Und Sven ließ sich durch diese Sagen in seinem Glück nicht stören. Er

war so vertraut mit ihnen, daß sie ihm nur zu folgen schienen, wie der

Schatten dem Sonnenschein folgt. Und er schuf sich seine eigene Welt

draußen auf der Schäre. Wenn die Brandung hoch ging und der Sturm

brüllte, dann stand er am Fenster und blickte hinaus über das tosende

Meer, und er konnte stundenlang so stehen, ohne daß er im stande war

sich loszureißen. Wenn der Himmel blau war und der Wind kühl und still

über die Insel wehte, dann ging er allein zum Strande hinab, fing

Seesterne und lernte mit Booten spielen.

Aber sein liebster Aufenthalt war der Lootsenausguck, wo Mama mit ihrer

Arbeit saß, und da bat er sie alles zu erzählen, was sie vom Meere

wußte. Er war überglücklich, wenn er barfuß über die Klippen lief, und

er zog seine kleinen Höschen hinauf, und kletterte auf seinen feinen

Füßen so vorsichtig wie eine kleine Prinzessin. Aber wenn man weit gehen

sollte, da bat er, daß man ihn trage. Und da Niemand Sven das abschlagen

konnte, worum er bat, fand sich immer Jemand, der ihn auf die Arme oder

auf die Schultern nahm. Dann sah er sich stolz um und lächelte in dem

Gefühl seiner Macht und der Seligkeit, daß Alle ihn liebten.

Aber wenn Mama mit Papa allein blieb, sagte dieser öfter als einmal:

»Er ist ja so frisch und munter, wie er nie gewesen ist. Warum spricht

er dann immer vom Tode?«

Und sie antwortete:

»_Ich_ lehre es ihn nicht. Seine Gedanken kommen und gehen, wie sie

wollen. -- -- Siehst Du?«

Sie wies hinunter auf den Strand. Da saß Sven allein und sah ungemein

glücklich und froh aus. Er hielt eine Schnur in der Hand, und an der

Schnur war ein Stück Holz befestigt, das wie ein Boot aussah. Das zog er

auf den Strand, belud es mit Steinchen und schob es wieder hinaus.

»Hörst Du nicht?« sagte Elsa.

Und um besser zu hören, gingen wir sachte näher, ohne daß der Knabe uns

sah.

Er saß ganz stille, ließ das Holzstück auf den Wellen auf- und

niedergleiten, und mit schwacher, glockenreiner Stimme sang er für sich

selbst. Es war ein Seemannslied, das er von den Kindern auf der Insel

gelernt hatte.

Sing fallerala, sing fallerala la,

Und tief im Meere sein Grab er sah.

Da erblickte er uns, verstummte und erklärte, daß er nicht singen wolle,

wenn Papa zuhörte.

10.

Ich merke, daß ich in diesem Buch fast nur von unseren Sommern erzähle.

Das kommt ganz einfach daher, daß wir im Sommer am stärksten das Gefühl

hatten, zu leben. Im Winter wohnten wir ja entweder in der Hauptstadt

oder so nahe derselben, daß wir zu jeder Zeit hinkommen konnten. Da ging

es uns wie den meisten Anderen. Das Hauptstadtleben ergriff uns,

schleuderte uns in seinen Wirbel und bemaß die Zeit sehr karg, in der

wir alle mit einander leben und uns Eins fühlen konnten. Dahin waren

meine und meiner Frau lange vertrauliche Gespräche zu Zweien, dahin das

muntere Zusammenleben mit den Kindern. Nicht einmal das Weihnachtsfest,

ja das am allerwenigsten, war frei von dem Gefühl überanstrengenden

Hastens, das Müdigkeit, Ueberdruß und Mißstimmung zurückläßt. Darum

erwarteten wir den Sommer beinahe wie eine Befreiung von etwas Bösem,

und wenn wir die Hauptstadt verließen, war es immer, als zögen wir

unserer eigenen Erneuerung und der unseres Zusammenlebens entgegen.

Von unserem letzten Sommer will ich jetzt erzählen, dem letzten, in dem

wir wirklich das Gefühl hatten, zu leben, dem Sommer, der so ganz anders

wurde, als wir gehofft und gedacht hatten.

Wir hatten diesmal einen ganz anderen Ort gewählt, als die Schären der

Westküste, und wir hatten dies gethan, damit meine Frau sich mit all dem

umgeben konnte, was sie im vorhergehenden Sommer vermißt hatte. Denn wie

sehr das Meer sie auch ergriffen hatte, barg sie doch in tiefster Seele

eine Art Abgeneigtheit gegen die See, die in einsamer Majestät herrschen

will und keine hohen Bäume und blühenden Matten in ihrer unmittelbaren

Nähe duldet. Im Innersten sehnte sie sich immer nach belaubten Hainen

und üppigen Blumen, und der Sieg, den ich in meinem Kampf fürs Meer

errungen, war also nur halb. Darum kamen wir überein, für die Zukunft

abwechselnd den Ort unseres Sommeraufenthalts zu bestimmen. Und diesen

Sommer wollten wir überdies mit Anderen theilen, das wiederbeleben, was

einmal unsere Herzen erfüllt, als all unser Glück sich im Kreise von

lauter Freunden wiederspiegelte, die in unserem Hause so kamen und

gingen wie in ihren eigenen.

Um den Kontrast zu dem Sommer auf der Schäre so stark als möglich zu

machen, wählten wir »Lidingön«, und in dem oberen Stockwerk eines halb

verfallenen Herrenhofs schlugen wir unser Sommerheim auf.

Es war eine Wohnung mit vielen großen Zimmern, eine Wohnung mit schrägen

Fenstern, fleckigen Tapeten und altväterischen großen Veranden, einer

langen und schmalen, die nach dem Hof ging, und einer kleineren, von der

aus man über den Garten sah, mit seinen ungeharkten Wegen und den

wildwuchernden Beerensträuchern, über die Eichen weit hinaus nach der

Landzunge und der ganzen stillen, hellen Bucht sah, die in Grün gebettet

dalag und einem ruhigen Binnensee glich. Die Veranden waren zu beiden

Seiten des Hauses ganz und gar von wildem Wein überwachsen, und auf der

Veranda nach dem Meere war die eine Seite mit Kaprifolium bedeckt. Das

Ganze machte den Eindruck eines Hauses, das im begriffe ist,

überwuchert, überwachsen zu werden, zu verschwinden, um wieder eins mit

der Natur zu werden. Wenn man auf der kleineren Veranda saß und träumend

über den Garten blickte, auf die Eichen und die ruhige Bucht, mußte man

daran denken, daß alles, was hier gepflügt oder gebaut war, einmal

verschwinden und daß der Tag kommen würde, wo neue Menschen das in der

Erde verborgen fanden, was der Freude und Sorge längst vergessener

Menschen eine Heimstatt gegeben hatte und Nahrung ihren Körpern.

Wehmütig ohne jede Düsterkeit schlich sich dieses Gefühl über den, der

da saß und die Stimmung dieses kleinen Flecks in sich aufnahm, und es

wurde ihm zu Mute, als hätte alles irdische Glück darin bestanden, hier

zu leben, bis das Haus fiel und das Unkraut alles verdrängte, und dann

einschlummern zu dürfen, mit dem Gebäude, das in Ruinen zerfiel, und den

alten Bäumen, die morsch und abgelebt zusammensanken, und eins zu werden

mit der unfruchtbaren Erde selbst, die es auch müde geworden zu sein

schien, das zu tragen, was bestimmt war, ihren Bebauern Leben zu geben.

Hier wuchsen die Syringen dicht, der Goldregen hing prächtig und schwer

über ungepflegte Beete und Rabatten, wo die Mohnblumen sich überreif zur

Erde neigten und die Rosensträucher sich drängten. Hier war alles, was

meine Frau an Stimmung und Natur liebte. Hier war etwas von einer

sterbenden melancholischen Ueppigkeit, die mit ihrem ganzen Seelenleben

übereinstimmte. Hier ging sie umher, als wäre sie vom ersten Augenblick

an daheim. Hier vergaßen wir, daß das Leben und die Menschen uns schwere

Wunden geschlagen und daß wir selbst uns gewehrt und zurückgeschlagen

hatten. Hier vergaßen wir den Zwang des Winters und seine enervierenden

Vergnügungen. Und auf der anderen Seite der Bucht hatten wir Freunde,

zwischen deren Brücke und der unseren die Boote häufig hin- und

hergingen.

Aber die ganze Umgebung lastete schwer auf mir, und ich hatte das

Gefühl, als hinderte sie mich am Arbeiten. Sie versetzte mich in eine

Stimmung, die verschieden von allem war, was ich je erfahren. Aber die

Zeit verging, und mit ihr kam die Ruhe. Mit einer Stärke wie nie zuvor

kam der Genius der Arbeit über mich, und ich wurde von nichts anderem

gestört als von Sven.

Denn er war der Einzige, den wir nie lehren konnten, daß Papa in Frieden

gelassen werden müßte, wenn er arbeitete. Er öffnete die Thüre so

sachte, als wollte er zeigen, wie wichtig es war, daß Stille herrschte.

Sah ich ihn dann an, so legte er den Finger auf den Mund und sagte »Pst«

mit einer so machtbewußten und gleichzeitig unschuldigen Miene, daß ich

unwillkürlich die Feder weglegen mußte. Sah ich hingegen nicht auf, dann

ging er sachte zum Schreibtisch hin und stellte sich neben mich. Er

konnte da geduldig die längste Zeit stehen; und wenn ich stark blieb und

that, als ahnte ich seine Nähe nicht, dann konnte er wieder seiner Wege

gehen, ebenso still, wie er gekommen war. Das geschah jedoch nicht oft,

und wenn ich den Kopf nur ein klein wenig drehte, sah ich sogleich die

blauen, erwartungsvollen Augen, die die meinen suchten. Und dann war ich

verloren.

»Was willst Du eigentlich, Sven?« sagte ich.

Und ich meinte, daß ich streng aussehen sollte, wußte aber, daß ich es

nicht konnte.

Dann war es eine Blume oder ein Stein oder irgend eine andere

Seltenheit, mit der er kam. Und ich ergab mich auf Gnade und Ungnade.

Ich schob Papier und Feder weg und ließ Sven mich stören, so viel er

wollte. Und darüber freue ich mich jetzt.

11.

Hier draußen sang der kleine Sven, wie er es den ganzen Winter gethan,

und gewiß hatte Elsa hauptsächlich um seinetwillen darauf bestanden, daß

unser Klavier einmal mit hinaus in die Schären kam.

Denn seit Mama entdeckt hatte, daß Sven singen konnte, war es doch nur

ganz natürlich, daß sie anfing, seine Anlagen auszubilden, und daß sie

stolz auf seine Stimme war wie auf alles, was er sagte, that und

vornahm. Sie schaffte ihm kleine Liederbücher an und lernte die Worte

mit ihm auswendig. Denn Sven war erst fünfeinhalb Jahre alt und zu

klein, um lesen zu können. Auch hatte seine Mama heilig und teuer

gelobt, daß es lange dauern würde, bevor er sich mit etwas so

Schrecklichem plagen müßte. Aber singen, das konnte er, und er konnte

viele Lieder. Sehr selten entschlüpfte ihm ein falscher Ton, und war das

einmal der Fall, so sah er ganz verdrießlich aus und begann wieder ganz

von vorne.

Er hatte auch nie Angst zu singen, wenn Fremde zuhörten. So viele, als

wollten, durften kommen. Sven sang und lachte, und die großen, blauen

Augen leuchteten. Warum sollte er Angst haben, zu singen, wenn er es

selbst so lustig fand, und er im übrigen so schön sang? Das hatte Mama

gesagt, und wenn sie es fand, mußten ja alle dasselbe finden.

Von allen schönen Liedern, die Sven konnte, war doch keines niedlicher

anzuhören als dieses:

Bäh, bäh, weißes Lamm, hast Du denn auch Woll?

Ja, ja, kleiner Mann, hab die Taschen voll.

Sonntagsrock für Vater und Feierkleid fürs Mütterchen

Und zwei Paar Strümpfe fürs kleine, kleine Brüderchen.

Der Schluß dieses Liedes war Svens Glanznummer. Denn so wie er zu dem

letzten Vers kam, ging es über Stock und Stein, so rasch, so rasch, als

wollte er das Schlußwort aufessen und für sich selbst behalten. »Das

kleine, kleine Brüderchen« eilte lange vor der Klavierbegleitung daher,

und das kam nur daher, daß er die zwei paar Strümpfe für eigene Rechnung

nahm und den ganzen Vers als eine Anspielung. Warum sollte auch nicht

das ganze Lied eigens für ihn geschrieben sein, wenn er es singen konnte

und sich so darüber freute?

Dieses Lied durfte kein Anderer als Sven singen, und es konnte es auch

Niemand so wie er, der das kleine Brüderchen im Leben war, das kleine

Brüderchen im Tode, der niemals etwas Anderes wurde und immer unter

diesem Namen leben wird.

* * * * *

Die Fenster im Speisesaal stehen offen, der Duft des Flieders strömt mit

der Abendluft herein, die Sonne ist im Untergehen, und auf der Wand über

dem geöffneten Klavier beben ihre Strahlen. Am Klavier sitzt seine Mama

in weißem Sommerkleid, rings herum stehen wir Anderen, und mitten unter

uns singt der kleine Sven.

Sonntagsrock für Vater und Feierkleid fürs Mütterchen

Und zwei Paar Strümpfe fürs kleine, kleine Brüderchen.

Es ist Johannisabend, und Sven ist glücklich. Denn er hat Mamas

Versprechen, daß er sich an diesem Abend nicht früher niederzulegen

braucht, als bis er selbst will. Das will er natürlich nie, und mit

Mamas Hand in der seinen geht er mit den Brüdern und den Großen über die

Gartenwege, bis ihm die Augen zufallen und er schlafend in sein Bett

getragen wird, nichts von seinem Unglück ahnend, nicht länger wach sein

zu dürfen.

Da schläft er mit seinem Freund auf dem Arm, dem weißen kleinen Hund aus

Holz, der Wolle hat wie ein Lämmchen und Augen aus schwarzen

Stecknadelknöpfen und den Sven »Flocki« getauft hat. Flocki ist ein

friedlicher Schlafkamerad. Er stört Niemanden.

Draußen in den Kronen der Bäume ertönt das erste schwache

Vogelgezwitscher, das die Morgenröte kündet.

12.

Ich glaube nicht, daß Sven je ein so wunderbares Zusammenleben mit

seiner Mutter gelebt hat, wie in diesem Sommer, oder vielleicht ist es

auch möglich, daß ich nie Gelegenheit hatte, es so gründlich zu

verfolgen. Möglicherweise trug hierzu der Umstand bei, daß wir in diesem

Sommer zum ersten Mal die Gesellschaft unseres großen Jungen entbehrten.

Olof hatte nämlich nach dem Norden reisen müssen, um Waldluft zu atmen

und sich daran zu gewöhnen, allein vom Hause fort zu sein. Und die Folge

davon wurde natürlich die, daß die Zurückbleibenden sich noch inniger

als gewöhnlich an einander schlossen. So viel ist gewiß, daß ich in

diesem Sommer unbewußt anfing Sven mit denselben Augen anzusehen wie

seine Mutter, und daß mir nie so wie damals die Augen darüber aufgingen,

wie verschieden er von allen Kindern war, die ich je gesehen, obgleich

nichts bei ihm anders war, als was man kindlich nennt.

An einen Morgen erinnere ich mich, daß er mich, als ich spazieren ging,

dadurch überraschte, daß er ganz allein auf der Wiese saß mit einem

Strauß Glockenblumen und Ranunkeln in der Hand. Ich fragte ihn, ob er

mit mir in den Park gehen wollte. Das war ein Anerbieten, das er immer

mit Entzücken aufzunehmen pflegte, und es erregte daher mein Erstaunen,

daß er sich diesmal energisch weigerte.

»Willst Du nicht mit Papa kommen, Sven?«

Ich fühlte mich beinahe verletzt und dachte, es wäre eine Laune.

Sven schüttelte nur den Kopf und blieb stille sitzen.

»Aber warum denn?«

»Ja, ich sitze hier und warte auf Mama,« sagte das kleine Brüderchen mit

großer Bestimmtheit.

»Aber Du weißt doch, daß Mama erst viel später herauskommt. Mama ist

nicht so gesund wie früher, und sie muß morgens lange liegen, weil sie

in der Nacht nicht schläft.«

So verhielt es sich auch, und wenn uns das nicht hinderte, unser

Sommerglück zu genießen, so kam es nur daher, daß wir uns im Laufe der

Jahre so sehr daran gewöhnt hatten, daß die Kränklichkeit meiner Frau

zeitweise wiederkommen mußte, daß dieser Umstand uns nur ganz natürlich

und alltäglich schien.

Sven ließ sich jedoch durch keine Vernunftgründe beeinflussen, sondern

blieb eigensinnig sitzen.

»Ich _weiß_, daß sie _heute_ kommt,« sagte er.

Ich lächelte über seine Sicherheit und ging weiter, während ich weniger

an seine Voraussage als an diese allumfassende Liebe eines Kindes

dachte, die weit über seine Jahre hinausging und die den Knaben

veranlaßte, unthätig mit ein paar Blumen in der Hand dazusitzen, nur um

es nicht zu versäumen, die Mutter im selben Augenblick, in dem sie sich

zeigte, zu begrüßen.

Aber während ich so weiter ging, wendete ich mich plötzlich um, und da

sah ich den weißen Hut und das leichte, geblümte Kleid meiner Frau

zwischen den Jasminbüschen auftauchen. In demselben Augenblick hörte ich

einen gellenden Schrei von Sven.

Lächelnd ging ich zurück und sah den Knaben in einem Paroxysmus der

Zärtlichkeit an dem Halse seiner Mutter hängen. Ich rief sie an, aber

das kleine Brüderchen ließ nicht locker. Er klammerte sich an Mama an,

und schon aus der Ferne rief er mit einem Gemisch von Verdrießlichkeit

über mein Mißtrauen und Triumph darüber, daß er Recht behalten hatte:

»Siehst Du, daß sie gekommen ist! Siehst Du, daß ich es wußte!«

»Du bist wohl drinnen gewesen und hast geguckt,« sagte ich.

Nichts kann die Verachtung aller rationalistischen Auslegungen dessen,

was er fühlte und wußte, beschreiben, mit der Sven antwortete:

-- »Nein, das habe ich gewiß nicht. Hab ich es, Mama?«

Und Mama tröstete ihn damit, daß er gewiß nicht geguckt habe. Aber zu

mir sagte sie:

»Du kannst nicht glauben, wie oft das schon geschehen ist. Es ist, als

fühlte er mich in der Luft, bevor ich komme. Kinder können ja so etwas

nicht erfinden.«

13.

Sven war jedoch überhaupt in diesem Sommer nicht derselbe. Ohne irgend

einen äußeren Anlaß konnte er plötzlich erklären, daß er müde sei, und

dann wollte er nur im Grase liegen mit dem Kopf in Mamas Schoß. Oder er

kam auch zu Papa und bat ihn, ihn zu tragen. Dann nahm Papa ihn auf die

Schultern und trug ihn hinaus in Wald und Feld, und nie ist sein Blick

dankbarer gewesen oder sein kleines, weiches Händchen zärtlicher.

Dann klagte er über Kopfschmerzen und bekam Antipyrin, und dann wollte

er des Morgens nicht aufstehen und sagte, er sei so müde. Aber da der

Kleine im übrigen ganz gesund schien, hob Papa ihn aus dem Bette und

erklärte, er solle sich ankleiden und zusehen, daß er hinaus in die

frische Luft komme. Da stand Sven auf und versuchte, so lange Papa

drinnen war, so gut er konnte, die mühsame Arbeit, die Strümpfe

anzuziehen. Aber sowie Papa zu der Thür hinaus war, schlich er zu Mamas

Bett und bat, zu ihr hineinkriechen zu dürfen.

Natürlich konnte Mama einer solchen Bitte nicht widerstehen. Und nie war

Sven glücklicher. Da lag er mit dem Kopfe in Mamas Arm, schloß wieder

die Augen und war still und ruhig, bis die Kräfte anfingen,

zurückzukehren. Dann stand er wieder auf, aber bevor er es that, sah er

Mama mit seinen merkwürdigen Augen an:

»Erzähle es Papa nicht!«

»Ja, aber warum denn?« sagte Mama.

»Ja, weißt Du, sonst wird Papa sehr böse.«

All das erschien Mama so wunderlich, daß sie Sven alles Mögliche

versprochen hätte; und folglich versprach sie auch dies. Und Sven ging

hinaus und war ruhig und zufrieden, weil Mama seinen Ungehorsam nicht

verriet und weil er und Mama zusammenhielten.

Aber wenn Mama fortreisen sollte oder nur ohne ihn ausgehen, da war er

verzweifelt. Sein Schmerz kannte keine Grenzen, und sein Weinen war so

herzzerreißend, daß man nichts Anderes thun konnte, als ihm mit allen

Trostgründen zusprechen, die Einem zu Gebote standen. Ja, der Anblick

seines leidenschaftlichen Schmerzes war so qualvoll, daß man ihn lange

nicht vergessen konnte, und eines Vormittags sprachen wir davon. Ich

hatte gerade meine Frau überredet, mich auf einem Ausflug in die Stadt

zu begleiten, um dort mit ein paar Freunden zu Mittag zu essen und, wie

man sagt, ein bißchen herauszukommen. Und ich hatte das gethan, gerade

weil ich fand, daß sie sich von Sven ausruhen sollte.

Es gelang uns schließlich auch, den Eindruck zu vergessen, den uns die

Thränen des Kleinen gemacht hatten, und wir brachten einen angenehmen

Tag zu, wie immer in der Stadt, wenn wir wußten, daß wir nicht dort zu

bleiben brauchten. Die Stimmung war gerade auf dem Höhepunkt, als meine

Frau mich im Flüstertone fragte, ob es mir sehr unangenehm wäre, wenn

sie mit einem früheren Boot wegführe. Es war recht selten, daß wir einen

Ausflug machten, um uns zu unterhalten, und der Vorschlag war nicht

gerade nach meinem Geschmack. Ich stellte daher Elsa vor, daß wir gesagt

hatten, wir würden erst mit dem letzten Boote kommen, und daß uns daher

Niemand erwartete. Mit einem Worte -- ich erhob alle die Einwände, die

mir einfielen. Und zuletzt versuchte ich es mit einem Hauptargument:

»Sven hat sich ja schon niedergelegt, wenn Du kommst.«

»Das ist es nicht,« war die Antwort. »Ich möchte nur gerne nach Hause.«

Sie sah mich bittend an, und natürlich war die Folge die, daß sie

wegfuhr.

Inzwischen ging Sven Nachmittag zuhause umher und spielte. Aber als die

Zeit herankam, zu der er sich niederzulegen pflegte, verschwand er

spurlos. Unsere Dienstmädchen gehörten nicht zu Jenen, die sich viel

Kopfzerbrechens machen; und als sie ihn ein paar Mal gerufen hatten,

ohne eine Antwort zu bekommen, gaben sie sich damit zufrieden, daß er

sich schon zeigen würde, wenn die Dunkelheit einbreche, und daß die

Herrschaft ja auf jeden Fall erst spät zurückkomme. Sven konnte also

seiner Wege gehen, und gegen acht Uhr setzte er sich ganz allein auf die

Dampfschiffbrücke. Er wußte nicht so genau, wann das Dampfschiff kam,

und darum mußte er auch lange dort sitzen. Aber er wartete geduldig und

still, und schon weit draußen in der Bucht, während das Boot zwischen

den vielen Brücken hin und her lavierte, erblickte ihn seine Mama. Er

saß da ganz klein und zusammengekauert, und sein kleiner grüner

Krockethut leuchtete gegen das blaue Wasser.

Alles kam ihr so wunderlich vor, beinahe als hätte sie es vorher gewußt,

daß er da sitzen würde, und ihre Augen ließen die ganze Zeit die kleine

Gestalt nicht los, die auf der Bank der Brücke saß, mit gesenktem Kopf

und gebeugtem Rücken, als grübelte er. Aber als das Boot anlegte und

Mama sich anschickte ans Land zu steigen, da stand der kleine Sven in

der höchsten Spannung aufrecht auf der Brücke, und seine Augen suchten

und suchten, als stünde das ganze Leben auf dem Spiel. Und als Mama ihm

entgegen kam, da war es schwer zu sagen, wer glücklicher war, er, der

nicht vergeblich gewartet, oder sie, die das Kind ihrer harrend

gefunden.

»Aber wie konntest Du da sitzen, Sven,« sagte Mama mitten in ihrer

Freude. »Mama sollte doch erst spät nachts kommen.«

»Ich wußte natürlich, daß Du kommen würdest,« sagte Sven.

Seine Stimme und seine Augen waren voll Verwunderung, daß Mama sich eine

so einfache Sache nicht vorstellen konnte.

»Ich wußte natürlich, daß Du kommen würdest, und darum saß ich da und

wartete.«

Und auf Mamas Frage, ob er lange gesessen habe, antwortete er:

»Ja, natürlich, sonst hätte Hanna mich erwischt. Und dann hätte ich mich

niederlegen müssen.«

Mama antwortete nichts darauf. Es wäre ihr nicht möglich gewesen ihm

vorzuhalten, daß er eigentlich ungehorsam gewesen sei. Seine unschuldige

Liebe, die die Ursache dazu war, schützte ihn gegen jeden Vorwurf, und

Sven wußte das sehr wohl. Er blickte von der Seite zu Mama auf und

lächelte:

»Ich habe Hanna zum Besten gehalten. Ich bin hinter den Busch gekrochen,

so daß sie mich nicht sehen konnte.«

»Nein, das hast Du gethan?« sagte Mama.

Sie und Sven gingen zusammen hinauf, zufrieden wie zwei Mitschuldige,

deren Streich geglückt ist, und die Folge war natürlich die, daß Mama an

diesem Abend ihren Jungen selbst niederlegte. Das that sie übrigens oft,

obgleich er bald sechs Jahre wurde und bei ernsthafteren Anlässen der

große Junge genannt wurde.

Wie langsam es ging, wenn sie ihm ins Bett half! Wie leicht und weich

nahm sie nicht seine Kleidungsstücke ab, wie vorsichtig wusch sie nicht

seine zarten Glieder, wie sachte wurde er nicht abgetrocknet, und wenn

dann das lange Nachthemdchen übergestreift werden sollte, ging es wie

ein Spiel. Dann saß sie mit dem Kleinen im Schoße da und träumte von der

Zeit, als er noch ganz klein war und sie ihn selbst nährte. Und wenn er

endlich zu Bett gehen sollte, da wollte er nie sein Abendgebet sprechen.

Er hatte tausend Einfälle, nur um es zu verhindern, daß Mama von ihm

ginge. Aber wenn er es gesagt hatte, schlang er die Arme um sie und

flüsterte:

»Es ist so schön, wenn Du mir hilfst. Denn Du faßt mich nie hart an.«

Elsa beugte sich noch tiefer über sein Bett und flüsterte zurück:

»Ich werde Dir immer helfen. Kein Anderer darf es thun. Bis Du Dir

selbst helfen kannst.«

Sie war reich dafür belohnt, daß sie ein Vergnügen unterbrochen und nach

Hause gefahren war, und als ich mit dem letzten Boote nachkam, lag sie

wach, um mir alles zu erzählen, was Sven gesagt hatte.

Nach einem fröhlichen Tag mit Kameraden wirkten diese kleinen rührenden

Züge des Knaben noch mehr auf mich, als sie es sicherlich sonst gethan

hätten.

»Weißt Du, daß ein großer und guter Mann mir gegenüber einmal dieselben

Worte gebraucht hat, als er von dem ersten Eindruck erzählte, als seine

Mutter gestorben war?« sagte ich. »Auch er war damals zwischen fünf und

sechs Jahren, und es handelte sich um dieselbe Sache -- das Hemd zu

wechseln. Er gebrauchte ganz dieselben Worte: >Ich fühlte das erste Mal,

daß Jemand mich hart anfaßte.<«

Ich stand neben Svens kleinem Bett und sah ihn lange an. Seine Schläfen

hatten etwas Eingesunkenes bekommen. Aber er schlief tief und gut, und

ich beugte mich hinab und küßte ihn auf die Stirne.

Wir versuchten von etwas Anderem zu sprechen, aber ich war so von dem

Gedanken an das Kind erfüllt, daß ich keinen Sinn für etwas Anderes

hatte.

»Hast Du nie an etwas gedacht?« sagte ich. »Olof kann ich mir als einen

großen Menschen denken als ganz erwachsen. Und Svante auch! Sie sind ja

so verschieden. Aber ich kann sie mir doch Beide so denken. Aber Sven?

Kannst Du ihn Dir groß denken? Was willst Du mit ihm in der Welt

anfangen? Wohin glaubst Du, daß er passen würde, außer zu uns?«

Meine Frau lächelte mit einem schmerzlichen Zug, der nadelfeine Falten

um ihren Mund bildete.

»Daran habe ich oft gedacht,« sagte sie. Und ihren eigenen Gedankengang

weiterspinnend, fügte sie hinzu:

»Das ist vielleicht deshalb, weil ich ihn mehr als alles Andere auf der

ganzen Welt liebe. Mehr als die beiden anderen Knaben, mehr als Dich.

Ich habe oft daran gedacht, und ich weiß, wenn einer der großen Jungen

stürbe, ich würde nie aufhören, um sie zu trauern. Aber ich glaube, ich

könnte es tragen, Euch zuliebe, die ihr lebtet. Wenn Du stürbest -- ich

vermag es nicht zu denken. Aber wenn Sven stürbe, dann könnte ich auch

nicht leben. Ich habe oftmals daran gedacht, es Dir zu sagen. Denn ich

wollte, daß Du es wüßtest.«

Sie reichte mir ihre Hand, und ihre Augen suchten die meinen, als wollte

sie mich um Verzeihung bitten, daß sie glaubte, ohne mich leben zu

können. Und nachdem wir das Licht gelöscht hatten, lag ich lange wach

und wiederholte in Gedanken ihre Worte. Ich schlief in dem Glauben ein,

daß ich niemals erfahren würde, ob sie die Wahrheit gesprochen oder

nicht.

14.

Sven wurde so krank, daß er zu Bett gebracht werden mußte. Aber obgleich

wir sehr wohl wußten, daß es bedenklich genug war, blieb das Fieber doch

so schwach, daß wir an keine wirkliche Gefahr glaubten. Ich schrieb

unverdrossen weiter, und meine Frau saß am Krankenbett des Knaben, hielt

seine Hand in der ihren und erzählte ihm Märchen, wenn er zuhören

konnte.

Der Doktor sagte uns, daß die Krankheit zweifellos langwierig sein

würde, aber glaubte uns im übrigen die besten Aussichten geben zu

können, und da ich lange eine Reise geplant hatte, fuhr ich für ein paar

Tage fort, in der Hoffnung, wenn ich heimkäme, das Schlimmste vorüber zu

finden. Ich brachte also drei ganze Tage mit guten Freunden zu, und ich

freute mich, ohne in höherem Maße Unruhe zu empfinden, an Freundschaft

und schöner Natur. Aber als ich dann im Zuge saß und nach Stockholm

zurückkehren sollte und von dort nach meinem Heim, kam eine Angst über

mich, die ich nicht bezwingen konnte. Unmittelbar bevor ich fuhr, hatte

ich mit meiner Frau durchs Telephon gesprochen. Ich hatte aus der Ferne

ihre Stimme vor Freude beben gehört: Sven ging es besser! Er hatte im

Bett aufrecht gesessen und gelacht und geplaudert. Er hatte gegessen und

Mama gebeten, das »Vaterle« zu grüßen, was sein Specialkosenamen war,

wenn er sehr ausgelassen war. Alles deutete also auf das Beste, und doch

konnte ich meine Angst nicht los werden.

Als ich nach Stockholm kam, war es zehn Uhr Abends. Ich war gerade zu

der Minute gekommen, in der das letzte Boot zu mir nach Hause abging.

Ich begab mich daher direkt in das Hotel, in dem ich abzusteigen

pflegte. Es war dunkel, und der Regen fiel in Strömen. Hastig trat ich

ins Vestibule, mit jener Empfindung hoffnungsloser Fremdheit, die mich

immer überkommt, wenn ich zur Sommerszeit gezwungen bin, Stockholm zu

besuchen, und weiß, daß ich allein sein muß. Ich konnte noch nicht mein

Ersuchen um ein Zimmer vorbringen, als der Portier mir schon entgegenkam

und mich, indem er eine Nummer nannte, bat, dieselbe sogleich

telephonisch anzurufen.

Ich that es und bekam nur den Bescheid, daß der Doktor schon fort sei

und daß ich mir augenblicklich einen Wagen nehmen und nachfahren sollte.

Der Schlag, der mich so heftig und unvorbereitet traf, lähmte mich, und

die fieberhafte Thätigkeit, die ich entwickelte, erschien mir selbst

ganz automatisch. Ich bestellte einen Wagen, und im selben Augenblick,

in dem das geschehen war, dachte ich, daß ich essen sollte. »Sven ist

gestorben,« dachte ich. »Er lebt nicht mehr, wenn ich nach Hause komme.

Wenn ich komme, darf ich nicht hungrig und müde sein. Ich muß wachen

können und meine Frau trösten.« All das ging durch mein Hirn, während

ich dasaß und auf die Mietsdroschke wartete. Ich sah mich selbst wie

eine andere Person, sah, daß ich Fleisch auf meinen Teller legte, es

zerschnitt und zu essen versuchte. Die ganze Zeit dachte ich bloß an

Eines: an den Wagen, der nicht kam. Gott im Himmel! Der Wagen kam nicht,

und daheim lag mein Junge und starb, und ich konnte nicht zu ihm kommen.

Ich bezahlte und ging in die Vorhalle des Hotels, wo ich auf- und

abging, es war mir ganz unmöglich, still zu sitzen, unmöglich, einen

zusammenhängenden Gedanken zu denken.

»Mein Kind liegt im Sterben,« sagte ich zum Portier. »Darum bin ich so

nervös.«

Ich versuchte, ihm zuzulächeln, damit er begriffe, wie sehr ich selbst

einsah, daß mein Betragen sinnlos war. Aber ich fühlte selbst, daß das

Lächeln zu einer Grimasse wurde, und ich wartete auch nicht seine

Antwort ab. Ich fuhr nur fort, mit der Uhr in der Hand auf- und

abzugehen, als wollte ich der Zeit vorauseilen, und als der Wagen

endlich kam, war ich gewiß, daß alles vorüber sei. Ich begriff nicht,

warum ich dasaß oder warum ich hinaus in den strömenden Regen fahren

sollte, aber automatisch wie früher sagte ich zum Kutscher:

»Fahren Sie, so rasch nur ein Pferd laufen kann, mein kleiner Junge

liegt im Sterben. Sie sollen es nicht umsonst thun.«

Der Kutscher hatte uns schon oft gefahren.

»Ist das der kleine, liebe Junge, der so schön ist?« fragte er.

Diese einfachen Worte riefen mich wieder zur Wirklichkeit zurück, und

durch meine Brust wogte eine warme Welle der Dankbarkeit gegen den

jungen Menschen, der mich kutschierte.

»Ja,« sagte ich mit erstickter Stimme. »Ja, er ist es.«

Und ich setzte mich in den Wagen, mit dem Gefühl, daß ich einen Menschen

getroffen habe, der begriff, um was es sich handelte und der mir helfen

würde. Während wir über die Gassen eilten, sprach ich still mit mir

selbst und weinte vor Freude und Schmerz: »Er ist so schön und gut, daß

selbst ein Mann, der ihn nur in einen Wagen hat steigen sehen, sich

seiner erinnert und es mir sagt. Und er soll sterben? Es giebt ja

Millionen Kinder, die leben dürfen. Warum muß gerade meines sterben?«

Nie bin ich rascher gefahren, und nie ist mir ein Weg länger erschienen.

Ich sah im Dunkel die Funken um die Hufe der Pferde sprühen, ich fühlte,

wie der Regen nachließ, und sah die Landschaft wie ein dunkles

Schattenspiel an mir vorbeifliegen, und die ganze Zeit saß ich da und

sprach zu mir selbst unfaßbare Worte, von denen ich nicht verstand, wie

sie mir auf die Lippen kamen. Es war, als würde ich durch die Dunkelheit

gerade dem entgegengeführt, was für mich kommen mußte, und ich bat bloß

um Aufschub, bat, daß er noch lebte, wenn ich ankäme, sodaß er noch

einmal seine Arme um meinen Hals schlingen könnte und ich seine Stimme

hören dürfte.

Vorwärts ging es, vorwärts in rasender Eile. Der Wagen sprang von der

einen Seite des Weges auf die andere. Aber keinen Augenblick fiel es mir

ein, daß etwas zerbrechen könnte oder daß wir umwerfen würden. Das war

ein prächtiger Bursche, der Kutscher, der an meinen kleinen Jungen

dachte, der so schön und lieb war und der nicht sterben durfte.

»Es ist der Vater mit seinem Kind,« sagte ich laut zu mir selbst. Ohne

daß ich es wußte, saß ich da und recitierte Verse, und ein krampfhaftes

Schluchzen drängte sich durch meine Kehle, als wollte es mich ersticken,

und um Luft zu bekommen, beugte ich mich aus dem Wagenfenster und sah

die Landschaft an, in der ich jede Aussicht, jede Biegung des Weges

kannte. An den Steinen, über die der Wagen jetzt rüttelte, konnte ich

merken, daß wir in den Abkürzungsweg eingebogen waren, der zu meinem

Heim führte. Alle Sinne angespannt, sah ich hinaus ins Dunkel, ich sah

die Konturen einer Droschke, die auf dem Hofe hielt. Der Doktor ist noch

da! Der Doktor ist noch da! Dann hörte ich von der Veranda die Stimme

meiner Frau: »Er kommt. Gott sei Dank! Er ist da!« Und in ein paar

Augenblicken war ich die Stufen hinaufgeeilt und stand im Saal.

Ich stand da, und meine Gemütsbewegung war so ungeheuer, daß ich nichts

von dem, was ich sah, auffassen konnte. Ich hatte die Empfindung, daß

der Doktor dastünde, und ich fühlte, daß meine Frau mich eng umschlungen

hielt. Es war mir klar, daß sie froh war, ja überglücklich aussah, und

daß ich es auch sein sollte. Ich hörte etwas von einem Ohnmachtsanfall,

der jetzt vorüber war und, wie der Doktor hoffte, nichts zu bedeuten

hatte. Aber ich konnte nichts sagen und nichts denken. Das Glück kam so

unvorbereitet über mich, daß es mich nicht aus der furchtbaren Betäubung

wecken konnte, die mich noch in ihrer Gewalt hatte. Mechanisch nahm ich

meine Handschuhe und meinen Ueberrock ab, und noch stand ich da und

suchte gleichsam meine Augen an das Licht in dem erleuchteten Gemach zu

gewöhnen.

»Willst Du nicht zu ihm hineingehen? Willst Du ihn nicht sehen?« sagte

meine Frau. »Er ist wach.«

Und ihre Stimme klang beinahe vorwurfsvoll, als hätte ich sie nicht

verstanden.

»Ja, ja,« sagte ich.

Und ohne zu fassen, was jetzt geschah, ging ich hinein und sah Sven in

meinem Bett liegen und zu mir aufblicken.

»Erkennst Du Papa, Sven?«

»Ja,« sagte der Kleine mit erstaunter Stimme.

Er konnte nicht begreifen, daß die Großen alle so aufgeregt und unruhig

aussahen. Er streckte seine kleine Hand aus und streichelte mich, und

ich merkte, wie mager und dünn sie geworden war.

Während ich dastand und mich über den Knaben beugte, begriff ich, daß

alles Wirklichkeit war und daß mein Kind lebte. Ich hielt seine Hand an

meine Augen, und ich fühlte, wie die Last von meiner Brust fiel und der

Schleier von meinen Augen glitt.

15.

Wie wundersam, voll Hoffnung, Unruhe, Verzweiflung und Befürchtungen war

nicht die Zeit, die nun folgte! Der Doktor hatte uns eine lange

Kränklichkeitsperiode prophezeit, wir bereiteten uns daher, in Geduld zu

warten, und wir versuchten auch, diese Tugend zu üben. In zwei langen

Wochen, die nun folgten, fügte sich Svens Krankheit in die täglichen

Gewohnheiten unseres Alltagslebens ein, so wie die Krankheit es immer

thut, wenn sie für länger in einem Hause einkehrt. Ich schrieb darum

jeden Vormittag, ohne mich stören zu lassen, an meinem Buch, und meine

Frau ging jeden Tag zwischen ihm und mir hin und her, saß in Svens

Zimmer, der ruhig wurde, wenn er ihre Nähe fühlte, und schlich sich

hinaus, wenn er schlief, um frische Luft zu schöpfen und mir von all den

guten Zeichen zu erzählen, die ihr aufmerksames Auge stets zu entdecken

glaubte. Svante ging einsam und stumm umher und fuhr über die Bucht und

erzählte seinen Freundinnen, den kleinen Mädchen, daß das kleine

Brüderchen schwer krank lag und daß daheim alles so still geworden war.

Wir hatten eine Pflegerin nehmen müssen, damit meine Frau sich nachts

ausruhen konnte. Das geschah nicht ohne vieles Sträuben von Elsas Seite.

Denn sie war so eifersüchtig auf den Kleinen, daß sie niemand Anderen

duldete, den er um Hilfe bat oder der ihm solche angedeihen ließ. Und

erst als sie merkte, daß die Kräfte sie verließen, gab sie mit Thränen

in den Augen ihre Einwilligung und fügte sich in das Unvermeidliche.

Ein paar Stunden, nachdem die Pflegerin eingetroffen war, kam jedoch

meine Frau zu mir und erzählte mit strahlenden Augen, daß Sven großes

Gefallen an seiner neuen Freundin gefunden.

»Von Dir lasse ich mir gerne helfen. Denn Du bist lieb,« hatte er

gesagt.

Und damit schloß er seine Augen und lag stille, wie er zu liegen

pflegte, mit der Eisblase auf seinem Kopfe, der immer schmerzte, die

kleinen mageren Hände auf der Decke.

Eines Tages wurden wir plötzlich durch Leierkastenmusik draußen auf dem

Hofe gestört, und da Sven gerade an diesem Tage gegessen und geplaudert

hatte und sehr munter aussah, fragten wir ihn, ob er sich nicht

heraustragen lassen wollte, um einen Affen anzusehen.

Sonst war Sven immer derjenige gewesen, der herbeigestürzt kam, wenn ein

Leierkastenmann im Anzuge war. Ganz atemlos pflegte er zu Papa zu kommen

und um Kleingeld zu bitten. Es war seine Freude, geben zu können, und

wenn er mit seinen Münzen angerückt kam und strahlend glücklich aussah,

als wüßte er, was es für einen armen Musikanten bedeutete, Geld für

Essen zu bekommen, da brachte er manches schwarzbraune Gesicht dazu, mit

weißen Zähnen zu lachen, und dunkelglänzende Augen strahlten seine

blauen an.

Aber jetzt hing er so müde und klein an Papas Arm. Vorsichtig in eine

Decke gewickelt war er, und Strümpfe hatte er an den Füßen. So wurde er

hinausgetragen, und Papa hielt ihn auf der Veranda in seinen Armen, von

wo er auf den sonnenbeleuchteten Hof hinuntersehen konnte, wo die

munteren Weisen des Leierkastens Sven entgegentönten. Müde und fremd

blickte er hinab auf die Bäume und den Hof, auf das Rudel Kinder, die

dort im Sonnenschein standen, und sein Blick war die ganze Zeit

wundersam, als grübelte er nach, warum all dies nicht schön sei wie

sonst. Er versuchte den Mund zu verziehen, als er den Affen erblickte,

der das Lustigste war, was er kannte, und der auf dem Leierkasten auf-

und abhüpfte, mit seiner kleinen Kette rasselnd, und komische Grimassen

schnitt, wenn er versuchte, eine Nuß zu knacken.

Aber Sven vermochte es nicht, all das anzusehen. Er wurde nur immer

ernster und ernster. Immer schwerer und schwerer saß er auf Papas Arm.

Es war, als wäre er weit fort und sähe hinab auf alles, was die Erde

Schönes und Fröhliches hatte, und sehnte sich danach und fühlte, daß all

dies nicht mehr für ihn da war. Er lehnte nur seinen Kopf an Papas

Schulter, und dann wurde er wieder in sein Bettchen getragen.

Mama legte ihn hinein und strich ihm die Kissen zurecht:

»War es nicht hübsch, Sven?«

»Oh ja, ich konnte nur noch nicht recht. Aber ich werde schon bald

gesund.«

Da beugte Mama sich hinab und streichelte das Haar des kleinen

Brüderchens, aber ohne daß er es sah, streckte sie ihre andere Hand aus

und suchte die meine, die sie krampfhaft drückte.

16.

So saß ich eines Nachts allein in meinem Zimmer und wußte, daß am

nächsten Tage die Aerzte kommen und über den kleinen Sven ihr Urteil

über Leben oder Tod aussprechen würden. Ich wußte, daß ihrer Zwei sein

würden, denn unser Hausarzt wollte einen Specialisten konsultieren, weil

er es nicht länger wagte, auf sein eigenes Urteil zu bauen. Ich saß

allein, die Lampe war angezündet, und vor mir lag ein Manuskript, dem

die Schlußkapitel fehlten.

Ich hatte meiner Frau Gutenacht gesagt und erwähnt, daß ich arbeiten

würde.

»Daß Du heut Abend schreiben kannst!« hatte sie gesagt.

Und es lag eine Nüance von Bitterkeit in ihrem Tone, so als meinte sie,

daß ich nicht so fühlte wie sie.

Doch sie bereute es sogleich, legte ihren Kopf an den meinen und sagte:

»Du bist glücklich, daß Du es kannst.«

Und hier saß ich nun allein, und jeder Nerv zitterte in einer seelischen

Erschütterung, so zusammengesetzt und so ungeheuer, daß ich sie kaum

beschreiben kann. Ich hoffte trotz allem, daß mein Kind am Leben bleiben

würde, ja, ich glaubte es. Aber gleichzeitig hatte ich die Empfindung,

daß ich jetzt schreiben müßte, jetzt oder nie. Ich wußte beinahe jedes

Wort, das auf den Blättern stehen sollte, die blank und unbeschrieben

vor mir lagen. Die Notwendigkeit trieb mich an, und ich schrieb, füllte

eines nach dem anderen von den weißen Blättern und legte sie zu dem

Manuskripthaufen, der vor mir auf dem Tische wuchs. Es war, als hätte

mir eine unsichtbare Stimme ihre Befehle ins Ohr geflüstert, ich mußte

dieser Stimme gehorchen, ihr blind gehorchen, und über mir war eine

jagende Hast, so, als wüßte ich, daß es sich um das Leben handelte.

Morgen, erklang es in mir, morgen! Wer weiß, was morgen geschieht. Es

kann geschehen, daß Dein Kind sterben muß. Und dann kannst Du nicht

schreiben. Dann heischt man von Dir Geld und wieder Geld. Du kannst Dein

Buch umarbeiten, Du kannst es besser machen, aber Du kannst es niemals

fertig schreiben, wenn Dein Kind sterben sollte.

Wie Peitschenhiebe jagten mich die Gedanken vorwärts, und schon sah ich

bei dem bleichen Schein der Lampe das Morgenlicht durch die Gardine auf

das Papier fallen. »Geld, Geld! Du mußt Geld schaffen, wenn Dein Kind

stirbt und wenn Du Deine Frau retten willst.«

Und durch die Stimmen, die meine Arbeit antrieben, hörte ich es wie

einen Ton, den ich zu erkennen glaubte: »Es ist der Vater mit seinem

Kind!« Der Vater mit seinem Kind! Wo hatte ich das schon gehört? Wann

hatte ich diese jagende Hast gespürt? Es war, als sausten Peitschen, als

schlügen Hufe Funken aus steinigen Wegen, als fühlte ich die Nachtluft

mein brennendes Haupt kühlen. Ich schrieb und schrieb. Und ich erinnerte

mich, wie ich wie ein Rasender gefahren war, in dem Glauben, daß mein

Kind tot sei.

Aber ich dachte nicht mehr an mein Kind. Ich dachte an sie, die mich

ganz besitzen mußte, wenn es denkbar sein sollte, daß sie bei mir blieb,

wenn das Unfaßbare Wirklichkeit wurde und Sven starb. Ich schrieb und

schrieb, schrieb, wie kein Mensch für Geld geschrieben hat, schrieb die

besten Seiten, die aus meiner Feder geflossen sind. Und als die Kräfte

mich verließen, trank ich, trank viel, um mich selbst am Leben zu

erhalten.

Als die Sonne schon eine Weile am Himmel stand, schrieb ich die letzten

Zeilen. Und ich saß wie betäubt.

Ich sammelte die vollgeschriebenen Bogen und legte sie in meine Lade,

dann schlich ich mich hinaus und lauschte an der Thüre, hinter der Sven

lag. Da öffnete meine Frau dieselbe und sah hinaus. Ich wankte auf sie

zu und sagte:

»Es ist fertig.«

Sie lächelte mir zu, und es lag eine Welt von Glück in ihrer Stimme, als

sie antwortete:

»Er schläft so ruhig. Es kann nicht gefährlich sein.«

Ich ging von ihr und versank eine Weile später in einen totenähnlichen

Schlaf.

17.

Bevor der nächste Tag verstrichen war, wußten wir, daß es keine Hilfe

gab und daß der kleine Sven sterben mußte. Die Gewißheit war wie ein

schwerer Schlag über uns hereingebrochen, denn die ganze Zeit vorher

hatten wir gehofft. Wir standen im Vorzimmer, die beiden Aerzte stumm

und ernst, meine Frau die Augen auf ihre Züge gerichtet, als glaubte

sie, daß sie noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hatten. Ich sah sie

Alle an, während ich den Arm um meine Frau legte, um zu versuchen, sie

an mich zu ziehen, und ich bemerkte, wie es in dem gefühlvollen Gesichte

unseres Freundes, des Doktors, zuckte. Der Professor sprach sachte und

mit leiser Stimme, so als kostete ihn jedes Wort eine Ueberwindung. Ich

fühlte nichts Anderes, als daß das Unausweichliche gekommen war und daß

ich mich stählen mußte, um es ertragen zu können. Aber mit einem Druck

meiner Hand, in dem ich ihren ganzen Schmerz fühlte, machte sich meine

Frau aus meinem Arm los, der um ihre Taille lag, und indem sie ihre

Hände rang, so daß man buchstäblich die Knochen knacken hörte, rief sie

aus:

»Sagen Sie, daß noch Hoffnung ist. Sagen Sie es.«

Die beiden Männer wichen ihrem Blick aus, aber da richtete sich das

junge Weib empor und sagte:

»Er darf nicht sterben. Ich werde Euch zeigen, daß er leben wird.«

Sie ging fort, und wir standen schweigend da und sahen ihr nach, wie sie

in das Krankenzimmer verschwand. Wir begriffen alle, wie tief sie es

empfand, daß jede Möglichkeit der Hoffnung wirklich vorüber war und daß

sie darum das Gelübde ablegte, ihn dem Tode zu entreißen -- allen zum

Trotz. Wir schieden ohne viele Worte, und ich folgte meiner Frau, ohne

zu wissen, was ich ihr sagen wollte, nur um in ihrer Nähe zu sein und

vielleicht das zu sehen, was ich am meisten fürchtete.

Ich fand sie nicht im Krankenzimmer. Ich fand sie in meinem eigenen

Zimmer, und ihre Züge waren versteinert. Sie saß zusammengesunken auf

dem Sopha, die Hand hart an die Wange gepreßt, ihre Augen waren trocken

und glanzlos, und sie blickte in das große Dunkel. Ihre Gestalt, ihr

Antlitz, ja sogar ihre Hände bezeugten es. Ich versuchte zu ihr zu

sprechen, ich versuchte ihren Namen zu nennen, aber sie antwortete mir

nicht, und schließlich mußte ich sie ihrem eigenen Schmerz überlassen,

angstvoll der Worte harrend, die kommen würden, wenn er einmal losbrach.

Es dauerte sehr lange, bevor das Schweigen gebrochen wurde, und als es

geschah, war es nicht mit Worten. Meine Frau streckte nur ihre Hand nach

mir aus und zog mich zu sich auf das Sopha. Sie fiel in meine Arme, und

ein langes Schluchzen, das aus einer einzigen Brust zu kommen schien,

erschütterte uns Beide.

»Du dauerst mich so sehr!« flüsterte sie. »So sehr!«

»Ich?«

Ich riß mich los und sah auf. Denn in ihrer Stimme lag etwas, das mich

mit einer Ahnung erfüllte, die ich nicht als Gedanke in mir emporsteigen

lassen wollte.

Sie wendete sich mir mit gefalteten Händen zu und schrie beinahe:

»Du verlangst doch nicht von mir, daß ich darnach lebe, lebe ohne Sven.

Ich kann es nicht. Ich kann es nicht.«

Das war meine Ahnung, der sie Worte gegeben, und ich stand da, ratlos

und ohne ein Wort über die Lippen bringen zu können.

»Setze Dich zu mir,« sagte sie. »Ich werde nicht heftig werden. Ich

werde ruhig sprechen. Denn ich bin nicht mehr unruhig. Ich fühle nur,

wie alles zusammenbricht. Ich bin schon jetzt fort, obgleich Du es noch

nicht fassen kannst, weil Du so wenig weißt und ich so wenig sagen

konnte. Aber warum sollte ich es Dir sagen, bevor es unumgänglich

notwendig war? Denn ich habe mit Dir leben wollen, Georg, ich habe mit

Dir leben wollen, weil ich Dich mehr geliebt habe als alles Andere im

ganzen Leben. Ich bin jetzt nicht jung. Ich bin so alt, wie Du nie

werden kannst. Du hast es nur nie gewußt, es nie sehen wollen, und wenn

ich Dich so glücklich sah, wollte ich Dich nicht stören. Aber so lange

ich mich zurückerinnern kann, habe ich gewußt, daß ich nicht wie andere

Menschen bin. In mir habe ich das Bedürfnis gefühlt, sterben zu dürfen.

Kannst Du das verstehen, was ich Dir jetzt sage, Georg? Ich verstehe es

ja kaum selbst. Als ich am glücklichsten war über Dich und die Kinder

und alles, was schön ist, immer habe ich gewußt, daß ich eines Tages von

allem würde fort müssen und daß nichts mich daran würde hindern können.

Ich würde wollen und nicht wollen, wünschen und nicht wünschen. Aber ich

würde ins Dunkel gehen, wo ich hingehörte. Ich habe das Gefühl gehabt,

daß etwas kommen würde und mich zwingen, mir sagen, daß ich muß.

Erinnerst Du Dich an den Winter, Georg, in dem es so schwer und so

düster war zwischen Dir und mir? Da versuchte ich Dir zu schreiben, wie

mir zu Mute war. Denn sprechen konnte ich ja nicht. Aber ich konnte auch

nicht schreiben. Was ich Dir sagen wollte, konnte ich nicht, und ich

erinnere mich, wie ich mich darüber wunderte, daß Du mich nicht auch

nachher fragtest, mich oft und beharrlich fragtest, obwohl ich Dich

gebeten hatte, es nicht zu thun. Zuweilen wollte ich, daß Du mich fragen

solltest. Aber meistens war ich froh, daß Du es nicht thatest. Was habe

ich gelitten in dieser Zeit, Georg! Wenn Du ahnen könntest, was ich

gelitten habe! Du kamst und nahmst meine Hand und setztest Dich neben

mich, und ich wurde nicht glücklich wie sonst. Denn ich wußte ja, daß

ich Tag für Tag daran dachte, wie ich sterben und von Dir gehen könnte.

Ich wollte es selbst thun, Georg. Kannst Du fassen, daß ich mitten in

meinem Glücke es selbst thun wollte? Und Du warst gut zu mir und

freundlich und froh, und ich hatte das Gefühl, als wäre ich ein

treuloses Weib und betröge Dich. Und weißt Du, warum ich von Dir fort

gehen wollte? Ja, weil ich es so sicher wußte, daß es eines Tages

geschehen würde, und darum wollte ich lieber gehen, so lange Du jung und

stark warst und mich bald vergessen und mit einer Anderen glücklich

werden konntest.«

Sie verstummte einen Augenblick, und ihre Augen schwammen in Thränen.

Dann fuhr sie wieder fort, und ihre Stimme war wie neu.

»Dann kam der kleine Sven, Georg, und alles wurde anders. Erinnerst Du

Dich, daß ich es Dir schon damals sagte? Erinnerst Du Dich, daß ich es

sagte? Ich glaubte damals, daß Gott ihn mir geschickt habe, um mich im

Leben zurückzuhalten, damit ich Dich so glücklich machen könnte, wie ich

es wünschte, und jeden Abend betete ich zu Gott, daß es mir gelingen

möchte. Ich glaubte so fest, daß Gott mich erhört habe, und davon sprach

ich mit dem kleinen Sven, wenn wir allein waren und Niemand unsere Worte

belauschen konnte. Aber jetzt, Georg, jetzt geht er von mir. Jetzt weiß

ich, daß all das Andere, all das, was Du bis jetzt nicht gewußt hast,

wiederkommen wird, und jetzt will ich bloß, daß Du mir allen Schmerz

verzeihst, den ich Dir zugefügt habe, und allen Schmerz, den ich Dir

jetzt zufüge. Aber Du darfst mich nicht bitten, zu bleiben. Dahin, wo

Sven geht, dahin gehe auch ich.«

Sie stand vor mir, und sie schien mir in diesem Augenblick größer, als

Menschen sind. Ich war in dem Maße auf all das unvorbereitet, was sie

jetzt gesagt hatte, daß es mich dünkte, sie erzähle einen unheimlichen

Traum, den ich nicht in Wirklichkeit verwandeln konnte. Aber ich fühlte

auch, daß, während sie mir den größten Schmerz zufügte, sie die Größe

einer Liebe enthüllte, nach der ich nur meine Hände ausstrecken wollte,

damit sie mir nicht im selben Augenblick geraubt würde, in dem sie ganz

mein geworden.

»Ich kann das nicht ertragen,« schrie ich beinahe. »Ich kann es nicht

ertragen. Dich und ihn verlieren. Du kannst es nicht meinen.«

Sie erhob sich lautlos, und wie eine Niobe, die die Arme um ihre Kinder

breitet, die die Pfeile der Götter selbst in den Mutterarmen suchen,

stand sie vor mir.

»Laß mich Sven mitnehmen,« sagte sie. »Er muß ja doch sterben. Ich trage

ihn hinab zur Bucht heut Abend, wenn alle schlafen. Es ist ein so kurzer

Kampf. Und dann brauch ich Dich nicht noch mehr zu quälen, als ich es

schon gethan habe.«

Ich stellte mich ihr in den Weg, und mit der Kraft meiner Arme drückte

ich sie gewaltsam auf das Sopha.

»Warte,« sagte ich, »warte! Du weißt ja selbst nicht, was Du thust.«

Aber sie antwortete mir nur:

»Es wird Dein und mein Unglück, wenn Du mich hinderst. Klage mich nicht

an, wenn es dann kommt.«

Sie wand sich in Schmerz unter meinem Griffe, und nach einer Weile fiel

sie in eine lange Ohnmacht. Ich legte sie auf das Sopha, und es war mir,

als sei alles, was gesagt worden war, ein wahnwitziger Traum. Lange

stand ich und betrachtete sie, bis ich hörte, wie ihre Atemzüge lang und

regelmäßig wurden, und ich sicher war, daß sie schlief. Da schob ich das

Kissen unter ihrem Kopf zurecht und breitete eine Decke über sie.

Vor Gemütserschütterung wankend ging ich in das Zimmer, in dem Sven lag.

Sein rechtes Auge war zusammengefallen, und sein linkes war so

wunderlich klar und groß geworden. Ich beugte mich über ihn, nahm seine

kleine, unschuldige Hand und führte sie an die Lippen.

»Du geliebtes Kind,« dachte ich. »Wir Beide können einander nicht

helfen.«

18.

Wir hatten das Bett des kleinen Sven in das Verandazimmer gestellt,

damit er durch die geöffneten Thüren die Vögel singen und die Winde

rauschen hören könnte. Da lag er nun auf seinem weißen Bettchen, und

wenn er aufsah, war es in der Erwartung, geküßt zu werden, oder er

bewegte auch sachte die kleinen schwachen Händchen, und dann beugten wir

uns über ihn, weil wir wußten, daß er uns liebkosen wollte.

Svante ging auf den Zehen in das Krankenzimmer, und sein Herz war

erfüllt von dem Unbegreiflichen, daß das kleine Brüderchen sterben

sollte. Lange stand er stille und betrachtete ihn oder beugte sich hinab

und küßte seine Wange. Aber als Mama aus ihrer Betäubung erwacht war, da

ging er auf sie zu, als sie hereinkam, und legte seine beiden Arme um

ihren Hals.

Nie werde ich den Blick unsäglicher Verzweiflung vergessen, mit der sie

den Knaben umarmte und ihm in die Augen sah.

»Hast Du um Olof telegraphiert?« sagte sie zu mir.

Ich nickte, und wieder sah ich, wie sie sich über Svante beugte und ihn

an sich drückte. Von einem plötzlichen Instinkt getrieben, erhob ich

mich und ging hinaus, meine Frau allein mit dem gesunden Kinde und dem

sterbenden lassend. Als ich mich in der Thüre umwendete, sah ich meine

Frau Svante zu dem Bette des kleinen Brüderchens führen. Da setzte sie

sich auf die eine Seite und ließ den Knaben auf der anderen Platz

nehmen. Dann beugte sie sich hinab über Sven. Aber die ganze Zeit hielt

sie Svantes Hand fest, und ich sah, daß sie beide Kinder liebkoste, ohne

irgend einen Unterschied zu machen.

Als Svante schließlich herauskam, ging ich hinein und nahm seinen Platz

gegenüber meiner Frau ein. Da reichte sie mir über das sterbende Kind

ihre Hand und sagte:

»Ob es zum Glück oder zum Unglück ausschlägt, weiß ich nicht. Aber ich

werde bei Dir bleiben. Denn ich glaube jetzt, daß Gott es will.«

Und nach einem Augenblick fügte sie hinzu:

»Sven will es auch. Ich habe mit ihm gesprochen.«

Ohne antworten zu können, beugte ich mich hinab und küßte ihre Hand. Und

in dieser Stunde wußte keiner von uns, was Glück und was Unglück war.

19.

Die Tage, die nun folgten, suche ich vergebens von einander zu trennen.

Ja, es wäre mir unmöglich, auch nur zu sagen, wie viele ihrer waren.

Nacht wurde zu Tag und Tag zu Nacht, und unser Leben hatte bloß einen

einzigen Punkt, um den es kreiste: das kleine Zimmer, vor dem die

blühenden Kaprifolien die Veranda bedeckten, die Luft mit ihrem Duft

erfüllend, und wo unser kleiner Junge lag und mit dem Tode kämpfte.

Hier gingen wir, hier saßen wir Seite an Seite, schliefen, aßen,

wachten. Hier verschmolz alles, was wir zusammen gelebt und geträumt

hatten, in einem einzigen, verzehrenden Schmerz. Hier that meine Frau,

als die letzte Hoffnung erloschen schien, den Kork in die

Moschusflasche. Sie, die mit ihm sterben wollte, nahm das letzte

Stimulierungsmittel fort, damit sie sich dann nicht vorzuwerfen

brauchte, daß sie die letzten Stunden des Kleinen gestört, nur um selbst

die Freude zu haben, sein großes Auge uns entgegenleuchten zu sehen.

Denn das rechte Auge war erloschen und dahin. Das Augenlid lag darüber

geschlossen, als sei die Hälfte seines Köpfchens schon lange tot, aber

wenn das linke Augenlid sich öffnete, glänzte das Auge umso größer. Es

wurde so ernst und groß, als blickte es schon in eine Welt, zu der sein

Vater und seine Mutter noch nicht Zutritt hatten und in die wir nicht

kommen konnten, bevor der letzte Vorhang fiel und wir ihm auf dem Wege

folgten, auf dem die Glocken des Todes läuten und der, welcher das

Läuten hört, folgen muß, welche Bande ihn auch auf Erden zurückhalten

mögen.

Hier saßen wir, wenn die Tagessonne leuchtete, wenn draußen der Regen

fiel und wenn die Nachtlampe im Krankenzimmer ihren schwachen, zuckenden

Schein über das weiße Bett warf und den kleinen Sven selbst, ihn, den

unsere Blicke suchten, um den unsere stummen Unterredungen sich drehten

und dem wir nun schließlich die Befreiung von seinen Qualen wünschten!

Still, wie er gelebt, lag er auf seinem letzten Lager, und wenn meine

Frau sich über ihn beugte, regte er seine müden Lippen und küßte sie.

»Streichle Papa, Sven,« sagte sie. »Papa ist hier.«

Dann richtete er sein großes, müdes Auge auf mich und legte seine

schmale, weiße Hand an meine Wange mit einer Bewegung, als regte er sich

nur im Schlaf.

So saßen wir in der letzten Nacht, und näher sind Menschen einander nie

gesessen. Wir hielten uns über dem Bett des Kindes an den Händen, und

ein leiser Druck sorgte dafür, daß keine Bewegung in seinem Gesicht

verloren ging, wenn er aufsah und uns mit seinem großen einzigen Auge

suchte. Wir sprachen zu einander: »Hast Du das gesehen? Hast Du es

gesehen?« Und während wir gierig diesen Schatz von Erinnerungen

sammelten, der das Einzige sein sollte, was uns blieb, verstrichen die

langsamen Stunden der Nacht, und die Morgenröte stieg über der Bucht

auf, über die Eichen, über den ganzen alten Garten unter unseren

Fenstern.

Als wollten wir der Seele des kleinen Brüderchens freien Lauf lassen,

dahin zu fliegen, wo wir ihm nicht folgen konnten, öffneten wir die

Thüren zur Veranda, und die frische Morgenluft strömte herein. Es hatte

in der Nacht geregnet, und durch zersplitterte Wolken brach die Sonne

über die Landschaft, während die Nebel über das Wasser der Bucht flogen.

Sie stieg und stieg hinan, und bei ihren Strahlen begannen die Vögel zu

zwitschern. Und das ganze herrliche Erwachen der Natur ergriff uns so,

daß wir uns zum Schweigen zwingen mußten, um nicht den Kleinen zu

stören, der schlief.

»Siehst Du,« sagte Elsa, »siehst Du? So schön muß es werden, wenn er

sterben soll.«

Aber noch zögerte der Todesengel, noch dauerten die ruhigen,

regelmäßigen Atemzüge des Kindes fort, und Müdigkeit ergriff uns. Ich

nahm meine Frau halb mit Gewalt und zwang sie, sich auf dem Sopha neben

dem Bett des Knaben zur Ruhe zu legen. Da schlief sie, mit der Hand auf

seinem Bette, und während die Morgensonne emporstieg, saß ich allein

wach und lauschte ihren schweren Atemzügen, während in mir alles stille

und ruhig wurde, und ich rief nach einem Ende dieser Pein für uns alle.

Ich saß da, bis meine Frau sich von ihrem Schlummer erhob. Dann

wechselten wir die Plätze, und ermattet schlief ich ein, die Hand auf

der Stelle, wo eben die ihre geruht hatte.

So vergingen ein paar Stunden, und die Sonne stieg höher und höher an

einem klaren Sommerhimmel empor. Ich erwachte dadurch, daß meine Frau

ihre Hand auf meinen Arm legte.

»Wache auf, Georg,« sagte sie. »Sven stirbt jetzt.«

Ich konnte nicht dort drinnen bleiben. Ich ging hinaus in den Garten;

und in dem Gedanken, ihm eine letzte Freude zu bereiten -- ihm, der

immer Blumen geliebt -- brach ich eine Rosenknospe, die schönste, die

ich finden konnte, kehrte zurück und legte sie auf das Kissen meines

Knaben, neben das Auge, das noch sehen konnte. Außer Stande, es länger

ertragen zu können, ging ich wieder hinaus auf die Veranda. Von dort

hörte ich, wie Svante hereinkam und sich an das Bett setzte. Aber ich

drehte mich nicht um. Ich ging nur und horchte auf die langen,

furchtbaren Atemzüge, die wie von einem erwachsenen Manne kamen und mir

in die Seele schnitten. Da hörte ich einen Laut von meiner Frau, und ich

wendete mich um.

Sven hatte das Auge aufgeschlagen und die Rose gesehen. Dann hatte er

seine Hand nach der Blume ausgestreckt, sie aufgehoben, als wollte er

ein letztes Mal die Rose sehen, und hatte sie dann zurück auf das Kissen

fallen lassen.

Plötzlich wurde sein ganzer Körper von furchtbaren, langandauernden

Krampfanfällen geschüttelt. Sie begannen beim Kopfe, der schräg gedreht

wurde, und schienen sich bis in die Glieder fortzusetzen, die steif und

bläulich wurden. Da senkte meine Frau das Haupt, um nicht sehen zu

müssen. Aber als die Anfälle aufgehört hatten, weinte sie still, und

wieder reichte sie mir über das kleine Bett ihre Hand.

So saßen wir dort drinnen, bis die Atemzüge aufhörten ... wieder kamen

... sich verlängerten, an Stärke zunahmen ... und aufhörten. Dann wurde

Alles still. Das Schweigen des Todes herrschte. Gebeugt und weinend

folgten wir den Flügelschlägen der Seele, die im Entfliehen war.

Wir hatten ihn Jedes an einer Hand gehalten, und auf einmal ließen wir

die kalten Hände hinab auf die Decke sinken.

Dann ging meine Frau aus dem Gemache und suchte die Ruhe. Aber ich blieb

sitzen und fühlte mit Entsetzen, wie stumm Alles geworden war.

* * * * *

Am Nachmittag kam Olof, und zusammen mit Vater und Mutter trat er von

seinem ersten Ausflug in die Welt an das Bett, wo das kleine Brüderchen

tot lag. Da weinte er männlich und still, und als er in den Speisesaal

kam, zeigte ihm Svante ernst seinen Finger.

Der trug ein tiefes Zeichen, und Svante beschrieb, wie das kleine

Brüderchen seinen Nagel hineingedrückt hatte, bevor es gestorben war. Er

behielt dieses Zeichen mehrere Tage lang, und er vermißte es, als es

verschwand.

20.

Es steht ein kleiner, gelber Sarg mitten im Zimmer, auf derselben

Stelle, wo vor nicht langer Zeit ein Bett mit einem lebenden Kinde

stand. Jetzt ist das Zimmer mit Rosen geschmückt. Man sieht beinahe

nichts Anderes als Rosen, und durch die Thüre tritt ein einsames Weib.

Sie trägt ein Kind auf ihren Armen, und das Kind ist tot. Sie will

nicht, daß irgend jemand Anderer als sie selbst ihren Liebling berühre,

und mit ihren eigenen Händen, die nicht zittern, legt sie ihn in den

Sarg. Ein kleines Hündchen aus Wolle, mit dem er zu schlafen pflegte,

als er noch frisch und gesund war und Niemand an den Tod dachte, legt

sie in seinen Arm. Es ist »Flocki«, der seinen Herrn begleiten will. Es

ist ein friedlicher Schlafgefährte, der keinen stört. Dann sieht sie

nach, ob ihr Knabe gut liegt, und ordnet sein Bett, als hätte er eben

sein Abendgebet gesprochen und sie wäre gekommen, um ihm Gutenacht zu

sagen. Sie sieht ihn an, als sollte ihr Herz brechen, und sie küßt seine

kalten Lippen.

Dann geht sie ihrer Wege, und ich stehe da allein mit dem Deckel, den,

wie ich ihr versprochen habe, kein Anderer als ich festschrauben soll.

Ich schraube und schraube, und der Ton des Meißels gegen die Schrauben,

die in das Holz eindringen, klingt schrill, so als knirschte ich selbst

vor Schmerz mit den Zähnen.

Aber als es geschehen ist, fühle ich keinen Schmerz mehr. Es ist, als

hätte die Angst der letzten Tage jede Möglichkeit, zu fühlen, in mir

ertötet, aber wohin ich sehe, begegnet mein Blick nur Blumen.

Da gehe ich hinaus auf die Veranda, und der Duft des Kaprifoliums, der

aus dem Dunkel emporsteigt, schlägt mir entgegen, derselbe Duft, der

mich umgab, als ich die Finger meines Kindes die meinen mit der Macht

des Todes umklammern fühlte. Alles in mir ist aufgelöst, alles ist

vorüber. Ich denke an sie, die eben hinausging, und an alles, was folgen

muß. Ich fühle, daß ich nie Zeit haben werde ihn so zu betrauern, wie

ich wollte, meinen kleinen Knaben mit den Engelsaugen, und einsam beuge

ich das Knie an seinem Sarge, ich, der ich nicht weiß, vor wem ich das

Knie beuge und zu wem ich beten soll.

21.

Aber draußen auf dem Kirchhof liegt ein kleines Grab. Es ist wie ein

Garten geordnet, mit einer Buchsbaumhecke, einem Rosenstock und einem

Hügelchen mit frischem Gras, dessen Gipfel dicht mit Stiefmütterchen

bedeckt ist. Es ist verschieden von allen anderen Gräbern, und darüber

grünt eine einsame Linde.

Auf dem Hügel ist ein Stein, und auf dem Steine stehen die Worte: »Unser

kleiner Sven.«

Da schläft unser Glück, das einstmals größer war als das Anderer. Da

unter der Erde ist die Seele meiner Frau gefangen, mit Zauberbanden

gebunden, und keine Liebe kann sie zur Erde zurückbringen.

Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe · 第 5 / 21 题