Einleitung

Es war einmal ein Schriftsteller, der glücklich mit seiner Frau und

seinen drei Kindern lebte. Er war so glücklich, daß er es selbst nicht

begriff, und in all diesem schrieb er viele Bücher von dem Unglück der

Menschen.

Es war nicht die Liebe, in der sein höchstes Glück lag; auch bestand es

nicht in der Vaterfreude, die er naiv als eine so natürliche Sache nahm,

als könnten Eltern nie etwas anderes als Freude an ihren Kindern

erleben; auch darin lag es nicht, daß der seltene Vogel, den man

ungebrochene Jugend nennt, noch nach vieljähriger Ehe in seinem Hause in

sicherem Neste saß. Sein höchstes Glück bestand darin, daß ihm niemals

etwas Böses begegnet oder bekannt geworden war, das er nicht durch seine

Kraft und Gesundheit überwinden zu können glaubte. Die Unglücksfälle,

die aufzutauchen drohten, waren wie vorübergehende Wolken vom Horizonte

verschwunden und hatten seinen Himmel nur noch reiner und freier

gelassen. Wenigstens glaubte er so, und dieser Glaube war die

Wirklichkeit, in der er lebte. Die Armut, gegen die er einen

ununterbrochenen Kampf geführt, hatte er doch stets im Abstand zu halten

vermocht. Es gab bloß _einen_ Feind, mit dem er niemals seine Kräfte

gemessen, und dieser Feind war der Tod. Vielleicht war es nicht das

geringste Glück dieses Mannes zu nennen, daß er lange niemals ernstlich

gefürchtet hatte, der Tod könnte ihn selbst oder die, die ihm am

nächsten standen, treffen.

In diesem Gefühl der Fülle des Daseins schrieb dieser Schriftsteller ein

sommerhelles Buch, das von seinen eigenen zwei großen Jungen handelte,

ihren Spielen und Vergnügungen, ihren Abenteuern und Mißgeschicken. Das

Buch ward ein heiteres Spiel für ihn selbst, und wenn ich jetzt an diese

Zeit zurückdenke, glaube ich es kaum fassen zu können, daß dieser Mann,

von dem ich hier spreche, einmal ich selbst war.

Als das Buch gedruckt und geheftet und alles klipp und klar war, sodaß

es in die große weite Welt hinaus ziehen konnte, da nahm der Verfasser

ein paar Exemplare des im Hause ersehnten Buches mit heim. Er schrieb

Olofs Namen auf ein Buch und den Svantes auf ein anderes, und

überreichte den verewigten Söhnen feierlich jedem sein Exemplar.

Olof nahm sein Buch in Empfang, und Svante nahm das seinige. Von Olof,

der eine praktische Natur ist und nicht zum Litterarischen neigt, wird

behauptet, daß er sich bei dieser Gelegenheit zum ersten Male aus freien

Stücken hinsetzte, um in einem Buche zu lesen. Ich glaube beinahe, er

las drei ganze Kapitel. Svante hingegen las das ganze Buch in einem Zuge

von Anfang bis zu Ende. Dann griff er gewisse Kapitel heraus, die ihm

besonders gefielen, und las sie laut Jedem vor, der zuhören wollte. Es

herrschte mit einem Worte großer Jubel im ganzen Hause.

Damals lief jedoch noch ein kleines Kerlchen in den Zimmern herum. Das

war Olofs und Svantes kleines Brüderchen, und es hatte langes, lockiges

lichtblondes Haar und die größten blauen Augen, die ein kleiner Junge

nur haben konnte. Er hieß Sven und war erst zwei Jahre alt. Sprechen

konnte er nicht ganz. Aber verstehen konnte er.

Als Svante ihm nun laut vorgelesen hatte, fragte Mama:

»Von wem, glaubst Du, ist da die Rede?« Und da Sven nicht wußte, was er

sagen sollte, fuhr Mama fort:

»Ja, weißt Du, von den großen Brüdern, versteht Nenne das nicht?«

Sven wurde nämlich für den Alltag Nenne gerufen. Das hatte er selbst

erfunden, weil er kein S aussprechen konnte.

»Ja, aber die Brüder heißen doch nicht so, wie es im Buch steht,«

versuchte Nenne.

»Wie dumm Du bist,« sagte Olof, »so hat er uns eben genannt.«

Da verstand Sven, und mit Augen, die vor Ungeduld leuchteten, fragte er:

»Steht da nichts von Nenne drin?«

Papa war inzwischen hereingekommen, er hob den Kleinen bis zur Decke

empor, setzte ihn wieder nieder und sagte:

»Was sollte wohl von einem Knirpschen stehen, das so klein ist, daß es

noch nichts gethan hat?«

Aber Sven gab sich nicht zufrieden. Er führte seine großen blauen Augen

ins Treffen, so gut er nur konnte, er teilte mit seinem kleinen roten

Munde Küsse aus, er kämpfte mit allen Waffen, die ihm zu Gebote standen.

Er wollte ein Buch für sich haben.

»Ja, aber Nenne kann ja nicht lesen.«

Dieser Grund machte auf Nenne nicht den geringsten Eindruck. Er lief

durch die Zimmer aus und ein, und sein ganzes kleines lebendiges

Gesichtchen war vor Eifer rosenrot. Olof hatte ein Buch bekommen, und

Svante hatte ein Buch bekommen. Warum sollte Sven allein leer ausgehen?

Und da half nichts. Der Schriftsteller hatte kein anderes Exemplar bei

der Hand. Darum gab Mama ihres her, und nachdem ihr Name ordentlich

ausradiert worden war, schrieb Papa feierlich auf das Buch:

Dem kleinen Nenne

von Papa.

Und erst da war Sven zufrieden.

Das heißt, es sah aus, als wäre er zufrieden. Denn er erhob keine

weiteren Einwände. Er ging nur herum und las in seinem neuen Buch. Er

konnte von vorwärts und von rückwärts lesen, er hielt das Buch nach oben

und nach unten, und er las laut, so daß es im ganzen Hause wiederhallte.

Endlich setzte er sich für eine Weile allein hin und dachte nach. Und

dann ging es durch alle Zimmer, als könnte er gar nicht rasch genug ans

Ziel kommen. Sven lief direkt in Papas Stube, wo Papa am Schreibtisch

saß und qualmte. Da machte er sich so klein, daß er zwischen Papas Stuhl

und dem Tische durchkriechen konnte, und dann steckte er den Kopf durch

und versuchte Papa ins Gesicht zu sehen.

»Was giebt es, Sven?« fragte Papa, der es nicht liebte, gestört zu

werden.

Aber Sven gab sich nicht früher zufrieden, bis der Stuhl weggeschoben

wurde, so daß er heran kommen konnte. Dann stellte er sich zwischen

Papas Kniee, sah zu Papas Gesicht auf und sagte milde, aber bestimmt:

»Papa ein Buch _nur Nenne_ schreiben.«

»Was ist das?« fragte Papa.

»Papa ein Buch nur Nenne schreiben,« wiederholte der Kleine. Und diesmal

erhob er die Stimme.

Da begriff Papa.

Es hatte das kleine Brüderchen gegrämt, daß er nicht mit in dem Buche

hatte sein dürfen. So klein er war, hatte er seine Ansprüche an

Gerechtigkeit. So klein er war, fand er vielleicht, daß er ein ebenso

großes Recht an Papa hatte, wie die anderen Brüder, und so klein er war,

wußte er, daß, wo Papa, Mama und die Brüder waren, auch sein Platz sein

mußte. Er sah Papa mit großen, fragenden Augen an, und er war so eifrig,

als gälte es Leben oder Tod.

Papa nahm die Sache auch sehr ernst und antwortete:

»Ich verspreche Dir, daß ich einmal auch über Dich ein Buch schreiben

werde.«

»_Nur_ Nenne,« wiederholte das kleine Brüderchen, deutlich zeigend, daß

darin eben das Hauptgewicht lag.

»Nur Nenne,« sagte Papa ernst. Recht muß Recht bleiben.

Das kleine Brüderchen lief fort. Es verkündete die Neuigkeit bis in die

Küche, und seine Ehrenrettung war in diesem Augenblick vollkommen.

Das kleine Brüderchen verabsäumte es auch nicht, daran zu erinnern. Aber

ein Schriftsteller hat ja so viel zu schreiben. Er kann nicht jederzeit

dazu kommen, über ein kleines helllockiges Kerlchen zu schreiben, das in

der Welt nichts anderes ausgerichtet hat, als daß es kam und ging und

Allen Freude machte. Und in der Dichtung wie im Leben müssen die Kleinen

warten, weil die Großen sie nicht früher vorlassen wollen, bis die Reihe

an sie kommt.

Darum hat das kleine Brüderchen auf sein Buch warten müssen, bis zum

heutigen Tag. Jetzt bin ich selbst ein Anderer, und alles um mich ist

neu. Der Kleine wußte wohl nicht, um was er mich bat, ebensowenig wie

ich wußte, was ich versprach.

Aber ich höre eine Stimme, die mich zwingt, das, was ich versprach, zu

halten.

Das Buch vom Brüderchen: Roman einer Ehe · 第 2 / 21 题