Ewig besitzen wir nur das Verlorene.
Henrik Ibsen.
1.
Nichts von dem, was ich erwartet und gefürchtet hatte, blieb aus. Der
einzige Unterschied war der, daß, während das Unglück immer größer
wurde, ich nicht daran glauben wollte, trotzdem ich es geahnt hatte und
wußte, daß es kommen würde. Denn daß der Schmerz kommen wird, das können
wir Menschen wissen. Wie er wirklich kommt, wissen wir jedoch nie.
Das Erste, was ich mit unaussprechlichem Entsetzen fühlte und verstand,
als wenigstens so viele Tage verflossen waren, daß ich zur Ruhe kommen
und über das, was wirklich geschehen war, nachdenken konnte, war, daß
meine Frau nie so aus ihrem innersten Wesen gesprochen hatte, als da sie
in meinem Zimmer vor mir saß und mir sagte, daß sie zum Unglück geboren
sei, und daß sie jetzt, wo Sven dahin sei, nur lebe, um zu sterben.
Immer von neuem wiederholte ich ihre Worte, immer von neuem hallten sie
in meinem Ohr wieder, und je länger ich an sie dachte, desto gewisser
wurde es mir, daß sie einen Kampf kämpfte zwischen dem Verlangen zu
sterben und ihrer Liebe zu mir und ihren Kindern, die ihr gebot zu
leben. Dennoch begann mehr und mehr alles das, was sie von ihrer Liebe
zu uns gesagt, vor meinen Gedanken emporzusteigen und die furchtbaren
Worte zu verdrängen, welche von einer Todessehnsucht zeugten, die
beinahe ein Entschluß zum Tode geworden war. Ich sah sie hin- und
hergerissen zwischen dem Gefühle, das sie an uns drei, die wir noch
lebten, band, und der dunklen Sehnsucht, die sie zu ihm zog, der
dahingegangen war. Wir waren ein Ganzes für sie gewesen, und daher kam
ihr Leiden, sie fühlte, daß sie nie die streitenden Kräfte würde
versöhnen können, die um ihre Seele rangen.
Ich sah all dies. Ich sah es während einer Reise, zu der ich sie fast
gezwungen, um ihr den Anblick des Meers und der Sonne, neue Menschen und
Eindrücke des Lebens zu geben. Nie vergesse ich diese Reise. Nie
vergesse ich die Hoffnungslosigkeit, die sich meiner bemächtigte, als
ich Woche für Woche immer deutlicher gewahrte, daß alles, was sie sah,
an ihr vorbei glitt, als wäre es für sie nicht vorhanden. Sie verbarg
mir viel, sie verbarg sogar ihre Thränen, und ich begriff, daß sie das
that, weil sie sah, wie ich nur in der Hoffnung lebte, sie zum Leben
zurückzuführen, und sie so gerne, so gerne wollte, daß ich solange als
möglich diese Hoffnung beibehalte. Ich begriff dies eines Abends, als
wir auf einer Veranda saßen und über die norwegischen Fjords und Fjells
sahen. Elsa betrachtete lange alles, dann schloß sie die Augen vor dem
Bilde, das sie liebte, und sah fort.
»Georg,« sagte sie, »Georg! Warum läßt Du mich all das sehen?«
Dann brach sie still in Thränen aus, aber versuchte wieder ihrem Weinen
Einhalt zu thun und sah zu mir empor.
»Warum thust Du so viel für mich? Warum bist Du so gut gegen mich? Es
wäre viel besser, wenn Du mich meinen eigenen Weg gehen ließest.«
Ich fühlte, daß ich vor einem Leiden stand, das sich nicht messen oder
wägen ließ. Ich fühlte Reue, daß ich sie dem Schmerze entziehen wollte
und daß ich sie es hatte merken lassen. Ueberhaupt versuchen, sie zu
leiten oder auf ihren Kummer einzuwirken, schien mir in diesem
Augenblick nur elend und klein. Ich zog sie bloß an mich und sagte:
»Weine bei mir! Weine so viel Du willst! Lege Dir keinen Zwang auf!
Glaubst Du nicht, daß ich trauere wie Du?«
Die Thränen strömten aus ihren Augen, und doch war das Gesicht, das sie
mir zuwandte, so freudestrahlend, als sei ihr das größte Glück
widerfahren.
»Wirklich?« sagte sie.
Daß meine Frau glauben konnte, ich hätte schon vergessen oder sei auf
dem Wege zu vergessen, ergriff mich so, daß mein Schmerz losbrach, und
ich hörte und sah nichts Anderes, als was ich selbst fühlte und was mich
quälte. Ich erzählte ihr, wie nüchtern unser ganzes Heim mir jetzt
vorkäme, seit Sven gegangen war. Ich sagte ihr, welche Angst ich hätte,
wieder heim zu kommen und die Arbeit des Alltagslebens zu beginnen,
jetzt, da ich wüßte, daß seine klare Stimme mich nicht willkommen heißen
und er selbst nicht mehr hinter der Thüre versteckt stehen würde, um
mich zu begrüßen, wenn ich heim käme. All das sagte ich ihr, und ich
fühlte, wie sie an meiner Brust ruhig wurde. Ich war glücklich in dem
Bewußtsein, wie gemeinsam wir noch fühlen konnten. Aber ich begriff
auch, daß ihre Furcht, ich teilte ihren Schmerz nicht so, wie sie
wollte, von ihrer Ahnung kam, daß alles, was ich vornahm, alles, was ich
that, dachte und sagte, in dem einzigen Versuche gipfelte, sie selbst
zum Leben zurückzurufen.
Darüber dachte ich nun nach. Aber nach diesem Abend veränderte ich, wie
ich selbst wohl wußte, mein Benehmen gegen meine Frau. Ich wurde
resigniert und erwartete nicht, daß sie so bald ihre Gedanken von ihm,
der dahingegangen war, uns zuwenden würde, die sie noch hatte. Dadurch
wurde sie vertrauensvoller und offener gegen mich. Aber die Reise glitt
an uns vorbei, als wäre alles, was wir gesehen, nur eine Einbildung
gewesen. Freunde trafen wir, aber keine Teilnahme vermochte etwas
Anderes als Dankbarkeit bei meiner Frau hervorzurufen, die Menschen
glitten an uns vorbei, als wären wir selbst innerhalb einer Grenze
gestanden, die keiner aus eigenem Willen überschreiten könnte.
Und die Ruhe, die wir erreichen konnten, fanden wir nicht früher, als
bis wir eines Abends in unser neues Heim einzogen. Das war eine Wohnung
in Stockholm, mit der wir das Haus auf dem Lande vertauscht hatten, in
dem wir so viel Böses und Gutes erlebt. Wir hatten dies schon geplant,
bevor wir ahnten, daß das, was uns jetzt widerfahren war, geschehen
könnte, und mit einem Gefühl der Furcht vor dem Winter traten wir in
unsere Zimmer.
Aber dennoch erlebten wir hier die ersten Tage der Erleichterung und der
Ruhe im Schmerze. Tausendmal bereuten wir, daß wir je gereist waren und
gleichsam unseren Schmerz mit uns geschleppt hatten, um ihn von fremden
Menschen betrachten zu lassen.
2.
Auf dem Kirchhof steht ein kleiner Stein mit der Inschrift »Unser
kleiner Sven«. Er ist auf den Hügel gelegt, der sich unter einer Linde
wölbt deren Blätter schon lange gefallen sind. Am Stamm der Linde steht
eine Bank, und auf der Bank sitzt eine einsame, schwarzgekleidete Frau
mit langem Kreppschleier wie der einer Witwe. Sie sitzt lange da, und im
Herbstlicht spricht sie mit einem, den Niemand sehen kann.
Sie befiehlt dem Kutscher, der in der Nähe des Grabes hält, zurück auf
die Landstraße zu fahren. Und sie beugt sich hinab und sammelt in ihrem
Taschentuch Erde von dem Grabe. Dann nimmt sie aus einem Nähtäschchen
schwarze Seide, Nadel, Faden und Schere. Die Seide schneidet sie zu und
näht einen kleinen Beutel. Dann nimmt sie von der Erde und füllt ihn.
Sie drückt ihre Lippen auf die dunkle Erde, und als sie das gethan hat,
näht sie den Beutel zu. Sie näht dicht und genau, so daß kein Körnchen
verloren gehen kann, und an den Ecken des kleinen Beutelchens befestigt
sie starke Schnüre. Dann packt sie ihr Nähzeug wieder ein und sitzt
lange da, mit dem schwarzen Amulett in der Hand, und denkt daran, daß
sie nun ihm geweiht ist, der im Grabe liegt.
Dann beugt sie das Knie unter den kahlen Aesten der Linde und küßt den
Stein, der den Namen ihres Lieblings trägt. Stille und feierlich, als
vollzöge sie eine heilige Handlung im Beisein vieler Menschen, hängt sie
die Schnüre um ihren Hals, öffnet ihr Kleid und legt die heilige Erde an
ihre Brust.
Die ganze Zeit über ist ihr Gesicht ernst, aber glücklich und hell, und
bevor sie sich erhebt, küßt sie die Erde unter ihren Füßen und bleibt
dann stehen, um einen Blick auf das Grab zu werfen. Ein Wald von kleinen
Topfpflanzen blüht um das Grab, und frische Blumen sind auf den Hügel
gelegt. Kein Grab ist so schön, so gepflegt, keines so reich geschmückt
gerade jetzt, wo der Herbstwind die Bäume rüttelt.
Da lächelt sie vor Freude und spricht wieder leise und innig zu einem,
den Niemand sehen kann. Dann geht sie zu dem Wagen, der am Thor des
Kirchhofs wartet und fährt nach Hause.
Aber als sie heimkommt, geht sie geradeswegs zu mir herein, nimmt das
schwarze Amulett heraus und sagt mir, was es enthält. Dann hält sie mir
es hin und bittet mich, es zu küssen. Ich thue es, um ihre Freude nicht
zu stören und mit einem glücklichen Lächeln birgt sie es wieder an ihrem
Busen, indem sie sagt:
»Wenn Du wüßtest, wie glücklich ich mich fühle, wenn ich draußen bei
Sven bin, würdest Du dich nicht kränken, daß ich so oft fahre. Ich werde
für mehrere Tage ruhig, wenn ich nur zu ihm hinauskomme.«
Dann geht sie wieder und läßt mich allein. Und als ich nach ein paar
Stunden von meiner Arbeit aufstehe und sie suche, finde ich sie bei
Svens kleiner Kommode, wo sie die Dinge, die einmal ihm gehört haben,
durch ihre Hände gleiten läßt.
3.
So kreisen ihre Gedanken stets um ihn, der tot ist, und es giebt nichts,
das sie stören kann. Sie spricht davon, daß sie ihm bald folgen werde,
und sie thut es in einem ruhigen, vertraulichen, besonnenen Tone, als
müßte das die natürlichste Sache der Welt für Andere sein, so wie für
sie selbst.
Manchmal pflegt sie hinzuzufügen:
»Ich möchte nur so gerne leben, bis die Knaben ein bißchen größer sind
und mich nicht mehr brauchen.«
Dann kann ihr Gesicht einen verzweifelten, zerissenen Ausdruck annehmen,
als wüßte sie, daß dieser Wunsch mehr ist, als sie hoffen oder verlangen
kann, und ihre Stirne bekommt eine tiefe Falte zwischen den Augen, so,
als ob das Grübeln ihr Schmerz verursachte. Sie fühlt, daß sie zwischen
Leben und Tod wählen muß, wenigstens in ihren Wünschen, und sie kann es
nicht. Darum will sie zuerst eine Zeitlang leben, um Denen, die am Leben
sind, alles zu sein, was sie ihnen sein kann, und dann sterben, um bei
ihm zu bleiben, dem sie sich angehörig fühlt. Sie sucht eine Versöhnung
zwischen dem Verlangen zu sterben und dem Bedürfnis zu leben, und sie
fürchtet Beides, weil das eine wie das andere um die Herrschaft in ihrer
Seele ringt und jedes in seiner Weise sie grenzenlos quält. Gleichzeitig
ahnt sie jedoch, welche der Mächte schließlich den Sieg davontragen
wird, und darum fügt sie dies hinzu nicht als ein außerordentliches
Ereignis, das Verwunderung und Staunen hervorrufen soll, sondern als
etwas Selbstverständliches, das sie erlebt hat und das Niemand
bezweifeln kann.
»Erinnerst Du Dich, wie ich sagte, daß ich nicht an ein Leben nach
diesem glaubte?« sagt sie. »Du hast mich gelehrt, so zu glauben.«
Ihr Gesicht verdüstert sich, wie sie das sagt, und es kommt etwas wie
Groll in ihre Stimme, das mir weh thut. Sie sieht es, und versöhnend
legt sie ihre Hand auf die meine, indem sie fortfährt:
»Jetzt glaube ich daran, und jetzt weiß ich, daß man anfangen kann, ein
solches Leben schon hier auf Erden zu leben. Dazu ist nur nötig, daß
Jemand fortgeht, mit dem man so verbunden ist, daß man das Gefühl hat,
als ginge die Seele mit. Beinahe jeden Abend kommt Sven zu mir. Er kommt
nicht, wenn ich es will oder wenn ich ihn bitte zu kommen. Nicht, wenn
ich weine und mich sehne, meine Arme nach ihm ausstrecke und seinen
Namen rufe. Aber wenn ich es am wenigsten ahne, dann sehe ich ihn neben
mir sitzen. Und wenn ich dann so recht ruhig und froh bin, dann lächelt
er mir zu und sieht glücklich aus. Er sieht mich dann an, ganz wie er es
zu thun pflegte, und bevor ich mich besinnen kann, ist er fort. Aber ich
bin doch glücklich. Denn ich weiß, daß er bei mir gewesen ist. Er ist
oft gekommen, wenn Du schliefst und ich wach lag. Mehr als ein Mal habe
ich daran gedacht, Dich zu wecken. Aber ich habe nie gewagt, es zu thun.
Denn ich fürchtete, daß er, wenn Du erwachtest, verschwunden sein würde,
und dann würdest Du mir vielleicht nicht glauben, was ich gesehen.«
Sie betrachtete mich die ganze Zeit mit Scheu, als glaubte sie, ich
würde ihr widersprechen. Ich thue es nie. Ich weiß ja selbst nicht, was
ich glaube. Ich habe so furchtbare Erschütterungen durchgemacht, daß ich
nicht zu sagen wage, was Wirklichkeit und was Schein ist in den
Erfahrungen der Anderen. Weiß ich es nur von meinen eigenen? Weiß ich,
ob nur das, was ich mit meinem Verstande erreichen kann, Wirklichkeit
ist? Ist es nicht denkbar, daß es eine Wirklichkeit giebt, die nur mit
dem Gefühl oder -- warum nicht -- mit der Einbildung erreicht werden
kann? es kommt mir vor, als hieße es gleichsam mich selbst verstümmeln,
wenn ich mein Gefühl und meine Phantasie dazu degradierte, nur dazu zu
existieren, um von dem Verstande unterjocht zu werden. In Gedanken
vergleiche ich es damit, wenn ich das Auge einen körperlichen Schmerz
leugnen lassen wollte, weil er unsichtbar ist, oder das Ohr die
Möglichkeit einer Geschmacksempfindung in Abrede stellen, weil sie nicht
gehört werden kann. Und wie gut ich auch all die Argumente kenne, die
gegen einen derartigen Gedankengang ins Treffen geführt werden, so ist
es mir doch unmöglich, sie in diesem Falle geltend zu machen. Ich glaube
weder, noch glaube ich nicht. Ich gehe gleichsam in der peinvollen
Erwartung herum, einmal über das Klarheit zu erhalten, was ich nicht
weiß.
Und dabei wächst in mir ein Gedanke, der in der Stunde Wurzel
geschlagen, in der ich wußte, daß mein Kind sterben mußte. Ich begreife,
daß, was auch all dies sein mag, Einbildung oder Wirklichkeit, es doch
eines Tages meine Frau von mir nehmen wird. Sie ist mit meinem eigenen
Leben verwachsen, und ich kann sie nicht missen. Gegen mein eigenes
Glück, das ich einstmals so stark wähnte, daß ich von seiner Höhe auf
das Anderer herabsehen konnte, erhebt sich die Macht, die das Schicksal
alles Lebenden ist. Der Tod steht vor mir, wie er einmal vor dem kleinen
Sven stand, auf dem Bilde, dessen Inhalt er immer als ein Märchen
erzählt haben wollte. Die Glocke läutet, und der, der nicht von hinnen
gehen soll, wird gerufen, und der, dem der Ruf nicht gilt, muß
zurückbleiben. Der Unterschied ist nur der, daß ich den Tod aus der
Ferne sehe, lange bevor er herangekommen ist, weiß, daß seine Glocke
erklingen wird, und daß die, der sie erklingt, mit Freuden scheidet.
Aber ich will nicht thatenlos die Macht des Todes verfluchen. In mir
wächst ein Verlangen, das höher geht, als mir selbst bewußt ist. Es ist
dasselbe Verlangen, das, als die Gewißheit vom Tode des Kindes meine
Frau zu Boden drückte, sie antrieb zu sagen: »Er soll nicht sterben. Er
darf es nicht. Ich weiß, daß er nicht sterben wird.« In gleicher Weise
sage auch ich zu mir selbst: »Ich will es nicht. Ich will sie nicht
verlieren. Sie soll leben -- allem zum Trotz.« Ich merke nicht, daß ich
das Unmögliche versuche. Die Kritik, die sogleich wach war, solange es
sich um sie handelte, schlummert jetzt, wo es mir gilt. Ich will mit dem
Tode kämpfen, um ihr und mein Glück zu behalten, so wie es einmal
blühte, nicht, als das Leben uns entgegenlächelte, aber wenigstens, als
wir seine Züchtigung empfangen hatten und doch wußten, daß es lächeln
konnte. Ich wollte alles thun, um sie zurückzuerobern. Wie Orpheus
wollte ich hinab ins Totenreich steigen, mit meiner Liebe wollte ich sie
zwingen zurückzukehren, und folgt sie mir, werde ich mich gewiß nicht
umwenden und zu den Schatten zurückblicken.
Das gelobe ich mir selbst, und ich erwarte nicht, daß der Lohn bald
kommen wird. Im Gegenteil, ich bereite mich auf eine lange, harte
Prüfungszeit vor, und ich weiß im Vorhinein, daß das Erste, was ich
lernen muß, die Kunst des Wartens ist.
Aber ich bin so sicher in meinem Glauben, daß ich für mich lächeln kann,
wenn ich ihre Rede vom Tode höre. Ich kann sie sagen hören, daß sie sich
fortsehnt, und ihre Liebkosungen fühlen, wenn sie mich bittet, ihr zu
verzeihen. Dann genieße ich die Liebkosungen und vergesse ihre Worte.
Wie eine große, unendliche Gewißheit fühle ich, daß der Sieg
unwiderruflich mein ist und nicht dessen, der in der Erde schlummert.
Ich nehme ihn in meinen Gedanken zum Bundesgenossen, sage ihr sogar,
indem ich auf ihren eigenen Gedankengang eingehe, daß sie leben muß,
weil Sven will, daß sie lebt, ja, weil er es mir zugeflüstert hat,
während ich schlief.
Sie hört mich mit verwunderten, glänzenden Augen an, und lange Zeit
später -- so lange Zeit, daß ich mich nicht erinnern kann, was ich
selbst gesagt habe -- erzählt sie mir, daß Sven auf ihrem Bett gesessen
sei, in seinem neuen weißen Kleid mit der blauen Schärpe, und gesagt
habe:
»Mama, Du sollst nicht so viel um mich weinen. Es thut mir so weh im
Kopf, wenn Du weinst.«
Ich höre diese Worte, und ich klammere mich an sie wie an ein Omen.
Hoffnungsvoller denn je träume ich von einer Zukunft, in der unser totes
Kind ein stärkeres Vereinigungsband sein wird, als wenn es gelebt hätte,
und ich gedenke mit Thränen in den Augen der Worte, die sie selbst mich
einmal gelehrt:
Zusammen altern.
4.
Es war nichts Geringeres als ein Kampf mit dem Tode, den ich begonnen,
und die Zeit, die folgte, wurde ein beständiger Wechsel zwischen der
düstersten Verzweiflung und der hellsten Hoffnung. Das Schwerste unter
solchen Verhältnissen ist natürlich die völlige Unthätigkeit, die darin
besteht, bloß ruhig auf das zu warten, was kommen soll und geduldig
alles der Zeit zu überlassen, während man gleichzeitig glaubt, daß
alles, was geschieht, nur das Herannahen der Nacht beschleunigt, die man
verscheuchen zu können hofft. Wie ängstlich beobachtete ich nicht meine
Frau in dieser Zeit! Wie folgte ich ihr nicht auf ihren Fahrten zum
Grabe! Und wie freute ich mich, wenn ich sie ruhig und fröhlich die
Knaben um sich versammeln, ihnen erzählen und vorlesen sah, so wie nur
sie es konnte, und wenn ich wieder ihre munteren Stimmen hören durfte,
die durch einander klangen, wenn das Gelesene Anlaß zu einem dieser
lustigen Kommentare gab, die es zu einem Feste machen, Kindern
vorzulesen. Und wie konnte ich nicht beim Mittagstisch oder bei der
Abendlampe nach dem angestrengten, abwesenden Ausdruck in dem Antlitz
meiner Frau spähen, der wie eine Wolke kommen und uns alle stumm machen
konnte.
Es war dann, als ginge ihre Seele plötzlich von uns fort und ließe uns
allein. Die Knaben wechselten Blicke mit mir, Blicke, die deutlich
sagten, daß sie, soweit ihr Alter es zuließ, ebenso wohl verstanden wie
ich und ebenfalls litten, wenn es ihnen auch leichter fiel, die Gedanken
zu zerstreuen. Svante stand auf und streichelte Mama, und er fühlte sich
nicht zurückgestoßen, weil es ihm nicht gelang, ihre Augen zu erhellen.
Er konnte nachher zu mir kommen und sagen:
»Mama thut mir so leid.«
Das war alles für ihn, und drum war er vielleicht ein besserer Tröster
als ich.
Olof saß bei solchen Anlässen mehr still da und versuchte mit mir zu
sprechen, als wäre alles, wie es sein sollte. Aber seine Augen folgten
der Mutter, und ging sie hinaus, um allein zu sein, was oft geschah,
wenn sie fühlte, daß sie uns nicht länger ansehen und mit uns sprechen
konnte, dann pflegte er sich an ihre Thüre zu schleichen und dort lange
zu stehen und zu horchen. Dauerte das Schweigen allzulange, so ging er
sachte hinein, und geschah es, daß er abgewiesen wurde, dann kam er
still zurück und setzte sich mit einer resignierten Miene nieder, als
wüßte er, daß er nicht alles auf einmal verlangen könnte.
Es erging ihm wie mir, er hätte es als eine Erleichterung empfunden,
wenn er nur gewußt hätte, was er thun sollte.
Und wenn wir drei zu solchen Zeiten allein saßen, dachten wir alle an
das, was wohl hinter der verschlossenen Thüre vorging, wo meine Frau
sich immer näher und näher zu der Grenze hinarbeitete, an der das Leben
aufhört, wo sie sich zum Tode durchkämpfte.
»Wißt Ihr, woran Mama leidet?« sagte ich eines Tages.
Olof sah fort, ohne etwas zu sagen, aber Svante antwortete:
»Ja.«
Ich hätte übrigens nicht zu fragen gebraucht. Denn ich wußte, daß sie
sie auf das vorbereitet hatte, was kommen sollte.
5.
Des Abends, wenn ich allein blieb, saß ich oft da und schrieb, um meine
Gedanken zu zerstreuen oder überhaupt etwas vorzunehmen, an einer Art
Tagebuch, das ich auf dem Grunde einer Schreibtischlade verwahrte, damit
Elsa es nicht durch einen unglücklichen Zufall in die Hand bekäme.
Ich habe es jetzt wieder gelesen, und alles, was darin steht, scheint
mir vor so langer Zeit geschrieben, daß ich kaum glauben kann, daß
seither nicht einmal zwei Jahre verflossen sind. Aber wie ich darin
lese, wird alles, was geschehen ist, lebendig und gegenwärtig, und ich
fühle wieder die Martern der furchtbaren Illusion, die mich damals
aufrecht hielt.