchen vorbeischritten. Miß Lindsay blickte nach der andern
Seite der Straße, und Miß Wilsons Nicken und Lächeln waren nicht ganz
aufrichtig. Sie sprach nie mit den Geistlichen und unterhielt auch mit
dem Vikar nicht mehr Verkehr, als unbedingt notwendig war. Er hatte sie
im Verdacht, eine Ungläubige zu sein, obgleich weder er, noch sonst ein
Sterblicher in Lyvern je ein Wort über ihre religiösen Ansichten von
ihr gehört hatte. Aber er wußte, daß eine weltliche >Moralwissenschaft<
in der Anstalt gelehrt wurde, und hatte das Gefühl, wenn erst die Moral
zu einer Sache der Wissenschaft gemacht würde, daß dann das Interesse
für Religion entsprechend sinken werde.
»Welch ein Leben ist das, und welch eine Gegend!« rief Agatha aus. »Wir
treffen zwei Kreaturen, die mehr wandelnden schwarzen Kostümen als
Menschen gleichen, und das ist ein Ereignis -- ein aufregendes Ereignis
in unserm Leben!«
»Ich denke, sie sind schrecklich komisch,« sagte Jane, »schon, daß
Josephs solche großen Ohren hat.«
Sie kamen jetzt an eine Stelle, wo der Weg durch eine Anpflanzung von
dunklen Maulbeerbäumen und Roßkastanien ging. Als sie hineinschritten,
erhob sich ein Wind, die welken Blätter wurden vom Boden aufgewirbelt,
und durch die Zweige strich eine lange, rauschende Bewegung.
»Diesen Teil vom Wege hasse ich,« sagte Jane und eilte weiter. »Grade
an solchen Stellen werden Leute ausgeplündert und ermordet.«
»Es ist gar kein schlechter Platz, um uns vor dem Regen zu schützen,
denn der kommt sicher, bevor wir zurück sind,« sagte Agatha, die bei
den Windstößen, die ihr ins Gesicht jagten, Angst bekam. »Ich werde
schön eingeweicht werden, besonders mit diesen leichten Schuhen. Ich
wollte, ich hätte meine schweren Stiefel angezogen. Wenn es arg regnet,
lauf ich in die alte Hütte.«
»Miß Wilson wird es nicht gestatten, es ist verboten.«
»Was schadet das? Es wohnt doch niemand darin, und das Tor ist aus den
Angeln. Ich will mich nur unter die Veranda stellen -- in das elende
Haus dringe ich gar nicht ein. Übrigens kennt der Eigentümer Miß
Wilson, und er macht sich nichts daraus. Da fällt ein Tropfen.«
Miß Carpenter blickte auf und bekam sofort einen schweren Regentropfen
in ihr Auge.
»Oh!« schrie sie. »Es gießt! Wir werden durch und durch naß.«
Agatha blieb stehen, und der Zug sammelte sich um sie in einer Gruppe.
»Miß Wilson,« sagte sie, »es wird in Strömen regnen, und Jane und ich
haben nur unsere Schuhe an.«
Miß Wilson schwieg, um die Lage zu überlegen. Ein Mädchen meinte,
wenn sie liefen, könnten sie noch Lyvern erreichen, bevor der Regen
einsetzte.
»Über zwanzig Minuten,« sagte Agatha verächtlich, »und es regnet doch
schon!«
Ein anderes Mädchen riet, nach Hause zurückzukehren.
»Das sind dreiviertel Stunden,« sagte Agatha. »Wir würden inzwischen
ertränkt werden.«
»Es bleibt uns nichts übrig, als hier unter den Bäumen zu warten,«
sagte Miß Wilson.
»Die Zweige sind ganz kahl,« sagte Gertrude ängstlich. »Wenn es richtig
regnet, tropfen sie schlimmer als der Regen selbst.«
»Viel schlimmer,« sagte Agatha. »Ich denke, wir gehen am besten unter
die Veranda vor dem alten Landhaus. Es ist nur eine halbe Minute von
hier.«
»Aber wir haben kein Recht --« Jetzt wurde der Himmel bedrohlich
dunkel. Miß Wilson unterbrach sich selbst: »Ich denke, es wird noch
unbewohnt sein.«
»Natürlich,« antwortete Agatha voller Ungeduld, fort zu kommen. »Es ist
ja eine halbe Ruine.«
»Dann laßt uns in Gottes Namen hingehen,« sagte Miß Wilson, die nicht
auf die Gefahr hin, naß zu werden, an ihren Bedenken festhalten wollte.
Sie eilten weiter und kamen gleich darauf an eine grüne Anhöhe neben
dem Wege. Auf ihrer Höhe stand ein zerfallenes Schweizerhaus, umgeben
von einer Veranda, die auf schlanken Holzsäulen ruhte. Ein paar
Ranken von verwelkten Schlinggewächsen hingen daran, und die äußersten
Spitzen, die noch bebten von den Stößen des Windes, wurden jetzt still,
als lauschten sie auf das Kommen des Regens. Ein Tor von rohem Holz,
das sich in der Hecke befand, führte von der Landstraße in das Haus.
Zu ihrem Erstaunen fand Agatha, daß das Tor nicht mehr aus den Angeln
war, wie das letztemal, als es nur noch durch eine rostige Kette und
ein Schloß an dem Pfosten befestigt war; man hatte es jetzt wieder
eingehängt und mit neuen Haken befestigt. Aber das Wetter erlaubte
keine langen Betrachtungen über diese Ausbesserungen. Sie öffnete
das Tor und eilte den Hügel hinauf, gefolgt von dem Trupp der andern
Mädchen. Ihr Hinaufsteigen endete in einem Rennen, denn der Regen kam
plötzlich in Strömen herunter.
Als sie sicher unter der Veranda waren, die einen keuchend und murrend,
die andern lachend und froh, weil sie einen solchen Zufluchtsort
gefunden hatten, bemerkte Miß Wilson etwas beunruhigt einen Spaten,
der neu war wie die Haken am Tor und aufrecht in einem Stück frisch
umgegrabener Erde steckte. Sie wollte grade etwas über dieses
Anzeichen, daß hier Leute wohnten, sagen, als die Türe der Hütte
aufgestoßen wurde und Jane einen lauten Schrei ausstieß. Ein Mann
trat heraus und ging auf den Spaten los, den er offenbar nicht im
Regen stehen lassen wollte. Dann bemerkte er die Gesellschaft unter
der Veranda und stand vor Erstaunen still. Er war ein junger Arbeiter
mit rötlichbraunem Bart, der kaum eine Woche gewachsen war. Er trug
Manchesterhosen und eine Manchesterweste mit Leinenärmel, alles
neu wie der Spaten und die Haken. Ein grobes, blaues Hemd mit einem
gewöhnlichen, rot und orangefarbenen Halstuch, die ebenfalls neu
waren, vervollständigten seine Kleidung. Und um sich vor dem Regen
zu schützen, hatte er einen seidenen Schirm mit silberbeschlagenem
Ebenholzgriff aufgespannt, zu dem er kaum auf ehrliche Weise gekommen
sein konnte. Miß Wilson war es wie einem Knaben zumute, den man im
Obstgarten erwischt hat, aber sie nahm trotzdem eine kühne Miene an und
sagte:
»Gestatten Sie uns, daß wir hier untertreten, bis der Regen vorbei ist?«
»Selbstverständlich, Eure Gnaden,« antwortete er, indem er respektvoll
mit dem Handgriff seines Spatens sein Haar zurückstrich, das bis zu
den Augenbrauen heruntergekämmt war. »Eure Gnaden machen mich stolz,
daß Sie vor der Unbarmherzigkeit der Stürme in meiner armseligen Hütte
Zuflucht nehmen.« Seine Worte waren seltsam, seine Aussprache war
barbarisch, und wie ein schlechter Schauspieler schien er grade daran
Gefallen zu finden. Während er sprach, trat er ebenfalls unter die
Veranda und lehnte den Spaten gegen die Wand, indem er den Lehm von
seinen schweren, genagelten Schuhen trat, die ebenfalls neu waren.
»Ich kam heraus, geehrte Dame,« fuhr er sehr mit sich selbst zufrieden
fort, »um meinen Spaten zu holen, durch den ich mir ja meinen Unterhalt
gewinne. Was die Feder für den Dichter, das ist der Spaten für den
Arbeiter.« Er nahm das Halstuch von seinem Nacken, wischte sich die
Schläfen, als ob der Schweiß ehrlicher Arbeit daran klebte, und legte
es sich ruhig wieder um.
»Entschuldigen Sie eine Bemerkung von einem gewöhnlichen Mann,« sagte
er, »Eure Gnaden haben da eine nette Familie von Töchtern.«
»Es sind nicht meine Töchter,« sagte Miß Wilson sehr kurz.
»Vielleicht Schwestern?«
»Nein.«
»Ich dachte -- vielleicht -- weil ich selbst ne Schwester hab. Nicht
als ob ich auch in Gedanken sie damit vergleiche -- sie ist nur ein
gewöhnliches Weib -- so gewöhnlich, wie Sie nie keine gesehen haben.
Aber die Weiber erheben sich selten über das Gewöhnliche. Letzten
Sonntag, da unten in der Dorfkirche, hörte ich den Pfarrer sagen, daß
er einen Mann unter Tausend gefunden hat. >Doch ein Weib unter all
diesen<, sagte er, >habe ich nicht gefunden,< und ich denke so bei mir:
>Recht hast du!< Aber der Henker holt mich, wenn er je Eure Gnaden
gesehen hat.«
Ein Lachen, das ganz fein wie ein Husten herauskam, entschlüpfte
Miß Carpenter.
»Die junge Lady hat sich erkältet,« sagte er mit respektvoller
Besorgtheit.
»Glauben Sie, daß der Regen noch lange andauert?« fragte Agatha in
höflichem Tone.
Der Mann betrachtete einige Augenblicke mit wetterkundigem Blick den
Himmel. Dann wandte er sich zu Agatha und antwortete demütig: »Nur
der Herr weiß es, Miß. Einem gewöhnlichen Mann, wie mir, ist es nicht
gegeben, das zu sagen.«
Ein Schweigen folgte jetzt, und Agatha, die verstohlen den Bewohner
der Hütte beobachtete, bemerkte, daß sein Gesicht und sein Hals
sauberer und weniger sonnenverbrannt waren, als man es sonst bei den
gewöhnlichen Arbeitern von Lyvern fand. Seine Hände steckten in weiten
Gartenhandschuhen, die mit Kohlenflecken beschmutzt waren. Gewöhnlich
machten sich Lyverner Arbeiter wenig daraus, ihre Hände zu beschmutzen;
sie trugen nie Handschuhe. Doch sie dachte, warum sollte nicht ein
überspannter Arbeiter, der unerträglich geschwätzig war und eine
Anspielung auf die Feder des Dichters machen konnte, sich mit billigen
Handschuhen vergnügen. Aber dann der seidene, silberbeschlagene Schirm
--
»Die junge Lady hier,« sagte er plötzlich und streckte den Schirm vor,
»sieht das Ding hier an. Ich weiß wohl, daß es nicht für den Geringsten
unter den Geringen paßt, den Schirm eines Gentleman zu tragen, und ich
bitte Eure Gnaden um Verzeihung. Ich hab ihn durch Zufall gekriegt, und
wäre froh, wenn ein Gentleman, der einen solchen Artikel braucht, mir
einen annehmbaren Preis machte.«
Während er das sagte, rannten zwei Gentlemen, die, nach ihren
triefenden Kleidern zu urteilen, sogar dringend einen solchen Artikel
brauchten, durch das Tor und kamen auf das Landhaus zu. Fairholme
langte zuerst an und rief: »Furchtbarer Schauer!« Dann wandte er
sich schnell von den Damen ab, stellte sich an den Rand der Veranda
und schüttelte den Regen von seinem Hute ab. Josephs, der hinter ihm
herkam, wandt sich schaudernd vor der feuchten Berührung mit seinen
eigenen Kleidern. Er machte Miß Wilson eine Verbeugung und sagte, sie
sei hoffentlich nicht naß geworden.
»Das schon nicht,« entgegnete sie. »Aber die Frage ist, wie wir von
hier wieder nach Hause kommen?«
»Oh, es ist nur ein Regenschauer,« sagte Josephs und schaute
hoffnungsfroh nach dem wolkenschweren Himmel. »Es wird sich gleich
aufklären.«
»Es paßt sich nicht für einen gewöhnlichen Mann, eine andere Meinung zu
haben als ein Gentleman, dessen Geschäft es ist, den Himmel zu kennen,
wie man wohl sagen kann,« bemerkte hier der Mann, »sonst möchte ich
meinen Schirm gegen Ihren Schlapphut verwetten, daß es vor sieben Uhr
nicht aufhört zu regnen.«
»Dieser Mann wohnt hier,« flüsterte Miß Wilson, »und ich glaube, er
will uns los werden.«
»Hm!« sagte Fairholme. Dann wandte er sich an den seltsamen Arbeiter
mit der Miene eines Mannes, der keinen Spaß versteht, und sagte mit
erhobener Stimme: »Sie wohnen hier, lieber Mann?«
»Ja, Herr, mit Ihrer gütigen Erlaubnis, wenn ich so kühn sein darf.«
»Wie heißen Sie?«
»Jeff Smilasch, Herr, empfehle mich.«
»Wo kommen Sie her?«
»Von Brixtonbury, Herr.«
»Von Brixtonbury! Wo liegt das?«
»Ja, Herr, das weiß ich selbst nicht genau. Wenn ein Gentleman wie Sie,
der Jographie und so was kennt, das nicht sagen kann, wie soll ich?«
»Sie sollten doch wissen, wo Sie geboren sind, Mann. Haben Sie keinen
gesunden Menschenverstand?«
»Wie soll so einer wie ich Menschenverstand haben, Herr? Übrigens, ich
war nur ein Findling. Vielleicht bin ich überhaupt nicht geboren.«
»Habe ich Sie letzten Sonntag in der Kirche gesehen?«
»Nein, Herr. Ich kam erst Mittwoch.«
»Schön, dann kommen Sie nächsten Sonntag hin,« sagte Fairholme kurz,
indem er sich von ihm abwandte.
Miß Wilson blickte auf die Wolken, dann auf Josephs, der sich mit Jane
unterhielt, und schließlich auf Smilasch, der sich mit den Knöcheln
gegen die Stirne schlug, ohne zu erwarten, daß man ihn anrede.
»Haben Sie einen Jungen, den Sie nach Lyvern schicken können, um uns
eine Fahrgelegenheit -- einen Wagen zu verschaffen? Ich will ihm einen
Schilling für seine Mühe geben.«
»Einen Schilling!« sagte Smilasch fröhlich. »Eure Gnaden sind eine
noble Dame. Zwei vierrädrige Wagen. Acht sollen Sie haben.«
»Es gibt nur einen Wagen in Lyvern,« sagte Miß Wilson. »Bringen Sie
diese Karte zu Mr. Marsch, dem Wagenverleiher, und erzählen Sie ihm, in
welcher Verlegenheit wir hier sind. Er wird das Gespann hersenden.«
Smilasch nahm die Karte und las sie mit einem flüchtigen Blick. Dann
ging er in das Haus, um gleich darauf in einem Ölrock und einen
Südwester auf dem Kopf wieder zu erscheinen. Er rannte durch den Regen
davon und schwang sich mit etwas komischer Eleganz über das Tor.
Kaum war er verschwunden, so wurde er, wie das öfter bei merkwürdigen
Menschen ist, der Gegenstand der Unterhaltung.
»Ein bescheidener Arbeiter,« sagte Josephs. »Und von guten Manieren in
Anbetracht seines Standes.«
»Und ein geborener Narr,« sagte Fairholme.
»Oder ein Spitzbube,« bemerkte Agatha, indem sie die Augen aufriß und
die Zähne zeigte, während ihre Mitschülerinnen ganz entsetzt über ihre
Kühnheit in starrer Bestürzung dastanden. »Er sagte Miß Wilson, er habe
eine Schwester, und er sei letzten Sonntag in der Kirche gewesen. Ihnen
aber hat er grade erzählt, er sei ein Findling und sei erst am Mittwoch
angekommen. Seine Aussprache ist nur angenommen, er kann lesen, und ich
glaube überhaupt nicht, daß er ein Arbeiter ist. Vielleicht ist er ein
Räuber und will das Silbergeschirr in der Anstalt stehlen.«
»Agatha,« sagte Miß Wilson ernst, »Sie sollten sich in acht nehmen, so
etwas zu sagen.«