Erster Teil

1.

Dieses ganze Buch ist ein Buch vom Tode, und doch handelt es, wie mir

scheint, mehr von Glück als von Unglück. Denn Unglück heißt nicht, das

verlieren, was Einem teuer ist, das Unglück liegt darin, es zu

beschmutzen, zu verderben oder zu entstellen. Und es giebt ein

Geheimnis, ich mußte lange leben, bevor ich es lernte. Die Liebe steht

niemals stille. Sie muß mit den Jahren entweder wachsen oder abnehmen.

Und nicht nur in dem letzten Fall kann sie Leiden verursachen. Der

gewaltigste Eros ist der, der Leiden bringt, weil er immer stärker wird.

Aber ich will beim Anfange beginnen und all das, was in diesem Buch

geschrieben ist, will ich so erzählen, wie man einen Traum erzählt. Und

so seltsam es auch dem Leser klingen mag -- all das zusammen ist nur das

Buch, um das das kleine Brüderchen mich bat.

Habe ich geträumt, daß ich geliebt, geheiratet und Kinder bekommen habe?

Habe ich geträumt, daß ich unsäglich glücklich und unsäglich unglücklich

war? Habe ich geträumt? Oder habe ich wirklich all dies erlebt, das mich

an nichts anderes von menschlichem Leben, das in meinen Gesichtskreis

gekommen, zu erinnern scheint? Es kommt mir jetzt vor, als stünde ich in

irgend einer unfaßbaren Weise -- nicht über, ach, alles andere eher als

über -- aber wohl ferne von all dem, und das Einzige, das jetzt zu mir

dringt, ist ein Ton der Andacht, so überschwänglich, daß nicht einmal

Musik ihn fassen und in greifbarer Weise ausdrücken könnte. Ja, wenn ich

einstmals das niedergeschrieben habe, was sich jetzt seinen Weg zu den

unbeschriebenen Bogen sucht, die eines Tages vielleicht ein Buch bilden

werden, glaube ich hoffen zu können, daß die Erzählung selbst mir den

Leitfaden geben wird, um das Rätsel zu lösen, das mich jetzt quält und

beunruhigt: was in meinem Leben Traum gewesen und was Wirklichkeit.

Es ist nämlich nicht nur der Kummer, der mich drückt. Es ist auch ein

Wundern über das, was geschehen, dasselbe Wundern, das sich auf dem

Grunde alles bewußten Lebens regt. -- -- --

Ich erinnere mich in diesem Augenblick, wie ich eines Abends in das

Zimmer meiner Frau kam und sie grübelnd fand, mit einem aufgeschlagenen

Buch vor sich. Sie las nicht in dem Buche, und ihr Gesicht drückte

Unzufriedenheit aus.

Ich beugte mich über ihre Schulter und sah, daß sie in der Bibel gelesen

hatte. Das Buch lag beim ersten Buch Mosis aufgeschlagen, und auf meine

Frage, was sie gelesen, wies sie bloß auf ein paar Zeilen, die ich noch

zu unterst auf einer Seite lesen zu können vermeine. -- Und ich las die

Worte:

Verflucht sei die Erde um deinetwillen ... Mit Schmerzen sollst du deine

Kinder gebären.

»Ist das nicht gräßlich?« sagte sie. »Ich erinnere mich nicht, ob ich

mit Schmerzen geboren habe. Ich habe nie daran gedacht.«

Sie erhob sich und ging zu einem kleinen Bettchen, das quer hinter

unseren eigenen Betten stand, und sie beugte sich hinab über ein rundes,

blühendes, schlafendes Kindergesicht, dessen Lippen sich saugend regten,

als läge der Knabe an der Mutterbrust.

»Habe ich Dich in Schmerzen geboren?« sagte sie wie zu sich selbst.

»Nein, in Glück habe ich Dich geboren, in Glück und Jubel, ein Glück, so

namenlos groß, daß ich es nie gewußt habe, bis jetzt.«

Sie zog mich hinab aufs Sopha und lehnte ihren Kopf an meine Schulter,

schmiegte sich in meine Arme, als wollte sie dort Schutz vor allem

Ungemach und Schmerz der Welt finden. Ohne ihre Stellung zu ändern,

streckte sie die Hand aus und schlug das Buch zu.

»Das ist ein dummes Buch,« sagte sie. »Ich habe mich nie darauf

verstanden.«

»Das ist es wohl nicht,« sagte ich lächelnd.

»Das hast Du selbst gesagt,« sagte sie und richtete sich zur Hälfte auf.

»Ich? Nie!«

»Nun, dann hast Du etwas anderes gesagt.«

Sie beugte sich wieder hinab.

»Ich erinnere mich nicht. Ich weiß nur, daß ich denken will wie Du,

glauben wie Du, sein wie Du. Denn Niemand ist wie Du, Niemand auf der

Welt.«

Auf solche Worte kann kein Mann antworten. Man braucht sie nicht

abzuwehren, denn sie sind nicht als Rauchopfer der Eitelkeit gedacht.

Sie kommen wie eine Liebkosung, so wie wenn ein Mann seine Frau ansieht

und sagt: »Es giebt für mich kein Weib außer Dir.« Meine Frau fuhr auch

nach einer Pause, so kurz, daß ich sie kaum gemerkt hatte, fort:

»Ich habe Dir gewiß noch nie dafür gedankt, daß Du mich gelehrt hast, zu

glauben, wie Du glaubst, aber ich bin so froh, daß Du es gethan. Du

kannst es nicht so fühlen, wie ich es fühle. Du kannst es nie so fühlen.

Jeder Tag, der vergeht, macht mich reicher. Jede Stunde scheint mir

erfüllt von meinem Glück. Es ist so merkwürdig, mir jetzt zu denken, daß

ich einmal, als ich um vieles jünger war, mich sehnte, sterben zu

können, um in den Himmel zu kommen. Was meinte ich da, und wonach sehnte

ich mich? Ich glaube, ich habe es vergessen, als wäre es nie gewesen.

Das Einzige, was ich früher manchmal schwer empfand, war, daß ich

niemals meinen Vater wiedersehen sollte, der tot ist. Aber jetzt kommt

es mir vor, daß ich nichts anderes verlange, als mit Dir und den Knaben

leben zu können. Ich würde nicht wünschen, daß es etwas anderes gäbe als

das Leben, das Du und ich leben durften. Ich will mit Dir leben, bis die

Knaben groß sind und hinausziehen. Dann wollen wir zusammen altern -- Du

und ich -- und etwas anderes kann ich mir nicht denken.«

»Glaubst Du nicht an irgend eine Möglichkeit eines anderen Lebens?«

fragte ich.

Sie schüttelte mit einer energischen Geberde den Kopf.

»Nein,« rief sie aus, »ich will nichts anderes als das, was ist. Ich

will einmal in der Erde unter einem schönen Blumenhügel schlafen. Das

ist Alles für mich, und darum bitte ich Gott jeden Abend.«

Sie betete jeden Abend zu Gott, und sie glaubte nicht an ein

unsterbliches Leben. Ich wußte es, und fühlte aufs Neue das Wunderbare

in diesem, ihrem eigenen Rätsel, das für sie bloß natürliche

Wirklichkeit war. Ich streichelte ihre Schulter, um sie wissen zu

lassen, daß ich gehört und verstanden hatte, und mit einem plötzlichen

Uebergang fragte sie:

»Glaubst Du an etwas anderes?«

»Ich glaube weder, noch glaube ich nicht.«

Sie wiederholte meine Worte ganz tonlos, obgleich sie sie schon mehrere

Male zuvor gehört, wiederholte sie, als enthielten sie etwas ganz

Unfaßbares, und rief plötzlich:

»Dann hast Du Dich verändert.«

»Das glaube ich nicht.«

»Ja, das hast Du. Wie hätte ich sonst glauben können, daß das Leben mit

dem Tode zu Ende sei? Du hast es mich gelehrt. Warum willst Du jetzt

nicht glauben, wie ich?«

Bei ihren Worten flog eine Erinnerung durch meine Seele. Ich sah sie und

mich auf einem schmalen Pfad unter den hellen Birken der Schären

wandeln. Ueber uns funkelten des Himmels Sterne, und zu unseren Füßen

zitterte im Grase der matte Lichtschein aus den Fenstern unseres ersten

Sommerheims. Ich vermeinte noch die Worte hören zu können, die in der

Stille des Abends zwischen uns geflüstert wurden, Worte vom Leben und

vom Tode, von Gott und dem Kommenden, diese Worte, die von unserem

ersten Liebesrausch Ernst und Glut empfingen. Ich erinnerte mich, daß

sie es war, die fragte, und ich antwortete. Ich erinnerte mich, daß sie

tief betrübt und stumm wurde, während sie über meine Antwort nachdachte,

und als nun diese Erinnerung durch meine Seele zog, mit einer

Deutlichkeit, die keine Worte wiederzugeben vermögen, war es mir, als

müßte das, was ich damals gesagt, sie in ganz anderer Weise getroffen

haben, als ich eigentlich gemeint, und ich fühlte einen Stich im Herzen,

als hätte ich, ohne es zu wollen, ihr etwas zu Leide gethan.

Sie unterbrach mich, indem sie sagte:

»Ich kann das nicht fassen, das, weder zu glauben, noch nicht zu

glauben. Ich muß eines von Beiden thun.«

Sie sprach diese Worte mit einem Ton aus, als bäte sie mich, ihr nicht

zu widersprechen, und ich that es auch nicht. Ich behielt bloß in mir

die Stimmung der lichten Insel unserer Jugend und wunderte mich darüber,

daß ich die ganze Zeit die Sterne durch das Laubwerk der Birken zu sehen

meinte.

Meine Frau hatte sich, während wir sprachen, erhoben und stand wieder

neben dem kleinen Bette. Mitten im Gespräche hatte sie gemerkt, daß der

Kleine sich bewegte. Sie hob ihn empor, nahm ihn in ihre Arme in jener

sicheren, schützenden Art, wie nur Mütter es können, und legte ihn an

die Brust. Ihr Gesicht strahlte, als sie sah und fühlte, wie er ihre

Milch mit jener unbeschreiblichen Ruhe sog, die das Vorrecht des Kindes

ist.

Wovon wir eben gesprochen und was ich jetzt sah, verschmolz in

eigentümlicher Weise in meinem Gefühl zur Einheit, und ich erinnerte

mich der Worte, die den Anfang des kurzen Gesprächs gebildet hatten.

Lange saß ich und dachte an das, was ich sagen wollte. Ich dachte an die

grausamen Worte: »Verflucht sei die Erde um Deinetwillen« und an den

Zusatz an die arme Erde: »Dornen und Disteln sollst Du tragen.« Das

Gefühl dessen, was ich besaß und was ich sah, war mir so übermächtig,

daß ich fürchtete zu sprechen, nur um meine Bewegung nicht durch Thränen

zu verraten, und gleichzeitig versuchte ich, meine eigenen Gedanken

davor zurückzuhalten, die Form des Worts anzunehmen, um meiner Frau

nicht pathetisch zu erscheinen.

Endlich nahm ich die Bibel in die Hand und legte sie weg.

»Du hast Recht,« sagte ich, »und das harte Wort hat Unrecht. Da sollte

stehen: >Gesegnet sei die Erde um Deinetwillen. Trauben und Rosen soll

sie tragen.<«

Und nachdem ich dies gesagt, beugte ich das Knie und lehnte die Stirn

zugleich an mein Weib und an mein Kind. Mit der Hand, die sie frei

hatte, strich sie mir übers Haar.

»Ach! Wir waren jung damals, jung und sehr glücklich.«

2.

Ich habe bis jetzt nicht den Namen meiner Frau genannt, und es fällt mir

noch schwer, es zu thun. In meinen Gedanken nenne ich sie zuweilen

Mignon, weil dieser Name der einzige ist, unter welchem ich sie sehen

kann, so wie sie kam und ging. Was weiß ich im Uebrigen, ob ich jetzt

sie selbst male oder die Erinnerung, die sie zurückgelassen? Ist ein

Mensch das, was er Jenen zu sein scheint, die ihn nicht so gesehen, wie

vielleicht bloß Einer ihn zu sehen vermag? Ist er nicht vielmehr in

seinem innersten Wesen gerade das, was bleibt, nachdem das Aeußere und

Zufällige verblaßt ist? Ist es nicht möglich, daß das, was Mancher

Idealisierung nennt, eigentlich die innerste Aehnlichkeit ist, die,

welche einmal in einer Welt, die kein menschliches Auge erreicht, unser

wirkliches Ich werden wird, Allen sichtbar?

Sie war klein von Gestalt und zart, und als ich sie zum ersten Mal sah,

war es bei einer flüchtigen Vorstellung auf der Straße beim Schein einer

Gaslaterne. Als ich sie verlassen hatte, blieben mir ein paar wunderbar

große und tiefe Augen in der Erinnerung. Im Uebrigen erinnerte ich mich

nur an einen schwarzen Pelzkragen, ein paar lange schwarze Handschuhe

und den Druck einer Hand, die einen plötzlichen und starken Eindruck von

etwas Aufrichtigem, Wachem und Wahrem hervorrief. Sonst erinnerte ich

mich an ihr ganzes Aussehen so wenig, daß ich ein paar Tage später an

ihr vorbei ging, ohne sie zu erkennen. Und doch hatten mir diese Augen

keine Ruhe gelassen, sie waren immer wieder vor meiner Phantasie

aufgetaucht, gleichzeitig strahlend und schmerzgebunden, etwas zugleich

Lebenverlangendes und Andachtsvolles bergend. Wenn je ein paar Augen

eine Seele gespiegelt haben, waren es die ihren.

Wenn ich an Alles denke, was ich durch meine Frau erlebt habe, weiß ich,

daß durch all die bunten Lebensjahre meines Daseins Niemand mich so wie

sie gelehrt hat, das Gefühl für das Religiöse beizubehalten. Ich glaube

jedoch nicht, daß ich sie je das Wort Religion habe nennen hören, und

man hätte sie sicher narren können, Abraham mit dem Apostel Paulus zu

verwechseln. Aber Alles, was sie mit ihrem Denken oder Fühlen umfaßte,

wurde ihr in irgend einer besonderen Weise heilig. Ihr Wesen war

Zärtlichkeit, und das Leben, das sie leben wollte, war ein Fest, ein

Fest, bei dem ihr Gefühl für den Wert und die Heiligkeit des Lebens

keinen Mißton ertragen konnte. Aber Alles, was in ihr stark und lebendig

war, war zu gleicher Zeit gebrechlich und spröde. In der Tiefe ihrer

Seele war eine Ganzheitsanbetung, die das Leben nicht ertrug, weil sie

auf einem höheren Plan zu stehen schien als das Leben selbst.

Wir waren viele Jahre verheiratet gewesen, als sie eines Tages zu mir

sagte, plötzlich, unvorbereitet und ohne äußeren Anlaß, sowie ihre

stärksten Gefühle immer kamen:

»Du darfst mich nie, nie fühlen lassen, daß Etwas zwischen mir und Dir

alt und gewohnt geworden ist. An dem Tage, wo das geschieht, will ich

sterben.«

Wie viele Frauen haben nicht dasselbe gesagt, und wie Viele haben nicht

gelebt, um nachher über ihre eigenen Worte zu lächeln! Ich habe einmal

von einer Frau gehört, die zu einem Manne sagte:

»Glaubst Du nicht, daß es einige Frauen geben kann, die das fühlen, was

alle Frauen sagen?«

Ich erinnere mich, daß dies mir bei den Worten meiner Frau in den Sinn

kam und daß ich in dem Gefühl ihrer Wahrheit zur Antwort nur ihre Hand

drückte. Ich begriff, daß das, was sie gesagt, ihr tiefster Ernst war,

und ich wußte, daß hier das Wort Sentimentalität nicht am Platze war.

Aber ich sah auch, daß sie ein Wort von mir erwartete, das ihr etwas

sagte, und darum antwortete ich:

»Glaubst Du nicht, daß etwas alt und gewohnt werden kann, ohne darum an

Stärke, Freudigkeit und Heiligkeit einzubüßen?«

Sie sah mich mit großen Augen an, als wollte sie auf den Grund meiner

Seele sehen. Dann ging sie auf mich zu und küßte mich, und ich merkte,

daß ihre Augen feucht waren, während ich fühlte, wie ihre ganze Gestalt

sich zu der meinen neigte, in einer einzigen großen Zärtlichkeit.

»Laß es dann alt und gewohnt werden,« sagte sie. »Ich sehne mich

darnach, daß es so wird.«

Nicht ein Wort mehr wurde gesprochen. Aber den ganzen Tag sah ich, daß

sie wie in stillem, stummem Jubel umherging. Am Nachmittag war sie

draußen im Garten, und ich hörte von meinem Fenster, daß sie allein

sang, mit vollen, glockenreinen Tönen.

Nach einer Weile kam sie mit einem kunstvoll gebundenen Strauß von

Wiesenblumen herein, in dem die Flora des Sommers sich mischte, wie die

Töne in einem Lied. Sie stellte ihn ohne ein Wort auf meinen Tisch und

lächelte still, um meine Arbeit nicht zu stören. Dann setzte sie sich

selbst ein Stück weit weg, und während ich schrieb, blickte ich zuweilen

auf, nur um sie anzusehen. Die Abendsonne färbte ihr dunkles Haar und

spielte in den Farben ihres Antlitzes, das stets neu war, niemals sich

gleich.

3.

Es begab sich nie, daß etwas zwischen uns alt und gewohnt wurde. Ich

weiß, daß ich ein großes Wort ausspreche. Aber es ist wahr. Und darum

kann ich noch sagen: Gesegnet sei das Leben und was das Leben gab! Das

Leben für das segnen, was es nahm, das kann ich nicht.

Aber es geschah uns, daß die Sorge in unser Haus kam, und ich begreife

jetzt, daß sie uns hätte trennen können, weil ich es nicht vermochte, so

zu trauern wie sie. Aber ich weiß mit demütiger Dankbarkeit, daß dies

doch nie geschah. Und doch, hätten Menschen es vermocht, es würde

gelungen sein.

Wie bald ich es sah, weiß ich noch nicht. Aber ich weiß, daß der

Eindruck so innig mit der Erinnerung an meine Frau verwoben ist, daß ich

es jetzt nicht mehr fassen zu können glaube, daß ich sie je in dem

Lichte der Jugend und des Glücks allein gesehen. Sie war nämlich

frühzeitig krank, ja, ich habe sie eigentlich nie anders gekannt als mit

dem Keim der Krankheit. Wie kam es da, daß ich bis zuletzt lange Zeiten

vergessen konnte, daß ihre Gesundheit untergraben war und daß der

Krankheitskeim, der bestand, sich entwickeln oder ganz verschwinden

mußte? Ich wußte ja nur zu gut, daß er nicht verschwand. Und doch lernte

ich nie ihr Leben in einem anderen Lichte sehen, als dem gewöhnlichen.

Horchte ich nicht auf die Vorboten, die kamen? Stellte ich mich blind

und taub gegen die Ahnungen, die in mir aufloderten, wie Feuersflammen

meines Glückes Haus bedrohend, das ich so fest gemauert wähnte? Ich weiß

nicht, ob es so war. Aber ich weiß, daß, als ich heiratete, ich so jung

war, daß ich glaubte, die Liebe sei ein Heilmittel gegen alles Unglück

der Welt, und wenn ich Elsa strahlend und glücklich sah, wenn wir uns

gemeinsam in Wald und Wellen tummelten, wenn ich sah, wie die Sonne sie

bräunte und die Sommerwellen ihre weißen Glieder bespülten, da vergaß

ich, daß das Unglück kommen konnte, und ich spiegelte mir vor, daß das,

was ich befürchtet hatte, nur Einbildung war. Ach, ich wurde schließlich

so bewandert in der Kunst, das zu vergessen, was ich nicht sehen wollte,

daß ich von Gesundheit und langem Leben träumte, auch nachdem Elsa dem

Tod so nahe gewesen, daß es ein Wunder war, daß sie ihm entrann, und sie

unter ihrem Kleid verborgen die Spuren des Messers des Operateurs trug,

nie ganz frei von Schmerzen, sie nur dadurch vergessend, daß sie sich

selbst Gewalt anthat, um uns, die sie liebte, den Kindern und mir,

Freude und das Fest des Lebens zu schenken.

Aber ich erinnere mich doch, wie bald ich dieses Etwas sah, das zu

vergessen unsere ganze Ehe ein wechselnder Kampf war. Ich sah es an

ihrem Gesichte, wenn sie allein saß und sich unbeobachtet glaubte, und

anfangs meinte ich, als ich dies sah, daß zwischen mir und ihr etwas

stünde. Ich pflegte sie darnach zu fragen, und es ist schwer zu sagen,

ob es meine Liebe oder meine Eigenliebe war, die mich glauben ließ, daß

nichts anderes, als was mich selbst berührte, ihr Glück trüben konnte.

Ich sah, daß ich sie mit meinen Fragen unsäglich quälte, aber ich fragte

sie doch, und bei solchen Anlässen konnte sie mit einem Ausdruck

lächeln, als weilte ihre Seele weit weg, einem Ausdruck, der mich noch

in der Erinnerung quält, weil es dieser Ausdruck war, den ich jahrelang

zu besiegen strebte, aber der schließlich die Oberhand bekam und mich

besiegte.

»Du sollst mich nicht fragen,« sagte sie einmal. »Ich weiß selbst nicht,

was es ist. Ich weiß nur, daß kein Mensch es verstehen kann.«

In was sie da blickte, gehört dem Unbekannten an, wonach Alle fragen,

aber worauf Niemandem eine Antwort wird. Doch wie hätte ich das damals

verstehen können? Unser Leben war glücklich, unsere Tage froh, unsere

Knaben wuchsen heran und erfüllten unser Heim mit ihrer frohen

Munterkeit. Und niemals war Elsa zärtlicher gegen mich, als wenn ich

diese Momente schweigender Betrübtheit bemerkt hatte, die ich das Recht

gehabt hätte, unmotiviert zu nennen, wenn es keine anderen Motive gäbe

als die, welche die Menschen in Worte kleiden können.

4.

Zu dieser Zeit waren unsere Knaben herangewachsen und waren schon große

Jungen. Olof hatte bereits mit der Schule angefangen, und Svante näherte

sich auch schon der Zeit, wo er beginnen sollte, die trockenen Nüsse vom

Baume der Erkenntnis zu knacken.

Zu dieser Zeit war es, daß die dunklen Stunden zum ersten Male anfingen,

meiner Frau übermächtig zu werden, und mehr als einmal sah ich, daß sie

geweint hatte. Sie wich mir in ihrer stillen Weise aus, und sie that es,

damit ich sie bei solchen Anlässen nicht fragen sollte. Ich kann nie

vergessen, welche Angst mich in dieser Zeit beherrschte. Diese Angst

schlich sich Nachts an mich heran, wenn ich einsam an meinem

Schreibtisch saß. Sie folgte mir, wenn ich ging, um mich zur Ruhe zu

legen, und sie blieb in der Dunkelheit auf dem Rande des Bettes sitzen,

während ich wach lag und den Atemzügen meiner Frau lauschte, um zu

hören, ob sie schlief.

So still wurde es zwischen uns in dieser Zeit, so wunderlich still. Wir

konnten in unser Wohnzimmer kommen und die Lampe anzünden, und wir

konnten dort sitzen, ohne ein Wort zu sagen, und wir fühlten, wie das

Schweigen sich gleich einer Mauer zwischen uns aufrichtete, die Niemand

aufgebaut, aber die auch Niemand niederreißen konnte. Und wenn unsere

Hände sich suchten, war es nur, weil wir es mußten und Keiner von uns es

ertragen konnte, ferne von dem Anderen zu sein, obgleich wir Beide

fühlten, daß wir es im Grunde doch waren.

Die Knaben kamen herein, um Gutenacht zu sagen. Wir küßten sie Beide,

und wir sahen ihnen nach, wenn sie gegangen waren. Aber kein Wort wurde

gesprochen, und wenn ich meinen Kopf wieder nach der Richtung wandte, wo

meine Frau saß, fühlte ich, daß sie weinte, aber ich hörte es nicht. Wir

hätten nicht unglücklicher sein können, wenn Eines von uns oder wir

Beide ein dunkles Geheimnis zu verbergen gehabt hätten. Und doch wußten

wir Beide, daß es kein solches gab.

»Bist Du unglücklich mit mir, Elsa?« fragte ich sie.

Und zur Antwort hörte ich sie schluchzen, wie in höchster Angst:

»Wenn ich Dich nicht hätte, glaubst Du, daß ich da leben könnte?«

5.

Wie lange diese Zeit währte, kann ich mich nicht mit Bestimmtheit

entsinnen. Ich weiß nur, daß ich mich ihrer wie eines einzigen

entsetzlichen Winters ohne Schnee erinnere, eines langen, dunklen

Strichs in unserem Leben, das mich leer und ohne Sinn dünkte. Nachher

habe ich den Tod das Teuerste, was ich besaß, aus meinen Armen reißen

sehen, ich sah Freunde sterben, ich habe mich von Allem verlassen

gefühlt, wofür ich geistig sterben oder leben wollte. Aber etwas, das

sich mit diesem Winter vergleichen läßt, habe ich niemals erlebt, denn

damals glaubte ich, daß Elsa im Begriffe stand, von mir fortzugleiten,

und dieser Gedanke war mir furchtbarer als irgend etwas, das andere

Menschen mir zufügen konnten oder das mich überhaupt im Leben zu treffen

vermochte.

Diese Zeit war so bitter, weil ich damals das einzige Mal in meinem

Leben in meinem Herzen hart gegen sie wurde, und ich wurde es, weil ich

es nicht besser verstand. Ich kam schließlich dazu, mich in mich selbst

zurückzuziehen so wie sie, denn der Gram beherrschte mich; endlich bekam

der Gram Stimme, und die harten Worte zitterten in der Luft um uns.

Eines Tages fand ich sie in Thränen, und mit einer Stimme, die nicht

mehr meine war, rief ich aus:

»Wie lange glaubst Du, daß ich das aushalten werde?«

Im selben Augenblick, in dem ich es gesagt, bereute ich meine Worte, und

niemals werde ich den Ausdruck des Schreckens vergessen, der ihr ganzes

Antlitz versteinerte.

»Was meinst Du?« sagte sie.

»Das, was ich sage.«

Es war, als hätte ein böser Geist, den ich nicht zügeln konnte, durch

meinen Mund gesprochen. Alles, was ich gelitten, stieg in mir empor, als

wolle es mich ersticken, und ich empfand es als einen Triumph, daß ich

ihr wehe gethan.

»Gehe doch,« sagte sie, »gehe von mir. Warum bist Du je zu mir

gekommen?«

Sie weinte nicht, als sie ging. Aber mitten durch meinen Zorn fühlte

ich, daß ich ihr mit meinen unüberlegten Worten einen Schmerz zugefügt,

so groß, daß ich selbst nie einen ähnlichen gefühlt hatte, noch fühlen

werde. Aber ich schüttelte diesen Gedanken ab und verschanzte mich

hinter dem beschränkten Hochmut, der den Menschen dazu bringt, ein

Unglück nicht abzuwehren, sondern nachzurechnen, wessen Schuld es ist.

»Es ist ihre Schuld,« sagte ich zu mir selbst, »wenn unser Glück vorüber

ist. Was habe ich gethan, daß sie unglücklich sein und mich dadurch

quälen muß, daß sie mir die Ursache nicht sagt? Sie liebt mich nicht

mehr. Das ist ja der Lauf der Welt. Was schön ist, muß verunstaltet

werden. Wer glücklich ist, darf es nicht lange bleiben.«

Hinter solchen Gedanken verbarg ich mein wirkliches Empfinden, das die

ganze Zeit über von ihr erfüllt war. Ich glaubte, daß ich ein Recht zu

grollen hätte, und ich fand, daß das, was ich gesagt, noch eine härtere

Antwort erhalten hatte, als die Worte selbst verdient hatten.

6.

Diese Zeit war die einzige, in der unser Glück wirklich hätte untergehen

können, und ich glaube, daß wir Beide gleich stark die Empfindung

hatten, daß schicksalsschwere Mächte mit unserem Leben spielten. Ein

ganzer Tag verging, während dessen kein Wort zwischen uns gewechselt

wurde. Aber am Abend, als wir zur Ruhe gehen sollten, fielen wir

einander in die Arme und weinten, ohne sprechen zu können.

Dann wurde alles wie zuvor. Aber die Frage, die mich verzehrte: »Was ist

es, was kann es sein?« war und blieb unbeantwortet. Doch war ich

ruhiger, fühlte Reue über meine unausgesprochenen Gedanken und wartete

zugleich gewissermaßen auf eine Lösung.

Zwei Tage später fand ich folgenden Brief auf meinem Tisch.

Ich erinnere mich, daß ich ihn mit einem Gefühl der Angst erbrach, so,

als könnte mir dieses Papier ein Geheimnis entschleiern, das die Macht

hatte, mein ganzes Leben zu vernichten. Aber gleichzeitig brannte ich

vor Verlangen, Antwort auf die eine Frage zu erhalten: »Warum ist sie

nicht glücklich? Kann man gleichzeitig glücklich und unglücklich sein?«

Der Brief lautete folgendermaßen:

Mein Geliebter.

Daß solche Worte fallen konnten zwischen Dir und mir! Daß es nur

möglich ist, daß das geschah! Ich glaubte zuerst, die Sonne sei

erloschen und ich könnte niemals mehr das Licht des Tages sehen. Und

ich grübelte und grübelte, wie ich Dich wieder gut gegen mich

stimmen könnte und wie Alles werden könnte, als sei dies nie

gewesen.

Aber dann sah ich, daß Du doch gut warst in Deinem Herzen, obgleich

es nicht den Anschein hatte, und ich begann zu verstehen, daß Du

niemals anders werden kannst, und daß nur das, daß ich nicht auf

Deine Fragen antworten konnte, Dich so zerrissen und bitter machte,

und darum schlugst Du blind zu, ohne zu wissen, daß Du mir so wehe

thun konntest, wie Du es thatst. Auch jetzt weiß ich nicht, was ich

Dir antworten soll, aber Du darfst Dich nicht darüber wundern, daß

ich schreibe. Es geschieht nur, weil, wenn ich versuchen wollte,

davon zu sprechen, ich nie mehr als die Hälfte von dem sagen würde,

was ich wollte.

Es giebt so vieles, das ich in mir herumtrage, Georg, so vieles, das

ich nie gesagt, weder zu Dir noch zu irgend jemand Anderem, weil ich

weiß, daß ich es nie sagen kann. Ich bin immer so gewesen, Georg,

und ich werde wohl auch immer so bleiben.

Manchmal, wenn ich daran denke, wie Du gegen mich bist, von Allem

sprichst, keinen Winkel Deines Herzens verbirgst, dann glaube ich,

daß ich nur ein Echo von Dir bin, und ich bin so arm, daß ich Dir

nichts wiederzugeben habe. Und wenn Du mir gesagt hast, daß dem

nicht so ist, dann habe ich mich so glücklich gefühlt, Georg, so

glücklich und reich. Und ich weiß, daß ich Dir alles gegeben habe,

was ich geben kann, und alles, was ich habe.

Aber wenn Du siehst, daß ich sitze und in mich selbst hineinstarre,

wie Du zu sagen pflegst, dann sollst Du wissen, daß ich nichts

anderes thue, als was ich immer gethan habe, auch wenn ich am

glücklichsten war, auch lange bevor ich Dich kannte und mein

wirkliches Leben anfing. Und wenn ich weine, sollst Du nicht

glauben, daß ich unglücklich bin. Das, woran ich da denke, macht

mich nicht unglücklich. Es ist nur etwas, worüber ich zuweilen

grübeln muß, weil ich weiß, daß es kommen wird und weil ich es immer

gewußt habe.

Aber Du sollst mich nicht darnach fragen, denn ich kann Dir doch

nicht antworten. Könnte ich es, ach, könnte ich es, dann würden ja

meine Thränen von selbst trocknen. Vielleicht ist es auch nichts,

vielleicht liegt es nur darin, daß ich zu glücklich bin.

Aber ich will, daß Du mir glaubst, wenn ich Dir sage, daß Du nicht

zu fürchten brauchst, es gäbe etwas Verborgenes und Geheimes in

meiner Seele, das ich verberge und geheim halte, weil Du es nicht

sehen dürftest. Es ist bloß das, daß ich nicht kann.

Bitte mich darum nicht, zu sprechen, sondern sei mir gut, so wie ich

bin. Sei mir gut als Deinem kleinen Mädchen und Deiner Freundin, die

nichts anderes verlangt, als an Deiner Seite gehen zu dürfen, so

lange Gott mir das Leben schenkt, und dann zu sterben und in Ruhe zu

schlafen, von allen Anderen vergessen, außer von Dir. Denn _Du_

sollst mich nicht vergessen, und das ist das einzige »unsterbliche

Leben«, das ich verlange.

Aber eines wünsche ich zuweilen. Und das ist, daß wir Beide grau und

alt wären und unsere Kinder schon recht alt. Ich bin so sehr Mutter,

daß ich wünschte, meine Knaben wären erwachsen und ich könnte zu

ihnen nach Hause gehen und kleine, kleine, ganz kleine hilflose

Kindchen in meine Arme nehmen und sehen, daß ich auch ein bißchen in

ihnen lebte. Meine Jungen sind jetzt so groß, daß sie mich bald

nicht mehr brauchen. Aber es wäre so gut alt zu sein und zusammen

mit Dir zu gehen und des Tages harren zu können, an dem die große

Ruhe kommt. Ich glaube, ich würde Dich doppelt lieben, wenn Du alt

und grau wärest und Niemand Dich mit denselben Augen ansehen könnte

wie ich und ich denken dürfte, daß Niemand außer mir an Dich ein

Recht gehabt und Niemand so recht wüßte, wer Du bist.

Nun habe ich Dir so viel gesagt, und das, was Du mich gebeten, Dir

zu sagen, habe ich doch nicht gesagt. Aber denke nicht daran, Georg,

denke nur, daß ich Dich jetzt liebe, so wie ich Dich immer geliebt

habe, daß das, was ich jetzt für Dich fühle, mehr ist, als Worte

ausdrücken können, mehr als Du selbst je wissen kannst. Denn bei Dir

und hier ist mein Platz und ich habe alles, was je eine Frau gehabt

hat oder haben kann, und wenn sie noch so glücklich wird. Glaube

nichts Anderes, denn sonst machst Du mich unglücklicher, als Du

ahnen oder glauben kannst.

Deine Frau.

7.

Ich saß lange mit diesem Brief in der Hand, und die Woge von

Zärtlichkeit, die mir entgegenströmte, war so mächtig, daß sie alle

Fragen erstickte und mich in meiner gewohnten Umgebung, in der nichts

verändert schien, mit einem Gefühle umhergehen ließ, als sei ich der

Märchenprinz, der auf den Flügeln des Westwinds die Insel der

Glückseligkeit erreicht hat.

Ich hatte gefragt, warum meine Frau so verändert schien, und ich hatte

es nicht erfahren. Ich hatte nur einen Beweis ihrer Zuneigung bekommen,

und so ist ja die Liebe, daß sie nichts Anderes will als sich selbst,

und alle Fragen, die sie dabei stellt, zielen auf nichts Anderes hin als

auf die einzige Gewißheit, ohne die sie selbst nicht bestehen kann.

Darum gab dieser kleine Brief uns die Lösung von allem, obgleich er

nichts erklärte, und in stummer Dankbarkeit ging ich, nachdem ich ihn

gelesen, zu meiner Frau hinein, glücklich, daß ich ganz glauben konnte.

Wir sprachen auch nicht viel von diesem Briefe, aber wir empfanden es

Beide als eine Erleichterung, daß er geschrieben worden war, und des

Abends saßen wir lange auf, nachdem die Kinder sich zur Ruhe begeben

hatten. Ich erinnere mich, wie Elsa in dieser Zeit sang, sang, so wie

sie nie für jemand Anderen als mich gesungen hat. Und ich saß und ließ

meine Seele von den Tönen liebkosen, während ich in mir grübelte, wie es

möglich gewesen war, daß eine Mißstimmung sich zwischen sie und mich

hatte schleichen können.

Wie die Tage gingen, weiß ich nicht. Ich bemerkte nicht, daß sie länger

wurden, daß der Schnee von den Dächern tropfte und daß die Bäume des

Humlegartens zu knospen begannen. Höchstens bedauerte ich, daß der

Winter nicht länger währte, so daß die Lampe zeitig angezündet werden

und unsere Abende beginnen konnten.

»Hast Du gemerkt,« sagte mir meine Frau eines Morgens, »daß ich froher

bin als früher und daß ich nie mehr weine?«

Ich hatte es gemerkt. Aber undankbar wie ein Mensch ist, der eben einer

Gefahr entgangen ist, die er nicht verstanden hat, hatte ich die

Veränderung genossen, ohne darüber nachzudenken.

»Weinst Du vielleicht, wenn Niemand Dich sieht?« fragte ich.

Und ich fühlte einen Schatten meines alten Mißtrauens in mir erwachen.

Aber meine Frau merkte es nicht. Sie stand vor mir so strahlend jung,

als hätte keine Wolke ihre Stirne verdunkelt. Und um ihre Lippen spielte

ein Lächeln, das ich schon einmal gesehen zu haben meinte. Ich konnte

mich nur nicht erinnern, wann.

»Ich weine nicht mehr,« sagte sie.

Und ihre Stimme hatte einen fast herausfordernden Klang, als sie

hinzufügte:

»Das ist _auch_ mein Geheimnis.«

Ich folgte ihrer Stimmung, ohne ihre Worte zu verstehen. Ich war

zufrieden und glücklich in dem Gefühl, daß das Leben uns wieder

lächelte.

Diese ganze Periode ließ in unserem Zusammenleben keine andere Spur

zurück, als daß dieses noch inniger und gleichsam behutsamer wurde, als

je zuvor. Ich kann nicht mehr sagen, in welcher Weise ich diese

wunderliche Paranthese in einer glücklichen Ehe mir selbst zu erklären

versuchte. Gewiß ist, daß ich damals weit entfernt war zu ahnen, daß sie

den Keim zu der Tragik einer ganzen Zukunft barg.

8.

Obgleich sie sich mit Stolz die Mutter zweier Knaben nannte, war Elsa

doch noch jung, und wenn sie am Arm ihres Mannes über die

Strand-Promenade ging, waren ihre Schritte elastisch, und sie schmiegte

sich, während sie ging, mit einer Bewegung an mich, die zeigte, daß,

wenn etwas diesen schönen Kopf bedrückte, es nicht die Jahre waren.

Es war an einem dieser gefährlichen Frühlingsabende in Stockholm, wo die

Sonne warm über frischknospende Bäume fällt, die Straßen gleichsam zum

Spiel und zur Augenweide von Leuten wimmeln, wo die Landgasthäuser alte

Eheleute locken, Neuvermählte oder Verlobte zu spielen, wo der Himmel

blau ist und die Eisblöcke den Strom hinabtanzen, wo der Winter so weit

weg scheint, als sollte er niemals wiederkommen, und der Frühling einen

Sommer verspricht, so wie man noch keinen erlebt.

An einem solchen Abend war es, daß Elsa ihren Mann verlockte, bis zum

Tiergartenbrunnen spazieren zu gehen, eine Absage nach Hause zu

telephonieren und ein kleines Souper _à deux_ zu bestellen, in einem

niedrigen Zimmer mit weißen Gardinen, von wo aus man über die hellen

Bäume sehen konnte, durch deren Zweige die Abendsonne zwischen langen

Schatten schien.

Dies war eine unserer liebsten Vergnügungen, und je seltener wir uns,

seit die Kinder heranwuchsen, derselben hingeben und diese allein lassen

wollten, desto mehr genossen wir einen solchen Abend, der die ganze

Freudigkeit und Schwärmerei mit sich brachte, die die Alltagskost der

Jugend ist und die mit den Jahren zu Feierstunden wird, die man in der

Erinnerung hegt.

Ich erinnere mich auch gerade an diesem Abend so gut an Elsa.

Vergnügt und zufrieden, in die Sophaecke geschmiegt, saß sie da und

genoß langsam ihr letztes Glas Champagner. Sie glich einem Kätzchen, das

darauf wartet, daß man es liebkost oder mit ihm spielt. Und ihr

gegenüber saß ich selbst, rauchte bedächtig eine gute Cigarre und folgte

mit meinen Blicken dem Sonnenschein, der zwischen den Schatten der Bäume

zitterte. Ich fühlte mich glücklich und zufrieden, aber ich hatte in

letzter Zeit viel gearbeitet, und es störte mich beinahe, daß meine Frau

da saß und sich darnach sehnte, daß ich mich ganz mitreißen ließ. Denn

sie selbst war in Fieberstimmung. Sie sah aus, als wollte sie im Zimmer

umherspringen, spielen, rasen und sich fangen lassen, als sehnte sie

sich nach etwas Neuem, etwas Ungewöhnlichem, als wäre sie von dem

mädchenhaften Verlangen nach den unsterblichen Thorheiten des Glücks

erfüllt, was gerade zu dem gehörte, was ich bei ihr am allermeisten

liebte. Aber ich konnte mich nicht mitreißen lassen, wie gerne ich auch

wollte. Es war, als läge eine böse Ahnung oder eine unwiderstehliche

Wehmut in mir auf der Lauer und hinderte mich, ganz dem Flug ihrer

Gefühle zu folgen. Später kann man sich an etwas derartiges erinnern,

und man kann sich selbst wegen dessen anklagen, was man damals versäumt

hat, so als hätte man ein Verbrechen begangen. Ich erinnere mich noch,

daß ich damals ihre Stimmung verstand; und durch das, was nachher

folgte, weiß ich, welchen Weg ihre Träume nahmen.

Ein wenig darüber verstimmt, daß unsere Gefühle sich nicht wie

gewöhnlich im selben Rhythmus bewegten, saß sie stumm da, das letzte

Glas Champagner schlürfend, und während sie so saß, glitten ihre

übermütigen Gedanken unmerklich in eine milde träumende Stimmung

hinüber, und während sie ihren Mann anblickte, dessen Haar an den

Schläfen schon ganz grau war, sah sie wie in einem Traum den Tag, an dem

wir Beide vor vielen Jahren zu einer sonnenbeleuchteten

Schärengarteninsel gerudert waren, hinter deren Bäumen unser erstes

lichtes Sommerheim hervorschimmerte. Sie sah und sah. Das Bild wurde so

deutlich und so scharf, daß sie jeden Strauch und jeden Baum zu

unterscheiden vermeinte, alles bis zu dem feinen Spiel von Schatten und

Lichtern, die die Abendsonne über das Schindeldach des grauen Häuschens

warf. Sie sah die Bucht sich in unendlichem Blau weiten, und da, wo sie

sich um die Insel schloß, wiegten ihre Wellen Spiegelbilder der hellen

Birken und der dunklen Eichen und Tannen, die sich im Wasser beinahe

schwarz abzeichneten.

Wie oft hat sie mir nicht die Klarheit dieser Visionen oder Erinnerungen

beschrieben, die ihr eigenthümlich waren! Ich kann ihren Traum jetzt

besser und klarer sehen, als ich es damals konnte.

Gewiß ist, daß sie all dies sah, bis ihre ganze tolle Laune verschwunden

war, und ich sah, wie warme Thränen ihre Augen füllten. Mit einer

hastigen Bewegung leerte sie den Rest ihres Glases, glitt von dem Sopha

herab und lehnte ihren Kopf an meine Kniee.

Als hätte etwas von ihrem Gefühle sich unmittelbar auf mich übertragen,

oder als wären sich unsere Gedanken in der Vergangenheit begegnet, in

der der Glückstraum des Lebens uns beide umfing, wurde auch ich von

einer Stimmung, die ganz verschieden von der vorhergehenden war,

ergriffen, und indem ich sanft meinen Arm um ihren Hals legte und ihre

Wange streichelte, sagte ich:

»Woran denkst Du?«

»Ich denke an unseren ersten Sommer.«

In diesem Augenblick kam es mir vor, als hätte ich auch an dasselbe

gedacht. All meine Müdigkeit war wie fortgeflogen, und voll Bewegung bog

ich ihren Kopf empor und küßte ihren Mund.

Im selben Moment saß Elsa aufrecht da.

Das Verlangen nach etwas Neuem, etwas Ungewöhnlichem, das die

Einförmigkeit des Alltäglichen durchbrach, vermischte sich im Augenblick

mit der Erinnerung an das, was einst gewesen, und mit einem Tonfall, dem

man nicht widerstehen konnte, rief sie aus:

»Ich will hinfahren, Georg! Ich will hinfahren!«

Aber im selben Augenblick fühlte ich mich wieder in die Wirklichkeit

zurückversetzt. Meine Gemütsstimmung war im tiefsten Grunde vielleicht

dieselbe wie die meiner Frau. Aber ich empfand gleichzeitig dieses

wunderliche Gefühl einer wartenden Enttäuschung, das sich in uns erhebt

und in den überspanntesten Augenblicken des Lebens unsere Träume zügelt.

Ich scheute zurück vor diesem Versuch, die Jugend zum Leben zu erwecken,

als fürchtete ich, anstatt dessen einem Schmerz zu begegnen, den ich um

jeden Preis vermeiden wollte. Ich fühlte mich einer Enttäuschung so

gewiß, daß der unschuldige Vorschlag meiner Frau, die kleine Fahrt in

den Schärengarten, der Besuch des Ortes, wo ich jede Bucht, jeden Sund

kannte, ja sogar die Steine auf dem Grunde des Fjords, mir etwas so

Wichtiges und Entscheidendes zu bergen schien, daß ich mich genau

bedenken mußte, bevor ich einen so schicksalsschweren Entschluß faßte.

Aber gleichzeitig sah ich, daß dieser Gedanke meine Frau mit einem

Entzücken erfüllte, so groß, daß ich nicht Nein sagen konnte. Darum

sagte ich auch Ja und schloß sie in meine Arme, um meine eigene

Mißstimmung zu verbergen.

Aber als wir dann heimwärts gingen, lag über Elsas ganzem Wesen etwas

wie ein Schimmer von Jugend. Nichts von dem, was ich wirklich fühlte,

hatte sie gemerkt. Gleichsam als glaubte sie einem großen Glück

entgegenzugehen, so leuchteten ihre Züge, das ganze lebensvolle Gefühl

wiederspiegelnd, mit dem sie das, was gewesen, mit dem, was war,

verband. Und es durchzuckte mich eine so schmerzliche Empfindung bei dem

Gedanken, meine böse Ahnung könnte sich vielleicht bestätigen, daß ich

meine Gedanken nicht zurückhalten konnte.

»Bist Du sicher, daß es so wird, wie Du es erwartest?« fragte ich.

Sie zuckte zusammen, und ihr Gesichtsausdruck war beinahe verbittert,

als sie antwortete:

»Warum mußt Du mir alles verderben?«

»Pflege ich das wirklich zu thun?«

Sie wurde gleich wieder gut.

»Nein, aber ich war so glücklich, gerade jetzt.«

Ich schwieg und zog sie bloß enger an mich. Vor ihrem Glauben vergaß ich

meine Zweifel, und in meiner Phantasie nahm unsere unbedeutende Reise

ganz wunderliche Formen an, so wie wenn kleine nahegelegene Inseln sich

zum Horizonte erheben und in phantastischem Glanze schimmern.

9.

So saßen wir endlich eines Sonntags Morgens auf dem Verdeck des

Dampfschiffs und eilten dem bekannten Ziele zu.

Es waren viele Jahre vergangen, in denen wir diesen Weg nicht genommen

hatten, Jahre, die Gutes und Böses gebracht, Jahre, die zersplittert,

und Jahre, die vereint hatten. Getrennte Wege hatten unsere Gedanken

genommen, aber sie waren sich wieder begegnet, und wie in einem

wunderlichen mystischen Gefühl vereint, das das Schicksal

herauszufordern schien, saßen wir Seite an Seite, während Gegend um

Gegend an uns vorbeiglitt, von der klaren Lenzsonne beleuchtet, vom

blauglitzernden Wasser bespült, das ein leichter Wind kräuselte.

Meine Widerspenstigkeit war nun gänzlich verflogen. Ich ließ mich

willenlos von meiner Frau führen und nahm jeden Eindruck mit einer

Rührung auf, als wäre ich zwölf Jahre jünger und säße auf dem Verdeck,

neuen, unbekannten Zielen entgegenziehend, die mein Alltagsleben

verändern und dem ganzen Dasein neue Ausblicke geben sollten. Meine Frau

schien mir verjüngt, so wie ich selbst. Ihr Gesicht färbte eine zarte

Röte, und die Augen leuchteten mit jenem Glanze, den das Glück verleiht.

Ihre Stimme hatte Intonationen unbestimmbarer Zärtlichkeit, die mich mit

der ganzen Stärke der Illusion liebkosten, die uns Beide erfüllte, und

zwischen uns kamen und gingen Worte und Lächeln, Blicke und Gebärden,

die nur der ersten Zeit der Liebe eigen zu sein pflegen.

Und als das Dampfboot uns endlich ans Land setzte und wir allein auf der

Brücke standen und das Schiff fortdampfen sahen, da umschlangen wir

einander und gingen langsam über den Weg, der sich zwischen Haselstauden

und hohen knorrigen Eichen schlängelte, auf deren Zweigen kaum noch die

Spur von den Knospen des Frühlings sichtbar war. Da erst sahen wir, wie

wenig entwickelt die Vegetation um uns war. Das Meer, das den ganzen

Schärengarten in seiner kalten Umarmung umschlungen hält, legt um Inseln

und Schären eine Eiseskühle, die die Arbeit des Frühlings hemmt. Hier

war es nicht grün wie im Inneren des Landes, wo Wiesen und Haine sich

gerade im Schutz dieses weiten Schärengartens belauben, der die harten

Nordwinde fern hält. Hier war es öde und kalt, auf den Zweigen der Bäume

zeigten sich schwache, lichtgrüne Triebe, die gelb und braun

schillerten, die Palmenweide trug Kätzchen, das Gras schlief unter

welken Blättern, und die Anemonen, die im Inneren des Landes längst

verblüht waren, wuchsen blau und weiß unter den Zweigen der

Haselsträucher.

Gerade diese späte Entwicklung der Natur erfüllte uns Beide, die wir in

unserer eigenen Stimmung wie gefangen waren, mit einem neuen Glück.

»Siehst Du, hier kommt es so spät, wie damals?« -- »Weißt Du noch, man

hat einen zweiten Frühling, wenn man in den Schären wohnt?« und wir

sahen hinaus über den weiten Fjord, der diesen ganzen späten Frühling

umschloß, und freuten uns, daß die Fischmöven wie einst in weiten Bogen

über dem blauen Wasser kreisten, freuten uns über ihre weißen Flügel,

die in der Sonne glitzerten, und blieben stehen, um ihr freies Spiel zu

betrachten, wenn sie durch die Luft schossen und das Wasser erreichten,

wo ihre klaren Augen die Beute erspäht hatten.

Hand in Hand wie zwei Kinder gingen wir den Hügel hinauf zu einem

kleinen, roten Haus, und wir betrachteten einander, als tauschten wir

ein Geheimnis aus, als der Fährmann, der uns früher hinüber zu rudern

gepflegt hatte, aus der Thüre trat und versprach, uns zu unserer

Jugendinsel zu führen.

Still ging die Fahrt über das blaue Wasser. Ohne ein Wort zu wechseln,

von der seltsamen Stimmung erfüllt, die uns Beide beherrschte und mit

jedem neuen Blicke, der sich aufthat, zu wachsen schien, saßen wir Hand

in Hand da und ließen uns von den Erinnerungen durchfluten, wohl

wissend, daß dem Einen kund war, was der Andere dachte. Nie war uns

diese Fahrt so herrlich erschienen, nie hatten wir wie jetzt die

verführerische Pracht der Mittagssonne gesehen, nie hatte das Schimmern

des Wassers und der reich belaubten Gestade sich so melodisch mit dem

ernsten Hintergrund des dunklen Tannenwalds vermählt. Und als wir der

kleinen Insel näher kamen, da war es uns, als ob jeder Stein, jeder

Baum, jeder Strauch emporwüchse, nicht aus der verringerten Entfernung,

sondern aus unserer eigenen Erinnerung, die getreuer als die

Wirklichkeit diese Umgebung bewahrt hatte, aus der für uns das Glück des

ganzen Lebens entsprossen war.

Aber als wir ans Land kamen, blieben wir Beide stehen, und der Ausruf

des Entzückens, der schon auf Elsas Lippen geschwebt, erstarrte.

Schweigend betrachteten wir einander, und wie von etwas Neuem,

Unerwartetem bedrückt, das wir nicht einmal sehen oder erkennen wollten,

gingen wir langsam den schmalen Pfad von der Landspitze weiter.

Was wir gesehen hatten, war, daß das Haus, das jetzt auf der Insel

stand, nicht mehr grau war. Es war rot angestrichen. Es war nicht mehr

ein breites, zweistöckiges Gebäude. Es war eine niedrige Hütte, die

gleichsam auf demselben Platze zusammengeschrumpft war, auf dem unser

erstes Heim gestanden hatte. Sie schien sich auf der alten Stelle

zusammengedrückt zu haben, als hätte Armut und Not sie im Laufe der

Jahre gezwungen, sich so klein zu machen. Wir standen eine Weile

schweigend, als müßten wir erst Atem schöpfen.

»Georg,« sagte Elsa, »was ist das?«

Ich brauchte bloß auf die alten Eichen zu weisen, die ringsumher

standen. Ihre Aeste trugen schwarze Zeichen, und ihre Rinde war

versengt. Ich wies ihr den rußgeschwärzten Grundstein, das kleine

Gärtchen, das verwildert war, und einen Haufen alter Holzbalken, der

quer über dem Grasplatz lag. Sie waren verbrannt und verkohlt, verfault

und verwittert. Das war alles, was von unserem ersten Heim übrig war.

»Hier ist eine Feuersbrunst gewesen,« sagte ich.

Und meine Stimme zitterte.

»Verbrannte Stätten.«

Als hätten wir uns Beide zusammengehörig mit jenem kleinen Fleck Erde

gefühlt, den wir seit vielen Jahren nicht wiedergesehen, wurden wir nun

von einem ganz neuen Interesse ergriffen, nämlich zu erfahren, was

geschehen war, was diese unsere Glücksinsel so verwandelt hatte, daß sie

für uns halb unkenntlich geworden war. Dieses Interesse verscheuchte

gewissermaßen die ganze Welt der Träume, die uns bis dahin umfangen

gehalten, und erweiterte unsere Gefühlswelt dahin, auch das Leben Derer

zu umfassen, die hier draußen gelebt und gelitten, gearbeitet und

gestrebt und die die Jahre so hart geformt und gemodelt hatten, daß

keinerlei Glücksträume ihnen länger die harte Wirklichkeit vergoldeten.

Und während sich unsere Gedanken diesen Menschen zuwendeten, deren wir

früher nur als eines notwendigen Anhängsels unserer eigenen Freude

gedacht hatten, öffnete sich die Thür der Hütte, und in dem Sonnenlicht,

das über die Stufe fiel, stand ein gebücktes, altes Mütterchen und

blinzelte uns mit einem wiedererkennenden Lächeln zu. Sie sah so alt

aus, daß sie geradeswegs einem alten Märchen entstiegen schien, sie war

auf einen Stock gestützt, und das runzlige Gesicht verzerrte sich

schmerzlich, als sie ihren gichtbrüchigen Körper bewegte.

»Das sieht jetzt anders aus, als wie die Herrschaften das letzte Mal da

waren ...« sagte die Alte.

Und indem sie sich mühsam vorwärtsbewegte, kam ein alter Mann zum

Vorschein, der, seiner Gewohnheit treu, im Hintergrunde gestanden hatte,

bis die Reihe an ihn kam. Die beiden Alten begrüßten die Beiden, die

sich eben jung geträumt, und der Greis rieb sich die Hände, hustete und

murmelte unverständliche Worte, während er langsam und bedächtig auf der

Schwelle Platz machte, über die die Alte die beiden Reisenden einlud

einzutreten.

Durch das Skelett einer unvollendeten Veranda sahen wir hinaus auf die

Fjorde und Sunde unserer Jugend. Vernachlässigt war der Garten,

verfallen schien das ganze neue Haus, das Gras überwucherte die Wege,

die wir einst gegangen, und in der Laube unten am Strande faulten Tische

und Bänke, weil Niemand gut machte, was Wind und Wetter zerstörten.

Ohne daß wir zu fragen brauchten, erzählten die beiden Alten, wie das

Unglück über sie gekommen war. Die Frau erzählte, und der Mann

wiederholte bekräftigend ihre Worte. Und das Unglück war so hinterlistig

und unerwartet hereingebrochen, daß Niemand ihm Widerstand leisten und

Niemand helfen konnte.

Denn an einem Frühlingstag im März, als der Nordwind frisch blies und

das Eis zwischen den Inseln weder trug noch brach, war das Feuer

ausgebrochen. Und weil das Eis weder trug noch brach, hatten die

Nachbarn rings umher auf dem Lande gestanden und das Ganze angesehen,

ohne ihnen zu Hilfe kommen zu können. Die beiden Alten hatten allein

weggetragen, was sie aus dem brennenden Hause retten konnten; und

machtlos danebenstehend sahen sie ihr Eigentum zu Asche verbrennen. Mit

dieser Asche, in der sie die letzten Funken erlöschen sahen, erlosch

ihnen auch jede Hoffnung auf ein sorgenfreies Alter. Denn niedrig war

das Haus, das sie nach langen Jahren auf dem Grund des alten aufgebaut.

Gering war der Hausrat. Dürftig die Umgebung. Und sie selbst gebrochen

und müde. Ein einziger Unglückstag hatte Alles genommen, was frühere

Jahre aufgebaut.

Wie von demselben Schicksal gebeugt saßen die Beiden da, die sich eben

jung geträumt, und lauschten den schweren, kargen Worten, in denen die

Alten von dem Feuer erzählten, das ihr Haus verödet hatte. Gerade das

ergreifend Alltägliche dieser Darstellung, unterbrochen von

bedeutungslosen Einzelheiten, vermischt mit den Armeleuteerinnerungen an

Hab und Gut, das zu Grunde gegangen, drückte die Gäste zu Boden,

entkleidete unsere eigenen Träume der Pracht der Illusion und ergriff

uns mit stiller, schwärmerischer Wehmut. Es dünkte uns beinahe, daß

während wir nichts wußten, während wir unser Leben lebten und uns

glücklich wähnten, hier auf einer kleinen Insel in den Schären etwas von

jenem Schatze des Lebens verbrannt und verschwunden war, den wir

gesammelt und in sicherer Hut zu haben glaubten. Elsa hatte die

Empfindung, daß sie bei jenem Brande mehr verloren hatte, als die beiden

Alten; und während die Erzählung fortschritt, sah ich, daß sie sich

Gewalt anthun mußte, um nicht in Thränen auszubrechen. Denn was

bedeuteten diese Möbel, Kleider und Hausgeräte? Was bedeutete es, daß

zwei zusammengebrochene Menschen, deren Leben abgeschlossen war, hier

saßen und sich grämten über den Gegensatz zwischen früher und jetzt, in

jenem dürftigen Wohlstand, wo der Unterschied doch ein so geringer war?

Was bedeutete all dies dagegen, daß sie niemals, niemals mehr die Insel

ihrer Jugend so sehen sollte, wie sie sie einst geschaut?

So empfand sie, und sie wandte mir ihr Antlitz zu, und ich konnte ihr

keinen Trost geben. Denn ich dachte daran, wie Unrecht ich gethan, nicht

der Stimme meiner ersten Ahnung gefolgt zu sein und es uns Beiden

erspart zu haben, die Brandstätte unseres ersten Glücks zu sehen. Aber

ich hatte nicht das Herz, dies zu sagen, und indem ich ihren Arm nahm,

gingen wir Beide noch einmal schweigend um die Insel.

Es erging uns wie den Kindern im Märchen, die sich einst im Wunderland

verirrten und bei ihrer Heimkunft fanden, daß die Zeit weitergeeilt war

und die Menschen rings um sie müde und alt gemacht hatte. Still und

träumend saßen wir am Strande und blickten über den Fjord. Da war alles

sich gleich geblieben, und wie wir da saßen, vergaßen wir das neue Haus

und den Verfall hinter uns. Wir erinnerten uns nur, daß wir drei Jahre

an dieser Bucht gewohnt hatten, jeden Sommer an einem anderen Orte; und

in einer Art Verlangen, das fortzusetzen, was wir einmal begonnen,

beschlossen wir, weiter, zu dem Heim des zweiten Sommers zu fahren, wo

wir uns an zwei kleine, rote Häuschen am Waldessaum erinnerten und an

eine kleine Wiese, auf der in einem weißen Korbwagen unter blauem

Schleier unser erster Knabe geschlummert hatte.

Wir ließen uns hinüberrudern, und diesmal wußten wir, daß wir einem öden

Strand entgegensteuerten. Denn wir hatten uns vorher erkundigt. Wir

wußten, daß die Jahre auch hier die Spuren dessen, was gewesen, hinweg

gefegt und alles verändert hatten.

Auf der kleinen Landzunge, an der wir ausstiegen, wohnte vor einigen

Jahren ein alter Fischer mit seiner Frau. In einer Winternacht, als der

Schnee um die Hütte stöberte, starb sie, und als eines Tages auch die

Stunde des Alten schlug, da erbten die Kinder die beiden Hütten am

Waldessaume, das Boot und den Fischerschuppen unten am Meer.

Aber es giebt gar manche Geschichten in den Schären, und eine davon war

auch die Geschichte von den kleinen, roten Häuschen am Waldessaum. Als

die fünfzig Jahre, für die die Verstorbenen einst den Boden gekauft

hatten, um waren, kam der Bauer, dem das Land gehörte, und nahm es

zurück. Er verjagte den neuen Besitzer von Haus und Hof. Und darum waren

die Häuser der Erde gleich gemacht, das Holz fortgeführt, das frühere

Kartoffelland von Disteln und Unkraut überwuchert, und der Boden sah

aus, als hätte auch hier das Feuer gehaust.

Die beiden Reisenden, die die Spuren ihres Jugendglücks suchten, standen

wieder unter den Trümmern eines verwüsteten Heims. Es war, als würden

sie von Ruinen verfolgt. Und von einer unheimlichen Beklemmung

ergriffen, die all den Illusionen, welche zerstört worden waren, auf dem

Fuße folgte, ließ Elsa meinen Arm fahren. Den trockenen, reisigbedeckten

Hügel hinaufgehend, kam sie zu dem Zaun, dessen Thüre herausgerissen war

und an dem ein paar verrostete Angeln verkrümmt an den Haken der Pfähle

hingen.

Hier stützte sie ihre beiden Arme auf den Rand des Zaunes, und all den

wechselvollen Gefühlen, die ihre Seele durchströmt hatten, freien Lauf

lassend, brach sie in heftiges Weinen aus. Sie schluchzte, als wäre

alles Unglück des Lebens über ihr Haupt hereingebrochen. Sie stieß meine

Hand zurück, als ich sie streicheln wollte, und sie weinte so lange, daß

ich ungeduldig wurde und darauf drang, fortzugehen, um nicht zu spät zum

Dampfschiff zu kommen.

Sie hörte mich nicht, umfaßte nur meine Schultern und sagte:

»Du hattest Recht, wir hätten nie herkommen sollen.«

Und sie gestand, daß sie lange an diese Reise gedacht hatte, daß sie sie

gewünscht hatte, seit Jahren, daß sie durch einen Zufall -- sie wußte

nicht wie -- auf den Gedanken verfallen war, daß sie jetzt unternommen

werden solle, gerade jetzt. In ihren heimlichen Träumen hatte sich der

Gedanke an diese Reise in wunderlicher Weise mit dem Gedanken an unser

ganzes Lebensglück verknüpft. Es war ihr gewesen, als sollten, als

müßten wir diese Reise einmal unternehmen, als könnte sie ihres Glücks

nie wirklich sicher sein, bevor sie diese Orte wiedergesehen hätte, so

wie sie sie einst gesehen, so wie sie sie stets in ihren Träumen sah.

Sie sagte, daß es ihre Absicht gewesen war, wenn wir zusammen

herauskämen, mich zu bitten, noch einen Sommer draußen zu wohnen. Und

sie hatte gewußt, daß ich ihr diese Bitte nicht abschlagen würde. Aber

jetzt, wo nichts übrig war, nichts von alledem, das einst das ihre

gewesen, jetzt schien es, als sei ein Glied gerissen, das sie an das

Leben selbst kettete.

Ich stand stumm bei ihrem verzweifelten Ausbruch da, und ich begriff nur

zu wohl, daß ich einer jener Phantasieen oder Träume gegenüberstand, die

für einen Menschen mit reichem Gefühlsleben in des Wortes eigentlichem

Sinne mehr bedeuten können als das Leben selbst. Für mein eigen Teil

hatte ich mich freilich auch erregt gefühlt, sowohl durch all die

Erinnerungen, die diese Orte zum Leben erweckten, als durch die

Zerstörung, die die teueren Punkte heimgesucht hatte. Aber diese

Verwüstung in irgend einen Zusammenhang mit dem zu bringen, was für mich

selbst teuer und bedeutungsvoll war, das fiel mir nicht ein. Und vor

diesem Schmerzensausbruch stand ich völlig ratlos da.

Ich versuchte es mit dem gewöhnlichen Mittel, wodurch ein Mann

weiblichen Schmerz zu beruhigen pflegt. Ich versuchte es mit

Liebkosungen. Aber Elsa entzog sich meiner Hand, weil sie sah, daß in

meiner Freundlichkeit ein Trost lag, den sie verschmähte, anstatt der

Sympathie, die sie suchte. Ihr Gesicht nahm einen verschlossenen,

unzugänglichen Ausdruck an, als setzte sie ihre ganze Persönlichkeit für

die Phantasie ein, die sie beherrschte und in der sie sich von Niemandem

stören lassen wollte.

Sie blickte um sich auf den zerklüfteten Plan, und während sich ihr Auge

in Mitgefühl feuchtete, sagte sie:

»Arme Menschen!«

Wieder ging ihre eigene Enttäuschung in ein Mitgefühl mit dem Unglück

anderer Menschen über, für das dieser verödete Fleck Erde Zeugnis

ablegte. Wieder setzten wir uns nieder und ließen unsere Blicke um den

kleinen Hügel am Waldessaume schweifen, der uns die sorglose Ruhe eines

ganzen Sommers in Erinnerung rief. Wir begannen zu sprechen. Und wir

versuchten uns die Szenen auszumalen, die dieser Zerstörung

vorausgegangen waren. Der Bauer, dem das Land gehörte, kam zu dem jungen

Paar, das den Hof geerbt hatte. Er teilte ihnen kurz und bündig mit, daß

die Zeit abgelaufen sei. Die fünfzig Jahre waren um, und nun sollten die

Häuser niedergerissen werden. Er wollte sein Land wiederhaben. Es war

klar, daß er keinen Vorteil dabei hatte. Es würde vielleicht günstiger

für ihn gewesen sein, das Stück Erde noch einmal zu verkaufen. Aber er

hatte gesehen, wie die Anderen im Sommer Mietsgäste gehabt hatten. Das

Einkommen dieser Miete hatte seinen Neid erregt, und mit der Stärke

einer fixen Idee schlug in seinem Hirn der Gedanke Wurzel, daß hier

Niemand wohnen sollte. Der Boden sollte ihm gehören und niemand Anderem.

Und so mußten die Jungen, die hier gewohnt hatten, ihre Baulichkeiten

niederreißen, sie auf eine andere Insel bringen und dort aufbauen, wo

der Reiche sich bewegen ließ, dem Armen Platz zu gönnen. Aber als die

letzte Bootsladung bereit stand, von der Brücke abzustoßen, da hatte den

Mann Raserei erfaßt. Und nun seinerseits sein Recht ausübend, griff er

zur Axt. Er hieb die Bäume nieder, die auf seines Vaters Grund standen,

er entwurzelte die Beerensträuche, das Zaunthor riß er aus seinen Angeln

und warf es zu oberst auf die Fähre. Und bevor er vom Lande abstieß,

wälzte er Steine vom Stege ins Meer, so den Landungsplatz zerstörend,

und fuhr von dannen, zufrieden mit der Rache, die seinen Feind nicht das

Geringste gewinnen ließ.

Davon sprachen wir, aber die ganze Zeit über lag unsere eigene

Enttäuschung auf der Lauer hinter unseren Worten, und Elsa erzitterte.

»Sind wir es, die das Unglück mit uns führen?« sagte sie.

Ich lächelte. Die Worte meiner Frau kamen mir leer und überspannt vor.

»Fahren wir zu der dritten Insel. Dort, wissen wir ja, steht alles so,

wie es gestanden hat,« sagte ich.

Aber Elsa schüttelte nur den Kopf, und indem sie sich plötzlich erhob,

sagte sie:

»Laß uns den alten Weg durch den Wald gehen.«

Und ohne meine Antwort abzuwarten, ging sie voraus. Es war, als sei ihre

frühere Lebendigkeit zurückgekehrt, als hätte sie nun in einem Nu die

ganze Schwere der Leiden und Sorgen Anderer von sich abgeschüttelt, all

dies, das das Land unserer Erinnerungen umschattete und uns an diesem

ganzen wunderlichen Tage mit allem Weh und Elend der Welt verfolgt

hatte. Sie führte mich gerade in den Wald hinein, auf einem schmalen

Pfad, auf dem die Tannen ihre Aeste über unseren Häuptern vereinigten.

Der Weg war weich und leicht zu gehen. Rings um uns zitterte der

Sonnenschein auf feuchtem Moos und einer Perspektive von Aesten und

Stämmen. Der Pfad führte zu einer kleinen Bucht hinab. Dicht an einer

steilen Klippe schnitt sie in den Wald, und gegen den Strand zu ließen

die spärlichen Bäume das Sonnenlicht durch, das auf eine offene, schwach

begrünte Lichtung fiel.

Hier blieb Elsa stehen und begann die Stämme der Bäume zu durchforschen.

Und als ich sie so suchen sah, da erwachte auch in mir eine Erinnerung,

die so lange geschlummert hatte, daß sie mir in elf Jahren kaum einmal

in den Sinn gekommen war.

Es war an einem Abend, als wir noch in jenem Häuschen wohnten, das nun

der Erde gleich gemacht war. An einem Augustabend war es. Und denselben

Pfad verfolgend, waren wir hierher gekommen, um von einem schönen Sommer

Abschied zu nehmen. Da hatte meine Frau eine schwarze Stecknadel aus

ihrem Kleide genommen und sie in der Rinde einer Tanne befestigt.

»Ob sie wohl noch da ist, wenn wir das nächste Mal herkommen,« hatte sie

gesagt.

Diese Erinnerung huschte durch meine Seele, und es wurde mir wehmütig

ums Herz. Da sah ich meine Frau mit einem leisen Aufschrei einer kleinen

Tanne zueilen. Aus ihrer Rinde zog sie eine rostige Nadel, und indem sie

mir um den Hals fiel und mich küßte, weinte sie Thränen des Glücks.

Behutsam steckte sie die Reliquie wieder in die Rinde des Baums. Denn

sie brachte es nicht übers Herz, sie wegzunehmen. Vielleicht hatte sie

eine abergläubische Furcht, daran zu rühren. Aber seit sie sie gefunden,

verschwand der schmerzliche Eindruck eigener Enttäuschung und fremder

Not, er verwischte sich in uns Beiden. Und als hätte uns dieser kleine

Vorfall tröstende Grüße guter Geister gebracht, wanderten wir selig

zurück über verbrannte Stätten, die uns nichts anderes gelassen hatten,

als eine alte, rostige Nadel, die so gut geborgen war, daß Niemand sie

fortnehmen konnte.

10.

Wie oft habe ich nicht dieser Fahrt über verbrannte Stätten gedacht, wie

oft ist sie mir nicht seither als ein Symbol unseres ganzen Lebens

erschienen!

Aber damals wirkte dieses Ereignis ganz anders auf uns, als jetzt, wo

ich mich daran erinnere. Damals wirkte es so, daß wir zu unserem dritten

Landaufenthalt gingen, den meine Frau zuerst gar nicht hatte sehen

wollen, und dort zum zweiten Male unser Heim für den Sommer mieteten!

und leichten Herzens zogen wir hinaus in die Gegend, an die wir uns

durch eine rostige Nadel, die Niemand fortgenommen, gebunden fühlten.

Rein von Wolken, die die Sonne verdunkeln, steht der Sommer vor mir, der

auf diesen Frühlingsausflug folgte. Mit welcher Lust arbeitete ich, und

wie leicht schritt die Arbeit vorwärts. Blatt um Blatt wurde ruhig und

mühelos zu dem Buche gelegt, das zum Herbst herauskommen sollte, und

mehr als einmal stand das Mittagsbrot auf dem Tische, wenn die Thüre zum

Arbeitszimmer verschlossen wurde und Elsa sich niedersetzte, um die

Seiten vorlesen zu hören, die während des Vormittags geschrieben worden

waren. Still und glücklich saß sie da und freute sich, daß der Stoß

dicht beschriebener Blätter auf dem Tische gewachsen war. Denn sie wußte

wohl, wer der Arbeit Leben gab. Sie wußte, daß das, was ich von Menschen

dichtete, aus langen Gesprächen zwischen mir und ihr hervorwuchs, und

sie war es zufrieden, daß ich sie mein Notizbuch nannte, das sicherer

als irgend eine Schrift meine Gedanken bewahrte und sie mir frisch und

erneut wiedergab. Denn wenn ich sie dann aus dem treuen Gedächtnis

emporholte, das meine eigenen Gedanken besser barg als ich selbst, sah

ich sie durch das Vergrößerungsglas der Liebe wieder, mit dem sie all

das sah, was sie und mich betraf, und vor Allem meine Arbeit. Darum

hatte auch sie, während ich las, die Empfindung, daß das, was sie selbst

mit mir in ungeordneten Phantasieen gesehen, nun in dem Geschriebenen

Form gewonnen hatte. Sie genoß eine stille, seltsame Mutterfreude, indem

sie so diesen meinen geistigen Kindern auf ihrem Entstehungswege folgte,

und dennoch war sie eifersüchtig auf sie, weil sie sich einbildete, daß

sie meine Gedanken so erfüllen konnten, daß sie sie selbst, das Heim,

die Kinder und alles, was es im Leben gab, verdrängten. Ja, ich glaube

nicht, daß sie auch nur ahnte, wie dieses Zusammendichten mit ihr mir

kostbarer war als die Dichtung selbst.

Wie kindisch es auch klingen mag, so ist es doch wahr, daß nichts mich

je so zu geistiger Thätigkeit angespornt hat, als wenn ich aus ihrem

Gesichtsausdruck, der nie das, was sie dachte, verhehlen konnte,

entnahm, daß es mir geglückt und daß sie zufrieden war. Ich konnte,

während ich schrieb, an dieses Vorlesen denken, und dieser Gedanke

zerstreute die hundert ungebetenen Phantastereien, die sonst so gerne

die Feder hindern wollen, zu arbeiten. Aber wenn wir die Lektüre beendet

hatten und hinaus in das Speisezimmer kamen, da lachten wir darüber, daß

der Hecht kalt geworden war und daß die Jungen, die notdürftig

gewaschen, bloßbeinig und sonnverbrannt dasaßen, hungrig und

erwartungsvoll aussahen.

»Wir sitzen schon so lange hier und warten,« knurrte Olof. »Wo seid Ihr

denn gewesen?«

»Wir haben Papas Buch gelesen,« sagte Mama.

»Hättet Ihr damit nicht bis nach dem Mittagessen warten können?«

»Nein, das konnten wir nicht.«

»Das muß ein komisches Buch sein,« bemerkte Olof.

Aber Svante, der noch nicht zu buchstabieren angefangen hatte, nahm

Papas unbekanntes Buch in Schutz, und wie immer war Mama diejenige, die

den Zwist beilegen und die unruhigen Gewässer beruhigen mußte.

Aber was für ein Sommer war das! Was für ein herrlicher Sommer, voll

Arbeitsfreude, Schärenwinden, klarer Sonne und lauen Mondscheinabenden!

Er steht vor meiner Erinnerung wie ein einziger Sonnentag. Ich erinnere

mich der Freunde, die mit ihren Segelbooten an unserer Brücke landeten,

ich erinnere mich der Ausfahrten mit Eßkörben bei frischem Sommerwind,

des Badens im offenen Meer, wo Olof schwimmen lernte und Svante sich im

Sande rollte, um seine Anlagen zu zeigen. Ich erinnere mich der Festtage

mit Blumenguirlanden und Versen, Erdbeeren und Wein, der langen, stillen

Spaziergänge durch den Tannenwald, der sich zu einem sonnenbeleuchteten

Fjord öffnete, und ich erinnere mich an den Fährmann, der uns im

Segelboot zu begleiten pflegte und uns alle aus seinem grauen Kinnbart

anlachte.

Wie kurz war dieser Sommer, und wie frühe kam der Herbst! Mit welcher

Wehmut verfolgten wir nicht die Veränderungen der Natur, wie die Abende

länger und die Tage kürzer wurden, wie man die Wiesen mit ihren

herrlichen Blumen abmähte, so daß Alles kahler wurde, wie der Roggen

sich gelb färbte und das Schilf hoch und groß rings um die Ufer wuchs,

einen dichten, wehenden Wald aus Grün mit violetten Blütenbüscheln

bildend, wo früher das Wasser munter über die Steine geplätschert hatte.

Und als der Tag des Aufbruchs endlich herankam, wie suchten wir da nicht

alle Plätze des Sommers auf, um sie ein letztes Mal wiederzusehen. Wir

gingen den Aussichtsberg hinauf, und wir wanderten den Waldweg auf und

ab, besonders wenn es dunkelte und die Sterne durch die Zweige der

Tannen schimmerten. Beinahe eine ganze Woche brachten wir nur damit zu,

Abschied zu nehmen. Wir nahmen die Knaben mit und segelten rings um die

Insel, und wir sprachen von dem Buche, unserem Buche, das fertig war und

zum Herbste herauskommen sollte. Stundenlang konnten wir über den

schmalen Pfad gehen, der von dem rotgestrichenen Wohnhause hinab zum

Strande führte, und jeden Abend verweilten wir lange auf der Brücke, dem

Rauschen der Wogen horchend, das jetzt ruhiger klang als in dem

unruhigen Frühling, zugleich jedoch härter.

Aber am letzten Abend, als der Augustmond schon im Abnehmen war, gingen

wir allein zur Brücke hinab und stießen mit dem Boote ab.

In der Nachtbrise segelten wir hinaus über die schwarze Bucht, auf die

der gelbe Halbmond glitzernde Streifen malte und um die die Bäume so

dunkel und wunderlich standen, ganz andere Konturen bildend als die, die

das Tageslicht gab. Wie durch eine Zauberlandschaft segelten wir dahin,

dem Plätschern der kleinen Wellen am Bug des Bootes lauschend. Wir

eilten über die nur gekräuselte Wasserfläche mit größerer

Geschwindigkeit dahin als je am Tage, denn die Brise der Nacht hat

größere Kraft, oder sie scheint sie wenigstens zu haben. Aber ohne zu

sprechen oder irgend etwas zu verabreden, wendete ich das Boot, so daß

es die Klippen umschiffte, und über die Steine der Badebucht gingen wir

ans Land. Wir nahmen einander bei der Hand, und wir gingen unseren alten

Weg zu der hohen Tanne, in deren Rinde die rostige Nadel steckte. Wir

brauchten den Baum nicht zu suchen, denn während des Sommers waren wir

oft hingepilgert, und wir hatten niemals gefürchtet, daß Jemand an das

kleine Ding rühren würde, das so gut verborgen war und uns das Siegel

unseres eigenen unermeßlichen Glücks zu sein schien, das zu entfliehen

gedroht hatte, aber zurückgekehrt war.

Doch wie wir so in unsere Gedanken versunken standen und das Mondlicht

in dem Dunkel der Nadelbäume untergehen sahen, sagte meine Frau:

»Ich will sie nicht dalassen. Ich möchte sie mitnehmen.«

Mit behutsamer Hand machte sie sie los und befestigte sie an der

Innenseite ihres Kleides.

»Vielleicht komme ich nie mehr her, und da will ich nicht, daß Du sie

nach mir findest.«

Dann segelten wir wieder hinaus in die nächtliche Brise, und eine

Vorahnung dessen, von dem ich nie geglaubt hatte, daß es kommen würde,

erfüllte mich mit einem unnennbaren Gefühl der Trauer. Ich sah auf die

Stelle im Boote, wo Elsa saß. Es war mir, als würde sie vor meinen Augen

leer und als segelte ich einsam über einen Wasserspiegel, der andere

Konturen hatte als die, die das Sonnenlicht gegeben. Ich saß da, so

stark von diesem Gefühl erfüllt, daß ich vergaß, daß ich nicht allein

war, und zusammenzuckte, als erwachte ich zu einer neuen Wirklichkeit,

als ich die Stimme meiner Frau vernahm. Sie sprach leise, so als spräche

sie zu sich selbst, und ich hörte im Anfange die Worte, ohne sie zu

verstehen.

»Ich habe so oft gedacht,« sagte sie, »daß es Menschen geben muß, die

etwas brauchen, an das sie glauben können, und denen Unrecht widerfährt,

wenn man ihnen ihren Glauben nimmt. Ich bin so glücklich, daß ich so

glaube wie Du. Ich will nichts thun, was Dir nicht recht ist, nicht

einmal etwas glauben, was Du nicht weißt. Aber ich kann es nicht lassen,

an Gott zu glauben. Bist Du sehr böse darüber?«

Wenn meine Frau mich dies in unserer ersten Jugend gefragt hätte, würde

ich gewiß streitlustig geworden sein, und ich wäre mit all den Gründen

gegen einen derartigen Glauben angerückt, den die illusionslose Richtung

der Zeit mich gelehrt hatte fast mit nachsichtiger Geringschätzung zu

betrachten. Die Jahre, die mich älter gemacht, hatten mir wohl keinen

Glauben gegeben, mir aber doch das Verlangen genommen, auch nur einen

einzigen Proselyten machen zu wollen, nicht einmal wenn dieser einzige

meine eigene Frau wäre. Was ich glaubte, war nichts Festes, nur ein

Suchen, das Größte zu finden, und mehr als ein Mal hatte mich schon in

meiner frühen Jugend die Dürftigkeit dessen, was man mit einem

schlechten Worte Materialismus nennt, durch seine trockene Kühle

überrascht. Aber von solchen Dingen, die in mir selbst noch zu unklar

und formlos waren, sprach ich im Allgemeinen ungerne, und ich fühlte

mich jetzt durch die Worte meiner Frau gleichzeitig überrumpelt und

gedemütigt.

»Wie sollte ich darüber böse sein können,« antwortete ich bloß.

»Ah, wie froh ich bin,« ertönte wieder ihre Stimme. Denn ihr Gesicht

unterschied ich nur undeutlich. »Dann wirst Du auch nicht zürnen, wenn

ich Dir sage, daß ich jeden Abend mein Abendgebet spreche, so wie, als

ich ein Kind war. Ich weiß nicht, zu wem ich bete. Aber ich lasse auch

die Knaben für Dich und mich und für einander beten. Glaubst Du, daß es

unrecht ist?«

Ich legte das Ruder nieder, stand von meinem Platze auf, nahm das liebe

Gesicht meiner Frau zwischen meine Hände und küßte sie, ohne ein Wort

sagen zu können.

»Ich will nicht, daß es etwas geben soll, was Du nicht weißt,« sagte sie

einfach.

Wieder saß ich an meinem Platze am Ruder, wieder schoß das Boot dahin,

und nach einer Weile sah ich durch das Laubwerk ein Licht, das mich zu

der Brücke meines Heims leitete. Uns mit den Armen umschlungen haltend

gingen wir den schmalen Pfad zu unserem Sommerheim, und als wir uns zur

Gutenacht küßten, sagte Elsa:

»Du hast mich heute Abend so glücklich gemacht. Ah, Du weißt nicht, wie

glücklich Du mich gemacht hast.«

An diesem Abend blieb ich lange auf, und ich that, was ich nicht oft

während dieses ganzen glücklichen Sommers gethan. Ich dachte an Elsa und

mich. Unaufhörlich tauchte der Gedanke wieder auf, warum sie mich hatte

fragen müssen, ob ich ihr erlaubte, an Gott zu glauben und zu beten.

Denn das war es ja, was sie gethan hatte. Und während mich diese weiche

Weiblichkeit wie ein Hauch unnennbaren Glücks berührte, fühlte ich doch

gleichzeitig den Stachel, der darin lag, daß sie je so hatte fragen

müssen. Ich ging in Gedanken unsere Jugend durch und all die Jahre, in

denen wir uns geliebt. Ich glaubte, daß ich sie immer auf den Händen

hatte tragen wollen, ich glaubte, daß ich es immer gethan hatte, und nun

klang durch ihr ganzes Wesen ein Ton, als hätte ich bei alledem achtlos

ihr Innerstes zerrissen und ihr, ohne es zu wissen, eine Wunde

geschlagen, die vielleicht lange geblutet hatte, bevor sie gewagt hatte,

mich ahnen zu lassen, daß sie litt. Sie schien in irgend einer Weise

mich oder meine Kritik oder Beides zu fürchten. Und ich fragte mich

selbst: Warum?

Ich wußte, daß ich sie nicht darnach fragen konnte. Denn sie würde immer

die Arme um meinen Hals schlingen und sagen: »Du, Du, niemals hast Du

mir etwas anderes als Gutes gethan!« Ich glaubte den Fanatismus ihrer

Stimme zu hören, wenn sie dies sagte. Ja, ich wußte, daß sie so

antworten mußte, und ich wußte auch, daß sie alles, was sie sagte, als

die innerste Wahrheit empfinden würde, so gewiß als sie es sonst nicht

hätte sagen können. Aber dieser Gedanke beruhigte mich nicht. Etwas ganz

Anderes beschäftigte mich jetzt. Was kümmerte es mich im Uebrigen in

dieser Stunde, ob meine Frau zu Gott betete oder nicht? Was kümmerte es

mich, ob sie das oder jenes dachte? Was sie gesagt, hatte mich wie

Pfeile getroffen, die geradenwegs in mein Herz gedrungen waren. Ihre

Worte waren mit ihr selbst und dem ganzen Sommer, der vergangen war,

verschmolzen, mit dem Gefühl der Kahnfahrt auf dem dunklen Wasser, mit

dem Brausen des Waldes und dem Strahlenweg des Mondes über die krausen

Wellen. Es verschmolz alles zu einem einzigen Ganzen und sang davon, daß

ich einen Schatz gewonnen, der sich nicht teilen oder verwandeln ließ,

aber der mein blieb, solange ich begriff, daß er nur in der Stille für

mich wuchs.

Aber dabei quälte mich der Gedanke, daß ich sie, ohne es zu wollen, doch

erschreckt hatte. Das quälte mich im Widerspruch zu ihren eigenen

Worten, die noch in meinem Ohre klangen. In Gedanken durchlebte ich

alles zwischen uns, woran ich mich erinnern konnte und was

möglicherweise damit zusammenhing, und als ich mich an nichts mehr

erinnern konnte, suchte ich in meinen Gedanken nach dem, was ich nicht

zu finden vermochte.

Denn es war Schuldgefühl, was ich empfand, Schuldgefühl, was mich

bedrückte. Ich konnte mich nur nicht entsinnen, wie oder wann ich

schuldig geworden war. Ich meinte bloß, daß ich es war und sein mußte.

Als ich hereinkam, um zu Bette zu gehen, sah ich bestürzt, daß meine

Frau noch wach lag. Aber als ich mich niedergelegt hatte, beugte sie

sich nur vor und küßte meine Hand.

Ich habe nie einen glücklicheren Ausdruck in ihrem Antlitz gesehen.

11.

So kam der Tag heran, den wir lange erwartet hatten, der Tag, an dem

unser Kind geboren werden sollte, an dem das Geheimnis, das meine Frau

mir schon seit langem anvertraut und das ihrer Seele Spannkraft und

ihrer Hoffnung Flügel gegeben, an den Tag kommen und das Glück wieder

auf immer in unser Haus einkehren sollte. Das Vorgefühl dessen hatte

dazu beigetragen, unseren Sommer so hell zu machen, wenigstens sehe ich

es jetzt so. Aber so wunderbar mir alles jetzt erscheint, wo ich die

Erklärung dafür zu haben glaube, so natürlich und einfach kam damals

alles, und ich war weit entfernt, die ganze Bedeutung dessen, was sich

mit uns begab, zu ahnen.

Wir hatten ja schon vorher zwei Kinder bekommen, und ich hatte viele

dieser rührenden Beweise der Mutterfreude der Erwartung gesehen, die ein

Mann, der seine Frau liebt, niemals vergißt. Aber nie hatte ich meine

Frau so von Freude über das Kommende erfüllt gesehen, wie sie es jetzt

war. Nie war sie in einer so andachtsvollen Glückseligkeit umhergegangen

wie jetzt, nie hatte sie es in diesem Maße verstanden, eine

feiertägliche Stimmung über unser ganzes Alltagsleben zu breiten, wie in

diesem düsteren Herbst in der tristen Stadt, wo der Regen unaufhörlich

fiel und das ganze Leben um uns so schwer und trübe erschien wie wohl

nie zuvor.

Wir hatten ja zwei Knaben, und darum war es natürlich, das kleine Wesen,

das kommen sollte, »das Mädchen« zu nennen. Sie erwarteten wir und von

ihr sprachen wir, und eines Mittags, als ich von meiner Arbeit nach

Hause kam, sagte meine Frau zu mir:

»Es ist mein Engel, der kommt, Georg, sie wird mich retten.«

So lange hatte ich in der Vergessenheit gelebt, daß irgend eine Gefahr

uns je bedroht, daß ich zuerst ihre Worte nicht verstand.

»Dich retten?« wiederholte ich mechanisch. »Wovor?«

In ihr Gesicht trat ein wunderlicher Ausdruck, so als zöge sie sich in

sich selbst zurück, um darüber nachzudenken, wie es möglich war, daß

zwei Menschen, die sich liebten, so verschieden empfinden konnten.

»Hast Du schon vergessen, wie es im Winter war?« sagte sie.

Ich begriff noch nicht, oder ich wollte nicht begreifen.

»Ich glaubte, dies sei vorüber,« sagte ich.

»Glaubst Du, daß etwas je vorüber sein kann?« war die Antwort. Und sie

fügte hinzu:

»Vielleicht kann das kleine Wesen, das kommt, das thun, was nichts

anderes kann.«

An dieses kurze Gespräch dachte ich oft, und ich suchte vergebens, es

mit dem ungetrübten Glück in Einklang zu bringen, das wir in dem Sommer,

der vergangen war, genossen hatten. War es möglich, daß meine Frau in

dem Sonnenschein des Glücks, der ihrem ganzen Wesen die Färbung gab, den

Keim zu einem Unglück verbarg, das sich über unser ganzes Leben senken

sollte? War das möglich? Lebte sie zwei Leben? Konnte sie mitten im

Sonnenschein leben und zugleich fühlen, daß die Nacht nahe war? Oder

gehörte die Ahnung der Furcht, die sie jetzt zeigte, bloß jener Art von

Phantasie an, die eine Folge ihres Zustandes war?

Ich versuchte mich mit der letzteren Alternative zu beruhigen, aber es

wollte mir nicht recht gelingen: und mehr und mehr begann ich, das ganze

Leben meiner Frau in einem neuen und anderen Lichte zu sehen, demselben,

das sie schließlich ganz einhüllen sollte.

Ich kann das ganz neue Gefühl der Zärtlichkeit nicht beschreiben, das

durch diese Gedanken, die ich nicht einmal in Worte zu kleiden vermag,

in mir erwachte. Und ich wagte kaum das, was ich vor meinen Augen sah,

zu glauben, als alles glücklich verlief und meine Frau nach schwerem

Kampfe sich langsam zu erholen begann, nachdem sie einem zarten Wesen

das Leben geschenkt, zu dem sie von allem Anfang an Worte sprach, die

kein Anderer hören durfte.

Aber das Mädchen kam nie. Anstatt ihrer war ein Knabe gekommen, der den

Namen Sven erhielt.

Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe · 第 3 / 21 题