1.
Der kleine Sven wuchs heran und wurde Aller Liebling. Er hatte langes,
goldenes Haar, und zur Erinnerung an das Mädchen, das nicht gekommen
war, pflegte Mama das Goldhaar zu kräuseln, sodaß es in langen Locken um
sein kleines Gesichtchen mit der zarten Haut und den wunderbaren
Engelsaugen lag. Kein Kind hat tiefere große Augen mit einem so früh
träumerischen Blick gehabt, und kein Kind hatte eine vertrauensvollere,
zärtlichere kleine Hand, die sich in die eines großen Menschen
schmeichelte, als wüßte es, daß es überall Geborgenheit finden konnte,
weil es selbst von nichts Bösem wußte.
Der kleine Sven war der Abgott des großen Bruders. Nichts konnte schöner
sein, als zu sehen, wie der große Bruder, der es liebte sich männlich zu
zeigen und daher ungerne seine Gefühle an den Tag legte, das kleine
Brüderchen in einem Wägelchen zog, sich an seinem frohen Gesichtchen
freute und sich unaufhörlich umdrehte, um zu sehen, daß das kleine
Brüderchen nicht herausfiel. Das Einzige, was sich hiermit vergleichen
ließ, war, wenn man Svante dasselbe thun sah, und Svante freute sich
umsomehr daran, Beschützer zu sein, als er bei den Spielen mit dem
großen Bruder immer derjenige gewesen, der klein war und gehorchen
mußte. Sven war so klein gegenüber den großen Brüdern, die er bewunderte
und denen er folgte, daß er immer das kleine Brüderchen war und blieb,
und er war so froh, daß das ganze Haus sich um ihn versammelte, wenn ihm
etwas Freudiges geschehen war und seine klingende Stimme oder sein
klares Lachen durch die Räume erklang. Man kam, weil man sehen wollte,
wie seine Augen funkelten und wie seine kleinen weißen Händchen vor
Entzücken umherfochten, weil man diese ganze strahlende Kinderfreude
sehen wollte, die dem Herzen Sonne gab.
Ah, ich wünschte, ich hätte diese Erzählung vom kleinen Brüderchen
früher geschrieben, so daß ich sie Blatt für Blatt ihr hätte vorlegen
können, die seine kurze Lebensgeschichte besser kannte, als ich, besser
als irgend Jemand. Sie, die sich an jedes seiner Worte erinnerte, an
jeden kleinen Zug aus dem Buche seines Lebens, sie, die sein Leben und
ihr eigenes im Verein mit ihm lebte, auch als seine klaren Augen nicht
mehr unter uns leuchteten; sie, die ihm endlich auf den Pfaden folgte,
auf denen Niemand, bevor seine Zeit gekommen ist, folgen kann. Sie hätte
dann das, was ich sagen wollte, mit ihrem Geist erfüllt, und mein
Gedicht hätte soviel Unmittelbarkeit empfangen, als handelte es von
einem noch lebenden Kinde.
Denn der kleine Sven lebte und wirkte mit seiner Mutter, bei ihr und für
sie. Er hatte seine Spielstube bei ihr, und die ganzen Vormittage, wenn
Papa fort war und die großen Jungen lernten, saß der kleine Sven auf dem
Boden und hörte Mama Märchen erzählen. Mama konnte viele Märchen, aber
kein Märchen hatte Sven lieber als das vom Rotkäppchen, das zur
Großmutter gehen sollte und das der häßliche Wolf auffraß. Er war so
furchtbar erschüttert, wenn er an das Schicksal des kleinen Rotkäppchens
dachte, und er hatte solche Angst vor dem abscheulichen Wolf und war so
böse auf ihn. Er wollte groß werden und in die Welt ziehen und ihn
finden und ihn totschießen.
Dann erfanden Mama und er Spiele. Sie spielten, daß Sven fortreiste und
weg war, und Mama saß allein und wartete auf ihn. Und dann kam Sven nach
Hause, und das war eine Freude, so groß, daß Mama ihre Arbeit weglegen
und ihn auf den Schoß nehmen und viele Male küssen mußte. Und viele
andere Spiele spielten sie.
Der kleine Sven hatte zuhause viele Namen. Er wurde das kleine
Brüderchen genannt und Nenne, was er selbst erfunden hatte, und Fratzi
und Goldkind, so wie es eben kam. Er kannte alle seine Namen, konnte sie
aufzählen und war stolz auf sie. Der kleine Sven spielte nicht viel mit
anderen Kindern und fühlte sich nie lange wohl mit ihnen. Er kam immer
zurück zu Mama, als wäre das die natürlichste Sache der Welt. Und er
kümmerte sich dann nie darum, ob er das Spiel unterbrach und die anderen
Kinder ärgerte. Sowie er nur Mama erblickte, lief er von allem fort,
nahm sie bei der Hand und folgte ihr, wohin sie ging. Das war eine
Liebe, die über alle Begriffe ging und die nie erkaltete, weil der
Gegenstand derselben zu glücklich über dieses Verhältnis war, um den
Kleinen je beschwerlich zu finden.
Sven und Mama hatten ihre kleinen Geheimnisse, und wenn Sven Mama etwas
zuflüsterte, durfte nicht einmal Papa zuhören. Versuchte er es, nur um
Sven zu necken, da schrie der Kleine:
»Nein, er darf nicht. Er darf nicht. Sag ihm, daß er nicht darf.«
Und Mama verteidigte ihren Schatz und hielt Papa ferne, sodaß Sven
alles, was er zu sagen hatte, ihr ins Ohr flüstern konnte.
Wenn das geschehen war, dann triumphierte Sven.
»Siehst Du,« sagte er. »Du hast es nicht hören dürfen.«
Und dann ging er mit Mamas Hand in der seinen und lachte seinen Vater
aus. Das nannte er Papa »foppen«, und er kannte wenig Dinge, die er
vergnüglicher fand.
Ich kann sie noch Beide vor mir sehen, Hand in Hand, den langen Weg auf-
und niedergehend, der bei den Fliederbüschen anfing, unter den kahlen
Bäumen im Winter gehend, wenn Sven in seinen kleinen Pelz gekleidet war,
den man aus Mamas altem gemacht hatte und auf den er so stolz war. Es
wäre im übrigen schwer zu entscheiden, wer von den Beiden dem anderen
eigentlich am meisten zu sagen hatte. Und wenn ich sie lange angesehen
hatte und Lust bekam, mit dabei zu sein, dann wurde Sven eifersüchtig
und schob sein kleines rotes Mündchen vor, sodaß Mama seine Aufführung
gegen das Familienoberhaupt tadeln und ihm sagen mußte, wie gut Papa
war. Das wollte Sven nur ungern anerkennen. Und während wir zusammen
gingen, machte er verstohlen Mama Mienen, die Papa nicht sehen sollte,
ganz als wollte er sich selbst dadurch beglücken, daß er den Zauberkreis
heimlichen Einverständnisses beibehielt, den er um seine Liebe und sich
selbst gezogen.
Aber wenn Papa in der Stadt war und nach Hause kam, dann stand Sven
hinter der Thüre versteckt und wartete, um ihn recht erschrecken zu
können. Er stellte sich lange vor der Zeit hin, zu der Papa
zurückerwartet werden konnte. Unaufhörlich kehrte er von seinem
Schlupfwinkel zurück und fragte:
»Glaubst Du nicht, daß Papa sehr erschrecken wird?«
Natürlich glaubte Mama das, und natürlich war Sven überglücklich über
diese Aussicht. Und wenn Papa endlich kam und im Flur stehen blieb, um
den Sand aus seinen Galoschen zu stampfen, da kam Sven so still und
leise herangeschlichen und dachte gar nicht mehr daran, ihn zu
erschrecken, sondern stand nur da und lächelte für sich selbst, als
wüßte er sehr wohl, daß Papa ihn nicht sehen konnte, ohne froh zu
werden. Und langsam kroch er näher, wie um sich an Papas Ungeduld, ihn
in die Arme zu schließen, zu weiden, und dann hing er sich an Papas Hals
und ließ sich hineintragen, während gleichzeitig die Dogge der Familie,
die Svante seinerzeit Pudel getauft, vor Freude bellte und um uns
herumsprang.
Ich erinnere mich so gut an die Augen meiner Frau, wenn sie diese Szene
betrachtete.
»Wenn Du wüßtest, wie viel ich mit ihm von Dir spreche,« sagte sie, als
Sven endlich seinem Vater erlaubte, ihn loszulassen, und Mama Platz
machte.
2.
Schon seit Sven so klein war, daß er sich bewegen konnte, war er Pudels
intimster Freund gewesen und hatte das Recht gehabt, mit Pudel alles zu
machen, was er wollte. Er durfte ihn an den Ohren ziehen und an seinem
kurzen Schwanz zupfen, auf ihm liegen und ihn in den unbequemsten
Stellungen festhalten. Pudel zeigte hierüber keinen höheren Grad von
Mißvergnügen, als daß er zuweilen verwundert aussah, warum er all dies
eigentlich über sich ergehen lassen mußte, und sich sanftmütig und
friedfertig auf einen andern Platz legte, in der eitlen Hoffnung, daß
sein wohlmeinender Plagegeist müde werden und ihn in Frieden lassen
würde.
Aber trat Sven hinaus in den Hof, dann folgte Pudel ihm, wohin er auch
ging. Mit seiner kurzen gespaltenen Schnauze schnuppernd, stand er da
und sah zu, wie Sven langsam und bedächtig Sand in eine kleine
Blechbüchse schüttete oder zuweilen zu der weniger geeigneten
Zerstreuung überging, in der Wassertonne zu plätschern. Pudel folgte ihm
die ganze Zeit, und näherte sich irgend ein Fremder, so begleitete Pudel
dessen Gehaben mit mißtrauischen Augen, in jedem Augenblick bereit,
falls die Verhältnisse sein Einschreiten erforderten.
Sven und Pudel wandelten im übrigen ihre eigene Straße, und mehr als
einmal hatten sie das ganze Haus in plötzlichen Schrecken versetzt,
indem sie auf den unerfindlichsten Wegen verschwanden; und nachdem man
schon daran verzweifelt hatte, sie je lebendig wiederzusehen, tauchten
sie urplötzlich auf, als sei nichts geschehen, Beide gleich erstaunt
über die Aufregung, die sie hervorgerufen hatten.
Es wäre unrecht zu sagen, daß Sven eigentlich ein ungehorsamer Knabe
war. Aber in diesem Punkt war er nicht leicht zu behandeln. Mehr als
einmal hatte Mama ihm die Rute versprochen, wenn er noch einmal auf
eigene Hand fortliefe, und mehr als einmal hatte sie mir unmittelbar
darauf versichert, daß sie das Herzblut desjenigen sehen wollte, der es
wagte, Sven zu berühren. Aber hierin schien Sven Vorwürfen und
Ermahnungen gleich unzugänglich zu sein, und er stand so erstaunt bei
Mamas heftiger Freude da, ihn nach solchen Ausflügen lebendig
wiederzufinden, als wunderte er sich, daß sie Beide über irgend etwas
auf der Welt so verschieden denken konnten.
»Es war doch nicht gefährlich,« sagte Sven. »Pudel war ja mit.«
Mama wollte nicht schlecht von Pudel sprechen, aber sie versuchte Sven
davon zu überzeugen, daß Pudel auf jeden Fall nicht dasselbe war wie ein
Mensch. Sie sagte alles, was sie sich nur ausdenken konnte. Sven
versprach mit den Aermchen um ihren Hals, daß er nie mehr fortlaufen und
Mama Kummer machen wollte.
Aber wenn er so für sich selbst ging und es Frühling war und das Wasser
in den Rinnen am Hof floß, da vergaß Sven alles Andere auf Erden, bis
auf das, daß er ein kleiner Junge war, der tief hinein in den Wald gehen
wollte.
Wer weiß, in welchen Gedanken er einherging, oder ob er auch nur merkte,
daß er auf verbotene Wege kam? Er ging und plauderte mit sich selbst,
und Pudel folgte ihm, und als er bei der Zaunthüre anlangte, stand sie
offen. Da mußte er doch hinausgucken und einen Blick in die Welt thun,
die dort draußen lockte, und da sah er auf der anderen Seite der großen
Landstraße zu oberst auf dem Grabenrain, wie die gelben Huflattichblumen
gegen die graue Erde leuchteten, und so krabbelte er hinüber, so gut
seine kleinen Beinchen es vermochten. Aber jetzt war er beinahe im Walde
drinnen, und da konnte er nicht länger widerstehen. Hoch und mit
knorrigen Aesten erhoben sich die Tannen über seinem Kopfe, und hinein
ging er zwischen die Stämme, wo die Sonne auf das Moos schien und die
ersten Frühlingsvögel ihre Triller zu schlagen begannen. Eine kleine
Feldmaus wischte zwischen den Steinen durch, und der kleine Sven lief
ihr nach. Weiter und weiter weg kam er. Da lag ein kleines Moor, und
draußen im Moor wuchsen Weidenkätzchen mit glänzenden Gehängen. Die
konnte er nicht erreichen, denn da würde er eingesunken sein und sich
die Füße naß gemacht haben. Aber er konnte immerhin einige Steine ins
Moor werfen und hören, wie es plumps sagte, und die großen weiten Ringe
ansehen, die die ganze kleine Wasserfläche in Aufruhr brachten. Das that
er auch, und damit fuhr er eine gute Weile fort. Seine Wangen wurden
rot, und seine Augen leuchteten vor Entzücken. Fröhlicher und fröhlicher
wurde er, und er ging bis auf die Wiese hinunter, wo das königliche
Lustschloß lag, und als er hinaus auf den Weg kam, begann er zu laufen.
Er lief und lief, und als er an die hohen Gitterthüren kam, sah er, daß
er wieder nahe von zuhause war. Da wurde er von neuem froh, weil er den
Weg erkannte und weil Pudel schnupperte, mit seinem gestutzten Schwanz
wedelte und nach Hause wollte. Und plötzlich begann er sich nach Mama zu
sehnen, und da erinnerte er sich an die gelben Blumen, die er in der
Hand hatte.
Langsam und bedächtig ging er wieder heimwärts, und es kann schon sein,
daß Sven sich jetzt dunkel erinnerte, daß er nicht vom Hause hätte
weggehen sollen. Aber eines gab es, was Sven nicht wußte und worauf er
sich auch nicht verstand. Das war, wie lange er eigentlich vom Hause
fort gewesen war. Denn ein paar Stunden und ein kleines Weilchen war für
ihn ein und dasselbe.
Aber als er über die Wiese getrippelt kam und sich gerade wieder in Trab
setzte, um zu Mama zu kommen und auf den Schoß genommen und gestreichelt
und geküßt zu werden und zu erzählen, wie gut er sich amüsiert hatte, da
erschrak Sven dadurch, daß man rings um ihn zu schreien begann. Da war
Papa und Mama, Olof und Svante, die beiden Dienstmädchen und noch
Mehrere, meinte Sven. Sie schrieen, Einer lauter als der Andere, der
Eine hier und der Andere dort. Sven konnte gar nicht sehen, woher sie
kamen. Denn gerade als er sich nach einer Seite umwenden wollte, schrie
Jemand hinter ihm, und als er sich dann wieder umdrehte, um nach der
anderen Richtung zu schauen, wurde er vom Boden aufgehoben und von
Jemandem fortgetragen, der so rasch lief, als er laufen konnte, und
bevor er sich noch recht besinnen konnte, war er drinnen im
Speisezimmer, und Mama selbst nahm ihn in ihre Arme und drückte ihn an
sich, so daß er gar keine Luft bekam.
Sven wußte wohl, daß er vor Mama nie Angst zu haben brauchte, aber
dieses Mal verließ ihn doch der Mut. Denn jetzt erinnerte er sich, was
sie von der Rute gesagt hatte, und als er Papa erblickte, wurde er
wirklich ängstlich. Denn Papa sah strenge aus und sagte in sehr ernstem
Ton:
»Jetzt müssen wir aber die Rute holen, Sven. Denn so viel ich weiß, hat
Dir Mama das versprochen.«
Da wußte sich Sven keinen Rat, und in der Not nahm er seine Zuflucht zu
den Blumen, die er Mama entgegenhielt.
Aber das hätte er garnicht thun müssen. Denn Mama war so erschrocken
gewesen, und sie war so glücklich, ihn wieder zu haben, daß sie ihn nur
in die Arme nahm und, halb weinend, halb lachend, sich von ihm
streicheln ließ; und endlich nahm sie ihm die Blumen ab und gab sie in
ein kleines grünes Glas, ordnete sie und ließ Sven sehen, wie schön sie
in der Sonne glänzten. Da gab Papa alle Gedanken an eine Bestrafung auf,
ging in sein Zimmer und fühlte sich überflüssig.
Aber als Mama mit Sven allein blieb, nahm sie ihn auf den Schoß und
erzählte ihm, als wäre es ein Märchen, wie unruhig sie sich gefühlt und
wie schrecklich ihr zu Mute gewesen war. Sie erzählte, daß sie geglaubt,
daß Sven sich das Bein gebrochen habe und einsam im Walde läge, und daß
sie ihn nicht früher wiederfinden würden, als bis er tot wäre. Oder daß
er ins Wasser gefallen sei und daß sie ihn dort als Leiche finden
würden, und dann konnten weder Mama noch Papa noch die Geschwister
jemals wieder froh werden. All das hörte Sven an und verstand nur, daß
Mama besser gegen ihn war als alle anderen Menschen. Dann ließ sie Sven
alles erzählen, was er gesehen und gethan, wie er sich vergnügt hatte
und wie weit er fort gewesen war. Sie erfuhr von dem kleinen Mäuschen,
von den Vögeln und von dem Sumpf und von den Steinwürfen. Und
schließlich verstanden sie einander, alle Beide, und waren nur glücklich
darüber, daß sie sich wiedergefunden hatten.
Und als sie sich so recht ausgesprochen hatten, nahm Mama Sven mit sich
zur Etagère. Da standen viele prächtige Sachen, mit denen Sven manchmal
spielen durfte, wenn alles sehr gut ging. Unter anderem stand da ein
weißer Pudel aus Porzellan, der eine Quaste am Schwanz hatte und einen
kleinen Pantoffel in der Schnauze trug. Er war sehr alt und gehörte
eigentlich nicht Mama. Denn Papa hatte ihn von seiner Mutter bekommen,
und er hatte ihr gehört, seit sie zwei Jahre alt war, da hatte eine
Pathin ihn ihr geschenkt.
Das war das Schönste, was Sven kannte, und den nahm Mama in der
Glückseligkeit ihres Herzens von der Etagère herab und gab ihn ihm,
anstatt der Rute. Aber er blieb da stehen, wo er stand.
»Denn sonst,« wie Sven sagte, »kann ich ihn zerschlagen. Und dann wird
Papa so böse.«
Aber er vergaß nie, daß er ihm gehörte. Und er pflegte zuweilen davon zu
sprechen, wenn Besuch kam.
»Den habe ich von Mama bekommen,« sagte Sven, »als ich in den Wald lief
und wiederkam. Das war, weil Mama sich so freute, als sie mich sah.«
Und Mama verteidigte ihre Erziehungsmethode gegen jede Kritik, indem sie
den Knaben in die Höhe hob und Alle ihn ansehen ließ. Gott segne sie!
Sie hatte Recht.
3.
So ging ein Jahr, ohne daß wir sein Schwinden bemerkten. Aber um diese
Zeit begann ihre Gesundheit ernstlich zu leiden, und ohne daß wir mit
einander davon sprachen, wußten wir Beide, daß es nur eine Möglichkeit
gab. Schon einmal früher hatte das Messer des Operateurs seine
lebensgefährlichen Eingriffe machen müssen, und die Krankheitssymptome,
die sich jetzt einstellten, waren uns nur allzu gut bekannt. Es
überraschte uns darum nicht, als der Doktor uns eines Tages das Urteil
verkündete und uns das, was wir schon geahnt, wissen ließ, nämlich, daß
nur eine schleunige Operation Elsa mir und meinen Kindern retten konnte.
Als sei ein Todesurteil über unser ganzes Leben gefallen, gingen wir an
diesem Tage in unserem Hause herum, und ich sah, daß Elsa von Allem
Abschied nahm. Zum ersten Male stand es ganz deutlich vor mir, wie viel
von ihren innersten Gedanken sie vor mir, sowie vor Allen verborgen
hatte, wie vertraut sie mit dem Todesgedanken war, und wie die
Gewißheit, daß sie jung sterben müßte, an ihrer innersten Lebenskraft
nagte. Sie war blaß geworden, und ihre Wangen waren abgemagert. Die
Hände waren wachsgelb, und sie ging in Angst vor mir umher.
Da bat sie mich zum ersten Male, sterben zu dürfen. Zum ersten Male
sprach sie von all dem, das sie getragen und verborgen, um dessentwegen
ich in sie gedrungen und das sie nie anders als in Andeutungen über die
Lippen gebracht hatte.
»Schon seit ich sehr jung war,« sagte sie, »lange bevor Du und ich uns
kennen lernten, ist es mir so natürlich gewesen, daran zu denken, daß
ich nicht lange leben würde. Dann fand ich Dich, und da vergaß ich
Alles. Denn Du hast mich so glücklich gemacht, Georg, Du hast mich
glücklicher gemacht, als ich Dich je machen konnte. Du hast mir meine
drei Knaben gegeben, meine zwei großen Jungen und den kleinen Sven. Und
was kann ich für sie, für Dich und für Euch Alle sein? Ich bin ja so
krank, und ich werde nie gesund. Du sollst mich vergessen, Georg. Ach
ja, ich weiß, daß Du um mich trauern wirst, weil Du mich lieb hast,
obgleich ich immer zart und schwach gewesen bin und Niemandem nützen
konnte. Aber Du sollst mich doch vergessen. Und Du wirst eine Andere
finden, die Dir mit den Kindern hilft.«
Und wieder bat sie mich sterben zu dürfen, bat, die wenigen Wochen, die
ihr gegönnt waren, in Ruhe zu leben. Sie wollte nur nicht auf dem
Operationstisch sterben, aber sie war es zufrieden, von hinnen zu
scheiden, und sie wollte bloß mit ihren Schmerzen so lange leben, daß
sie die Kinder auf das, was kommen mußte, vorbereiten und Abschied von
ihnen nehmen konnte.
So plötzlich war all das über mich hereingebrochen, daß ich nicht einmal
meine Gedanken zu ordnen vermochte, noch weniger fand ich Worte, um zu
antworten. Ich fühlte dunkel, daß ich mich, wenn ich hier eingriff, in
einen Kampf stürzte, der über das hinausging, was Menschen im
Allgemeinen verurteilt sind zu erleben. Ich fühlte die Scheu, die ich
immer empfunden habe, wenn es galt, an etwas zu rühren, das eines
anderen Menschen innerstes und unantastbares Eigentum ist. Und wenn es
etwas giebt, das kein Anderer als der Mensch selbst entscheiden kann, so
ist es wohl die Frage, ob er sich einem sicheren Tod unterwerfen oder
einen schweren Kampf aufnehmen soll, um vielleicht das Leben zu
gewinnen. Wie ich meine Frau vor mir sah, erschien sie mir so nahe und
doch so ferne. Ihre Bitte, sterben zu dürfen, war so rührend und so
ernst gemeint, daß ich nicht den Mut hatte, sie zu bitten, sich um
meinetwillen dem Leben wieder zuzuwenden. Denn für sie galt es nicht
mehr und nicht weniger. Und mit Staunen merkte ich, daß sie alles, was
sie liebte, verlassen konnte, weil sie vorbereitet war. Aber
gleichzeitig fühlte ich mit der Stärke der Verzweiflung, daß ich sie
nicht verlieren konnte. Ich konnte es nicht. Und in meiner Verzweiflung
nach dem Einzigen greifend, was mir in den Sinn kam, sagte ich bloß:
»Aber Sven, kannst Du Sven verlassen?«
Sie zuckte zusammen wie vor einem Keulenschlag, und sie rang ihre Hände
in Verzweiflung.
»Nein, nein! Ich kann nicht.«
Sie wankte zur Schlafzimmerthür und bat mich nur, sie allein zu lassen.
Ich sah sie die Thür hinter sich verschließen, und ich blieb sitzen, wo
ich saß, und hatte das Gefühl, daß alles, was ich mit ihr erlebt hatte,
tot und verschwunden war und daß sie jetzt von uns gehen würde. Ich
begriff, daß, wenn sie es nicht that, dies nicht um meinetwillen
geschah, sondern um des Kleinen willen mit dem goldenen Haar und den
wunderbaren Kinderaugen, ihrem kleinen Engel, der gekommen war und sie
ans Leben festgekettet hatte. Ich begriff all dies, aber es verletzte
mich nicht. Ich fand es ganz natürlich, daß ich allein sie nicht halten
konnte. Ich ließ den Kopf sinken und weinte, weinte zum ersten Male über
mich selbst und mein eigenes Leben. Und ich erwartete nichts, glaubte
nichts anderes, als daß die Tage jetzt ruhig und unerbittlich bis zu der
Stunde fortschreiten würden, die kommen mußte; und schließlich würde der
Tod all das zerreißen, wofür ich gelebt hatte.
Wie lange ich so saß, weiß ich nicht. Ich weiß nur, daß es dämmerig
wurde und daß ich dadurch auffuhr, daß ich fühlte, daß meine Frau auf
den Knieen vor mir lag und ihren Kopf an meinen Arm lehnte. Sie war so
leise gekommen, daß ich sie nicht gehört hatte, und ihre Stimme klang
ruhig, als sie sagte:
»Ich will für Dich leben, Georg, für Sven und unsere großen Jungen.«
Ich kannte ihre Stimme, wenn sie so tief und warm wurde, als sei alles
andere als ihre Liebe in ihr verstummt. Ich begriff, daß ihr Entschluß
jetzt unerschütterlich war, daß sie wieder uns Allen gehörte oder
gehören wollte, und eine warme Welle der Dankbarkeit gegen sie und das
ganze Leben durcheilte mich. Es dauerte lange, bevor wir unsere Lage
veränderten, aber als wir es thaten, erhob sie sich und zündete alle
Lampen an wie zu einem Feste.
Dann rief sie die Kinder herein, und sie kamen Alle still und sich
wundernd, und wir brauchten ihnen nichts zu erklären. Denn sie hatten
Alle verstanden, Jedes in seiner Weise, sie hatten mit einander
gesprochen, wie wir Großen, und sie wußten, daß Mamas Leben auf dem
Spiele stand, aber daß sie es wagte, um für sie leben zu können.
Sven kletterte auf Mamas Schoß und schmiegte sich an sie. Und er brachte
uns Alle dazu, durch Thränen zu lächeln, als er sagte:
»Mama darf nicht vom Fratzi wegsterben.«
Dies war ja einer seiner Kosenamen in der Familie, und er wendete ihn
selbst ohne eine Ahnung davon an, daß es komisch klang. Darum brachten
uns seine Worte beinahe etwas wie eine Verheißung des Lebens, und sie
beruhigten uns.
Aber als die Kinder zur Ruhe gegangen waren, gingen Elsa und ich, uns
mit den Armen umschlingend durch die Räume. Und ich sah, daß sie wieder
Abschied nahm, aber in anderer Weise als vor einigen Stunden. Am
nächsten Tage sollte sie in das Sanatorium fahren.
Aber als ich frühmorgens herauskam, saß Olof in dem großen Lehnstuhl
gegenüber der Schlafzimmerthüre.
»Sitzest Du schon lange hier?« fragte ich überrascht.
»Ja,« antwortete der Knabe einsilbig.
Er hatte da gesessen und an seine Mutter gedacht und daran, wie ernst
alles mit einem Schlage geworden war. Zum ersten Male fiel es mir auf,
wie groß er war, und ich ergriff seine Hand wie die eines
Gleichalterigen. Es zuckte in dem Gesicht des Zehnjährigen, aber er
konnte nichts sagen.
Als wir dann in der Droschke saßen, war er wieder Herr über sich selbst,
und er stieg noch auf das Trittbrett neben meine Frau, streichelte ihre
Wange und sagte beschützend wie zu einem Kinde:
»Habe keine Angst, Mama, es wird schon gut gehen.«
Svante kam auch heran, und der kleine Sven wurde aufgehoben und
plauderte und plapperte. In diesem Augenblick wußte Elsa nicht, wen von
Allen sie am Meisten liebte. Aber auf dem Wege kamen wir in unserem
Gespräche unaufhörlich auf unseren großen Jungen zurück, der zum ersten
Male wie ein Mann gesprochen und gefühlt hatte.
4.
Der Todesengel ging dieses Mal an unserem Heim vorbei, aber seine
Schwingen hatten uns so dicht gestreift, daß das, was jetzt geschehen
war, lange unserem ganzen Leben sein Gepräge gab, ja eigentlich nie
aufhörte, es zu thun. Doch -- noch einmal kehrte das Glück in unser Heim
zurück, aber gedämpft und ernster. Noch einmal kehrte sie zurück, die
unserem Alltagsleben heiliges Licht gab. Unsere Knaben hießen uns
willkommen, als wir wiederkamen, und der kleine Sven kletterte zu Mama
hinauf, schmiegte sich an sie und sah so innig glücklich und schelmisch
aus.
»Siehst Du, daß Du nicht vom Fratzi hast wegsterben dürfen,« sagte er.
Er sah so triumphierend aus, als glaubte er, daß der glückliche Ausgang
ihm zu verdanken sei, und hauptsächlich um uns Alle aufzumuntern, sagte
ich:
»Ich glaube, Du meinst, Du hast Mama gesund gemacht.«
»Das hat er auch,« antwortete meine Frau.
Und wieder sah ich den Ausdruck in ihren Zügen, der mir früher so fremd
erschienen war, aber den ich mehr und mehr zu verstehen anfing.
Sie schloß sanft den Kleinen in die Arme, und aus ihren Augen fielen
zwei klare Thränen. Dann reichte sie mir die Hand und sagte:
»Ich bin so froh, daß ich wieder zu Hause bin.« Ich konnte nichts
erwidern. Ich sah nur auf die Gruppe vor mir, und ich wußte, daß ich
hier das Glück hatte, das ich vor ein paar Wochen noch kaum zu erhoffen
gewagt. Und doch fühlte ich in meinem Herzen einen Stachel, wie von
einer grauenden Ahnung hoffnungsloser Einsamkeit.
5.
An den Frühling, der jetzt kam, erinnere ich mich wie an ein Meer von
Blumen, das jeden freien Platz in unserem Heim erfüllte. Die Hyacinthen
mischten sich nach und nach mit blauen Anemonen, die blauen Anemonen mit
weißen, mit Goldlack und Violen, und endlich, als der Johannistag
herankam und der Sommerwind in den herabgelassenen Gardinen spielte,
kamen die blühenden Syringen.
Mama und Sven waren es, die die Blumen herbeischafften, und es wäre
schwer zu entscheiden, wer von ihnen Beiden Blumen am meisten liebte.
Ich sehe sie noch Seite an Seite, die Hände voll Blumen, rotwangig und
plaudernd über den großen Hof zu der offenen Veranda gehen. Ihr Haar war
ebenso schwarz wie das seine blond, aber ihre tiefen blauen Augen waren
gleich. Sie bildeten den seltsamsten Kontrast, und doch waren sie
ähnlicher, als Mutter und Kind zu sein pflegen. Sie gehörten zusammen,
als wären sie geschaffen, stets vereint zu sein, stets mit Blumen in den
Händen zu gehen, bis zu des Lebens Ende Hand in Hand zu wandeln und
einander in die Augen zu blicken. Niemand konnte sie zusammen sehen,
ohne daß sein Gesicht von einem sonnigen Lächeln erhellt wurde, und oft
konnte ich das merken und meinen eigenen Reichtum noch erhöht fühlen.
Denn in dieser Zeit dünkte mich das Leben reich und voll wie nie. Ich
vergaß wieder alles, was meine Seele mit schweren Ahnungen erfüllt
hatte, und der Moment war mir genug. Es kam mir vor, als hätten wir
alles, was traurig und schwer war, nur durchmachen müssen, um nachher
ein umso volleres Glück zu genießen. Ich war dankbar für jeden neuen
Tag, der ging, ich war froh, daß ich vergessen konnte, und ich hatte das
Gefühl, als würden wir einem Glück entgegengetragen, höher als das,
welches Menschen erreichen.
Ich glaube, daß auch meine Frau, wenigstens eine Zeit lang, dieses mein
Gefühl teilte. Denn von ihr ging dieser stete Strom von Glückseligkeit
aus. Sie war wirklich zum Leben zurückgekehrt, sie fühlte sich gesund,
sie lebte unter großen alten Bäumen und in einem Ueberfluß von Blumen.
Sie hatte uns alle um sich, und nichts störte ihre Ruhe.
So ging sie eines Abends mit mir über den langen Weg, auf dem wir
Niemandem begegneten und den wir deshalb am liebsten gingen. Rings um
uns blühten die Syringen und erfüllten die Luft mit ihrem Geruch, und
auf dem bleichen, hellen Junihimmel schwebte der Halbmond, ohne ein
Licht zu werfen, nur in dem Blau schwimmend, das sich grenzenlos weit
wölbte und auf dem blasse Sterne gleichsam zu funkeln versuchten, ohne
die Nacht durchbrechen zu können.
Wenn ich mich an diese Zeit und alles, was dann folgte, erinnere, muß
ich mit Staunen an unsere Spannkraft denken. Als wäre nur eine
Streuwolke über unseren Himmel gezogen und verweht worden, so wandelten
wir hier jeden Abend glücklich auf und nieder, und in unseren Gesprächen
war nicht der leiseste Schimmer von Wehmut. Alles, was gewesen, lag
begraben hinter uns. Es war wohl nicht das sorglose Glück mit dem
unerprobten blinden Zutrauen der Jugend zu sich selbst. Es war viel
mehr. Es war diese ruhige stille Harmonie, die zwischen Menschen kommt,
die zusammen gelitten und überwunden haben, ein Glück, das nichts trüben
und nichts zerstören kann, weil es unauflöslich mit dem Innersten des
Wesens zweier Menschen verwachsen ist. Wir wußten in dieser Zeit, daß
wir nichts wünschten, nichts begehrten, als das, was wir schon besaßen.
In solchen Perioden des Lebens kann der Eine die Einsamkeit suchen, um
seine Thränen zu trocknen, weil er sich schämt, zu zeigen, wie glücklich
er ist. Keine fremden Gedanken, die ihre eigenen Wege gehen, keine
Phantasieen, kein Verlangen kann diese seltsame Stimmung steigern, aus
der die Lebenskraft quillt. Alles, wovon Sagen und Lieder gesungen, lebt
da sein volles, niemals versiegendes Leben, so wie keine Dichtung es
wiederzugeben vermag, und ich glaube, daß solche Erfahrungen allein das
Zusammenleben zwischen Mann und Weib heilig machen können.
Wenigstens fühlten wir so in diesen linden Frühlingsnächten, in denen
unsere Spaziergänge immer an demselben Platze schlossen, vor den Betten
der schlafenden Kinder. Wir sprachen nicht viel von dem, was wir
fühlten. Aber eines Abends sagte meine Frau:
»Wie lange ist es, daß wir verheiratet sind?«
»Warum fragst Du? Du vergißt ja Daten nie.«
»Ja, aber kann es wahr sein, daß es mehr als zehn Jahre sind? Kann es
wahr sein, daß wir so alt sind?«
»Betrübt Dich das?« antwortete ich und lächelte.
Sie schmiegte sich an mich und nahm meinen Arm.
»Es gab eine Zeit, wo ich solche Angst hatte, alt zu werden,« sagte sie.
»Und das habe ich noch. Aber ich verstehe nicht, wie Leute davon
sprechen können, daß man in der Jugend am meisten liebt und am
glücklichsten ist. Das müssen Menschen sein, die nicht lieben können.«
Ich versuchte einen Einwand. Aber sie unterbrach mich, indem sie von
Anderen zu sprechen begann. Sie sprach von Freunden, denen wir zugethan
waren, von Bekannten, mit denen wir verkehrten. Und sie stellte in
Abrede, daß sie glücklich sein konnten. Sie erzählte Züge aus ihrem
Leben, was sie gethan und was sie gesagt hatten. Noch länger verweilte
sie bei dem, was sie nicht gethan und nicht gesagt hatten. Und sie
schloß mit den Worten:
»Ich glaube, in unserer Zeit haben die Menschen vergessen, zu lieben.
Sie sind durch so vieles andere ausgefüllt.«
Alles, was meine Frau mir jetzt sagte, verwunderte mich. Denn sie
pflegte sich selten mit Anderen zu beschäftigen, wenn sie mit mir allein
war, und ich suchte die Menschheit in Schutz zu nehmen. Ich brachte sie
sogar dazu, ein paar Ausnahmen zuzugestehen.
Aber sie antwortete auf alles, was ich anzuführen hatte, als hörte sie
mir eigentlich nicht zu; und als sie verstummte, fuhr sie fort, ihren
eigenen Gedankengang verfolgend:
»Warum bist Du und ich glücklicher, als alle anderen Menschen?«
Sie sagte das mit einem Ernst, als berührte sie nur ein ganz bekanntes
und anerkanntes Faktum, und sie fügte hinzu:
»Ich finde, daß alle Anderen unglücklich sind, wenn ich sie mit Dir und
mir vergleiche.«
Ich lächelte über ihren Eifer, während ihre Worte mir gleichzeitig warm
ums Herz machten.
»Warum mußt Du vergleichen?« sagte ich.
»Weil es mich glücklich macht,« antwortete sie. Und indem sie vor mir
stehen blieb und zu mir aufblickte, fügte sie hinzu:
»Laß es mich jetzt sagen, weil ich sonst vielleicht nie dazukomme, es
Dir zu sagen. Ich finde, es ist so eigentümlich, wenn ich an die erste
Zeit denke, wo wir verheiratet waren. Da meinte ich, daß ich Dich liebte
und daß ich glücklich war. Das war deshalb, weil ich nichts wußte und
nichts verstand. Nun weiß ich, was es bedeutet, und nun will ich Dir
danken.«
Bevor ich es hindern konnte, hatte sie meine linke Hand ergriffen und
sie geküßt, und als ich versuchte, sie zurückzuziehen, hielt sie sie
fest und küßte sie abermals, da wo der Ringfinger war.
Es lag eine Macht in ihrem Gefühl und ihrer Person, als sie diese Worte
sagte, die mich beinahe verwirrte. Stumm nahm ich sie in meine Arme und
küßte sie mit dem Gefühl, daß ich zum ersten Male meine Braut küßte. Und
ich wußte mit ihr, daß die Erde keine größere Seligkeit barg.
6.
Sven hatte einen Spielkameraden gefunden, und das war ein Ereignis in
seinem kleinen Leben. Denn früher hatte er nur mit den großen Brüdern
gespielt. Nun war dieser Spielkamerad ein paar Monate jünger als Sven,
und überdies war der Spielkamerad ein Mädchen. All dies war etwas sehr
Neues und Entzückendes, und in dieser Zeit hatte Sven viel mit Mama zu
besprechen.
Die kleine Martha war mit ihrem Papa und ihrer Mama hinaus aufs Land
gezogen, und im Anfange hatten sie und Sven einander aus der Entfernung
betrachtet. Martha war ein kleines, unbeschreiblich süßes Mädchen mit
roten, frischen Wangen, klaren, blauen Augen und langem, lockigem Haar,
das beinahe so wie Svens eigenes war. Und es dauerte nicht sehr lange,
so kam sie eines Tages und setzte sich in die Nähe von Sven und
betrachtete neugierig, was er vor hatte.
Sven war gewohnt, für sich allein zu spielen, und er hatte ein Spiel,
das ihn sehr unterhielt und eigentlich ganz leicht faßlich war. Es
bestand darin, daß er hinausging und sich auf eine Wiese setzte. Da
betrachtete er mit dem größten Interesse alles, was auf dem nächsten
Fleckchen Erde um ihn vorging. Da waren Ameisen, die auf Grashalme
kletterten, ein Schmetterling, der sich auf eine Blume setzte und dann
auf weißen Flügeln weiter in die Sonne flatterte, ein Hirschkäfer, der
auf den Rücken gefallen war und umgedreht werden mußte, um weiter
kriechen zu können, oder ein paar Vögelchen, die zwischen den
Erdhügelchen umherhüpften und sich nicht von dem Kinde stören ließen,
wenn sie für sich oder ihre Jungen Futter suchten. Oder er saß auch ganz
einfach da und pflückte Grashalme um sich ab und ließ sie grübelnd und
untersuchend durch seine Finger gleiten, und wenn er die Hand voll
hatte, warf er sie alle fort und begann neue auszureißen. Das nannte
Sven selbst »im grünen Gras spielen« und davon konnte er lange erzählen,
wenn er das Spiel unterbrach und zu Mama hineinlief, um über die
Entdeckungen, die er gemacht hatte, zu berichten. Dem guckte nun die
kleine Martha zu, und schließlich fragte sie Sven, was er mache.
»Siehst Du nicht, daß ich im grünen Gras spiele?« sagte Sven.
Und er machte vor Verwunderung große Augen.
Nein, das verstand Martha gar nicht. Aber da Sven sich so lange damit
beschäftigte, nahm sie an, daß es etwas unbeschreiblich Unterhaltendes
sein mußte, und darum setzte sie sich neben ihn. Und die beiden Kinder
rissen Gras aus und beobachteten Ameisen und kamen sich dabei so nahe,
daß, als sie fortgingen, sie einander bei der Hand hielten und meinten,
sie könnten sich gar nie trennen.
Ein paar Tage später saß Sven drinnen bei Mama und sprach von Martha.
Jetzt sprach er nicht mehr von Gras und Blumen oder Vögeln und
Schmetterlingen. Jetzt erzählte er nur, was Martha gesagt und was Martha
gethan hatte, und wie gut sie sich mit einander unterhielten.
Eines Tages sagte Mama zu ihm:
»Du hast Martha wohl sehr lieb?«
Da schob Sven die Unterlippe vor und antwortete:
»Weißt Du nicht, daß Martha meine Braut ist?«
Mama antwortete sehr ernst:
»Das hast Du mir noch gar nicht gesagt.«
»Du mußt es aber doch wissen,« meinte Sven. »Wir wollen uns heiraten.«
»Wann wollt ihr heiraten?« fragte Mama.
»Wenn wir groß sind, natürlich,« antwortete Sven.
Sven war sehr glücklich, eine Braut zu haben, die er heiraten sollte,
und es war das Schönste, was man sich denken konnte, wenn die zwei
Kinder Hand in Hand über den Hof kamen und der Sonnenschein in ihrem
lockigen Haar spielte, oder wenn Sven Martha in ihrem kleinen Wagen zog
und sich unaufhörlich umdrehte, um sie anzusehen.
Aber manchmal zankten sie sich, und dann wurde Sven düster und ging zu
Mama und sagte, daß Martha abscheulich sei.
Dann antwortete Mama:
»Ja, aber Du willst sie doch heiraten, und da müßt Ihr doch wieder gut
Freund werden.«
»Ich will sie nicht heiraten,« sagte Sven.
Aber wie dies nun auch sein mochte, sie wurden wieder gut Freund,
versöhnten und küßten sich und unterhielten sich noch besser, als je
zuvor.
Es versteht sich von selbst, daß Mama Svens Braut mindestens ebenso
anbetete wie er selbst, und wenn sie herauskam und Sven mitnehmen wollte
und Sven seinerseits Martha nicht verlassen konnte (eine ganz neue
Erfahrung in seinem kurzen Dasein), dann löste sich der Konflikt in der
Weise, daß Mama die Brautleute Eines an jeder Hand nahm und zugleich
ihre Spielkameradin und ihre Vertraute wurde. Ja, ich fürchte, sie
sprach mit ihnen Beiden von Liebe und Ehe, weil sie wie Keiner ihre
Sprache konnte, und es mag wohl sein, daß sie bei der Stärke ihrer
Phantasie sich schon als Schwiegermutter zu fühlen anfing.
Es nützte nichts, wenn Jemand versuchte, Svens Liebe von der
scherzhaften Seite zu nehmen. Olof höhnte allerdings das kleine
Brüderchen und versuchte zu erklären, daß ein richtiger Kerl sich nichts
aus Mädels machte. Selbst Svante, der in diesem Punkte ein weniger
reines Gewissen hatte, versuchte das kleine Brüderchen damit
anzugreifen, daß es eben zu klein war.
In seiner Not wendete sich Sven an Mama als an die höchste Autorität.
Und Mama sagte ihm, daß er sich nicht darum kümmern solle, was die
großen Jungen sagten, und wenn er Martha lieb habe, so wäre das ja
nichts Komisches, gleichviel ob er klein oder groß sei.
Nun fand Sven, daß die Brüder ihr Teil bekommen hätten, und ließ sich
sein Glück nicht weiter von ihnen trüben. Er war selbst so ernst mitten
in seiner Freude, daß er nicht begriff, wie irgend Jemand über so etwas
scherzen konnte, und darum machte er auch kein Geheimnis aus der Sache.
Wenn ein Aelterer, was ja vorkam, ihn fragte, ob es wahr sei, daß er
eine Braut habe, antwortete er ohne Weiteres Ja, und gleich darauf lief
er fort und spielte mit ihr, so als wollte er die ganze Welt fragen, ob
sie nicht schön und süß sei, wie eine richtige Braut sein soll.
Ja, Sven betrug sich überhaupt so, daß man aufhörte mit ihm zu scherzen,
und selbst die Brüder ließen ihn in Frieden.
Aber eines Tages kam Olof auf den Einfall, ihm zu sagen, daß er Haare
hätte wie ein Mädchen. Das hatte Sven schon vorher gehört und sich
nichts daraus gemacht.
Aber jetzt fügte der große Bruder hinzu:
»Das paßt doch für Dich nicht, wenn Du eine Braut hast.«
Und das machte auf Sven einen tiefen Eindruck.
Von diesem Tage an hörte er nicht auf, Mama wegen seines Haares zu
quälen.
»Ich will mein Haar so haben wie die anderen Jungen,« sagte er.
Es half nichts, daß Mama sich wehrte und Sven bat, sich doch nicht um
das zu kümmern, was die großen Jungen sagten. Es half nicht einmal, daß
sie Sven bat, Mama zu Liebe seine schönen Locken zu behalten, die Mama
so gerne hatte. Sven blieb dabei, daß sie fort sollten.
»Ich will nicht wie ein Mädchen aussehen,« sagte er.
Mama trauerte bei dem bloßen Gedanken, daß jemand die schönen Locken
auch nur berühren sollte.
»Ich kann mir das Burschi nicht ohne seine Locken denken,« sagte sie.
Sie nahm ihn in ihre Arme, flüsterte mit ihm, plauderte, überredete und
bat und flehte für die lieben Locken. Aber Sven ließ sich nicht
überzeugen. Er bat so schön und sah so rührend aus, daß er schließlich
seinen Willen durchsetzte.
Er kam in seinem kleinen roten Hut herein, die weiße Bluse flatterte um
die kleinen Beinchen.
»Ich fahre in die Stadt und lasse mich scheren,« schrie er.
Er war voll Eifer und Entzücken, und als er im Zuge saß, plauderte er in
einem fort und wendete sich an einen fremden alten Herrn, den er nie im
Leben gesehen hatte, daß er zur Stadt fahre, um sich sein langes Haar
abschneiden zu lassen.
Der alte Herr sah von seiner Zeitung auf, warf dem Knaben einen
zerstreuten, gleichgiltigen Blick zu und fuhr fort zu lesen.
Sven glaubte, daß er nicht gehört hatte, und wiederholte der
Deutlichkeit wegen:
»Ich lasse mir mein Haar schneiden, damit ich nicht wie ein Mädchen
aussehe.«
Aber der alte Herr verschanzte sich hinter seine Zeitung und murmelte
etwas, das Mama veranlaßte, ihr kleines Herzblatt zum Schweigen zu
bringen.
Dann blieb Sven den ganzen Weg stumm und saß ganz stille da, als
grübelte er über irgend etwas nach. Er sah so unglücklich aus, daß Mama
ihn auf den Schoß nahm und ihn streichelte und bitterböse auf den alten
Herrn wurde, der nicht begriff, daß der Kleine dasaß und sich grämte,
daß nicht alle fremden Herren sich darum kümmern, daß ein kleiner Junge
froh ist.
Sven schwieg, als er auf die Straße kam. Aber dann flüsterte er, als
hätte er Angst, daß Jemand sie hören könnte.
»Das war bestimmt kein netter Herr.«
»Ja, aber siehst Du, Sven, Du hast ihn doch nicht gekannt,« sagte Mama.
»Deswegen hätte er doch nett sein können,« sagte Sven.
»Aber kleine Jungen sollen nicht zu fremden Leuten sprechen,« wendete
Mama ein.
»Ich glaubte, er würde sich freuen, wenn er hörte, daß ich nicht mehr
wie ein Mädchen aussehen muß.«
Armes Kindchen! dachte Mama, und wieder ergrimmte sie in ihrem Herzen,
wenn sie an alle verdrießlichen Menschen dachte, die die Freude der
Kleinen zerstören. Armes Kindchen! Wie wird es Dir einstmals in der Welt
gehen?
Und um Sven richtig zu trösten und seine Freude wieder wachzurufen,
sagte sie.
»Das war ein abscheulicher, schlimmer alter Herr. Ganz schlimm war er.«
Da wurde Sven wieder eitel Sonnenschein, und sein Schmerz war verflogen,
weil er glauben durfte, daß nur abscheuliche Menschen so etwas thun.
Sein Haar wurde geschnitten, und er durfte in eine Konditorei gehen. Da
bekam er Backwerk und war überglücklich, weil er glaubte, daß alle
Menschen wußten, daß er zum ersten Male geschoren war wie ein Junge.
Dann fuhr er wieder mit Mama nach Hause, und als er in den Hof kam, ließ
er Mamas Hand los und lief, so rasch seine Beine ihn tragen wollten,
hinein zu Papa.
Da blieb er beim Schreibtisch stehen, nahm den Hut ab und vergaß, daß
man Papa nicht stören durfte, wenn er arbeitete. Er stand stille mit dem
Hut in der Hand, und sein ganzer Körper arbeitete vor Aufregung zu
hören, was Papa sagen würde. Ja, seine Augen wuchsen, so daß es aussah,
als wäre der Junge nichts als Augen.
Papa sah und sah und ahnte, daß etwas ganz Merkwürdiges vorgefallen war.
Endlich ging ihm ein Licht auf, und da mußte er den Kleinen in die Höhe
heben und wieder niederstellen.
»Jetzt ist Sven aber ein richtiger Junge geworden,« sagte Papa.
Und mit diesem Attest seiner Männlichkeit lief Sven fort, um sich den
großen Brüdern zu zeigen und von Martha bewundert zu werden.
7.
Der Sommer, der in einer so lächelnden Umgebung begonnen, sollte sich
jedoch an der Westküste fortsetzen, und die Ursache war die, daß eine
Sehnsucht, stärker, als ich sie schildern kann, mich hinzog.
Ich kann nicht sagen, wie diese unvernünftige Sehnsucht in mein Blut
kam. Möglicherweise lag die Ursache darin, daß ich einmal als Kind einen
Sommer an der Westküste verbrachte, und es ist ja ziemlich
unentschieden, welche Rolle diese frühen, selbst vorübergehenden starken
Kindheitseindrücke bei der Bildung des Grundstoffs der Gefühle spielen,
der dann unser Leben bestimmt.
Es will mir selbst wunderlich erscheinen, daß die Erinnerungen an diese
Wochen sich durch mehr als dreißig Jahre so lebendig erhalten konnten.
Ich war nämlich damals erst sechs Jahre alt, und aus diesem Alter
pflegen alle anderen Erinnerungen, außer denen an das Heim, in dem man
jahrelang gewohnt, zu verblassen. Aber viele Jahre hindurch habe ich das
Meer vor mir gesehen, so wie ich es damals sah ... Ich habe es mit
himmelhohen Wellen gesehen, bis ins Undenkbare durch die Phantasie des
Kindes vergrößert. Ich habe den Tang, die Quallen und die Seesterne
gesehen, das ganze reiche Leben auf dem Meeresgrund in seichten Buchten
und an grauen Klippen. Ich habe kahle Felsen sich über dem Meere erheben
gesehen, das sich an ihrem Fuße brach, und ich habe die wunderliche
Erinnerung eines großen Sturms in mir auftauchen gefühlt, der Mengen von
Sand gegen mein empfindliches Kindergesicht peitschte.
Es ist wunderlich, daß man so lange herumgehen und eine solche
Erinnerung mit sich herumtragen kann, und noch wunderbarer, daß sie es
vermag, eine solche Macht über unsere Seele auszuüben. Eine solche
Erinnerung ist von einer sehnsüchtigen Wehmut erfüllt, die dem Traum des
jungen Mädchens von dem Ritter gleicht, der sich eines Tages zu ihrem
Ohre neigen und ihr Verheißungen eines überschwänglichen Glücks
zuflüstern wird. Sie gleicht dem, was der Jüngling fühlt, der die
Siegesverheißungen der Zukunft in seinen pochenden Adern singen hört.
Ja, sie gleicht vielleicht am meisten dem stillen Zukunftsglauben, der
bei Männern lebt, in denen der Jüngling nie ganz gestorben ist. Sie lag
tief in meiner Seele wie Heimweh, und es dauerte Decennien, bis ich
ihrer Mahnung gehorchen konnte.
Aber als ich nach vielen Jahren endlich so weit kam, zu wissen, daß ich
einen Sommer am Meer genießen konnte, da war es meine Frau, die mich
befürchten ließ, daß meine ganze Freude in Rauch aufgehen würde. Meine
Frau hatte nämlich niemals die Westküste gesehen, und ich wußte, daß sie
eine Art von Widerwillen gegen die ganze Reise hegte und nur nachgab,
weil sie begriff, daß der geringste Widerstand mir wehe thun würde. Das
wußte ich, weil sie einmal gesagt hatte: »Ich kann mir keinen Sommer
denken, in dem man keine Bäume sieht.« Und ich begriff sehr wohl, daß,
als ihr diese Worte entschlüpften, sie einen Widerwillen gegen diese
ganze Fahrt verriet, der so tief saß, daß sie selbst fürchtete, ihn
nicht überwinden zu können. Da sie jedoch sah, daß ich ihre Antipathie
gemerkt hatte, that sie Alles, um diese Worte in meiner Erinnerung
auszulöschen. Aber sie verließen mich nicht, und ich fing an, mich
beinahe beklommen zu fühlen, wenn ich an mein ersehntes Meer dachte.
Diese ganze Sache war für mich weder so unbedeutend noch so thöricht,
als sie vielleicht klingen mag. Niemand kann eine wirkliche Freude
fühlen, wenn sie sich mit Mißtönen mischt, und der schlimmste Mißton,
den ich mir denken konnte, war, wenn meine Frau meine Freude nicht
teilte. Ich hatte mich ja daran gewöhnt, mich nie einsam zu fühlen,
weder in Freude noch in Schmerz, und es brachte mich außer mir, daß ich
nun merkte, daß ich mit meiner Sehnsucht allein stand.
Ich wollte, daß mein Traum von einem Sommer Wirklichkeit würde, und ich
kämpfte für dieses Ziel mit demselben Eifer, wie damals, als ich mich
auf dem Wege glaubte, die Liebe meiner Frau zu verlieren, und kämpfte,
um sie wiederzugewinnen. Tag und Nacht grübelte ich über die Möglichkeit
nach, der Gefahr vorzubeugen, von der ich fürchtete, daß sie meine
Sommerfreude stören würde, und schließlich glaubte ich ein Mittel
gefunden zu haben. Ich schlug nämlich eines Tages meiner Frau vor, daß
wir die Reise nach der Westküste rings um die ganze schwedische Küste
machen sollten, und ich that es, weil ich sie besiegen wollte. Ich
fühlte, daß zwischen uns ein stummer Kampf ausgekämpft wurde, aus dem
ich nicht als der Ueberwundene hervorgehen wollte. Ich wollte meine Frau
zwingen, das Meer zu lieben, und ich glaubte, daß die Art, die ich
erfunden hatte, etwas von dem Besten war, worauf ein Mensch je gekommen
war. Mein Gedankengang war nämlich dieser: »Der Weg geht durch den
Schärengarten Stockholms. Er setzt sich an unserer ganzen herrlichen
Ostküste fort. Nach und nach, beinahe unmerklich, wird sie die lächelnde
Natur der Ostküste in die karge der Westküste übergehen sehen, und ohne
es zu wissen, wird sie von der Größe ergriffen werden, die alles Andere
übertrifft.«
Ich kann doch nicht behaupten, daß auf der Reise selbst etwas eintraf,
das mir Anlaß gab zu glauben, daß mein so gut ausgedachter Plan die
gewünschte Wirkung hatte. Meine Frau freute sich wie immer an einer
schönen Dampfschiffreise; aber daß die Fahrt selbst ihren Gedanken eine
bestimmte Richtung gab, konnte ich nicht entdecken. Das Ganze war für
sie eine lange Dampfschiffreise, als solche das Herrlichste, was sie
kannte, aber nichts weiter.
Ich befand mich die ganze Zeit in starker Spannung, und mein Mut begann
zu sinken, als wir Gothenburg passiert hatten und ich den Meeresschaum
um meine geliebte Westküste zischen sah.
Es wehte ein tüchtiger Sturm, und der war natürlich in diesem
Augenblicke alles eher als willkommen, weniger, weil er die Fahrt
erschwerte, als weil ein Westküstensturm nicht geeignet ist, den
Unwillen gegen das Meer zu benehmen, wenn ein solches Gefühl einmal
vorhanden ist. Ich beobachtete die ganze Zeit meine Frau, und ich
betrachtete sie von der Seite, während das Boot auf den Wogen emporstieg
und die Wellen das Verdeck vom Kiel bis zum Steuer überschwemmten. Aber
ich konnte nichts entdecken, was meine stumme Frage beantwortete. Wie
sie da saß und über das schwarze Wasser blickte, schien sie mir
unzugänglich, und in mir riefen hundert widerstreitende Stimmen, die
sich, wie mich dünkte, alle in einer Kraftanstrengung sammelten, um zu
ihrem Herzen und ihrer Sympathie zu dringen.
Aber wie ich da saß, begann meine Unruhe zu weichen, und ungestört von
allen Zweifeln und aller nervösen Gehetztheit sah ich zum ersten Male
die Natur der Westküste. Sie erfüllte mich mit einer Empfindung, die ich
heilig nennen will, und vor diesem verschwand alles Andere.
Das Boot tanzte über die erregte Wasserfläche, und vor seinem Bug
klärten sich die Konturen einer langgestreckten Insel, die sich auf
einem Hintergrund treibender Wolken abzeichnete. Je näher wir dieser
Insel kamen, desto stärker glühte in mir die Freude jahrelanger
Sehnsucht, die nun befriedigt werden sollte. Wir stiegen auf der Brücke
ans Land, und in einem gierigen Blick faßte ich alles um mich auf. Ich
sah die Brücken, die Bootshütten, all die kleinen Gebäude, die, in
hellen Farben leuchtend, sich auf dem Abhang der kahlen Klippe
zusammendrängten. Im Hafen schaukelte sich Boot an Boot, und auf den
Klippen lagen Mengen von Fischen in der Sonne, um zu trocknen. Draußen
auf einer Landspitze stand eine Gruppe von Männern in getheerten
Kleidern, mit Südwestern und hohen Stiefeln, und ordneten langsam und
bedächtig einen Haufen großer Fische, die ich meines Wissens noch nie
gesehen hatte.
Die starke Luft peitschte mein Gesicht und meine Wangen, und um mich
vernahm ich ein Donnern wie von brausenden Wasserfällen, die rasende
Winde peitschten. Ich sah die Konturen der Klippen in der Ferne blau und
schwarz verschwimmen, wenn der Sturm die Wolken in wilder Jagd über den
Himmel trieb, der durch zerrissene Nebel blau leuchtete. Und als ich zu
unserem kleinen weißen Haus kam, das am äußersten Ende der westlichen
Landspitze lag, weit weg von der Gruppe anderer menschlicher
Wohnstätten, da sah ich zum ersten Male das Meer.
Ich stand lange und blickte hinaus über dieses Meer, das ich endlich
erreicht hatte; und als ich in unsere Zimmer kam, sah ich, daß meine
eigenen Fenster dieselbe Aussicht hatten, die ich eben verlassen, nur
daß das Meer mir noch näher gekommen zu sein schien. Wieder stand ich
stille und wußte nicht, was in diesem Augenblick in mir vorging. Aber im
selben Moment fiel mein Blick auf meine Frau. Sie stand allein am
Fenster und sah hinaus, und in einem Augenblick kam es über mich, daß
ich alles, was durch Wochen meine Gedanken beschäftigt hatte, alle
Ueberreizung, alle Zweifel, alle List, alle Berechnung, den ganzen
Kampf, um meine Frau zu zwingen, zu fühlen wie ich -- daß ich all das
vergessen hatte, seit dem Moment, wo ich den Fuß auf die felsige Insel
gesetzt hatte. Nun stand sie da, und ich wußte nicht, ob unsere Gedanken
in diesem Augenblick sich zum Kampfe gegen einander erhoben oder sich
begegneten.
Da wendete sie sich um, und ich sah, daß ihre Augen voll Thränen waren.
Sie streckte die Hand nach mir aus, ich nahm sie, und zusammen standen
wir da und blickten hinaus übers Wasser. Unter unserem Fenster rollten
die Wellen über die Steine, und so weit das Auge reichte, sah man nur
die weißen Kämme der Wellen gegen den dunklen Meeresspiegel, und die
kleinen Schären, an denen das Meer sich brach. Wie Kaskaden von weißem
Schaum stürzten die Wellen zur Höhe, von der Schwere des ganzen Meeres
hervorgepreßt, das vom Westen auf sie drückte. Es war ein Aufruhr voll
ruhiger Kraft, ein großer Ausbruch, der etwas von dem vollen Jubel des
Lebens selbst in sich trug.
Vor diesem Aufruhr legte sich mein eigener zur Ruhe, und mit der Hand
meines Weibes in der meinen, fühlte ich, daß wir Beide auf dem Wege zum
Meere gewesen und auf getrennten Straßen hingelangt waren. Wir sprachen
kein Wort, aber wir standen lange da, und das, was gewesen war, starb in
uns. Als wir einschlummerten, hörten wir noch das Getöse des Sturms und
der Wogen, und als das Tosen aufhörte, erwachten wir durch die Stille.
Vor unseren Fenstern lag das Meer ruhig und groß.
8.
Diese Erinnerung habe ich schon vor Jahren aufgezeichnet. Ich wußte
damals nicht, daß ich einst einen anderen und größeren Kampf mit meiner
Frau kämpfen würde, einen Kampf, nach dessen Beendigung ich einsam
dastehen sollte, und doch nicht einsam, niedergebeugt, aber doch nicht
ohne Hoffnung.
Jetzt sehe ich uns auf der höchsten Klippe vor unserem weißen,
traulichen Hause sitzen. In einer Pracht, die stets neu ist, die Abend
für Abend wechselt, versinkt die Sonne ins Meer, und zwischen uns sitzt
Sven. Er ist bloßfüßig und braun, und weil es gegen Abend kühl wird,
steckt er seine kleinen Füße unter Mamas Kleid. Er bettelt, so lange
aufbleiben zu dürfen, als die Sonne zu sehen ist. Sich wundernd folgen
seine Augen dem letzten flammenden Schimmer der Sonne, die in dem ruhig
wogenden Meer verschwindet. Er sitzt da, das Kinn in die Hand gestützt,
als dächte er an etwas Ernstes, das er nicht in Worte kleiden kann. Und
als er endlich weiß, daß er zu Bett gehen muß, hängt er sich an Papas
Hals und bittet, daß ich ihn trage.
Mit meiner leichten Bürde auf den Armen steige ich sachte über die
Klippen, und als ich wiederkehre, sehe ich gegen den Himmel die dunkle
Silhouette der Gestalt meiner Frau. Sie sitzt, wie Sven eben saß, und
ihre Augen suchen den Punkt, wo die Sonne untergeht und die Flammen der
Abendröte erloschen sind.
9.
Nie ist Sven so bewundert, so geliebkost, so von allen auf Händen
getragen und vergöttert worden, wie in diesem Sommer. Die Lootsen trugen
ihn über die Berge und schnitzten ihm Boote, die alten Mütterchen
blieben stehen und lächelten strahlend, so wie sie ihn nur erblickten.
Die jungen Frauen vergaßen ihre eigenen Sprößlinge und sagten, daß sie
niemals ein solches Kindchen gesehen hätten, die Mädchen führten ihn auf
die Klippen und spielten mit ihm, ohne daß er sie zu bitten brauchte.
Sven ging in beständigem Sonnenschein herum, und er wurde braun und
stark in dieser Luft, so wie er es nie gewesen.
Sven war mit einem Worte der Mittelpunkt all unserer Gedanken und die
Sonne dieses unseres einzigen Sommers an der Westküste.
Es war jedoch wunderlich, daß er gerade in dieser Zeit einen neuen
Gesprächsstoff fand, zu dem er immer wieder zurückkehrte. Für Sven war
es nämlich eigentümlich, daß er von allem sprach, was ihm in den Sinn
kam, und er that es ungekünstelter, als Kinder es zu thun pflegen,
vollkommen unbekümmert in Beziehung auf den Eindruck, den er auf einen
Erwachsenen machen könnte. Bei Kindern ist es ja sonst gewöhnlich, daß
sie bis zu einem gewissen Grade das, was sie denken, bei sich behalten
und sich nur mit einer gewissen Zurückhaltung einem Aelteren gegenüber
aussprechen. Dies kommt daher, daß sie fürchten, ihre Gedanken von dem
Lächeln der Ironie getroffen zu fühlen, selbst wenn dieses Lächeln mit
Wohlwollen gepaart ist. Besonders ist dies der Fall, wenn ein Kind
gefühlvoller, naiver, seiner Natur nach offener ist als andere Kinder,
oder sich in seinem ganzen Wesen von der Mehrzahl unterscheidet.
Sven hatte von dem Moment an, wo er seine Augen aufschlug, nie etwas
Anderes als verständnisvolle Wärme um sich gefühlt. Als er in das Alter
trat, in dem Eltern sich mit ihren Kindern beschäftigen können, waren
ihm beinahe stündlich ein Paar Augen gefolgt, die sich über jede seiner
Bewegungen freuten, jedes Wort verstanden und aufmunterten, jede
Aeußerung seiner zarten, unschuldigen Seele klarer und besser
wiederspiegelten, als er selbst sie gethan hatte. Durch die Liebe seiner
Mutter lernte der kleine Sven die ganze Welt um sich kennen, und weil
sie zu seiner eigenen sich zärtlich hingebenden Person paßte, so wie er
zu ihr, die ihm Tag für Tag etwas gab, was mehr war, als daß sie ihm das
Leben geschenkt hatte, so konnte Sven sich auch nichts Anderes denken,
als daß er alles, was sich in ihm regte, wuchs und fragte, ebenso
natürlich und einfach, wie es kam, ausplaudern mußte.
Vielleicht lag in ihm auch, obwohl er sie nie in Worte kleiden konnte,
etwas wie eine Ahnung, daß er nicht her gehörte? Vielleicht band ihn
diese Ahnung, wenn auch unbewußt, noch stärker an sie, die unter ihrem
Lebensglück lange dasselbe Gefühl verborgen hatte? Wer kann darauf
antworten? Oder wer kann es versuchen, zu antworten? Niemand. Nur das
Schweigen schwebt über blühenden Grabhügeln.
Aber gewiß ist, daß der kleine Sven eines Tages ein Bild an der Wand von
Mamas Zimmer entdeckt hatte, und als er es eine Weile angesehen hatte,
nahm er es herunter und betrachtete es schweigend, als begegnete er
etwas ganz Neuem, vor dem sein Verstand ganz still stand.
Es war kein Bild nach dem jetzigen Geschmack. Es liegt wenig Kunst
darin, und es erzählt eine Geschichte. Es giebt eine Sage, die der
Todeszug heißt. Ueber eine weite Haide geht der Tod. Er ist in einen
weißen Mantel gehüllt, der das Gerippe verbirgt, aber den Todtenschädel
frei läßt. Ihm folgt ein langer Zug von Jungen und Alten ohne jeglichen
Unterschied, und der Zug ist so lang, daß er in der Unendlichkeit zu
verschwimmen scheint, und Niemand kann seinen Schluß sehen. In der Hand
hält der Tod eine Glocke, und man sieht, daß sie eben erklungen ist. Man
sieht es, denn am Wege sitzt ein vom Alter gebrochenes Weib und streckt
flehend seine Hände nach dem Unerbittlichen aus, der, ohne sie
anzusehen, an ihr vorüberschreitet. Aber ganz nahe hinter dem Tode steht
ein junges Paar, das sich liebt. In dem Ohr des jungen Mannes ist die
Glocke des Todes erklungen, und die Liebesarme der Verzweiflung können
ihn nicht zurückhalten. Der Zug des Todes geht weiter, und wenn die
Stelle kommt, die für ihn im Zuge offen steht, muß er mitschreiten, und
sein Platz auf Erden wird leer stehen, und keine Sehnsucht kann ihn
zurückrufen. Aber da wo der Zug zu enden scheint, schimmert es wie ein
Licht der Morgenröte.
So ist das Bild, und Mama hatte es auf die Schäre unter anderen Bildern
und Photographieen mitgenommen, mit denen sie unser neues Sommerheim
schmückte, und auf eine Photographie dieses Bildes blickte Sven einmal
unverwandt, als er Mama fragte:
»Was ist das?«
Und Mama erzählte die Sage von dem grausamen Tod, der kommt und den
mitnimmt, der jung ist, und den Alten, der bettelt, mitkommen zu dürfen,
zurückläßt. Sven hängte das Bild wieder an seinen Platz.
Aber am nächsten Morgen nahm er es abermals herab, und als er es eine
Weile angesehen hatte, mußte Mama die ganze Geschichte zum zweiten Male
erzählen.
Wieder saß Sven da und hörte zu, und wieder wurden seine großen Augen
ernst und verwundert.
»Glaubst Du, Mama, daß der junge Bräutigam sehr betrübt ist, weil er
sterben muß?« sagte Sven.
»Ja,« antwortete Mama, »aber sie, die seine Braut ist, ist noch
betrübter.«
»Aber er wird vielleicht ein Engel,« sagte Sven, »und bekommt weiße
Flügel auf den Schultern.«
»Das wird er wohl,« sagte Mama.
Aber Sven seufzte und war doch noch nicht zufrieden.
»Warum kann die alte Frau nicht mit ihm gehen, wenn sie doch so gerne
will?« sagte er.
»Das weiß Niemand, Sven,« sagte Mama, »das weiß nur Gott.«
»Weiß er es denn?«
»Ja, er weiß es.«
Sven ging wieder hinaus in die Sonne auf die Klippen. Aber seither wurde
diese Geschichte seine liebste, und beinahe jeden Morgen, wenn Mama da
saß und sich frisierte, kam Sven herein, nahm das wunderliche Bild
herunter und bat Mama zu erzählen.
Aber noch etwas war Sven passiert, und das hatte sich im Winter begeben.
Da war er ins Theater mitgenommen worden und hatte ein Stück gesehen,
das am Sonntag Vormittag gespielt wurde, wo Sven auf sein konnte und
nicht nach Hause gebracht werden mußte, um sich schlafen zu legen.
Strindbergs »Glückspeter« wurde gegeben, und Sven verstand wohl nicht
viel von dem Stücke, aber er unterhielt sich in seiner Weise. Er
unterhielt sich so gut, daß er alle ansteckte, die rings um ihn saßen
...
Aber dann kam die Scene, wo der Tod sich dem Glückspeter zeigt, und da
wurde Sven stumm. Niemand hatte daran gedacht, daß diese Scene vorkam,
oder daß sie überhaupt einen solchen Eindruck machen konnte. Aber alles,
was dann folgte, beachtete Sven gar nicht mehr. Und wenn ihn später
Jemand fragte, was er im Theater gesehen, antwortete er nur:
»Ich habe den Tod gesehen. Das war ein großes, langes Knochengerippe und
konnte sprechen. Und er hielt eine Sichel in der Hand.«
Diese Erinnerung brachte nun Sven mit dem Bilde vom Zuge des Todes
zusammen. Das Einzige, womit der Knabe sich nicht aussöhnen konnte, war,
daß, als er den Tod sah, er eine Sichel hatte, aber auf dem Bilde
läutete er mit einer Glocke. Sonst war es, als sei die Erinnerung aus
dem Theater, das Bild an der Wand und Mamas Sage für das Kind zu Einem
verschmolzen.
Unaufhörlich pflegte Sven davon zu sprechen. Dieses Bild hatte sich in
seiner Phantasie mit einer Intensität festgesetzt, die nichts verwischen
konnte. Und er erzählte Jedem, der es hören wollte, wie der Tod auf den
Glückspeter zukam und drohte ihn mitzunehmen, aber wie er wieder gehen
mußte, weil der Glückspeter ihn so schön bat. Er erzählte so davon, daß
er selbst bei der bloßen Erinnerung schauerte, und wenn der Tod sich ihm
in leibhaftiger Gestalt offenbart hätte, so würde er nicht stärker haben
ergriffen sein können.
Aber seine Freunde auf der Schäre fanden es wunderlich, daß ein so
kleines Kind von etwas derartigem sprechen konnte. Sie machten sich nie
über ihn lustig, sondern das, was er erzählte, bestärkte sie bloß in dem
Gefühl von etwas wunderlich Zartem und Feinem, das sie gerne in die Arme
nahmen und über die Berge trugen.